Benutzer
Benutzername: 
YukBook
Wohnort: 
München

Bewertungen

Insgesamt 315 Bewertungen
Bewertung vom 12.11.2022
Leky, Mariana

Kummer aller Art


ausgezeichnet

Wie ist es möglich, dass mich ein Buch mit dem Titel „Kummer aller Art“ laufend zum Schmunzeln bringt? Dabei widmet sich Mariana Leky durchaus ernsten Themen wie Schlaflosigkeit, Konfliktängste, Liebeskummer und Neurosen. Sie geht ihnen aber auf so humorvolle und berührende Art auf den Grund, dass ich das Gefühl hatte, eine gute Freundin weiht mich in ihre Alltagsnöte und Suche nach Lebensweisheiten ein.

Nicht nur die Erzählerin selbst, auch eine Reihe von Nebenfiguren wie Nachbarn, Verwandte oder flüchtige Zugbekanntschaften werden durch ihr Verhalten bestens charakterisiert. Die durch und durch cremeweiße Praxis ihrer Kusine hatte ich ebenso plastisch vor Augen wie die Ratlosigkeit angesichts eines plötzlich verschwundenen Briefkastens oder die Mahnungen, die von der Decke herunterflattern und der Autorin den Schlaf rauben. Sie blickt mal melancholisch, mal liebevoll auf typisch menschliche Macken und aktuelle Trends wie Entspannungstechniken. Ihre ausgefeilte Sprache und überraschenden Bilder gefielen mir so gut, dass ich mir gleich ihr viel gepriesenes Buch "Was man von hier aus sieht" besorgt habe.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 01.11.2022
Koschyk, Heike

Das Vermächtnis der Familie Lagerfeld / Das Glück unserer Zeit Bd.2


ausgezeichnet

Obwohl es schon ein halbes Jahr her ist, dass ich den ersten Band gelesen habe, fand ich mich schnell in die Fortsetzung hinein. Noch immer schreckt Otto Lagerfeld, Direktor der Glücksklee Milchwerke, vor tollkühnen Ideen nicht zurück und sucht angesichts der steigenden Zollbelastung Investoren für eine eigene Fabrik. Als wenn er nicht schon genug Sorgen hätte, erschweren ihm die Forderungen der amerikanischen Zentrale und die Machtergreifung der Nationalsozialisten zunehmend das Geschäft. Beruflich völlig ausgelastet, lässt er nichts unversucht, seine Familie und Geschwister, die sich in alle Himmelsrichtungen verstreut haben, zusammenzuhalten.

Manchmal erschien mir Ottos Verhalten schon fast zu ehrenhaft und makellos – was man von seiner zweiten Ehefrau Elisabeth, die in dieser Geschichte viel Raum einnimmt, keineswegs behaupten kann. Sie verhält sich so egoistisch und undankbar, dass ich sie am liebsten geschüttelt hätte. Andererseits konnte ich ihre Sehnsucht nach einer Karriere in der Modebranche, schöngeistiger Kultur und einem mondänen Leben verstehen.

Für mich war dieser Roman wieder eine perfekte Mischung aus Biografie, Familien- und Zeitgeschichte. Die Expansion der Glücksklee Milchwerke in Deutschland unter Ottos Führung habe ich ebenso gern verfolgt wie den Alltag seiner so unterschiedlichen Familienmitglieder und die Anfänge seines Sohnes Karl als Modezeichner.

Bewertung vom 20.10.2022
Schneider, Peter

Vivaldi und seine Töchter


ausgezeichnet

Antonio Vivaldi habe ich bisher nur mit seinem bekanntesten Violinkonzert „Die Vier Jahreszeiten“ in Verbindung gebracht. Dabei war der rothaarige Priester, Komponist und Violinist unglaublich produktiv, wie man in diesem Buch nachlesen kann. Der Antrieb war allerdings nicht nur seine Kreativität, sondern auch der permanente Druck, seine Eltern und Geschwister zu ernähren.

