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Benutzername: buecherwand13
Wohnort: Bürstadt
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Bewertungen

Insgesamt 28 Bewertungen
Bewertung vom 05.09.2020
Die Dirigentin
Peters, Maria

Die Dirigentin


sehr gut

Schlicht, aber beeindruckend
Willy ist ein junges Mädchen im New York der zwanziger Jahre. Sie kommt aus einfachen Verhältnissen niederländischer Einwanderer und hat Zeit ihres Lebens unter ihrer strengen und kalten Mutter gelitten. Trotzdem hat sie einen Traum: Sie will Dirigentin werden. Einmal auf den großen Klangkörper des Orchesters zu spielen, ist ihre heimliche Leidenschaft. Dafür übt sie heimlich auf dem mit Decken ausgelegten Klavier, das ihr Vater ihr einmal geschenkt hat und versteckt dort alles Geld, das sie bei ihrem Job als Platzanweiserin im Theater verdient. Doch muss ihr Traum nicht eine ewige Utopie bleiben? Woher soll sie das Geld für eine Ausbildung nehmen und – was noch schwerer wiegt – noch nie hat eine Frau sich zur Dirigentin ausbilden lassen. Frauen, so denkt die aktuelle Musikerwelt, sind für den Führungsstärke erfordernden Job eines Dirigenten nicht geeignet. Wie Willy dennoch ihren Weg findet und welche Rolle zwei Männer auf diesem Weg spielen, davon berichtet dieses Buch in schlichtem, aber dennoch beeindruckendem Stil.
Dass die Geschichte aus der Perspektive wechselnder Personen und dennoch in ich-Form geschrieben ist, hat mich zunächst etwas verwirrt. Am Anfang jedes Kapitels musste ich mich erst immer wieder in die Perspektive der jeweiligen Person einfinden. Dennoch war es gut zu lesen und die Geschichte – auch durch Willys Beziehung zu zwei Männern und einigen überraschenden Wendungen – interessant und unterhaltsam. Alles in allem hat mich auch die Zielstrebigkeit beeindruckt, mit der die Protagonistin ihren Weg verfolgt. Er wird realistisch und mit allen Höhen und Tiefen beschrieben.
Auch wenn die Geschichte in den Zwanzigern des letzten Jahrhunderts spielt, ist das Thema Geschlechtergleichheit immer noch aktuell. Nicht nur wegen dieses Themas, sondern auch wegen der gut erzählten Geschichte, habe ich das Buch sehr gerne gelesen.

