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Jasika

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Insgesamt 759 Bewertungen
Bewertung vom 10.01.2026
Wieja, Corinna

Herzglitzern und Mistelzweige


ausgezeichnet

Weihnachten in Schweden hat etwas Magisches. Lange Nächte, flackerndes Kerzenlicht, Schnee, der alles heller macht. Man stellt sich knarrende Holzböden vor, dampfende Tassen mit Kaffee oder Glögg und dieses leise Gefühl von Ruhe, das sich einstellt, wenn draußen die Welt langsamer wird.

Genau in diese Atmosphäre führt Corinna Wieja mit „Herzglitzern und Mistelzweige“ und schafft damit von der ersten Seite an einen Rahmen, der perfekt zur leisen, gefühlvollen Geschichte passt.

Im Mittelpunkt steht Lin, deren Leben gerade aus den Fugen geraten ist. Eine gescheiterte Beziehung, das drohende Ende ihrer Ausbildung in einer Tierarztpraxis und das schmerzliche Vermissen ihres besten Freundes Jona, der nach dem Abi fortgezogen ist. Die Einladung, ihn im Bed & Breakfast seiner Mutter in Schweden zu besuchen, wirkt wie ein Rettungsanker. Lin reist mit großen Erwartungen an, träumt von einer weißen Weihnacht, Nähe und gemeinsamen Momenten. Doch Schweden empfängt sie nicht nur mit Schnee und Lichtern, sondern auch mit unausgesprochenen Sorgen. Jona ist stark eingebunden, trägt Verantwortung für das B&B und kämpft mit Problemen, die er selbst Lin nicht anvertrauen kann. Gleichzeitig trägt er seit Jahren Gefühle in sich, für die scheinbar nie der richtige Zeitpunkt war.

Lin und Jona wirken nicht wie konstruierte Figuren, sondern geradezu echt. Ihre Freundschaft hat Tiefe, Geschichte und kleine, glaubwürdige Rituale. Beim Lesen entsteht das Gefühl, diese beiden wirklich zu kennen, ihre Blicke zu deuten und ihre Unsicherheiten zu verstehen. Das Knistern zwischen ihnen ist spürbar, aber nie aufdringlich. Gerade das langsame Annähern, das Zögern und das ständige Abwägen machen die Friends-to-Lovers Dynamik so überzeugend. Über vielen Szenen schwebt dabei die zentrale Frage: Was, wenn man alles riskiert und am Ende nicht nur eine mögliche Beziehung verliert, sondern auch die innige Freundschaft seit Kindertagen?

Corinna Wieja nimmt sich Zeit für diese Entwicklung und das zahlt sich aus. Der Slow Burn wirkt natürlich und emotional, weil er aus vielen kleinen Momenten besteht. Gemeinsame Abende, kurze Gespräche, unausgesprochene Gedanken und Blicke, die mehr sagen als Worte. Das weihnachtliche Setting spielt dabei eine wichtige Rolle, ohne jemals kitschig zu werden. Das kleine B&B, die winterliche Landschaft und die ruhige schwedische Atmosphäre verstärken die Gefühle, statt sie zu überdecken.

Ein Zitat bringt das Grundgefühl des Buches sehr treffend auf den Punkt:

„Glück kann man eben nicht planen, denke ich, während wir ins Esszimmer schlendern. Und nicht jeder Weg verläuft gerade. Manchmal gibt es Hindernisse, die einen ganz schön fordern können. Aber wenn man die Augen aufhält, kann man sein persönliches Glück finden. Jeden Tag aufs Neue bietet sich eine Chance dafür. Und manchmal begegnet es einem auch auf Umwegen.“

„Herzglitzern und Mistelzweige“ ist ein winterliches Wohlfühlbuch, das genau weiß, was es sein möchte. Es erzählt eine leise, warme und ehrliche Liebesgeschichte. Die schwedische Weihnachtskulisse, das sanfte Tempo und die liebevoll gezeichneten Figuren haben meine eigene Vorfreude auf Weihnachten noch einmal spürbar verstärkt.


Fazit:

Ein süßer und warmherziger Winterroman, der perfekt in die Vorweihnachtszeit passt und zeigt, dass große Gefühle manchmal genau dort entstehen, wo man sie am wenigsten plant.

Bewertung vom 09.01.2026
Hannah, Kristin

Night Road - Der Sommer unseres Lebens


sehr gut

Als Lexi und Mia sich in der Schule kennenlernen entsteht sofort eine Nähe und bald darauf eine innige Freundschaft. Zwei Mädchen, die unterschiedlicher kaum sein könnten, finden ineinander Halt. Zusammen mit Mias Zwillingsbruder Zach verbringen sie einen letzten Sommer, der von Freiheit, jugendlicher Leichtigkeit und großen Zukunftsplänen geprägt ist.

