Benutzer
Benutzername: 
Jasika

Bewertungen

Insgesamt 757 Bewertungen
Bewertung vom 06.01.2026
Johann, Petra

Wem du traust


sehr gut

Nichts wirkt bedrohlicher als ein Alltag, der plötzlich Risse bekommt. Genau dort setzt dieser Roman an. In einer scheinbar sicheren Vorstadtexistenz verschwindet über Nacht etwas Unersetzliches und mit ihm das Vertrauen, auf dem alles aufgebaut war.
Die Geschichte entfaltet sich ruhig und kontrolliert, fast zurückhaltend. Petra Johann verzichtet bewusst auf effekthascherische Gewalt oder reißerische Szenen. Stattdessen entwickelt sich die Spannung aus der Situation selbst, aus Blicken, Zweifeln und unausgesprochenen Fragen. Erzählt wird abwechselnd aus Evas Perspektive und aus der Sicht der Kriminalkommissarin Heidi Westphal. Dieser Wechsel sorgt für Nähe und Distanz zugleich. Während Eva versucht, ihre Familie zusammenzuhalten und an das zu glauben, was ihr Mann sagt, blickt die Ermittlerin nüchtern auf die Fakten. Beide Ebenen ergänzen sich gut und lassen die Geschichte glaubwürdig wirken.

Besonders gelungen ist die Atmosphäre. Das Verschwinden der fünfzehnjährigen Sofia liegt wie ein Schatten über allem. Man spürt die Unruhe, die Angst und das langsame Zerbröckeln des bisherigen Lebens. Freundschaften geraten ins Wanken, Gewissheiten verlieren ihren Halt. Petra Johann nimmt sich Zeit für diese Entwicklungen, manchmal vielleicht etwas zu viel. Gerade im Mittelteil zieht sich die Handlung stellenweise, ohne dass die Spannung ganz abreißt. Die Suche bleibt präsent, aber das Tempo hätte hier etwas straffer sein dürfen.

Auffällig ist der starke Fokus auf die Figuren. Die Autorin interessiert sich weniger für spektakuläre Wendungen als für innere Prozesse. Eva verändert sich spürbar, ihr Blick auf ihre Ehe, auf ihre Freundin und auf sich selbst verschiebt sich mit jeder neuen Information. Auch die Ermittlerin wirkt sympathisch und menschlich, ohne zur Heldin stilisiert zu werden. Die eingeschobenen kursiven Passagen werfen zusätzliche Fragen auf und schüren kurzzeitig Unsicherheit, werden jedoch schneller aufgelöst, als man vielleicht erwartet hätte.
Die Auflösung selbst überrascht nicht vollkommen, ist aber sauber aufgebaut und nachvollziehbar. Auch wenn sich das Ende früh erahnen lässt, bleibt die Spannung bis zuletzt erhalten, weil der Weg dorthin stimmig erzählt ist und emotional trägt.


Fazit:

„Wem du traust“ ist ein leiser, psychologisch geprägter Kriminalroman, der weniger durch Schockmomente als durch Atmosphäre und Figuren überzeugt. Kleine Längen im Mittelteil und eine eher vorhersehbare Auflösung trüben den Gesamteindruck kaum. Wer Spannung sucht, die aus zwischenmenschlichen Abgründen entsteht, und Geschichten über Vertrauen, Familie und Freundschaft schätzt, wird hier gut aufgehoben sein.

Bewertung vom 02.01.2026
Müller, Karin

Im Land der wilden Pferde / Nordlicht Bd.1


ausgezeichnet

Im Mittelpunkt von "Nordlicht" steht Elin, fünfzehn Jahre alt und alles andere als begeistert von der Reise nach Island. Kälte, Schnee, ein fremdes Land und dann auch noch Pferde, ein Thema, mit dem sie eigentlich abgeschlossen hat. Diese ablehnende Haltung wirkt glaubwürdig und war auch für meine elfjährige Tochter sofort nachvollziehbar. Elin ist nicht die typische Heldin, die sich begeistert ins Abenteuer stürzt, sondern jemand, der erst lernen muss, sich wieder zu öffnen.

Sehr schnell entfaltet das Buch eine besondere Stimmung. Island wird nicht nur beschrieben, sondern spürbar gemacht. Die Landschaft, die Weite und die Ruhe dieses Landes haben meine Tochter besonders fasziniert. Sie hat mir immer wieder erzählt, wie lebendig sie sich alles vorstellen konnte und dass sie das Gefühl hatte, selbst mit Elin dort zu sein. Island ist in dieser Geschichte mehr als nur ein Schauplatz, es prägt die Handlung und Elins Entwicklung entscheidend mit.

