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Benutzername: Bartie
Wohnort: Hagen i.Bremischen
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Danksagungen: 6 (erhaltene)


Bewertungen

Insgesamt 30 Bewertungen
Bewertung vom 19.10.2020
Der Moment zwischen den Zeiten
Orriols, Marta

Der Moment zwischen den Zeiten


ausgezeichnet

Wenn der Himmel pechschwarz wird

Gleich zwei Hiobsbotschaften erreichen Paula an einem Tag. Die erste kommt von Mauro, ihren Lebenspartner, der Paula wegen einer anderen Frau verlässt. Und ein paar Stunden später erfährt sie, dass Mauro tödlich verunglückt ist. Sie erzählt selbst darüber: _„Zwei Kugeln, kurz nacheinander auf mich abgefeuert. Zwei Kugeln namens Betrug und Tod.“_ (Zitat Seite 76)
Wie geht man mit solchen Nachrichten um? Wie verhält man sich danach, wenn man am Leben bleiben will/muss? Wie kann man die Trauer, aber vor allem den doppelten Verlust, überstehen?

Marta Orriols versucht die Antworten auf all diese Fragen zu finden. In ihrem Debütroman „Der Moment zwischen den Zeiten“ begleitet man Paula in den Tagen nach Mauros tragischem Unfall. Zwar töten sie die besagten „zwei Kugeln“ im wahrsten Sinne des Wortes nicht, dafür aber verändern ihr ganzes Leben. Um den Verlustschmerz zu betäuben stürzt sie sich in ihre Arbeit als Neonatologin auf der Intensivstation, versucht den Neugeborenen dort das Leben um jeden Preis zu retten.
Schnell kommt sie auf ihre körperlichen Grenzen und nicht immer kann sie ihre Emotionen unter Kontrolle behalten.

Mit viel Einfühlungsvermögen schildert die Autorin diese schwere Zeit in Paulas Leben. Besonders rührend sind Paulas „Gespräche“ mit dem verstorbenen Mauro, die viel über die gemeinsame Vergangenheit des Paares verraten. Aus ihnen erfährt man, wie stark ihre Gefühle für einander waren und wie sehr Paula unter dem tragischen Verlust leidet: _„Komm zurück…. Nur: Mein Flehen ist sinnlos, Mauro. Und am Ende bleibt nur die entsetzliche Leere.“_ (Zitat Seite 126)

Eine sehr emotionale Geschichte, die tief unter die Haut geht. Eine Geschichte über das wahre Leben unter einem Himmel, der manchmal auch pechschwarz ist.
Auf jeden Fall lesenswert!

Bewertung vom 12.10.2020
Die Unschärfe der Welt (eBook, ePUB)
Wolff, Iris

Die Unschärfe der Welt (eBook, ePUB)


sehr gut

Ein Familienalbum voller Poesie

In ihrem Roman „Die Unschärfe der Welt“ überführt uns Iris Wolff nach verschneites Banat Ende sechziger Jahre, wo der Protagonist Samuel in einer Pfarrerfamilie zur Welt kommt. Samuel wächst sehr gut behütet auf. Das Pfarrhaus mit großem Garten und Obstbäumen, in dem er viel Zeit vor allem mit seiner Mutter verbringt, gleicht einer Idylle, die von der übrigen von Ceausescu regierten Rumänien abgeschnitten ist.

Der Roman ist, genauso wie ein Familienalbum voller diversen Fotos, eine Sammlung von sprachlichen Bildern aus dem Leben der Familie über vier Generationen hinweg. Bildern, die dem Betrachter, die Geschichte dieser Familie erzählen.

In kurzen Kapiteln vertrauen uns die einzelnen Familienmitglieder ihre Erinnerungen und Episoden aus ihrem Leben an, erzählen ihre persönlichen Geschichten. So lernen wir nicht nur den schweigsamen Träumer Samuel, der als Kind lange nicht sprechen will, später aber die Kraft und die Wirkung der Worte sehr zu schätzen wusste, aus der Perspektive des jeweiligen Erzählers kennen. Auch die anderen Familienmitglieder, sowie ihre Freunde und die Umgebung, werden uns auf diese Weise nähergebracht. Die unterschiedliche Erzählweise und die Zeitsprünge zwischen den einzelnen Erzählungen bewirken jedoch, dass die Protagonisten unnahbar bleiben, ihre Schicksale berühren nur selten. Vieles bliebt in dieser Geschichte verschwommen, unscharf.