Kristin Hannah nimmt sich bewusst Zeit für diese Phase und macht spürbar, wie eng die drei miteinander verbunden sind, bevor eine einzige Nacht ihr Leben unwiderruflich aus der Bahn wirft.

Lexi wächst in schwierigen Verhältnissen auf. Ihre Kindheit ist geprägt von Armut, wechselnden Pflegefamilien und einer Mutter, die durch ihre Drogensucht kaum Verantwortung übernehmen konnte und schließlich an einer Überdosis stirbt. Erst mit dreizehn Jahren findet Lexi bei ihrer Tante Eva ein Zuhause. Das Geld ist immer knapp, aber Eva ist zupackend, ehrlich und sie liebt Lexi aufrichtig. Zum ersten Mal erlebt sie Verlässlichkeit und Zuneigung. Diese Erfahrung prägt ihr gesamtes Handeln. Lexi weiß, dass sie sich keine Fehler leisten darf, dass sie immer mehr zu verlieren hat als andere.

Ganz anders wirkt das Leben der Zwillinge. Mia und Zach wachsen in einem behüteten, reichen Umfeld auf, getragen von der Fürsorge ihrer Mutter Jude. Jude ist eine Frau, die nach einer lieblosen eigenen Kindheit alles daransetzt, ihren Kindern Geborgenheit zu geben. Ihr Alltag kreist um Familie, Garten und das Bedürfnis, alles richtig zu machen. Für Lexi wird sie schnell zu einer Mutterfigur, zu jemandem, bei dem sie all das findet, was ihr lange gefehlt hat.

Diese Nähe wirkt zunächst heilend, erhält später jedoch eine schmerzhafte Bedeutung.
Die Unterschiede zwischen den Jugendlichen sind deutlich gezeichnet. Mia ist eher zurückhaltend, beobachtend, ehrlich und hat einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Zach hingegen verkörpert den beliebten Jungen der Schule, sportlich, selbstbewusst, scheinbar unbeschwert.

Kristin Hannah zeigt sehr klar, dass diese Unterschiede nicht nur Charakterfragen sind, sondern auch darüber entscheiden, wie Fehler bewertet werden. Besonders eindringlich wird das in einer Szene, in der Lexi mit einer Wahrheit konfrontiert wird, die sie längst verinnerlicht hat:
„Mia und ihr Bruder sind nicht wie du. Die beiden haben Möglichkeiten, die du nicht hast. Ihnen lässt man auch Dinge durchgehen, die man dir nicht durchgehen lässt.“
Lexi versteht das nur zu gut. Schon früh begreift sie, dass sie vorsichtiger sein muss als andere.

Als das tragische Ereignis eintritt, zerbricht das fragile Gefüge der Freundschaft. Was folgt, ist kein lauter Zusammenbruch, sondern ein leises, schmerzhaftes Auseinanderdriften. Schuld, Trauer und Sprachlosigkeit bestimmen den weiteren Weg der Figuren.

Kristin Hannah beschreibt diesen Zustand mit großer emotionaler Genauigkeit. Besonders eindrucksvoll sind die leisen Gedanken über Verlust und Erinnerung:

„Im Meer des Leids existierten Inseln des Trosts, Augenblicke, in denen man an das dachte, was geblieben war, statt an das, was verloren war.“

Diese Momente geben dem Roman Tiefe und verhindern, dass er in bloßer Hoffnungslosigkeit versinkt.
Die Geschichte wird überwiegend aus der Perspektive von Lexi und Jude erzählt. Dieser Wechsel verdeutlicht, wie unterschiedlich derselbe Schmerz erlebt werden kann. Beide Frauen lieben, beide trauern, beide fühlen sich schuldig. Dennoch finden sie lange keinen Weg zueinander. Der Roman macht deutlich, dass Nähe nicht automatisch Verständnis bedeutet und dass Vergebung ein langsamer, oft schmerzhafter Prozess ist.

Auch der Umgang mit Zeit spielt dabei eine zentrale Rolle:

„Die Zeit mochte nicht alle Wunden heilen, doch sie verlieh einem eine Art Rüstung oder zumindest neue Perspektiven.“

Dieser Gedanke zieht sich leise durch die zweite Hälfte des Buches.
So eindringlich die emotionalen Konflikte erzählt sind, verliert sich der Roman stellenweise in ausführlichen Alltagsschilderungen. Einige Passagen nehmen viel Raum ein, ohne die innere Entwicklung der Figuren entscheidend voranzubringen. Diese ruhigeren Abschnitte wirken nicht unpassend, bremsen jedoch gelegentlich das Erzähltempo und nehmen der Geschichte an einzelnen Stellen etwas von ihrer emotionalen Wucht.

