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Benutzername: Anne
Wohnort: Berlin
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Bewertungen

Insgesamt 9 Bewertungen
Bewertung vom 03.02.2020
Die Zeit des Lichts
Scharer, Whitney

Die Zeit des Lichts


weniger gut

Der Roman hat viel versprochen, aber für meinen Geschmack leider wenig davon gehalten. Lee Miller, US-amerikanisches Ex-Modell, will im Paris der 1930er Jahre Fotografin werden und gerät als Kriegsreporterin in die Wirren des 2. Weltkriegs, wo sie u.a. die Befreiung von zwei Konzentrationslagern dokumentierte. Was für ein Schicksal!
Statt einen fesselnden Roman über eine ungewöhnliche Frau vorzulegen, fokussiert sich die Autorin in großen Teilen auf die Beziehung zwischen Lee und dem Fotografen Man Ray, der in Paris ihr Mentor und Liebhaber wird. Trotz der relativ vielen Liebes- und Sex-Szenen bleibt die Beziehung für mich merkwürdig unemotional. Vielleicht liegt es daran, dass ich hier in erster Linie keinen Liebesroman erwartet habe. Die Beziehung ist für mich so ziemlich der uninteressanteste Teil ihres Lebens. Die schockierenden und faszinierenden Episoden als Kriegsreporterin, die Millers Leben so außergewöhnlich machen, kommen im Vergleich dazu viel zu kurz. Teilweise sind sie nur ganz kurze Zwischeneinblendungen zwischen irgendwelchen banalen Beziehungsszenen. Streckenweise wird mir auch einfach zu viel berichtet und zusammengefasst, z.B. wie Lee überhaupt Kriegsreporterin wird. Da fehlt mir das künstlerisch Erzählende, schließlich handelt es sich hier um einen Roman und keine nüchterne Biografie. Ich hätte einen Fokus auf diese Szenen bevorzugt. Durch die langgezogenen Liebesszenen hat sich das Buch für mich streckenweise leider sehr zäh gelesen.

Bewertung vom 29.12.2019
Wann wird diese Hölle enden?
Berg, Mary

Wann wird diese Hölle enden?


ausgezeichnet

Neuaufgelegt hat der Orell Füssli Verlag das Tagebuch von Mary Berg - eigentlich Miriam Wattenberg; ihre Erlebnisse erschienen nach ihrer erfolgreichen Flucht in die USA unter Pseudonym, um noch in Polen lebende Verwandte zu schützen. Nun hat man schon so viel über den Holocaust gelesen und gehört, trotzdem sind die Details immer wieder schockierend und unvorstellbar. Mary Berg berichtet teils emotional, aber oft erschreckend knapp und beinahe distanziert über ihre grausamen Erlebnisse von der Flucht aus ihrer Heimatstadt Łódź und dem Leben im Warschauer Ghetto. Nur die amerikanische Staatsbürgerschaft von Marys Mutter rettet die Familie letztendlich vor dem Tansport nach Treblinka. Sie können nach einer langen Haft nin die USA ausreisen, trotzdem lassen sie die schrecklichen Jahre im Ghetto - verständlicherweise - nicht los.
Im Laufe des Tagebuchs berichtet Mary auch immer wieder darüber, welche Gerüchte über die Vernichtung der Juden im Umlauf sind. Hier wird schnell klar, dass es kein Geheimnis war, was in den Konzentrationslagern vorging. Zwar ist allen das tatsächliche grausame Ausmaß des Holocausts nicht bewusst gewesen, aber dass Juden im großen Stil ermordet worden sind, war der Bevölkerung bereits während des Zweiten Weltkriegs bekannt. Unabsichtlich legt Mary hier dar, dass all die Deutschen, die hinterher angeblich von nichts gewusst haben wollten, nicht die Wahrheit sagen können.

Es ist mittlerweile leider eine Floskel, aber dieses Buch ist so wichtig und aktuell. Wahrscheinlich werden es die, die es am dringendsten lesen sollten, nicht zur Hand nehmen. Trotzdem ist es gut, dass Mary Bergs Tagebuch neuaufgelegt wurde und uns mahnt.

Ein Vorwort sowie ein Quellenverzeichnis runden das Buch ab. Ich hätte mir nur gewünscht, dass die Anmerkungen in Fußnoten direkt auf der entsprechenden Seite gestanden hätten statt gesammelt am Ende des Buchs. Ansonsten ist das Tagebuch uneingeschränkt zu empfehlen!

