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Benutzername: sommerlese
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Bewertungen

Insgesamt 1229 Bewertungen
Bewertung vom 19.03.2019
Kaschmirgefühl
Aichner, Bernhard

Kaschmirgefühl


sehr gut

Der Single Gottlieb führt ein unspektakuläres Leben als Krankenpfleger in einem Hospiz. Tagsüber sieht er dem Tod ins Auge und abends gibt es auch keine Romantik für ihn, denn er lebte bis vor Kurzem mit seiner alten Mutter zusammen. Privatleben: Fehlanzeige. Aus großer Einsamkeit ruft Gottlieb zum ersten Mal in seinem Leben eine Sexhotline an und hört Maries Stimme. Natürlich hat sie die gewohnten Standardsprüche auf Lager, doch Gottlieb möchte statt Telefonsex viel lieber mit Marie reden. Beide führen ein Gespräch, bei dem sie sich gegenseitig Lügen auftischen. Beide ahnen nicht, dass sie die gleichen Sehnsüchte nach einem glücklichen Leben teilen.


Bernhard Aichners neuestes Werk "Kaschmirgefühl" ist ein Kurzroman in Dialogform. Nachdem ich seine etwas skurrilen Krimis bereits kenne, war ich sehr gespannt auf diesen Genrewechsel.


Die gesamte Handlung besteht aus den Telefonaten zwischen Yvonne (Marie) und Joe (Gottlieb), die sie innerhalb von 10 Stunden miteinander führen. Gottlieb ruft zum ersten Mal in seinem Leben eine Sex-Hotline an. In dieser Anonymität entstehen Gespräche, die von beiden mit reichlich Flunkerei geführt werden. Es geht schon bei den Namen los. Bei Marie gehört der Name ja zum Geschäft, Gottlieb scheint dann aber mit der wahren Bestimmung von Maries Telefonaten ein Problem zu haben. Er möchte sich eigentlich nur unterhalten. Kaum ist ein kurzes Telefonat beendet, ruft Gottlieb erneut an und beide fühlen sich etwas veralbert vom Gegenüber, denn sie erfinden gegenseitig Geschichten. Doch beim Klang ihrer Stimme geschieht das Ungewöhnliche, Gottlieb verliebt sich ein wenig in Marie und sie vielleicht auch in ihn. Solche Männer hat sie selten an der Strippe. Was an ihren Gesprächen wirklich wahr ist, kann man nur erahnen. Auf alle Fälle ist es ein gegenseitiger Flirt, der nie billig oder obszön wirkt und sich zu einer besonderen Liebesgeschichte entwickelt.


Der Roman lässt sich schnell und flüssig lesen, es ist nicht besonders viel Text.

Mit der Zeit werden einige Geheimnisse oder Übertreibungen aufgeklärt, doch im Grunde blieben die Figuren etwas unscharf und zeigen nicht die spezielle und charakterliche Tiefe, die Aichner so perfekt beherrscht.


Weil ich mit einem Donnerschlag am Ende gerechnet hatte, hat mir hier etwas gefehlt. Gerade in der besonderen Charakterisierung seiner Protagonisten liegt sonst Bernhard Aichners Stärke. Seine Krimis gefallen mir besser, dieser Roman hat mich aber auch gut unterhalten.

Bewertung vom 19.03.2019
Töchter einer neuen Zeit / Jahrhundert-Trilogie Bd.1
Korn, Carmen

Töchter einer neuen Zeit / Jahrhundert-Trilogie Bd.1


ausgezeichnet

Die Generation der um 1900 geborenen Frauen mussten gleich zwei Weltkriege durchleben.
Eine von ihnen ist Henny Godhusen, voller Vorfreude macht sie 1919 eine Ausbildung zur Hebamme. Der erste Weltkrieg ist überstanden und Henny glaubt die dunklen Jahre ihres Lebens hinter sich zu haben. Sie arbeitet in Hamburg in der Frauenklinik Finkenau, hier trifft sie die unterschiedlichsten Menschen, doch drei Frauen werden ihren Lebensweg begleiten und Höhen und Tiefen miteinander teilen.
Persönliche Schicksalsschläge, die Auswirkungen der Weltpolitik, der Aufstieg der Nazis und der drohende Zweite Weltkrieg erschüttern ihre Suche nach dem kleinen Glück.

Dieser Roman dreht sich um vier Frauen in Hamburg von 1919 bis 1948 und lässt den Leser teilhaben an ihrem Leben, mit ihren Hoffnungen und Verzweiflungen.

