Benutzer
zu den Top-Rezensenten

Benutzername: Elisabeth
Danksagungen: 3 (erhaltene)


Bewertungen

Insgesamt 59 Bewertungen
Bewertung vom 07.01.2019
AMNESIA - Ich muss mich erinnern
Herrmann, Jutta Maria

AMNESIA - Ich muss mich erinnern


sehr gut

Geschildert werden in diesem Roman sechs Tage im Leben der Protagonistin, eingerahmt von einem Prolog und einem Epilog. Sehr eindrücklich werden Helens psychische Verfassung und ihre Medikamentenabhängigkeit geschildert, doch dauert es bis zur zweiten Hälfte des Romans, bis die Spannung zunimmt – dann allerdings rasant. Dabei gibt es immer wieder Rückblenden in ihre Kindheit und Jugend, die die Identifikation erleichtern. Allerdings hat das offene Ende mich dann doch nicht völlig überzeugen können, was aus einer sich mir nicht vollends erschließenden Logik resultiert. Ich nehme Helens Mutter am Ende den Wandel einfach nicht ab, auch wenn es heißt, sie sei wie eine „verschlossene Auster“, die man nur „zu öffnen“ bräuchte.
Die Handlung wird aus der Ich-Perspektive erzählt, was einen guten Einblick in die Psyche eines Menschen gibt, der dem Tod geweiht ist. Hier hat Jutta Maria Herrmann wirklich sehr gute Recherchearbeit geleistet. Kurze Sätze an den passenden Stellen lassen Helens Verzweiflung überzeugend zur Geltung kommen und verleihen dem Lesen Tempo. Dass die Autorin sprachliches Knowhow besitzt, zeigen die wirklich detailreichen Beschreibungen, eine dichte, atmosphärische Sprache und eindringliche, pointierte Formulierungen wie „ein Korsett aus Panik“.
Neben dem Einblick in die Psyche einer Sterbenden und der Medikamentenabhängigkeit sind zerrüttete Familienverhältnisse und häusliche Gewalt weitere Themen des Romans. All diese sind ebenfalls realistisch und nachvollziehbar dargestellt.
Der Roman kommt mit einer überschaubaren Zahl an Charakteren aus. Alle sind detailliert, lebensnah und – vor allem – wandlungsfähig dargestellt. Insbesondere Helens Schwester präsentiert sich während des Geschehens sehr vielschichtig und ließ mich nach dem Lesen mit einem Gefühl des Zweifels zurück. Ähnliches gilt für ihre Mutter.
Das Cover ist dunkel gehalten, mit einem zerkratzten Hintergrund versehen, und vor allem das in Großbuchstaben geschriebene Wort „Amnesia“ sticht ins Auge. Gemeinsam mit seiner „rauen“ Struktur passt es sehr gut zum beklemmenden Inhalt des Romans.
Ich muss gestehen, der Thriller lässt mich doch etwas zwiegespalten zurück, denn im Grunde hat er alles, was ein guter, ja sogar brillanter Thriller braucht: einen spannenden Plot, ausgefeilte Charaktere, tiefgründige Psychologie und eine überzeugende Sprache. Dennoch konnte mich das Buch nicht restlos überzeugen, was vor allem auf den stellenweise fehlenden Nervenkitzel zurückzuführen ist. Doch kann ich das Buch nichtsdestotrotz als lesenswert einstufen.

Bewertung vom 06.01.2019
Bittere Schokolade / Xavier Kieffer Bd.6
Hillenbrand, Tom