Kristin Hannahs Schreibstil bleibt dennoch klar, ruhig und sehr zugänglich. Sie setzt weniger auf äußere Dramatik als auf innere Spannungen und moralische Fragen. Gerade dadurch entsteht eine Geschichte, die nicht schockieren will, sondern nachdenklich macht und zu Tränen rührt.


Fazit:

Ein emotionaler Roman über Freundschaft, Familie und Schuld, der lange nachhallt. Trotz kleiner Längen überzeugt "Night Road - Der Sommer unseres Lebens" durch seine Figuren und seine emotionale Tiefe.

Bewertung vom 06.01.2026
Johann, Petra

Wem du traust


sehr gut

Nichts wirkt bedrohlicher als ein Alltag, der plötzlich Risse bekommt. Genau dort setzt dieser Roman an. In einer scheinbar sicheren Vorstadtexistenz verschwindet über Nacht etwas Unersetzliches und mit ihm das Vertrauen, auf dem alles aufgebaut war.
Die Geschichte entfaltet sich ruhig und kontrolliert, fast zurückhaltend. Petra Johann verzichtet bewusst auf effekthascherische Gewalt oder reißerische Szenen. Stattdessen entwickelt sich die Spannung aus der Situation selbst, aus Blicken, Zweifeln und unausgesprochenen Fragen. Erzählt wird abwechselnd aus Evas Perspektive und aus der Sicht der Kriminalkommissarin Heidi Westphal. Dieser Wechsel sorgt für Nähe und Distanz zugleich. Während Eva versucht, ihre Familie zusammenzuhalten und an das zu glauben, was ihr Mann sagt, blickt die Ermittlerin nüchtern auf die Fakten. Beide Ebenen ergänzen sich gut und lassen die Geschichte glaubwürdig wirken.

Besonders gelungen ist die Atmosphäre. Das Verschwinden der fünfzehnjährigen Sofia liegt wie ein Schatten über allem. Man spürt die Unruhe, die Angst und das langsame Zerbröckeln des bisherigen Lebens. Freundschaften geraten ins Wanken, Gewissheiten verlieren ihren Halt. Petra Johann nimmt sich Zeit für diese Entwicklungen, manchmal vielleicht etwas zu viel. Gerade im Mittelteil zieht sich die Handlung stellenweise, ohne dass die Spannung ganz abreißt. Die Suche bleibt präsent, aber das Tempo hätte hier etwas straffer sein dürfen.

Auffällig ist der starke Fokus auf die Figuren. Die Autorin interessiert sich weniger für spektakuläre Wendungen als für innere Prozesse. Eva verändert sich spürbar, ihr Blick auf ihre Ehe, auf ihre Freundin und auf sich selbst verschiebt sich mit jeder neuen Information. Auch die Ermittlerin wirkt sympathisch und menschlich, ohne zur Heldin stilisiert zu werden. Die eingeschobenen kursiven Passagen werfen zusätzliche Fragen auf und schüren kurzzeitig Unsicherheit, werden jedoch schneller aufgelöst, als man vielleicht erwartet hätte.
Die Auflösung selbst überrascht nicht vollkommen, ist aber sauber aufgebaut und nachvollziehbar. Auch wenn sich das Ende früh erahnen lässt, bleibt die Spannung bis zuletzt erhalten, weil der Weg dorthin stimmig erzählt ist und emotional trägt.


Fazit:

„Wem du traust“ ist ein leiser, psychologisch geprägter Kriminalroman, der weniger durch Schockmomente als durch Atmosphäre und Figuren überzeugt. Kleine Längen im Mittelteil und eine eher vorhersehbare Auflösung trüben den Gesamteindruck kaum. Wer Spannung sucht, die aus zwischenmenschlichen Abgründen entsteht, und Geschichten über Vertrauen, Familie und Freundschaft schätzt, wird hier gut aufgehoben sein.

Bewertung vom 02.01.2026
Müller, Karin

Im Land der wilden Pferde / Nordlicht Bd.1


ausgezeichnet

Im Mittelpunkt von "Nordlicht" steht Elin, fünfzehn Jahre alt und alles andere als begeistert von der Reise nach Island. Kälte, Schnee, ein fremdes Land und dann auch noch Pferde, ein Thema, mit dem sie eigentlich abgeschlossen hat. Diese ablehnende Haltung wirkt glaubwürdig und war auch für meine elfjährige Tochter sofort nachvollziehbar. Elin ist nicht die typische Heldin, die sich begeistert ins Abenteuer stürzt, sondern jemand, der erst lernen muss, sich wieder zu öffnen.

