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Calendula

Bewertungen

Insgesamt 116 Bewertungen
Bewertung vom 31.08.2025
Horncastle, Mona

Peggy Guggenheim


ausgezeichnet

Um Peggy Guggenheim ranken sich Geschichten, Gerüchte, Vermutungen und Anekdoten. Nicht immer schmeichelhaft. Mal wird sie als Femme fatale betitelt, die die Männer reihenweise verschlingt. Als unkonventioneller Freigeist, die nicht viel auf gesellschaftliche Normen gibt. Und auch als Kunstkäuferin mit wenig Verstand und großem Geldbeutel. Also durchaus eine Frau mit einer ziemlich großen Projektionsfläche. Umso besser gefällt mir, dass der Focus in dieser Kurzbiografie auf ihrem Schaffen liegt und nicht auf ihrem Privatleben. Ganz ohne einen Einblick ins Private geht es natürlich nicht, wenn man über den Werdegang eines Menschen schreibt. Liegt die Prägung doch oft in den Erlebnissen der Kindheit und Jugend. Aber der Autorin ist eine weitgehend neutrale Schilderung von Peggys Familienleben gelungen. Die ein oder andere etwas humoristische Formulierung bei der Patchwork-Konstellation sei da an der Stelle verziehen, auch wenn man es noch sehr versucht nüchtern aufzuschreiben. Es bleibt ein wenig ein Kuriosum.
Horncastle deutet im Nachwort an, dass es nicht die einfachste Beziehung zwischen Peggy und ihren Kindern gab und lässt es bewusst heraus. Ich finde das gut, es geht in diesem Buch einzig und allein um das künstlerische Lebenswerk der Peggy Guggenheim.
Und das ist als Kunstsammlerin, Galeristin, Entdeckerin und Mäzenin ein wahnsinnig starkes Vermächtnis. Das Buch vermittelt das Bild einer Frau, die einerseits ein Kind ihrer Zeit ist, andererseits auch den engen Vorstellungen der damaligen Gesellschaft zu entfliehen versucht, auch ein wenig ihrer Zeit voraus ist. Eine Frau, die im wahrsten Sinne des Wortes lebensfroh war, durch die Seiten aber auch unruhig und von einer Rastlosigkeit getrieben erscheint. Dafür auch zielstrebig, großzügig, loyal und ein kleines bisschen rachsüchtig. Und ein bisschen exzentrisch. Aber erwartet man das nicht auch irgendwie von jemandem aus der Kunstszene? Ich bin mir ziemlich sicher, dass in heutige Zeit Peggy Guggenheim auch ein Social Media Star wäre, der Kunst und Glamour ganz wunderbar miteinander Einklang gebracht hätte.

Das Buch gibt einen umfassenden und guten ersten Eindruck zu Peggy Guggenheim als Kunstsammlerin und Galeristin. Gleichzeitig macht es auch Lust, sich noch eingehender mit der Person und ihrer Arbeit zu beschäftigen. Nur das Name-Dropping artet an der einen oder anderen Stelle für meinen Geschmack etwas zu sehr aus.