Ein wichtiger Teil der Geschichte ist Elins innere Zerrissenheit. Der Abschied von ihrem Pferd liegt wie ein Schatten über ihr, auch wenn sie das nach außen nicht zeigen möchte. Genau diese Mischung aus Trotz, Traurigkeit und Rückzug macht sie greifbar. Meine Tochter konnte sich gut in diese Gefühle hineinversetzen und hat Elins langsame Veränderung aufmerksam verfolgt.

Die Pferde nehmen viel Raum ein, ohne dass das Buch dabei überladen wirkt. Es geht nicht nur ums Reiten, sondern um Vertrauen und um die besondere Verbindung zwischen Mensch und Tier. Auch die Begegnung mit dem geheimnisvollen Jungen und die sich vorsichtig entwickelnde Nähe fand meine Tochter spannend, gerade weil sie ruhig erzählt wird und nicht im Vordergrund steht.

Der Schreibstil ist flüssig, klar und sehr gut lesbar. Meine Tochter hat das Buch zügig gelesen und wollte abends unbedingt weiterlesen. Die Mischung aus Magie, Mythen und Realität wirkt stimmig und altersgerecht, ohne kitschig zu sein oder belehrend zu wirken.

Am Ende blieb bei meiner Tochter der Wunsch, sofort mit dem nächsten Band weiterzumachen. Nordlicht ist ein warmherziges, atmosphärisches Pferdeabenteuer, das junge Leserinnen ab etwa zwölf Jahren sehr gut abholt und auch mit elf Jahren schon bestens funktioniert.

Bewertung vom 02.01.2026
Sanders, Nicola

Don't Let Her Stay


gut

Erzählt wird die Geschichte aus der Ich-Perspektive von Joanne, einer 33-jährigen Immobilienmaklerin, die mit ihrem deutlich älteren Mann Richard und ihrem vier Monate alten Baby in einem abgeschiedenen, luxuriösen Haus lebt. Als Richards erwachsene Tochter Chloe plötzlich einzieht, zunächst nur als Übergangslösung, verändert sich die Stimmung im Haus spürbar. Was als Hilfe gedacht ist, vor allem durch Chloes Angebot, auf das Baby aufzupassen, wird schnell zu einer Quelle permanenter Anspannung.

Joanne erlebt Chloe als kühl, feindselig und manipulativ, sobald sie allein sind. Vor Richard jedoch zeigt Chloe ein völlig anderes Gesicht. Dieses Ungleichgewicht zieht sich durch den gesamten Roman und bildet den Kern der psychologischen Spannung. Joanne fühlt sich zunehmend isoliert, nicht ernst genommen und beginnt, an sich selbst zu zweifeln. Gerade weil alles aus ihrer Sicht geschildert wird, bleibt lange offen, ob ihre Wahrnehmung zuverlässig ist oder ob Angst, Schlafmangel und Unsicherheit sie täuschen.

Nicola Sanders versteht es gut, diese Unsicherheit aufrechtzuerhalten. Der Thriller spielt sich fast ausschließlich innerhalb der vier Wände ab und erzeugt eine beklemmende Atmosphäre, die sich stetig verdichtet. Die Kapitel sind kurz, der Stil flüssig und sehr zugänglich, sodass sich das Buch schnell liest und einen konstanten Sog entwickelt. Ich war durchgehend gespannt und habe die Geschichte an einem Tag beendet.

Gleichzeitig liegt hier auch mein größter Kritikpunkt. Joanne ist sehr stark als Opfer angelegt. Ihre Hilflosigkeit, ihr Ausgeliefertsein und das konsequente Nicht-Glauben ihres Mannes wirken mit der Zeit ermüdend. Anstatt die Spannung weiter zu steigern, hat mich diese Konstellation stellenweise eher frustriert. Für Leserinnen und Leser mit viel Thriller-Erfahrung dürfte zudem vieles vertraut wirken.

Die Handlung folgt bekannten Mustern des Genres und überrascht nur selten wirklich.
Als Psychothriller ist das Buch solide konstruiert und gut erzählt, bietet aber wenig Neues. Wer z. B. Freida McFadden oder Joy Fielding regelmäßig liest, wird ähnliche Geschichten schon kennen. Für Einsteiger in das Genre eignet sich der Roman jedoch sehr gut, gerade weil er leicht zugänglich ist und sich problemlos an einem Wochenende verschlingen lässt.

