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Bewertungen

Insgesamt 118 Bewertungen
Bewertung vom 27.07.2021
Kate in Waiting
Albertalli, Becky

Kate in Waiting


sehr gut

„In Wahrheit ist es nämlich so: Ohne Andy verknallt zu sein, ist sinnlos.“

„Kate in Waiting – Liebe ist (nicht) nur Theater“ ist ein witziger Liebesroman. Als Leser/in hat man das Gefühl, mittendrin statt nur dabei zu sein, da eine Ich-Erzählerin durch das Geschehen führt. Die Handlung ist in den USA angesiedelt.

Worum geht’s?

Anderson ist Kates bester Freund. Gemeinsam besuchen sie die Theater – AG an der Highschool, Musicals sind ihre Leidenschaft. Nie hätte Kate Garfield gedacht, dass sie einmal mit dem feinsinnigen Anderson streiten würde, als jedoch der Beau Matt Olson auftaucht, hängt der Haussegen schief: Sowohl Kate als auch Anderson (der laut Kate einen exzellenten Geschmack in allen Dingen hat) haben ein Auge auf den Jungschauspieler geworfen…
„Kate in Waiting“ ist typischer Jugendroman. Nerds vs. Sportler, Highschooldrama, Freund &Feind, wechselnde Allianzen: Diese Themen gehören zum Genre wie die Faust auf’s Auge. Neu ist der LGBTIA-Aspekt, der bewirkt, dass die Geschichte am Puls der Zeit ist. Die Figuren sind divers, die Handlung ist zwar abwechslungsreich, aber auch ein wenig vorhersehbar. Ich mochte die Sprache und den humorvollen Stil der Autorin. „Kate in Waiting – Liebe ist (nicht) nur Theater“ ist eine Erzählung, die sehr unterhaltsam ist, das Tempo erinnert an Netflix – Teenie – Dramen oder auch an die Serie „Glee“. Die Kapitelüberschriften („Ouvertüre“) passen perfekt zum Thema, die liebevolle Ausarbeitung durch Becky Albertalli (die Autorin war mir vor der Lektüre unbekannt) überzeugt. Die Figuren haben Ecken & Kanten, sie verhalten sich nicht immer logisch oder rational, als Leser/in kann man sich auf eine geballte Portion Drama gefasst machen, es gibt aber auch lustige Szenen: Teenager in Nöten! Wie die Geschichte endet, soll an dieser Stelle nicht verraten werden.

Fazit: Dieses Jugendbuch ist für die Hauptzielgruppe genau das Richtige.
„Kate in Waiting – Liebe ist (nicht) nur Theater“ von Becky Albertalli ist ein Roman über das Erwachsenwerden, in welchem die Sorgen & Nöte von Teenagern mit sehr viel Empathie in den Mittelpunkt gerückt werden. Von mir gibt’s dreieinhalb von insgesamt fünf möglichen Sternen.

Bewertung vom 16.07.2021
Die Akte Adenauer / Philipp Gerber Bd.1
Langroth, Ralf

Die Akte Adenauer / Philipp Gerber Bd.1


sehr gut

„Er war sein Vorgesetzter beim CIC, und als amerikanischer Soldat hatte Gerber ihm zu gehorchen. Aber offiziell war er jetzt Deutscher, ein Polizist der jungen Bundesrepublik. Durfte er da einen Mörder schützen, um amerikanische Interessen zu wahren?“

