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Tausendléxi

Bewertungen

Insgesamt 11 Bewertungen
12
Bewertung vom 21.04.2024
Die goldene Stunde
Versteeg, Wytske

Die goldene Stunde


ausgezeichnet

Wo aber Gefahr ist, wächst der Rettende auch.
Friedrich Hölderlin

Um was geht es hier? Mari, Niederländerin, um die vierzig, reist nach dem Scheitern eines sozialen Projektes, dass sie als Sozialarbeiterin betreute, in das Land des Flüchtlings Ahmad zu dem sie sich sehr hingezogen fühlte. Dieser jedoch spurlos verschwand. Er hinterließ Mari eine Tasche mit seinen Aufzeichnungen. Und mit jener Tasche reist nun Mari in das Heimatland Ahmads. Sie hofft auf Antworten, sie hofft auf Ahmad. Die kehrt in ihren ursprünglichen Beruf als Archäologin zurück und macht sich auf die Suche Jahrtausend alte Felszeichnungen zu finden. Unterstützt wird sie mit einem Außenseiter, dem ehemaligen Soldaten Tarik.

Alles hier lebt von Erinnerung, sagte Tarik heute zu mir, sogar die Baumwurzeln träumen von dem Wasser, das sie vor langer Zeit getrunken haben. Aber so etwas wie die gute alte Zeit hat es nie gegeben, alle Erinnerung ist Wahnsinn, madness, you know.
Seite 45

Mari, Ahmad und Tarik. Drei Leben die perniziös miteinander verbunden sind. Drei Leben auf der Suche nach sich selbst. Wytske Versteeg lässt ihre Figuren in verschiedenen eigenen Kapiteln erzählen und reflektieren.

Mari wie sie sich um Ahmad bemühte, doch spürte, dass diese Gefühle nicht erwidert wurden. Und der Schock als er plötzlich nicht mehr da war. Ahmad, der sich von einem Kriegsgebiet in die Niederlande durchgeschlagen hatte, um dann zu erfahren, welche weitere Hürden im das Leben noch auferlegt. Diese lange Warterei auf sein Asylgesuch.

Die sunk cost fallacy, Karam war regelmäßig darauf zu sprechen gekommen, ich kann es ihn beinahe noch sagen hören. Schau auf Wikipedia nach, wenn du nicht weißt, was das ist. Es bedeutet, gutes Geld schlechtem hinterher zu werfen – weil man investiert hat und seinen Irrtum nicht einsehen will.
Seite 152

Tarik, der schwer an seinen Taten als Soldat trägt. Tarik, der den gescheiterten Fluchtversuchen vieler Menschen über das Meer, ein würdevolles Grab bereitet.

Mari, Ahmad und Tarik verbunden in ihrer Hoffnung.

Fazit: Ich habe viele Seiten gebraucht, um in die Story zu finden. Zu viele Fragen, zu wenig Antworten. Ich gebe zu, ich habe gehadert ob ich dieses Buch beiseitelege. Nunfühle ich mich beschenkt es ganz gelesen zu haben. Denn es lichtete sich der Nebel und gab vieles preis, was ich nicht vermutet hätte. Dies ganze Thematik von Liebe, Flucht, Asylsuche und der Versuch einer Gutmachung von schwerer Schuld, ist hier in > Die goldene Stunde < zu etwas ganz Besonderem verwoben. Mein Durchhalten wurde unsagbar belohnt!

Bewertung vom 07.04.2024
Youma
Hearn, Lafcadio

Youma


gut

Dieser Klassiker entstand 1890 und erschien 2016 erstmals auf Deutsch. Im Zuge einer Klassikerrunde las ich diesen Roman um die junge, schöne und stolze Youma. Die Geschichte spielt auf der Karibikinsel Martinique und Youma lebt in einem Haus weißer, wohlhabender Kreolen. Ihre Mutter ist eine Amme, eine da. Diese Amme, geniest trotz der Unfreiheit, Respekt und Privilegien. Sie wird mit schönen Kleidern und Schmuck beschenkt. Ein Aushängeschild. Bildung wird verwehrt. Youmas Freundin ist Aimée, die Tochter des Hauses, sie ist ein sehr gefühlvolles und leidenschaftliches Mädchen.