Bittere Schokolade / Xavier Kieffer Bd.6


ausgezeichnet

Wir wollen alles – und das sofort, billig und aus aller Herren Länder. Nur ab und zu meldet sich unser schlechtes Gewissen. Den Konsequenzen dieser Konsumentenmentalität kommt Tom Hillenbrand auf spannende und informative Weise auf die Spur.
In „Bittere Schokolade“ ermittelt Xavier Kieffer nun schon zum sechsten Mal im kulinarischen Milieu. Der Kriminalroman ist im November 2018 bei Kiepenheuer & Witsch erschienen und umfasst 480 Seiten.
Als der luxemburgische Koch Xavier Kieffer nach vielen Jahren seine ehemalige Freundin wiedertrifft, engagiert diese sich inzwischen als Pattiseurin für sozial verträglichen Kakao- bzw. Schokoladenanbau und –handel. Doch kurze Zeit darauf wird sie vor seinen Augen niedergeschossen; für Kieffer natürlich ein Grund, auf eigene Faust zu ermitteln. Dabei führen seine Ermittlungen tief in den Dschungel des alles andere als koscheren Kakao- und Schokoladengeschäfts.
Hillenbrands Roman überzeugt nicht in erster Linie durch seine durchgängige kriminalistische Spannung im herkömmlichen Sinne, sondern vielmehr durch seine nicht weniger dramatische Thematik. Zwar stößt man beim Lesen immer wieder auf äußerst spannungsgeladene Passagen, wenn Kieffer z.B. in einer Hauruckaktion seine eigenen Nachforschungen auf der afrikanischen Kakaoplantage von Varanga anstellt oder in einem fulminanten Showdown Verbrechern gegenübersteht, doch ist das eigentlich Ungeheuerliche der Einblick in das spekulative Geschäft mit dem Kakaoanbau, der sich bestimmt auf beliebig viele Branchen übertragen lässt und zum Nachdenken anregen sollte – ein Thema, das mich persönlich schon lange beschäftigt. Dabei ist die Handlung von Anfang bis Ende logisch aufgebaut, lässt es aber dennoch nicht an Überraschungsmomenten missen.
Weitere gesellschaftskritische Themen, die in diesem Roman angesprochen werden, sind das Hofieren des Essens, wenn Kieffer auf seine Hausmannskost setzt, die Dominanz der digitalen Medien, wenn z.B. Valéries Verlag am Rande des Ruins steht, und eine immer wieder einfließende Kritik an der Europapolitik, hier personifiziert in Kieffers Freund Pekka Vatanen. Nicht zuletzt erhalten Leser/innen einen liebevollen Einblick in luxemburgische Besonderheiten.
Sehr gut gefallen haben mir Hillenbrands Sprache und Stil. Die Sprache ist eine angenehme Mischung aus Anspruch, wenn z.B. Begriffe wie „quichottenhaft“ verwendet werden, und Flapsigkeit. Auch das Luxemburgische kommt nicht zu kurz, und typische Gerichte werden am Ende in einem Glossar erklärt - alles in allem abwechslungsreich, gut und flüssig zu lesen. Ist das Thema des Buches an sich auch ernst zu nehmen, fehlt es dennoch nicht an einer klug eingestreuten Prise Humor: „Kieffer wollte nicht selten abstürzen, sondern überhaupt nicht.“
Dieses ist der erste der kulinarischen Krimis, die ich gelesen habe. Und ich muss festhalten: Mit Xavier Kieffer hat Tom Hillenbrand einen mir wirklich sympathischen Protagonisten geschaffen – nicht mehr der Jüngste, Kettenraucher und in mancherlei Hinsicht herrlich unbedarft spontan (Wer reist schon so völlig unvorbereitet in den Kongo?), kommt er auf unorthodoxe Weise doch ans Ziel. Auch alle anderen Charaktere sind wandelbar, detailliert und sorgfältig gezeichnet.
Der Titel ist Programm, das Cover für alle Schokoladenfans eine Augenweide: Wer träumt nicht von diesem cremigen Genuss? Mir jedenfalls läuft – trotz des weniger schönen Hintergrunds – bei dessen Anblick das Wasser im Mund zusammen.
Insgesamt hat mir dieser Krimi in vielerlei Hinsicht große Lesefreude bereitet und Denkanstöße geboten, und es wird bestimmt nicht der letzte Roman um diesen außergewöhnlichen Amateur-Ermittler gewesen sein, den ich gelesen habe. Für mich jedenfalls das erste Highlight des Jahres und eine uneingeschränkte Leseempfehlung.

