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JenniferBihr

Bewertungen

Insgesamt 4 Bewertungen
Bewertung vom 05.01.2022
Milch Blut Hitze
Moniz, Dantiel W.

Milch Blut Hitze


ausgezeichnet

“Könnte es eines Tages auch ihr passieren, dass ein Mann sie kleiner macht, als sie war?” (S.88)

Am Anfang konnte ich noch gar nicht einschätzen, auf welche Reise ich mich mit diesem Buch einlasse. In jedem Fall hätte ich nicht gedacht, dass ich mich in so vielen unterschiedlichen Arten wiederzuerkennen.

“Milch Blut Hitze” ist der Debüt-Roman von Dantiel W. Moniz der 2022 durch den C.H. Beck Verlag im Deutschen veröffentlicht wird. Der Name ist dabei Programm, denn die unterschiedlichen Kurzgeschichten spiegeln verschiedene Facetten davon wider, was es bedeutet eine Frau zu sein - sei es die Milch, mit der man Neugeborene nährt, das Blut, dass man während der Periode blutet oder die Hitze aus Leidenschaft, die man in sich aufsteigen fühlt, ehe sie einen verschlingt.

Wir begleiten in voneinander unabhängig stattfindenden Kapiteln unterschiedliche Frauen dabei, wie sie an gesellschaftlichen Erwartungen scheitern, ihre Rollen hinterfragen oder sich trotz aller Hürden und Hindernissen von den Vorstellungen ihres christlich-konservativen Umfelds losreißen und dabei wie urzeitliche mesopotamische Göttinnen wirken.

Wir erhalten Einblicke in gescheiterte Schwangerschaften, gebrochene Ehen, die Verachtung einer Tochter gegenüber ihrer gefügigen Mutter, aber auch Frauen, die sich dazu entschieden haben, vogelfrei zu leben und losgelöst im Mondlicht tanzen. Wir begegnen Männern die Angst vor der potenziellen Sexualität von Frauen haben, die aus den Frauen sonst eine Lilith machen könnte, die ihre Gaben zur Befriedigung ihrer eigenen Begierden verwenden würde.

Moniz macht keinen Halt davor authentisch die unschönen Seiten des Frauseins zu zeigen - sei es die patriarchale Unterdrückung, der verlangte Gehorsam von Willen und Körper, die Angst vor oder das Sehnen nach Mutterschaft, schwache Partner, die einen nur aufhalten oder sogar Fehlgeburten und die Verdrängung von sexuellem Missbrauch.

In den Geschichten ging es nämlich nie darum, die richtige oder falsche Entscheidung zu treffen oder einen moralischen Standpunkt zu vertreten, sondern darum, Ausschnitte aus Leben zu zeigen, die auch in der Realität stattfinden könnten. Dabei haben die Figuren und ihre Erfahrungen für sich selbst gesprochen und waren unter die Haut gehend lebendig, denn der Zwiespalt, in denen sie sich befunden und die Verzweiflung, die sie gefühlt haben, machten sie menschlich und nahbar.

Deswegen hatte ich auch ständig das Gefühl einer Freundin zuzuhören, die mir von ihren Erlebnissen berichtet, und musste mich immer wieder fragen, wie ich an der Stelle der Figuren gehandelt hätte.
Während des Lesens fiel es mir dementsprechend auch schwer Abstand zu den Figuren und ihren Geschichten zu halten, denn die unterschiedlichen Geschichten sprachen Gefühle und Erfahrungen an, die ich selbst erlebt habe oder mir von einer Freundin vertraulich anvertraut hätten sein können. Es war so, als hätte es Moniz auf den Punkt gebracht, wie ich mich in ähnlichen Situationen gefühlt habe.

Aber genau das ist, was dieses Buch so bewegend macht: Die Erzählungen und Figuren sind so lebendig und lebensnah, dass sie mir unter die Haut gegangen sind, weil die Erfahrungen der Figuren mir auf die eine oder andere Art passieren könnten.

Und wie im richtigen Leben gab es in den Geschichten kein Richtig oder Falsch, sondern nur die Entscheidungen, die die unterschiedlichen Figuren mit ihrem eigenen Gewissen vereinbaren müssen.

Auch der Schreibstil hat mich beim Lesen mitgerissen, denn jede einzelne der Geschichten hatte eine unterschiedliche Stimmung, die schwer in Worte zu fassen ist: Von Befangenheit, Verachtung, Nostalgie und Mystik war vieles dabei, was dafür sorgte, dass ich mich kaum von den Zeilen lösen konnte und die Geschichten und ihre Handlunge unterstützt hat.