Aimée wächst behütet heran, heiratet mit neunzehn Jahren und verlässt ihr Elternhaus. Youma und Aimée bleiben unzertrennlich. Als Aimée ihre Tochter Mayotte zur Welt bringt und bald danach verstirbt, wird Youma ihre da. Sie leben auf der Plantage von Aimées Witwer. Nachhaltiges Aufsehen erregt Youma als sie Mayotte das Leben rettet. Gabriel, ebenfalls ein Sklave der Plantage, wird auf Youma aufmerksam und verliebt sich in sie. Jedoch wird dem jungen Paar ihre gemeinsame Zukunft verwehrt, da ihre Besitzer eine Eheschließung nicht erlauben. Beide halten Gabriel nicht standesgemäß für Youma.

Diese Demarkationslinie verändert Youma. Bis zu jenem Zeitpunkt fühlte sie sich gesellschaftlich gut aufgehoben und respektiert. Nun keimt der Wunsch nach Freiheit, nach Selbstbestimmtheit auf. Jedoch hat sie Aimée das Versprechen gegeben immer für Mayotte da zu sein. Nur kurze Zeit später bricht der Sklavenaufstand aus mit verheerenden Folgen.

Diese Kolonialliteratur glänzt durch seine Faszination für alles Schöne auf der Insel Martinique. Hearn zeigt hier eine zuerst harmonische, idyllische Welt auf, die trotz der Sklaverei nichts an ihrer Wirkung einbüßt. Mag sein, dass dies sein Blick war. In der Entstehungszeit dieses Romanes mag man es wohl so hingenommen haben, jedoch in der heutigen Zeit ist die Story nur bedingt glaubwürdig.

Der Stil von Lafcadio Hearn wirkt an vielen Stellen ausdruckstark, atmosphärisch, poetisch, gar mitreißend. Jedoch empfand ich keine der Personen sonderlich gut herausgearbeitet. Sie blieben alle im Schatten ihres jeweiligen Standes und Position.

Bewertung vom 07.04.2024
An Rändern
Tijssens , Angelo

An Rändern


ausgezeichnet

Dieser Roman hat mich gefordert und getriggert. Jedoch ist > An Rändern < eines der wenigen Bücher, die man nach Beendigung streicheln und in den Arm nehmen möchte.

Flandern. Ein Mann kehrt in seinen Heimatort zurück, um den Nachlass seiner Mutter zu regeln. Der Mutter, die ihn als Kind gedemütigt und misshandelt hat. Hier im Ort seiner Kindheit wird er immer von den Flashbacks seines Traumas eingeholt. Diese Erinnerungen des psychischen und physischen Missbrauches sind von unglaublicher Härte.

Er hat noch eine andere Erinnerung an diese Zeit. Seine erste Liebe. Mit einem Mitschüler freundet er sich an und darf in dessen Zuhause ein freundliches und wertschätzendes Familienleben kennenlernen. Es ist eine Liebe, die heimlich und unbeobachtet stattfindet. Hier findet der Junge Geborgenheit und Streicheleinheiten.

Nun, zurück am Ort des Geschehens nähert er sich seiner Jugendliebe wieder an. Es ist ein schüchternes, ein misstrauisches Herantasten. Was ist noch da von den früheren Gefühlen zueinander. Kann diese Liebe neu entfacht werden?

Er sieht mich an und sagt: Trotzdem bist du intakter als früher. Ich sehe ihn an und er ergänzt: Du bist stärker. Auch weniger blaue Flecken.

Angelo Tijssens Stil ist schnörkellos. Klar und deutlich, unmissverständlich. Atmosphärisch und sensibel. Er zeigt einen Mann, der stark von seiner traumatischen Kindheit geprägt wurde und dennoch von Hoffnungen und Lebenswillen getragen wird.

Die Szenen der Gewalt seitens der Mutter verschlugen mir oftmals regelrecht die Sprache. Die Hilflosigkeit und Einsamkeit des Kindes waren kaum auszuhalten. Doch versprühte diese erste Liebe eine große Zuversicht, die dem Jungen den Halt gaben, den er so dringend benötigte.

Ein ergreifendes Debüt, das sich trotz der immensen Härte zu einem berührenden Leseerlebnis entfaltete. Dieser Gegensatz von Gewalt und Liebe in eindringlichster Form, wurden hier in eine homogene Form gebracht. Ein Buch mit langem, intensivem Nachhall!