Bewertung vom 28.06.2020
Dunkles Lavandou / Leon Ritter Bd.6
Eyssen, Remy

Dunkles Lavandou / Leon Ritter Bd.6


gut

Im Westen nichts Neues
Im sechsten Fall der Leon Ritter Reihe muss der aus Deutschland in das romantische LeLavandou ausgewanderte Gerichtsmediziner die Leichen von zwei jungen Frauen obduzieren. Obwohl die Umstände der beiden Tode sehr unterschiedlich sind, so ist Leon Ritter jedoch aufgrund verschiedener Gemeinsamkeiten schnell davon überzeugt, dass beide mit großer Wahrscheinlichkeit von ein und derselben Person umgebracht wurden. Beide weisen Merkmale prämortaler Folterungen auf, in deren Folge sie zu Tode kamen. Zudem wurden beide anschließend so platziert, dass ihren Körpern weitere starke Verletzungen zugefügt wurden. Zunächst plätschert der Fall etwas dahin, weil die lokale Polizei Ritters Hinweisen lang keine Bedeutung zuweist. Doch dann wird die Tochter des Französischen Kultusministers entführt. Sollte auch sie von demselben Täter entführt worden sein?
Ich hatte bereits den Band 4 und 5 der Reihe gelesen, die mir vor allem wegen der südfranzösischen Kulisse und der damit verbundenen Urlaubsstimmung gut gefallen haben. Auch die Art, wie Personen und Handlungen vom Autor beschrieben wurden, hat mit sehr gut gefallen. Von diesem Band war ich allerdings insgesamt recht enttäuscht. Zunächst einmal hatte ich den Eindruck, dass es keine Entwicklung im Vergleich zu den vorherigen Bänden gibt. Die Personen handeln immer gleich, die Landschaft wird auf dieselbe Art beschrieben und Handlungen und Ortsbeschreibungen wiederholen sich sogar innerhalb dieses Bandes immer wieder. So war ich nach einiger Zeit geradezu genervt davon, dass immer wieder betont wurde, dass Polizeichef Zerna den Hinweisen von Leon Ritter vor allem deshalb nicht nachginge, weil dann Verantwortliche anderer Stellen nach LeLavandou kommen und den Fall an sich reißen würden. Hinzu kommt der Fakt, dass die Brutalität der Fälle nicht ganz nach meinem Geschmack ist. Ist es wirklich notwendig, Folterungen und andere brutale Verletzungen in einen Fall zu integrieren, der an einem romantischen Urlaubsort spielt? Es wäre sicher möglich, einen spannenden Krimi auch ohne solche Details zu schreiben.
Alles in Allem bot dieser Band für mich (einschließlich des Titels) nichts wirklich Neues und war – trotz des überwiegend sehr guten Schreibstils – nur phasenweise spannend. Weitere Bände werde ich daher vermutlich nicht mehr lesen. Wer die Reihe bisher noch nicht kannte, für den ist vielleicht dieser Fall trotzdem interessant. Umfangreiches Vorwissen aus den vorherigen Bänden ist jedenfalls nach meinem Eindruck nicht notwendig.

Bewertung vom 11.04.2020
Can you help me find you?
Parks, Amy Noelle

Can you help me find you?


ausgezeichnet

Eine erste Liebe besonderer Art

„Can you help me find …“ ist ein therapeutisches Spiel, das Evie von ihrer Therapeutin als Kind zur Therapie ihrer Sozialphobie verordnet bekam. Mit ihrem Freund Caleb ging sie dann in die Bibliothek und musste nach einem von Caleb ausgesuchten Buch fragen. Mittlerweile sind beide 17, auf einem naturwissenschaftlichen College und Evie ist ein Mathecrack geworden. Die Liebe zur Mathematik gibt ihr Sicherheit – und Caleb. Aber dieser ist heimlich in Evie verliebt. Evie jedoch, scheint noch nicht bereit für eine Liebe zu einem Jungen. Alle bisherigen Versuche von Jungs aus ihrer Klasse hat sie mit ihrer direkten, ehrlichen Art und einem fehlenden Verständnis für die wahren Interessen der Jungen abgebügelt. Caleb aber kann warten. Irgendwann wird Evie bereit für ihre erste Liebe sein und in wen, wenn nicht in ihren besten Freund, der immer für sie da ist, sollte sie sich dann verlieben?
Doch dann kommt Tom neu in die Klasse. Er ist der einzige, der Evie im Hinblick auf Mathematik das Wasser reichen kann und macht dadurch Evie auf sich aufmerksam. Plötzlich spürt sie etwas in sich, das sie noch nicht zuvor gekannt hat. Caleb beobachtet die beiden argwöhnisch. Wie soll er sich verhalten? Und kann er Evie dennoch für sich gewinnen?
Die Geschichte von Evies erster Liebe und ihrer Beziehung zu Tom und Caleb ist sehr schön geschrieben und liest sich sehr gut. Dass die Kapitel abwechselnd aus Sicht von Evie und Caleb geschrieben sind, erfordert immer wieder eine kurze Phase des Umdenkens, ist mir dann aber doch meist recht schnell gelungen. Die Figuren sind sehr gut beschrieben und die Handlung eine gute Mischung aus spannend, interessant und unterhaltsam. Die verarbeiteten mathematischen Aufgaben und Theorien lassen die Liebesgeschichte vor einem besonderen Hintergrund geschehen. Auch wenn ich nicht jedes Detail davon verstanden habe und manches vereinfacht dargestellt wurde, konnte ich auch diesem Teil der Geschichte gut folgen. Ob dies auch ohne ein gewisses naturwissenschaftliches Interesse möglich ist, kann ich nicht beurteilen – mir hat auch dieser Teil der Geschichte sehr gut gefallen. Herzhaft gelacht habe ich auch über die an einigen Stellen eingestreuten Witze über Mathematiker und Physiker.
Mir hat diese etwas andere Liebesgeschichte sehr gut gefallen. Sie ist sehr gut geschrieben und an den fachlichen Bezügen wird die Liebe der Autorin zu Mathematik deutlich. Ich denke das Buch wird daher auch Lesern gefallen, die zwar keine Mathematik aber romantische Liebesgeschichten lieben.