Präzise wurden Gefühle benannt und geschickt in Handlungen umgesetzt, die unmissverständlich aufzeigten, um was es den Figuren in dieser Situation ging und welchen inneren Kampf sie kämpfen muss

Bewertung vom 29.12.2021
Misfits
Coel, Michaela

Misfits


sehr gut

“Außenseiter” ist einer der Begriffe, die gerne achtlos rumgeschleudert werden, ohne sich zu fragen, was dieser Begriffe wirklich bedeutet - ob im Pausenhof, auf der Arbeit, in der Familie oder Uni. Außenseiter sind meistens die Leute die nicht zu einer Gruppe gehören, diejenigen mit einer abweichenden Wahrnehmung, abweichenden Interessen oder die einfach irgendwie anders wirken. Aber was heißt es ein Außenseiter - ein Misfit - zu sein? Am Anfang bedeutet es Einsamkeit, Scham und die Angst vor sozialer Ächtung. Doch mit Zeit, wenn man reift und lernt, dass es noch andere Communities da draußen gibt, bedeutet ein Misfit zu sein authentisch zu sein. Identität und Selbstbewusstsein. Ein Misfit zu sein bedeutet eine Geschichte zu haben, die von der Norm abweicht und von vielen vielleicht gar nicht erst verstanden werden kann.

Der Roman “Misfits” appelliert an jeden Misfit seine Geschichten zu teilen.

“Misfits” ist ein Roman von der Schauspielerin und Drehbuchautorin Michaela Coel der 2022 durch den Ullstein-Verlag im Deutschen veröffentlicht wurde. Dieser Roman ist Coels Appell an die eigene Authentizität und der Aufruf dazu den Mut zu haben, die eigene Geschichte zu erzählen - unabhängig davon, was der Mainstream verlangt.

Das Buch baut auf einer Rede auf, die Coel für ein Filmfestival verfasst hat. Die Rede selbst unterlag während des Schreibprozesses vielen Veränderungen: Während Coel zunächst noch eine positive und heitere Rede geschrieben hat, wurde ihr klar, dass sie zwar nicht gelogen hat, aber die Rede doch nicht ihrer Wahrheit entsprach. Coel entschied sich dazu, ihre Erfahrungen als Schauspielerin und Drehbuchautorin in einer Branche zu teilen, die auf Intransparenz und Karrieresucht aufbaut. Sie erzählt die Geschichte einer Frau, die sich gegenüber Rassismus und sexuellem Missbrauch behaupten musste, aber auch eine Geschichte über mangelndes Budget, Produzent:innen die zwar behaupteten nicht rassistisch zu sein und der Ideologie nicht angehörten, aber nicht gesehen haben, dass sie farbige Schauspieler anders behandelten. Und sie erzählt über eine Branche, die über die Art und Weise wie Geschichten erzählt werden bestimmt, aber sich gerne von denen inspirieren lässt die dem Mainstream nicht angehören.
Dabei möchte Coel Transparenz: In der Filmbranche geschieht zu viel hinter geschlossenen Türen, ohne Klarheit darüber, wie Geld fließt oder Entscheidungen getroffen werden.
Dadurch erhofft sich Coel denen eine Stimme zu geben, die vom Mainstream verschlungen oder ausgestoßen wurden, um ihnen und sich selbst Gehör zu verschaffen.

Coel hält ein Plädoyer für die, welche sich noch nicht für sich selbst stark machen können, um ihre eigenen Blick auf die Welt zu teilen.
Es sollen die Geschichten erzählt werden, die tatsächlich berühren, die authentisch sind und die sonst vergessen werden - losgelöst von den weißen und hetero-normativen Perspektive und Skripte, die unseren Alltag bestimmen.

Dabei schreibt Coel lebensnah und eingängig, ohne einem beim Lesen das Gefühl zu vermitteln, von oben herab behandelt zu werden. Vielmehr hatte ich das Gefühl, einer Freundin zuzuhören, die selbstreflektiert ihre Erfahrungen teilt und keine Angst davor hat, sich verletzlich und angreifbar zu zeigen.

Deswegen denke ich, dass dieses Buch wertvoll ist und die Leute anspricht, die sich selbst noch nicht ausdrücken können.
Das Buch ist ein Appell stolz auf sich und die eigenen Erfahrungen und auch Narben zu sein, ohne die Scheu davor, nicht dazuzugehören.