Bewertung vom 06.01.2019
Rachgier / Tony Hill & Carol Jordan Bd.10
McDermid, Val

Rachgier / Tony Hill & Carol Jordan Bd.10


ausgezeichnet

Um es vorweg zu sagen: Der Thriller gleicht eher einem Krimi, stehen doch die Mordermittlungen im Mittelpunkt. Dieses tut der Spannung jedoch keinen Abbruch, und die Grenzen zwischen diesen beiden Genres sind bekanntermaßen fließend.
Das Buch ist von der ersten Seite an spannend geschrieben, und der Spannungsbogen steigt bis zum Ende stetig an. Auch wenn mich gegen Ende Carols Gedankengänge sehr irritierten und sie fast von mangelnder Professionalität seitens der Ermittlerin zeugen, fand ich den Schluss an sich überraschend und sowohl brillant als auch tragisch. Hier hat McDermid erneut bewiesen, dass sie ihr Handwerk wirklich versteht und die Lesenden überraschen kann.
Der Roman selbst umfasst mehrere Erzählstränge. Neben dem eigentlichen Mordfall haben Carol und Tony sowohl auf beruflicher als auch auf privater Ebene ihre Kämpfe auszutragen, und auch unter ihren Teammitgliedern gibt es einige, die nebenbei mit der Lösung eigener Probleme beschäftigt sind. Dieses hat zur Folge, dass die Erzählung immer wieder vom eigentlichen Kriminalfall abweicht, was aber dem Spannungsaufbau nicht schadet. Genau im Gegenteil: Dadurch bekommt der eigentlich der Unterhaltung dienende Roman neue thematische Impulse, hier z.B. die Kritik am Umgang mit dem Internet, insbes. den Social Media, die Denkanreize bieten. Auch das mehrmalige Rückgreifen auf ältere Fälle behindert das Verstehen nicht.
Die unterschiedlichen Perspektiven, aus denen der Thriller erzählt wird, sind ebenfalls sehr reizvoll. Neben den einzelnen Ermittlungsbeschreibungen erfolgt immer wieder ein Wechsel zur Perspektive des Mörders. Hier erfährt man nach und nach, welche Motive der Täter hat, sodass man sich beim Lesen in dessen Psyche hineinversetzen kann und dem Ermittlungsteam in weiten Phasen an Wissen voraus ist. Sehr interessant und überzeugend fand ich die immer wieder eingeblendeten Gedanken von Tony Hill, es also nachzuvollziehen, wie er an den Fall herangeht.
Die Charaktere sind detailliert und realitätsnah beschrieben, weshalb es leichtfällt, sich mit ihnen zu identifizieren. Selbstzweifel, von denen einige Ermittler/innen immer wieder heimgesucht werden, lassen die fiktiven Figuren menschlich erscheinen. Lediglich die Intrigantin Penny Burgess war mir von Anfang an unsympathisch, was mir die Identifikation erschwerte.
McDermids Sprache ist schnörkellos und flott zu lesen, es fehlt auch nicht an humoristischen Elementen. Dass die Autorin gewandt mit Sprache umgehen kann und gut recherchiert hat, kann man Begriffen wie „kathartische Tat“ und ähnlichem entnehmen.
Insgesamt handelt es sich bei „Rachgier“ um einen spannend und hervorragend geschriebenen Roman, der Leserinnen und Leser von der ersten bis zu letzten Seite in seinen Bann zieht, durch gut Recherche und sprachliches Knowhow glänzt. Ein Buch, das ich allen Thriller- und Krimileser/innen einfach nur ans Herz legen kann.

Bewertung vom 30.12.2018
Blutwette / Julia Durant Bd.18
Franz, Andreas; Holbe, Daniel

