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Gabi S

Bewertungen

Insgesamt 65 Bewertungen
Bewertung vom 05.01.2026
Stern, Anne

Die weiße Nacht


ausgezeichnet

Anne Stern ist promovierte Germanistin und Historikerin, u.a. bekannt durch ihre Reihe "Fräulein Gold" die wie ihr neuster Roman in Berlin spielte.

Nun hat zwei sehr unterschiedliche Charaktere erschaffen: Kriminalkommissar Alfred König, der in seiner Vergangenheit festhängt, geradlinig seinen Job macht. Und Lou eine junge Fotografin, die mit ihrer Leica durch die zerbombte Stadt streift und in den Trümmern auf der Suche nach besonderen Motiven ist.
Die Menschen in der Stadt hungern und im russischen Sektor scheint es besonders schlimm zu sein. Auch Lou versucht auf dem Schwarzmarkt, oder bei Fahrten ins Umland Essen zu besorgen.
Eines Tages entdeckt sie ein tote junge Frau und fotografiert diese.

Bei den Ermittlungen gehen beide am Anfang getrennte Wege, Lou und der große, dünne Kommissar. Im Laufe der Geschichte wird daraus eine Zusammenarbeit, auch nachdem die Fotos von der Leiche aus der Ruine der Polizei abhandengekommen sind.

Der Schreibstil gefällt mir, die Nachkriegszeit mit all ihren Nöten, neuen Emporkömmlingen und vertuschten Gräueltaten wird sehr spürbar geschildert.
Bin schon sehr gespannt was das Neue Jahr am Chamissoplatz für Lou und Alfred und all die anderen "Gestrandeten" bereithält
Sehr gelungener Auftakt einer neuen Reihe

Bewertung vom 05.01.2026
Illies, Florian

Wenn die Sonne untergeht


ausgezeichnet

Sommer 1933 französische Mittelmeerküste, Sanary ein kleiner beschaulicher Ort
Florian Illies beschreibt das Leben der Familie Mann in ihren gewählten Fluchtort, in dieser besonderen Zeit.
Tagebucheinträge und Briefe der Familie hat er zusammengetragen und daraus ein Sachbuch par excellence erschaffen, oder vielmehr auch einen sehr lesenswerten Familienroman.
Mir waren bereits viele Details über die Familie Mann bekannt, aber sie so "beobachten" zu dürfen in all ihrer Zerrissenheit, unerfüllten Erwartungen und Verletzlichkeit war großes Kino.
Am Ende des Sommers verlässt Familie Mann Sanary und emigriert in die Schweiz.
Am Ende des Buches schildert der Autor den weiteren Werdegang der einzelnen Protagonisten.
Das Buch weckt die Neugier noch mehr in die Geschichte der Familie Mann einzutauchen und die in dieser Zeit entstandenen Werke, bekommen eine ganz neue Tiefe.
Fazit: Absolut Lesenswert - nicht nur für Thomas Mann Fans
Cover: schön gestaltet, Leichtigkeit und Eleganz, während anderswo dunkle Zeiten anbrechen

Bewertung vom 16.12.2025
Schäfer, Stephan

Jetzt gerade ist alles gut


sehr gut

Die Geschichte die Stephan Schäfer erzählt ist so "Alltäglich" - könnte jeden treffen. Ein kleiner Unfall, eine harmlose Verletzung, die im ersten Moment nicht einmal Beachtung findet. Einige Tage später ... die Verletzung hat sich zu einer lebensbedrohlichen Situation entwickelt. Der namenlose Protagonist übersteht nur knapp eine Sepsis.
Fortan hat einer einen neuen, wacheren Blick auf das Leben.
Der Roman schildert sehr schön was zählt und wieso wir es oftmals im Alltagstrott nicht schaffen das Schöne um uns herum zu sehen.
Das schmerzhafte Begreifen der eigenen Endlichkeit kann durchaus heilsam sein.
Die Schilderung alltäglicher Momente und wie man das kleine Glück genießen kann ist dem Autor sehr gut gelungen.
Fazit: ein sehr lesenswertes Buch, das die Botschaft "genieße den Augenblick" überzeugend vermittelt. Die Denkanstöße nicht rein sachlich, sondern leise und berührend

