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robertp
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Guntramsdorf

Bewertungen

Insgesamt 54 Bewertungen
Bewertung vom 30.12.2025
Herron, Mick

Down Cemetery Road


sehr gut

Aufräumen
Sarah und Mark Tucker leben in Oxford. Die Ehe entspricht dem Klischee Mann bringt Geld nach Hause, Frau versucht sich in verschiedenen (ehrenamtlichen) Berufen und kehrt immer wieder an den Küchenherd zurück.
Als in unmittelbarer Nähe eine Explosion ein Haus vernichtet und nur ein Kind, Dinah, überlebt beginnt Sarah nachzuforschen. Im Spital wird angedeutet, dass das Mädchen verschwunden ist.
Sarah sieht in der Überlebenden ihr Gegenstück (auch sie hat einmal ein Unglück physisch überlebt), sucht Hilfe bei der Privatdetektei Oxford Investigations und heuert Joseph „Joe“ Silvermann an. Dieser berichtet, dass der Vater von Dinah bereits vor Jahren als tot gemeldet war. Der Soldat war bei einem Einsatz zu Tode gekommen und ist nun nochmals verstorben. Auch die Explosion dürfte ein Anschlag gewesen sein. Er rät Sarah von weiteren Ermittlungen ab, zieht sich aus den Recherchen zurück und wird wenig später doch ermordet. Aber damit beginnt das „Aufräumen“ erst, denn Sarah verfolgt weiter jede noch so kleine Spur und die Gegenseite ist ihr auf den Fersen.
Mick Herron gelingt es die Spannung in diesem Roman immer weiter zu steigern. Mit der labilen Heldin Sarah, die ein Leben retten will, hat er eine neue Heldin geschaffen, die trotz Widerständen ihrem Ziel ein Mädchen zu finden folgt und – so viel sei gesagt – auch Erfolg haben wird. Der Preis ist hoch, legt sie sich doch mit einer geheimen Regierungsbehörde an, die ein Aufräumkommando befehligt, das kein Pardon kennt. Die beiden Brüder Amos und Axel sind Schurken ohne Gewissen, scheinbar von Geburt an für diese Aufgabe geschaffen, verfolgen akribisch die Suche Sarahs und räumen hinter ihr (meist blutig) auf.
Sarahs Wandlung vom Heimchen am Herd zum Racheengel geht mit Verlusten einher. Zunächst verliert sie den sympathischen Detektiv, danach trägt sie zum Kariereende ihres Mannes bei indem sie einen seiner Investoren fälschlich verdächtigt und beraubt. Letztlich wird sie Mark, der sie betrügt, gänzlich verlieren. Aber es gibt auch einen Zugewinn beim Kampf um das Leben von Dinah in der Gestalt von Zoe Boehm, der Ehefrau vom Detektiv. Gemeinsam mit dieser erhebt sie sich gegen die Diener der Krone und verbucht einen achtbaren (aber blutig erkämpften) Erfolg.
Für alle die sich mit Geheimagenten, Verschwundenen und Totgeglaubten herumschlagen wollen. Alle die Intrigen und falsche Spuren auflösen wollen, sind hier richtig. Eine Hausfrau kämpft gegen ihre Dämonen an und wird dabei zur Agentin wider Willen.
PS: Die im Untertitel angeführte Zoe Boehm tritt erst auf den letzten fünfzig Seiten in Erscheinung und auch da steht sie stets im Schatten von Sarah.