Bewertung vom 30.08.2025
Slaughter, Karin

Dunkle Sühne / North Falls Bd.1


ausgezeichnet

Eine neue Reihe von Karin Slaughter muss ich mir genauer ansehen, ist sie doch eine der wenigen Thriller-Autorinnen, die ich noch lese und das auch noch sehr gerne. Nach der Lektüre bin ich zwar (noch) kein glühender Fan Emmy Clifton geworden, aber doch sehr angetan.
Mir hat sehr gefallen, dass man schon in dieser Geschichte wirklich viel über Emmy, ihr Privatleben und ihr familiäres Umfeld erfährt. Das sie eine Figur ist, die zwischen anerzogenen Verhaltensmustern und ihren eigenen Wünschen schwankt. Das macht sie für mich sehr nahbar und man fühlt sich beim Lesen viel "dichter" an der Geschichte dran.
Slaughters Schreibstil finde ich großartig. Er macht die Handlung durchweg spannend, lässt dem Leser aber auch Momente des Durchatmens. Und die braucht man auch immer wieder mal, um die vielen Informationen und Details zu verarbeiten und auch, um manchmal ein wenig Abstand zur Handlung bekommen. Denn wie gewohnt sind die Details zwar nicht übermäßig brutal, aber mit wenigen Sätzen doch so beschrieben, dass tief Durchatmen auch mal angebracht ist. z.B. wenn einer neunjährigen die Schuld an den Blicken der Männer zugewiesen wird, weil sie zu kurze Shorts trägt. (Was habe ich mir da auf die Fast gebissen....!)
Gleichzeit ist es eine Studie über das soziale Gefüge in einer amerikanischen Kleinstadt. Wie verzwickt es mitunter sein kann, verwandtschaftliche Verflechtungen aufzudröseln und hinter die Fassaden zu blicken. Welche moralische Vorstellungen herrschen. Ein klein wenig Klischee darf es auch sein, aber es ist gut verpackt und drängt sich nicht übermäßig in den Vordergrund.
Ich bin immer wieder überrascht, wie Details und scheinbare Nichtigkeiten (die ich persönlich über den Verlauf schon gar nicht mehr auf dem Schirm hatte) zur Aufklärung wieder aufgegriffen werden und zu einem stimmigen Gesamtbild zusammengefügt werden, gefällt mir immer wieder sehr. Wobei ich das Wiederholen vieler Fakten hier hin und wieder doch etwas ermüdend fand. Der finale Showdown hat mich damit dann aber doch wieder versöhnt.

Insgesamt für mich ein spannender Thriller und eine Reihe, bei der sich das Dranbleiben für mich lohnt.

Bewertung vom 17.08.2025
Georg, Miriam

Die Verlorene


sehr gut

Ich habe das Buch wahnsinnig gerne gelesen. Nach ihren bisherigen Geschichten ist dieses Buch eine für mich überraschende Abwechslung.
Die Geschichte spielt auf zwei Zeitebenen. Einmal wird die Gegenwart erzählt. Änne stürzt in ihrem Haus und verletzt sich schwer. Sie fällt in ein Koma und verstirb kurz darauf. Schon Ännes Krankengeschichte wirft bei Laura und ihrer Mutter Ellen erste Fragen auf, denn es scheint einige Unstimmigkeiten zu geben, die sich beide nicht erklären können. Laura findet im Nachlass ihrer Großmutter einige persönliche Dinge, die nicht zu den wenigen Informationen passen, die Änne ihnen im Laufe ihres Lebens über ihre Vergangenheit erzählt hat. Es tauchen weitere Fragen auf. Ellen, die als Nachkriegskind von jeher eine eher schwierige Beziehung zu ihrer eigenen Mutter hatte, fühlt sich jetzt erst recht von ihrer eigenen Mutter um Erklärungen betrogen. Laura versucht, ihre Mutter mit ihrer Großmutter nachträglich auszusöhnen und entwickelt auch selbst ein großes Interesse an ihrer eigenen Familiengeschichte. Sie macht sich auf die Suche nach dem Leben von Änne.

Die zweite Ebene erzählt die Geschichte der Familie Thomke, die in Schlesien ein Gut besitzt. Im Focus stehen hier die Zwillingstöchter Änne und Luise. Die beiden Mädchen haben eine sehr enge Beziehung zueinander. Während Luise ein lebensfroher Mensch ist, dem die Zuneigung der Menschen problemlos zuzufliegen scheint, ist Änne "anders". Sie ist nicht nur ruhiger, zurückhaltender und weniger nahbar, sie umgibt ein wenig eine ablehnende Aura. Sie wird häufig abgelehnt, fühlt sich ausgeschlossen und missverstanden. Ihre Beziehung zu ihrer Schwester ist einem Maße eng, die schon als krankhaft bezeichnet werden kann. Die Familie erlebt den Krieg in Schlesien, den Einmarsch der Roten Armee und die Neuordnung der Landesgrenzen nach dem Krieg.

