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Renas Wortwelt

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Insgesamt 254 Bewertungen
Bewertung vom 09.01.2026
Borrmann, Mechtild

Lebensbande


sehr gut

Das Buch schildert, auf Basis der Erinnerungen von Zeitzeugen, die Erlebnisse von drei Frauen in der Zeit vor, während und nach dem zweiten Weltkrieg. Drei Frauen, die wohl mehr oder weniger typisch sind für das, was damals vielen Menschen geschah und für die Folgen, die das für ihr weiteres Leben hatte.
Mechtild Borrmann, deren Romane „Trümmerkind“ und „Feldpost“ ich ungemein spannend und emotional fand, erzählt hier auf mehreren Zeitebenen. Es beginnt in der Zeit kurz nach dem Mauerfall, mit der Erzählperspektive einer zuerst noch namenlosen älteren Frau. Sie lebt allein mit ihrem Hund, hat einen Garten und wenig Kontakt abgesehen von einem befreundeten Ehepaar. Sie schweigt zu ihrer Vergangenheit, wofür sie, wie sich später herausstellt, einen guten Grund hat.
Dann begegnen wir Lene im Jahr 1931, die später, nach einer unerlaubten Liebe zu einem Holländer, heiratet und einen Jungen zur Welt bringt, der scheinbar behindert ist, da er nicht oder nur sehr langsam spricht. So kommt Lene mit Nora in Kontakt, einer Kinderkrankenschwester, die wie sie selbst vom Niederrhein stammt und um mehrere Ecken auch mit Lene verwandt ist. Nora arbeitet in einem Krankenhaus, von wo nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten Kinder in Euthanasie-Kliniken verbracht werden, Kinder, die behindert, in den Augen der Nazis „unwert“ sind. Nora kann jedoch verhindern, dass Lenes Sohn dieses Schicksal erleidet, was jedoch dazu führt, dass für sie nun ein Leben auf der Flucht beginnt.
Nora lernt Liselotte kennen, die zuerst ein eher unbeschwertes Leben führt, dann aber, nach Kriegsende, zusammen mit Nora von den Russen in ein Lager weit im Osten der Sowjetunion verbracht wird. Dort müssen die Frauen unendlich hart arbeiten unter unmenschlichen Bedingungen für viele Jahre, bis sich eine Möglichkeit der Flucht ergibt.
Währenddessen kämpft Lene um ihren Sohn, den sie immer wieder verstecken muss, damit er ihr nicht fortgenommen wird. Dabei hilft ihr auch ihrer frühere Liebe, der Niederländer.
Zwischen all diese vergangenen Ereignisse gibt es immer wieder kurze Einschübe, die im Jahr 1991 in der dann ehemaligen DDR spielen. Die immer noch lange namentlich nicht genannte ältere Frau tut dabei nicht viel, sie geht in den Garten, pflückt Gurken, führt ihren Hund aus. Diese Einschübe sind – leider – unendlich langweilig und bringen die Handlung in keiner Weise voran. Dennoch ahnt man irgendwann, worauf das hinauslaufen wird.
Die Schilderungen der Ereignisse zwischen den Jahren 1931 und 1948 sind da zwar einerseits spannender. Aber dank des typischen Schreibstils von Mechtild Borrmann fehlen fast gänzlich Emotionen. Das Ganze liest sich wie ein Tatsachenbericht, es packt nicht, man fühlt nicht mit den Protagonistinnen, man kann sich nicht in sie hineinfühlen, sie bleiben stets auf Distanz zur Leserin.
Auch wirken sie etwas stereotyp, wie Beispielfiguren für das Schicksal vieler Menschen, vieler Frauen vor allem, in jener Zeit. Das liegt daran, dass zu viel in die jeweilige Figur hineingepackt wurde, um alle Themen irgendwie abzudecken. Auch das trägt dazu bei, dass mir die Charaktere, so sehr man dem Verlauf der Ereignisse mit einer gewissen Spannung und mit Interesse folgt, nie nah genug kamen, um mich in die Geschichte wirklich hinein zu ziehen.
So ist dieser Roman zwar lesens- und in jedem Fall empfehlenswert, jedoch nicht unbedingt berührend oder gar rührselig.
Mechtild Borrmann – Lebensbande
Droemer, November 2025
Gebundene Ausgabe, 281 Seiten, 24,00 €

