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Benutzername: sabisteb
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Bewertungen

Insgesamt 1375 Bewertungen
Bewertung vom 07.07.2013
Hurra, es wächst!
Collins, Chris

Hurra, es wächst!


weniger gut

Was einem bei diesem Buch zuerst auffällt, ist er Schreibstil. Er richtet sich in direkter Anrede in Du-Form an den kindlichen Leser. Damit wäre die Zielgruppe wohl nicht die Elternschaft, sondern das Kind. Dafür ist das Buch aber nicht Kindgerecht genug aufgemacht, teils zu überladen und eher für 10-12 Jährige geeignet, also jene, die ohnehin schon alleine gärtnern (sollten). So hatte ich mir das nicht gedacht. Ich hatte ein Buch erwartet, in dem Projekte vorgestellt werden, die man auch schon mit kleineren Kindergartenkindern im Kindergarten durchziehen kann, oder wie man Grundschulkinder der unteren Klassen für Blumen und Pflanzen allgemein interessieren könnte. Was man hier letztendlich bekommt, ist ein ganz normales Gartenbuch, das einem erklärt, wie man Hochbeete anlegt und Pflanzen zieht, das aber nicht kindgerecht sondern nur in kindlicher Sprache.

Die Projekte an sich sind auch nicht kindgerecht, sondern ganz normale Projekte, die sich hauptsächlich um essbare Pflanzen drehen, Gemüsebeete eben. Nix von Wildblumen, verschiedenen Topfpflanzen und dergleichen. Einige Kapitel sind auch meiner Meinung nach fehlerhaft, bzw. provozieren unangenehme Fragen für die Eltern.
So S.32, wo es heißt, Basilikum soll nicht abends gegossen werden, weil er sonst schimmelt. Was ist, wenn es abends regnet? Müsste man den dann nicht konsequenterweise abdecken? Solche Fragen hätte ich als Kind gestellt.
Oder S. 34, da geht es um Unkraut jäten. Als Verfechter des pfluglosen Mischfruchtanbaus muss ich den Autor darauf hinweisen, dass freie Bodenflächen biologisch nicht vorgesehen sind, ist Boden Pflanzenfrei, erodiert und trocknet er aus. Unkrautjäten ist nicht sinnvoll in dieser extremen Form. Zurückstutzen, damit das Unkraut nicht größer ist als die Nutzpflanzen ist OK, besser noch, gleich in Mischkultur mit nützlichen Unkräutern wie Klee pflanzen, der ein Stickstofffixierer ist und die Mitpflanzen so gleich düngt. Mehr Bewuchs hält mehr Feuchtigkeit, kahler Boden trocknet schneller aus.
S. 40 geht es um die Pflanzen, die man mit Kindern sähen kann und da habe ich das Gefühl, dass der Autor keine wirkliche Ahnung von einigen der vorgeschlagenen Pflanzen hat: Kirschtomaten, sehr witzig, es gibt über 2000 Tomatensorten von denen viele geeigneter wären, als die 2 m hoch werdende Kirschtomate. Pfefferminze ist eine echte Pest, die vermehrt sich über Rhizome und sollte auf keinen Fall in einem Beet gehalten werden, aus dem sie ausbüchsen kann, am besten im Topf halten, wo man sie unter Kontrolle hat. Im Übrigen kann man Pfefferminze nicht über Samen anzüchten, da es sich um einen Hybriden handelt, der nur über Stecklinge vermehrt werden kann.
S. 50: Entweder Kartoffeln oder Tomaten, darauf sollte man hinweisen. Pflanzt das Kind Tomaten und Kartoffeln zusammen, wird es eine bittere Enttäuschung erleben, weil die Kartoffeln die Tomate mit Phytophthora infestans umbringt. Auf das Gepläre, weil die Tomatenkultur praktisch über Nach ex geht, hätte ich keine Lust.
S. 54: Überhaupt Tomaten. Es gibt viele Sorten, die man nicht ausgeizen darf, besonders viele alte Strauchtomaten, die sind pflegeleichter, besonders für Kinder, denn um die braucht man sich gar nicht kümmern, nicht mal festbinden.
S. 72: Sonnenblumen im Garten sind für Kinder nicht geeignet. Zwar lassen sie sich sehr einfach anzüchten, haben aber bei einem Naturgarten mit Schnecken gerade mal eine 30% Überlebenschance. Die werden gerne über Nach gefällt und am Morgen hat man das Gepläre und muss trösten. Nein Danke! Wenn Sonnenblume, dann kleine, die man sicher im Topf halten kann, fern von allen Schnecken.