Den Teil der Vergangenheit fand ich unheimlich stark geschrieben. Die Beschreibungen des Gutes mit all seinen Tieren, der Landschaft und dem Leben der Familie und mit den Fremdarbeitern sind so detailliert beschrieben, dass man das Gefühl hat als stiller Beobachter hinter einem Fenster zu stehen und dem Treiben zuzusehen. Die Ängste während des Krieges, die Unsicherheiten darüber, wie es weitergehen soll und was es zu tun gilt um das Überleben zu sichern. Georgs Stil passt hier einfach perfekt. Es ist hoch emotional und mit viel Fingerspitzengefühl geschrieben. Das Schicksal der Menschen ging mit beim Lesen unheimlich nahe. Die Figuren sind toll ausformuliert ohne überladen zu sein und wirken auf mich lebendig. Das zieht sich konsequent bis zum Ende und verdeutlicht die Dramatik in all seinen Facetten.

Den Gegenwarts-Teil fand ich schwächer. Aus der Geschichte von Änne und Luise kann man leicht ableiten, woher die Probleme zwischen Ellen und ihrer Mutter herführen. Die Interaktion zwischen Laura und Ellen empfand ich dagegen ziemlich blass. Es bleibt für mich oft oberflächlich, die Dialoge zwischen beiden wirken auf mich recht leblos. Lauras Recherche vor Ort zeigt zwar die Schwierigkeiten, die mit den Nachkriegswirren einhergehen. Sie stolpert aber für mein Empfinden von einem Glückstreffer zum nächsten, ohne selbst viel dazu beizutragen, bis dann eher zufällig Antworten findet.

Das Ende und die Auflösung, da hadere ich ein wenig mit mir. Auch hier ist mir zu viel Zufall im Spiel, es wirkt wenig glaubwürdig und ist mir dann insgesamt zu überzogen. Andererseits gibt es Aspekte, die auf mich dennoch authentisch wirken und den leicht negativen Eindruck des Ende dann doch etwas abmildern. Sehr gefallen dagegen hat mir, dass die Autorin bewusst einen Schlussstrich gezogen hat, der nicht allzu romantisiert ist.

Würde ich für das Buch eine Leseempfehlung aussprechen? Unbedingt! Die Kritik über das Ende ist wirklich meckern auf sehr hohem Niveau. Die Geschichte ist gefühlvoll, mitreißend und ich bin immer wieder erstaunt darüber, wie Miriam Georg Details aus den ersten Kapiteln im Verlauf des Buches wieder aufgreift und in die Geschichte einarbeitet.

Bewertung vom 08.08.2025
Collin, Philippe

Der Barmann des Ritz


gut

So richtig warm geworden bin ich mit der Geschichte leider nicht. Der Stil ist doch sehr distanziert und trotz der vielen Dinge, die man als Leser über Frank Meier erfährt, hat man doch nie das Gefühl ihm wirklich nahe zu kommen. Ich kann nicht sagen, ob es möglicherweise ein vom Autor beabsichtigtes Stilmittel ist, aber es fühlt sich an wie eine Mauer um die Hauptfigur an. Die Handlung plätschert so vor sich hin, alles bleibt im gleichen Tempo. Ob rauschender Empfang im Ritz oder brenzlige Situationen, die Meier das Leben kosten können. Es gibt da einfach keinen Unterschied. Es fehlt mir der Schwung und auch die Spannung. Dabei sind seine Ängste sehr gut nachvollziehbar, denn er führt einen wahren Drahtseilakt auf. Etwas besser gelungen finde ich dagegen die Situationen, in denen Meier sein Pokerface aufsetzen muss. Da wird dann der ganze Irrsinn im Detail sichtbar. Aber auch hier bleibt die Handlung emotional sehr oberflächlich. Der Geschichte hätte auch ein wenig mehr Witz nicht geschadet. An der einen oder anderen Stelle hat der Autor damit auch angesetzt, aber auch dies verläuft leider im Sande.
Es fiel mir im Verlauf des Buches wirklich immer schwerer bei der Stange zu bleiben und ich gestehe, dass es mich am Ende schon fast etwas gelangweilt hat.