Bewertung vom 22.12.2025
Herron, Mick

Bad Actors


sehr gut

Der Agent im Hintergrund

Das Umschlagbild zeigt ein typisch englisch aussehendes Auto und die schematische Darstellung der Tube (U-Bahn). Wir sind sichtlich in London. Vergangenheit und Gegenwart überlappen sich.
Für mich als Unbedarften war das erste Viertel des Romans eine Einführung in ein komplexes System, nämlich das des britischen Geheimdienstes. Personen (Slow Horses) und Orte mit seltsamen Namen (Slough House) werden mir bekannt gemacht. Ein seltsamer Geist namens Jackson Lamb schwebt in den abgewohnten Büros, die von ausrangierten GeheimagentenInnen bewohnt werden. Jawohl bewohnt, denn kaum jemand geht einer sinnvollen Tätigkeit nach.
Aber dann beginnt die Handlung sich rasant weiterzuentwickeln und das Lesen macht immer mehr Spaß.
Eine junge Frau ist verschwunden und mehrere Abteilungen im MI5 machen sich auf die Suche nach ihr. Dass das Slough House hier plötzlich die Nase vorn hat, damit hat niemand gerechnet. Spannende Verfolgungsjagden der Slow Horses – nicht immer koordiniert – aber letztlich erfolgreich, bringen die, aufs Abstellgleis gestellten, Spione in den Besitz der Gesuchten und in die Hände des Jackson Lambs. Die weiteren Verwicklungen sind sowohl spannend als auch skurril in ihren Ausführungen, lassen aber die ProtagonistenInnen (jetzt habe ich sie ja schon kennengelernt) mit ihren Fähigkeiten und Verschrobenheit immer mehr glänzen.
Lamb lässt sich die Gelegenheit nicht entgehen, verschafft sich damit eigene Vorteile, spielt die Abteilungen gegeneinander aus und gewinnt das Rennen der Spione.
Bad Actors ist der achte Band der Slow Horses Reihe und jeder, der die vorangegangenen Bände gelesen hat wird von Seite eins daran seine Freude haben. Allen anderen – wie mich – erschließt sich dieser Kosmos erst langsam. Die Zeitsprünge zwischen Gegenwart und Vergangenheit erfordern Aufmerksamkeit, die Dialoge zeichnen sich durch ihre Bildhaftigkeit aus und die Handlung verdickt sich im Lauf der Geschichte von vielen Seitensträngen zu einem zu einem einzigen dicken Seil.

Für alle die immer schon wissen wollten, was Spione machen sobald sie in Ungnade gefallen sind, skurrile Agenten kennenlernen und sich köstlich amüsieren wollen. Ein MUSS für alle Fans der Serie und nach einem langsamen Anlauf auch für die Unbedarften.

Bewertung vom 08.12.2025
Horowitz, Anthony

Tod zur Teestunde


sehr gut

Wer war’s?
Vorab gesagt wird mit dem Lesen des Klappentextes der Inhalt des Romans perfekt beschrieben.
Antony Horowitz beschreibt in „Tod zur Teestunde“ wie sich die Lektorin Susan Ryeland immer tiefer ins Schlamassel befördert. Ausgehend von einem einfachen Lektorat für einen klassischen Krimi a la Agatha Christie verwickelt sie sich immer tiefer in eine Familiengeschichte, die Jahrzehnte zurück ihren Ursprung hat.
Warum also soll LeserIn sich dieses Buch zu Gemüte führen?
Erstens ist es ein spannend geschriebener Krimi, der in sich selbst wieder einen zweiten Krimi enthält. Wir bekommen also zwei Bücher zum Preis von einem. Die beiden Abschnitte sind sogar durch verschiedene Schriften klar voneinander abgegrenzt.
Zweitens ist dies der dritte Band mit der Hauptdarstellerin Susan Ryeland. Ich kenne die beiden vorangegangenen Bände nicht, konnte aber mit der Handlung ohne Vorwissen mithalten. Es hätte jedoch noch mehr Spaß gemacht der sympathischen Heldin ein drittes Mal zu folgen.
Drittens wir LeserInnen werden aktiv zum Mitraten aufgefordert. Wer sich in die Welten der beiden Romane einliest und versucht alle Hinweise auf die diversen Mörder zu finden, kann sich wie Hercuke Poirot oder Miss Marple fühlen. Es sind beide Handlungsstränge als klassische „whodunit“ angelegt.
Anthona Horowitz hat Erfahrung mit der Belebung klassischer Helden. Nicht nur James Bond und Sherlock Holmes wurden von ihm weiterentwickelt, auch den jungen Spion Alex Rider hat er erfunden. Mit der Figur der Lektorin Susan Ryeland ist ihm eine patente Heldin gelungen, die sehr rasch in jedes mögliche Fettnäpfchen steigt um sich daraus wieder souverän zu befreien.
Für alle die immer schon einen klassischen Krimi lösen wollten und in einem Buch mehrere Romane gleichzeitig lesen können.

