Benutzer
Top-Rezensenten Übersicht

Benutzername: 
lesedelfin
Wohnort: 
berlin

Bewertungen

Insgesamt 20 Bewertungen
12
Bewertung vom 23.09.2023
Zeiten der Langeweile
Becker, Jenifer

Zeiten der Langeweile


sehr gut

Wie brutal und quälend Langeweile wirklich sein kann, beweist Jenifer Becker mit diesem großen Roman »Zeiten der Langeweile«. Die Protagonistin ist unnahbar und eigenwillig, ihre Motive bleiben halbwegs schleierhaft, doch sie beschließt, sich gänzlich aus dem Internet zu löschen, und das mit einer Besessenheit und Biss, dass es einem fast schon imponiert. Beharrlich verweigert sie sich sämtliche Profile online, jedwedes Bild, auf dem auch nur ein Finger von sich zu sehen ist, lässt sie löschen, und verzichtet zeitweise gänzlich auf Internet, schirmt sich ab.

Im Zuge dessen wird ihr auch schmerzlich bewusst, dass sie so immer mehr aus dem echten, analogen Leben verschwindet, da ihr sämtliche Möglichkeiten fehlen, sich mitzuteilen und auszutauschen. So ist der Roman ein bissiger Kommentar zu den Abhängigkeiten im Alltag und Einsamkeit.

Bewertung vom 13.04.2023
Keine gute Geschichte
Roy, Lisa

Keine gute Geschichte


sehr gut

Lisa Roys "Keine gute Geschichte" ist eine eindrucksvolle und bewegende Erzählung, die mich trotz der offen gesagt kindlichen Aufmachung und des irreführenden Covers überzeugen konnte. Die Protagonistin, eine schwierige Person, bisweilen fand ich sie richtig ätzend, gewährt uns radikal ehrliche Einblicke in ihr Innenleben und ihre Vergangenheit, die von Armut, Gewalt und Missbrauch geprägt ist. Roy beschreibt auf treffende Weise, wie diese Erfahrungen einen bis ins Erwachsenenalter prägen können. Der Schreibstil der Autorin ist beeindruckend und zeugt von einer bewundernswerten Beobachtungsgabe. Durch den Handlungsstrang um das Verschwinden zweier Mädchen baut sich sogar richtig Spannung auf. Insgesamt ein lesenswertes Buch, das jedoch das Rad nicht neu erfindet und auch nicht sonderlich lange nachwirkt.

Bewertung vom 13.04.2023
Young Mungo (eBook, ePUB)
Stuart, Douglas

Young Mungo (eBook, ePUB)


ausgezeichnet

"Young Mungo" von Douglas Stuart ist ein bewegender und tiefgründiger Roman, der das Leben eines jungen Mannes namens Mungo in Glasgow in den 1980er Jahren porträtiert. Stuart zeichnet ein lebendiges Bild von Mungos Leben, das von Armut, Familienkonflikten und gesellschaftlichen Vorurteilen geprägt ist. Dabei gelingt es ihm, die Komplexität von Mungos Charakter und seine Beziehungen zu den Menschen um ihn herum auf einfühlsame Weise darzustellen.

Die Sprache des Buches ist unglaublich stark und atmosphärisch, und Stuart versteht es meisterhaft, Mungos innere Kämpfe und Konflikte mit der Welt um ihn herum zum Ausdruck zu bringen. Die Themen des Buches, wie die Auswirkungen von Armut und sozialer Ungleichheit auf das Leben junger Menschen, sind zeitlos und von großer Relevanz.

"Young Mungo" ist ein außergewöhnlicher Roman, der mich tief berührt und nachdenklich gemacht hat. Stuart beweist mit diesem Werk erneut sein außergewöhnliches Talent als Schriftsteller und erweist sich als wichtige Stimme in der zeitgenössischen Literatur. Ein absolutes Muss für alle, die sich für literarische Werke mit sozialkritischen Themen interessieren.