Fazit:

Am Ende bleibt für mich ein fesselndes, aber vorhersehbares Leseerlebnis. Gut gemacht, spannend erzählt, ohne nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen.

Bewertung vom 30.12.2025
Husmann, Ralf;Martin, Christian

Büro ist besser als richtig arbeiten. STROMBERG


sehr gut

Stromberg funktioniert seit jeher, weil diese Figur nichts beschönigt. Sie hält dem Büroalltag einen Spiegel vor, der wehtut und genau deshalb so gut trifft. Bernd Stromberg braucht keine große Inszenierung und keine zeitgeistige Verpackung. Seine Welt ist das Büro, sein Werkzeug die Sprache. Mehr ist nicht nötig, um die Mechanik moderner Arbeitswelten bloßzulegen.

Im Hörbuch „Büro ist besser als richtig arbeiten. STROMBERG: Tipps von A wie Homeoffice bis Z wie Soft Skills“ meldet sich der angeblich beste Chef der Welt zurück und klingt dabei erstaunlich nah an unserer Gegenwart. Work-Life-Blending, Genderdiskussionen, Chatbots und weich formulierte Managementkonzepte liefern reichlich Angriffsfläche. Ralf Husmann und Christian Martin beobachten genau, hören hin und legen den Finger dorthin, wo es unangenehm wird.

Stromberg agiert dabei wie immer jenseits jeder Rücksicht. Er überzeichnet, provoziert und trifft seine Punkte mit einer Direktheit, die selten bequem ist, aber fast immer sitzt.

Das Hörbuch lebt von seinen Stimmen. Christoph Maria Herbst verschwindet vollständig hinter der Figur, jede Nuance sitzt, jeder Satz wirkt präzise gesetzt. Unterstützt wird er von den vertrauten Stimmen der Serie: Bjarne Mädel, Oliver Wnuk, Diana Staehly, Milena Dreißig und Ralf Husmann. Dieses Zusammenspiel sorgt für Tempo, Abwechslung und ein Gefühl von unmittelbarer Nähe zur Serienwelt.

Humor entsteht hier nicht aus schnellen Pointen, sondern aus Beobachtung. Stromberg zerlegt die Rituale des Büroalltags, kommentiert neue Arbeitsmodelle, Soft Skills und ideologisch aufgeladene Begriffe mit einer Mischung aus Selbstüberschätzung und bitterer Klarheit. Vieles ist komisch, manches unangenehm nah an der Realität. Genau dort entfaltet das Hörbuch seine stärkste Wirkung.

Im Alltag erweist sich das Format als ideal. Beim Kochen, Aufräumen oder Putzen läuft das Hörbuch mühelos mit und sorgt dafür, dass selbst monotone Tätigkeiten leichter fallen. Strombergs Monologe funktionieren ohne Bild, weil Sprache hier alles trägt. Das zeigt, wie tragfähig diese Figur auch jenseits des Fernsehens ist.


Fazit:

Dieses Hörbuch beweist, dass Stromberg nichts von seiner Schärfe verloren hat. Die Figur bleibt unbequem, entlarvend und erstaunlich zeitgemäß. Fans der Serie kommen voll auf ihre Kosten, alle anderen erkennen mehr vom eigenen Arbeitsalltag wieder, als ihnen vielleicht lieb ist.

Bewertung vom 30.12.2025
Neeb, Stefanie

Delicate / Copenhagen Cinnamon Bd.1


sehr gut

Kopenhagen hat diese besondere Fähigkeit, sich leise ins Herz zu schleichen. Die Mischung aus Gelassenheit, Wärme und urbaner Nähe habe ich letztes Jahr selbst erlebt, als wir durch die Straßen der Stadt gelaufen sind. Genau dieses Gefühl ruft „Copenhagen Cinnamon. Delicate“ sofort wieder wach.

Jonnas Geschichte setzt in einem Moment des Umbruchs ein. Ihr Leben gerät aus der Spur, und beinahe zufällig landet sie in Mads’ gemütlichem Café. Schnell wird deutlich, dass dieser Ort mehr ist als eine bloße Kulisse. Das Copenhagen Cinnamon ist ein Rückzugsort, ein Platz zum Ankommen und Durchatmen.

Stefanie Neeb fängt diese Atmosphäre sehr stimmig ein und verankert sie fest im herbstlichen Kopenhagen, das hier nicht nur Schauplatz ist, sondern spürbar Teil der Geschichte wird.