Bewertung vom 07.01.2026
Schreiber, Jasmin

Da, wo ich dich sehen kann


sehr gut

Die Rezension dieses Buchs fällt mir nicht leicht. Denn einerseits greift der Roman ein ganz wichtiges und schweres Thema auf, über das es nicht genug Romane oder Sachbücher geben kann. Andererseits empfand ich die Art der Darstellung, die Schilderung des Schicksals der Protagonisten als nicht völlig überzeugend. So muss meine Rezension trennen zwischen diesen beiden Aspekten.
Der Roman widmet sich dem traurigen und leider längst nicht genug thematisierten Problem des Femizids, der Tötung von Frauen, meist durch den Partner oder Ex-Partner. Emma, junge Mutter, wird von ihrem Mann vor den Augen der kleinen Tochter Maja getötet. In Rückblicken schildert die Autorin, aus vielen wechselnden Perspektiven, die Folgen, die diese Tat auf die Angehörigen hat. Natürlich insbesondere auf die neunjährige Maja, aber auch auf Emmas Eltern Per und Brigitte, auf Emmas beste Freundin Liv, die auch Majas Patentante ist.
Maja ist traumatisiert, wird von einer Psychologin betreut, lebt bei den Großeltern, doch auch die Eltern ihres Vaters, des Mörders ihrer Mutter, möchten das Sorgerecht, worüber später ein Rechtsstreit entbrennt.
Per und Brigitte ebenso wie Liv wiederum hadern vor allem damit, dass sie nie merkten, dass Emma von ihrem Mann verprügelt und gequält wurde, dass Emma nie mit ihnen darüber sprach, dass sie die Tat nicht verhindern konnten. Dies ist einer der besonders wichtigen und herausragenden Aspekte des Romans, zu zeigen, wie wichtig, wie entscheidend es ist, dass Frauen, die sich in solchen Situationen befinden, darüber reden. Leider jedoch verhindert die Scham meistens, dass sie sich öffnen, sich mitteilen.
Zwischen die jeweiligen Kapitel aus wechselnden Perspektiven sind Rückblicke auf die Ereignisse in der Vergangenheit und rund um den Mord eingefügt. Darüber hinaus gibt es Prozessakten, Zeitungsberichte, Studien zu Femiziden und vieles mehr, was die Autorin ergänzend zur Handlung hinzufügt.
Weiterhin schiebt sie Szenen ein, die es nie gab, die sich die Figuren erträumen, wünschen. Szenen, in welchen Emma mit ihnen gesprochen hat, Momente, in welchen sie hätten agieren, die Tat verhindern können.
All das ist sehr ergreifend, es macht wütend, verzweifelt, gerade weil es immer wieder geschieht und weil so wenig geschieht, es zu verhindern. Von dieser Seite betrachtet ist der Roman von Jasmin Schreiber ein wichtiger Beitrag zum Thema und muss unbedingt zur Lektüre empfohlen werden.
Auf der anderen Seite jedoch hadere ich mit dem Stil, mit der Weise, in welcher die Autorin die Dinge darstellt, beschreibt. Das ist mir oft zu plakativ, mit zu dickem Stift, zu breitem Strich gezeichnet. Durch die vielen, ständig wechselnden Perspektiven – sogar der Hund hat eine eigene Erzählperspektive! – gelang es mir nicht, einer der Figuren wirklich nah genug zu kommen, nah genug, um mich in sie hinein zu fühlen, ihre Emotionen mitfühlen zu können.
Was nicht meint, dass ich die Gefühle nicht nachvollziehen konnte, dass ich die Wut und die Trauer der Eltern, das Trauma des kleinen Mädchens nicht verstehen konnte. Für mich war aber alles ein wenig zu penetrant ausgeführt, zu tränenreich. Dazu gab es viele Wiederholungen, innerhalb einer Perspektive sowie zwischen den jeweiligen Schilderungen der Figuren.
Einige der Kniffe, die Jasmin Schreiber anwendet, sind gelungen und glücklich gewählt, wie diese Einschübe von Wunschträumen. Andere sind weniger genial, es gibt zahlreiche missglückte Vergleiche, Metaphern, zahlreiche unnötige Phrasen. So war mir manches am Ende einfach too much.
Das ist somit ein Roman, bei dem Thema und Stil unbedingt getrennt zu bewerten sind. Eine Leseempfehlung kann ich dennoch aussprechen.
Jasmin Schreiber - Da, wo ich dich sehen kann
Eichborn, Oktober 2025,
Gebundene Ausgabe, 428 Seiten, 24,00 €