Bewertung vom 29.02.2020
Eine kurze Geschichte vom Fallen - Was ich beim Sterben über das Leben lernte
Hammond, Joe

Eine kurze Geschichte vom Fallen - Was ich beim Sterben über das Leben lernte


sehr gut

Nicht einfach, aber absolut lesenswert
Joe Hammond ist junger Familienvater und lebt mit seiner Familie in Portugal als er die Diagnose Motoneuronenkrankheit erhält. Eine Krankheit, die zunächst mit Bewegungsstörungen beginnt und dann zu einem schnellen körperlichen Abbau und zu einem baldigen Tod führt. Wie er diese Zeit erlebt und wie er neue Seiten des Lebens kennen und wertschätzen lernt, davon erzählt dieses autobiographische Buch.
Ich fand das Buch sehr berührend, interessant und vor allem durch den Humor des Autors auch sehr unterhaltsam. Dass ein Leben, das sich von einem Moment auf den anderen so radikal ändert und mit ständig fortschreitenden körperlichen Einschränkungen verbunden ist, auch schöne Seiten haben kann, ist eine wichtige Botschaft von Joes Geschichte. Diese Haltung, die in allen Abschnitten deutlich wird, hat mich sehr beeindruckt. Immer weniger kann er selbst machen, aber umso mehr schätzt er kleine Dinge und schöne Augenblicke. Einige Situationen sind auch mit unterhaltsamer Selbstironie beschrieben und regen an, über Gesundheit und Krankheit und das häufig damit verbundene schwarz-weiß Denken nachzudenken. Einige Zwischenpassagen über Erlebnisse vor seiner Krankheit, fand ich nicht so interessant und habe sie teilweise eher überflogen. Allerdings schrieb Hammond das Buch ja auch in erster Linie für seine Söhne und erst in zweiter Linie für ein breites Publikum. Ich finde es dennoch sehr wertvoll, dass er diese zum Teil sehr intimen Schilderungen auch anderen Interessierten zugänglich macht.
Ich finde das Buch empfehlenswert für jeden, der sich mit Leben und Tod auseinandersetzen möchte. Man sollte aber bereit und offen dafür sein, Dinge aus einer anderen Perspektive zu betrachten und den teilweise sehr bildlich beschriebenen Gedanken des Autors zu folgen, auch wenn sie sich teilweise etwas unsortiert aneinanderreihen und nicht immer einem eindeutigen roten Faden folgen. Dennoch ist das Buch sehr gut geschrieben und regt auf jeden Fall zum Nachdenken an.

