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Lu
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Hamburg

Bewertungen

Insgesamt 265 Bewertungen
Bewertung vom 18.01.2026
Raschke, Marc

Demokratie am Limit?


sehr gut

In „Demokratie am Limit?“ analysiert Marc Raschke die politische Gegenwart in Deutschland und widerspricht der verbreiteten Annahme, dass die größte Gefahr für die Demokratie ausschließlich von der AfD ausgehe. Stattdessen zeigt er, wie sich rechte Narrative vor allem in der CDU etabliert haben und wie dies den Aufstieg der AfD befördert.

Die Sprache und Argumentation von Raschke sind zugespitzt und gut verständlich. Er belegt alle Argumente mit Zahlen und Daten und entkräftet typische Rechtfertigungen für den Rechtsruck der Union. Dadurch eignet sich das Buch auch als hilfreiche Grundlage für Diskussionen im privaten Umfeld, etwa im Umgang mit gängigen Stammtischparolen. Für mich persönlich war als politisch informierte Leserin und vor allem auch Followerin von Raschkes Instagram-Account in dem schmalen Buch inhaltlich wenig grundsätzlich Neues enthalten. Dennoch fand ich es sinnvoll, die Entwicklung der CDU nach rechts so konzentriert und zusammenhängend dargestellt zu sehen. Neu und anregend war für mich vor allem, nationalistisch-rassistische Akteure innerhalb der CDU wie Jens Spahn oder Julia Klöckner konsequent als rechtsradikal (nicht rechtsextrem!) zu benennen. Diese begriffliche Klarheit hatte ich so selbst noch nicht zu Ende gedacht. Positiv ist außerdem, dass das Buch nicht bei der Analyse bleiben, sondern auch Handlungsmöglichkeiten aufzeigen will - diese bleiben für mich, wie in fast allen dieser Bücher, jedoch unzureichend.

Bewertung vom 17.01.2026
Bieker, Chelsea

Madwoman


sehr gut

„Madwoman“ ist ein intensiver, wilder und überdrehter Roman, der zwischen schonungsloser Ehrlichkeit, schwarzem Humor und der Lust an Übertreibung pendelt. Die Lektüre war ein wilder Ritt!

Im Mittelpunkt steht Clove, die nach außen hin ein perfektes Vorstadtleben führt: Yoga, Achtsamkeitund die jeweils passenden Nahrungsergänzungsmittel bestimmen ihren Alltag als Vorzeigemutter. Hinter dieser makellosen Fassade fühlt sie sich jedoch permanent überfordert. Ihre eigene Kindheit war von häuslicher Gewalt geprägt, was sie durch Verdrängung und Schweigen versucht hat, hinter sich zu lassen..
Als Clove unerwartet Briefe aus einem Frauengefängnis erhält, beginnt ihre sorgfältig kontrollierte Gegenwart zu bröckeln.

Besonders überzeugt haben mich Cloves Schilderungen von Mutterschaft: oft auch witzig, sehr authentisch und immer wieder bewusst überzeichnet. Diese Passagen geben dem Roman Leichtigkeit, ohne seine Ernsthaftigkeit zu untergraben. Die Übersetzung von Jasmin Humbug ist dabei sehr gelungen und trägt sicher wesentlich zum flüssigen Leseerlebnis bei. Die Rückblenden in Cloves Kindheit, insbesondere die Episoden mit dem gewalttätigen Vater, waren für mich allerdings stellenweise zu lang bzw.. wiederholten sich. Aufgrund der drastischen Schilderungen ließ sich der Roman für mich auch nicht am Stück lesen. Madwoman ist damit insgesamt für mich ein fordernder, aber lohnender Roman über Trauma und Mutterschaft.

Bewertung vom 17.01.2026
Rabinowich, Julya

Mo & Moritz


sehr gut

In „Mo & Moritz“ erzählt Julya Rabinowich eine Geschichte über Identität, die erste Liebe und den Mut, zu sich selbst zu stehen.

Mo stammt aus einer muslimischen Familie, die vor Krieg nach Österreich geflohen ist, und beginnt eine Friseurlehre in einem Wiener Nobelsalon. Als er sich in Moritz, einen Jungen aus einer jüdischen Familie, verliebt, beginnt er, sein bisheriges Leben zu hinterfragen.