Bewertung vom 05.01.2026
Nöldeke, Renate;Wittmann, Rebekka

KUNTH Zeitreise


sehr gut

Natürlich ist auch diese Neuerscheinung wieder „nur“ ein Reiseführer, ein Buch, das uns Lust aufs Reisen machen soll. Aber ich liebe diese Bildbände, die es mir erlauben, zuhause im Sessel sitzend durch die Welt zu reisen, viele interessante Orte zu besuchen und gleichzeitig einiges darüber zu lernen.
Dabei können die jeweiligen Texte, die die wie immer absolut gelungenen Fotos begleiten, stets nur einen kleinen Informationsgehalt vermitteln, dafür aber machen sie dann schlicht neugierig. Man möchte, nachdem man auf diese Art hineingeschnuppert hat, mehr erfahren.
Hier nun also ein Buch, das sich den geschichtsträchtigen Orten Europas widmet. Nach Epochen gegliedert und beginnend in der Zukunft, schlendern wir quasi über den Kontinent und entdecken die „Hotspots der Geschichte“, so der Untertitel.
Unterteilt in die Abschnitte „Zukunft“, „Moderne“, „Neuzeit“, „Mittelalter“, „Antike“ und schließlich „Erd- und Frühgeschichte“ zeigt der Band all die Plätze an denen „Geschichte lebendig wird“, wie es im Vorwort heißt.
Im Abschnitt „Zukunft“ besucht man diverse Museen, die sich u.a. mit moderner Technik befassen oder mit dem Blick in die Sterne. Es folgen Orte, in denen man der Zeit der Kriege in Europa begegnet ebenso wie der digitalen Welt.
Im Kapitel „Industrielle Revolution“ im Teil „Neuzeit“ werden interessante und spektakuläre Industriebauten gezeigt, wie z.B. Arbeitersiedlungen oder eine Railwaystation in England oder das Lilienthal-Museum in Anklam. Unter dem Titel „Reformen und Revolutionen“ sehen wir u.a. versteckte Kirchen, besuchen selbstverständlich die Wartburg, entdecken die Kathedrale von Canterbury. Es sind aber nicht nur die allbekannten Orte, auch geschichtsträchtige Sehenswürdigkeiten, die nicht so prägnant, nicht so bekannt sind, werden vorgestellt.
Unter dem Teil „Antike“ besucht man selbstverständlich Griechenland, aber natürlich auch Rom und das damalige Römische Imperium mit den heute noch existierenden Bauten.
Bis das Buch schließlich weit zurück führt in die Erdgeschichte, die ersten Hochkulturen vorstellt und natürlich ebenso die Dinosaurier zeigt, deren Skelette man u.a. in Museen in Berlin oder Wien bestaunen kann.
Zwischen die einzelnen Kapitel sind sogenannte „Specials“ eingeschoben, die sich jeweils einem Thema widmen, das zur entsprechenden Zeitspanne passt. Da gibt es ein Special über das Tulpenfieber, das im 17. Jahrhundert entfacht wurde, als in Amsterdam mit Tulpenzwiebeln an der Börse spekuliert wurde. Ein Special informiert über die Suffragetten und die Einführung des Frauenwahlrechts in Europa.
So ist dieses Buch eben dann doch mehr als „nur“ ein Reiseführer. Es ist ein Buch, das neugierig macht, das lockt und das informativ ist, das Lust auf mehr und aufs Reisen macht. Ein Buch, für das ich uneingeschränkt eine Empfehlung aussprechen kann.
Renate Nöldeke & Rebekka Wittmann – Zeitreise
Kunth Verlag, Oktober 2025
Gebundene Ausgabe, 319 Seiten, 29,95 €