Bewertung vom 19.01.2020
Geteilt durch zwei
Kunrath, Barbara

Geteilt durch zwei


sehr gut

Spannende Suche nach der eigenen Identität

Äußerlich ist Nadja eine gewöhnliche Frau Anfang vierzig mit einem Mann und einer pubertierenden Tochter. Allerdings weiß sie, dass sie adoptiert wurde. Ihre genaue Herkunft und die Umstände ihrer Adoption sind ihr nicht bekannt, da die wenigen Versuche, mehr zu erfahren von ihrer (Adoptiv-)Mutter stets abgeblockt wurden. Als sie eines Tages jedoch die Stimme einer Frau im Radio hört, die der eigenen und der ihrer Tochter ungewöhnlich ähnlich zu sein scheint, ist ihre Neugier geweckt und sie versucht Kontakt mit der Frau aufzunehmen. Schon bald stellt sich heraus, dass diese Frau nicht nur mit ihr verwandt, sondern sogar ihre Zwillingsschwester ist. Die Begegnung mit Pia sorgt bei Nadja zwar für das Gefühl, ein wichtiges, fehlendes Puzzleteil in ihrem Leben gefunden zu haben, weckt aber zunehmend wieder die Frage nach ihrer Herkunft. Nadja lässt sich bei ihren Nachforschungen auch nicht davon abhalten, dass sich auch Pia und ihre Ziehmutter, die sich als Schwester der leiblichen Mutter herausstellt, allen Fragen im Hinblick auf Nadjas Mutter in Schweigen hüllen.

Ich wollte dieses Buch vor allem deshalb unbedingt lesen, weil es mich interessierte, wie das wohl sein mag, plötzlich zu erfahren, dass man eine Zwillingsschwester hat. Zu spüren, dass ein Puzzleteil, das das ganze Leben – meist unbewusst – gefehlt hat, plötzlich auftaucht, Fragen beantwortet und die eigene Person vervollständigt. Ich fand es daher etwas schade, dass diese Erfahrung in dem Buch vergleichsweise wenig thematisiert wird. Der Roman handelt überwiegend von der Suche der Protagonistin nach ihrer Herkunft, nach ihrer Mutter und den Umständen und Gründen ihrer Adoption. Prinzipiell hätte diese Geschichte also auch ohne das Zwillingsthema geschrieben werden können. Es war jedoch sehr gut zu lesen und recht spannend geschrieben. Daher habe ich es insgesamt doch sehr gerne gelesen und als gut zu lesen und interessant erlebt. Phasenweise hat es mich ein wenig an die Romane von Kate Morton erinnert, bei denen die Protagonistinnen ja auch häufig auf der Suche nach Antworten auf ihre Herkunft oder Rätsel in der Familie sind. Auch wenn diese Familiengeschichte nicht ganz so komplex war und nicht ganz so weit zurückreichte, war sie spannend und unterhaltsam zu lesen.

Mein Fazit: Im Vergleich zum Titel zu wenig Zwillingsthema, aber trotzdem eine spannende Geschichte über die Suche nach der eigenen Herkunft

Bewertung vom 01.12.2019
Bülent Rambichler und der störrische Karpfen
Bogner, Anja