„Die Akte Adenauer“ ist der Auftaktband einer Reihe rund um Philipp „Phil“ Gerber. Dieser ist im Jahr 1953 zum Kriminalhauptkommissar beim BKA befördert worden. Einerseits sind die Nachwirkungen des Zweiten Weltkrieges präsent, andererseits ist der Kalte Krieg unausweichlich. Kurz vor Kriegsbeginn war der Protagonist mit seinen Eltern in die USA ausgewandert, um als Angehöriger des amerikanischen Militärgeheimdienstes CIC gegen die Nazis zu kämpfen.
Gerber muss den Mord an seinem Vorgänger aufklären. Pikant: Der Ermordete war wie Gerber ein Agent der Amerikaner. Eva Herden arbeitet für das kommunistische Magazin „Brennpunkt Bonn“. Gemeinsam mit dem BKA’ler findet sie heraus, dass eine rechtsgerichtete Gruppierung einen Politiker töten will – dies will Konrad Adenauer höchstpersönlich verhindern- also soll Phillipp Gerber den Gegenspieler des Rheinländers beschützen…
„Die Akte Adenauer“ von Ralf Langroth hat mich gut unterhalten. Als Leser taucht man in eine vergangene Zeit ein, man wird Zeuge der sowjetisch – amerikanischen Konkurrenz, das geteilte Deutschland spielt natürlich eine Rolle. Kapitalismus oder Kommunismus – welches ist das bessere System, gibt es Graustufen? Natürlich gibt es auch ein Wiedersehen mit der „alten“ Hauptstadt Bonn. Konrad Adenauer, Herbert Wehner – die Crème de la Crème der (west)deutschen Nachkriegspolitik tritt auf.
Ich ärgere mich oft über historische Romane, weil sie eigentlich in die Kategorie „Fantasy“ gehören. Langroth (es handelt sich wohl um ein Pseudonym) kann erfreulicherweise mit Faktentreue punkten. Durch die saubere Recherche gerät „Die Akte Adenauer“ eben nicht zum ahistorischen Politthriller. Stil und Sprache sind einfach, daher kann man den Roman flott lesen, wer jedoch die Raffinesse eines John le Carré erwartet, wird vielleicht enttäuscht sein. Auch sind die Figuren nicht so fein ziseliert wie beim britischen Altmeister. Es gibt jedoch actionreiche Szenen, die darauf schließen lassen, dass hier eventuell schon mit einer Verfilmung geliebäugelt wurde. Das zeitgeschichtliche Element ist der Aspekt, der mir an der „Akte“ am besten gefiel. Auch das Nachwort und die Anmerkungen des Autors fand ich sehr aufschlussreich, und was nicht ist, kann ja noch werden.
Band zwei der Reihe („Ein Präsident verschwindet“) soll im Februar 2022 erscheinen. Man darf gespannt sein!

Bewertung vom 16.07.2021
Medical Cuisine
Lafer, Johann;Riedl, Matthias

Medical Cuisine


ausgezeichnet

Dr. Matthias Riedl kennt man von den „Ernährungsdocs“, Johann Lafer ist ein Spitzenkoch. Gemeinsam haben sie ein Kochbuch mit dem Titel „Medical Cuisine“ verfasst. Erschienen ist es im Gräfe & Unzer Verlag, es kostet 26 Euro. Auf 264 Seiten präsentieren die Autoren auf verständliche (!) Art und Weise ihr geballtes Fachwissen.
Der erste Eindruck ist gut - mir gefällt die Größe & Haptik des Hardcovers. Beim Kochen habe ich oft im Buch geblättert, ich starre nicht gerne auf’s Handy, wenn es um Rezepte geht.
Auch inhaltlich kann „Medical Cuisine“ überzeugen. Ich bin begeistert von der klaren Gliederung. Es gibt einen Theorieteil, einen Rezeptteil, ein Register und ein Impressum („Zum Nachschlagen“). Matthias Riedl ist für die Theorie zuständig. Er beginnt mit einer kleinen Warenkunde, propagiert die Politik der kleinen Schritte und gibt einen Ausblick auf positive Effekte. Hier geht es darum, sein Ernährungsverhalten dauerhaft zu ändern. Es geht nicht um die schnellen Heilsversprechen einer Crash-Diät. Das A und O der gesunden Küche - selbst kochen, das Ersetzen von ungesunde Zutaten mit gesunden Inhaltsstoffen. Das Konzept wird sehr klar definiert – „Keine Verbote“! Das finde ich klasse, ich mag keine schwammigen Definitionen.
Johan Lafer ist für die Rezepte verantwortlich. Jedes Rezept ist mit Nährwertangaben ausgestattet, kleine Symbole bzw. Icons weisen darauf hin, ob das Gericht beispielsweise gut für die Darmgesundheit ist, dies finde ich sehr hilfreich, wenn es darum geht, einen ausgewogenen, gesunden Ernährungsplan zu erstellen. Es sind klassische Rezepte, die ohne exotische Zutaten zubereitet werden können (jeweils in einer fleischhaltigen/fleischlosen oder sogar veganen Variante), doch die Gerichte sind nicht zu simpel, auch die asiatische Küche ist Teil des Buches, es wird keine fade Kost serviert, auch wenn hier die Klassiker (wie etwa Maultaschen) in einer gesunden, „schlanken“ Version im Vordergrund stehen.
Auch die Rezeptstrukturierung ist sehr ansprechend – Salate, Suppen, Vorspeisen. Hauptgerichte. Süßes. Gelungen ist die Gliederung auch hier, es gibt keine unnötigen Fotos der Autoren, die Rezepte stehen im Fokus, ohne affige Hochglanzästhetik werden die Gerichte visualisiert. Die Zutaten wie z.B. Dinkelvollkornmehl sind gesund und schmackhaft, der Genuß kommt nicht zu kurz, dies finde ich wichtig.