Sehr schnell entfaltet das Buch eine besondere Stimmung. Island wird nicht nur beschrieben, sondern spürbar gemacht. Die Landschaft, die Weite und die Ruhe dieses Landes haben meine Tochter besonders fasziniert. Sie hat mir immer wieder erzählt, wie lebendig sie sich alles vorstellen konnte und dass sie das Gefühl hatte, selbst mit Elin dort zu sein. Island ist in dieser Geschichte mehr als nur ein Schauplatz, es prägt die Handlung und Elins Entwicklung entscheidend mit.

Ein wichtiger Teil der Geschichte ist Elins innere Zerrissenheit. Der Abschied von ihrem Pferd liegt wie ein Schatten über ihr, auch wenn sie das nach außen nicht zeigen möchte. Genau diese Mischung aus Trotz, Traurigkeit und Rückzug macht sie greifbar. Meine Tochter konnte sich gut in diese Gefühle hineinversetzen und hat Elins langsame Veränderung aufmerksam verfolgt.

Die Pferde nehmen viel Raum ein, ohne dass das Buch dabei überladen wirkt. Es geht nicht nur ums Reiten, sondern um Vertrauen und um die besondere Verbindung zwischen Mensch und Tier. Auch die Begegnung mit dem geheimnisvollen Jungen und die sich vorsichtig entwickelnde Nähe fand meine Tochter spannend, gerade weil sie ruhig erzählt wird und nicht im Vordergrund steht.

Der Schreibstil ist flüssig, klar und sehr gut lesbar. Meine Tochter hat das Buch zügig gelesen und wollte abends unbedingt weiterlesen. Die Mischung aus Magie, Mythen und Realität wirkt stimmig und altersgerecht, ohne kitschig zu sein oder belehrend zu wirken.

Am Ende blieb bei meiner Tochter der Wunsch, sofort mit dem nächsten Band weiterzumachen. Nordlicht ist ein warmherziges, atmosphärisches Pferdeabenteuer, das junge Leserinnen ab etwa zwölf Jahren sehr gut abholt und auch mit elf Jahren schon bestens funktioniert.

Bewertung vom 02.01.2026
Sanders, Nicola

Don't Let Her Stay


gut

Erzählt wird die Geschichte aus der Ich-Perspektive von Joanne, einer 33-jährigen Immobilienmaklerin, die mit ihrem deutlich älteren Mann Richard und ihrem vier Monate alten Baby in einem abgeschiedenen, luxuriösen Haus lebt. Als Richards erwachsene Tochter Chloe plötzlich einzieht, zunächst nur als Übergangslösung, verändert sich die Stimmung im Haus spürbar. Was als Hilfe gedacht ist, vor allem durch Chloes Angebot, auf das Baby aufzupassen, wird schnell zu einer Quelle permanenter Anspannung.

Joanne erlebt Chloe als kühl, feindselig und manipulativ, sobald sie allein sind. Vor Richard jedoch zeigt Chloe ein völlig anderes Gesicht. Dieses Ungleichgewicht zieht sich durch den gesamten Roman und bildet den Kern der psychologischen Spannung. Joanne fühlt sich zunehmend isoliert, nicht ernst genommen und beginnt, an sich selbst zu zweifeln. Gerade weil alles aus ihrer Sicht geschildert wird, bleibt lange offen, ob ihre Wahrnehmung zuverlässig ist oder ob Angst, Schlafmangel und Unsicherheit sie täuschen.

Nicola Sanders versteht es gut, diese Unsicherheit aufrechtzuerhalten. Der Thriller spielt sich fast ausschließlich innerhalb der vier Wände ab und erzeugt eine beklemmende Atmosphäre, die sich stetig verdichtet. Die Kapitel sind kurz, der Stil flüssig und sehr zugänglich, sodass sich das Buch schnell liest und einen konstanten Sog entwickelt. Ich war durchgehend gespannt und habe die Geschichte an einem Tag beendet.

Gleichzeitig liegt hier auch mein größter Kritikpunkt. Joanne ist sehr stark als Opfer angelegt. Ihre Hilflosigkeit, ihr Ausgeliefertsein und das konsequente Nicht-Glauben ihres Mannes wirken mit der Zeit ermüdend. Anstatt die Spannung weiter zu steigern, hat mich diese Konstellation stellenweise eher frustriert. Für Leserinnen und Leser mit viel Thriller-Erfahrung dürfte zudem vieles vertraut wirken.