Bülent Rambichler und der störrische Karpfen


sehr gut

Fränkisch-schnoddriger Provinzkrimi mit reichlich Situationskomik

Bülent Rambichler ist zwar aus Prestigegründen Kommissar geworden, hält aber nichts von praktischer Aufklärungsarbeit, sondern hängt lieber ungestört an seinem Schreibtisch ab. Und in sein verrücktes Heimatdorf Strunzheim, in dem sein Vater Erkan Gemeinderat ist, will er schon dreimal nicht zurück. Liebt er doch die etwas gehobenere, geordnete Lebensweise. Als seine Mutter ihn morgens am Telefon mit den Worten „Bub, Du musst sofort heimkommen“ unsanft aus dem Schlaf reißt, ist er daher nicht begeistert. Noch weniger schmeckt ihm die mögliche Rückkehr in sein Heimatdorf, als er den Grund für den morgendlichen Anruf seiner Mutter erfährt: Der Bürgermeister wurde tot im Fischteich gefunden und es wird vermutet, dass es sich um einen Mord handelt. Einzig die Tatsache, dass es sich bei seinem Vater um einen möglichen – und im Moment einzigen – Tatverdächtigen handelt, lässt Bülents Zurückhaltung dann doch weichen, und er macht sich wohl oder übel mit seiner ebenfalls etwas speziellen Kollegin Astrid „Sunshinchen“ Weber auf den Weg nach Strunzheim.
Der zweite Roman der Bülent Rambichler Reihe beginnt mit gewohnt fränkisch-herber Situationskomik. Mit den Walderzwillingen und dem „Dampfer“ Franz spielen die schon aus dem ersten Band bekannten Strunzheimer Uniken wieder eine tragende Rolle. Und wieder ermittelt Bülent zunächst in seiner gewohnt unerfolgreichen Art. Das Wort „störrisch“ trifft hier nicht nur auf den im Titel genannten Karpfen, sondern auf die meisten Bewohner Strunzdorfs zu, die Bülent zu vernehmen versucht, einschließlich seines Vaters. Die Handlung , fränkisch-deftig erzählt und mit einiger Situationskomik ausgestattet, kommt so zunächst nicht wirklich in Fahrt. Erst als Bülent mit seinem engsten Kumpel Franz eine Wette eingeht, packt ihn der Ehrgeiz und die Ereignisse überschlagen sich.
Mir haben beim zweiten Band wieder die reichlich fränkische Schnoddrigkeit und die mit viel Situationskomik ausgestattete Erzählweise gefallen. Zwischendurch war ich mal versucht, das Buch beiseite zu legen, doch das Ende, das wieder deutlich mehr Fahrt aufnahm und mit einigen Überraschungen aufzuwarten hatte, hat den Durchhänger in der Mitte wieder mehr als wett gemacht. Der Krimi ist eine Empfehlung für Freunde bayrischer Provinzkrimis, die auch vor einer etwas deftigeren Sprache nicht zurückschrecken.

Bewertung vom 25.08.2019
Die Gärten von Monte Spina
Scriverius, Henrike

Die Gärten von Monte Spina


ausgezeichnet

Vielschichtige Charaktere vor einer paradiesischen Inselkulisse
Toni ist eine geschundene Seele. Vor zwei Jahren verlor sie ihren Mann bei einem Unfall, für den sie sich eine Mitschuld gibt. Sei dem hängt sie in einem tiefen Loch, aus dem sie nicht herausfindet. Auch bei einem Job in England, bei dem sich die Gärtnerin um die Gewächse eines alten englischen Herrschaftshauses kümmert, findet sie keinen neuen Anschluss, sondern zieht sich immer mehr in sich zurück. Als sie eines Tages das Angebot bekommt, als Gärtnerin auf einer einsamen privaten Insel anzufangen, scheint sie nicht viel zu verlieren zu haben und nimmt den Job an. Absehen davon, dass die Bewohner der Insel nur aus einer Handvoll Angestellter bestehen, die alle ihre eigene Geschichte haben, liegt über der Insel eine geheimnisvolle Atmosphäre. Diese rührt daher, dass sich der Besitzer nur wenige Tage im Jahr dort aufhält und ein nicht gerade angenehmer Charakter zu sein scheint. Aber wie passt dieser paradiesische Ort zu einem angeblich so unsympathischen Besitzer? Und ist er wirklich so, wie ihn die anderen beschreiben? Trotz dieser Fragen macht Toni sich mit Eifer an ihre Aufgabe und gestaltet die umfangreichen Gärten mit Engagement und Sachverstand, als wären es ihre eigenen. Bis es nach einigen Wochen eines Tages tatsächlich so weit ist und der Besitzer auftaucht. Ängstlich, aber doch selbstbewusst schaut Toni dieser Begegnung entgegen. Leider bestätigt diese die düsteren Vorhersagen der anderen Bewohner vollends. Max Bohr begegnet Toni unfreundlich und hat nur Kritik für ihre Arbeit übrig. Doch Toni lässt sich nicht durch die negative Reaktion des Besitzers entmutigen, sondern stachelt sie in ihrer Neugierde auf. Sie möchte diesen abweisenden Menschen näher kennenlernen, verstehen, warum er so ist und ihn aus der Reserve locken.
Das Buch hat mir sehr gut gefallen. Schon das Cover mit seiner Mischung aus bunten, südländischen Blumen und Pflanzen und dem eingeprägten Titel hat mich angesprochen. Und das Buch enttäuschte keinesfalls, was das Cover versprochen hat: die Liebe und Leidenschaft der Gärtnerin, die Landschaft der Insel und das Arbeiten mit und gegen die Natur wird von der Autorin sehr atmosphärisch beschrieben und machte für mich einen wichtigen Teil der Qualität des Buches aus. Von einer unerwarteten Tiefe und Faszination war dann aber auch die Beziehungsgeschichte der Protagonisten. Die Vielschichtigkeit des Max Bror, aber auch die unterschiedlichen Wesenszüge von Toni und den anderen Angestellten der Insel haben mich sehr überzeugt. Als Leserin habe ich das Hin- und Hergerissensein der Protagonistin gegenüber dem Besitzer zwischen Anziehung und Abstoßung in allen Phasen miterlebt und mitgelitten. Es fiel mir sehr schwer, das Buch zwischendurch aus der Hand zu legen.
Tiefe, Faszination und Vielfältigkeit sowohl in der Charakterisierung der Protagonisten als auch der Beschreibung der Landschaft, in der die Handlung spielt kennzeichnen dieses Buch. Gleichzeitig regt es auch zum Nachdenken über das eigene Leben und das Leben anderer, von uns vielleicht vorschnell negativ beurteilter Menschen an. Aus meiner Sicht, ein durch und durch empfehlenswertes Buch für Leser, die nicht den einfachen Weg mögen.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 12.08.2019
Wir von der anderen Seite
Decker, Anika