Fazit:
Ich liebe dieses Kochbuch! Unter dem Motto „Die ‚artgerechte‘ Alltagsküche“ werden die Erkenntnisse der Autoren auch für Otto Normal umsetzbar. Daher spreche ich gerne eine Empfehlung aus.

Bewertung vom 14.07.2021
Dein Herz in tausend Worten.
Pinnow, Judith

Dein Herz in tausend Worten.


gut

„Warum bist Du eigentlich so menschenscheu?“
Auf 248 Seiten erzählt Judith Pinnow ihre Geschichte. Daher ist „Dein Herz in tausend Worten“ die perfekte Strandlektüre, da man den Roman flott lesen kann.
Worum geht’s?
Ein Blick auf den Untertitel verrät den Handlungsort: „Eine Liebesgeschichte in Notting Hill.“
Die Verlagsassistentin Millie ist introvertiert und sehr schüchtern, an ihrem Arbeitsplatz ist sie daher das Mädchen für alles. Neben ihren offiziellen Aufgaben rettet sie heimlich abgelehnte Manuskripte. Ein Manuskript gefällt ihr so gut, dass sie beschließt, Auszüge des Romans in Zettelform in Cafés zu deponieren. Als der Autor J. Abberwock alias William Winter entdeckt, dass Exzerpte seines Werks die Runde machen, fühlt er sich veräppelt, er glaubt an einen grausamen Scherz. „Dein Herz in tausend Worten“ ist eine Liebesgeschichte, in der sein ganzes Herzblut steckt. Eine Begegnung mit Millie ändert jedoch alles, denn die sensible junge Frau lebt für die Literatur…
Der Beginn des Romans gefiel mir unheimlich gut. Die Figuren sind interessant. Felix, Millies Bruder, ist ein echter Sympathieträger. Er unterstützt und ermutigt „Milliepanilli“ und versucht, sie aus ihrem Schneckenhaus zu locken. Wenn Millie bemerkt, dass ihr „eine Freundin“ fehlt, kann man das als Leser/in nachvollziehen; Pinnow beschreibt die Schwierigkeiten, die zurückhaltende Menschen haben, mit scharfem Blick. Auch das setting - London – ist perfekt. Stilistisch und sprachlich hatte ich mir vor der Lektüre jedoch mehr erhofft. Die Perspektivwechsel fand ich nicht wirklich gelungen, es wird aus Sicht einer Ich-Erzählerin und aus dem Blickwinkel eines auktorialen Erzählers berichtet. Meines Erachtens gerät der Erzählfluss durch diese Technik ins Stocken, auch inhaltlich ging es im Mittelteil der Geschichte langsam voran, daher hätte ich als Autorin den plot (trotz der Kürze des Romans) gestrafft. Die Idee, Außenseiter als Protagonisten ins Rennen zu schicken, finde ich dennoch kreativ, da die melancholischen Aspekte zu Beginn verhindern, dass das Ganze zur zuckersüßen Farce gerät. „Dein Herz in tausend Worten – eine Liebesgeschichte in Notting Hill“ ist ein kurzer Liebesroman, der mit einer guten Grundidee punkten kann. Tolle Schauplätze laden zum Träumen ein, die Protagonisten sind Menschen mit Stärken und Schwächen, dies macht sie als Figuren glaubwürdig.
„Dein Herz in tausend Worten“ ist eine bittersüße Lovestory für Zwischendurch.