Wie in ihren anderen Romanen mochte ich auch in diesem Julya Rabinowichs poetische Sprache und ihre ungewöhnlichen Sprachbilder. Die Grundidee der Liebesgeschichte zwischen den zwei Jungen in Wien fand ich ebenfalls überzeugend. Gleichzeitig blieb für mich Moritz’ jüdische Identität zu wenig ausgearbeitet und teilweise klischeehaft an der Oberfläche. Hier hätte der Roman mehr Tiefe vertragen. Die zentrale Botschaft des Buches, ehrlich zu sich selbst zu sein und den eigenen Weg zu gehen, hat mich aber wieder überzeugt. Auch wenn das Ende sehr positiv und dadurch etwas unwahrscheinlich wirkt, konnte ich es im Kontext der Gesamtaussage des Romans gut akzeptieren.

Bewertung vom 15.01.2026
Khong, Rachel

Real Americans


ausgezeichnet

„Real Americans“ ist ein umfangreicher und zugleich sehr zugänglicher amerikanischer Roman über Herkunft, Zugehörigkeit und die Frage, wie sehr unser Leben von unserer Biografie bestimmt wird.

Die Geschichte beginnt in New York: Lily Chen, Tochter chinesischer Einwanderer, verliebt sich in Matthew, den privilegierten weißen Erben eines Pharmaimperiums. Jahre später lebt Lilys Sohn Nick mit ihr zurückgezogen auf einer Insel. Er spürt, dass in seiner Familiengeschichte etwas nicht stimmt, und beginnt, nach seinem Vater zu suchen. Seine Suche führt ihn zu Geheimnissen, die weitreichende Folgen haben – nicht nur für ihn selbst. Ergänzt wird die Geschichte durch die Perspektive von Lilys Mutter May, die während der Kulturrevolution aus China in die USA fliehen musste.

Mich hat der Roman von Anfang an gepackt. Besonders gelungen ist, wie Rachel Khong die verschiedenen Generationen und ihre Erfahrungen miteinander verknüpft. Alle Figuren stehen auf unterschiedliche Weise zwischen Welten. Besonders spannend fand ich die Darstellung von Klassenunterschieden und Machtverhältnissen, die sich durch alle Ebenen der Geschichte ziehen. Der Roman stellt immer wieder die zentrale Frage: Wie viel von uns ist Schicksal, und wie viel ist Entscheidung?

Stilistisch liest sich Real Americans ausgesprochen flüssig. Auch die Übersetzung von Tobias Schnettler trägt dazu bei, dass die mehr als 500 Seiten schnell vergehen. Inhaltlich bietet der Roman vieles von dem, was ich an großen Gesellschaftsromanen mag: eine komplexe amerikanische Familiengeschichte, Verrat und Geheimnisse, sowie Einblicke in die Welt der Reichen und Schönen. Für mich ist der Roman insgesamt ein sehr gelungener moderner amerikanischer Gesellschaftsroman!

Bewertung vom 11.01.2026
Schröder, Alena

Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel (MP3-Download)


sehr gut

In *Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel* erzählt Alena Schröder eine Geschichte über Herkunft, Verantwortung und die Frage, was man seinen Eltern, ob leiblich oder adoptiert, schuldet.

Der Roman entfaltet sich auf zwei Zeitebenen: Die 14-jährige Marlen versteckt sich 1945 in Güstrow in einem verlassenen Forsthaus und trifft auf Malerin Wilma, die Marlen vor den russischen Soldaten schützt und für die nächsten Jahrzehnte bei sich aufnimmt. Hannah Borowski, 34, steht an einem Wendepunkt: Ihr leiblicher Vater taucht plötzlich wieder auf, und sie stellt ihr bisheriges Leben infrage.

Der Erzählstil ist flüssig und sehr gut lesbar, der Roman liest sich angenehm schnell und unterhaltsam. Manches bleibt zwar etwas klischeehaft, z.B. der typische Berliner Hipster Justus mit Manbun und Podcast oder die Freundin im alternativen Wohnprojekt mit anstrengenden Plenumstreffen, aber ich fand diese Ideen dennoch lustig. Die Erzählung um Marlen und Wilma war für mich stellenweise etwas zäh, auch wenn sie inhaltlich wichtige emotionale Grundlagen für die Gegenwartsebene schafft. Trotzdem habe ich die Gegenwartsebene lieber gelesen.

Insgesamt tragen beide Geschichten, berühren und bleiben im Kopf. Auch ohne Kenntnis der ersten beiden Bände der Trilogie konnte ich dem Roman problemlos folgen und habe nun große Lust, die Vorgänger ebenfalls zu lesen.