Ida lebt in einer Stadtvilla und kennt keine Not. Hennys Kollegin Käthe ist aus einfachen Verhältnissen und unterstützt die Kommunisten. Lina ist alleinstehende Lehrerin und führt ein unkonventionelles Leben.


Die Frauen träumen von einem friedlichen Leben nach dem ersten Weltkrieg, sie sind voller Tatendrang und voller Wünsche auf die Erfüllung persönlicher Lebensziele und Träume. Doch die politische Entwicklung macht ihnen einen Strich durch die Rechnung. Die Nationalsozialisten erstarken, bringen die Bevölkerung erneut in einen grauenhaften und zerstörerischen Krieg.


Carmen Korn gelingt mit ihren bildhaften Schilderungen der Nachkriegszeit in der Hansestadt Hamburg ein authentischer und eindringlicher Blick in diese Zeit. Die vier Frauenfiguren hat sie als Beispiele tausender Frauenschicksale in den Mittelpunkt der Geschichte gestellt. Sie hat sie mit geübtem Blick ganz individuell gezeichnet und so beschrieben, dass man sie alle gut voneinander unterscheiden kann. Sie wurden mir beim Lesen sehr vertraut und ich habe mit ihnen mitgefühlt und gemeinsam auf bessere Chancen gehofft.


Die Verzweiflung der Menschen wird spürbar, wenn man die Szenen in den Luftschutzkellern liest. Man erlebt die Bombardements hautnah mit, sorgt sich um die Menschen und ist höchst betroffen über die Grausamkeit menschlicher Vernichtungsmaschinerie. Der 28. Juli 1943 ging als Vernichtungsschlag Hamburgs in die Geschichte der Stadt ein.


Die Autorin hat einen einnehmenden Schreibstil, dem man gerne folgt. Sie macht Emotionen spürbar, zeigt Ängste und Verlustschmerzen und bringt gleichzeitig den Lebensalltag der Menschen klar umrissen aufs Papier. Auch wenn manche Schilderungen etwas in die Länge gezogen wirken oder auf den ersten Blick als Füllmaterial erscheinen, alle diese Vorgänge bringen insgesamt ein gesamtes Bild zustande, das man auf sich wirken lassen muss.

Unter welchen Bedingungen haben die Frauen damals in Hamburg gelebt? Auf was haben sie alles verzichtet und wie konnten sie Stärke beweisen in dieser schwierigen Zeit?



Berührender Roman, dessen realistische Darstellung vor weiteren Kriegen als Mahnung dienen sollte. Für dieses Buch möchte ich eine Leseempfehlung aussprechen.

Bewertung vom 18.03.2019
Dress like a Parisian
Guinut, Aloïs

Dress like a Parisian


sehr gut

Was ist wirklich dran am französischen, speziell dem Pariser Chic?
Aloïs Guinut kommt nicht nur aus Paris, sie hat am Français de la Mode studiert und arbeitet als Stylecoach in der Modebranche und kennt sich mit passender und zugleich eleganter Kleidung aus. Ihrer Meinung nach trägt die Pariser Frau einen Style, der sich vom Mainstream der üblichen Kleiderketten abhebt. Es ist neben dem perfekten Outfit speziell die »attitude«, die Haltung der Frauen, die sie stilvoll wirken lässt. Befolgt man die Tipps aus diesem Buch soll man sich dieser Haltung annähern können.

Schauen wir mal rein.

Zu Beginn beschreibt die Autorin die charakteristischen Modekennzeichen der Französinnen: von lässiger Nonchalance, totaler Eleganz über dezente Sinnlichkeit, geht es mit Spaß an Mode und Trends zu individuellem Style durch besondere freigeistige Regelbrüche.

In den nachfolgenden Kapiteln gibt es praktische Beispielen zu Farben, Mustern, Stoffen, Silhouette und Schnitt und geht dann über zu Wissen über nützliche Basics und die Wirkung von Accessoires. Die Infos über Schuhe, Tücher und Gürtel führen schliesslich neben Grundwissen über Styles, Make-up und Basics fürs Büro zur eigentlichen Typberatung. Von eigenen Jeanskäufen weiß jede Frau, nicht jede Jeansform eignet sich für (fast) alle Figurentypen. Soweit, informiert endet das Buch mit den speziellen Geheimnissen der Pariserinnen.

Die einzelnen Themenbereiche werden durch kurze Texte und besondere mit roten Punkten gezeichnete Erklärungen erläutert, dazu dienen bunte Illustrationen oder Fotos als beschreibendes Anschauungsmaterial.