Bewertung vom 26.11.2021
Der Club der Lebensmutigen
Weiß, Josefine

Der Club der Lebensmutigen


gut

“Der Club der Lebensmutigen” ist ein Roman von Josefine Weiss, der 2021 durch den FeuerWerke veröffentlicht wurde und handelt von dem Mut den man braucht um wirklich zu leben.
Dabei merkt man schnell, mit welchem Lebensmut und welcher Hoffnung die Geschichte geschrieben wurde. Die Liebe der Autorin zu ihren Figuren und der Geschichte wurde bereits in den ersten Kapiteln durch die liebevolle Beschreibung der Charaktere und der Umgang mit ihren Krankheiten deutlich. Anstatt Krankheiten zu stigmatisieren und die Betroffenen Menschen als Opfer darzustellen, wurde gezeigt, mit welcher Stärke sie ihre Aufgaben und Hindernisse bewältigen, ohne dabei Mitleid hervorrufen zu wollen.
Das ist umso wichtiger, da die Autorin uns direkt im Prolog mit einem Schicksalsschlag konfrontiert wurde, der mir erst mal den Atem geraubt hat.
So wird auch schnell das Thema der Geschichte klar: Wie kann man trotz schweren Schicksalsschlägen wie Trauer, Trauma und schwerwiegenden ärztlichen Diagnosen den Mut finden am Leben teilzunehmen und sogar eine unbeschwerte Zeit erleben? Gerade dann, wenn der Tod unausweichlich auf einen wartet?
Dabei verfolgen wir Marleen, welche durch den Verlust ihres Partners in einer Depression versunken ist und erst nach Jahren an Therapie zumindest mit dem Gedanken spielt, wieder mehr zu tun als zu arbeiten und in der Wohnung vor sich hin zu vegetieren.
Als Antithese steht ihr Hannes gegenüber, welcher es sich trotz, oder gerade wegen seiner Krebsdiagnose zum Ziel genommen hat, jede verbliebene Sekunde dazu zu nutzen, sich seinem Umfeld und insbesondere seinen Lieben zu widmen.
Dabei wird auch der “Club der Lebensmutigen” vorgestellt, der von Hannes gegründet wurde und ein Sammelsurium aus unterschiedlichen Charakteren mit unterschiedlichen Lebensgeschichten ist. Die Clubmitglieder werden durch ihre Liebe zum Leben und ihrer Liebe zueinander zusammengehalten und versuchen gemeinsam mit ihren unaufhaltsamen Schicksalen umzugehen und gemeinsam arbeiten sie daran, jeden letzten Augenblick auszukosten.
Der Schreibstil ist gut - Handlungen fließen flüssig ineinander ein, Gespräche sind dynamisch und ich hatte immer ein Gefühl davon wie es einer Figur ging und welche Mimik und Gestik sie verwendete.
Aber die Umsetzung der Geschichte und gerade der Figuren waren nicht so komplex, wie sie es hätte sein können und vielleicht hätten sein sollen.
Weiss konnte ihre Geschichte so erzählen, dass sie mich berührte und sogar hin und wieder fast zum Weinen gebracht hat. Aber an vielen Stellen hätte ich mir gewünscht, dass die Figuren nicht nur ihre dauer-positiven Fassaden zeigen, sondern auch Einblicke in ihre tiefere Gefühlswelt gezeigt hätten und sogar mehr über ihre Lebens- und Werdensgeschichte erzählen würden.
Rohe Emotionen wie etwa Wut, Angst oder Depression wurden nur idealisiert und verschönt wiedergegeben, ohne das Gefühl vermitteln zu können, wie zerreißend und überwältigend sich die Gefühle gerade vor dem nahenden Tod anfühlen.
Auch waren die Nebencharaktere, wie etwa die Familien und Freunde Klischeehaft in ihrer Ausarbeitung und haben keinerlei Tiefgang oder stärkere Emotionen gezeigt - außer wenn es darum ging den Hauptfiguren eine Art von “closure” zu bieten. So zeigte sich die Mutter erst zum Schluss in Bezug zu ihrem Kontrollzwang einsichtig, ohne eine Art von Konflikt zu bieten. Das fand ich schade, gerade weil besonders die eigenen Familie unsagbar viel Leid erfährt, wenn man selbst mit dem nahenden Tod konfrontiert wird.
Deswegen wirkte die Welt und die Menschen auf mich unrealistisch positiv - negative Gefühle wurden zu schnell aufgearbeitet, als dass diese tatsächlich die den Leser in ihrer Tragweite und Bedeutung irgendwie beeinflussen hätten können. Konflikte zwischen den Figuren waren selten vorhanden und konnten selbst dann schnell aufgelöst werden.
Deswegen denke ich, dass es der Geschichte geholfen hätte, wenn sie länger gewesen wäre - das am Besten als eine Reihe, die sich noch mal intensiver mit