Bewertung vom 20.08.2025
Foenkinos, David

Das glückliche Leben


sehr gut

Eric jahrelang bei Decathlon beschäftigt, wagt einen Neuanfang. Eine ehemaligen Mitschülerin Amelie bietet ihn einen Posten in ihrem Ministerium an.
Er, der unter Flugangst leidet, reist gemeinsam mit ihr nach Seoul um dort die wirtschaftliche Interessen Frankreichs zu vertreten. Doch diese Tätigkeit macht ihn nicht glücklich, er hinterfragt alles - und empfindet sein Leben als sinnlos.
In dieser Verfassung streift er durch Seoul und entdeckt dabei "Happy Live",
ein Unternehmen, das die Möglichkeit bietet, die eigene Beerdigung zu erleben. Die Erfahrung dabei, verändert sein Leben grundsätzlich
Wieder in Frankreich angekommen, versucht er nun selbst sein Leben in neue Bahnen zu lenken und es auf die Reihe zu bekommen. Er gründet "Lycoris radiata" was rote Spinnenlilie bedeutet, und importiert die Geschäftsidee von Happy Life.

Das alles liest sich sehr flüssig, die Gedankengänge und Überlegungen nachvollziehbar. Philosophisch, aber auch ein wenig absurd das Ganze. Der Schreibstil sehr angenehm, das eigene Leben zu überdenken und erhellende Schlüsse zu ziehen, der Impuls kommt definitiv beim Lesen.

Bewertung vom 28.07.2025
Szántó, Henrik

Treppe aus Papier


ausgezeichnet

Das sehr schön gestaltete Cover hat mich direkt angesprochen. Der Gedanke, einmal einem Haus zuhören zu dürfen, wenn dieses über Vergangenes spricht, sehr reizvoll
Voller Wärme und Intensität beschreibt Henrik Szanto, die Gedankenwelt eines alten Wohnhauses. Sein Schreibstil eindringlich und lebendig. Zurzeit leben 16 Personen in dem alten Mietshaus, eine von ihnen ist die 15jährige Nele und die 90 jährige Irma Thon aus dem ersten Stock, die fast ihr ganzes Leben hier wohnt.
Das Haus springt gedanklich oftmals in die Vergangenheit und erzählt von den damaligen Mietern und deren freudigen, aber auch meist sehr traurigen Geschichten.
Nele hat demnächst eine Geschichtsklausur über die Gründung der BRD. Irma erzählt ihr vieles von dieser Zeit und wird dabei selbst schmerzlich an lang Verschüttetes erinnert.
Geschichte wird dabei lebendig und durch diese Perspektive so greifbar - ein Buch das zum Nachdenken anregt, gerne hätte ich dem Haus noch länger "zugehört"
Fazit: ein sehr besonderes Buch, sehr lesenswert