Bewertung vom 07.04.2024
Das andere Tal
Howard, Scott Alexander

Das andere Tal


sehr gut

Wenn du die Möglichkeit hättest, einen der schlimmsten Momente deines Lebens rückgängig zu machen, würdest du es tun? Und um welchen Preis?

Die junge Ich-Erzählerin Odile lebt mit ihrer Mutter in einer Kleinstadt, die sich in einem Tal befindet. Identisch in Richtung Osten gelegen, befindet sie diese Kleinstadt wieder, jedoch in der Zukunft von zwanzig Jahren. Ebenso in Richtung Westen, doch dann vor zwanzig Jahren. Alle Grenzen sind streng bewacht. Und ein jeder Bewohner bleibt genau da, wo er ist. Es gibt spezielle Ausnahmesituationen, doch die müssen vom Conseil, ein Gremium, das die endgültigen Entscheidungen fällt. Meist stellen trauernde Hinterbliebene einen Antrag, um ihre Verstorbenen nochmals sehen zu können.

Letze Woche ging es darum, ob wir den Besuch von jemanden aus dem Osten erlauben sollten. Jeder Besuch hat seine Risiken, aber insgesamt betrachtet kann ein Besucher aus dem Osten sich selbst und seinem Tal wesentlich mehr Schaden als uns.
Seite 122

Doch zurück zu Odile. Die 16-jährige ist ein zurückhaltendes, intelligentes Mädchen. Von ihrer Mutter gedrängt bewirbt sie sich um eine Stelle beim Conseil. Ihre Schulzeit geht dem Ende zu und eine berufliche Richtung muss eingeschlagen werden. Odile macht eine unfassbare Entdeckung, als sie ein Paar aus der Zukunft als die Eltern ihres Schulkameraden Edme erkennt und sie weiß, dass er bald sterben wird. Edme, der Junge, der sein Leben so gerne der Musik widmen möchte, doch seine Eltern haben andere Pläne mit ihm. Edme, der Junge, in den Odile heimlich verliebt ist. Was würde passieren, wenn Odile ihr aufgebürdetes Schweigen bricht?

Was für eine Story! Was für ein Debüt! Scott Alexander Howards Stil ist in manchen Teilen poetisch, atmosphärisch mit einem Hauch von Philosophie. Der Roman ist unterteilt in drei Teile. Den zweiten Teil empfand ich etwas träge und düster und der Lesefluss kam ins Stocken, doch dies wurde beim dritten Teil mehr als wieder wettgemacht. Eine gelungene Geschichte über das Schicksal und Fremdbestimmt zu sein!

Bewertung vom 04.03.2024
A wie Ada
Güngör, Dilek

A wie Ada


gut

Ada, ist ein Kind türkischer Immigranten in Deutschland. Ada bedeutet in der Sprache ihrer Eltern Insel. Und Ada fühlt sich als eine einsame Insel. Nie dazugehörig, ständig lastet der Druck auf ihr Dazuzugehören müssen. Doch dies widerstrebt ihr und so eckt sie immer wieder mit ihrer störrischen Art an. Eine Suchende die nicht findet, als Kind nicht, nicht als Teenager und selbst als Erwachsene, Ehefrau und Mutter.

Ada will sie selbst sein, aber nicht so bleiben, wie sie ist. Sie muss werden und wachsen und erwachsen werden.
Seite 32

Ada fühlt sich fremd. Fremd in Deutschland und fremd, wenn sie die Ferien in der Türkei verbringt.

Ich habe mich in meiner Familie fremd gefühlt, sagt die Freundin. Ada versteht nicht, wie sich ein Mädchen aus dem Ort mit einer deutschen Mutter und einem deutschen Vater fremd fühlen kann. Ada dachte, die Fremdheit gehört den Fremden.
Seite 47

In kurzen, nicht chronologisch angeordneten Texten, die teilweise poetisch und humorvoll gehalten sind, lernen wir eine sensible wie auch selbstbewusste Ada kennen. Dilek Güngör zeigt hier in ihrem Buch sehr deutlich die Zerrissenheit der Menschen mit Migrationshintergrund, mit ihrer Protagonistin Ada, auf. Dieses nicht irgendwo fest hinzugehören, nicht dazu zugehören. Wie eine Insel, wie Ada.