Der Roman besticht jedoch durch seine wunderschöne dichterische Sprache und poetische Bilder der rumänischen Landschaft. Auch die emotionale Kritik der Diktatur von Ceausescu beeindruckt und beweist, dass diese Geschichte der Autorin sehr am Herzen liegt. Iris Wolff ist geboren und aufgewachsen im Banat und in Siebenbürgen.

Der Roman steht auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2020. Ich würde ihn allen Lesern empfehlen, für die ein Buch viel mehr als „nur Unterhaltung“ bedeutet.

Bewertung vom 29.09.2020
Der Halbbart
Lewinsky, Charles

Der Halbbart


sehr gut

Geschichten aus dem Mittelalter
Der Roman „Der Halbbart“ versetzt den Leser nach Schwyz im Jahre 1313. In einem kleinen Dorf wohnt Eusebius, mit seiner Mutter und zwei älteren Brüdern Geni und Poli. Eusebius, den alle Sebi nennen, ist ein aufgeweckter Junge und sehr guter Beobachter.
Als eines Tages ein Fremder im Dorf erscheint, der man aufgrund seines Aussehens Halbbart nennt, sucht Sebi seine Gesellschaft und versucht so viel wie möglich von ihm zu lernen. Der Halbbart scheint ein Mann mit vielen praktischen Fähigkeiten zu sein und er hilft gerne den Menschen im Dorf. Nur über seine tragische Vergangenheit möchte er lieber nicht sprechen.

Dieses Buch hat mich sofort in seinen Bann gezogen. Im Mittelpunkt steht natürlich Sebi, der die ganze Geschichte erzählt. Er ist ein aufgeweckter Junge, der gut beobachten und noch besser erzählen kann. Er wächst in einer Welt, in der der Glaube und Aberglaube den Alltag beeinflussen und die prägen nachhaltig auch seine Gedanken und Geschichten.
Mit den Augen des 13-jährigen Buben konnte ich in diese mittelalterliche Welt eintauchen und das mühsame Leben der Dorfbewohner betrachten. Mit der Naivität eines Kindes erzählt Sebi über den Alltag der ungebildeten Menschen, über das scheinbar bessere Leben der Reicheren im Dorf und den enormen Einfluss der Kirche. Seine Erzählungen sind so offen, aufrichtig und unkritisch, dass man über seine kindliche Naivität oft schmunzeln muss.
Der geheimnisvolle Halbbart spielt eine große Rolle im Sebis Leben. Es ist offensichtlich, dass der Halbbart ein gebildeter Mensch ist und viel, nicht nur Gutes, in seinem Leben mitmachen müsste. Sein Wissen teilt er gern mit Sebi, der ihn von Anfang an als einen Freund und nicht als einen Fremden behandelt.
Natürlich kommen auch die geschichtlichen Ereignisse in diesem Roman vor. Sebi und seine Brüder wurden in diese Geschehnisse verwickelt. Dazu gibt der Autor zwar keine Quellennachweise, dafür aber erzählt viele interessante Geschichten. Wieviel sie der Wahrheit entsprechen, müsste man es selbst herausfinden. Denn in dem Interview für Literatur-Lounge sagt der Autor selbst:
Ein Roman soll keine Unterrichtsstunde sein. Es geht nicht um Geschichte, sondern um Geschichten.
FAZIT:
„Der Halbbart“ von Charles Lewinsky ist ein wunderbarer Roman voller Geschichten, Märchen und Weisheiten, die das Herz jedes Lesers berühren. Obwohl es eine Geschichte über das Mittelalter ist, ist sie in vielen Punkten aktueller denn je. Wunderschön erzählt, berührend, aufschlussreich – einfach lesenswert!