Bewertung vom 02.01.2026
Dechant, Klaus Maria

Krimis und Thriller schreiben für Dummies


sehr gut

Wie heißt es doch bekanntlich? Man lernt immer noch etwas dazu. So geht es auch mit den Ratgebern zum Kreativen Schreiben. Auch nach mehreren Dutzend Sachbüchern über das Schreiben lässt sich doch in jeder Neuerscheinung immer noch etwas entdecken, ein neuer Tipp, eine neue Anregung, eine neue Herangehensweise. Und für die Motivation finde ich die Lektüre von Schreibratgebern auch immer wieder sehr nützlich.
So gibt es also auch in diesem neuen Buch über das Schreiben von Krimis und Thrillern natürlich etliche Dinge, die man überall in den sonstigen Schreib-Büchern ebenfalls findet. Es enthält die immer gleichen Tipps, die immer gleichen Ratschläge zum Plotten, zur Figurengestaltung, zur Ausarbeitung von Szenen, zur Schaffung von Spannung und so fort. Das alles selbstredend stets unter dem Aspekt des Schreibens von Kriminalromanen oder Thrillern.
Dass für dieses Genre ein paar andere Dinge zu beachten sind als beim Schreiben von Liebesromanen oder von Kinderbüchern, muss nicht erwähnt werden. Dabei geht der Autor des vorliegenden Buchs auch auf die Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Krimis und Thrillern ein, wobei es durchaus auch Überschneidungen geben kann und darf.
Auch beschäftigt er sich mit Sprache, hier gefielen mir unter anderem die Hinweise auf die passenden Vergleiche. Denn oft begegnet man in Romanen eher grotesken und gar nicht angemessenen Vergleichen oder Metaphern. Daher ist es durchaus angebracht, diesem Thema einen Abschnitt im Buch zu widmen. Ansonsten bringt der Teil über das Schreiben nicht viel neues.
Dafür aber hat mir der Teil, der sich mit all den Tätigkeiten beschäftigt, die nach dem Schreiben anfallen, sehr gut gefallen. Da geht es zuerst natürlich um das Überarbeiten, dann aber folgen – und das immerhin auf angemessen vielen Seiten – reichlich Tipps und Ratschläge über das Veröffentlichen, die Verlagssuche, das Selfpublishing, das Marketing und vieles mehr. Gerade dieses Kapitel finde ich ausgesprochen hilfreich, denn die meisten Schreibratgeber hören beim Wort Ende unter dem Roman auf.
Daher kann ich das neue Buch aus der Dummies-Reihe guten Gewissens empfehlen, auch für jene, die sonst eher nicht zu Büchern über das Schreiben greifen. Aber wenn es nur eine winzige Kleinigkeit, ein bisher nicht bewusster Kniff, ein bislang noch unbekannter Schritt hin zum eigenen Buch, wenn es nur dieses Wenige ist, was man aus der Lektüre eines solchen Buchs mitnimmt, dann hat es sich auf jeden Fall gelohnt.
Klaus Maria Dechant - Krimis und Thriller schreiben für Dummies
Wiley, September 2025
Taschenbuch, 331 Seiten, 19,99 €

Bewertung vom 19.12.2025
Lonely Planet

LONELY PLANET Bildband Bücherschätze


ausgezeichnet

Das ist nicht der erste Bildband über Büchereien, Bibliotheken oder Buchhandlungen, den ich lese und betrachte. Doch immer wieder gibt es neues zu entdecken, erstaunliches zu bewundern und überraschendes zu finden.
So in diesem Band über ungewöhnliche Bibliotheken in der ganzen Welt. Sortiert nach Kontinenten stellt das Buch wirklich außergewöhnliche Ort vor, in welchen man Bücher finden, lesen oder leihen kann.
Da gibt es in Nordamerika das „Prison Library Project“, wie der Name sagt ein Gefängnisbibliothek. Allerdings eine, welche Gefängnisse mit Büchern versorgt, den Wünschen und Anfragen der Gefangenen entsprechend. Die Bücher stammen überwiegend aus Spenden.
Oder es gibt oder vielmehr gab die Bibliotheken der Maya und Azteken, von deren Codices und Büchern nur einige wenige erhalten blieben, dafür aber kann man heute noch die Überreste der Gebäude an Ausgrabungsstätten besichtigen.
In Kolumbien werden die Bücher in einer reisenden Bibliothek zu den Leserinnen und Lesern gebracht – und zwar von einem Esel.
Auf dem afrikanischen Kontinent gibt es natürlich ebenfalls viele kuriose und alte Bibliotheken zu entdecken. Wie in Ägypten die „Schätze im Katharinenkloster“ auf dem Berg Sinai. Dort findet sich neben dem Vatikan die größte Sammlung frühchristlicher Manuskripte.
Doch das Buch zeigt auch heutige, moderne Bibliotheken. Wie die Airport Bibliothek in Baku, Aserbaidschan. Oder die Lewinsky Garden Library in Tel Aviv.
Oder es stellt die inzwischen berühmte Bücherei an der U-Bahn-Station Bethnal Green in London vor, wo während des Zweiten Weltkriegs bei Luftangriffen bis zu 5000 Menschen Schutz suchten und Bücher fanden. Interessant ist auch die Bibliothek In Longyearbyen auf Spitzbergen oder die Büchereien auf Rädern auf den Hebriden.
Zu jeder Art von Bibliothek oder Bücherei gibt es längere Texte, die erzählen, was das Besondere oder Außergewöhnliche an diesem Ort ist, über die Geschichte des Ortes berichten und auch ein paar Angaben, wie man diesen Ort erreichen könnte.
Besonders faszinierend finde ich bei der Betrachtung dieses Buches, dass Menschen immer und überall das Bedürfnis nach Lektüre, nach Literatur empfinden und Mittel und Wege finden, sich mit Lesestoff zu versorgen. Ein beruhigender Gedanke, gerade heute.
DC Helmuth – Bücherschätze
Lonely Planet, Oktober 2025
Gebundene Ausgabe, 208 Seiten, 24,95 €