Die Handlung folgt bekannten Mustern des Genres und überrascht nur selten wirklich.
Als Psychothriller ist das Buch solide konstruiert und gut erzählt, bietet aber wenig Neues. Wer z. B. Freida McFadden oder Joy Fielding regelmäßig liest, wird ähnliche Geschichten schon kennen. Für Einsteiger in das Genre eignet sich der Roman jedoch sehr gut, gerade weil er leicht zugänglich ist und sich problemlos an einem Wochenende verschlingen lässt.

Fazit:

Am Ende bleibt für mich ein fesselndes, aber vorhersehbares Leseerlebnis. Gut gemacht, spannend erzählt, ohne nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen.

Bewertung vom 30.12.2025
Husmann, Ralf;Martin, Christian

Büro ist besser als richtig arbeiten. STROMBERG


sehr gut

Stromberg funktioniert seit jeher, weil diese Figur nichts beschönigt. Sie hält dem Büroalltag einen Spiegel vor, der wehtut und genau deshalb so gut trifft. Bernd Stromberg braucht keine große Inszenierung und keine zeitgeistige Verpackung. Seine Welt ist das Büro, sein Werkzeug die Sprache. Mehr ist nicht nötig, um die Mechanik moderner Arbeitswelten bloßzulegen.

Im Hörbuch „Büro ist besser als richtig arbeiten. STROMBERG: Tipps von A wie Homeoffice bis Z wie Soft Skills“ meldet sich der angeblich beste Chef der Welt zurück und klingt dabei erstaunlich nah an unserer Gegenwart. Work-Life-Blending, Genderdiskussionen, Chatbots und weich formulierte Managementkonzepte liefern reichlich Angriffsfläche. Ralf Husmann und Christian Martin beobachten genau, hören hin und legen den Finger dorthin, wo es unangenehm wird.

Stromberg agiert dabei wie immer jenseits jeder Rücksicht. Er überzeichnet, provoziert und trifft seine Punkte mit einer Direktheit, die selten bequem ist, aber fast immer sitzt.

Das Hörbuch lebt von seinen Stimmen. Christoph Maria Herbst verschwindet vollständig hinter der Figur, jede Nuance sitzt, jeder Satz wirkt präzise gesetzt. Unterstützt wird er von den vertrauten Stimmen der Serie: Bjarne Mädel, Oliver Wnuk, Diana Staehly, Milena Dreißig und Ralf Husmann. Dieses Zusammenspiel sorgt für Tempo, Abwechslung und ein Gefühl von unmittelbarer Nähe zur Serienwelt.

Humor entsteht hier nicht aus schnellen Pointen, sondern aus Beobachtung. Stromberg zerlegt die Rituale des Büroalltags, kommentiert neue Arbeitsmodelle, Soft Skills und ideologisch aufgeladene Begriffe mit einer Mischung aus Selbstüberschätzung und bitterer Klarheit. Vieles ist komisch, manches unangenehm nah an der Realität. Genau dort entfaltet das Hörbuch seine stärkste Wirkung.

Im Alltag erweist sich das Format als ideal. Beim Kochen, Aufräumen oder Putzen läuft das Hörbuch mühelos mit und sorgt dafür, dass selbst monotone Tätigkeiten leichter fallen. Strombergs Monologe funktionieren ohne Bild, weil Sprache hier alles trägt. Das zeigt, wie tragfähig diese Figur auch jenseits des Fernsehens ist.


Fazit:

Dieses Hörbuch beweist, dass Stromberg nichts von seiner Schärfe verloren hat. Die Figur bleibt unbequem, entlarvend und erstaunlich zeitgemäß. Fans der Serie kommen voll auf ihre Kosten, alle anderen erkennen mehr vom eigenen Arbeitsalltag wieder, als ihnen vielleicht lieb ist.

Bewertung vom 30.12.2025
Neeb, Stefanie

Delicate / Copenhagen Cinnamon Bd.1


sehr gut

Kopenhagen hat diese besondere Fähigkeit, sich leise ins Herz zu schleichen. Die Mischung aus Gelassenheit, Wärme und urbaner Nähe habe ich letztes Jahr selbst erlebt, als wir durch die Straßen der Stadt gelaufen sind. Genau dieses Gefühl ruft „Copenhagen Cinnamon. Delicate“ sofort wieder wach.

Jonnas Geschichte setzt in einem Moment des Umbruchs ein. Ihr Leben gerät aus der Spur, und beinahe zufällig landet sie in Mads’ gemütlichem Café. Schnell wird deutlich, dass dieser Ort mehr ist als eine bloße Kulisse. Das Copenhagen Cinnamon ist ein Rückzugsort, ein Platz zum Ankommen und Durchatmen.

Stefanie Neeb fängt diese Atmosphäre sehr stimmig ein und verankert sie fest im herbstlichen Kopenhagen, das hier nicht nur Schauplatz ist, sondern spürbar Teil der Geschichte wird.