Bewertung vom 04.05.2021
Erste Stunde: Tierisch laut! / School of Talents Bd.1
Schellhammer, Silke

Erste Stunde: Tierisch laut! / School of Talents Bd.1


ausgezeichnet

„School of Talents 1: Erste Stunde: Tierisch laut!“ ist der Auftaktband zu einer neuen Kinderbuchreihe von Silke Schellhammer. Der zweite Band heißt „School of Talents 2: Zweite Stunde: Stromausfall!“
Das Cover ist ein „Hingucker“ & macht total Lust auf’s Lesen.
Leser und Leserinnen ab 8 Jahren dürfen gerne zugreifen.

Worum geht’s?

Die kleine Alva ist traurig, weil sie sich in der Schule nicht konzentrieren kann. Ist sie eine schlechte Schülerin? So wirkt es zumindest auf ihr Umfeld.
Alva fühlt sich als Außenseiterin, bis Onkel Thomas sie ins Vertrauen zieht. Er als "Oberspinner der Familie" kann Alva gut verstehen und fragt sie, seit wann sie "Tiere versteht". Da ist Alva baff! Und es gibt sogar eine Schule für besondere Talente! Der vermeintliche Makel ist nämlich eine Gabe…

Ein tolles Buch für kleine und große Leser, mit schönen Illustrationen und einer kindgerechten Sprache. Die Kapitel sind schön kurz, Leseanfänger werden also nicht überfordert, dies finde ich wichtig. Auch die Botschaft der Geschichte ist richtig und wichtig – es gibt keine „Versager“. Man muss für die Lektüre natürlich ein Quentchen Phantasie mitbringen, dann steht dem Lesespass nichts mehr im Wege.
Alva und ihre Mitschüler - Mala kann Wasser beeinflussen, Till sich schrumpfen, Jonas ist ein Gestaltwandler, Alva kann Tiere verstehen - erleben im Internat viele Abenteuer, sogar eine Schatzsuche steht an. Die Figuren sind liebevoll gestaltet, die story ist spannend und lustig. Da kommt keine Langeweile auf!

Fazit:
Internatsgeschichten sind im Kinderbuchgenre natürlich nichts Neues, diese story ist trotzdem innovativ, da die Protagonisten so besonders sind. Mit dieser Erzählung wird das Selbstwertgefühl von Kindern gestärkt und die Phantasie angeregt.

Verdiente Leseempfehlung!

Bewertung vom 11.04.2021
Höllenkind / Clara Vidalis Bd.8
Etzold, Veit

Höllenkind / Clara Vidalis Bd.8


weniger gut

Wo bleibt die Spannung?

Clara Vidalis wird von der Presse beschuldigt, ein Monster (eine Kriminelle) erschaffen zu haben. Sie wird von ihrem Vorgesetzten in den Urlaub geschickt & sie muss ihre Waffe abgeben. Glücklicherweise ist ihr Verwandter Marco in Italien zu Geld gekommen, daher kann er es sich leisten, Wohnungen in Florenz zu vermieten. Da ihr Mann keinen Urlaub bekommt, fährt die Pathopsychologin Clara mit ihrer Cousine nach Italien, wo ihr prompt die Geldbörse gestohlen wird. Außerdem fällt ihr ein Mann auf, der vor der Wohnung herumlungert. Als sie Klarheit will, stellt sich der Unbekannte als Schweizergardist Tobias Wehrli vor und bittet Vidalis um Hilfe: Bei einer Hochzeit im Vatikan brach die Braut plötzlich blutüberströmt vor dem Altar zusammen. Zwei alte Adelsfamilien wollten durch die Verbindung der Kinder ihre Kräfte bündeln. Clara beginnt zu ermitteln; bald kommt es zu weiteren mysteriösen Todesfällen, was bedeutet, dass es sich um eine Vendetta handeln muss…