Bewertung vom 19.12.2025
Rowell, Rainbow

Slow Dance


gut

Ihren Roman „Eleanor und Park“ habe ich wirklich sehr gemocht, er ist etwas Besonderes. Und auch das Buch „Zwei Worte vor und eins zurück“ von dieser Autorin gefiel mir gut. Daher war ich froh zu erfahren, dass es einen neuen Roman von ihr gibt.
Doch hier ist der Titel des Buch wohl Programm, denn „slow“ geht es voran in dieser Geschichte. Sie handelt von Shiloh und Cary, die zusammen zur Schule gingen und gemeinsam mit Mickey, dem dritten im Bund, ein unzertrennliche Gruppe bildeten. Inzwischen sind sie erwachsen, Shiloh ist geschieden und hat zwei kleine Kinder, ist wieder bei ihrer Mutter eingezogen. Cary ist bei der Navy und immer wieder monatelang auf einem Schiff zuhause. Zwischendurch kommt auch er immer mal wieder zurück in ihre Heimatstadt und kümmert sich dort um seine Mutter (oder welchen Verwandtschaftsgrad sie auch immer haben).
Da begegnen sich die Beiden wieder auf Mickeys Hochzeit und ihre damaligen Gefühle, die beide bislang eher vor sich selbst verleugnet haben, kehren mit Macht zurück. Doch aus irgendwelchen Gründen kommen sie nicht zusammen. Darüber wird seitenlang diskutiert, debattiert und gegrübelt.
Zwischen die Szenen der aktuellen Handlung eingeschoben sind immer wieder Rückblicke, die nicht stets chronologisch auftreten. Rückblicke auf die gemeinsame Schulzeit, auf geplante und unverhoffte Wiedertreffen später, beispielsweise an Shilohs Studienort. Immer wieder kommen die Beiden zusammen, trennen sich, können sich nicht für- und nicht gegeneinander entscheiden.
Als Shiloh damals dann länger nichts von Cary hört und sie Ryan trifft, kommt sie mit diesem zusammen, heiratet und bekommt die beiden Kinder. Die Ehe scheiterte jedoch, auch wenn sie sich weiterhin einigermaßen gut mit Ryan versteht und er sich auch regelmäßig um die Kinder kümmert.
So zieht sich die ganze Geschichte über lange, sehr lange 470 Seiten, auf denen wirklich nicht viel passiert außer den erwähnten stundenlangen Gesprächen, quälend langsam, um nicht zu sagen langweilig. Dabei sind die beiden Hauptfiguren und auch die Nebenrollen wie Mickey oder Shilohs Mutter durchaus liebenswert, sympathisch und auch recht authentisch dargestellt. Man fühlt schon mit ihnen, auch wenn ich nie wirklich verstehen konnte, wo eigentlich das Problem liegt.
Daher war die Lektüre zwar nett, aber lang nicht so emotional und berührend wie die mir bisher bekannten Romane von Rainbow Rowell.
Rainbow Rowell - Slow Dance
aus dem Amerikanischen von Jana Hartmann
Gutkind Verlag, Oktober 2025
Klappenbroschur, 471 Seiten, 17,00 €