Neben diversen Vorschlägen und ganz wichtigen "Do not"- Ratschlägen, lässt die Autorin auch ihre persönlichen Styletipps ins Buch einfließen. Außerdem sorgen diverse Interviews und Vorstellungen verschiedener Frauen aus der Modebranche für vielseitige Ansichten. Mir ist keine dieser Frauen bekannt und auch zeigen sie alle ein bestimmtes Körpermaß, auffällig ist: Übergrößen werden in diesem Buch mit keinem Wort erwähnt.

Die Französin kleidet sich nicht aufreißerisch bunt, doch sie setzt Akzente mit Farbe.
Sie ist keine aufgedonnerte Frau mit Komplett-Glitzeroutfit samt extrem Make-up. Sie trägt keine quietschbunten langen Nagelkrallen oder aufreizende Kleidchen. Sie trägt einen Understatement-Stil, der durch seine zeitlose Zurückhaltung auffällt. Weniger ist manchmal mehr.

Was man mit diesem Wissen macht, bleibt jedem selbst überlassen. Es ist kein Buch zum Durchlesen und schon hat man ein bestimmtes Stilbewusstsein drauf - hier kommt es auf verschiedene Bereiche an und auf die eigene Vorstellung von seinem eigenen Erscheinungsbild.

Man kann sich immer mal wieder in einem Kapitel Tipps erlesen, so gesehen ist das Buch ein bunter Ratgeber mit Nachschlagecharakter.

Was ich aus diesem Buch mitgenommen habe:
- Schlichte Zurückhaltung wird kombiniert mit auffallenden Accessoires.

- Bestimmte Basics geben Trägerinnen Stil und minimieren das langwierige Auswählen von Outfits.

- Stilempfinden kann man nicht von jeder Frau erwarten, doch mit bestimmten Tricks kann sich jede Frau im Rahmen ihrer körperlichen und finanziellen Möglichkeiten chic und perfekt abgestimmt auf ihren Typ kleiden.

- Zuviel ist nie gut, dann lieber elegant und zeitlos, als jeden Modetrend mitmachen.
- Die Farbwahl ist meines Erachtens sehr individuell, doch man findet Ratschläge, die man bei einem öffentlichen Auftritt durchaus beachten sollte.


Dieser Style-Guide erklärt sehr anschaulich den französischen Chic und gibt der Leserin für sich und ihren Figur- und Farbtyp die besten Ratschläge für individuelles Styling.

Bewertung vom 17.03.2019
Mörderhaus
Savage, Vanessa

Mörderhaus


sehr gut

Patrick verwirklicht seinen lang gehegten Traum und kauft für seine Familie das Haus in Wales, in dem er aufgewachsenen ist. Er beschreibt es als heimelig und malerisch gelegen. In Wahrheit ist es eher feucht, kalt und baufällig, denn seit dort ein Mann seine Familie ermordet hat, stand es leer. Von diesen Hintergründen erzählt er seiner Frau Sarah und den Kindern Mia und Joe nichts.

Diese Geschichte scheint immer noch im Haus zu stecken, denn Sarah fühlt sich beobachtet und bemerkt bei Patrick eine zunehmende Veränderung im Wesen.


Titel und Cover haben hier mein Interesse geweckt und die dem Buch vorangestellte Schlagzeile machte mich neugierig.
Schnell entdeckt man, dass hinter der scheinbar perfekten Fassade dieser Familie nicht alles in Ordnung ist. Sie ziehen in ein Haus, indem sich eine schreckliche Tragödie abgespielt hat. Dieses Unglück scheint im Haus weiter umzugehen, das fühlt Sarah. Sie wird von einem Fremden beobachtet, es erfolgen stumme Anrufe und anonyme Geschenke. Außerdem wird ihr Mann Patrick immer merkwürdiger. Allmählich erfährt Sarah von der Geschichte des Hauses, manche Dinge, die sie wahrnimmt, scheinen aber auch ihren Träumen unter dem Einfluss von Tabletten herzurühren.


Dieser Thriller lebt von seiner Story und den leisen, subtilen Gruseltönen. Die Autorin hat einen intensiven und Angst aufbauenden Schreibstil, der sich gut lesen lässt, der mich mitgezogen und beeindruckt hat. Auch wenn der Erzählstil eher ruhig und romanähnlich wirkt, so sorgt gerade das Unaufdringliche für eine lauernde Gefahr, es geschehen Wendungen, die man nicht richtig einschätzen kann und die daher bedrohlich wirken. Was ist wahr und wer ist böse, wem kann man in dieser Geschichte trauen?

Es gibt jedoch auch einige erzählerische Längen, so schenkt die Autorin einzelnen Vorgängen des Alltagslebens und auch der Renovierung viel Beachtung, die meiner Meinung nach nicht nötig gewesen wäre.