Jonna ist eine Protagonistin, die man sofort ins Herz schließt. Sie ist lebensfroh, spontan und auf angenehme Weise schlagfertig, ohne überzeichnet zu wirken. Ihre Energie bringt Leichtigkeit in die Handlung und bildet einen starken Kontrast zu Mads. Er trägt ein dunkles Familiengeheimnis mit sich, das ihn sichtbar belastet. Schuldgefühle bestimmen sein Handeln, seine Zurückhaltung ist jederzeit greifbar, aber nie künstlich. Gerade das Ungesagte zwischen den beiden sorgt für eine leise, stetige Spannung.

Besonders gelungen ist das Zusammenspiel der Figuren im Alltag des Cafés. Zwischen Kaffeeduft, Zimtschnecken und Pumpkin Spice Latte entfaltet sich ein hyggeliges Herbstgefühl, das beim Lesen fast greifbar wird. Die gemütliche Wärme im Inneren, das fallende Laub draußen, ruhige Gespräche und kleine Gesten machen den Reiz dieser Romance aus. Statt großer Dramen stehen Nähe, Vertrauen und das vorsichtige Öffnen alter Wunden im Mittelpunkt. Die Autorin setzt auf ein langsames Annähern, das Raum für Emotionen lässt und die Figuren glaubwürdig entwickelt.

Die Geschichte bleibt durchgehend warmherzig, ruhig und einladend, ohne ins Belanglose abzurutschen. Genau diese Mischung aus Romantik, leiser Spannung und wohltuender Atmosphäre macht „Copenhagen Cinnamon. Delicate“ zu einer idealen Lektüre für die dunklere Jahreszeit.

Am Ende bleibt der Eindruck einer süßen Lovestory mit einem liebevoll gezeichneten Setting in Kopenhagen. Eine Geschichte, die sich beim Lesen sanft anfühlt und lange nachklingt. Ich habe das Buch mit einem Lächeln geschlossen und freue mich jetzt schon auf den nächsten Band „Copenhagen Cinnamon. Gorgeous“.

Bewertung vom 29.12.2025
Lane, Soraya

Die verlassene Tochter / Die verlorenen Töchter Bd.6


gut

Argentinien hat bei mir sofort Erwartungen geweckt. Weite Landschaften, Geschichte, Familienverbindungen über Generationen hinweg. Genau dort setzt dieser sechste Band an und knüpft an das vertraute Grundmotiv der Reihe an, das mich immer wieder neugierig macht.

Im Zentrum steht Rose, die nach dem Tod ihrer Mutter glaubt, endgültig allein zu sein. Ein Brief aus Buenos Aires und ein unerwartetes Erbe stellen dieses Gefühl infrage. Die rätselhaften Gegenstände aus einem Londoner Frauenhaus bekommen plötzlich Gewicht. Ihre Reise führt sie auf eine weitläufige Ranch nach Argentinien und mitten in eine Vergangenheit, die enger mit ihrer eigenen verknüpft ist, als sie zunächst ahnt. Parallel dazu entfaltet sich die Geschichte von Valentina und Felipe.

Die beiden Zeitebenen sind klar voneinander getrennt und dennoch sinnvoll miteinander verbunden. Das ist sauber erzählt und sorgt für einen durchgehend flüssigen Lesefluss.
Ich habe das Buch innerhalb von zwei Tagen beendet. Das spricht für den leichten Stil, macht aber auch ein zentrales Problem deutlich. Die Geschichte bleibt mir zu oberflächlich. Konflikte werden angerissen und fügen sich schnell, ohne wirklich ausgearbeitet zu werden. Besonders ein wichtiger Aspekt in Valentinas Vergangenheit bleibt unbeleuchtet. Aus Spoilergründen lässt sich das hier nicht ausführen, aber genau dort hätte ich mir mehr Tiefe und Konsequenz gewünscht.

Auch die Liebesgeschichte zwischen Rose und Benjamin konnte mich nicht vollständig überzeugen. Sie entwickelt sich sehr zügig und bleibt dabei erstaunlich spannungsarm. Mir fehlte das langsame Annähern, innere Widerstände, echte Reibung. Stattdessen wirkt vieles zu harmonisch, fast glatt. Hinzu kommt, dass die Darstellung der Ranch stellenweise wenig glaubwürdig erscheint. Eine so große Anlage, die nahezu ohne Personal auskommt, hinterließ bei mir einige Fragezeichen.