Des Weiteren ist man der Meinung, man könnte Schnecken mit Eierschalen aufhalten (in Kombination mit Schneckenkorn S. 107). Da muss ich leider darauf hinweisen, dass Eierschalen Schnecken egal sind, die kriechen über Rasierklingen und winterharte Kakteen ohne sich zu verletzen, Eierschalen bemerken die nicht mal.

3 von 4 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 06.07.2013
Rosen
Proll, Thomas

Rosen


weniger gut

Rosen Soforthelfer, das klingt nach einem Nachschlagewerk, bei dem man schnell Hilfe bekommt, wenn die Rose krank ist. Das Kapitel Rosenkrankheiten jedoch, wird eher schnell abgehandelt, auf ganzen 4 Seiten. Auf die Erreger und ihre Biologie, wird gar nicht eingegangen. Für jede Krankheit 1-2 Sätze über Symptome und Behandlung und gut, das kann ich auch googeln. Letztendlich geht es eher darum, wie man die Rosen richtig schneidet (auf das grundlegende reduziert alle ziemlich gleich (bis auf Kletter-und Buschrosen, aber aus eigener Erfahrung, ganz ehrlich, kann man beim Rosenschnitt kaum was falsch machen bei den modernen Sorten, die alten Sorten sind da etwas anspruchsvoller (die werden in diesem Buch aber ignoriert), aber hier wird es für jede Rosenvariante neu durchexerziert) und überwintert (wobei ich Jutesäcke nicht so gut finde, die sind zu dunkel, ich habe mit diesem weißen Fließ, das man auch die Frühjahrsbeete gibt, bessere Erfahrungen gemacht, und die meisten Rosen brauchen das ohnehin nicht, die kommen auch so problemlos durch den Winter).

Hauptsächlich ist dieses Buch ein Katalog moderner Rosenarten, von denen 90% eingetragene und (wohl patentierte) Marken sind, für die dann im Anhang auch gleich die Bezugsadresse genannt ist. In diesem Buch ist man generell der Meinung, die neuen Arten sind die besten, weil pflegeleicht und robust. Andere Qualitäten wie Duft, oder Nutzen in der Küche, spielen hier keinerlei Rolle. Kaum bis kein Wort über alte Sorten und ihre Vorzüge und Wildrosentriebe (die unter Umständen hübscher sein können als die Edelvariante, die aufgepfropft wurde) sind etwas, was man entfernt. Es werden zwar ein paar Wildrosen erwähnt (2 Seiten), das ist mir aber zu wenig. Des Weiteren fehlt komplett jeder Hinweis, welche Sorten für Gelee geeignet sind oder welche für Marmelade. Die modernen, patentierten Sorten sind dafür jedenfalls ungeeignet.

Fazit: Werbung für patentierte, moderne Rosenarten mit ihren Bezugsquellen. Da kann mich mir gleich einen Katalog kommen lassen. Wirklich hilfreich bezüglich Schnitt und Pflege ist das Buch nicht, die Krankheiten werden dafür zu kurz behandelt. Alte Sorten werden komplett ignoriert.