Das Setting ist perfekt gewählt, die gruselige Atmosphäre liegt über der Handlung wie ein düsterer Schleier, der alles vernebelt.


Die Charaktere sind undurchsichtig, haben eigenartige Verhaltensweise und sind für mich irgendwie nicht zu greifen, ich habe von ihnen kein klares Bild vor Augen gehabt. Das hat mich etwas gestört, ist aber für Thriller durchaus der übliche Fall und sorgt für Ungewissheit und Spannung.

Hier war bei den Figuren jedoch zu viel unnormales Verhalten an der Tagesordnung. Sarah hat psychische Probleme, Mia glaubt an übersinnliche Erscheinungen, Patrick ist besessen von diesem Haus und Joe ist ein dünnhäutiges Sensibelchen.
Auch die Nebenfiguren werfen ein undurchsichtiges Bild auf das Geschehen.

Die Handlung enthüllt immer mehr Lügen und Geheimnisse der Figuren und nach und nach werden immer mehr Hintergründe aufgedeckt.


"Das Mörderhaus" ist ein Thriller, der erst allmählich Fahrt aufnimmt, unblutig und doch nervenaufreibend erzählt wird.

Bewertung vom 16.03.2019
Einfach phänomenal
Natural History Museum

Einfach phänomenal


ausgezeichnet

Dieser Bildband zeigt Aufnahmen namhafter Tierfotografen, die mit ihren Bildern unglaubliche, brillante Porträts abgelichtet haben, die die Tiere in ihrer Einzigartigkeit und Individualität sichtbar macht. Manche Fotos gleichen Gemälden, andere sind so gestochen scharf, dass man jedes einzelne Haar des Tieres erkennen kann. Alle zeigen spezielle Eigenarten, Ansichten oder Bewegungen der Tiere, die auch die natürlichen Lebensräume abbilden.

Beim Betrachten dieser Porträts musste ich mir mehrfach die Perspektive oder die besondere Situation vor Augen halten, die genau im Moment des Auslösens stattgefunden haben muss. Manche Bilder sind einzigartisch schön, bei anderen faszinieren mich die ausdrucksstarken Tiergesichter und andere wirken aufgrund ihrer Farbgebung als künstlerisches Gesamtkonzept. Es erstaunt mich immer wieder, wie die Natur so viele schöne Anblicke zaubert und wie Fotografen in stundenlanger Arbeit für genau diesen Moment ausharren und dann ein unvergleichliches Foto zustande bringen.

Als Beispiel möchte ich das Foto mit der Überschrift "Blitztaucher" heranziehen. Ein farbprächtiger Eisvogel spiegelt sich beim Eintauchen in der glatten Wasseroberfläche, als sein Schnabel die Wasseroberfläche durchbricht. Nur Millisekunden später hätte man den Vogel nicht mehr gesehen, sondern nur das aufgeschäumte Wasser. Wie gelingen solche Fotos?

Im zugehörigen Text erfährt man, dass der Fotograf Mario Cea für diesen scheinbar wie zufällig wirkenden Schnappschuss 6 Monate und über 5000 Versuche gebraucht hat, um hier eine perfekte Abstimmung von Lichtverhältnissen, Eintauchwinkel des Schnabels und Haltung des Vogels und eine spiegelglatte Wasseroberfläche vorzufinden. Das zeugt von großer Ausdauer, viel Arbeit und vielen Fehlversuchen und umso mehr begeistern mich deshalb diese Fotos.


Es ist auch großartig und erstaunlich, wie man anhand der Bilder vermeintliche Emotionen von Tieren oder auch ihr unvergleichliches Verhalten erkennen und bewundern kann. Da ist der riesige Pottwalbulle, der den Taucher aus nächster Nähe beäugt, da beschnuppert, ja streichelt eine Giraffenmutter ihr neugeborenes Kalb und ein paar Makaken sitzen in Gibraltar scheinbar trauernd vor einem Schild eines verstorbenen Artgenossen.

Manche Emotionen schreiben wir den Tieren aus unserer menschlichen Sichtweise zu, doch man kann es sich gut vorstellen, dass Tiere wirklich Gefühle haben.

Das Betrachten der Fotos verursacht nicht immer nur positive Empfindungen, es gibt auch Aufnahmen von ölverschmutzen Braunpelikanen, die gegen die Ölpest mahnen und an unser Umweltbewusstsein appellieren.


Mit diesem wunderschönen Bildband macht man jedem Tierfreund und Hobbyfotografen eine große Freude. Die grandiosen Portraits sind Zeugen unserer Tier- und Lebenswelt.