Die Lektüre macht viel Freude, denn der Autor präsentiert Vivaldis Lebensstationen in lebhaften, stimmungsvollen Szenen, verwoben mit persönlichen Kommentaren und Spekulationen. Mal wohnen wir einer Konzertprobe im Ospedale della Pietà, einem Mädchenwaisenhaus in Venedig, bei, wo Vivaldi als musikalischer Leiter das erste Frauenorchester Europas gründete; mal begleiten wir ihn nach Mantua, wo er als Hofkapellmeister tätig war, später auf seine zahlreichen Konzertreisen mit seiner jungen Schülerin und bevorzugten Sängerin Anna Girò, was die Gerüchteküche brodeln ließ.

Ich habe in dieser Romanbiografie nicht nur viel über Vivaldis Charakter, seine Geschäftstüchtigkeit und seinen Konflikt zwischen dem Priesteramt und dem musikalischen Schaffen erfahren, sondern auch über die Opernszene in Venedig und die Abhängigkeit der Künstler vom Wohlwollen des gnadenlosen Publikums.

Bewertung vom 04.10.2022
Bossart, Yves

Trotzdem lachen


ausgezeichnet

Lachen ist etwas so Spontanes, dass ich mir bisher wenig Gedanken darüber gemacht habe. Umso erhellender fand ich dieses Buch von Yves Bossart. Er führt uns auf unterhaltsame Weise zu den Ursprüngen des Humors, erläutert, warum Komik eine spielerische Form der Grenzüberschreitung ist und was uns zum Lachen bringt.

Bisher wusste ich gar nicht, dass es eine Wissenschaft gibt, die sich mit den Auswirkungen des Lachens beschäftigt, genannt „Gelotologie“. Dabei scheinen sich die Humorforscher nicht ganz einig zu sein: Lachen wir über einen Witz, weil wir eine eigene Überlegenheit fühlen oder ist es eine Reaktion auf Widersprüche und Ungereimtheiten? Den Ausdruck „Geistiges Stolpern“ fand ich sehr zutreffend. Der Autor erläutert vier Erklärungsansätze anhand vieler Beispiele, so dass man begreift, was das Lachen auslöst. Sein Verdienst liegt vor allem darin, komplizierte Zitate von Philosophen wie Helmuth Plessner oder Joachim Ritter verständlich zu machen und sich mit viel Feingefühl an das Thema heranzutasten.

Angesichts der aktuellen politischen Lage könnte uns das Lachen wahrlich vergehen. Die Fallstricke der Sozialen Medien und Diskussionen um Political Correctness fordern außerdem mehr denn je einen sensiblen Umgang mit ethischen Grenzen der Komik. Umso wichtiger finde ich die Botschaft, die Yves Bossard in seinem kleinen, aber feinen Buch vermittelt: dass Humor nicht nur die Kunst ist, mit Ambivalenzen des Lebens umzugehen, sondern auch das Potenzial hat, Aufklärung, Toleranz und Kreativität zu fördern.

Bewertung vom 01.10.2022
Heidenreich, Elke

Ihr glücklichen Augen


ausgezeichnet

„Ihr glücklichen Augen“ – diesem Titel kann ich nur zustimmen. Was diese Augen auf zahlreichen Reisen alles gesehen haben! Und wie schön, dass Elke Heidenreich ihre Erlebnisse – mal humorvoll, mal melancholisch – mit uns teilt.

Sie lässt sich von keinem Reiseführer oder bestimmten Erwartungen leiten, sehr wohl aber von ihren persönlichen Vorlieben. So erfuhr ich eine ganze Menge über Opernhäuser und Aufführungen zum Beispiel in Oslo, Siena oder Riga und dem Geheimtipp Bologna. Kaum verwunderlich ist, dass sie sich den Orten auch über literarische Werke nähert, sei es von Herodot, Shakespeare oder Flaubert. Besonders auf den Dichter Dylan Thomas und seine Heimatstadt Swansea in Wales hat sie mich neugierig gemacht.

So unterschiedlich wie die Reiseziele sind auch ihre Emotionen. Auf der Südinsel Neuseelands ist sie überwältigt von der Tierwelt und der Schönheit der Natur, in Sankt Petersburg abgestoßen von der kalten Pracht der Palastfronten, in Shanghai verständnislos gegenüber der Schnelligkeit, Atemlosigkeit und Umweltverschmutzung.