Bewertung vom 19.12.2025
Henss, Rita;Schuhmacher, Stefanie

KUNTH Bildband Heimat Deutschland


ausgezeichnet

Grundsätzlich habe ich es überhaupt nicht mit der Deutschtümelei und auch mit dem Begriff Heimat kann ich nicht immer etwas anfangen. Zumal wenn er eher missbraucht wird. Dass der Kunth Verlag nun einem Bildband den Titel „Heimat Deutschland“ herausgibt, könnte also gegen die Lektüre sprechen.
Doch ich bin froh, dass ich mich davon nicht abhalten ließ und daher durch dieses wunderschöne Buch lesen und blättern konnte. Wie immer bei diesem Verlag ist das Buch gut strukturiert, geordnet nach Norden, Westen, Osten und Süden. Durch jeden dieser vier Teile des Landes führt uns das Buch. Diese vier Oberkapitel sind dann wieder nach Regionen unterteilt, so dass man, mit Hilfe des Inhaltsverzeichnisses, auch gezielt nach bestimmten Gegenden suchen kann.
Dabei beginnt es stets mit einem Satz in der ortstypischen Sprache bzw. dem dortigen Dialekt – dankenswerterweise jeweils mit Übersetzung ins Hochdeutsche. Dann folgt ein einführender Text, nicht zu lang, mehr so als Einstieg. Als nächstes bekommt man „Heimatkunde“, hier werden Kuriositäten, regionale Gerichte oder Einkehrmöglichkeiten, typische Eigenheiten, außergewöhnliche Sehenswürdigkeiten und auch mal was über die lokalen Kleidungsstile (z.B. den Friesennerz) oder sprachliche Besonderheiten vorgestellt. Allein schon diese Seiten, die es für jede Region, also mehrfach innerhalb der vier Überkapitel, gibt, sind des Lesens wert und haben einen hohen Unterhaltungswert.
Danach folgen, wie immer bei diesen gelungenen Bänden begleitet von großformatigen brillanten Fotos, kleine Texte zu einigen Orten, Städten, Inseln, Dörfern oder einfach besonders sehenswerten Stellen in diesen Regionen. Und immer wieder wörtliche Zitate im jeweiligen Dialekt, Tipps für Einkehr, Museumsbesuche, Ausflugsziele.
Zwischen diese Kapitel und Unterkapitel eingeschoben finden sich noch zusätzliche Infos bzw. Fotos unter der Überschrift „Heimatliebe“. Hier erfährt man etwas über die schönsten Weingüter an der Mosel, über Rheinromantik, die schönsten Aussichtsberge, den deutschen Wald und vieles mehr.
Natürlich bringt der Band vor allem vieles Bekannte, etliche wirklich berühmte Sehenswürdigkeiten werden erwähnt und/oder mit Bild gezeigt. Aber es finden sich doch auch dazwischen immer wieder kleine, feine Örtlichkeiten, die locken, die man noch nicht kennt und die man unbedingt kennenlernen möchte.
So ist das Buch zwar kein Reiseführer im wörtlichen Sinn und es nennt auch nicht, wie in vielen anderen solcher Bücher von DuMont Reisen, konkrete Adressen von Unterkünften oder verweist auf entsprechende Webseiten. Es ist mehr ein Buch zum Schwelgen, zum Träumen, zum Reisen im Traum und zum sich eine Reise wünschen.
Ein Buch, das man immer wieder gerne zur Hand nimmt und das, trotz des doch recht hohen Preises, sicher auch ein schönes Geschenk ist für alle, die nicht immer nur ins Ausland streben.
Heimat Deutschland: Ein Gefühl, das mehr ist als ein Ort
Kunth, Oktober 2025
Gebundene Ausgabe, 360 Seiten, 39,95 €

Bewertung vom 10.12.2025
Illies, Florian

Wenn die Sonne untergeht


ausgezeichnet

Man meint, mit der Familie am Tisch zu sitzen, wenn sie sich zum Mittagessen versammelt. Man glaubt, dabei zu sein, wenn Thomas und Heinrich Mann am Meer spazieren gehen. Man windet sich mit den Kindern, die aus Angst vor dem Übervater zittern und sich nichts zu sagen trauen. Man leidet mit „Tommy“, dem Nobelpreisträger, der sich so sehr entwurzelt fühlt.
Das geniale Buch von Florian Illies – so wunderbar geschrieben, so perfekt Stimmungen beschreibend und Personen entlarvend – liest sich wie ein spannender, humorvoller und sehr sensibler Roman. Durch dessen Seiten man jagt, die man nicht schnell genug umblättern kann, so sehr fesselt das Erzählte.
Etwas mehr als ein halbes Jahr folgt Illies den Geschehnissen und Handlungen der Familie Mann. Beginnend im Februar 1933 zeichnet er das Bild einer heimatlos gewordenen Sippe, hin und her taumelnd, von Ort zu Ort ziehend, ohne sich wirklich heimisch fühlen zu können.
Thomas Mann, auf Vortragsreise in Amsterdam und in der Schweiz, kann plötzlich nicht mehr nach Deutschland zurückkehren. Seine politische Haltung macht ihn im nationalsozialistischen Deutschland zur unerwünschten Person. Aber er begreift das erst nach und nach, will es nicht wahrhaben, hofft, dass sich alles aufklärt, dass dieser Spuk vorübergeht.
Seine ältesten Kinder Erika und Klaus sehen das klarer, realistischer. Sie drängen ihn, mit Deutschland abzuschließen, sein im Werden begriffenes neues Buch nicht mehr dort erscheinen zu lassen. Dabei sind sie selbst Gejagte, werden selbst nicht sesshaft. Erika zieht es zusammen mit ihrer Lebensgefährtin Therese Giese in die Schweiz, während Klaus in den Niederlanden eine neue Zeitschrift gründen will.
Derweil muss der drittälteste Sohn Golo die dem Vater wichtigsten Dinge aus dem Haushalt in München retten, dabei ist er doch selbst ebenfalls mit sich selbst nicht im Reinen. Und dann sind da noch Moni, die ungeliebte Tochter, die niemand vermisst, wenn sie fehlt. Sowie die beiden jüngsten, Elisabeth, genannt Medi, Thomas Manns Lieblingskind und Michael, der Geige spielende und ebenfalls den Vater fürchtende.
Sie alle landen schließlich für die Sommermonate in Sanary sur Mer, in Südfrankreich nahe Nizza. Doch nicht nur die Manns stranden dort in diesen Monaten, immer mehr Geflüchtete kommen aus Deutschland. Thomas‘ Bruder Heinrich, Lion Feuchtwanger und seine Frau, Aldous Huxley, Bertold Brecht, Arnold Zweig, Ludwig Marcuse und viele mehr. Man trifft sich, man diskutiert, es werden Lesungen veranstaltet, Liebschaften beginnen und enden. Und dazwischen immer Thomas Mann, der unendlich leidet, sich nicht entscheiden kann, der seine Heimat, sein Haus, seine gewohnte Umgebung vermisst. Der es nicht über sich bringt, deutlich und öffentlich seine Meinung über die Nazis zu bekunden.
All das erzählt Florian Illies auf so unnachahmliche Weise, dass man jede Szene, jede Begebenheit hautnah miterlebt. Seine Art, seine Sprache sind so genial, so unglaublich witzig, ohne dabei entblößend oder verunglimpfend zu sein, sein Blick auf die Stimmungen, die Manieriertheiten der Literaten und Künstler so klar und gleichzeitig auch auf eine gewisse Weise liebevoll. Nie verurteilt er, aber er beschönigt auch nicht.
Dazu die herrlich formulierten Sätze, die ich manchmal zwei- oder dreimal las, einfach um sie zu genießen. Daran hätte vermutlich auch Thomas Mann seine große Freude gehabt. Die Art der Darstellung, die kurzen Streiflichter, die mal auf dieses, mal auf jenes Familienmitglied gerichtet sind, erinnerte mich an die Bücher „Marseille 1940“ und „Februar 33“ von Uwe Wittstock. Diese beiden Bücher und das vorliegende geniale neue Buch von Florian Illies muss man einfach gelesen haben.
Uneingeschränkt und auf jeden Fall ein Jahreshighlight. Ganz große Empfehlung (fünf Sterne reichen dafür nicht)
Florian Illies - Wenn die Sonne untergeht: Familie Mann in Sanary
S. Fischer, Oktober 2025
Gebundene Ausgabe, 329 Seiten, 26,00 €