Wirklich schade, denn die Geschichte an sich hat das Potential aufregend und auch aufwühlend zu sein. Zudem dürfte Meiers Geschichte nicht vielen Menschen bekannt sein. Für mich bleibt das Buch weit hinter seinen Möglichkeiten zurück.

Bewertung vom 20.07.2025
Schoeters, Gaea

Das Geschenk


ausgezeichnet

Schon Schoeters erster Roman hat mich völlig aus den Socken gehauen. Und auch der Nachfolger hat mich begeistert. Damit wandert die Autorin definitiv auf meine persönliche "Must Read"-Liste. Ihr ist auch beim zweiten Buch eine nachdenklich machende und Grenzen auslotende Geschichte gelungen.

Deutschland beschließt ein Einfuhrverbot von Jagdtrophäen und erhalt das "Dankeschön" 20.000 Elefanten aus Botswana. Über Nacht tauchen die majestätischen Tiere in Berlin auf und versetzen die Berliner Bevölkerung in Staunen und die Politiker in Entsetzen. Was ist jetzt zu tun? Die Probleme erstrecken sich von der Unterbringung der Tiere bis zur Entsorgung ihrer Ausscheidungen. Die Elefanten stellen ein ganzes Land sprichwörtlich auf den Kopf und tragen sogar entscheidend zum Wahlausgang bei.

Ein großartiges Buch! Modern und das aktuelle politische Geschehen pointiert auf den Punkt gebracht, ergänzt durch einen leisen aber schon schwarzen Humor. Sehr dezent, nicht aufdringlich - grade dadurch hat es für meinen einen ganz eigenen Charme entwickelt und man sich unweigerlich beim Lesen amüsieren muss. Etwa, wenn der Elefantendung kurzerhand zum Staatseigentum erklärt wird oder psychologisch ausgleichende Effekt der Anwesenheit der Elefanten beim Yoga im Stadtpark. Schoeters gefälliger und sehr präziser Stil passt einfach perfekt. Sie kann mit wenigen Worten einen Elefanten in der Spree so gut beschreiben, dass man ihn bildlich vor Augen hat, wie eine bissige Kabinettssitzung vor dem inneren Auge entstehen lassen.
Zwischen politischen Entscheidungen, die wirtschaftliche, gesellschaftliche und ökologische Belange betrachten und auch den wachsenden Unmut der Bevölkerung abfedern müssen, stellt sich, fast schon versteckt, die Frage, wie sehr ein hochverdichtetes Industrieland sich in die Lebensweise und die Belange eines Landes in Afrika einmischen kann bzw. darf.

Trotz des Gedankenexperiments hat die Geschichte etwas erschreckend realistisches und man erkennt unschwer alle aktuellen Parteien. Manchmal möchte man laut lachen, manchmal die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Eine wirklich gut und auf den Punkt erzählte Politsatire, die sich für mich zu einem Lesehighlight in diesem gemausert hat und die ich auf jeden Fall in meinem Bekanntenkreis auf Wanderschaft gehen lassen werde.