Im Schweinsgalopp durch die Popkultur & Kunstgeschichte: „Bluthölle“ ist der achte Band der Clara—Vidalis-Krimireihe. Für mich ist es der erste Band der Reihe, man kann das Buch jedoch als stand – alone lesen. Der Anfang des Romans war äußerst vielversprechend. Leider war die Erzählung sprachlich eine Enttäuschung und stilistisch holprig. Viele Figuren sprechen auf ähnliche Art und Weise, benutzen die Wendung „Es ist eh so“, daher sind sie nicht unbedingt unterscheidbar. Die Dialoge sind teilweise unglaubwürdig, insgesamt fehlt es an Tiefe. Mangelnder Tiefgang ist zwar ein Grundproblem im Thriller – Genre, oft wird dieses Manko jedoch durch eine mörderische Spannung wettgemacht (wie in dem Chris-Carter-Thrillern). Nicht so hier. „Bluthölle“ besteht formal aus mehreren Teilen, ein Hauch von Spannung kommt leider erst am Ende auf. Kein klassischer Thriller also.
Etzold schneidet sehr viele Themen an, große Namen werden genannt. David Lynch, Dan Brown, Dante Alighieri, Michelangelo. Für Ahnungslose ist das sicher interessant. Alter Adel und Menschenhandel: Teilweise ist die Handlung in Rumänien angesiedelt. Es fehlt die Einheitlichkeit: Mal heißt eine Stadt „Constanta“, mal „Konstanza“. Auch Sätze wie „Er ließ die Schultern senken“ lassen sich durch eine sorgfältige Korrektur vermeiden.
Die Protagonisten waren mir leider nicht sympathisch, obwohl ich bei einem Blick in den Klappentext (vor der Lektüre) begeistert war: Clara Vidalis ist eine Bremerin mit spanisch-italienischen Wurzeln, ihre Italienischkenntnisse sind nicht perfekt. Ich hätte mir eine filigranere Figurenzeichnung gewünscht.
Mir ziemlich schnell klar, wie alles in der Geschichte zusammenhängt. Insgesamt fehlt es an Raffinesse. Eine Ermittlerin, die im (Zwangs)Urlaub in ihrem Metier arbeitet, ist im Krimigenre nichts Neues, dieser Aspekt störte mich jedoch nicht im Geringsten, auch nicht die Kürze der Kapitel. Aus dem „Stoff“ hätte Veit Etzold mit adäquaten erzählerische Mitteln aber viel mehr machen können. Da ich grundsätzlich keine Lektüre abbreche, musste ich mich hier gegen Ende zum Lesen regelrecht „aufraffen“.

Schade!

Bewertung vom 08.04.2021
Der Abstinent
McGuire, Ian

Der Abstinent


ausgezeichnet

O'Connor vs Doyle

„Neun Monate sind inzwischen vergangen, seit er aus Dublin hierher versetzt wurde, und er hat sich an die Sitten seiner englischen Kollegen gewöhnt. Ständig machen sie ihre Witze, sticheln, lassen nichts unversucht, um ihn zu provozieren. Oberflächlich sind sie freundlich, aber hinter dem Grinsen und Gelächter spürt er Misstrauen. “

1867, Manchester:
Ein Polizist wird ermordet- es werden drei irische Rebellen hingerichtet, deren Ziel es war, der englischen Fremdherrschaft den Garaus zu machen. Der britisch – irische Konflikt hat spätestens seit der katastrophalen „Great Famine“ seinen Höhepunkt erreicht. Die Briten fürchten die Rache der Fenier. Constable James O’Connor aus Dublin soll als Kenner der Szene Licht in’s Dunkel von Manchester bringen. Seit dem Tod seiner Frau ist er trockener Alkoholiker, doch er ist stark rückfallgefährdet. Die Bigotterie der Engländer überrascht ihn nicht wirklich, doch nie hätte er damit gerechnet, dass ausgerechnet der amerikanische Ire (und Kriegsveteran) Stephen Doyle sein ärgster Feind werden würde…

„Der Abstinent“ ist ein unheimlich spannender historischer Roman; die Beschreibungen des Autors sind plastisch und eindringlich, er beschwört den Dreck & den Gestank einer Industriestadt im neunzehnten Jahrhundert herauf. „Noir“ in Reinform! Die Erzählweise ist ruhig und reduziert, und doch gelingt es McGuire, in wenigen Worten eine beklemmende und düstere Atmosphäre zu evozieren. Obwohl er mit seinem Krimi keine akkurate Chronik der „Troubles“ präsentiert, gelingt es ihm, die kriegsähnlichen Zustände präzise abzubilden, ohne in Schwarzweißmalerei zu verfallen. O`Connor setzt Spitzel ein, um die irische Community auszuhorchen, er möchte für Recht und Ordnung sorgen, glaubt er an die Gültigkeit von Gesetzen?
Strebt Stephen Doyle wirklich nach Gerechtigkeit, oder ist das Töten seit seiner Teilnahme am Amerikanischen Bürgerkrieg schlicht eine Selbstverständlichkeit für ihn?
Loyalität und Verrat, Armut, Perspektivlosigkeit, toxische Männlichkeit, Schuld & Sühne: Ian McGuires Roman ist kein “Stoff“ für Zwischendurch und erst recht keine Wohlfühllektüre.
Der Autor präsentiert mit „Der Abstinent“ ein packendes Psychogramm und einen lesenswerten historischen Thriller mit einem überraschenden Ende. Trotz gewisser Längen in der Erzählung habe ich den Krimi regelrecht „verschlungen“.