Bewertung vom 29.12.2019
WW - Genial saisonal!
Schweiger, Andi

WW - Genial saisonal!


sehr gut

Mit saisonal wachsende Zutaten zu kochen, zählt zu den wichtigsten aktuellen Trends in einer nachhaltig geprägten Küche, daher passt das Buch gut zum Zeitgeist. Unterteilt in die vier Jahrszeiten, werden hier die verschiedensten Gerichte von Salaten und Suppen bis Hauptspeisen und Deserts präsentiert. Bis auf wenige Ausnahmen werden außerdem bei allen Rezepten gängige Zutaten verwendet, die man in jedem Supermarkt bekommt. Auch wenn mich nicht alles anspricht, habe ich doch einige Rezepte gefunden, die ich noch ausprobieren möchte. Zwei Rezepte habe ich bereits ausprobiert - die Anweisungen waren leicht verständlich und ließen sich gut folgen.
Das Kochbuch ist mit seinem übersichtlichen Design und den großen, ansprechenden Fotos auch optisch schön. Ich folge dem WW-Programm nicht, deswegen sind die Infos zu den verschiedenen Programmen und Punkten für mich nicht relevant. Die Rezepte kann man natürlich trotzdem problemlos nachkochen.

Bewertung vom 19.11.2019
Die kleine Buchhandlung am Ufer der Themse
Skybäck, Frida

Die kleine Buchhandlung am Ufer der Themse


gut

Eine wirklich charmante Geschichte über einen privaten und beruflichen Neuanfang. Die Autorin erzählt leicht und mit Herz. Das Ende ist relativ leicht absehbar, aber hier ist eher der Weg das Ziel und das Ende der Geschichte für mein Empfinden nicht so wichtig wie die persönliche Entwicklung von Charlotte. Lediglich der letzte Konflikt zwischen Charlotte und William erscheint mir stark konstruiert und irgendwie übertrieben seifenopernmäßig, um noch ein bisschen Drama und eine Wendung vor Ende einzubinden. Generell hätte das Buch von mir aus ~100 Seiten kürzer sein können, denn einige Stellen waren etwas langatmig und gerade Charlottes Zweifel wiederholten sich immer wieder, ohne wirklich jedes Mal etwas Neues zur Geschichte hinzuzufügen und die Handlung voranzutreiben. Im Großen und Ganzen aber eine schöne Geschichte mit Wohlfühl-Charme.

Bewertung vom 02.11.2019
Ein anderer Takt
Kelley, William Melvin

Ein anderer Takt


sehr gut

Zu Beginn habe ich die Sprache dieses ursprünglich 1962 erschienen Romans als etwas altbacken empfunden und habe eine Weile gebraucht, um mich einzulesen. Dann hat „Ein anderer Takt“ aber eine ziemliche Sogkraft entwickelt. Der schwarze Autor William Melvin Kelley wagt ein spannendes Gedankenexperiment: Wie reagieren die Weißen, wenn plötzlich alle Schwarzen einen fiktiven Bundesstaat im Süden der USA Richtung Norden verlassen? Dabei treten die Abgründe der Rassentrennung und des Rassismus anschaulich hervor, denn Kelley schreibt hauptsächlich aus der Perspektive der Weißen – sie beobachten den plötzlichen Aufbruch und versuchen ihn einzuordnen. Beeindruckend, dass es sich hier um Kelleys Debutroman handelt. Er hat trotz seines Alters leider nichts an Aktualität eingebüßt.
Ein Vorwort einer Buchkritikerin und ein Nachwort der Tochter des Autors ordnen den relativ kurzen Roman sowie Kelleys gesamtes schriftstellerisches Schaffen ein.

Bewertung vom 03.10.2019
Nenne drei Streichinstrumente: Geige, Bratsche, Limoncello
Greiner, Lena; Padtberg-Kruse, Carola

Nenne drei Streichinstrumente: Geige, Bratsche, Limoncello


sehr gut

Kurzweilig und unterhaltsam, wenn auch nicht tiefschürfend. Ich habe das Buch hauptsächlich früh in der U-Bahn auf dem Weg zur Arbeit gelesen, als ich noch nicht vollkommen wach war, und da hat es mich gut unterhalten. Die beiden Autorinnen haben hier zum dritten Mal skurrile und lustige Antworten von Schülern zusammengetragen, die ihre Lehrer an Spiegel Online geschickt hatten. Sie sind thematisch nach Fächern sortiert, wobei die Autorinnen zwischen den einzelnen – stets sehr kurzen – Schülerantworten kurze Verbindungstexte geschrieben haben. Die haben meistens für einen guten Lesefluss gesorgt und manchmal ein bisschen Wissen vermittelt, waren manchmal aber auch etwas inhaltsleer. Eine reine Aneinanderreihung der Zitate wäre allerdings ermüdend gewesen. Angereichert wird das Buch zudem mit kleinen Karikaturen sowie am Ende mit der Revanche der Schüler, denn hier wurde bizarres Lehrerverhalten gesammelt. Für mich kein Buch, das ich am Stück durchlesen würde, aber super für zwischendurch.