Bewertung vom 30.06.2025
Myers, Benjamin

Strandgut


sehr gut

Der 70jährige Earlon "Bucky" Bronco erhält eine Einladung an die Küste von England um dort auf einen Soulfestival aufzutreten. Er hat Amerika noch nie verlassen und nun macht er sich auf die Reise in das 6150 km entfernte Scarborough. Seit dem Tod seiner geliebten Frau Maybell, die in Halt im Leben bot, fühlt er sich "gealtert und geschrumpft" seine Schmerzen betäubt er mit starken Medikamente. "Die Trauer saß wie ein festes Objekt in ihm"
Dort trifft er auf Dinah, sie seit Jahrzehnten sein glühendster Fan ist. Für mich die Hauptfigur des Romans. Die Mitte 50jährige Dinah ist mit Russell verheiratet "sie ist mit ihm geschlagen, unter seiner Last ächzend, an eine gemeinsame Vergangenheit gekettet". Ihr 26 jähriger Sohn Leen lebt immer noch zu Hause schläft tagsüber in seinen Zimmer und Nachts "verschwindet er in den "Wurmlöcher des Internets" Zockt dort stundenlang mit seiner Verlobten Ning, die er noch nie persönlich getroffen hat, da diese auf den Philippinen lebt.
Bucky hat im Flugzeug seine Tabletten vergessen, die es ihm ermöglichen den Alltag zu meistern. Er ist auf kalten Entzug und Dinah versucht ihn beizustehen und ihn für seinen Auftritt fit zu machen.
Zwei Menschen, die vom Leben nicht mehr viel erwarten, kämpfen sich gemeinsam zurück und wagen es neue Wege zu gehen. "Eins im Leben ist sicher, es schafft es immer wieder, dich zu überraschen"
Das Cover, die ruhige Nordsee bei Sonnenaufgang, gut gewählt,
Ein berührender Roman, über das Leben und die Liebe

Bewertung vom 06.06.2025
Whyte, Nicola

Marchfield Square


ausgezeichnet

Cosy Crime, in den letzten Jahren sehr populär geworden - seit ich den DonnerstagsMordclub" entdeckt habe, bin auch Fan dieses Genre.
Inzwischen gibt es unzählige neue Formate, mal gut, mal weniger gut, und so war ich sehr gespannt auf Nicola Whytes "Marchfield Square" und bin absolut begeistert.
Es ist ihr gelungen, einen sehr unterhaltsamen, aber auch gleichzeitig sehr spannenden Krimi zu schreiben. Immer wieder Wendungen, Spuren und Verdachtsmomente, die sich dann nach kurzer Zeit als falsch erwiesen.
Das sehr außergewöhnliche Ermittlerteam alle im Marchfield Square wohnhaft, sehr unterschiedlich und sehr fein skizziert.
Celeste van Duren und ihr Butler Dixon sind beide etwas neugierig und an den Mietern in der Umgebung interessiert.
Als eines Tages Richard Glead tot in der Küche liegt, wird die resolute ältere Dame tätig. Wie sich später herausstellt , war es eher ein Wunder, das er solange unermordet blieb. Sie stellt eigene Nachforschungen an, Audrey und Lewis werden zu Ermittlungszwecken hinzugezogen.
Die Putzfrau Audrey und der stille Schriftsteller Lewis werden im Laufe der Geschichte überraschenderweise zu einen guten Team.
Die kurzen Kapitel werden aus unterschiedlicher Sicht erzählt mal von Celeste, dann Audrey und Lewis. Im Laufe der Geschichte werden kleinere und größere Geheimisse aufgedeckt, die Reihe der Verdächtigen immer größer.
All dies ist flott und witzig geschrieben, die teilweise skurrilen Charaktere führten mich auf so manche falsche Spur.
Die Auflösung des Falls blieb bis zum Ende spannend.

Hoffe auf weitere spannende Abenteuer

Das schön gestaltete Cover, die Zeichnung der Wohnanlage in der Umschlagseite mit Namen der Mieter fand ich gut.
Die besondere Haptik des Buches, die gute Schriftgröße ebenfalls besonders erwähnenswert

Fazit
Wer Cosy Crime noch nicht kennt, sollte unbedingt mit diesem Roman beginnen