Bewertung vom 29.06.2013
The Great Gatsby
Fitzgerald, F. Scott

The Great Gatsby


gut

NY, Sommer 1922. Nick Carraway zieht in den fiktionalen Vorort von NY, namens east egg. Dort hat er billig ein kleines Haus gemietet, während er versucht mit verzinslichen Wertpapier Geld zu machen (wie auch immer, ob er sie jemandem andrehen will oder selber nutzt, wird nicht so wirklich klar). Sein Nachbar ist ein gewisser Jay Gatsby (eigentlich James Gatz aus North Dakota), der durch windige illegale Geschäfte binnen kürzester Zeit zu Reichtum gekommen ist. All dieser Reichtum bedeutet ihm aber letztendlich nichts, er will damit nur Nicks Cousine Daisy beeindrucken, in die er sich vor dem Krieg unsterblich verliebt hat, die mittlerweile aber mit einem stinkreichen Ex-Polospieler verheiratet ist, der wiederum eine Affäre mit der Frau eines Automechanikers aus der Nähe hat. Über Nick will Gatsby an Daisy rankommen und sie Tom ausspannen. Tom jedoch stellt Nachforschungen über Gatsbys Vergangenheit ein und die Situation eskaliert.

Laut Wikipedia zählt das Buch (oder besser Büchlein) zu den bedeutendsten Werken der amerikanischen Moderne, warum auch immer. Die Geschichte ist belanglos. Sie erzählt einen Sommer unter stinkreichen Sozialschmarotzern, die ihre Kohle, die sie nicht mit ehrlicher Arbeit erworben haben, mit Partys, zu denen lauter fremde Leute kommen, zum Fenster rauswerfen und dabei totunglücklich sind und sich in der Hitze zu Tode langweilen. Das Buch ist eine einzige Party, man hängt ab, labert, betrinkt sich und versucht sich die Partner auszuspannen. Wenn das Buch eine Botschaft hat, dann eine ziemlich platte: Geld macht nicht Glücklich und Freunde kann man sich nicht kaufen und wenn man stirbt, ist man letztendlich doch allein. Das ist schon fast ein Kalender oder Glückskeksspruch.
Warum ist das Buch nun ein Klassiker geworden? Vielleicht weil es in seiner platten Belanglosigkeit zeitlos ist und gerade in den Zeiten, wo die Realwirtschaft nichts mehr hergibt und Geld nur noch auf unredliche Weise verdient werden kann immer wieder diese Neureichen Typen hervorgebracht werden und somit in Zyklen immer wieder den Zeitgeist trifft. Mich erinnerte das Buch an die späten 90er Jahre vor dem Platzen der Dotcom Blase. Jeder kauft Aktien und Wertpapiere wie Nick und will schnell und wenn möglich ohne Arbeit reich werden, das was Gatsby wohl als eine Art von Finanzinvestor (Heuschrecke), einige Jahre zuvor geglückt ist. Hat Ende der 90er einigen meiner Kumpels mit entsprechen Startkohle von den Eltern durchaus neue Autos und das Studium finanziert. Die Rechnung für dieser Selbstüberschätzung und den Glauben das Geld arbeiten würde, kam damals und heute ca. 10 Jahre später.

Letztendlich ist das Buch und die Geschichte trivial, belanglos und damit wohl zeitlos, denn diese geistlosen Neureichen, die mit ihrem Geld und ihrem Leben nichts anzufangen wissen, wird es wohl immer geben, nur warum liest das normale Volk diese Geschichten? Um sich besser zu fühlen, weil die da oben auch nicht glücklich sind? Trotz seiner nicht wirklich vorhandenen Handlung, liest sich das Buch gut weg, weil die Sprache und Darstellung stylisch und stimmungsvoll ist und man die Vorhänge wehen sieht, auch wenn nicht wirklich was passiert.