Bewertung vom 23.02.2021
Der Countdown-Killer - Nur du kannst ihn finden
Suiter Clarke, Amy

Der Countdown-Killer - Nur du kannst ihn finden


sehr gut

Da sie mithilfe ihrer Radiosendung „Justice Delayed“ einen Kriminalfall aufklärte, besitzen Elle Castillo und ihr Podcast Kultstatuts im Netz. Eigentlich war Ellie beim Jugendamt angestellt, aus dieser Zeit kennt sie auch die somalischstämmige Polizistin Ayaan. Mittlerweile ist „Justice Delayed“ Elles Vollzeitjob, mit ihrem Mann Martin, dessen Familie aus Mexiko stammt, lebt sie in Minnesota. Tatkräftig unterstützt wird Elle von ihrer Producerin Tina. Tina kümmert sich um die technischen Details, sie sortiert aber auch Ellles Post vor & sie löscht die schlimmsten Hasskommentare. „Gutmenschen – Scheiß“ gehört zu den harmlosen Anfeindungen, Elle wird auch mit dem Tod bedroht.
Als junge Mädchen verschwinden, fühlt sich Elle an einen ungelösten Fall aus den 1990er Jahren erinnert, und so beginnt sie im Jahr 2019, den Fall des „Countdown Killers“ in ihrem Podcast aufzuarbeiten. Eines Tages nimmt ein Informant Kontakt mit der Podcasterin auf, da er glaubt, die Identität des berüchtigten Serienmörders enthüllt zu haben. Als Elle zum Treffen mit dem Hörer eilt, findet sie ihn ermordet vor. Treibt ein Nachahmungstäter sein Unwesen? Eine bestimmte Zahlenfolge spielt eine auffällige Rolle. Elle beginnt zu ermitteln…

Amy Suiter Clarkes Idee, eine Podcasterin als Ermittlerin agieren zu lassen, ist unglaublich innovativ. Im Text wechseln sich Podcast-Folgen (bzw.Transkripte) mit Elles Ermittlungen und einer weiteren Perspektive ab. Durch diesen Ansatz ist „Der Countdown Killer – Nur du kannst ihn finden“ total am Puls der Zeit – auch Twitter und Reddit spielen eine Rolle, durch Hörer- bzw. Leserkommentare wie *mikrofonfallenlass* wirkt das Ganze authentisch. Ich finde es toll, dass mal nicht eine Pathologin oder ein Cop mit Suchtproblem im Mittelpunkt steht.
Der Handlungsort ist der amerikanische Bundesstaat Minnesota. Während der Lektüre konnte ich die klirrende Kälte förmlich spüren. Den Winter im Mittleren Westen beschreibt Clarke perfekt! Ich mochte auch die Diversität der Figuren und den True Crime Podcast, wie eingangs erwähnt. Es gibt keine Längen im Roman, der Stil der Autorin ist flüssig. „Zum Nägelkauen spannend“ ist der Krimi in meinen Augen jedoch nicht, und es gibt Logiklöcher und Vorhersehbares.
Einerseits ist der Thriller innovativ, andererseits aber sehr konventionell, wenn es um die Motivation des Killers geht. In dieser Hinsicht wirkt das Ganze ausgelutscht, Ähnliches hat man in dem Genre schon oft gelesen. Insgesamt fehlte mir die Raffinesse im Roman, der komplette Handlungsverlauf wirkt ziemlich konstruiert, manche Phrasen sind regelrecht platt: „Dass Weiße von der Polizei besser behandelt wurden, war nichts Neues.“
Andere Sätze sind unfreiwillig komisch: „Er […] atmete den Duft von Parfüm und billigem Aftershave ein, das bei ewigen Studenten so beliebt war.“
„In dieser Gegend wohnten viele Rentner, die sich gegen den unvermeidlichen Umzug in ein Altenheim stemmten […].“
Die Autorin reißt sehr viele Phänomene der Postmoderne an: Rassismus, den ideologischen Kampf zwischen der amerikanischen „Rechten“ und „Linken“, alternative Lebensmodelle. Für eine Vertiefung fehlt ihr jedoch die Zeit, da die Thriller – Handlung forciert werden muss. Die gesellschaftskritischen Aspekte wirken daher unausgereift, das finde ich schade, da es wichtig ist, soziale Ungerechtigkeit nicht nur zu benennen, sondern auch zu analysieren.
Die Figuren bleiben eher blass. Leider war mir Elle nicht sympathisch, dabei wollte ich sie wirklich mögen. Flache Charaktere sind jedoch ein Grundproblem in dem Genre; man muss auch bedenken, dass der „Countdown Killer“ Amy Suiter Clarkes Debut ist.
Die Autorin prangert sehr glaubwürdig das Gift der Misogynie an – darin liegt die große Stärke des Romans.
Fazit:
Für Amy Suiter Clarkes Debut vergebe ich 3,5 von insgesamt 5 möglichen Sternen. Die Autorin konnte mich mit einer guten Grundidee begeistern. Aus dem Stoff hätte sie aber viel mehr machen können, die Ausarbeitung ihres Konzepts konnte mic