In Städten wie Pesaro und auf Inseln wie Clare Island ist sie aber einfach nur glücklich und dankbar, das Leben genießen und die Verbundenheit mit Menschen und Orten spüren zu können, die die Grenzen von Raum und Zeit überwindet. Für mich war es eine große Freude, ihre Eindrücke, Begegnungen und Abenteuer – von ihr persönlich gelesen – miterleben zu dürfen.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 23.09.2022
Andrews, Kerri

Frauen, die wandern, sind nie allein


ausgezeichnet

Kerri Andrews, selbst passionierte Wanderin, hat sich auf die Spuren von zehn bedeutenden Denkerinnen aus den letzten drei Jahrhunderten begeben. Für sie war es längst überfällig, sich mit der Geschichte der weiblichen Wanderlust zu beschäftigen, die im Gegensatz zu männlichen Streifzügen bisher kaum Beachtung fand.

Das kann ich nur bestätigen, denn von den vorgestellten Protagonistinnen kannte ich nur drei. In den Kurzporträts gibt uns die Autorin anhand von Textpassagen aus Tagebüchern und Briefen die Möglichkeit, Wanderinnen wie Elizabeth Carter, Dorothy Wordsworth oder Virginia Woolf auf ihren langen Strecken zu begleiten und in verschiedenste Landschaften, zum Beispiel vom Lake District, von Kent oder Paris, einzutauchen. Sie lässt uns an ihren euphorischen Gefühlen teilhaben und nachempfinden, welche Wechselwirkung das Zufußgehen mit ihrer Befreiung aus gesellschaftlichen Konventionen, mit ihrem Denken, Schreiben und Selbstverständnis hatte.

Indem Kerri Andrews einige Wege selbst erkundet und ihre Erfahrungen mit uns teilt, bringt sie eine persönliche Note hinein. Ob Flaneuse, Bergwanderin oder Solo-Wildnis-Trekkerin – ich fand es sehr spannend und lehrreich, mit ihnen unterwegs zu sein. So unterschiedlich ihre individuellen Lebensumstände auch waren – die essentielle Bedeutung des Wanderns für sie und Erfahrungen wie ein wachsendes Selbstvertrauen verbinden die Frauen und haben sich über die Jahrhunderte hinweg bis heute gehalten.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 20.09.2022
Pook, Lizzie

Moonlight und die Tochter des Perlenfischers


sehr gut

“Nie zuvor hat Eliza ein Land gesehen, das so sehr Blut ähnelte.” So beginnt dieser Roman und ist bezeichnend für die Geschichte, die in Bannin Bay an der Nordwestküste Australiens spielt. Dort boomt die Perlenfischerei, die Familien wie die Brightwells anlockt und ihnen Reichtümer verspricht, jedoch auch ihren Tribut fordert.

Eines Tages kehrt das Boot von Vater Charles, der sich zum erfolgreichsten Perlenfischer der Küste hochgearbeitet hat, ohne ihn zurück. Tochter Eliza ist überzeugt, dass er noch lebt und macht sich in Begleitung eines deutschen Abenteurers auf die Suche nach ihm. Dass sich diese Handlung mit Charles' Tagebucheinträgen abwechselt, die Eliza bei der Suche einige Anhaltspunkte liefern, fand ich dramaturgisch gelungen.

Spannender als dieser Plot war für mich jedoch der historische Rahmen, den die Journalistin Lizzie Pook detailliert recherchiert hat. Ich erfuhr, welche fatalen Auswirkungen die florierende Perlenmuschelindustrie im 19. Jahrhundert während der britischen Kolonialherrschaft in Australien auf die indigenen Völker hatte. Ihre Ausbeutung und Enteignung, der Sklavenhandel, die Polizeibrutalität sowie die Gefahren, denen sich die Perlentaucher aussetzten, gingen mir sehr nahe. In schöner Prosa bringt uns die Autorin sowohl die Schönheit als auch Unbarmherzigkeit des Landes näher.

Bewertung vom 14.09.2022
Ferencik, Erica

Ein Lied vom Ende der Welt


ausgezeichnet

Ein unglaublicher Fund bringt die Geschichte ins Rollen. Ein in der Arktis eingefrorenes Mädchen wurde aus dem Eis befreit und hat überlebt. Das Problem: Sie spricht eine unbekannte Sprache, was die Linguistin Valerie Chesterfield auf den Plan ruft. Die Expertin für altnordische Sprachen reist zunächst widerwillig auf die Insel Tarrarmiut vor der Nordwestküste Grönlands – nicht ganz ohne Hintergedanken. Sie erhofft sich, die Wahrheit über ihren Bruder herauszufinden, der in dieser Forschungsstation ums Leben kam.