Blutwette / Julia Durant Bd.18


gut

Mit Julia Durant schuf Andreas Franz eine starke Kommissarin. Nach seinem Tod trat Daniel Holbe dessen Erbe an und führt die Reihe nun mehr fort, sodass die Frankfurter Polizistin hier schon in ihrem 18. Fall ermittelt. Mit dabei wie immer: ihre bewährtes Team.
Unter dem Titel „Blutwette. Julia Durants neuer Fall“ erschien dieser Kriminalroman im August 2018 bei Knaur Taschenbuch und umfasst 416 Seiten.
Da ich Franz‘ Krimis sehr gern gelesen habe, freue ich mich immer wieder auf einen neuen Fall der Durant. Doch muss ich auch feststellen, dass Holbes Romane nicht an das Original heranreichen.
Im Gegensatz zu den vorherigen Roman brauchte es dieses Mal einige Zeit, bis ich mich in den Fall hineingefunden hatte: Er beginnt zwar, wie gewohnt, mit einem Todesfall, dann werden aber erst einmal verschiedene Szenen und Vorkommnisse geschildert, die im Laufe des Romans nicht unbedingt eine tragende Rolle spielen. Die vielen losen Fäden verwirren beim Lesen eher, als dass sie Spannung erzeugen, und werden am Ende nicht alle befriedigend miteinander verknüpft. Erst ab etwa der Hälfte des Romans steigt der Spannungsbogen allmählich an, jedoch kam ich trotz allem beim Lesen nicht so richtig in den Flow. Einige Ungereimtheiten während der Ermittlungen, warum z.B. Kullmer so vehement auf seinen Undercover-Einsatz beharrt, oder was das Steine in den Weg-Legen von oberster Stelle jetzt wirklich zu bedeuten hat, blieben mir bis zuletzt unklar. Gerade bei Letzterem habe ich den Eindruck, als wollte Holbe einfach noch etwas Skandalträchtiges und Publikumswirksames in die Handlung einbauen. Verschwörungstheoretiker gibt es allerdings, meiner Meinung nach, schon genügend in diesem Land.
Wenn es um Julia Durants privates Schicksal geht, das sich durch alle Bände hindurchzieht, kommt es beim Lesen immer wieder zu Doppelungen, auch werden Details aus ihrem Umfeld geschildert, die für die Handlung an sich keine Rolle spielen, sodass das Lesen zwischendurch recht langatmig erscheint. Natürlich müssen Hintergründe offengelegt werden, damit auch Neueinsteiger/innen in eine Reihe befriedigt werden, doch ist es hier einfach des Guten zu viel. Da hilft es auch nicht, dass sich den Leser/innen immer wieder neue Spuren auftun, in Sackgassen enden und überraschende Wendungen angebracht werden.
Sprachlich lässt sich der Krimi, wie gewohnt, locker und leicht lesen.
Die Charaktere werden detailliert dargestellt und erweisen sich als wandlungs- sowie lernfähig. Besonders Dina hat mich am Ende doch überrascht und hinterlässt bei mir einen zwiespältigen Eindruck.
Der Grundtenor des Buches ist derselbe wie immer: Die Welt ist voller Grausamkeiten, doch gibt es Menschen, die diesen nach bestem Wissen und Gewissen entgegentreten und nicht aufgeben, auch wenn der Kampf endlos erscheint: Grund zur Hoffnung gibt es also allemal, ohne dass die Welt rosarot gemalt wird. Dieses ist eine Botschaft, die mir an diesen Büchern sehr gut gefällt.
Alles in allem handelt es sich auch bei diesem 18. Durant-Band wieder um einen zwar guten und durchaus auch lesenswerten Krimi, wenn man die Durant und ihr Team aber wirklich auskosten und liebgewinnen möchte, sollte man eher zu den älteren Bänden greifen. Von mir gibt es dennoch eine Leseempfehlung, doch sollte man die Erwartungen nicht zu hoch schrauben.

Bewertung vom 29.12.2018
Die Sache mit der gestohlenen Zeit / Zarah und Zottel Bd.2
Birck, Jan

Die Sache mit der gestohlenen Zeit / Zarah und Zottel Bd.2


ausgezeichnet

Hausmeister Holzköppel wirft Zarah, Zottel und ihren Freunden vor, ihm mit ihren Spielen auf dem Hof die Zeit gestohlen zu haben. Doch das wollen die Kinder nicht auf sich sitzen lassen. Und so machen sie sich auf die Suche nach der gestohlenen Zeit … und entdecken dabei Verblüffendes …
„Wir haben einfach zu wenig Zeit.“ Wer kennt das Problem nicht? Auch Kinder leiden schon unter diesem Zuwenig. In seinem Buch regt Jan Birck auf kindgerechte und einfallsreiche Weise dazu an, dem Mangel an Zeit auf die Spur zu kommen, und zeigt, dass ein Mehr an Zeit auch ein Mehr an Miteinander zur Folge hat.
Weitere Themen, die Kinder betreffen und in diesem Buch angesprochen werden, sind das Aufwachsen mit nur einem Elternteil sowie der Traum vom Indianerleben.
Blättert man das Buch durch, stechen einem zuerst die großflächigen, künstlerisch wertvollen und dennoch Kindern angemessenen Bilder ins Auge. Sie sind achtsam, mit Liebe zum Detail gezeichnet und geben Anlass zum Innehalten, Betrachten und Entdecken. Außerdem bergen sie eine gewisse Dynamik in sich, was bei Kindern des medialen Zeitalters gut ankommen dürfte.
Der Text ist in kleinen Portionen auf den Seiten verteilt, sodass sich das Buch auch als erste Lektüre für Erst- und Zweitklässler/innen eignen sollte. Sehr gefallen hat mir, dass man das Buch auch ab und an drehen und wenden muss, um das Geschriebene richtig lesen zu können. Die Sprache ist einfach gehalten, die Sätze und Satzkonstruktionen sind nicht zu kompliziert, entsprechen also den Verstehenskompetenzen von Kindergarten- und Grundschulkindern, ohne jedoch zu anspruchslos zu sein. Auch in diesem Buch fehlt es wieder nicht an Wortwitz und –spielerei.
Alles in allem präsentiert Jan Birck auch mit diesem zweiten Band wiederum ein Bilderbuch, das sowohl Kindern als auch Vorleser/innen Freude bereitet, Grund zum Nachdenken gibt und Leseanfänger/innen dazu animiert, sich mit der geschriebenen Sprache zu beschäftigen.