Bewertung vom 20.11.2025
Hooton, Richard

Der Tag, an dem Barbara starb


sehr gut

Gedächtnislücke
Margaret Winterbottom ist 89 Jahre alt und ihr Gedächtnis lässt sie immer wieder im Stich. Als ihre Nachbarin und Freundin Barbara bei einem Einbruch ermordet wurde, ist sie sicher, dass sie noch etwas für die Tote hätte erledigen sollen. Gemeinsam mit ihrem Enkel James macht sie sich auf die Suchen nach ihren Erinnerungen und dem Mörder ihrer Nachbarin.
Es ist eigentlich eine Erzählung über das Zusammenleben und Erleben einer Demezkranken. Der Autor Richard Hooton hat, in seinem ersten Roman, viele Erinnerungen an seine Großmutter verarbeitet. Diese hat wie Margret, seine Romanheldin, an der Krankheit gelitten, die Seniorenmomente (man vergisst) erzeugt. Ganz langsam schleicht sich die Krankheit ein und versucht die Oberhand zu bekommen. Margaret greift auf Erinnerungen mit ihrem verstorbenen Ehemann zurück um sich zu orientieren. Hooton schildert überzeugend wie sich Menschen verhalten, die ihre Erinnerungen verlieren. Nebenbei erzählt er die Geschichte einer engagierten Frau, die im zweiten Weltkrieg bei der Dechiffrierungsabteilung Bletchley Park im Geheimdienst tätig war und im Alter am Kreuzworträtsel verzweifelt. Es ist mehr Familiengeschichte als Krimi, mehr Beziehung als Ermittlung.
Ich habe mit Margaret mitgelitten, wenn sie etwas krampfhaft zu erinnern versucht hat (letztlich passiert mir das jetzt auch schon öfters) und mir vorgestellt, wie es ist, wenn man sich selbst langsam vergisst.
Für alle die immer schon wissen wollten wie das Zusammenleben mit einer an Demenz erkrankten Person aussehen könnte. Gespickt mit Familienbeziehungen und einer Dosis Mordermittlung.

Bewertung vom 13.11.2025
Pflüger, Andreas

Kälter


ausgezeichnet

Spannender Rachefeldzug
Andreas Pflüger, deutscher Autor für Film und Theater sowie Krimipreisträger, ist mit seiner Heldin Luzy Morgenroth ein Glückstreffer gelungen.
Die ehemalige BKA Mitarbeiterin und Personenschützerin hat sich nach einer unglücklich verlaufenden Aktion in Israel auf die Insel Amrum versetzen lassen. In Israel wurde ihr Schutzbefohlener gemeinsam mit ihrer Gruppe getötet, der Drahtzieher der Terroraktion Hagen List (genannt Babel) ließ sie zynischer Weise am Leben.
Nach einigen Jahren beschaulicher Polizeiarbeit kommt es auch in Amrum zu einem Gewaltverbrechen. Der Verantwortliche wird als Babel identifiziert und Luzy beginnt eine erbarmungslose Jagd.
Diese führt zunächst nach Berlin, wo sich 1989 die Grenzen öffnen. Währen alle Ossis in den Westen strömen kämpft sich Luzy ins Stasiarchiv zurück. Mit den dort erhaltenen Informationen führt sie die Jagd nach Wien, wo ein Attentat das Riesenrad zum Kippen bringt und Luzy auf einer Donaubrücke ihrem Widersacher gegenüber steht.
Spannend wie eine James Bond Geschichte erzählt Pflüger über die Geheimdienste kurz vor der Wende. Die Aktionen werden von Personen durchgeführt, deren Klarnamen unbekannt sind. Die Angst vor dem Terror (RAF) ist allgegenwärtig. Die Geheimagenten durchpflügen den Kontinent mit falschen Identitäten, immer bereit über Leichen zu gehen.
Luzy selbst ist eine gespaltene Person. Eines Teils sucht sie Ruhe und Frieden, andererseits stählt sie ihren Körper in monatelangen Trainings um Babel gegenüber treten zu können. Ich gönne ihr ihre Zufluchtsstätte in Amrum. Zuviel Böses hat sie in ihrer Zeit beim BKA erlebt.
Für alle die lesen wollen, wie sich Spione im kalten Krieg verhalten, wie sich die Geheimdienste Europa nach dem Krieg aufgeteilt hatten und Spannung a la Bond lieben finden hier in Luzy Morgenroth einer neue weibliche Protagonistin.