Wir von der anderen Seite


sehr gut

Berührend, erschütternd, aber trotzdem unterhaltsam
Rahel wacht eines Tages auf und befindet sich an einem unerwarteten Ort. Nach und nach erkennt sie, dass es die Intensivstation eines Krankenhauses ist und rekonstruiert aus den Informationen der Ärzte und ihrer Familie, was passiert ist. Ihren eigenen Körper muss sie erst wieder kennenlernen und lernen, mit der neuen Situation umzugehen. Neben den Einschränkungen, mit denen sie zu kämpfen hat steht immer die Unsicherheit, wann und ob überhaupt sie vollständig gesund werden wird. Dazu stellt sich das Gefühl ein, dass es irgendetwas in ihrer Beziehung gibt, das zwischen ihr und ihrem Freund steht.

Das Buch von Anika Decker fand ich sehr spannend zu lesen. Durch die Ich-Erzählung nimmt sie die Leser direkt hinein in die Erlebniswelt der Protagonistin, in ihre Herausforderungen, ihre Verwirrungen und ihre Fragen. Trotz der schweren Situation, in der sich Rahel befindet, geschieht dies aber immer auch auf eine unterhaltsame, teilweise lustige Art und Weise und hat mich als Leser zwischen Trauer, Bestürzung und Belustigung schwanken lassen. Auf jeden Fall regt das Buch dazu an, das Leben und die eigene Gesundheit nicht als selbstverständlich zu nehmen und auch einmal darüber nachzudenken, was im eigenen Leben wichtig ist. Dies aber immer auf eine angenehme, unterhaltsame Art und Weise.

Ich finde das Buch empfehlenswert für alle, die sich auf unterhaltsame Art und Weise mit einer etwas anderen Lebenswelt auseinandersetzen wollen und bereit sind, Krankheit nicht nur als Katastrophe, sondern als neue Chance zu betrachten.