Bewertung vom 22.02.2021
Tinte & Siegel
Hearne, Kevin

Tinte & Siegel


ausgezeichnet

Ich bin ein großer Fan der „Rivers of London“ – Reihe von Ben Aaronovitch und immer auf der Suche nach guter Urban Fantasy. Auch Kevin Hearnes neue Serie ist in Großbritannien angesiedelt: Der Siegelmagier Aloysius „Al“ MacBharrais aus Glasgow ist ein waschechter Schotte! Als Leser/in sollte man sich daher auf markige, gar derbe Sprüche einstellen: „Ich hab deine Oma bestiegen.“
Der Protagonist hat ein Problem – eigentlich sollte er Nachwuchs ausbilden, doch alle seine Lehrlinge versterben auf mysteriöse Art und Weise. Nicht umsonst hält Al Rosinen für Teufelszeug. Sein Schüler Gordie erstickte, nachdem er einen Scone aß. Im Zuge seiner Nachforschungen erfährt Al, dass Gordie ein kriminelles Doppelleben führte und magische Wesen an den Meistbietenden verkaufte. Al argwöhnt, dass die Fae ihre Finger im Spiel haben könnten. Der Siegelmagier beginnt zu ermitteln…

Bei Kevin Hearne gibt es keine Altersdiskriminierung! Al ist eigentlich schon im Rentenalter, aber noch längst nicht reif für’s Abstellgleis. Sein Schnurrbart ist sein Markenzeichen, außerdem hat er immer einen flotten Spruch auf den Lippen. Mittels Geheimtinte fabriziert er die tollsten Zaubersprüche, aber er ist auch verflucht, um nicht den Hass der Menschen auf sich zu ziehen, kommuniziert er daher schriftlich (analog oder digital) mit seiner Umwelt. Seine Managerin Nadia behält stets einen kühlen Kopf, wenn die magischen Wesen Al das Leben schwer machen…

„Tinte & Siegel“ ist ein gelungener Reihenauftakt - Kevin Hearne präsentiert den perfekten Mix aus realen & magischen Elementen. So spielt etwa die „Signal“ App eine nicht unerhebliche Rolle. Dies gefiel mir wirklich gut! Die magischen Wesen (etwa „Hobgoblins“) sind gut ausgearbeitet, es gibt Sympathieträger und Schurken. Obwohl man im Text den einen oder anderen Querverweis als Hommage an berühmte Fantasyautoren finden kann, liest sich „Tinte & Siegel“ nie wie ein billiger Abklatsch. Kevin Hearne gelingt es, eine in sich stimmige Geschichte zu erzählen und ein eigenständiges Werk zu erschaffen. Dabei kommt der Humor nicht zu kurz, es gibt skurrile Szenen und schräge Typen wie „Buck Foi“. Glücklicherweise nimmt der Autor sich selbst nicht allzu ernst, mit einem Augenzwinkern entwirft er den plot.
Ich fühlte mich beim Lesen prima unterhalten, daher freue ich mich schon auf den nächsten Band der „Chronik des Siegelmagiers“ !