Stärken zeigt der Roman vor allem in seinen Landschaftsbeschreibungen. Argentinien wird atmosphärisch und stimmungsvoll gezeichnet, die Bilder bleiben im Kopf und machen Lust, diesen Ort selbst zu entdecken. Das ist etwas, das Soraya Lane beherrscht und das ich an der Reihe sehr schätze.

Insgesamt hatte ich jedoch den Eindruck, dass Probleme bewusst entschärft wurden. Gerade dramatische Entwicklungen, etwa in Valentinas Geschichte, wirken retuschiert. Realistisch betrachtet hätte vieles deutlich komplizierter verlaufen müssen. Dadurch verliert die Geschichte an emotionalem Gewicht und Tiefe.

Am Ende bleibt für mich ein Roman, der sich angenehm und schnell lesen lässt, aber wenig nachhallt. Ich lese die Reihe nach wie vor gern und liebe Familiengeheimnisse, sonst hätte mich diese Oberflächlichkeit vermutlich weniger gestört.


Fazit:

Dieser Band wirkt auf mich unrund, da er sich zu selten traut wirklich in die Tiefe zu gehen. Ich bleibe dennoch gespannt auf die weiteren Bände bis zum geplanten Abschluss mit Band 8.

Bewertung vom 26.12.2025
Walton, Emily

Die Welt in unseren Händen


sehr gut

Beim Besuch ihrer Großmutter in einem Altersheim stößt Emma auf einen Gedichtband aus dem Jahr 1944 mit einer persönlichen Widmung eines gewissen Ken. Dieses unscheinbare Fundstück wird zum Ausgangspunkt einer Geschichte, die June bislang für sich behalten hat.
Als kaum Zwanzigjährige tritt June der Women’s Auxiliary Air Force bei, der Frauenhilfsluftwaffe der Royal Air Force. Die Einheit wurde in Großbritannien gegründet, um Frauen in technischen, organisatorischen und logistischen Bereichen einzusetzen. Für viele bedeutete dieser Schritt ein Leben jenseits der vertrauten Rollen. Genau hier setzt Emily Walton an und zeigt, wie viel Mut es erforderte, diesen Weg zu gehen, selbst wenn die Motivation weniger aus patriotischem Pflichtgefühl als aus dem Wunsch nach Veränderung entstand.

Die Autorin schildert den Alltag der WAAF differenziert und anschaulich. Dienst, Kameradschaft, ständige Unsicherheit, aber auch das neue Gefühl, erstmals selbst über das eigene Leben zu bestimmen. Besonders eindrücklich sind die Stationen außerhalb Londons. Ägypten, Kairo, die Hitze, die Fremdheit und zugleich die Faszination dieses anderen Lebensraums. Dort begegnet June dem südafrikanischen Kameramann Ken. Die Liebesgeschichte entwickelt sich leise und glaubwürdig, ohne den historischen Rahmen zu überlagern.
Fernab ihrer Heimat entdeckt June neue Horizonte, während ihre beste Freundin Dotty in London um ihr Leben ringt. Freiheit und Schuld, Hoffnung und Angst stehen dicht nebeneinander. Der Roman blendet die Spuren des Krieges nicht aus.

„Ihre Abenteuer hatten Narben hinterlassen. Aber kaum jemand war ohne Narbe durch diese grässlichen Jahre gekommen. Eine Narbe im Herzen schmerzte zwar, würde aber verheilen und eines Tages zu einer bittersüßen Erinnerung werden.“

Solche Passagen geben der Geschichte Tiefe und emotionales Gewicht.

Im Nachwort öffnet Emily Walton den Blick auf ihre Recherche. Besonders aufschlussreich ist der Hinweis, dass viele junge Frauen nicht vorrangig dem Ruf des Vaterlandes folgten, sondern dem Wunsch, dem engen Alltag zu entkommen und etwas Eigenes zu erleben. Die Großmutter der Autorin war damit kein Einzelfall. Dieses Wissen verleiht dem Roman zusätzliche Glaubwürdigkeit und erklärt, warum sich die historischen Passagen so persönlich anfühlen.

Die Handlung ist fesselnd erzählt und macht einen oft übersehenen Teil der Kriegsgeschichte greifbar.

Am Ende schließt sich der Kreis zwischen Emma und June auf ruhige, stimmige Weise. Die Vergangenheit wirkt nach und verändert den Blick auf die eigene Zukunft.