Bewertung vom 12.07.2025
Slocombe, Penelope

Sunbirds


gut

Anhand des Klappentextes würde man eine sehr sehr traurige Geschichte erwarten. Es ist aber eine überraschend lebensbejahende Geschichte. Denn es nicht nur um Verarbeitung von Verlust und Trauer, sondern auch um Perspektivenwechsel und Neuanfänge.
Die Beziehung zwischen Anne und Esther ist zu Beginn nicht die Beste. Sie begegnen sich angespannt und mit vielen unausgesprochenen Vorwürfen zwischen einander. Beide lernen einander im Verlauf der Reise wieder neu kennen, nähern sich einander wieder an und können die Beweggründe der anderen zumindest etwas besser verstehen. Die Beziehung zu ihrem Mann Robert ist sehr bröckelig, beide haben sich in den letzten Jahren über die Suche nach ihrem Sohn als Ehepaar verloren.
Auf den ersten Blick machte die Handlung aus emotionaler Sicht einen eher oberflächlichen Eindruck auf mich. Auf den zweiten Blick fand ich es dann aber doch geschickt geschrieben, die Gefühle ihrer Figuren nicht bis ins kleinste Detail auszuschreiben. Annes Verzweiflung und Selbstvorwürfe kommen dennoch sehr gut zur Geltung.
Die landschaftlichen Beschreibungen sind für mich allerdings der heimliche Star in der Handlung. Wunderschön mit wenigen, dafür aber sehr prägnanten Sätzen beschrieben, dass ich mich mitten in die Szenerie versetzt gefühlt und den Vögeln nachgesehen habe. Und ich gestehe: auch wenn Indien oder Nepal nicht auf meiner persönlichen Reiseliste stehen, kommt da durchaus schon ein wenig Reiselust auf.

Insgesamt vermittelt die Geschichte viele positive Gefühle. Die Liebe für das Leben selbst, die Frage nach dem persönlichen Lebensmodell und wie man es findet, den Mut einen Neuanfang zu wagen, wer man selbst ist und wie man sich selbst findet. Die Autorin spielt da auch ein wenig mit gängigen Klischees, aber es passt gut ins Gesamtbild und wirkt nicht aufgesetzt.
Über Torrans Beweggründe bleibt der Leser weitestgehend im Dunkeln. Er taucht ein paar Mal in der Geschichte auf und man ahnt, wie nah sich beide Parteien auf dieser Reise sind. Ich persönlich finde sein Handeln egoistisch, bei allem Verständnis für die Selbstfindung. Mich wundert es etwas, dass dieser Punkt nie so wirklich ausgesprochen wird.

Mir hat das Ende nicht gefallen. Wenn ich daran denke, dass Anne sieben (!) Jahre in Ungewissheit über den Verbleib ihres Sohnes gelebt und Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt hat, um ihn zu finden, reicht diese Reise von wenigen Tagen offenbar aus um eine komplette Kehrtwende hinzulegen und einen Scherbenhaufen zu hinterlassen (das wird nicht so gesagt, aber für mich fühlt es sich beim Lesen so an). Einen Neuanfang auf (emotionale) Kosten der engsten Familie finde ich keinen feinen Zug und macht ehrlicherweise viel Gutes aus der Geschichte für mich auch wieder kaputt.

Bewertung vom 06.06.2025
Reid, Taylor Jenkins

Atmosphere


ausgezeichnet

Ich liebe dieses Buch, das kann ich gar nicht anders sagen. Und ich bin wirklich ein wenig traurig, dass jetzt keine Seite mehr übrig ist. Ich hätte diese tolle Geschichte noch ewig weiterlesen können. Es ist eine tolle Mischung aus spannender und zu Herzen gehender Geschichte.

Den wissenschaftlichen Hintergrund fand ich sehr toll erzählt. Mit viel Wissenswertem zur Astronautenausbildung und den Abläufen der NASA. Gleichzeitig aber auch wunderbar menschlich. Das Zusammenwachsen unterschiedlicher Menschen zu einer Einheit, die vielen kleinen zwischenmenschlichen Problemchen. Es fühlte sich sehr lebendig an.
Joans Leidenschaft für die Sterne wird in vielen Dingen sichtbar und endet in diesem für mich wunderschönen Zitat: "Jedes Atom in unserem Körper ist mal dort draußen gewesen. War mal ein Teil von ihnen. Wenn man in den Nachthimmel schaut, sieht man Teile dessen, was man einmal war und was man vielleicht eines Tages sein wird." Es steckt an und dieses Zitat wird mich noch lange begleiten und mich den Nachthimmel mit anderen Augen sehen.