Bewertung vom 30.10.2025
Tidhar, Lavie

Adama


sehr gut

„Die Patinnen“ aus Isael
Das Titelbild wird erst auf dem zweiten Blick erkennbar. Es zeigt prominent eine Getreideähre, gehalten von einer, rot, behandschuhten Hand. Schaut man genauer, bemerkt man, dass die Ähre aus einem Maschinengewehr entspringt. Ein Synonym für Palästina, das seine wirtschaftlichen Erfolge nur durch ständige Militärpräsenz und Landwirtschaft erzielt? Jedenfalls ein aktuelles Buch, angesichts des Krieges in Israel.
Es ist eine Familensaga aus der Sicht der weiblichen Familienmitglieder über die Jahrzehnte hinweg er zählt. Die Geschichte ist getränkt in Blut und Tod, der seit Anbeginn des Staates Israel das Leben ihrer BewohnerInnen prägt.
Als Staat im Staat steht hier der Kibbuz Trashim, eine Siedlung mit gemeinschaftlichem Eigentum und basisdemokratischer Verwaltung, dessen Entwicklung sich im Roman entdecken lässt. Wozu brauchen Menschen Geld fragen die Kinder sich hier. Sie werden den Müttern nach der Geburt entzogen, wachsen in einer eigenen Sozietät – überwacht von der Metapelet (Kindergärtnerin) – auf und sind aller Sorgen enthoben. Eltern – meist die Mütter – kennen sie nur von flüchtigen Besuchen, sie spielen keine Rolle. Dementsprechend schwierig ist es die Gemeinschaft zu verlassen, Beziehungen zu „Fremden“ aufzubauen, weil sich alles innerhalb des kleinen Kosmos Kibbuz abspielt. Im Roman schaffen das nur einige Männer (und kommen dabei auf die „schiefe Bahn“). Innerhalb des Kibbuz kennen alle jedes Geheimnis der anderen, auch wenn es noch so tief vergraben wird (Tote, Folterkammern, Waffenverstecke u.a.m.).
Der Roman beschreibt anhand einer Familie (kann man diese losen Verbindungen überhaupt Familie nennen?) die Entstehung Israels aus der Perspektive der Kibbuzim. Diese Geschichte ist gewalttätig, Liebe und Verrat spielen Hauptrollen in der Beziehung zwischen den Menschen.
Die Frauen im Kibbuz bestimmen den Fortschritt der Kommune, sie sind die „Gründerinnen“ und gehen dabei auch über Leichen. Das Lesen des Buches erforderte von mir enorme Anstrengung. Die handelnden Personen werden erst nach und nach in ihren Positionen zueinander erkennbar. Die Lebensgeschichten werden ineinander verschachtelt abgehandelt und als LeserIn muss man auf jedes Detail achten, es kann wichtig in einem anderen Buchabschnitt sein. Die Gewalt, die die agierenden Personen ausüben scheint ihnen immanent, sie kennen kaum ein Gewissen.
Anmerkung: Eine Art Stammbaum der Familie um Hanna, Esther und Ruth wäre hilfreich. Ich habe ihn mir beim Lesen angefertigt, um den Überblick zu bewahren.
Für alle die das heutige Israel besser kennenlernen wollen. Wir erfahren die Leiden und Freuden einer Generation von Siedlern, die ein neues Leben in gemeinschaftlicher Verantwortung führen wollen und erkennen beim Lesen, dass Probleme sich bis in die Neuzeit nicht lösen lassen. Überaus spannend zu lesen, aber man muss verdammt aufpassen um nichts zu versäumen.