Bewertung vom 15.03.2019
Das Honigmädchen
Winter, Claudia

Das Honigmädchen


ausgezeichnet

Camilla kümmert sich im Feinkost-Betrieb ihres Vaters um die finanziellen Belange und versucht, den Umsatz zu steigern. Dabei stösst sie auf ein unlukratives Geschäft mit einem Honiglieferanten in der Provence, ein gewisser Henri Lambert. Sie schlägt ihrem Vater vor, die Geschäftsbeziehungen zu beenden. Der lässt sich nicht erweichen, stattdessen schickt er Camilla und ihre rebellische Tochter Marie in den Ferien auf eine Reise in genau diese Honigmanufaktur im französischen Dörfchen Loursacq. Zunächst weigert sich Marie partout, sie ist erst willig, als Nachbar Tobias, den Marie sehr mag, sie begleiten will. Auch wenn Camilla Tobias eher nervig findet, gibt sie nach und so reisen sie gemeinsam und entdecken in der Provence nicht nur Lavendelfelder, Bienen und ungestörte Natur, sondern auch die Liebe.


"Honigduft: "Ein Geruch, der perfekt zu der zufriedenen Trägheit eines Spätsommertags passt, an dem man einen Blumenkranz für einen lieben Menschen flocht, den man liebte." Zitat Seite 53


Claudia Winters Romane lassen immer wieder in schöne, emotionale Geschichten eintauchen. Dieses Mal führt sie uns in die Provence und lässt uns das Gesumme der Bienen hören und den einzigartigen Lavendelduft riechen.

Manche Bücher liebt man von Anfang an, so war es auch hier. Kaum war ich in die Geschichte eingetaucht, schon hat sie mich komplett ergriffen und erst am Ende wieder losgelassen. Daran ist auf alle Fälle der schöne, einnehmene Erzählstil schuld, den die Autorin so auszeichnet. Doch auch inhaltlich konnte mich das Buch begeistern.

Camilla und ihre pubertäre Tochter haben einige Kämpfe auszufechten, Marie vernachlässigt die Schule und muss das Jahr wiederholen. Sie gibt ihrer Mutter die Schuld an der Trennung von ihrem Vater. Camilla möchte Marie nicht über die wahren Gründe für die Trennung aufklären, so bleibt ihr Verhältnis schwierig. Erst auf dieser Reise kommen sich die beiden näher, was auch ein Verdienst von Nachbar Tobias ist. Er rät stets zu Geduld und mehr Verständnis füreinander und Camilla entdeckt, welche Fähigkeiten in ihrer Tochter stecken.

Das Verhältnis von Mutter und Tochter ist sehr lebendig und gleichzeitig auch realistisch dargestellt. Man merkt, wie sie aneinander vorbeireden und erst mit etwas Abstand vom Alltag in der Provence wieder zueinander finden. Mit dem alten Henri fühlen sich Camilla und Marie sehr vertraut und ihm ist es auch zu verdanken, dass sie sich wieder zusammenraufen.

Doch auch in diesem Roman geht es nicht ohne Drama und feindliche Gefühle zu, sie sind sozusagen das Salz in der "Honigsuppe". Unter den Nachbarn in Loursacq gibt es seit längerer Zeit Streit, der die Menschen vergiftet. Das lässt die Emotionen bei einigen Buchfiguren hochkochen.

Nebenbei entspinnen sich wunderschöne Liebesgeschichten, die man gerne mitverfolgt und die sich überhaupt nicht seicht lesen. Mehr möchte ich hier nicht verraten.


Das Setting ist in diesem Fall eine zauberhafte Kulisse, die das besondere Flair der Provence deutlich macht. Mit der inhaltlichen Verbindung mit der Honigmanufaktur lernt man einige Fakten und Besonderheiten über Bienenverhalten und Imkerei kennen. Die Sorten aus dieser Gegend: Mandelhonig, Mispelhonig, Süßkleehonig, sowie Rosmarin- und Kastanienhonig würde man alle gern sofort verkosten und die erwähnten Gerichte natürlich ebenfalls. Ein paar Rezepte sind übrigens beigefügt.

In diesem Buch entsteht eine familiäre Atmosphäre, die für Wohlfühlstimmung sorgt und ganz nebenbei Einblicke in französische Lebensart und Imkerei gewährt.


Ein berührender Roman über das Leben in der Provence, über Familie, die Liebe und die nützlichsten Tiere der Welt, die Bienen. Für vergnügliche Lesestunden und mit französischem Flair das richtige Buch zum Entspannen und Wohlfühlen.