Ich mochte alle Figuren in dem Buch. Sogar Joans Schwester Barbara, auch wenn sie ein wenig die Antiheldin der Geschichte ist.
Joan ist klug, zurückhaltend und pragmatisch. Mit dem Space-Shuttle-Programm kann sie sich einen Lebenstraum erfüllen. Während dieser Zeit wächst Joan aber auch als Mensch unheimlich. Sie bei dieser Reise zu begleiten, mitzuerleben, wie sie sich selbst und ihr ganz persönliches Glück findet, war unheimlich schön. Auch wenn man als Leser weiß, dass Joan dieses Glück nie so unbeschwert genießen darf, wie andere Menschen es können. "Es ist so schwierig, das Glück zu finden. Ich verstehe nicht, warum man jemandem nicht gönnen sollte, sein Stück davon gefunden zu haben." Liebe Joan - das werde ich ebenfalls bis zum Ende meiner Tage auch nicht verstehen.

Reids Figuren sind detailliert und liebevoll beschrieben. Dabei wird sie allerdings nie ausufernd, lässt viel Fingerspitzengefühl bei der Beschreibung von Emotionen walten und schafft damit eine herzenswarme Atmosphäre. Ich konnte mit allen Figuren mitfühlen, manchmal war ich berührt bis unter die Haarspitzen und hatte Tränen in den Augen. Dann gibt es wieder sehr dramatische und spannende Abschnitte, bei denen ich mit Herzklopfen durch die Seiten geflogen bin und es kaum noch ausgehalten habe. Und da musste ich mich auch schon mal selbst spoilern und auf den letzten Seiten nachsehen, wie es ausgeht. Das mache ich sonst eigentlich nicht, aber ich hatte das Gefühl zu platzen, wenn ich diese Info jetzt nicht sofort habe!

Aber jede Heldin braucht in einer guten Geschichte auch eine Antiheldin. Diese tritt in Form von Joans eigener Schwester Barbara auf. Barbara wurde früh Mutter und Joan war schon seit der gemeinsamen Kindheit eine wichtige Stütze für sie. Dementsprechend tief die Verbindung zwischen Joan und ihrer Nichte Frances. Aber Barbara ist ein völlig anderer Typ Mensch, ihr Charakter ein gänzlich anderer und daher unterscheiden sich auch Ziele und Wünsche ganz stark von Joan. Barbara repräsentiert an dieser Stelle die amerikanische Gesellschaft, die vorherrschenden Vorstellungen zu Moral und Sexualität. Auch wenn der Konflikt der beiden gelegentlich etwas sehr überzeichnet ist, fand ich ihn authentisch dargestellt. Die Sticheleien erst spät in einen handfesten Streit mit ausgesprochenen Gemeinheiten aus, aber sie sind die ganze Zeit da und Joan bekommt sie immer wieder zu hören. Obwohl ich für einige Situationen auch in Barbaras Leben Verständnis hatte, taten mir diese Gemeinheiten Joan gegenüber wirklich weh zu lesen.

"Ich würde dir alles geben", sagte Vanessa, "wenn es uns nicht alles kosten würde."
Auf den Punkt gebracht. Und an dem Punkt habe ich wirklich geheult. Ich bin im normalen Leben nicht einmal ansatzweise von ähnlichen Problemen betroffen. Aber die ganze Geschichte hat mich wirklich angefasst und dünnhäutig gemacht. Da mussten die Tränen dann einfach raus.

Für mich hat hier alles gestimmt. Da war kein Satz zu viel und keine Emotion zu wenig. Ein Buch, mit vielen schönen Sätzen. Mit ein wenig Abstand, werde ich das auf jeden Fall noch einmal lesen.

Bewertung vom 01.06.2025
Berkel, Christian

Sputnik (MP3-Download)


gut

Ich bin ja ein Fan davon, wenn Autoren ihre Hörbücher selbst einsprechen. Bei Christian Berkel freut mich das ganz besonders, da er einer meiner liebsten Schauspieler ist. Als Sprecher ist er einfach toll. Er betont an den richtigen Stellen, ist mal laut und erregt, mal leise und sanft. Dadurch werden die Figuren abwechslungsreich und wirken lebendig. Inhaltlich bin ich leider nicht ganz so euphorisch.