3 von 4 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 29.06.2013
Der Goldherr besteigt den weissen Tiger. Ein historisch-erotischer Roman aus der Ming-Zeit. Im Reich der Sinne Band 2. Zum ersten Mal aus dem Chinesischen ins Deutsche übertragen von F.K. Engler.
Yan-yan-sheng und Friedrich K. [Übers.] Engler

Der Goldherr besteigt den weissen Tiger. Ein historisch-erotischer Roman aus der Ming-Zeit. Im Reich der Sinne Band 2. Zum ersten Mal aus dem Chinesischen ins Deutsche übertragen von F.K. Engler.


sehr gut

Die Geisterfüchsin und der Schwalbengeist stehen beide kurz vor ihrem Aufstieg, was ihnen noch fehlt ist Ying und Yang das anderen Geschlechts. Beide beschließen daher, es zu stehlen und so den eigenen Aufstieg zu beschleunigen. Als die Geisterfüchsin dem Schwalbengeist sein Yang entwendet (und ehrlich, da ist er selber schuld, typisch Mann halt, er verdient es nicht anders), tickt dieser aus, und greift sie und ihr Gefolge mit seinen Getreuen an. Der Obergott Jadekaiser ist von den beiden Streithähnen genervt und beschließt, sie sollen wiedergeboren werden, als Zwillingsschwestern, und in einer Runde als Mensch lernen, miteinander klar zu kommen.
Die beiden werden als nymphomanische Schwesten Fe-yän und Ho-dö, als uneheliche Kinder einer Prinzessin geboren, die mit dem Lustknaben ihres Gatten einen Seitensprung hatte. Sie drückt dem Ex, die Kinder aufs Auge, der sie aufzieht. Früh verweist müssen die beiden Mädchen schon als Teenager für sich sorgen und so ist es nicht verwunderlich, dass sie bald die Freuden der fleischlichen Liebe erkunden und sich einen Liebhaber zulegen, der sie auch mit Lebensmitteln versorgt. Nach einigen Umwegen verliebt sich der Kaiser in die beiden und nimmt sie zur Frau. Im Palast jedoch treiben es die Schwestern so richtig bunt, über gemeinsam geteilte Liebhaber, Menage a Trois, spannen, Gangbang, Kindsmord, fast alle Spielarten der Liebe werden durchexerziert (außer lesbischer Praktiken). So hatte sich der Jadekaiser das mit der Wiedergeburt, Sühne und gut miteinander auskommen nun wirklich nicht gedacht.

Dieses Buch ist ein historisch erotischer Roman aus dem alten China (1621). Aus heutiger Sicht ist ein historischer Roman ohne Erotik kaum vorzustellen. Schuld sind wohl Romane wie „Die Wanderhure“, die dieses einstmals seriöse und sozialkritische Genre zu Hausfrauenerotik in historischem Flair degradiert haben. So gesehen, ist dieser Roman top aktuell. Hier wurden historische Personen mit schlechtem Ruf, die schon von der Geschichte als amoralisch und verdorben überliefert wurden, hergenommen und ihre Verfehlungen spannend und mit viel S*X verpackt erzählt. Die Übersetzung nutzt dabei viele Exotisierungen, bzw. sie macht das, was man auch bei der neuen Game of Thrones Übersetzung gemacht hat: Sie übersetzt die Eigennamen der Personen, was mehr als sinnfrei ist, sowohl in moderner als auch klassischer Literatur. Einige Szenen sind schwer nachzuvollziehen, wie die Kindsmorde, sie wirken unlogisch und wie ein Bruch in der Geschichte, sind jedoch historisch belegt und mussten daher (ein wenig ungeschickt) eingebaut werden.
Die Bettszenen sind mehr als freizügig, wer also Probleme mit solchen Textstellen hat, sollte die Finger von diesem Buch lassen:
„Und gleichsam um ihre Worte zu bekräftigen, schlag sie ihre Beine um seine Hüften. Er aber rammte ihr seinen Jadestengel bis zur Wurzel in die Lustgrotte und werkte und walkte, bis sich bei ihr der erlösende Regen einstellte […].“ Kung Fu bis zur Wurzel in diversen (anatomisch fragwürdigen) Stellungen. Kein Wunder, dass die Schweizer damals Probleme mit diesem Buch hatten und einige Prozesse gegen die Veröffentlichung liefen (und es auch Bücherverbrennungen gab). In Zeiten von „Shades of Grey“ kaum noch vorstellbar. Die Bettszenen sind meist (aus weiblicher Sicht), gerade durch ihre Exotisierungen stilvoll und nicht so platt und bemüht wie in vielen heutigen Romanen, da können Jungautoren noch einiges lernen.
Überlagert wird diese Geschichte durch viele daoistische Motive über Aufstieg, Schuld und Sühne, die Europäern fremd und schwer zugänglich sind. Ich hätte mir daher insgesamt deutlich mehr erklärende Fußnoten gewünscht, hier bleibt vieles für mich nebelhaft. Diese religiösen Überlagerungen machen den Roman eher erotischer.