Bewertung vom 15.03.2019
Mord im Piemont
Kunkel, Gabriele

Mord im Piemont


ausgezeichnet

Südpiemont: Sina ist Deutsche mit südländischem Blut und arbeitet als Foodscout für einen Feinkostladen. Pünktlich zur Trüffelsaison reist sie ins italienische Trüffelmekka Alba, welches als Paradies des weißen Goldes gilt. Doch im Trüffelgeschäft herrscht nach einem langen und sehr heißen Sommer Flaute. Als ein Toter gefunden wird, befindet sich Sina mitten unter den Verdächtigen. Gibt es einen Zusammenhang mit diesen kostbaren Trüffeln?


Das Wein- und Trüffelstädtchen Alba im Piemont ist der Schauplatz dieser genussvoll erzählten aufregenden Geschichte.

Sinistra Cassotto, kurz Sina genannt ist eine aufgeweckte junge Frau. Wir begleiten sie auf ihrer Reise als Foodscout durch das wunderschöne Piemont und entdecken wunderschöne Schauplätze, dörfliche Restaurants und erleben beschauliche Szenen beim Kochen, Essen und auf den Märkten. Hier scheint sich alles nur um die Trüffel zu drehen.

Dabei kann man die kulinarischen Genüsse als Leser als appetitanregende Kochanweisungen wunderbar genießen. Ob Gnocci, Pane al tartufo, Vitello tonnato oder Tajarin con burro e tartufi, überall kommen Trüffel hinzu und beim Lesen läuft einem schon einmal das Wasser im Munde zusammen.

Es ist interessant zu sehen, wie die kostbaren Alba-Trüffel gehandelt und verarbeitet werden. Doch sie ziehen auch Kriminelle aus Osteuropa an, denn die Preise für ein Kilo Trüffel sind horrend hoch.


Info:

Die weiße Alba Trüffel ist die Königin aller Trüffelarten, sie gehört zu den kostbarsten Lebensmitteln der Welt. Zur Zeit bezahlt man für 50 g circa 160 Euro. Sie haben ein Aroma, welches intensiv nach Knoblauch, Schalotten und Weichkäse riecht.


Als Sinas alter Lancia verschwindet, macht sie sich auf die Suche. Mit ihren Alleingängen sorgt Sina für unterhaltsame Spannung in der Handlung, sie besucht die Verkäufer der begehrten Trüffel und zeigt sich ihnen mit ihrem Bargeld, wie eine Motte dem Licht. Sie ist mutig und folgt ihrem Bauchgefühl für die kriminellen Vorgänge und scheut keine Gefahr. Dabei ist mit den Gegnern nicht zu spaßen und Falcone ermahnt sie mehrmals, sich nicht in die Ermittlungen einzumischen. Doch Sina ist in dieser Hinsicht ein Sturschädel.



Gabriele Kunkel liebt das Piemont und aus dieser Begeisterung für Land und Leute ist nun ihr erster kulinarischer Krimi entstanden.

"Ein Krimi, der nach weißem Trüffel duftet und nach blutrotem Barolo schmeckt."


Während man den Krimifall eher nebensächlich, aber dennoch interessant erlebt, kann man mit auch kulinarisch wunderbar in dieses Buch eintauchen. Hier wird gekocht, gegessen und getrunken und mit vollen Sinnen genossen. Mir haben die Helden Sina und der männliche Commissario Falcone gleichermaßen gut gefallen, aber auch die anderen Charaktere sind lebendig beschrieben. Da gibt es eigenwillige Trüffelhändler, sympathische Frauen, die gerne kochen und maffiöse Typen, denen man lieber aus dem Weg geht.

Wer sich auf eine bevorstehende Reise ins Piemont mit einer stimmungsvollen Geschichte einstimmen möchte, der sollte diesen kulinarischen Krimi lesen. Auch für Krimi- und Trüffelfreunde ein absoluter Lesegenuß mit einer leicht knoblauchhaltigen Note!

Bewertung vom 14.03.2019
Spanischer Totentanz / Barcelona-Krimi Bd.2
Ferrera, Catalina

Spanischer Totentanz / Barcelona-Krimi Bd.2


sehr gut

Nach "Spanische Delikatessen" folgt mit "Spanischer Totentanz" nun der zweite Teil der Barcelona-Krimireihe von Catalina Ferrera, Pseudonym von Eva Siegmund. Die Reihe erscheint im Droemer Knaur Verlag.