Bewertung vom 10.09.2020
Zugvögel (eBook, ePUB)
McConaghy, Charlotte

Zugvögel (eBook, ePUB)


ausgezeichnet

Ein ungewöhnliches Leseerlebnis

Franny und ihre Lebensgeschichte, spannend in der Kurzbeschreibung des Buches angekündigt, haben sofort mein Interesse an diesem Buch geweckt. Ich wollte unbedingt das Geheimnis des Verbrechens erfahren, von dem Franny flieht und sich auf die abenteuerliche Reise einlässt.
Warum sie gerade den Küstenseeschwalben folgen will, ist für mich zuerst nicht ganz klar. Sie hat drei Vögel mit Peilsendern beringt und verfolgt akribisch ihre Reiseroute auf dem Bildschirm ihres Laptops. Den Kapitän der Saghani, eines der letzten Fischerkutters, konnte sie dazu überreden, sie mitzunehmen und bei ihrem Vorhaben zu unterstützen.

Der Anfang dieser Geschichte wirft viele Fragen auf. Warum will Franny den Küstenseeschwalben auf ihrer Reise in die Antarktis folgen? Warum ist ihr dieses Vorhaben so wichtig, dass sie jede Strapaze auf sich nimmt und vor keiner Gefahr zurückschreckt? Warum unternimmt sie diese Reise allein, obwohl sie mit jedem Gedanken bei ihrem geliebten Mann Niall ist? Was ist in ihrem Leben passiert, dass sie so oft an den Tod denkt und felsenfest überzeugt ist, dies wäre ihre letzte Reise?
Die Antworten auf all diese Fragen kommen im Verlauf dieser Geschichte. Mehrere Rückblenden unterbrechen immer wieder die aktuelle Handlung und liefern Einzelheiten aus Frannys Vergangenheit. Und diese war mehr als dramatisch. Mit jeder weiteren Enthüllung wurde das Verhalten der impulsiven und unberechenbaren Franny plausibler, sie selbst gewinnt an Sympathie. Frannys bewegende Lebensgeschichte fesselt und berührt, drückt nicht selten an die Tränendrüse. Ebenso wie die Liebensgeschichte, die Hochzeit mit Niall, alles spontan, unüberlegt, irgendwie verrückt.
„Zugvögel“ von Charlotte McConaggy ist aber nicht nur eine spannende Liebesgeschichte. In diesem Roman, deren Handlung in einer undefinierbaren Zukunft spielt, geht es auch um Klimawandel und Artensterben. Dies wurde unter anderem am Beispiel von Küstenseeschwalben dargestellt. In dem Buch sind die Seeschwalben vom Aussterben bedroht, weil sie auf ihrer Reise keine Nahrung mehr finden würden, denn auch Meeresfische nicht mehr vorhanden seien. Dieser Handlungsstrang hat mich nicht völlig überzeugt, weil die Autorin ihren eigenen Theorien und Gedanken oft widerspricht.
Das Klimawandel ist ein aktuelles Thema, das man unbedingt beachten muss. Aber bei den oft radikalen Aussagen in diesem Buch, die vor allem von Niall kommen, bleibe ich lieber bei dieser Beschreibung der Zugvögel:
Obwohl sie so bunt und verschieden sind, wie eine Gruppe Menschen nur sein kann, merke ich doch, dass sie auch alle gleich sind, Seeleute eben. Im Leben an Land hat ihnen etwas gefehlt, und sie sind losgezogen, um eine Antwort zu finden. Und worin die auch immer bestand, ich bin überzeugt, sie haben sie alle gefunden. Sie sind Zugvögel, die es vom Land wegzieht, und sie lieben es hier draußen auf dem Meer, das ihnen ein anderes Leben bietet… (Zitat Seite 89 E-Book)
Denn auch die Menschen sind ein Teil der Natur.
FAZIT: ein spannender Roman mit filmreifen Szenen und poetischen Beschreibungen. Diese Geschichte berührt, bewegt, provoziert und regt zum Nachdenken an.