Bewertung vom 29.06.2013
Der Goldherr besteigt den weissen Tiger
Herbert Franke (Vorwort)

Der Goldherr besteigt den weissen Tiger


sehr gut

Die Geisterfüchsin und der Schwalbengeist stehen beide kurz vor ihrem Aufstieg, was ihnen noch fehlt ist Ying und Yang das anderen Geschlechts. Beide beschließen daher, es zu stehlen und so den eigenen Aufstieg zu beschleunigen. Als die Geisterfüchsin dem Schwalbengeist sein Yang entwendet (und ehrlich, da ist er selber schuld, typisch Mann halt, er verdient es nicht anders), tickt dieser aus, und greift sie und ihr Gefolge mit seinen Getreuen an. Der Obergott Jadekaiser ist von den beiden Streithähnen genervt und beschließt, sie sollen wiedergeboren werden, als Zwillingsschwestern, und in einer Runde als Mensch lernen, miteinander klar zu kommen.
Die beiden werden als nymphomanische Schwesten Fe-yän und Ho-dö, als uneheliche Kinder einer Prinzessin geboren, die mit dem Lustknaben ihres Gatten einen Seitensprung hatte. Sie drückt dem Ex, die Kinder aufs Auge, der sie aufzieht. Früh verweist müssen die beiden Mädchen schon als Teenager für sich sorgen und so ist es nicht verwunderlich, dass sie bald die Freuden der fleischlichen Liebe erkunden und sich einen Liebhaber zulegen, der sie auch mit Lebensmitteln versorgt. Nach einigen Umwegen verliebt sich der Kaiser in die beiden und nimmt sie zur Frau. Im Palast jedoch treiben es die Schwestern so richtig bunt, über gemeinsam geteilte Liebhaber, Menage a Trois, spannen, Gangbang, Kindsmord, fast alle Spielarten der Liebe werden durchexerziert (außer lesbischer Praktiken). So hatte sich der Jadekaiser das mit der Wiedergeburt, Sühne und gut miteinander auskommen nun wirklich nicht gedacht.