Bewertung vom 27.12.2018
Flanders Fluch
Schmidt, Alexandra

Flanders Fluch


sehr gut

„Seine Tage waren gezählt. Und er fand das Ende, das er verdient hatte.“

Der junge Architekt Matthias Veigerl sucht, verwaist und mittellos nach dem Suizid seines Vaters, seinen Großvater, Heinrich, gen. Hinnerk, Veigerl, im Dorf Flander auf. Doch dort begegnet er nur einem totkranken, verbitterten alten Mann, der ihn des Hauses verweist. Als er dann Unterschlupf bei der alten Witwe Regina Gold findet, erfährt er zutiefst Tragisches über seine Familiengeschichte – und warum das Schicksal der Veigels und Golds so eng miteinander verbunden ist.
Es fällt mir schwer, den Roman einem bestimmten Genre zuzuordnen, enthält er doch sowohl Kriminal- als auch Spannungs- und Familiengeschichtsaspekte. Nichtsdestotrotz lässt sich das Buch von Anfang bis Ende spannend lesen.
Dieses ist zum einen dem Handlungsverlauf zu danken: Scheibchenweise erfährt man das Ungeheuerliche aus der Gold’schen und Veigerl’schen Familiengeschichte, wobei sie von der Vorkriegszeit bis hinein in die Gegenwart reicht. Dabei sind die einzelnen Elemente logisch miteinander verknüpft und führen zu einem in sich geschlossenen, zwar tragischen, aber dennoch zuversichtlichen Ende.
Zum anderen fasziniert Schmidts Sprache von Beginn an. Der Roman ist flüssig und, bis auf einige wenige Ausnahmen, stilsicher geschrieben, sodass es der Autorin gelingt, die bedrückende Stimmung des Geschehens plastisch darzustellen und Leserinnen und Leser in ihren Bann zu ziehen. Besonders gelungen sind der jungen Autorin erneut beschreibende Passagen, wenn sie z.B. eingangs das kleine Dörfchen vorstellt.
Erzählt wird die Geschichte aus drei Perspektiven: derjenigen des gleichsam objektiven Beobachters, der alternden Witwe Regina und schließlich aus Sicht des alten Hinnerk. Ab und an kommt es bei diesen drei Erzählebenen zu Doppelungen, die dem Lesefluss und –vergnügen an sich aber keinen Abbruch tun.
Der Roman kommt mit einer übersichtlichen Zahl an Charakteren aus; dem Buch ist zudem eine Übersicht über die „Helden und Schurken der Geschichte“ vorangestellt. Die einzelnen Figuren sind detailliert und facettenreich beschrieben, es fällt leicht, sich in dieselben hineinzuversetzen und mit ihnen mitzufühlen. Insbesondere der alte Hinnerk hat mich während des Lesens immer wieder in seinen Bann gezogen, scheint er doch schwer an der Last, die er auf sich geladen hat, zu tragen.
Das Buchcover rundet den guten Eindruck dieses Werkes ab: Auch auf ihm spiegelt sich die düstere Stimmung des Romans wider.
Alles in allem ist Alexandra Schmidt mit „Flanders Fluch“ ein wirklich lesenswerter Roman gelungen, der alles enthält, was ein fesselndes Buch ausmacht: Tragik, Dramatik und Spannung – eingebettet in einen passenden Schreibstil, der die Beklemmung des Geschehens treffend zum Ausdruck bringt.