Bewertung vom 08.12.2025
Falk, Rita

Apfelstrudel-Alibi / Franz Eberhofer Bd.13


ausgezeichnet

Dreizehn Bände umfasst die Reihe um den Dorfsheriff Franz Eberhofer inzwischen – und ich habe sie alle gelesen. Darunter waren wirklich gelungene, bei denen man Tränen lachen musste oder vor Spannung an den Fingernägeln knabberte. Aber es gab auch Bücher in dieser Serie, die waren eher mittelmäßig, dumpf humorig, hatten wenig von einem Krimi, dafür umso mehr von einer Klamotte. Doch dieser dreizehnte, der ist wieder gut geworden.
Denn diesmal vermeidet die so fleißige Autorin allzu tumben Witz, allzu viele Kalauer, legt mehr Wert auf den Krimipart der Handlung. Wiewohl auch wieder das Privatleben des Eberhofer eine wichtige, wenn nicht die wichtigste Rolle spielt.
Hadert der ziemlich aus der Zeit gefallene Macho doch mit der neuen Karriere seiner Susi, die inzwischen zur Bürgermeisterin von Niederkaltenkirchen aufgestiegen ist. Was es mit sich bringt, dass sie kaum noch zu Hause ist und wenig Zeit für den gemeinsamen Sohn Paul und noch weniger für Franz hat (und auch meist keine Lust zum Schnackseln…). Und auch Paul, inzwischen neun Jahre alt, hat durchaus seinen eigenen Kopf und genaue Vorstellungen von seinem Leben. Die nicht immer mit denen des Vaters harmonieren.
Da kommt es gelegen, dass Richter Moratschek den Franz um Hilfe bittet. Seine Patentochter ist bei einem Unglück in den Südtiroler Bergen ums Leben gekommen und Moratschek wittert Unrat, sprich, er verdächtigt den frischgebackenen Ehemann der Toten, bei dem Unfall nachgeholfen zu haben. So bricht Eberhofer also auf nach Südtirol, während der unvermeidliche Spezi Rudi Birkenberger auf dem von besagtem Ehemann angeblich geführten Campingplatz ermitteln soll.
Dass dabei nicht alles glatt läuft, dass Rudi das heimliche Recherchieren wieder mal verbockt, so dass Franz zusammen mit Sohn Paul nun selbst zum Campen fahren muss, das erzählt Rita Falk auf gewohnte Weise voller Tempo, voller Witz und Charme. Dabei darf Franz diesmal auch recht viel Gefühl zeigen, immer dann, wenn es um seinen Sohn geht, auf den er so ungemein stolz ist. Und auch, sobald die Oma ins Spiel kommt, wird Franz ganz weichherzig. Sie wird langsam klapprig, vergisst viel, ist bettlägerig und ist trotzdem, neben Paul und Susi die wichtige Person in Franz‘ Leben.
Man fragt sich allerdings zwischendurch immer wieder, womit der Franz eigentlich sein Geld verdient, denn im gesamten Roman war er nicht ein einziges Mal auf seiner Dienststelle, geschweige denn, dass er Urlaub nahm für seine Recherchen in Südtirol oder sonst irgendetwas berufliches täte.
Am Ende klärt sich selbstverständlich der Fall um den Tod von Moratscheks Patentochter auf, wenn auch ganz anders als man erwartet. Auch das ist Rita Falk diesmal sehr gut gelungen, sie hat immer noch eine Überraschung in petto. Und dennoch, irgendwann sollte es vielleicht mal gut sein, nach so vielen Bänden. Andererseits, man wüsste ja schon gern, wie es mit Franz, Susi und Paul weitergeht…
Rita Falk – Apfelstrudelalibi
dtv, Oktober 2025
Taschenbuch, 336 Seiten, 18,00 €