Fazit:

Ein eindrucksvoll erzählter Roman über Frauen im Zweiten Weltkrieg, der die Arbeit der WAAF sichtbar macht und zugleich zeigt, dass hinter dem Dienst oft der Wunsch nach Freiheit und Selbstbestimmung stand. Historisch fundiert, emotional glaubwürdig und nachhaltig in seiner Wirkung.

Bewertung vom 15.12.2025
Golinske, Svea;Heilmeyer, Peter

Der Cortisol-Code


ausgezeichnet

Nach dem Aufwachen am Morgen fühlt sich der Körper schwer an, der Kopf ist schon voll, bevor der Tag richtig begonnen hat. Zwischen Beruf, Kindern, Haushalt, Terminen und dem ständigen Gefühl, funktionieren zu müssen, dreht sich das Hamsterrad weiter. Nachts wache ich auf, am Nachmittag sackt die Energie ab, die Reizbarkeit steigt. Genau an diesem Punkt hat mich dieses Buch abgeholt.

„Der Cortisol-Code“ liest sich wie eine Antwort auf ein Lebensgefühl, das viele kennen, aber selten klar benennen. Schon nach den ersten Kapiteln wurde deutlich, dass die Autorin und der Autor das Thema nicht oberflächlich anfassen. Sie betrachten Cortisol aus unterschiedlichen Blickwinkeln und schaffen es, medizinisches Wissen verständlich einzuordnen, ohne belehrend zu wirken. Es geht nicht nur um das Warum eines dauerhaft erhöhten Cortisolspiegels, sondern vor allem um das Wie der Veränderung. Das macht den Ansatz so überzeugend.

Der Aufbau des Buches ist klar gegliedert und sinnvoll aufeinander abgestimmt.

Teil 1: Wie Cortisol unseren Alltag prägt,
Teil 2: Cortisol verstehen, Grundlagen und Mechanismen,
Teil 3: Die Werkzeuge der Cortisolregulation,
Teil 4: Der Cortisol - Code.

Besonders angenehm ist, dass die theoretischen Grundlagen nicht losgelöst präsentiert werden. Die biologischen und psychologischen Zusammenhänge werden so erklärt, dass sie sich direkt mit dem eigenen Alltag verknüpfen lassen. Chronischer Stress, Schlafmangel, Ernährung, Medienkonsum oder intensive sportliche Belastung werden nicht pauschal verurteilt, sondern differenziert betrachtet. Dadurch entsteht ein realistisches Bild davon, wie leicht dieses sensible Hormonsystem aus dem Gleichgewicht geraten kann.

Es wird klar gemacht, dass Wissen allein nicht reicht. Veränderung entsteht erst dann, wenn man Verantwortung übernimmt und beginnt, kleine, machbare Schritte zu gehen. Genau hier setzt der umfangreiche Praxisteil an.

Besonders gelungen ist der vierte Teil mit dem 30 Tage Reset Programm. Woche für Woche führt er zu mehr Balance in zentralen Lebensbereichen wie Schlaf und Ernährung, Training und Entspannung, Medienkonsum sowie Licht und Natur, ergänzt durch Mikronährstoffe und Achtsamkeit. Die Struktur ist übersichtlich, die Inhalte klar formuliert. Jede Woche wird von einer Checkliste begleitet, die man im Alltag tatsächlich nutzen kann. Kleine Rituale finden ebenso Platz wie konkrete Anregungen, die nicht zusätzlich stressen, sondern entlasten.

Auch die Rezepte haben mich positiv überrascht. Sie sind alltagstauglich, gesund und gleichzeitig genussvoll. Man merkt, dass hier nicht mit Verzicht gearbeitet wird, sondern mit dem Ziel, Energie zurückzugewinnen und den Körper sinnvoll zu unterstützen.

Im Vorwort machen die Autoren deutlich, worum es ihnen wirklich geht. Sie wollen ein tieferes Verständnis für die Bedeutung eines gesunden Cortisolspiegels schaffen, körperlich wie psychisch, und dieses Wissen in den Alltag übersetzen. Es geht um die komplexen biochemischen Prozesse im Körper, um Bildung und Regulation dieses Hormons und um die Folgen, wenn der Regelkreis aus dem Takt gerät. Gleichzeitig laden sie dazu ein, mit Neugier hinzuschauen, Zusammenhänge zu erkennen und den eigenen Einfluss nicht zu unterschätzen. Dieser respektvolle, ermutigende Ton zieht sich durch das gesamte Buch.