Bewertung vom 26.12.2018
Kälter als die Angst / Schneidmann & Käfer Bd.5
Drews, Christine

Kälter als die Angst / Schneidmann & Käfer Bd.5


sehr gut

Mit „Kälter als die Angst“ präsentiert Christine Drews ihren mittlerweile fünften Band rund um das Ermittlerduo Charlotte Schneidmann und Peter Käfer. Der Münster-Krimi ist im Dezember 2018 bei Bastei Lübbe erschienen und umfasst 304 Seiten.
Nach ihrer Scheidung versucht sich Katrin Ortrup gemeinsam mit ihren beiden Söhnen ein neues Leben aufzubauen. Doch das Glück währt nicht lange: Bald erhält sie mysteriöse Drohbriefe. Werden diese anfangs nur bedingt ernst genommen, ändert sich dieses, als Carla Delbrück erschlagen wird. Sie nämlich wohnte jahrelang in Katrins neuer Wohnung. Als sich dann auch noch herausstellt, dass vor Jahren im Nachbarhaus ein ähnlicher Mord wie der an Carla geschah, spitzt sich die Lage zu.
Mit einem Prolog, in dem ein Verbrechen geschildert wird und der unter die Haut geht, schafft es die Autorin gleich zu Beginn, einen Spannungsbogen aufzubauen, der sich nach und nach steigert und bis zum Ende anhält. Gemeinsam mit dem Ermittlerteam wird man auf falsche Fährten und in Sackgassen geführt, sodass man permanent grübelt, was wohl hinter dem Mord und den Drohbriefen stecken mag. Das Ende ist sehr überraschend, aber dennoch logisch und nachvollziehbar. Die eine oder andere kleine Frage bleibt am Ende zwar offen, dieses tut dem Lesegenuss jedoch keinen Abbruch.
Drews erzählt ihren Roman aus drei Perspektiven: aus der Sicht des Täters, der eines ehemaligen, geläuterten Gefängnisinsassen und der des dominierenden Er-Erzählers, welcher die Ermittlungsarbeiten nachzeichnet. Besonders gefallen hat mir beim Lesen, dass die Gedanken des Ex-Häftlings „ein Buch im Buch“ darstellen.
Die Charaktere sind detailliert, lebensnah und durchaus vielschichtig gezeichnet. Viele scheinen nicht diejenigen zu sein, die zu sein sie vorgeben. Gerade Letzteres leitet die Lesenden immer wieder in die Irre, führt zu Nervenkitzel und Überraschungsmomenten.
Katrin Ortrup ist einigen sicher schon bekannt aus Drews Roman „Schattenfreundin“. Auch im weiteren Verlauf des Romans gibt es immer wieder Anspielungen auf Schneidmanns und Käfers ältere Fälle, doch dürfte dieses auch für Neueinsteiger/innen in die Reihe kein Problem darstellen, da diese für den aktuellen Fall von wenig Relevanz sind. Zusätzlich machen sie Lust, auch zu den älteren Bänden zu greifen.
Drews Sprache ist eingängig und flott zu lesen, was gemeinsam mit dem durchgehenden Spannungsbogen für ein flüssiges und aufregendes Leseerlebnis sorgt. Ich jedenfalls mochte während des Lesens den Roman kaum aus der Hand legen.
Wie es sich für einen Regionalkrimi gehört, ist auch das vorliegende Werk gespickt mit Lokalkolorit. Dieses wird gekonnt in die Handlung eingeflochten und zeugt davon, dass die Autorin mit dieser westfälischen Stadt vertraut ist.
Mit „Kälter als die Angst“ konnte Christine Drews mich wieder einmal überzeugen, und ich warte schon gespannt auf weitere Münster-Krimis mit diesem sympathischen Ermittlerduo. Ein Buch, das ich allen Liebhabern deutscher Kriminalliteratur einfach nur ans Herz legen kann.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 25.12.2018
Der Verrat
Sandberg, Ellen