Bewertung vom 08.01.2026
Rowell, Rainbow

Slow Dance


ausgezeichnet

„Slow Dance* ist war für mich die perfekte Romcom und ich wundere mich, dass das Buch nicht bekannter ist. Die Geschichte von Shiloh und Cary, die in der Highschool unzertrennlich waren und sich nach vierzehn Jahren Funkstille plötzlich wieder gegenüberstehen, lebt von den sympathischen, komplex gezeichneten Charakteren, die deshalb auch ohne Klischees auskommen.

Shiloh heiratet nach dem College und bekommt Kinder, nach ihrer Scheidung muss sie mit zwei kleinen Kindern zurück zu ihrer Mutter ziehen. Auch Cary tritt nicht als idealisierter Romcom-Held auf, sondern als Mensch mit Vergangenheit, Unsicherheiten und unerledigten Gefühlen. Was mir besonders gefallen hat: Die Anziehung zwischen den beiden entwickelt sich ruhig, aber konstant – ohne aufgesetztes Drama, dafür authentisch und glaubhaft beschrieben.

Neben den romantischen Momenten gibt es viele witzige, geistreiche und zeitgeistige Passagen, die dem Roman Leichtigkeit verleihen. Gerade diese Balance aus Herz, Humor und einfach guter Unterhaltung macht *Slow Dance* für mich zur perfekten Romcom. Die Frage „Kriegen sie sich endlich?“ trägt einen durch das ganze Buch, ohne je ermüdend zu werden. Für mich ist dieser Roman ein echter Geheimtipp: warmherzig, unterhaltsam und überraschend tiefgründig – und ich wundere mich wirklich, dass er nicht viel bekannter ist.

Bewertung vom 05.01.2026
Borison, B. K.

Good Spirits


weniger gut

Die Grundidee von Good Spirits fand ich großartig: eine moderne, romantische Variante von Dickens’ Weihnachtslied, erzählt aus der Perspektive eines Geistes der vergangenen Weihnacht und der Frau, die er heimsucht. Weil ich Dickens’ Original sehr mag, waren meine Erwartungen vielleicht auch entsprechend hoch. Leider konnte der Roman diese nicht erfüllen.

Nolan Callahan, Geist der vergangenen Weihnacht, und Harriet York, eine durch und durch pflichtbewusste, empathische junge Frau, sollen das Traumpaar im Zentrum des Romans spielen. Doch genau hier liegt für mich das größte Problem: Zwischen den beiden Protagonisten entsteht keinerlei glaubwürdige Chemie. Anziehung, Nähe und emotionale Verbindung wirken konstruiert statt organisch, sodass die Liebesgeschichte mich zu keinem Zeitpunkt wirklich erreicht hat.

Auch die Figurenkonstellation selbst empfand ich als sehr vorhersehbar und inzwischen ermüdend: der verschlossene, innerlich verletzte Mann mit harter Schale trifft auf die unsichere, chaotische, aber warmherzige junge Frau, die ihn „retten“ soll. Dieses Muster habe ich einfach zu oft gelesen, und hier wird es kaum variiert oder vertieft. Zwar entfaltet die Handlung stellenweise eine angenehme weihnachtliche Atmosphäre, und die Idee, die Vergangenheit der beiden Stück für Stück aufzudecken, hätte durchaus Potenzial gehabt. Doch weder die emotionalen Konflikte noch die romantische Entwicklung wirkten für mich überzeugend genug, um darüber hinwegzusehen. Wer klassische Weihnachtsromanzen mit vertrauten Rollenbildern mag, wird hier vielleicht fündig – mich konnte der Roman leider nicht überzeugen.

Bewertung vom 18.12.2025
Schirach, Ferdinand von

Alexander


ausgezeichnet

Wie können Menschen friedlich zusammenleben? Und was braucht es, damit Macht nicht missbraucht wird? Mit „Alexander“ versucht sich Ferdinand von Schirach an einem Kinderbuch über gerechte Gesetze. Im Mittelpunkt steht der Junge Alexander aus der antiken Stadt Kaliste. Nachdem seine Heimat eine Tyrannei überstanden hat, soll er als unvoreingenommenes Kind gerechte Gesetze finden. Er bricht auf eine Reise auf, sammelt Ideen für gängige Grundrechte und diskutiert sie mit Bürger:innen.