Der ehemalige Berliner Kommissar Karl Lindberg arbeitet nun als Sergent gemeinsam mit seinem katalanischen Schwager Comisario Alex Diaz bei der Mossos d`Esquadra. Der aktuelle Mordfall ist etwas delikat, denn der erzkonservative Politiker Fernando Bunyol wurde auf dem riesigen Friedhof Cementiri de montjuïc in Barcelona ermordet. Ein weiterer Leichenfund auf dem Friedhof vesetzt die abergläubische Bevölkerung in Angst und Schrecken. Offiziell wird der Täter sogar als "Teufel" betitelt.


Vom ersten Band dieser Barcelona-Reihe war ich sehr begeistert und wartete gespannt auf die weiteren Abenteuer von Karl Lindberg, dem Deutschen mit irischen Wurzeln, der mit seiner zweiten Frau Alba nun noch einmal Papa wird und inzwischen bei der Mossos arbeitet.


Lebendig und äußerst anschaulich versprüht die Autorin in ihrem Krimi reichlich Lokalkolorit und macht damit Lust auf eine Reise nach Barcelona. Natürlich dürfen auch die köstlichen Tapas nicht fehlen und daher gibt es erneut im Anhang einige Rezepte.

Doch anders als bisher geht es nicht so sehr um die quirlige Stadt, Schauplatz dieses Krimis ist der riesige Friedhof Cementiri de montjuïc, wo neben etlichen Gräber auch illegale Partys stattfinden und andere ungebührliche Vergnügungen.


Die Ermittler haben nicht nur den verschiedenen Fährten im Fall Bunyol nachzugehen, auch das Verschwinden ihrer Kollegin Marla sorgt für zusätzliche Spannung. Verfolgt sie eigene Spuren oder hat sie etwas zu verbergen? Die Handlungsfülle und spannende Verdächtigungen lassen den Krimi nicht langweilig werden und fesseln bis zum Ende.

Für die unterhaltsame Note sorgen die humorvollen Dialoge und die privaten Entwicklungen der Figuren. Mit dem morbiden Charme der Friedhofsatmosphäre versprüht dieser Krimi etwas mystisch, gruseliges Flair.


Die Fortsetzung der Krimi-Reihe hat mir gut gefallen, durch das gruselige Setting des Friedhofs erlebt man Barcelona-Ansichten mal ganz anders.

Bewertung vom 12.03.2019
Lavendel-Tod / Lavendel-Morde Bd.1
Bernard, Carine

Lavendel-Tod / Lavendel-Morde Bd.1


sehr gut

Der Provence-Krimi "Lavendeltod" von Carine Bernard ist die überarbeitete Neuausgabe des bereits unter dem Titel »Der Lavendel-Coup« erschienenen Werkes der Autorin. Dieser erste Band der Reihe "Die Lavendel-Morde" erscheint am 1.2.2019 im Knaur Verlag.


Carine Bernard hat ein Faible für Frankreich und erkundet Land und Leute am liebsten mit dem Campingbus. In diesem Krimi nimmt sie ihre Leser mit in die Provence und zeigt malerische Dörfer und die vorzügliche Küche.

Die junge EU-Ermittlerin Molly Preston ermittelt im Bereich der Wirtschaftskriminalität gegen den Bankier Claude du Fondettes. Dieser sorgt als Gönner für die Restaurierung einer kleinen Dorfkapelle, wo Molly in einem Undercovereinsatz arbeitet, indem sie als Kunststudentin Marie Bonnieux auftritt. Unter den Farbschichten entdeckt sie in der Dorfkapelle rätselhafte Zeichen, die sich als Gaunerzinken entpuppen. Diese bringen sie auf die Spur zu einem 100 Jahre zurückliegenden Banküberfall, der Täter wurde auf der Flucht erschossen, von den erbeuteten Goldmünzen fehlt bisher jede Spur.

Mithilfe ihres Kollegen Charles gelingt ihr die Entschlüsselung der Zinken. Doch kurz darauf findet man die Leiche eines Mitarbeiters des Restaurierungstrupps, hat er ebenfalls nach dem Schatz gesucht?

Molly Preston eine sympathische junge Ermittlerin, die über besondere Agentenfähigkeiten verfügt. Mit ihr befindet man nicht auf einer geheimnisvollen Schnitzeljagd mit, man erlebt auch den Sommer in der Provence hautnah und sehr atmosphärisch und bekommt automatisch Urlaubsgefühle.

Die Krimihandlung ist raffiniert und spannend aufgezogen, denn Molly hat nicht nur einen gefährlichen Kontrahenten zu fürchten, sie wird auch auf Schritt und Tritt verfolgt. Dabei hat sie einige brenzlige Situationen zu bewältigen und scheut sich auch nicht vor gewagten Manövern. Die Gefahr ist spürbar genau beschrieben und die Schatzsuche gestaltet sich recht raffiniert.