Bewertung vom 25.09.2025
Maiwald, Stefan

Alle weg


ausgezeichnet

Tutto Bene – Alles in Ordnung (Winter in Italien)
Ich bin gerade (Mitte September) aus Jesolo zurückgekommen. Die Saison ist noch nicht zu Ende. Am Strand kann man anhand der aufgespannten Sonnenschirme erkennen welche Hotels noch ausgelastet sind und wo bereits auf das Ende des Urlauberzustroms gewartet wird. Frühmorgens fährt ein Traktor (Trecker) den Strand auf und ab und glättet den Sand der Uferpromenade. Noch springen Mutige ins Wasser, viele wandern an der Wasserscheide entlang.
Genau jetzt erscheint ein Buch über das Ende der Saison an der Adria. Einen passenderer Abschluss des Urlaubs kann ich mir gar nicht vorstellen. Der Autor nennt die nun folgende Zeit Nebensaison, für mich birgt sie nur Leere. Beinahe alle Geschäfte sind geschlossen. Die Strände leer – ja total ausgeräumt – kein Blatt, keine Liege, kein Strandlokal. Endlos zieht sich die Sandküste entlang der versperrten Hotels. Nur manchmal sieht man Licht aufblitzten, hier scheint es noch etwas zu trinken zu geben oder dort ein Zimmer.
Aber abseits der Strände und den großen, verlassenen Geschäftsstraßen leben die Einheimischen, die Dörfler und Familien. Sie halten die Stadt zusammen und sie treffen sich (in Grad) bei Pino, in dessen Bar. Von Stefan Maiwald erfahren wir warum die Italiener keine Kleiderhaken in der Bar benutzen und weshalb es wichtig ist einen Kamin zu besitzen (es wird auch sehr kalt – molto freddo).
Am interessantesten ist es gewesen über die Befindlichkeiten der Gradesi zu erfahren und wie sie Weihnachten feiern. Ein Fest der Familie also und mit Unmengen zu Essen. Stefan Maiwald hat mir wieder einen Einblick ins italienische Innere geliefert, interessant, aber ich denke Italien im Winter ist für mich kein Urlaubsziel.
Für alle die immer schon wissen wollten, was in der oberen Adria zwischen Oktober und März passiert. Es herrscht Winter und die Bewohner rücken zusammen, sie kochen viel und frieren ein wenig.

Bewertung vom 05.09.2025
Huth, Peter

Aufsteiger


ausgezeichnet

Wünsche
Felix Licht wünscht es sich sehr - den Posten des Chefredakteurs – und heute ist es so weit.
Christian Berg wünscht es sich sehr – seine Vergangenheit als Modemacher zu vergessen – und deshalb kauft er sich eine Zeitschrift.
Beider Frauen wünschen sich sehr, dass ihre Männer glücklich sind.
Eine spannende Geschichte, die mit einem Todesfall beginnt und in eine Presse, Journalisten, Online -Zeitungsverlagsgeschichte umschwenkt.
Der Autor und Journalist Peter Huth schreibt eine Geschichte über das Spannungsfeld Print- versus Onlinemedien.
Eingebettet darin sind Menschenschicksale die allesamt um das Thema – wie wahr ist meine Darstellung der Wahrheit – kreisen. Die Figuren werden präzise beschrieben und wachsen mir im Verlauf der Geschichte immer mehr ans Herz. Felix, der seinen Posten an eine ehemalige Volontärin abgeben muss, wird im Verlauf der Handlung vom enttäuschten Chefredakteur zum Liebhaber seiner Gegnerin.
Charlotte Berg, die sich eine Zeitschrift kauft, um gegenüber ihren Freundinnen reüssieren kann, merkt, dass sie Menschen nicht kaufen lassen und scheitert an ihren feministischen Ansprüchen, die der Gegenwart nicht mehr entsprechen.
Es ist eine Geschichte von Verzweifelten, die alle ihre Bestimmung suchen und sie – im besten Fall – beinahe erreichen. Außen vor bleibt der den Anfang bestimmende Todesfall. Er wird bloß zu einer – die Handlung nicht tangierenden - Klammer und ist thematisch nicht relevant.
Für alle die eine spannende Geschichte im Spannungsfeld Print – Online lesen möchten. Die Figuren sind überwiegend positiv beschrieben. Gute Bildungsbürger im Kampf gegen Onlinesympathisanten, Journalisten gegen Onlinetrolle, Wahrheit gegenüber Eigensicht. Ein Sammelsurium von Figuren, die allesamt rasch ein Eigenleben bekommen und LeserIn ans Herz wachsen.