Bewertung vom 02.08.2020
Das Netz / Island-Trilogie Bd.1 (eBook, ePUB)
Sigurdardottir, Lilja

Das Netz / Island-Trilogie Bd.1 (eBook, ePUB)


ausgezeichnet

Ein fesselnder Auftakt der Reykjavik-Trilogie

Nach der Scheidung von Adam bleibt Sonja mittellos und kann nicht für ihren Sohn Tómas sorgen. Deswegen bekommt Adam das Sorgerecht für Tomas und bestimmt den Umgang mit ihm. Sonja will unbedingt ihren Sohn zurückgewinnen; dafür müsste sie aber genug Geld verdienen. Aus diesem Grund lässt sie sich auf Drogenschmuggel ein. Sie will unabhängig sein; deswegen nimmt sie auch kein Geld von ihrer Freundin Agla, mit der sie seit kurzem eine Liebesbeziehung hat.
Auch Agla, eine Bankangestellte in gehobener Position, befindet sich in Schwierigkeiten. Zwar mangelt es ihr an Geld nicht, aber es wurde gegen sie wegen kriminellen Bankgeschäften ermittelt. Von Anfang an ist es klar, dass sie in die illegalen Machenschaften verwickelt ist.
Der erfahrene Zollbeamte Bragi verdächtigt bald Sonja des Drogenschmuggels. Bisher konnte er sich immer auf seine Intuition verlassen und die perfekte Sonja kommt ihm sehr verdächtig vor.

Die Handlung dieses Romans wurde aus der Sicht der jeweiligen Hauptperson fortgeführt. Sonja, Agla und der Zollbeamter Bragi erzählen im Wechsel über die bedeutenden Geschehnisse aus ihren Leben. Häppchenweise erfährt man, wie die Protagonisten straffällig geworden sind und welch drastische Konsequenzen dies für ihr Leben habe.
Lilja Sigurdardottir versteht es, die emotionalen Bilder des Geschehens anschaulich dem Leser zu vermitteln. Zwar gibt es in diesem Krimi keinen brutalen, blutigen Mord, aber an der Brutalität und dem Verbrechen selbst mangelt es hier nicht. Es ist schon erstaunlich, wie schnell man in das Netz der Kriminalität gelangen kann und wie schwer es ist, sich daraus zu befreien.
Die Krimikapitel sind kurz, temporeich, spannend. Sie verleiten förmlich zum Weiterlesen, denn auch die Cliffhänger am Ende der vielen Abschnitte erhöhen enorm die Spannung.
Ich habe mich bei dieser Lektüre sehr gut unterhalten gefühlt. Sonjas Geschichte fand ich besonders spannend; sogar für ihre Straftaten könnte ich etwas Verständnis aufbringen. Agla dagegen erscheint mir noch sehr blass, was vor allem an ihrer Vergangenheit und ihrer unklaren Rolle in dem ganzen Komplott liegt. Eine richtige Überraschung ist der Zollbeamter Bragi, den ich trotz seiner Rolle sympathisch fand.
„Das Netz“ ist das erste Buch aus der 3-teiligen Krimireihe. Sehr gelungen und völlig überraschend ist das Finale des ersten Teils. Auf die Fortsetzung, die voraussichtlich im Oktober 2020 erscheint, freue ich mich jetzt schon.

Bewertung vom 31.07.2020
Margherita (eBook, ePUB)
Revedin, Jana

Margherita (eBook, ePUB)


sehr gut

Fast wie ein Märchen
Der Roman „Margherita“ von Jana Revedin beginnt wie ein Märchen. Bisher kennt die wissbegierige Margherita die Welt und das Leben nur aus den Zeitungen, die sie täglich austragen muss. Sie liebt Musik und Beethoven, würde gerne selbst Geige spielen, aber davon kann sie nur träumen.
Ihr Leben ändert sich total, als sie den Grafen Antonio Revedin heiratet, der von der belesenen „panterina“, wie er sie nennt, verzaubert ist. Margherita verlässt das Gesindehaus, in dem sie mit ihrer Mutter und zwei Schwestern gelebt hat; verbringt zuerst ein halbes Jahr in Paris. Dort lernt sie solche Persönlichkeiten wie Eugenia Errazuriz, Coco Chanel, Pablo Picasso, Jean Patou, Jean-Michel Frank kennen.
Zurück in Venedig wurden der Kultur- und Naturtourismus zur ihrer und Ninos Lebensaufgabe. Venedig und Lido sollten für Künstler, Filmproduzenten, Filmstars, Presseleuten, aber auch für Menschen mit Geld und Einfluss zum Magnet werden.