Die Geschichte hat autobiographische Züge und beschäftigt sich mit Berkels Weg als Schauspieler, von der Theaterbühne vor die Kamera. Er geht auf seine Kindheit und Jugendzeit ein. Die Kindheit war nicht immer unbefangen, mitunter schwierig durch die Kriegserlebnisse seiner Eltern. Diese Passagen gingen mit sehr zu Herzen. Hier hat er für mich aufgezeigt, wie weit die Welt eines unbelasteten Kindes von der Welt der Erwachsenenwelt, die den Krieg erlebt haben, entfernt ist. Das Thema wird dann im späteren Verlauf noch einmal aufgegriffen. Sputnik ist dann allerdings kein Kind mehr, sondern ein junger Mann, dessen Ansichten und auch Empfindungen nicht mit den Ansichten der Eltern einhergehen. Das bietet natürlich Reibungspunkte und es läuft seitens Sputnik auf die Frage hinaus: Kompromiss oder Konfrontation?
Die recht langen Passagen über Sputniks beginnende Sexualität und das Ausleben selbiger hätte ich persönlich nicht gebraucht und ich fand, dass sie nichts für die Geschichte getan haben. Seine Zeit in Frankreich ist zwar unterhaltsam, bietet für mich aber leide keine interessanten Punkte. Die Handlung plätschert da vor sich hin und vermag mich nicht zu fesseln.
Ich hätte mir gewünscht, dass mehr auf die Konfliktbeladene Familiensituation eingegangen wird und auch eine etwas tiefere Auseinandersetzung mit der jüdischen Hälfte der Familiengeschichte erfolgt. Letzteres Punkt wird häufiger als diffuses Gefühl der Unvollständigkeit angesprochen, aber leider nicht weiter nachverfolgt. Hier liegt aber vermutlich das Problem vor, das in vielen Familien vorliegt: Es wird nicht darüber gesprochen. Das Erlebte der Eltern wiegt zu schwer, ist zu grausam um es vor allem gegenüber dem eigenen Kind mit Worten zu erklären.
Leider bin ich am Ende nicht so wirklich warm geworden mit Sputnik. Was schade ist, denn ich hatte mich sehr auf Berkels neues Buch gefreut.

Bewertung vom 14.05.2025
Kamani, Nasanin

Lonely Hearts Club (Erstauflage exklusiv mit Farbschnitt)


gut

Healthy Romance – noch nie davon gehört, aber es klang ansprechend genug um einen Versuch zu wagen. Und ich war durchaus positiv überrascht. Saint-Malo ist im Übrigen wirklich so schön wie im Buch beschrieben und ein lohnenswertes Urlaubsziel. Zusammen mit Paris ergibt es ein schönes Setting. Ich mochte es, dass klassische Musik eine wichtige Rolle in der Geschichte spielt und auch zeigt, dass diese auch modern interpretiert werden kann und dann sogar die sozialen Medien erobern kann. Die angesprochenen Stücke passend stimmungstechnisch wirklich gut dazu,

Mit Clara und Milly hat die Autorin zwei sympathische Figuren geschaffen. Clara ist musikalisch sehr begabt und hat neben ihrem Musikstudium eine durchaus beachtenswerte Karriere in den sozialen Medien gestartet. Gleichzeitig steht Clara unter einem enormen inneren Druck. Die Beziehung zu ihren getrennt lebenden Eltern ist schwierig, die zu ihrer Mutter besonders angespannt. Sie kämpft mit psychischen Belastungen, die ihr soziales Leben stark beeinflussen.
Milly (Emilian... ich möchte an dieser Stelle ein seufz unterbringen...den Spitznamen fand ich so fürchterlich) ist ein zurückhaltender, einfühlsamer und kluger junger Mann. Er erkennt recht schnell, dass Clara hinter ihrer heiteren Fassade eine große Traurigkeit verbirgt. Die Annäherung der beiden aneinander fand ich schön beschrieben. Unsicherheiten, Herzklopfen, Gefühlschaos, Ängste – die ganze Palette an Gefühlen. Zurückhaltend und einfühlsam geschrieben, nichts übertrieben und der Fokus auf den Personen und ihren Empfindungen.