Bewertung vom 15.11.2021
War Zone Earth I: Dunkle Schatten
Auriel, Skadi

War Zone Earth I: Dunkle Schatten


schlecht

Ich wollte dieses Buch lesen, da ich die Erwartung hatte, einen Horrorroman mit Sci-Fi-Elementen erleben zu dürfen, dessen Fokus auf den Abgründen der menschlichen Psyche liegt.
Leider wurde ich enttäuscht.
„Warzone Earth 1“ ist der Debütroman von Skadi Auriel, welcher 2020 durch Bookmundo Direct verlegt wurde. Thema des Buches ist der Umgang von Menschen mit Extremsituationen, weswegen insbesondere psychische Krankheiten thematisiert werden.
Leider konnte das Buch diese Versprechen nicht erfüllen.
Prinzipiell war das Potential da: Der Plot verspricht ein Abenteuer, in dem es um die Auseinandersetzung mit Aliens und Zombies geht. Doch waren die erzählerischen Fähigkeiten der Autorin nicht ausgereift genug, um so ein Geschichte erzählen zu können, weswegen es mir schwer viel Freude an dem Buch zu haben.
Unteranderem hat Auriel ihren Figuren und ihrer Geschichte nicht den Raum und die Möglichkeit gegeben, sich überzeugend zu entfalten. Anstatt Szenen oder Gespräche zu beschreiben in denen wir die Charaktere mit all ihren Eigenschaften und Eigenarten kennenlernen können, werden sie uns mit diesen direkt auf dem Silbertablett serviert. Ihre Beziehungen zueinander werden erklärt ohne in der tatsächlichen Interaktion genuin zu wirken.
Das passierte, weil Gespräche absolut trocken, steif und sogar langweilig wirkten. Es wurde keine Alltags- oder Umgangssprache verwendet – viel schlimmer noch: Die Figuren sprechen so, als würden sie ein förmliches Sachbuch vorlesen, ohne dabei authenitsich wirkende Mimiken oder Gestiken zu zeigen. Zwar wurden hin und wieder kurze Beschreibungen nach einigen Sätzen geboten, dabei handelte es sich jedoch um die bloße Nennung einer Emotion, statt die Reaktion zu beschreiben oder ein Gefühl von Nuancen zu haben. War eine Figur angesäuert, wurde dies anspruchslos genannt, anstatt zu beschreiben wie das im Gesicht, der Sprache oder der Gestik der Person erkenntlich wurde. Auch was die Figure sagten war in der Umsetzung anspruchslos und inauthentisch, da nicht das Gefühl entstand, dass es sich hierbei um das Gespräch zwischen entwickelten Charakteren handelt, sondern um das was ein Kind wiedergeben würde, wenn es dieses Gespräch nachspielen müsste. So kamen die Figure direkt zum Punkt, ohne überzeugende Begrüßungen, Abschiede oder Überleitungen zwischen den angesprochenen Themen.
Das schlimmste daran ist: Selbst wenn es Situationen gab, in denen man die Figuren erleben und kennenlernen könnte, wurden solche Situationen einfach nur im Vorbeigehen angeschnitten und somit verschwendet. Beispielsweise wurde ein Date bloß im nachhinein erwähnt, anstatt diese Situation zu nutzen um die Figuren darzustellen und ihre Beziehung für den Leser erlebbar zu machen. Stattdessen holte eine Figur aus dem Nichts eine Rose und ein gerahmtes Bild ohne Grund und Anlass, was die romantische Beziehung der Figuren verbildlichen soll.
Das war Kitschig und Clichehaft, ohne dass die Figuren irgendwie Tiefgang bekommen haben.
Auch die Handlungen selbst überzeugte nicht: Unnötige Details wurden bis ins Kleinste durchgekaut, nur um die Figuren plötzlich eine Flucht zu ermöglichen, weil sie sich plötzlich an einen Jujutzugriff erinnert wurde oder die Bösen zu unaufmerksam und unvorsichtig waren. Beispielsweise hatte ein Hochsicherheitslabor der Aliens keine ordentlichen Brandschutzmaßnahmen… Diese Szenen wurden dadurch anstrengend zu lesen, wirkten absolut undynamisch und als Leser wurde ich genervt, weil es plötzliche Lösungen gab, welche so nicht zu den Charakteren oder dem Worldbuilding passten. Der Schreibstil wirkte an solchen Szenen so, als würde ein Grundschüler sein Wochenende langatmig der Klasse vortragen ohne zum Punkt zu kommen.
Das alles zusammengenommen führte dazu, dass ich während des Lesens ständig abgeschweift bin und sogar durch Gespräche oder Handlungen genervt wurde, weil es unbefriedigend war wie diese Szenen abliefen. Es hat mich genervt, dass Handlungen und Gespräche nicht ausgereift genug waren, wesweg