Bewertung vom 03.06.2019
Inselküsse
Kühne, Evelyn

Inselküsse


weniger gut

Liebesschnulze mit Längen und vorhersehbarer Handlung
Marie lebt in Berlin und hat es in ihrem Leben bisher nicht einfach gehabt. Sie hat drei Kinder von zwei verschiedenen Männern, beide Beziehungen haben nicht gehalten. Mit ihrem Hobby Töpfern, das sie zum Beruf gemacht hat, bringt sie sich und ihre Kinder gerade so über die Runden. Eine Vermutung, warum sich alles in Maries Leben so entwickelt hat, kommt bereits am Anfang des Buches auf: Sie scheint vom Pech verfolgt zu sein. Auch ein Angebot, das besser zu sein scheint, als sie es sich erträumt hätte, kann sie wohl nicht annehmen, als das Dach ihrer Werkstatt einbricht. Mit der Überzeugungskraft ihrer Freundinnen schafft sie es dann doch, den Schritt zu einem Neuanfang zu wagen, auch wenn dies heißt, mit der ganzen Familie nach Rügen umzuziehen.
Genauso unwirklich wie die vielen Missgeschicke am Anfang, wirkt der (nahezu) perfekte Anfang auf Rügen, bei dem Marie – warum erstaunte mich das nicht? – gleich am Anfang ihren Traummann kennenlernt. Natürlich gibt es noch einige Verwicklungen, bis beide zusammenkommen, aber auch diese sind vorhersehbar. Die nicht unerhebliche Zeit, in der sich die beiden Protagonisten aufgrund von Missverständnissen aus dem Weg gehen, wird mit Beschreibungen von Ereignissen gefüllt, die ich nicht besonders spannend fand. Zeitweilig kam deshalb beim Lesen etwas Langeweile auf und ich habe einige Seiten überblättert.
Evelyn Kühne scheint einige Anhängerinnen zu haben, mich hat dieses Buch nicht überzeugt, weitere Romane von ihr zu lesen.

Bewertung vom 12.05.2019
Mein Leben als Sonntagskind
Visser, Judith

Mein Leben als Sonntagskind


ausgezeichnet

Fesselnder Einblick in die Erlebniswelt und Entwicklung eines Kindes mit Asperger-Syndrom

Das Buch beginnt mit der Situation einer Fahrstunde einer jungen Frau. Sie hat bereits überdurchschnittlich viele Fahrstunden hinter sich gebracht, reagiert aber immer noch wie ein Anfänger. Zu überfordert von den vielen auf sie einströmenden Eindrücke und Informationen in der Verkehrssituation, kann sie die Aufgaben eines Fahrers nicht bewältigen. Schon hier wird deutlich, dass es sich bei der Protagonistin um eine Person handelt, die Informationen anders verarbeitet als der Durchschnittsmensch.
Auf den weiteren 600 Seiten des Romans schildert Jasmijn viele kleine Erlebnisse ihres Lebens aus ihrer Sicht, vom Beginn als Kleinkind über ihre Erfahrungen in der Schulzeit bis hin zur jungen Frau. Wir werden hineingenommen in die Erlebnis- und Gedankenwelt eines Kindes, das Eindrücke schlechter verarbeiten und organisieren kann als andere Menschen, und für das zu starke Sinneseindrücke mit Überforderung und Schmerzen verbunden sind. Diese Erfahrungen und Gedanken lassen verstehen, warum sie so anders reagiert als „normale“ Menschen. Warum sie sich abkapselt, soziale Situationen meidet und eine enge Beziehung nur zu dem Hund der Familie aufbaut.
Zunächst war ich überrascht, dass das Buch so dick ist. Dann haben mich die Schilderungen aber so gefesselt, dass ich den Roman an einem Wochenende hintereinander weg durchgelesen habe. Auch wenn sich zwischenzeitlich Ereignisse und Situationen ähneln, so fand ich es doch sehr spannend zu sehen, wie das Kind mit seiner Art zu Denken und den Anforderungen der Umwelt kämpft, den Wunsch, normal zu sein verspürt, immer wieder scheitert, aber doch nicht aufgibt. Ich fand das Buch absolut lesenswert und es hat mich auch ein wenig zum Nachdenken gebracht, was „normal“ ist und was möglicherweise dahinter steckt, wenn Menschen anderes reagieren als die Umwelt von ihnen erwartet. Auch die Frage, in welchem Maße man sich an die Erwartungen der Umwelt anpassen oder lieber ganz sich treu bleiben sollte, hat mich nach dem Lesen weiter beschäftigt.