In dem Buch „Margherita“ schreibt Jana Revedin ausführlich über das Leben der Großmutter ihres Mannes. Für das Mädchen aus armen Verhältnissen und ihre beiden Schwestern waren „Musik, Literatur oder fremde Sprachen, feine Küche oder gar Haute Couture … ein Luxus, der für sie unerreichbar war. In ihrem Leben blieben diese Feinheiten ferne Sterne, die sie nie entdecken und nie besitzen würden.“ (Zitat Seite 12)

Doch durch die Ehe mit dem Conte Antonio Revedin wurden für Margherita diese „fernen Sterne“ greifbar. Ab sofort führt sie ein Leben, von dem sie nicht mal zu träumen wagte. Es ist ein ausgefülltes und aufregendes Leben, das von der unendlichen Liebe zu ihrem Mann gekrönt wurde.

Anders aber als in einem Märchen wurde Margheritas Leben nicht von den tragischen Schicksalsschlägen verschont bleiben. Diese bewegende Lebensgeschichte zeichnet die Autorin nach der Recherche und den Gesprächen in der Familie mit viel Einfühlungsvermögen und viel Fantasie nach. Denn wie sie selbst in ihrem Nachwort zum Buch erwähnt: „Alle im Buch beschriebenen Begegnungen und Gespräche können sich selbstverständlich so, aber auch anders zugetragen haben.“ (Zitat)

Margheritas persönliches Schicksal, ihre interessante Lebensgeschichte haben mich tief berührt. Mit großem Interesse habe ich die einzelnen Etappen ihres bewegten Lebens verfolgt.

Auch ihr Engagement und Interesse für das kulturelle Leben, für Tourismus und Sport in Venedig sind bewundernswert. Schade nur, dass die Autorin keine Quellenachweise dafür liefert. Auch Fotos von Venedig, die Margheritas Mann Nino so gerne gemacht hat, hätten das Buch unheimlich bereichert.
Fazit: eine aufregende Lebensgeschichte eines einfachen Mädchens, das zu einer bewundernswerten Contessa von Venedig wurde.

Bewertung vom 04.06.2020
Enna Andersen und das verschwundene Mädchen / Enna Andersen Bd.1
Johannsen, Anna

Enna Andersen und das verschwundene Mädchen / Enna Andersen Bd.1


sehr gut

Die Hauptkommissarin Enna Andersen übernimmt die Führung der neuen Abteilung für Cold Cases. Nach dem Unfalltod ihres Mannes muss Enna ihren Sohn Elias allein großziehen, Beruf und Familie unter einen Hut bringen.
In ihrem Team arbeiten noch zwei Kommissaren: Jan Paulsen, der gerade vom Oberkommissar degradiert wurde und eine Berufsanfängerin Kommissarin Pia Sims. Das Team ermittelt zuerst in einem 10 Jahre alten Fall, in dem ein Mädchen bei einer Klassenfahrt auf der Insel Wangerooge spurlos verschwunden war. Das Team stößt auf neue Hinweise und Ungereimtheiten, die damaligen Zeugen verwickeln sich in Widersprüche und plötzlich geraten immer mehr Personen unter Verdacht.


Mit dem Buch „Enna Andersen und das verschwundene Mädchen“ eröffnet Anna Johannsen eine neue Krimireihe mit der Hauptkommissarin Enna Andersen. Diese Protagonistin ist mir auf Anhieb sympathisch. Eine alleinerziehende Mutter, die schon mit einigen Schicksalsschlägen fertig werden musste, kann man nur bewundern. Sie ist eine hervorragende Mutter, gute Chefin und beste Freundin.

Obwohl Enna und ihr Team alte Fälle lösen müssen, ist ihre Arbeit alles andere als langweilig. Im Gegenteil, denn aus der Zeitperspektive kann man vieles anders betrachten und beurteilen. Und auch auf neue Hinweise und neue Zeugen stoßen. So geschieht auch diesmal.