Jonna ist eine Protagonistin, die man sofort ins Herz schließt. Sie ist lebensfroh, spontan und auf angenehme Weise schlagfertig, ohne überzeichnet zu wirken. Ihre Energie bringt Leichtigkeit in die Handlung und bildet einen starken Kontrast zu Mads. Er trägt ein dunkles Familiengeheimnis mit sich, das ihn sichtbar belastet. Schuldgefühle bestimmen sein Handeln, seine Zurückhaltung ist jederzeit greifbar, aber nie künstlich. Gerade das Ungesagte zwischen den beiden sorgt für eine leise, stetige Spannung.

Besonders gelungen ist das Zusammenspiel der Figuren im Alltag des Cafés. Zwischen Kaffeeduft, Zimtschnecken und Pumpkin Spice Latte entfaltet sich ein hyggeliges Herbstgefühl, das beim Lesen fast greifbar wird. Die gemütliche Wärme im Inneren, das fallende Laub draußen, ruhige Gespräche und kleine Gesten machen den Reiz dieser Romance aus. Statt großer Dramen stehen Nähe, Vertrauen und das vorsichtige Öffnen alter Wunden im Mittelpunkt. Die Autorin setzt auf ein langsames Annähern, das Raum für Emotionen lässt und die Figuren glaubwürdig entwickelt.

Die Geschichte bleibt durchgehend warmherzig, ruhig und einladend, ohne ins Belanglose abzurutschen. Genau diese Mischung aus Romantik, leiser Spannung und wohltuender Atmosphäre macht „Copenhagen Cinnamon. Delicate“ zu einer idealen Lektüre für die dunklere Jahreszeit.

Am Ende bleibt der Eindruck einer süßen Lovestory mit einem liebevoll gezeichneten Setting in Kopenhagen. Eine Geschichte, die sich beim Lesen sanft anfühlt und lange nachklingt. Ich habe das Buch mit einem Lächeln geschlossen und freue mich jetzt schon auf den nächsten Band „Copenhagen Cinnamon. Gorgeous“.

Bewertung vom 29.12.2025
Lane, Soraya

Die verlassene Tochter / Die verlorenen Töchter Bd.6


gut

Argentinien hat bei mir sofort Erwartungen geweckt. Weite Landschaften, Geschichte, Familienverbindungen über Generationen hinweg. Genau dort setzt dieser sechste Band an und knüpft an das vertraute Grundmotiv der Reihe an, das mich immer wieder neugierig macht.

Im Zentrum steht Rose, die nach dem Tod ihrer Mutter glaubt, endgültig allein zu sein. Ein Brief aus Buenos Aires und ein unerwartetes Erbe stellen dieses Gefühl infrage. Die rätselhaften Gegenstände aus einem Londoner Frauenhaus bekommen plötzlich Gewicht. Ihre Reise führt sie auf eine weitläufige Ranch nach Argentinien und mitten in eine Vergangenheit, die enger mit ihrer eigenen verknüpft ist, als sie zunächst ahnt. Parallel dazu entfaltet sich die Geschichte von Valentina und Felipe.

Die beiden Zeitebenen sind klar voneinander getrennt und dennoch sinnvoll miteinander verbunden. Das ist sauber erzählt und sorgt für einen durchgehend flüssigen Lesefluss.
Ich habe das Buch innerhalb von zwei Tagen beendet. Das spricht für den leichten Stil, macht aber auch ein zentrales Problem deutlich. Die Geschichte bleibt mir zu oberflächlich. Konflikte werden angerissen und fügen sich schnell, ohne wirklich ausgearbeitet zu werden. Besonders ein wichtiger Aspekt in Valentinas Vergangenheit bleibt unbeleuchtet. Aus Spoilergründen lässt sich das hier nicht ausführen, aber genau dort hätte ich mir mehr Tiefe und Konsequenz gewünscht.

Auch die Liebesgeschichte zwischen Rose und Benjamin konnte mich nicht vollständig überzeugen. Sie entwickelt sich sehr zügig und bleibt dabei erstaunlich spannungsarm. Mir fehlte das langsame Annähern, innere Widerstände, echte Reibung. Stattdessen wirkt vieles zu harmonisch, fast glatt. Hinzu kommt, dass die Darstellung der Ranch stellenweise wenig glaubwürdig erscheint. Eine so große Anlage, die nahezu ohne Personal auskommt, hinterließ bei mir einige Fragezeichen.

Stärken zeigt der Roman vor allem in seinen Landschaftsbeschreibungen. Argentinien wird atmosphärisch und stimmungsvoll gezeichnet, die Bilder bleiben im Kopf und machen Lust, diesen Ort selbst zu entdecken. Das ist etwas, das Soraya Lane beherrscht und das ich an der Reihe sehr schätze.