Bewertung vom 01.09.2025
Drvenkar, Zoran

Asa


ausgezeichnet

Der Geist der Liebe
Asas Vater wurde vor ihren Augen ermordet. Als sie feststellt wer dahinter steckt, plant sie ihre Rache. Ein Generationen umspannender Roman um eine Familie, die nur das Beste will, aber dafür auch Menschenleben opfert.
Zoran Drvenkar, Kroate, freier Schriftsteller und seit Jahrzehnten Berliner, beschreibt das Leben einer Dorfgemeinschaft in der Uckermark – im Nordosten Brandenburgs, die sich vor äußeren Einflüssen abschottet und einen eigene Ehrenkodex entwickelt, um zu überleben.
Es ist ein Roman mit seltsamem Aufbau. Der Erzähler – der Geist der Liebe – ist tot und hat somit umfassende Gewalt über die Ereignisse. Lebendig war er mit Asa verheiratet und ihr Seelenverwandter. Eine falsche Entscheidung seinerseits bringt seinen Tod und er wird zum Kommentator der Geschehnisse.
Über ein Jahrhundert schildert der Erzähler die Geschichte der Familie Kolbert, die das Schicksal der Dorfgemeinschaft bestimmt. Die historischen Passagen sind die interessant zu lesen und stellen Stück für Stück den Zusammenhang mit der Gegenwart her. Diese Abschnitte wechseln sich in unzähligen Handlungssträngen mit der undurchsichtigen Lebensgeschichte Asas ab. Je weiter man sich durch die Geschichte liest desto klarer werden die Zusammenhänge. Da sich die Geschichte über mehrere Generationen ist es ratsam sich die Namen der Familienmitglieder gut zu merken. Diese überfluten die Geschichte mit ihren eigenen Biografien und machen die Aktionen Asas erst verständlich.
Für alle die gerne eine erbarmungslose Rachegeschichte und eine Familiensaga mit sehr vielen Darstellern lesen wollen. Die Geschichte ist bis zum Schluss spannend und weist viele interessante Finten auf. LeserInnen sind darauf angewiesen die einzelnen Puzzleteile an die richtige Stelle zu setzen, aber viele der Teile sind zunächst nur schneebedeckte Flächen (ehe sie in Blut getränkt werden).

Bewertung vom 16.08.2025
Doughty, Louise

Deckname: Bird


sehr gut

Flucht
Heather Berriman, genannt Bird, wird gejagt. Die Agentin einer Unterorganisation des englischen Geheimdienstes hat sich wegen hoher Steuerschulden verletzlich gemacht. Gedeckt von ihrem Vorgesetzten Kieron schien der Betrug lange Zeit gutzugehen, aber jetzt wird ein Opfer gesucht und in Bird gefunden. Heather hat sich vorbereitet, zu lange schon ist sie beim Geheimdienst, um zu wissen, irgendwann kommt alles ans Tageslicht. Sie taucht ab und flüchtet in die Einsamkeit des englischen Nordens. Skye, Inverness oder Thurso nennen sich die Dörfer wo sie kürzer oder länger verweilen kann, immer auf der Flucht, angespannt, immer allein.
Der Roman von Louise Doughty ist kein Thriller, sondern eine Beschreibung einer Frau, die auf sich allein gestellt in feindseliger Umgebung überleben muss. Tatsächlich ist ihre Schuld – sie hat ihre Kreditschulden nicht bei der Behörde gemeldet – gering, aber die Vertuschung gemeinsam mit ihrem korrupten Vorgesetzten macht sie erpressbar und zum Sündenbock.
Im Roman wird das Leben von Heather, ihre Freundschaft mit Flavia, eine Kameradin im WRAC (Woman‘s Royal Army Corps) in Rückblenden erzählt. Ihr Vater war selbst Spion und sie wird nach dem Ausscheiden aus dem Militärdienst als Agentin angeworben, wo sie gerne arbeitet. Mit Flavia, die ein Kind bekommt und aus der Armee ausscheiden muss, verbindet sie eine innige Freundschaft, die durch ein Missverständnis zerbricht.
Auf ihrer Flucht versucht sie zu verstehen, weshalb sie zur Zielscheibe geworden ist. Die Korruption ihres Vorgesetzten hat sie vorerst gar nicht wahrgenommen, erst mit den Jahren erkennt sie in welchem Dilemma sie steckt. Ihre Verstecke findet sie an den einsamsten kältesten Orten der Welt, sie findet keine Wärme und Geborgenheit. Zufällig findet sie heraus, das Flavia schon vor Jahren verstorben ist und mit dem Gedanken an deren Töchter Adelina findet sie einen Anker, der sie von einer Zukunft träumen lässt.
Für alle die sich einen Agentenroman ohne James Bond Aktion wünschen ist das der wohl geeignetste Protagonist. Er stellt das Geheimdienstleben trostlos dar, keine Freunden, kein Familienleben und keine Liebe. Wer sich auf ein solches Leben einlässt, kann niemandem vertrauen und bleibt sein Leben lang allein. Nur in der Distanz ist eine Bindung möglich und schwer zu behalten.