Der Verrat


ausgezeichnet

Liebe und Eifersucht, Verrat und Rache – und dunkle Geheimnisse

Dieser Familienroman liest sie spannend wie ein Psychothriller.
Der Spannungsbogen ist von Anfang an gegeben, gegen Ende steigt er sogar bis ins Unermessliche. Immer wieder wird man beim Lesen auf falsche Fährten gelockt und durch unvorhergesehene Wendungen überrascht. Am Ende wird das Familiengeheimnis lückenlos aufgeklärt und hinterlässt einen tragischen Eindruck – so jedenfalls ging es mir.
Auch dem Schreibstil der Autorin ist die durchgehende Spannung zu verdanken: Sprachlich nicht ohne Anspruch, aber dennoch gut verständlich, vermag es Sandberg, die Dramatik auch über den Satzbau zu transportieren. Kurze, fast fragmentarische Sätze wechseln sich mit eher beschreibenden Elementen ab und verleihen dem Lesen Tempo. Hatte ich einmal mit dem Lesen begonnen, gab es kein Halten mehr.
Das Geschehen wird auf zwei Zeitebenen geschildert, die einander abwechseln: den aktuellen Ereignissen aus dem Sommer 2018 und denjenigen aus den Jahren 1997/98. Beide Zeitebenen verwebt die Autorin gekonnt miteinander, sodass man beim Lesen nach und nach die Tragik und die Umstände des zurückliegenden Mordfalls erfasst.
Die Zahl der Charaktere ist übersichtlich, sie entstammen vor allem zwei Familien. Über weite Strecken des Romans bestimmen Frauen das Geschehen: die drei Schwestern Pia, Birgit und Nane. So unterschiedlich sie auf den ersten Blick auch sein mögen, eines haben sie alle drei gemeinsam: In ihnen schlummern dunkle Geheimnisse. Doch ebenfalls die übrigen Handelnden sind wandelbar sowie detailliert und lebensnah gezeichnet. Am Ende bleibt man mit der Frage zurück, wem man eigentlich noch trauen kann.
Im Ganzen genommen, vereint „Der Verrat“ alles, was einen guten Roman ausmacht: Spannung, Dramatik und meisterliche Erzählweise. Ich jedenfalls kann dieses Buch allen nur wärmstens empfehlen.

Bewertung vom 24.12.2018
Wunderwaffe Wertschätzung
Niedernolte, Tim

Wunderwaffe Wertschätzung


weniger gut

In unserer Gesellschaft weht ein rauer Wind. Ob auf der Straße, im Internet oder Beruf: Jede/r schaut zuerst auf sich selbst, sieht die Mitmenschen kaum noch oder macht sie gar nieder, die Natur wird ausgebeutet. Diesem Trend will Tim Niedernolte die Wertschätzung entgegensetzen. Dabei lässt er eine Menge anderer mehr oder weniger Prominenter zu Wort kommen und berichtet aus seinem eigenen Leben.
Das Buch kommt fröhlich und positiv daher: Auf dem Cover ein lachender Tim Niedernolte, im Inneren fallen den Leser/innen sofort die großen, bunten Fotos ins Auge. Das Glück scheint also wirklich greifbar nahe. Auf den zweiten Blick erscheinen mir die Bilder jedoch eher oberflächlich mit wenig Bezug zum Alltag. Die einzelnen Kapitel sind durch klare, harmonische Farbgebung voneinander abgetrennt, wichtige Aussagen sind farblich abgehoben und zusammengefasst.
Anhand von Gesprächen mit prominenten Zeitgenossen, z.B. Dunja Hayali, Christian Rach oder Marcell Jansen, die ich vorher nicht kannte, geht der Autor auf die Fragen ein, warum Wertschätzung so wichtig ist, wo sie uns begegnet und schließlich welche positiven Folgen eine Kultur der Wertschätzung haben kann. Hier bieten sich durchaus einige Denkanregungen, wenn z.B. erwähnt wird, dass Wertschätzung auch die Achtung vor mir selbst beinhaltet, Mühe bereitet und welche kleinen Gesten im Alltag Wertschätzung zeigen; bei den Ausführungen geht er allerdings zu sehr auf biographische Ereignisse seiner selbst und seiner Gesprächspartner/innen ein. Es fehlten mir beim Lesen einfach der Blick und der Transfer auf den Alltag und die Gesellschaft, die nur am Rande gestreift werden. Auch der Aspekt der Wertschätzung der Natur wird nur im Nebenbei erwähnt. Zwar kommt auch Niedernolte nicht drum rum, den Einfluss der Social Media zu erwähnen, doch ebenfalls hier bleibt er nur an der Oberfläche. Was wir konkret dieser Entwicklung entgegenzusetzen haben und welche Folgen diese negativen Entwicklungen auf Gesellschaft und Umwelt haben, wird mit kaum einem Wort erwähnt.
Niedernoltes Sprache und Stil sind locker flockig. Je weiter ich gelesen habe, desto mehr allerdings stieß mir der teils sehr flapsige Stil auf, wenn z.B. immer wieder von „genervt“ oder „auf die Nüsse gehen“ die Rede ist. An einigen Stellen werden die Leser/innen direkt angesprochen und somit zu Nach- und Mitdenken animiert – eine Form, die mir an sich gefällt, die aber wegen des eher oberflächlichen Inhalts leider nicht sehr zum Tragen kommt.
Ich bin mit großem Enthusiasmus an das Buch herangegangen, war von den ersten Seiten auch recht angetan, aber insgesamt hat mich das Buch doch sehr enttäuscht: Es bleibt zu sehr an der Oberfläche, die „Alltagstauglichkeit“ bleibt auf der Strecke und der Stil wird dem ernsten Thema nicht gerecht. Für jemanden, der sich ernsthaft mit der Wertschätzungskultur auseinandersetzen möchte und einen Blick auf unsere Gesellschaft(sentwicklung) werfen möchte, kann ich dieses Buch leider nicht empfehlen.