Insgesamt hatte ich jedoch den Eindruck, dass Probleme bewusst entschärft wurden. Gerade dramatische Entwicklungen, etwa in Valentinas Geschichte, wirken retuschiert. Realistisch betrachtet hätte vieles deutlich komplizierter verlaufen müssen. Dadurch verliert die Geschichte an emotionalem Gewicht und Tiefe.

Am Ende bleibt für mich ein Roman, der sich angenehm und schnell lesen lässt, aber wenig nachhallt. Ich lese die Reihe nach wie vor gern und liebe Familiengeheimnisse, sonst hätte mich diese Oberflächlichkeit vermutlich weniger gestört.


Fazit:

Dieser Band wirkt auf mich unrund, da er sich zu selten traut wirklich in die Tiefe zu gehen. Ich bleibe dennoch gespannt auf die weiteren Bände bis zum geplanten Abschluss mit Band 8.

Bewertung vom 26.12.2025
Walton, Emily

Die Welt in unseren Händen


sehr gut

Beim Besuch ihrer Großmutter in einem Altersheim stößt Emma auf einen Gedichtband aus dem Jahr 1944 mit einer persönlichen Widmung eines gewissen Ken. Dieses unscheinbare Fundstück wird zum Ausgangspunkt einer Geschichte, die June bislang für sich behalten hat.
Als kaum Zwanzigjährige tritt June der Women’s Auxiliary Air Force bei, der Frauenhilfsluftwaffe der Royal Air Force. Die Einheit wurde in Großbritannien gegründet, um Frauen in technischen, organisatorischen und logistischen Bereichen einzusetzen. Für viele bedeutete dieser Schritt ein Leben jenseits der vertrauten Rollen. Genau hier setzt Emily Walton an und zeigt, wie viel Mut es erforderte, diesen Weg zu gehen, selbst wenn die Motivation weniger aus patriotischem Pflichtgefühl als aus dem Wunsch nach Veränderung entstand.

Die Autorin schildert den Alltag der WAAF differenziert und anschaulich. Dienst, Kameradschaft, ständige Unsicherheit, aber auch das neue Gefühl, erstmals selbst über das eigene Leben zu bestimmen. Besonders eindrücklich sind die Stationen außerhalb Londons. Ägypten, Kairo, die Hitze, die Fremdheit und zugleich die Faszination dieses anderen Lebensraums. Dort begegnet June dem südafrikanischen Kameramann Ken. Die Liebesgeschichte entwickelt sich leise und glaubwürdig, ohne den historischen Rahmen zu überlagern.
Fernab ihrer Heimat entdeckt June neue Horizonte, während ihre beste Freundin Dotty in London um ihr Leben ringt. Freiheit und Schuld, Hoffnung und Angst stehen dicht nebeneinander. Der Roman blendet die Spuren des Krieges nicht aus.

„Ihre Abenteuer hatten Narben hinterlassen. Aber kaum jemand war ohne Narbe durch diese grässlichen Jahre gekommen. Eine Narbe im Herzen schmerzte zwar, würde aber verheilen und eines Tages zu einer bittersüßen Erinnerung werden.“

Solche Passagen geben der Geschichte Tiefe und emotionales Gewicht.

Im Nachwort öffnet Emily Walton den Blick auf ihre Recherche. Besonders aufschlussreich ist der Hinweis, dass viele junge Frauen nicht vorrangig dem Ruf des Vaterlandes folgten, sondern dem Wunsch, dem engen Alltag zu entkommen und etwas Eigenes zu erleben. Die Großmutter der Autorin war damit kein Einzelfall. Dieses Wissen verleiht dem Roman zusätzliche Glaubwürdigkeit und erklärt, warum sich die historischen Passagen so persönlich anfühlen.

Die Handlung ist fesselnd erzählt und macht einen oft übersehenen Teil der Kriegsgeschichte greifbar.

Am Ende schließt sich der Kreis zwischen Emma und June auf ruhige, stimmige Weise. Die Vergangenheit wirkt nach und verändert den Blick auf die eigene Zukunft.

Fazit:

Ein eindrucksvoll erzählter Roman über Frauen im Zweiten Weltkrieg, der die Arbeit der WAAF sichtbar macht und zugleich zeigt, dass hinter dem Dienst oft der Wunsch nach Freiheit und Selbstbestimmung stand. Historisch fundiert, emotional glaubwürdig und nachhaltig in seiner Wirkung.