Meine Neugier, woher das Mädchen, das auf den Namen Naaja hört, stammt und wie es überleben konnte, trieb mich rasant durch die Geschichte. Valeries Versuche, Naajas Vertrauen zu gewinnen und sich mit ihr zu verständigen, die allmähliche Annäherung und ihr Mitgefühl, obwohl sie selbst genügend Probleme mit sich schleppt, beschreibt die Autorin packend und mit großem Einfühlungsvermögen. Auch die eigenwilligen Forschungskollegen vor Ort und was sie im Leben antreibt, werden glaubhaft dargestellt.

In bildgewaltiger Sprache entführt uns Erica Ferencik in diesem actionreichen Thriller sowohl in die faszinierende Landschaft der Arktis als auch in die klaustrophobische Atmosphäre und unwirtlichen Lebensbedingungen in einer Forschungsstation.

Bewertung vom 05.09.2022
Washburn, Kawai Strong

Haie in Zeiten von Erlösern


ausgezeichnet

In diesem Roman spielt der Schauplatz Hawaii eine genauso tragende Rolle wie die Figuren. In Kalihi, einem Stadtteil von Honolulu, lebt die fünfköpfige Familie Flores und kommt finanziell kaum über die Runden. Rettung erhoffen sie sich von Sohn Nainoa, der offensichtlich über heilende Kräfte verfügt. Die besondere Gabe entpuppt sich jedoch im Laufe der Handlung als Segen und Fluch zugleich.

Der Autor wechselt mehrmals die Erzählperspektive und gibt den Familienmitgliedern eine eigene Stimme und charakteristische Sprache, so dass man die schwierigen Beziehungen untereinander immer besser begreift. Ich konnte mich vor allem in die Geschwister Dean und Kaui hinein fühlen, die darunter leiden, im Schatten des Wunderknaben zu stehen, selbst als sie schon längst die Heimat verlassen haben, um ihre eigenen Wege zu gehen.

Was die tiefe Verwurzelung und die Sehnsucht nach ihrer Heimat mit den drei Kindern macht, erzählt Kawai Strong Washburn in einprägsamen Bildern voller Magie und Demut vor der Umwelt. Es gelingt ihm sehr gut, die Zerrissenheit der Insel zwischen Tradition und Moderne anhand einer exemplarischen Familie zu vermitteln. Die beschriebenen hawaiianischen Mythen und Legenden in Kontrast zum fortschreitenden Raubbau und der Armut haben mir das beliebte Touristenziel aus einem völlig neuen Blickwinkel gezeigt.

Bewertung vom 01.09.2022
Garmus, Bonnie

Eine Frage der Chemie


ausgezeichnet

Für Chemie konnte ich mich in der Schule nur wenig begeistern, doch das liegt sicher daran, dass es keine Kochshow wie „Essen um sechs“ gab. Darum dreht sich dieser Roman – oder besser gesagt um den Star der Serie Elizabeth Zott. Die begabte Chemikerin und alleinerziehende Mutter will – sehr zum Verdruss des TV-Produzenten – die Essenszubereitung wissenschaftlich erklären, den Wissensdurst bei ihren Zuschauerinnen wecken und sie für eine Welt jenseits von Heim und Herd öffnen. Nachdem ihr die Karriere als Forscherin von ihren männlichen Kollegen verbaut wurde, ist dies die einzige Möglichkeit, ihre Liebe zur Chemie auszuleben und ihre Familie zu ernähren.

Ich musste oft schmunzeln über diese originelle Heldin, die praktische Aufgaben wissenschaftlich anpackt und alles durch die Brille einer Chemikerin erlebt, sogar die Liebe ihres Lebens. Doch gerade diese Identität wird ihr in einer Zeit, in der Wissenschaftlerinnen ausgegrenzt werden, abgesprochen. Darin liegt die Tragik ihrer Geschichte, die die Autorin mit viel Biss und Ironie und aus vielfältigen Perspektiven erzählt. Inmitten vieler emanzipierter Frauenfiguren wird mir die eigensinnige und furchtlose Fernsehköchin noch lange in Erinnerung bleiben.

1 von 2 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.