Der Krimi ist sehr spannend und unterhaltsam. Die Handlungen sind temporeich, oft überraschend, total fesselnd. Alles ist flüssig erzählt, detailliert erklärt. Die Auflösung des Falles ist eine große Überraschung.

Anna Johannsen gewährt auch interessante Einblicke in das Privatleben von Enna. Mit viel Einfühlungsvermögen und Feingefühl beschreibt sie Ennas Alltag und erzählt wie sie den Spagat zwischen Familie und Beruf meistert. Außerdem verrät sie Einiges über den tragischen Tod ihres Mannes und über ihre Freundschaft mit Sarah.

Bisher habe ich weder die Autorin Anna Johannsen noch ihre Bücher gekannt. Da ich diesen Krimi kaum aus der Hand legen konnte, würde ich gerne mehr von dieser Autorin lesen.
Auf eine Fortsetzung dieser Reihe bin ich sehr gespannt.

Bewertung vom 20.05.2020
Das wirkliche Leben (eBook, ePUB)
Dieudonné, Adeline

Das wirkliche Leben (eBook, ePUB)


ausgezeichnet

Angst und Faustschläge statt Liebe

Ein namenloses Mädchen erzählt über das Leben ihrer Familie, die eigentlich alles andere als normal ist. Der Vater verbringt seine Freizeit vor dem Fernseher, trinkt regelmäßig Whisky und ist ein leidenschaftlicher Jäger. Ein Zimmer im Haus ist nur mit seinen Jagdtrophäen vollgestopft. Die Mutter ist eine unscheinbare Frau, die sich um das Haus kümmert und schreckliche Angst vor ihrem jähzornigen Mann hat. Das Mädchen liebt über alles ihren vier Jahre jüngeren Bruder Gilles mit seinem Milchzahnlächeln. Eines Abends passiert ein schrecklicher Unfall, der das Leben der ganzen Familie verändert.

Diese Geschichte, die zuerst ein bisschen langweilig klingt, wird von Seite zur Seite spannender, die geschilderten Ereignisse wirken immer bedrohlicher. Das Mädchen, trotz ihres zarten Alters, ist eine aufmerksame Beobachterin und eine scharfsinnige Erzählerin. Sie findet deutliche, scharfe Worte um das Verhalten ihrer Eltern zu kritisieren.
So nennt sie ihren Vater einen Koloss, dessen Hände „den Kopf eines Kükens leicht abschlagen konnten“ (Zitat Seite 9). Ihre Mutter ist für sie „eine Amöbe“, die in ständiger Furcht vor ihrem Mann lebt und nur für das Zubereiten von Mahlzeiten zuständig ist.
Mit dem Fortschreiten der Geschichte merkt man, dass diese Kritik gerechtfertigt ist. Es wurde aber auch offensichtlich, dass vor allem das heranwachsende Mädchen ein normales Zuhause vermisst, die Elternliebe, Zuwendung, Wärme und Herzlichkeit.
Als der Vater eines Tages „mein Schatz“ zu ihr sagt, erzählt sie: „Ich hatte das Gefühl, mein Herz würde gleich explodieren.“… „Die beiden kleinen Wörter schwirrten wie Glühwürmchen in meinen Ohren und flogen von dort hinunter in meine Brust, wo sie mehrere Tage lang leuchteten.“ (Zitat Seite 42)
Nach dem schrecklichen Unfall verfällt Gilles zuerst in eine Art Schockstarre. Dann beginnt er alle Tiere in der Gegend zu quälen und gerät dabei immer mehr unter den Einfluss des Vaters. Diese Ereignisse und die Worte der Geschichtenerzählerin Monica: »Es gibt Leute, die verdüstern euch den Himmel, stehlen euer Lachen oder setzen sich mit ihrem ganzen Gewicht auf eure Schultern, um euch am Fliegen zu hindern. Von solchen Menschen haltet euch bloß fern.“ (Zitat Seite 16) rütteln das Mädchen wach.
Als sie selbst dann von dem Vater zur Beute erklärt wurde, erkennt sie, dass sie zwar die Zeit nicht mehr zurückdrehen, dafür aber die Zukunft verändern kann.
„Das wirkliche Leben“ ist eine bewegende Geschichte über das scheinbar glückliche Leben, das in Wirklichkeit aber nur von Gewalt, Machtausübung, Dominanz, Furcht und Schrecken bestimmt ist. Die Bilder dieses grausamen Lebens sind erschütternd, manche Szenen sind kaum zu ertragen.
Diese dramatische Geschichte - packend geschrieben, hoch emotional, voller ausdruckstarken Bildern, die oft sprachlos machen - hat mich total in ihren Bann gezogen. Denn die Autorin weiß, wie man die Herzen der Menschen erreichen kann: „Geschichten sind dazu da, alles hineinzupacken, was uns Angst macht. Denn so können wir uns sicher sein, dass es nicht im wirklichen Leben passiert.«
Dem kann man nichts mehr hinzufügen!
Meine Empfehlung: das Buch unbedingt lesen!