Dieses Buch ist ein historisch erotischer Roman aus dem alten China (1621). Aus heutiger Sicht ist ein historischer Roman ohne Erotik kaum vorzustellen. Schuld sind wohl Romane wie „Die Wanderhure“, die dieses einstmals seriöse und sozialkritische Genre zu Hausfrauenerotik in historischem Flair degradiert haben. So gesehen, ist dieser Roman top aktuell. Hier wurden historische Personen mit schlechtem Ruf, die schon von der Geschichte als amoralisch und verdorben überliefert wurden, hergenommen und ihre Verfehlungen spannend und mit viel S*X verpackt erzählt. Die Übersetzung nutzt dabei viele Exotisierungen, bzw. sie macht das, was man auch bei der neuen Game of Thrones Übersetzung gemacht hat: Sie übersetzt die Eigennamen der Personen, was mehr als sinnfrei ist, sowohl in moderner als auch klassischer Literatur. Einige Szenen sind schwer nachzuvollziehen, wie die Kindsmorde, sie wirken unlogisch und wie ein Bruch in der Geschichte, sind jedoch historisch belegt und mussten daher (ein wenig ungeschickt) eingebaut werden.
Die Bettszenen sind mehr als freizügig, wer also Probleme mit solchen Textstellen hat, sollte die Finger von diesem Buch lassen:
„Und gleichsam um ihre Worte zu bekräftigen, schlag sie ihre Beine um seine Hüften. Er aber rammte ihr seinen Jadestengel bis zur Wurzel in die Lustgrotte und werkte und walkte, bis sich bei ihr der erlösende Regen einstellte […].“ Kung Fu bis zur Wurzel in diversen (anatomisch fragwürdigen) Stellungen. Kein Wunder, dass die Schweizer damals Probleme mit diesem Buch hatten und einige Prozesse gegen die Veröffentlichung liefen (und es auch Bücherverbrennungen gab). In Zeiten von „Shades of Grey“ kaum noch vorstellbar. Die Bettszenen sind meist (aus weiblicher Sicht), gerade durch ihre Exotisierungen stilvoll und nicht so platt und bemüht wie in vielen heutigen Romanen, da können Jungautoren noch einiges lernen.
Überlagert wird diese Geschichte durch viele daoistische Motive über Aufstieg, Schuld und Sühne, die Europäern fremd und schwer zugänglich sind. Ich hätte mir daher insgesamt deutlich mehr erklärende Fußnoten gewünscht, hier bleibt vieles für mich nebelhaft. Diese religiösen Überlagerungen machen den Roman eher erotischer.

Bewertung vom 29.06.2013
Blumenzauber
Tsou, Ping Shou

Blumenzauber


sehr gut

Tschou Schian lebt nur für seinen Garten. Er liebt seine Blumen, alle Blumen. Findet er eine neue, muss er sie haben. Tschou Schian hat dazu noch einen echt grünen Daumen, selbst Stecklinge wachsen bei ihm alle an. Tschou leidet mit jeder geknickten Blüte, mit jeden abgerissenen Ast schier körperlich mit. „Jeder Zweig in Menschenhand ist dem Baume verloren; wäre es nicht besser, hn wachsen zu lassen und Jahr um Jahr zu betrachten?“ (S. 18).
Aus Angst, jemand könnte seinen Blumen weh tun, verweigert er auch konsequent, dass jemand seinen Garten betreten darf. Der reiche Djang We hat von diesem berühmten Garten gehört und verschafft sich mit seinen Kumpanen gewaltsam Zutritt. Als Tschou Schian sich weigert, seinen Garten zu verkaufen, schlägt Djang We allen Blumen die Köpfe ab. Tschou Schian ist am Boden zerstört, aber ein Blumengeist lässt alle Blüten wieder anwachsen, schöner als zuvor. Damit ist Tschou Schian aber vom Regen in die Traufe gekommen, den nun klagt ihn Djang We der Hexerei an, und darauf steht die Todesstrafe.

Ja, ich leide mit Tschou Schian. Ich kann auch keine Blumen abschneiden und mag Schnittblumen daher gar nicht. Ich will Samentütchen oder richtige Pflanzen mit Wurzeln. Die vermehren sich dann wie wild und ich suche verzweifelt nach einem Guten Zuhause für den Pflanzennachwuchs. Solche Menschen gibt es, die Blumen über alles lieben und es gibt so gemeine Menschen, die Blumen weh tun.
Ein schönes Märchen, wenn auch recht kurz. Diese 80 Seiten in gefühlter Schriftgröße 14 sind eigentlich Teil einer größeren Sammlung namens KIN-KU-KI-KUAN und es ist mir schleierhaft, warum die Geschichte aus der Ming Zeit aus der Sammlung gerissen und einzeln angeboten wird, satt der vollständigen Novellensammlung. Diese 80 Seiten sind eher eine Leseprobe, eine Zugabe zu einer schönen großen Pflanze, die man einem Blumenliebhaber schenkt, aber weniger ein wirklich eigenständiges Buch. Die Bezeichnung Geschenkbüchlein trifft es wohl am ehesten.