Bewertung vom 04.03.2024
Kafka
Safranski, Rüdiger

Kafka


ausgezeichnet

2024 jährt sich der Todestag von Franz Kafka zum 100. Mal. Da erscheint diese Biografie von Rüdiger Safranski zu einem perfekten Zeitpunkt. Nun mögen manche eventuell behaupten, noch eine Biografie über Franz Kafka, ist das nötig. Da dies meine erste Biografie über diesen Schriftsteller ist, würde ich mit ja antworten. Weshalb? Zeigt sich im nachfolgenden Text.

Als es meinem Organismus klar geworden war, daß das Schreiben die ergiebigste Richtung meines Wesens sei, drängte sich alles hin und ließ alle Fähigkeiten leer stehn, die sich auf die Freuden des Geschlechtes, des Essens, des Trinkens, des philosophischen Nachdenkens der Musik zu allererst richteten. Ich magerte nach allen diesen Richtungen ab.
Seite 14

Rüdiger Safranski setzt sich mit der Bedeutsamkeit des Schreibens von Franz Kafka auseinander.

Das Bewußtsein meiner dichterischen Fähigkeiten ist am Abend und am Morgen unüberblickbar. Ich fühle mich gelockert bis auf den Boden meines Wesens und kann aus mir heben was ich nur will.
Seite 31

Alles um ihn herum ist Schreiben. Er verarbeitet Alltagsituationen in literarische Werke. Wie zum Beispiel das Zusammenleben mit seiner Herkunftsfamilie, explizit die Beziehung zu seinem Vater oder die Gefühls-Zerrissenheit seiner Verlobten Felice Bauer gegenüber. So entstehen > Das Schloss< – > Das Urteil< – >Die Verwandlung < – > Der Prozess< um die wohl geläufigsten zu nennen.

Rüdiger Safranski zeigt einen ambivalenten Menschen, der mit dem realen Leben nicht gut zurechtkommt. Im Schreiben kann er sich austoben und bei sich selbst sein. Gefühle kommen nur auf dem Blatt Papier affektiv zum Tragen. Seine Mitmenschen haben es nicht leicht mit Franz Kafka. Außer sein langjähriger Freund Max Brod. Er ist sein Vertrauter.

Mit den Frauen findet Franz Kafka kein Glück. Er entflammt, doch schürt er dieses Feuer mit der Suche nach Unzulänglichkeiten. Dies wiederum nutzt er, all seine Gedanken schriftlich in einem Tagebuch festzuhalten.

Die dreizehn Kapitel, die diese Biografie beinhaltet, sind interessant, aufschlussreich und flott zu lesen. Was mir außerordentlich gut gefiel, waren die Schlagworte zu Beginn eines Kapitels, um einen gewissen Einblick zu gewähren. Rüdiger Safranski bewertet oder mutmaßt nicht über die Werke Kafkas, nein er offenbart durch die Recherche der Tagebücher, wie die Romane und Erzählungen wohl zustande kamen. Franz Kafka der nur durch das Schreiben zu leben vermochte. Diese Biografie löst eine unbändige Lust auf erneutes Lesen der Kafka – Texte und die noch Unbekannten kennenzulernen.

Bewertung vom 16.02.2024
Kuckuckslichtnelken
Kirsch, Sarah

Kuckuckslichtnelken


sehr gut

Dieses zarte Büchlein offenbart einen kleinen Ausschnitt aus dem Leben von Ingrid Bernstein, später dann Sarah Kirsch. Ingrid wächst in den späten 30er Jahren in Thüringen auf. In dem Pfarrhaus, in dem sie geboren wurde, verbringt sie herrliche Kindheitstage. Mit ihrem mürrischen Großvater gelingt ihr ein freundschaftliches Verhältnis. Gerne blickt sie auf die Zeit in seinem Apfelgarten zurück. Zu ihrer Mutter pflegte sie eine innige, sehr herzliche Beziehung. 1941 wird Ingrid eingeschult.

Ich erinnere mich, dass sehr viele Kinder in einer Klasse saßen. Über vierzig. Ich war schüchtern und fand alles grauenhaft. Das Beste ist der Schulweg gewesen. Ich ging unter alten Kastanienbäumen, dem Rotdorn, an Ligusterhecken entlang, aber irgendwann kam ich an und musste mich in die Klasse begeben. – Seite 8

Die ersten Jahre in der Schule bereiten Ingrid keine Freude, besonders im Fach Mathematik bleibt sie talentfrei. Sie ist eine genaue Beobachterin ihrer Umgebung. Um sie herum wohnten Nazis, Kommunisten, zu Beginn noch Juden, Lokomotivführer, Lügner, Seefahrer und Diebe. Mit deren Kindern spielte Ingrid leidenschaftlich auf der Straße. Sie bemerkte, dass die Juden verschwanden. Außerhalb der Stadt gab es ein KZ. Die Häftlinge mussten dort arbeiten. Darüber wurde geschwiegen.