Zwischendurch hat das Buch allerdings auch einige Längen. Grundsätzlich sind die Emotionen aller Beteiligter (Bruder, Mutter, Freundinnen, Hauptfiguren) nachvollziehbar dargestellt, die positiven wie die negativen und die daraus resultierenden Ängste und zugefügten Verletzungen. Ungefähr in der Mitte des Buches geht dann aber der Schwung verloren und ich hatte den Eindruck, dass es sich im Kreis dreht, die Beschreibungen sich wiederholen und die Handlung auf der Strecke bleibt. Ich gestehe, dass ich an der Stelle recht viel quer gelesen habe. Mir wurde dort jedes Wort des Anderen, jede Handlung zu sehr seziert und in seine Einzelteile zerlegt.
Schade fand ich auch, dass der namensgebende Lonely Hearts Club leider viel zu kurz kommt und zu einer minimalen Randerscheinung verkommt. In dieser Idee hätte viel mehr Potential gesteckt.

Es ist empathisch erzählt, nicht zu kitschig (Liebe ist eben nicht immer genug) und mit durchaus realistischen Anteilen. Mit hat es insgesamt gut gefallen.

Bewertung vom 21.04.2025
Hope, Anna

Wo wir uns treffen


weniger gut

Ich wollte das Buch wirklich mögen, hat es doch ein Setting, welches ich unheimlich gerne lese. Aber um ehrlich zu sein, fand ich es unheimlich langatmig und mit der Zeit auch richtig nervig. Es fiel mir streckenweise wirklich schwer, am Ball zu bleiben.
Es gibt den ein oder anderen Punkt, der mir gefallen hat. Ich mochte die Beschreibungen des Landes zu den verschiedenen Tageszeiten. Das fühlte sich dann fast schon real an, als stünde man selbst ganz früh morgens im Tau auf der beschriebenen Wiese. Auch die Sicht der verschiedenen Personen auf den Verstorbenen fand ich gut wiedergegeben. Der Mann hat viel zerschlagenes Porzellan hinterlassen, aber die Beziehungen veränderten sich über die Jahre. Am Ende hat jeder ein eigenes Fazit über die gemeinsame Zeit ziehen können. Das diese überwiegend negativ ausfallen, dürfte nicht überraschen. Aber eine durchaus realistische Darstellung.

Die angesprochenen Themen wie Rassismus und Klassensystem, verbunden mit den Auswirkungen in heutige Generationen, finde ich grundsätzlich spannend im Kontext einer Familiengeschichte. Wie geht man als Familie, zudem auch noch häufig uneinig, mit so einem Erbe um, von dem man bisher nichts wusste? Wie verändert es den Blickwinkel auf die eigene Familiengeschichte, auf die damit einhergehenden Privilegien? Das hätte enorm viel Potential gehabt.

Leider passiert im Grunde so gut wie nichts. Es wird sehr kleinteilig erzählt, dadurch zieht sich selbst das kleinste Geschehen unheimlich in die Länge. Die Konflikte innerhalb der Familie werden höchstens angerissen, aber nie wirklich ausgesprochen und zu Ende geführt. Figuren und Handlung bleiben immer oberflächlich, es gibt keine Figur, die so richtig heraussticht. Dafür springt mir eine ziemliche Negativität aus den Seiten entgegen. Ich kann für keine der Personen Sympathie aufbringen, so gut ihre Absichten oder der empfundene Schmerz auch gewesen sein mögen. Und es ist für mich sehr vorhersehbar gewesen. Es gab keinen Punkt in der Handlung, die mich überrascht hätte oder wo es mal so richtig in die Tiefe geht.
Es geht sehr viel um die Natur und um die Renaturierung des großen Anwesens. Diesen permanenten verkappten Hippie-Stil, fand ich am Anfang noch etwas überraschend, mit der Zeit aber so fürchterlich nervend und durchaus auch moralisierend.

Schade um die investierte Zeit, mich hat das Buch leider nicht begeistern können.