Bewertung vom 15.12.2025
Golinske, Svea;Heilmeyer, Peter

Der Cortisol-Code


ausgezeichnet

Nach dem Aufwachen am Morgen fühlt sich der Körper schwer an, der Kopf ist schon voll, bevor der Tag richtig begonnen hat. Zwischen Beruf, Kindern, Haushalt, Terminen und dem ständigen Gefühl, funktionieren zu müssen, dreht sich das Hamsterrad weiter. Nachts wache ich auf, am Nachmittag sackt die Energie ab, die Reizbarkeit steigt. Genau an diesem Punkt hat mich dieses Buch abgeholt.

„Der Cortisol-Code“ liest sich wie eine Antwort auf ein Lebensgefühl, das viele kennen, aber selten klar benennen. Schon nach den ersten Kapiteln wurde deutlich, dass die Autorin und der Autor das Thema nicht oberflächlich anfassen. Sie betrachten Cortisol aus unterschiedlichen Blickwinkeln und schaffen es, medizinisches Wissen verständlich einzuordnen, ohne belehrend zu wirken. Es geht nicht nur um das Warum eines dauerhaft erhöhten Cortisolspiegels, sondern vor allem um das Wie der Veränderung. Das macht den Ansatz so überzeugend.

Der Aufbau des Buches ist klar gegliedert und sinnvoll aufeinander abgestimmt.

Teil 1: Wie Cortisol unseren Alltag prägt,
Teil 2: Cortisol verstehen, Grundlagen und Mechanismen,
Teil 3: Die Werkzeuge der Cortisolregulation,
Teil 4: Der Cortisol - Code.

Besonders angenehm ist, dass die theoretischen Grundlagen nicht losgelöst präsentiert werden. Die biologischen und psychologischen Zusammenhänge werden so erklärt, dass sie sich direkt mit dem eigenen Alltag verknüpfen lassen. Chronischer Stress, Schlafmangel, Ernährung, Medienkonsum oder intensive sportliche Belastung werden nicht pauschal verurteilt, sondern differenziert betrachtet. Dadurch entsteht ein realistisches Bild davon, wie leicht dieses sensible Hormonsystem aus dem Gleichgewicht geraten kann.

Es wird klar gemacht, dass Wissen allein nicht reicht. Veränderung entsteht erst dann, wenn man Verantwortung übernimmt und beginnt, kleine, machbare Schritte zu gehen. Genau hier setzt der umfangreiche Praxisteil an.

Besonders gelungen ist der vierte Teil mit dem 30 Tage Reset Programm. Woche für Woche führt er zu mehr Balance in zentralen Lebensbereichen wie Schlaf und Ernährung, Training und Entspannung, Medienkonsum sowie Licht und Natur, ergänzt durch Mikronährstoffe und Achtsamkeit. Die Struktur ist übersichtlich, die Inhalte klar formuliert. Jede Woche wird von einer Checkliste begleitet, die man im Alltag tatsächlich nutzen kann. Kleine Rituale finden ebenso Platz wie konkrete Anregungen, die nicht zusätzlich stressen, sondern entlasten.

Auch die Rezepte haben mich positiv überrascht. Sie sind alltagstauglich, gesund und gleichzeitig genussvoll. Man merkt, dass hier nicht mit Verzicht gearbeitet wird, sondern mit dem Ziel, Energie zurückzugewinnen und den Körper sinnvoll zu unterstützen.

Im Vorwort machen die Autoren deutlich, worum es ihnen wirklich geht. Sie wollen ein tieferes Verständnis für die Bedeutung eines gesunden Cortisolspiegels schaffen, körperlich wie psychisch, und dieses Wissen in den Alltag übersetzen. Es geht um die komplexen biochemischen Prozesse im Körper, um Bildung und Regulation dieses Hormons und um die Folgen, wenn der Regelkreis aus dem Takt gerät. Gleichzeitig laden sie dazu ein, mit Neugier hinzuschauen, Zusammenhänge zu erkennen und den eigenen Einfluss nicht zu unterschätzen. Dieser respektvolle, ermutigende Ton zieht sich durch das gesamte Buch.

Ich bin noch mitten im Ausprobieren, doch schon jetzt fühlt sich „Der Cortisol-Code“ für mich wie ein sinnvoller Begleiter an. Nicht als schneller Problemlöser, sondern als strukturierte Hilfe zur Selbstreflexion und Veränderung. In einer Welt, in der alles immer schneller gehen soll, setzt dieses Buch bewusst auf Verständnis, Balance und langfristige Stressresilienz.

Am Ende bleibt der Eindruck eines fundierten, gut durchdachten Ratgebers, der weder Angst macht noch simple Lösungen verspricht. Stattdessen bietet er Orientierung, Wissen und praktikable Werkzeuge für den Alltag. Ein Buch, das nicht belehrt, sondern begleitet, und das gerade deshalb überzeugt.