Schließlich gelangte der Bazillus des Nationalsozialismus auch bei uns über die Schwelle. – Seite 26

Ingrids anthroposophischer Vater hatte sich den Bazillus eingefangen. 1944 häufen sich die Bombenangriffe. 1949 besucht Ingrid die Oberschule und eine völlig neue Welt eröffnet sich ihr. Sie merkt, dass Bildung etwas ganz Fabelhaftes ist und erfreut sich an Musik, Zeichnen und Literatur. Die alte Ideologie ist verbannt, die neue noch am reifen.

Sarah Kirschs Rückblicke haben trotz der schwerwiegenden Ereignisse etwas sanftes, tröstliches. Ihre Erinnerungen sind klar und ohne Schnörkel, doch schwingt stets eine Portion von liebevollem Optimismus mit.

Bewertung vom 10.02.2024
Nach Mitternacht
Keun, Irmgard

Nach Mitternacht


sehr gut

Frankfurt im Jahre 1936. Auf dem Odeonsplatz strömen Menschenmassen herbei, um einen Blick auf den Führer werfen zu können. Die 19-jährige Susanne, Sanna genannt, gerät mit ihrer Freundin Gerti unfreiwillig in dieses Treiben. Zuvor lebte Sanna bei ihrer Tante Adelheid in Köln, diese ist den Nationalsozialisten sehr zugetan ist. Franz ihr Sohn, fühlt sich zu Sanna hingezogen, was auf Gegenseitigkeit beruht.
>Pütz, sagte die Tante Adelheid streng, Sie haben das neue Deutschland nicht begriffen, Sie haben den Aufbauwillen des Führers nicht begriffen. Alte Leute wie Sie muß man zu ihrem Heil zwingen oder über sie hinwegschreiten. < – Seite 14
In >Nach Mitternacht < geht es hauptsächlich um zwei Tage in Sannas Leben, die turbulenter nicht sein könnten. Jede unbedachte Bemerkung kann bestraft werden. Wer ist Freund und wer nun der Feind? Sanna ist eine hervorragende Beobachterin und schildert die vergehenden Stunden sehr genau. Doch immer wieder mit einem Rückblick auf ihre Kindheit und Jugend als Wirtstochter in einem Dorf an der Mosel. Ihre heile Welt zerbrach als der Vater starb und Sanna diesen Ort verlassen musste.
Irmgard Keun schreibt aus der Sicht der jungen Frau, was sich im sprachlichen Stil absolut bemerkbar macht. Sie hat in diesen Roman eine besondere Momentaufnahme festgehalten, die die damalige Situation authentisch und beklemmend widerspiegelt. Die Nationalsozialisten gewinnen immer mehr an Macht. Es ist die Zeit der Denunziationen und dem ständigen Misstrauen, der Diskriminierung der Juden, dem Schreibverbot für Schriftsteller* und die Zeit der vielen Abschiede. Doch vor allem stellt sich für die junge Sanna die Frage: Spiele ich hier diesen Wahnsinn mit oder verlasse ich mein Land?

Bewertung vom 05.02.2024
Kanada
Gómez Bárcena, Juan

Kanada


ausgezeichnet

Ein Mann kehrt nach dem Kriege in seine zerstörte Heimatstadt zurück und hofft sein Haus möge in Trümmern liegen. Er hat seine Familie, seine Hoffnung verloren, doch das Haus steht noch, zwar ist es der Plünderung zum Opfer gefallen, doch seine Wohnung ist unversehrt. Ein Nachbar begrüßt den Mann, er ist es auch, der den Heimkehrer dann mit Nahrungsmitteln und Zigaretten unterstützt. Doch der Heimkehrer zieht sich zurück in einen Raum seiner Wohnung, das Büro genannt wird. So vegetiert er völlig isoliert und begibt sich komplett in die Abhängigkeit seines Nachbarn.