Bewertung vom 23.04.2020
Wolfsburg!
Grote, Tom

Wolfsburg!


weniger gut

Das Buch wurde in die Kategorie Liebesroman angeordnet. Für mich war es mehr ein Roman über das unfreiwillige Leben in einer Provinzstadt. Denn Jan wegen seiner Liebe von Berlin nach Wolfsburg umziehen musste und das hat ihm zuerst überhaupt nicht gefallen. Nach und nach findet er Gefallen an seiner neuen Lebenslage und vermisst die Hauptstadt nicht mehr.
Mir fehlte die Spannung in diesem Roman. Das Thema des Buches fand ich nicht besonders interessant.

Bewertung vom 23.04.2020
Zara und Zoë - Tödliche Zwillinge / Die Profilerin und die Patin Bd.2
Oetker, Alexander

Zara und Zoë - Tödliche Zwillinge / Die Profilerin und die Patin Bd.2


ausgezeichnet

Zara von Hardenberg, die beste Profilerin von Europol und ihre Schwester Zoë, eine gefürchtete Killerin der korsischen Mafia, sind Zwillinge. Sie sehen gleich aus, aber vom Charakter her sind sie sehr unterschiedlich.
Beide gehen in ihrer Arbeit auf, obwohl ihre Ziele, ebenso wie die Arbeitsmethoden und Vorgehensweise total unterschiedlich sind.
Als Europol einen drohenden Terroranschlag in Europa verhindern will, bittet Zara ihre Schwester um Hilfe. Denn sie ahnt, dass man diese Aufgabe ohne Regeln zu brechen nicht bewältigen kann.

Auch in dem zweiten Band mit den ungleichen Zwillingsschwestern ist die rechtschaffene Zara auf die Hilfe ihrer kriminellen Schwester angewiesen. Und kein Mensch darf über den Rollentausch erfahren, nicht mal die engsten Mitarbeiter von Zara, nicht mal der Mafia-Boss von Zoe.
Unglaublich spannend ist die nächste Geschichte mit den tödlichen Zwillingen. Ich konnte das Buch nicht aus der Hand legen, musste immer weiterlesen. Die kurzen temporeichen Kapitel im lebendigen, prägnanten Schreibstil verfasst, verleiten gerade dazu.
Der Roman thematisiert unter anderen auch die hochaktuellen Themen, wie Fluchtlinge, Terror, Korruption, kriminelle Machenschaften.
Von großem Vorteil ist es, wenn man das erste Buch aus dieser Reihe gelesen hat. Denn in dem Band „Tödliche Zwillinge“ trifft man viele bekannten Protagonisten wieder. Auch die Familiengeschichte der Zwillingsschwester kann man so besser nachvollziehen.
Dieser Thriller mit rasanten kinoreifen Aktionen hat mir nicht nur spannenden Lesestunden beschert. Er hat mich in Gedanken nach Frankreich und Italien versetzt, Sehnsucht nach unbeschwerten Urlaubstagen, nach Stränden und Meer, nach Dolce Vita erweckt hat