Ich bin noch mitten im Ausprobieren, doch schon jetzt fühlt sich „Der Cortisol-Code“ für mich wie ein sinnvoller Begleiter an. Nicht als schneller Problemlöser, sondern als strukturierte Hilfe zur Selbstreflexion und Veränderung. In einer Welt, in der alles immer schneller gehen soll, setzt dieses Buch bewusst auf Verständnis, Balance und langfristige Stressresilienz.

Am Ende bleibt der Eindruck eines fundierten, gut durchdachten Ratgebers, der weder Angst macht noch simple Lösungen verspricht. Stattdessen bietet er Orientierung, Wissen und praktikable Werkzeuge für den Alltag. Ein Buch, das nicht belehrt, sondern begleitet, und das gerade deshalb überzeugt.

Bewertung vom 14.12.2025
Schörghofer, Manuela

Schatten über dem Kloster / Isabella Falk ermittelt Bd.1


ausgezeichnet

Im Jahr 1376 wird der Bürgermeister von Füssen tot in einem ausgebrannten Teil des Klosters von Weißenfels aufgefunden. Schnell zeigt sich, dass der Mann bereits vor dem Brand starb und nicht erst in den Flammen umkam. Der plötzliche Tod des Richters Falk verändert alles und stellt seine junge Ehefrau Isabella vor eine Entscheidung, die ihr kaum Spielraum lässt.

Isabella wird zur Erbin eingesetzt, allerdings unter einer klaren Bedingung. Sie muss den Mord an dem Bürgermeister aufklären, andernfalls verliert sie Haus und Hof an ihren Schwager Berthold. Diese Ausgangslage verankert den Kriminalfall fest in existenziellen und familiären Abhängigkeiten.

Die Ermittlungen führen die junge Frau in Bereiche, die Frauen im 14. Jahrhundert nicht zugedacht waren. Politische Verflechtungen, kirchlicher Einfluss und persönliche Feindschaften greifen ineinander. Jeder Schritt kann soziale Konsequenzen nach sich ziehen und machen den Grat, auf dem Isabella sich bewegen kann, schmal. Sie ist auf männliche Unterstützung angewiesen, verliert dabei aber nie die Kontrolle über das Geschehen. Ihre Rolle bleibt aktiv und bestimmend.

Mit Leonhard Stadler, dem neuen Stadtschreiber und Sohn des verhassten Nachfolgers ihres Mannes, erhält sie einen ebenso klugen wie zunächst schwer einzuordnenden Verbündeten. Magnus Bader, Sohn des Medicus, ergänzt das Team mit Wissen und Umsicht. Das Zusammenspiel dieser Figuren wirkt ausgewogen. Vertrauen entwickelt sich vorsichtig, aber Zweifel bleiben bestehen. Als ein Verrat unerwartet zutage tritt, spitzt sich die Situation dramatisch zu und bringt alle Beteiligten in große Gefahr.

Es geht nicht nur um Schuld oder Unschuld, sondern um Macht, Einfluss und das bewusste Verschleiern der Wahrheit. Gerade diese Verknüpfung von persönlichem Risiko und größeren Zusammenhängen verleiht der Geschichte Spannung. Die Kirche erscheint dabei nicht als bloße Kulisse, sondern als aktiver Teil eines Geflechts aus persönlichen Interessen, Abhängigkeiten und Intrigen hinter dicken Mauern.

Manuela Schörghofer erzählt die Geschichte ruhig und klar. Das Personenverzeichnis, das Glossar historischer Begriffe sowie die Karte von Füssen im Jahr 1376 sind sinnvolle Ergänzungen und erleichtern die Orientierung. Sie unterstreichen die sorgfältige Recherche, die dem Roman zugrunde liegt.

Der Krimi lebt weniger von schnellen Effekten als vielmehr von Zuspitzungen, unerwarteten Wendungen und der stetigen Bedrohung, die über den Figuren liegt. Die Geschichte unterhält und bleibt durchgängig spannend. Als erster Band der Reihe führt der Roman überzeugend in die Welt von Isabella Falk ein und macht zugleich neugierig auf weitere Fälle.


Fazit:

„Schatten über dem Kloster“ ist ein stimmiger historischer Krimi, der einen klaren Mordfall mit politischen und gesellschaftlichen Konflikten des Jahres 1376 verbindet. Die Figur der Isabella Falk überzeugt durch Entschlossenheit und Glaubwürdigkeit innerhalb der Grenzen ihrer Zeit. Ein spannender Auftakt, der neugierig auf weitere Fälle macht.