Bewertung vom 02.10.2019
ATME!
Merchant, Judith

ATME!


gut

Der Titel verspricht ein bisschen viel, denn so richtig atemlos hat mich die Geschichte nicht zurückgelassen. Sie ist jedoch zum Großteil durchaus spannend geschrieben und besitzt einige überraschende und einige weniger überraschende Wendungen.
Nile beschreibt ihre Beziehung mit Ben als hollywoodreifes Glück, das vor Kitsch nur so trieft. Dass ihre Darstellung nicht so ganz stimmen kann, wird schnell klar. Das Paar ist von Freunden und Familie komplett isoliert; Nile redet ihre Ausbrüche klein, sieht sich immer in der Opferperspektive und hasst es, die Kontrolle über eine Situation zu verlieren. Dieser Widerspruch aus Selbst- und Fremdwahrnehmung sorgt für eine fesselnde Protagonistin, bei der man nicht immer weiß, was real ist und was nicht. Die Autorin zeichnet vor allem Niles irre Gedankenwelt sehr plastisch und zeigt, wie sich die Ich-Erzählerin immer wieder selbst davon überzeugt, dass sie im Recht ist. Leider etwas chaotisches und für mich enttäuschendes Ende.

Bewertung vom 23.09.2019
Gespräche mit Freunden
Rooney, Sally

Gespräche mit Freunden


gut

Ja, eigentlich ist die Handlung von „Gespräche mit Freunden“ arg überschaubar. Es geht um die verworrenen und wechselnden Beziehungen zwischen den beiden Freundinnen und ehemaligen Liebhaberinnen Frances und Bobbi, beide Anfang 20, und dem Ehepaar Nick und Melissa, beide in ihren 30ern. Sie verbringen mal zu viert, mal zu zweit oder dritt Zeit miteinander, sie lieben, streiten, zweifeln und reden. Diese Gespräche finden mal persönlich, mal per E-Mail oder Messenger statt. Das fühlt sich ziemlich authentisch an, denn statt gestelzter Dialoge liefert die Autorin Gespräche, bei denen die Beteiligten manchmal aneinander vorbeireden, sich manchmal missverstehen und manchmal ihre wahren Gefühle krampfhaft vor dem Gegenüber zu verstecken versuchen. Das empfand ich als ziemlich faszinierend zu lesen. Es geht hier sowohl um das, was gesagt wird, als auch um das, was nicht gesagt wird.
Frances bleibt als Ich-Erzählerin merkwürdig schwer zu greifen, was zu ihrer Unsicherheit passt. Die junge Studentin und Autorin hat keine Pläne für die Zukunft, ist in vielen Situationen gehemmt und unehrlich, obwohl sie geschätzt und geliebt wird. Sie verschleiert ihre Gefühle und Wünsche, tritt nach außen oft eher emotionslos auf, aber verletzt sich dann insgeheim selbst. Die Menschen in ihrem Umfeld nehmen sie teilweise ganz anders wahr als sie sich selbst.
Leider haben sich einige Klischees bei der Personenzeichnung eingeschlichen. Nick ist Schauspieler und natürlich umwerfend attraktiv. Melissa, die ein Portrait über Frances und Bobbi schreibt, kann für den kurzen Artikel mehrere Fotosessions mit den beiden durchführen, was für einen Freiberufler finanziell völlig unrealistisch ist. Und Frances mit ihrem destruktiven Verhalten ist natürlich Scheidungskind mit einem alkoholkranken Vater.
Abgesehen davon lohnt sich „Gespräche mit Freunden“ schon allein wegen des großartigen Schreibstils und dem Talent der Autorin, alltägliche Szenen und Gespräche so präzise einzufangen.

Bewertung vom 18.09.2019
Alles außer fern
Konrad, Ksenia

Alles außer fern


gut

Die Russin Ksenia Konrad ist Germanistin und wanderte nach Österreich aus, irgendwo in ein kleines Nest in Tirol. In ihrem Buch erzählt sie nun in ziemlich kurzen Kapiteln von ihrer Erfahrung als Deutschlehrerin - beziehungsweise Deutsch-Trainerin, wie sich selbst nennt. Sie arbeitet mit Migranten und versucht Menschen aus den unterschiedlichsten Kulturkreisen die Sprache beizubringen. Einige wenige Episoden sind pointiert erzählt, die meisten berichten eher nüchtern.
Einige der Einblicke in den Alltag der Sprachlernenden und -lehrenden fand ich wirklich interessant, schließlich hat man als Muttersprachler kaum ein Gefühl dafür, wie schwer es ist Deutsch zu lernen und welche speziellen Herausforderungen die Menschen erwarten. Leider waren viele Abschnitte jedoch ganz schön langatmig. Das Buch erzählt nicht nur Geschichten, es vermittelt in vielen Teilen gleichzeitig grammatikalisches Wissen. Das war mir manchmal zu viel. Vielleicht eignet es sich daher eher für Deutschlernende mit fortgeschrittenen Kenntnissen. Die Idee mit den Einschüben für Muttersprachler fand ich zunächst gelungen. Hier fasst die Autorin kurz grammatikalische Besonderheiten der deutschen Sprache zusammen, über die man als Muttersprachler kaum oder gar nicht nachdenkt. Nach einer Weile nutzt sich das aber ab, zumal sich diese Stellen mehr und mehr wie ein Lehrbuch-Auszug lesen. Mich hätten viel mehr die persönlichen Geschichten der Trainerin und der Lernenden mit der deutschen Sprache interessiert, statt die Infos zur Sprache an sich.