Bewertung vom 22.12.2018
Die Plotter
Kim, Un-Su

Die Plotter


sehr gut

Bei „Die Plotter“ handelt es sich um den ersten Thriller des südkoreanischen Schriftstellers Un-Su Kim. Er ist im November 2018 im Europaverlag erschienen und umfasst 360 Seiten.
Raeseng ist Anfang 30. Als Kind aus einer Mülltonne gefischt, wurde er vom Plotter Old Raccoon erzogen und zum Killer ausgebildet. Als sich die politischen Verhältnisse in Südkorea ändern, schwindet auch die Macht der Plotter. Eine neue Generation von Profikillern bildet sich heraus - skrupelloser denn je. Als Raeseng bei einem Mordauftrag von den ihm vorgegebenen Instruktionen abweicht, gerät er selbst auf die Todesliste.
Dieses ist das erste Buch eines (süd-)koreanischen Autors, das ich gelesen habe. Auch wenn das Werk aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt wurde, war ich von Anfang an von Stil und Sprache begeistert. Kims Sprache ist teilweise sehr poetisch, aber dennoch flüssig und flott zu lesen. Beschreibungen sind zumeist sehr detailliert und plastisch, sodass man beim Lesen das Gefühl hat, sich mitten in der fremden Welt zu befinden. Wie es nicht anders zu erwarten ist bei einem Thriller, der im Berufskillermilieu spielt, sind einige Szenen, vor allem gegen Ende, recht brutal zu lesen.
Das Werk beginnt spannend, indem die Leser/innen Raeseng bei einem Auftragsmord begleiten. Danach plätschert die Handlung allerdings erst einmal so vor sich hin, Spannung kommt beim Lesen eher wenig auf. Dafür aber glänzt der Mittelteil des Thrillers durch eine sehr ansprechend zu lesende Reise durch Raesengs Geschichte und Welt. Erst im letzten Drittel des Thrillers kehren die Leser/innen wieder in die brutale Welt der Plotter und Killer zurück, was für reichlich Nervenkitzel und Höhepunkte sorgt und den Eindruck des eher langatmigen Mittelteils abschwächt. Das Ende ist dramatisch und überzeugend und ergibt sich folgerichtig aus dem zuvor Gelesenen.
Die Charaktere sind vielschichtig gezeichnet. Insbesondere empfindet man beim Lesen trotz seines grauenvollen Berufes für den Protagonisten Sympathie, was vor allem daraus resultiert, dass er sich und seine Lage immer wieder reflektiert sowie über die Richtigkeit seines Handelns nachdenkt, ja sogar Versuche unternimmt, diesem zu entkommen. Beeindruckend insgesamt ist die Darstellung des Killermilieus, in dem es einfach darum geht, für Geld zu töten. Argumente oder Überzeugungen haben hier keinen Platz. Diese Milieustudie verleiht dem Roman eine Tiefgründigkeit, die ihresgleichen sucht.
Das Cover kommt unspektakulär daher; es ist übersät mit Blutstropfen. Eine Augenweide indes ist der Buchschnitt, über den sich das Blut ebenfalls ergießt – und somit die Brutalität des Inhalts verdeutlicht.
Insgesamt liegt hier ein sehr lesenswerter Thriller vor, der weniger durch seine durchgehende Spannung, als vielmehr durch seine Sprache, Poesie und das ungewöhnliche Ambiente überzeugt. Für diejenigen, die einmal über den Horizont herkömmlicher Spannungsliteratur hinausschauen wollen, auf jeden Fall eine beeindruckende, lesenswerte Lektüre, die überzeugt.