Bewertung vom 13.12.2025
Rosenthal, Rena

Entscheidung aus Liebe / Der Eispalast Bd.3


sehr gut

Endlich kehrt Julianna nach Wien zurück. Der Eiskunstlauf steht weiterhin im Zentrum ihres Lebens, doch nun ist er untrennbar mit Verantwortung, wirtschaftlichem Risiko und Entscheidungen verbunden, die weit über persönliche Wünsche hinausgehen. Das Wiedersehen mit Leo ist von Nähe und Vertrautheit geprägt, zugleich aber überschattet von der Sorge um den Eispalast, der als gemeinsame Zukunft gedacht war und nun zur existenziellen Belastung wird.

Die Geschichte entfaltet sich aus verschiedenen Perspektiven, was ihr eine besondere Tiefe verleiht. Die wechselnden Ich-Perspektiven sorgen dafür, dass man den Figuren sehr nahekommt und ihre Motive versteht, selbst dann, wenn ihre Entscheidungen schmerzhaft oder fragwürdig sind. Die Spannung entsteht dabei vor allem aus inneren Konflikten und realen Abhängigkeiten.

Das Wien des frühen 20. Jahrhunderts ist mehr als ein atmosphärischer Hintergrund. Gesellschaftliche Unterschiede, starre Normen und soziale Kämpfe sind fest mit den Lebenswegen der Figuren verwoben. Der Wunsch von Frauen nach Selbstbestimmung, der Kampf um bessere Arbeitsbedingungen in den Fabriken und die Skepsis gegenüber technischen Neuerungen wie Kunsteis beeinflussen den Alltag. Besonders überzeugend ist, wie diese Themen nicht erklärt, sondern gelebt werden. Frauen lieben Männer, die gesellschaftlich nicht zu ihnen passen. Arbeiterinnen fürchten den Mut zum Widerstand, weil er ihre Existenz bedroht. Menschen begegnen neuer Technik mit Misstrauen, weil sie das Unbekannte fürchten. Eine junge Frau aus bester Gesellschaft trifft eine folgenschwere Entscheidung, die nicht nur ihr eigenes Leben aus der Bahn wirft.

In diesem Zusammenhang gewinnt auch der Eispalast seine tiefere Bedeutung. An einer zentralen Stelle heißt es:
„Letztlich ist der Eispalast so viel mehr als das, was Leo gebaut hat. Er steht für den Aufbruch in eine neue Zeit, eine Zeit, in der die Trennung zwischen Armen und Reichen immer mehr aufgehoben wird. Sie wollten einen entscheidenden Schritt in diese Richtung tun. Und mit dem Untergang des Eispalasts wird keiner in der Welt der Eisläufer mehr diesen Schritt gehen.“
Dieses Zitat bringt präzise auf den Punkt, wofür der Roman im Kern steht. Der Eispalast ist Hoffnung, gesellschaftliche Vision und Risiko zugleich.

Die Leidenschaft für das Eislaufen zieht sich ruhig, aber konsequent durch die Handlung. Sie zeigt sich in Hingabe, Disziplin und dem Willen, trotz Widerständen weiterzumachen. Gerade darin liegt die emotionale Kraft des Romans.

Allerdings überzeugt nicht jede Auflösung vollständig. Ein Konflikt fügt sich etwas zu rasch, zudem wird das Schicksal einer Figur für mein Empfinden zu knapp abgehandelt. Das wirkt im Vergleich zur sorgfältigen Entwicklung zuvor irritierend. Insgesamt bleiben die Verwicklungen jedoch stimmig und führen zu einem Abschluss, der emotional trägt.

Zurück bleibt das Gefühl, eine andere Zeit kennengelernt zu haben. Man teilt Hoffnungen und Ängste, erlebt gesellschaftlichen Wandel und persönliche Entscheidungen aus nächster Nähe. Das winterliche Wien ist lebendig, die Figuren wirken greifbar, und die Verbindung von historischer Realität und erzählerischer Freiheit gelingt überzeugend.

Fazit:
„Der Eispalast – Entscheidung aus Liebe“ schließt die Trilogie mit emotionaler Dichte, historischem Gespür und einer spürbaren Nähe zu seinen Figuren ab. Trotz kleiner Schwächen in der Auflösung überwiegt der Eindruck einer sorgfältig erzählten Geschichte, die Liebe, gesellschaftlichen Wandel und persönliche Verantwortung glaubwürdig miteinander verbindet. Als Finale ist der Roman stimmig und berührend und macht deutlich, was es kosten kann, für einen Traum und füreinander einzustehen.