Carine Bernard erweckt mit ihren atmosphärischen Schilderungen von Land und Leuten wunderbare Urlaubsgefühle und zeigt immer wieder Gerichte der regionalen Küche, die sehr verlockend klingen.

Die Verknüpfung von aktuellem Fall und dem zurückliegenden Bankraub wird gut erklärt, mir hatte die junge Agentin aber um ehrlich zu sein manchmal zuviel 007-Qualitäten.


"Der Lavendel-Tod" ist durch die perfekte Provence-Atmosphäre ein echter Urlaubskrimi, bei dem man sich auch gern auf die Suche nach dem Schatz mitnehmen lässt. Sehr schön geschriebener Unterhaltungskrimi für Frankreichfans.

Bewertung vom 09.03.2019
Rückwärtswalzer
Kaiser, Vea

Rückwärtswalzer


sehr gut

Nach dem Tod von Onkel Willi steht die Familie Prischinger vor der kostspieligen und daher schwierigen Aufgabe, ihm seinen letzten Willen zu erfüllen. Um die Kosten für die teure Leichenüberführung zu sparen, karren sie ihn im privaten Fiat Panda über 1029 Kilometer von Wien in seinen Geburtsort Montenegro. Die Reise bringt einige Überraschungen mit sich, seine Frau und ihre Schwestern verbindet einiges mit Willi.


In "Rückwärtswalzer" begleiten wir die Geschichte der Familie Prischinger über einen Zeitraum von über 50 Jahren. In diesen Roman bin ich ganz positiv gestartet, die Charaktere sind sehr besonders und der routiniert humorvolle und warmherzige Erzählstil lässt sich wunderbar lesen. Man kann sich dieser Sprache nicht entziehen und erfreut sich all der ironischen Bemerkungen und ebenso der atmosphärisch geschilderten Vorkommnisse und Beschreibungen. Die enorme Ausdrucksfähigkeit von Vea Kaiser ist für mich absolut lobenswert.


Mir gefällt auch die Idee hinter der Geschichte, wie man dem toten Willi seinen letzten Willen erfüllt, allerdings kam sie mir leider nicht völlig neu vor. In "Onkel Hassans wundersame Wiederauferstehung in einem alten Mercedes" von Hajar Taddigs wird ebenfalls ein erst lebendiger, später aber toter Onkel in seine türkische Heimat gebracht.

Der aktuelle Erzählstrang zeigt den Roadtrip, besser gesagt, den Leichentransport, der viele skurrile Vorkommnisse mit sich bringt, die man halb belächelt und halb erschrocken wahrnimmt.

Die Geschichte der Schwestern und Willis Vorgeschichte erzählt von der harten Nachkriegszeit im von Russen besetzten Österreich. Dahinter verbergen sich schwere Zeiten und auch Familiengeheimnisse, die nicht jedem erzählt wurden.

Die Schwestern Mirl, Wetti und Hedi lernen wir ausführlich kennen. In jungen Jahren haben sie einen schweren Verlust erlitten und fühlen sich dafür schuldig. Als Chauffeur dient Neffe Lorenz, ein verschuldeter Schauspieler, der sich mit diesem Fahrdienst erkenntlich zeigen muss.

Ich bin den Familienhintergründen und auch der Reise gern gefolgt, wobei mich die Verbindung aller drei Tanten zu Willi sehr interessiert hat. In dieser Familie gibt es Streitigkeiten, Probleme und Irrwege. Echtes Glück und die große Liebe hat das Leben den Tanten nicht unbedingt geschenkt, doch ihr familiärer Zusammenhalt ist ihnen gewiss. Durch die persönlichen Einblicke in die Erlebnisse und Gefühle der Familie wurden sie mir sympathisch und ich wollte ihre Reise bis zum Ende miterleben.

Der tolle Erzählstil lebt von den wunderbaren Vergleichen und Wortspielereien, sie begeistern und verwundern immer wieder. Sie können mich auch über die teilweise langwierigen und spannungsarmen Szenen hinwegtrösten, völlig überzeugen konnte mich dieser Roman aber nicht. Das liegt hauptsächlich an den zitierten antiken Mythen und Riten. Totengeistern wird ein hilfreicher Einfluß zugesprochen, der ein erfolgreiches Weiterleben möglich machen soll. Diese Themen sind mir in Büchern immer suspekt.

Dieser eigenwillige Familienroman hat mich belustigt, berührt, ausführlich unterhalten, mit der Sprache erfreut, dennoch fehlte es mir insgesamt ein wenig an Spannung.