Mir hat die Machart der Geschichte gefallen: In einfachen, klaren Sätzen erzählt Schirach eine märchenhafte Geschichte, die dennoch anspruchsvolle Gedanken transportiert. Das Buch versucht demokratische Prinzipien nicht belehrend, sondern über Gespräche, Bilder und Fragen, die zum Weiterdenken anregen, zu erklären, auch wenn es insgesamt trotzdem etwas moralisierend wirken könnte. Gerade deshalb eignet sich „Alexander“ aus meiner Sicht sehr gut zum Vorlesen. In (Klein-)Gruppen oder im Familienkontext können sich gut Gespräche an die einzelnen Kapitel anschließen, sodass die unterschiedlichen Perspektiven und Ideen mit Leben gefüllt und diskutiert werden können. Außerdem können so einzelne Wörter noch einmal geklärt werden.

Auch die gesamte Gestaltung des Buchs mit Zeichnungen des Autors wirkt wertig und durchdacht. Eine schöne Ergänzung für das Bücherregal aller Menschen, die mit Kindern arbeiten!

Bewertung vom 16.12.2025
Alvarenga, Daniel

Ruf der Leere


sehr gut

„Ruf der Leere“ beginnt als scheinbar harmloses Wochenende unter Freunden in einer einsamen Hütte und entwickelt sich schnell zu einem psychologischen Kammerspiel mit düsterem Einschlag. Felix freut sich seit Wochen auf die Auszeit in einer abgelegenen Waldhütte mit Ben und Laura, weshalb er skeptisch ist, als weitere Gäste unangekündigt dazustoßen, u.a. Lauras Freund. Schon zu Beginn liegt eine spürbare Spannung über der Gruppe, die sich schlagartig entlädt, als ein alter Mann vor der Tür erscheint und sich als der Tod vorstellt.

Diese Gegenwart wird immer wieder durch Rückblicke auf Felix’ und Lauras gemeinsame Studienzeit unterbrochen. Diese Passagen hatten aus meiner Sicht eine unerwartete, düstere Coming-of-Age-Komponente und sorgen dafür, dass die Figuren und die Konflikte untereinander deutlich werden. Parallel zur Handlung in der Hütte gibt es auch noch Felix‘ Vater zu Hause, der beginnt, sich um seinen Sohn zu sorgen, wobei es sich nur um relativ kurze Einschübe handelt.

Der Roman ist insgesamt flüssig geschrieben, kurzweilig und gut zu lesen. Nicht alle Zusammenhänge wirkten auf mich bis ins Detail durchdacht, etwa manche Motivationen der Figuren, die sich nicht immer ganz erschließen, was sich jedoch am Ende durchaus erklärt. Dennoch trägt das zentrale Gedankenexperiment den Roman: Die Frage, was in der Hütte eigentlich los ist und wer in Gefahr ist, entfaltet durchaus eine Sogwirkung, die bis zum Ende anhält. Eine Empfehlung für alle, die gern düstere Stoffe mit gedanklichem Nachhall lesen.

Bewertung vom 15.12.2025
Hilderbrand, Elin;Cunningham, Shelby

The Academy


ausgezeichnet

„The Academy“ erinnert an einen klassischen Highschool-Film in Buchform, der genau das liefert, was man von diesem Genre erwartet – und das überraschend souverän. Über ein Schuljahr hinweg begleitet man die Bewohner:innen eines exklusiven Internats, der Tiffin Academy, und taucht ein in eine Welt aus Glamour, Konkurrenz und gut gehüteten Geheimnissen wie Affären, Essstörungen, Machtmissbrauch.

Die App, die all dieses nach und nach in der Schulöffentlichkeit aufdeckt, steht aus meiner Sicht weniger im Zentrum, als man zunächst erwarten könnte. Große Teile des Romans widmen sich stattdessen den einzelnen Figuren, ihren Hintergrundgeschichten und Beziehungen. Das Erzählen ist episodisch angelegt, fast wie eine Serie, die von Perspektive zu Perspektive springt. Mich hat das erstaunlich gut unterhalten: Die vielen kleinen Geschichten fügen sich nach und nach zu einem stimmigen Gesamtbild des Internatslebens zusammen.

Außerdem hat das auch gut als Hörbuch funktioniert. Die Lesung ist flüssig, lebendig und hält das Tempo hoch, sodass schnell das Gefühl entsteht, einen gut gemachten Highschool-Film zu hören. Anspruchsvoll ist die Handlung dabei eher nicht, aber das will sie auch gar nicht sein. Stattdessen bietet „The Academy“ kurzweilige Unterhaltung mit Intrigen, Teenagerdrama und Internatsatmosphäre. Ein nettes Extra waren für mich die beiläufigen Referenzen auf andere bekannte Romane wie „Demon Copperhead“ oder „Real Americans“, die dem Text eine kleine literarische Spielerei hinzufügen.