Dieser hat außer Essen auch immer ein paar Fragen mit dabei. Wo er denn gewesen sei? Der Heimkehrer erwidert in Kanada. Doch er meint damit nicht das Land in Nordamerika. Nein. Im Laufe der Geschichte wird immer klarer, dieser Heimkehrer ist ein Überlebender. Einst ein Naturwissenschaftler, der nach Auschwitz deportiert wurde. Mit seinen Essensrationen hatte er sich die interne Versetzung ins Lager Kanada erkauft. Kanada, dort wurden die ganzen Habseligkeiten der Neuankömmlinge registriert und umsortiert. Die Berge von Silberbesteck, Brillen, Geigen, Pelzmäntel, Schuhen, Koffer und vieles mehr wuchsen rasant an.

Doch auch wenn es dem Heimkehrer gelungen war zu überleben, quält er sich überlebt zu haben, wo doch so viele Menschen im Holocaust umkamen. Er zieht sich immer weiter in seine Isolation zurück.

Die Geschichte spielt im Ungarn der Nachkriegszeit und die Kommunisten haben das Regiment übernommen. Im Untergrund brodelt der Antikommunismus. Der Nachbar verfolgt gewisse Pläne. Er quartiert erst seinen Neffen bei dem Überlebenden ein. Später kommen noch andere Männer und Waffen dazu.

Der 1984 geborene Autor, hat einen Lagerroman geschrieben, mit der ganzen Tragweite, wenn Opfer zu Täter gemacht werden. Die traumatisiert mit der großen Schuld leben, überlebt zu haben. Die ihre Lieben verloren haben und nun alleine ohne Zukunftsperspektive und Lebenswillen ihrem Dasein fristen. >Kanada< ist ein sehr dicht gegliederter poetischer Roman, der die Geschehnisse der Geschichte dramatisch spiegelt. Ergreifend und mit einem für mich unfassbaren Ende.

Bewertung vom 05.02.2024
Der Kreis des Weberknechts
Marwan, Ana

Der Kreis des Weberknechts


sehr gut

Ein Debüt von 2019 das mich wundervoll unterhalten hat! Der Misanthrop Karl Lipitsch wohnt alleine, Gesellschaft ist ihm zuwider und Gespräche versucht er tunlichst zu vermeiden. Vor allem aber erregen Frauen seinen Argwohn. Ihnen traut er nicht. Er fühlt sich wohl in seiner Rolle als Einsiedler und schreibt an seiner interdisziplinären philosophischen Abhandlung.

Tatsächlich erdreistet sich eine ihm unbekannte Nachbarin ihn freundlich anzusprechen. Lipitsch ist schockiert.
Doch die Nachbarin mit Namen Mathilde zeigt sich offen und charmant. Lipitsch und Mathilde nähern sich sachte an. Wobei bei Lipitsch die Gedanken sich in einer Art Achterbahn bewegen. Eine Annäherung mit dem anderen Geschlecht sieht er sehr misstrauisch entgegen. Denn er, Karl Lipitsch fühlt sich allen und jedem überlegen. Doch ein paar Federn muss er lassen, der Karl. Mathilde lädt ihn zu einen Salonfest mit Nachbarn und Freunden ein. Das ist schon ein große Herausforderung für den Einsiedler. Doch er nimmt die Einladung an und beobachtet die Gesellschaft, die er vorfindet mit Hohn. Bei jedem Kontakt meint er sich herablassen zu müssen.
Mit jeder Einladung seitens Mathildes wächst Lipitsch, er wir etwas zugänglicher. Man trifft sich nun häufiger.
Doch Lipitsch wäre nicht Lipitsch wenn er sich so einfach in die Fäden einer Frau verwickeln lies. Er spürt das Netz zieht sich zu. Es ist zuviel Nähe, die er doch nicht ertragen kann.

Dieser Debütroman von Ana Marwan ist selbst ein gesponnenes Netz. Ein Netz aus scharfsinniger Beobachtungsgabe, den feinfühligen Blick für Zwischenmenschliches, gehobener Sprachstil mit Schwung und charmanten Humor. Ich habe diesen Roman sehr gerne gelesen. Lipitschs Gedanken und Aussagen haben mich teils amüsiert und leicht konsterniert. Mathilde fand ich durchweg charmant und sympathisch. Lest dieses Modell einer Annäherung zwischen Frau und Mann. Köstlich!

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