Bewertung vom 05.12.2025
Greifenstein, Gina;Grießer, Anne;Saladin, Barbara

Das kleine Café am Friedhof


gut

Was bei diesem Buch zu Beginn auffällt, und zwar leider negativ, ist die Tatsache, dass die ersten 100 bis 150 Seiten nur aus Rückblicken bestehen. Und damit nicht genug, wird es im weiteren Verlauf immer wieder Rückblicke geben.
Erzählt werden im Grunde drei von einander unabhängige Geschichten, in deren Mittelpunkt jeweils eine von drei befreundeten älteren Damen steht. Agnes, Waltraut und Erika, genannt Ricky, haben alle eine Vergangenheit, von der es etwas zu verbergen gilt. Alle drei tragen sich mit Schuldgefühlen und glauben sich ertappt, als sie bei der Ausübung ihres liebsten Hobbys, dem Besuch fremder Beerdigungen, von einem unbekannten Mann beobachtet werden.
Damit beginnt der Roman. Jede der drei Frauen glaubt in diesem Mann jemand anderen wiederzuerkennen, jemanden, der ihr auf die Schliche gekommen sein könnte, der ihr übel wollen könnte. Daraufhin erzählt der Roman dann nacheinander die Geschichten der drei, nur jeweils durch kurze, manchmal nur aus wenigen Sätzen bestehenden Einschüben unterbrochen, die im „Jetzt“ spielen und die Drei beim Zusammensitzen im titelgebenden Café zeigen.
Soviel darf man verraten, dass alle drei mit einem Tötungsdelikt in Verbindung stehen, welches nach so vielen Jahren bis heute nicht als solches entdeckt wurde. Der Mann, der sie beobachtet, entpuppt sich jedoch schließlich nicht als der von ihnen jeweils befürchtete, sondern ist jemand ganz anderes.
Dann aber wird es komplett abstrus und absurd, die Geschichte oder vielmehr die drei voneinander unabhängigen Geschichten nehmen einen ganz neuen Verlauf. Was geschieht und als was sich das Ganze schließlich herausstellt, darf ich hier nicht verraten. So richtig überzeugen konnte mich es aber nicht, auch wenn es recht witzig und immerhin ziemlich ungewöhnlich ist.
Es kann nur vermutet werden, aber auf mich wirkt der Roman, der immerhin von ebenfalls drei Damen verfasst wurde, als hätte jede von ihnen sich eine der Protagonistinnen ausgewählt und deren Geschichte geschrieben. Dann wurde drumherum eine Rahmenhandlung geschaffen, die aber so wenig wirkliche Handlung hat, dass man sie glatt überlesen kann. Auch die im Klappentext als patent und nervenstark beschriebene Kellnerin im besagten Café spielt eine eher untergeordnete Rolle, erst ganz am Schluss kommt ihr noch eine gewisse Bedeutung zu.
So ist dieses Buch zwar recht unterhaltsam, die Hauptfiguren sind jedoch ziemliche Abziehbilder, wenn man von ihren vergangenen Verfehlungen mal absieht, präsentieren sie sich als wandelnde Klischees von älteren Frauen. Die erwähnte Pointe ist zwar ebenfalls einigermaßen überraschend und wirklich nicht vorhersehbar, aber andererseits auch nicht unbedingt so ganz geschickt umgesetzt.
Insgesamt also eine nette Geschichte oder vielmehr drei nette Geschichten, die aber keinen bleibenden Eindruck hinterlassen.
Gina Greifenstein, Anne Grießer, Barbara Saladin - Das kleine Café am Friedhof
KBV, Oktober 2025
Taschenbuch, 317 Seiten, 15,00 €