Bewertung vom 05.04.2023
Mindset
Hotz, Sebastian

Mindset


ausgezeichnet

»Mindset« war für mich ein außergewöhnlich warmes Romandebüt, was ganz unprätentiös und mit großer Empathie für die "kleinen Leute" daherkommt. Insbesondere die Kapiteleinstiege haben es mir hier angetan, sie waren gut recherchiert, klug beobachtet und schafften einen Rahmen über die Handlung hinaus. Ansonsten besticht der Roman mit Witz und Tempo, sodass es einem bei der Lektüre keinesfalls langweilig werden sollte.

Bewertung vom 25.02.2023
Männer sterben bei uns nicht
Reich, Annika

Männer sterben bei uns nicht


weniger gut

Allein der Titel »Männer sterben bei uns nicht« und das toll gestaltete Cover machen unmittelbar neugierig auf das Buch. Leider kann der Inhalt nicht bzw. nur teilweise überzeugen. Im Kern geht es um eine Großmutter, eine Matriarchin, und um Strukturen der Unterdrückung und der Macht.

Der vielversprechende Einstieg des Romans, in welchem schöne sprachliche Bilder gezeichnet und eine wundersame Welt geöffnet wurden, war leider bereits das Highlight. Die "Handlung", wenn man die erzählten Fragmente überhaupt so nennen mag, transportieren keine wirklich neuen Denkanstöße oder Emotionen. Die Charaktere sind etwas lieblos und fantasielos gezeichnet und so sind ihre Handlungen auch nicht wirklich nachvollziehbar.

Ich möchte das Buch nicht schlechter bewerten, als es wohl ist, aber mich hinterließ es mit dem Gefühl, meine Zeit verschwendet zu haben. War nix für mich!

Bewertung vom 25.02.2023
Ohne mich
Schüttpelz, Esther

Ohne mich


ausgezeichnet

Esther Schüttpelz' namenlose Protagonistin in "Ohne mich" erobert garantiert ein jedes Leseherz. Nach der Trennung vom ebenfalls namenlosen, nur der Ehemann genannten, Ehemann, bleibt sie allein in einer für sie und ihr etwas karges Dasein viel zu großen Wohnung zurück. "Die nächste Hochzeit musst du selbst bezahlen", kündet ihr die Mutter dann recht mitleidslos. Und die Freunde und Studienkollegen haben zu viel mit dem eigenen Leben um die Ohren, als dass sie richtig für sie da sein könnten.

Schüttpelz schildert auf eine rasend komische Art alles, was einem in den 20ern widerfährt: Trennungsschmerzen, Alkohol- und Drogenexzesse, vage Zukunftsvisionen, die Enden von oder sich durchs Leben selbst ausschleichende Freundschaften, eine quälende Rastlosigkeit und Unzufriedenheit mit sich selbst...

Das Lesen von "Ohne mich" halte ich für jede etwas ratlose Mittzwanzigern für unerlässlich, so treffend, modern und klug bringt Schüttpelz diese Lebensphase auf den Punkt - und hinterlässt einen mit einer großen Portion Mut.

Bewertung vom 06.02.2023
Macht
Furre, Heidi

Macht


ausgezeichnet

Der Roman überzeugt nicht nur mit dem wunderschönen und bildstarken Cover, sondern auch der Klappentext verspricht einiges. Die Autorin schreibt beinahe poetisch, mal zerbrechlich und zart, dann wieder wahnsinnig ehrlich und stark. Es geht um eine Frau, die vergewaltigt wurde, und von dem traumatischen Erlebnis immer wieder eingeholt wird. Ihr Schmerz, die Marginalisierung von Opfern und die Gedankenmuster von Betroffenen wurden wahnsinnig gut eingefangen und machten betroffen. Dennoch muss ich sagen, dass mir im Roman etwas gefehlt hat. Weder die Figuren noch die Handlung fand ich sonderlich stringent ausgestaltet, die Ehe der Protagonistin und ihre Mutterschaft kamen mir wahnsinnig inszeniert vor und Täter kamen mir irgendwie zu gut dabei weg. Natürlich kann ich Zweifel bei Opfern nachvollziehen, aber als Takeaway eines Romans war mit die Message viel zu schwach. Schade!