Bewertung vom 02.06.2025
Berkel, Christian

Sputnik


sehr gut

Christian Berkel gewährt uns in seinen dritten Teil seiner autofiktionale Familiengeschichte weitere Einblicke in sein bewegtes Leben.
Er beginnt von seiner Geburt, oder vielmehr vor seiner Geburt zu erzählen.
Sein Schreibstil flüssig, feinfühlig und klar.
Er beschreibt seine innere Zerrissenheit, seine Gefühle und die Suche nach seiner Identität stehen im Fokus der Handlung.
Seine Eltern unfähig über Gefühle und von ihrer eigenen Vergangenheit zu erzählen, sie können ihn in seiner Jugend und auch später kaum Halt und Orientierung geben. Seine Mutter Jüdin, aus Deutschland geflohen in Frankreich wurde sie später in ein Internierungslager gebracht - davon erzählt sie erst Jahre später. Auch von ihrer Leben in Argentinien und ihr Rückkehr nach 9 Jahren nach Deutschland. Sie findet ihren Mann Otto, der inzwischen aus der sowjetischer Kriegsgefangenschaft heimkehrte und beide bleiben von nun an zusammen.
Sputnik berichtet von seinen schauspielerischen Ambitionen, seinen in jeglicher Hinsicht freien Leben in Frankreich. Gleichzeitig fließen historische Details in die Geschichte ein, die 1960er und 1970er Jahre werden dadurch lebendig.

Eine lohnende Lektüre, tiefe Einblicke in die Gefühlswelt anderer und auch deren Schweigen verständlicher macht.
Das Cover ruhig eine schwarz-weiße Fotografie des jungen Christian Berkel, passend gewählt

Bewertung vom 02.06.2025
Simon, Teresa

Zypressensommer


sehr gut

Wenn Figuren eines Romans, Geschichte lebendig werden lassen, Orte und Geschehnisse vor dem geistigen Auge entstehen, dann bereichert Lesen wieder einmal so sehr.
Julia reist in die Toskana und begibt sich dort auf Spurensuche - ihr kürzlich verstorbener Großvater hinterließ ihr eine Notiz, deshalb plant sie "10 Tage Toskana auf Gianni Contis Spuren".
Die Geschichte spielt in zwei Zeitebenen 1943-1945 und 1998 und wird aus der Sicht von drei Protagonisten erzählt. Gekonnt verwebt die Autorin historische Fakten mit einer sehr stimmigen Familien- und Liebesgeschichte.
Das eher unbekannte Schicksal von den nach Deutschland verschleppten italienischen Soldaten, wie damals Gianni, sogenannte Militärinternierte, die als Zwangsarbeiter unter den grausamsten Umständen arbeiten mussten, viele verloren hierbei ihr Leben, hat mich sehr bewegt.
Und durch Giulia, lerne ich den mutige und kämpferische Einsatz derjenigen, die sich in dieser Zeit der italienischen Resistenza anschlossen, kennen.
Julias Spurensuche, ihre Streifzüge durch die Toskana, mit all deren Sehenswürdigkeiten und malerischen Orte, das leckere Essen dieser heitere Part der Geschichte, weckt die Lust auf Italien und natürlich Pasta und vieles mehr.
Der Schreibstil angenehm leicht und die Figuren lebendig geschildert - das Nachwort fasst die historischen Details zusammen, die Rezepte am Ende des Buches laden zum Nachkochen ein.
Das zarte Cover im Vordergrund eine junge Frau hoffnungsvoll blickend - gefällt mir sehr gut

Bewertung vom 25.05.2025
Kloeble, Christopher

Durch das Raue zu den Sternen


sehr gut

"Per aspera ad astra" beschreibt gut das Leben von Arkadia Fink. Sie ist 13 Jahre alt, musikalisch hochbegabt und sehr zielstrebig. Ihr größter Wunsch ist es auf der Bühne zu stehen und zu singen. Niemand kann sie aufhalten dieses Ziel zu erreichen. Sie erhofft sich, dass dann ihre verschwundene Mutter wieder zu ihr zurückkehren würde.
Ihr Vater ist ihr meist keine Hilfe, er selbst ist antriebslos und lebensunfähig nach dem Verschwinden seiner Ehefrau.
Arkadia kümmert sich sehr rührend um ihn, gleichzeitig setzt sie alles daran im Knabenchor mitsingen zu dürfen.
Die Geschichte berührt sehr und man möchte der Protagonistin am liebsten beistehen, wenn sie wieder einmal gegen Mauern kämpft.

Bartholomäus aus "Das Museum der Welt" spielte mit Worten, Arkadia nun entführt uns in die Welt der Kompositionen und der Töne.
Der Schreibstil, wie auch das sehr feine und zarte Cover sehr besonders.