Bewertung vom 17.02.2021
Der andere Sohn / Karlstad-Krimi Bd.1
Nyström, Peter;Mohlin, Peter

Der andere Sohn / Karlstad-Krimi Bd.1


gut

Auf die Lektüre des Romans habe ich mich sehr gefreut. Der Klappentext versprach spannende & anspruchsvolle Unterhaltung. Im Roman „Der andere Sohn“ gibt es zwei verschiedene Handlungsstränge & zwei Zeitebenen – 2009 und 2019, jedoch wenige Zeitsprünge oder Rückblenden.
Baltimore, 2019: Als der FBI-Agent John Adderly nach einem vermasselten Undercovereinsatz untertauchen muss, entscheidet er sich ausgerechnet für seine alte Heimat – Karlstad in Schweden.
Im Jahre 2009 verschwand Emelie Bjurwall, Tochter und Erbin des schwedischen „AckWe“-Konzerns spurlos. Gefunden wurde lediglich ihr Blut und die DNA von Johns Halbbruder, Billy. Zehn Jahr später möchte John den ungelösten Fall endlich aufklären: Ist Billy wirklich der Mörder?
Die Exposition war unheimlich spannend!
John leidet an einer Posttraumatischen Belastungsstörung; er ist eigentlich ein interessanter Protagonist. Ich finde es auch toll, dass die Handlung nicht in Stockholm angesiedelt ist. Immer wieder ist vom „varmländischen Dialekt“ die Rede. Man kann den Roman flott lesen. Die Figurenkonstellation ist für Vielleser wahrscheinlich nicht überraschend – die problematische schwedische Bourgeoisie kennt man schon aus den Romanen von Stieg Larsson oder Henning Mankell. Die toughe Geschäftsfrau, die mit dem Softie – Ehemann liiert ist, ist leider auch nichts Neues. Die schwedische „Unterschicht“ steht im Krimi in krassem Kontrast zu den Großindustriellen. Der Grundgedanke des Romans rund um John gefiel mir wirklich gut, meines Erachtens ließ die Ausarbeitung jedoch stark zu wünschen übrig – Der Handlungsverlauf war für mich völlig vorhersehbar, die Figuren leider (!) erschreckend flach: John verhält sich für einen blitzgescheiten FBI-Agenten oft ziemlich unklug, überhaupt ist die Beschreibung der Charaktere im Roman ziemlich klischeehaft & eindimensional: „[…] die berüchtigte Anwältin […] hatte große dunkle Augen. Er nahm an, dass sie oder ihre Verwandten vom Balkan stammten.“
Manche Passagen lesen sich wie Szenen aus einem schlechten Achtziger-Jahre-Film: „Dann ließ sie das Oberteil zur Taille hinabfallen. […] Sie hatten sich beide hemmungslos verausgabt […].“ Oft verhalten sich die Protagonisten nicht wie normale Menschen. Das fand ich schade. In einem guten Thriller sollten weder der plot noch die Figuren konstruiert wirken. Im Verlauf der Geschichte gelingt es den Autoren nicht, eine spannungsgeladene Atmosphäre zu evozieren. Die Erzählweise ist linear, der Roman endet mit einem Cliffhanger, der Protagonist denkt bzw. sagt das für den aufmerksamen Leser/ die aufmerksame Leserin Offensichtliche, das fand ich richtig ärgerlich. Insgesamt fehlt es einfach an Raffinesse.
Fazit:
„Der andere Sohn“ ist ein schwacher Reihenauftakt, daher kann ich leider nur zweieinhalb von insgesamt fünf möglichen Sternen vergeben. Aus dem Stoff hätten die Autoren mit adäquaten erzählerischen Mitteln viel mehr machen können. Es kann eigentlich nur besser werden – ich hoffe auf mehr „Feintuning“ in Band zwei, da ich trotz aller Kritikpunkte neugierig auf Johns nächsten Fall bin.