Bewertung vom 15.11.2022
Für euch
Sayram, Iris

Für euch


ausgezeichnet

Iris Sayram nimmt uns in Für Euch ins Köln der 80er Jahre mit. Sie schildert ihr Aufwachsen in einem Milieu, in dem Mangel an der Tagesordnung steht. Wir lernen ganz besonders ihren Vater und ihre skurrile Mutter kennen, die sich selbst stets treu bleibt und sich aufopferungsvoll um die Tochter kümmert. Für Euch ist Iris' Liebeshymne an ihre Eltern, aber auch an ein längst vergangenes Köln, an die vermeintlich "kleinen Leute", an den Erfindungsreichtum und die Überlebenskunst, die Armut manchmal so mit sich bringt. Und während die Themen des Romans so traurig daherkommen, ist der Roman doch so humor- und kraftvoll und so leuchtend, dass er einen niemals herunterzieht, sondern Stück für Stück aufbaut und eine wahnsinnige, heilende Kraft in sich birgt. Eine herzerwärmende Geschichte von Auf- und Abstieg, die mühelos schwere Kost wie Klassismus und Rassismus offenlegen kann, und zum hemmungslosen Heulen einlädt.

Bewertung vom 20.09.2022
Ich verliebe mich so leicht
Le Tellier, Hervé

Ich verliebe mich so leicht


weniger gut

Herve Le Telliers "Ich verliebe mich so leicht" reiht sich nahtlos an seinen Roman "Kein Wort mehr über Liebe" an. Ein Meisterwerk à "Die Anomalie" hatte ich gar nicht erwartet. Dennoch hat mich dieses Buch ziemlich gelangweilt. Le Tellier taucht wieder in eine dünn konstruierte Welt ein und schildert eine einfallslose Romanze, deren Bedeutung mir während der Lektüre stets schleierhaft blieb. Der Schreibstil ist nüchtern und distant, was einerseits irgendwie interessant ist, jedoch keine der Figuren sympathisch oder auch nur greifbar für mich machte.
Außerdem fand ich die Komposition und Gliederung vorhersehbar, langweilig und obsolet.
Man muss dem Buch jedoch zugute halten, dass es Le Tellier doch gelingt, die Mechanismen des Älterwerdens und Altern zu erklären, und dass man so in die Denkweise eines Manns in der Midlife Crisis vordringen kann. Zweifelhaft ist jedoch, ob man das möchte.

Bewertung vom 22.08.2022
Intimitäten (eBook, ePUB)
Kitamura, Katie

Intimitäten (eBook, ePUB)


sehr gut

"Intimitäten" heißt dieser schnörkellose, sogartige Roman der US-amerikanischen Autorin Katie Kitamura und um Intimitäten geht es auch, in vielerlei Hinsicht.

Die Erzählerin ist als Dolmetscherin am Gerichtshof in Den Haag tätig und beschreibt nüchtern und präzise die Arbeit des Übersetzens, die Intimität, die erzeugt wird, wenn man zum Sprachrohr für jemand anderen wird, auch zum Sprachrohr eines Verbrechers oder eines Geschädigten eines grausamen Verbrechens. Sie analysiert mit einem klaren Blick die Macht der Sprache, Gewalt und die Abgründe, die sich beim Übersetzen auftun.

Zugleich geht es um Liebe und Eifersucht, um Nähe und Distanz und um Wahrheiten. Die Erzählerin ist heimatlos, ihre Beschreibungen des Lebens in einer neuen Stadt und der Suche nach Heimat und Zugehörigkeit beinhalten eine universelle Wahrheit. So ist das Buch geradezu hypnotisch und man gerät mit der Protagonistin in den Strudel, in den sie sich begibt, als sie sich auf einen Mann einlässt, der mit seiner Noch-Ehefrau noch nicht gänzlich abgeschlossen hat.

Mich lässt nur die Frage nicht los, was der Roman mir nun sagen sollte: Das Ende ließ mich ratlos und unbefriedigt zurück.

12