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Benutzername: Buchstabenträumerin
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Bewertungen

Insgesamt 164 Bewertungen
Bewertung vom 09.09.2021
Vegane Lieblingskuchen
Borst, Maartje

Vegane Lieblingskuchen


sehr gut

Das Kochbuch „Vegane Lieblingskuchen: Süße und salzige Klassiker, die glücklich machen“ lädt dazu ein, sich mit der veganen Ernährung auseinanderzusetzen. Meine Neugier war auf jeden Fall sofort geweckt, denn gerade beim veganen Backen hatte ich noch viele Fragezeichen. Immerhin sind gerade dort oft Eier, Milch und Butter die Grundzutaten, wie sollen ohne sie Kuchen, Muffins, Quiches, etc. gelingen? Maartje Borst, Autorin und Inhaberin des veganen Cafés „Koffie ende Koeck“ in Amsterdam, zeigt in ihrem Kochbuch, worauf es in der veganen Backstube ankommt und wie sich auch mit pflanzlichen Zutaten Plätzchen, Kuchen und Tartes zaubern lassen.

Zu Beginn erläutert die Maartje Borst, welche Zutaten für die vegane Backstube benötigt werden. Von Fetten über die verschiedenen Arten von Pflanzenmilch bis hin zu Süßungsmitteln und geeignetem Ei-Ersatz, gibt es viele Informationen und Tipps zur Anwendung der pflanzlichen Produkte. Eine super Grundlage, die besonders Einsteiger wie mich abholt. Aber auch diejenigen, die sich bereits vegan ernähren, finden in diesem Buch sicherlich viele neue und interessante Anregungen. Wer zum Beispiel bislang beim Backen zu Hafermilch gegriffen hat, wird vielleicht erstaunt sein, dass Kokosmilch dem Kuchen einen beinahe sahnigen Geschmack gibt. Was mir sehr gefiel war, dass bereits auf diesen ersten Seiten ein Fokus auf Nachhaltigkeit und Regionalität gelegt wurde. So ist Nussmilch laut der Autorin beispielsweise weniger nachhaltig als Hafer- oder Sojamilch.

Weiter geht es mit Basics, wie Butter, Konfitüren, Frischkäse, Pudding und Blätter- bzw. Mürbeteig. Das fand ich ideal, denn gerade bei diesen alltäglichen Dingen kann ich mir oft nur schwer vegane Alternativen vorstellen. Direkt ausprobiert habe ich das Rezept für Vanillepudding, da ich Pudding unendlich gerne esse. Die Zutaten sind einfach und auch die Zubereitung war unkompliziert, die einzelnen Arbeitsschritte waren sehr anschaulich beschrieben. Das Ergebnis konnte mich jedoch nicht so recht überzeugen, der Pudding schmeckte zwar nicht schlecht, aber einfach nicht nach Vanillepudding, obwohl eine ganze Vanilleschote verwendet wird. Hier würde ich sagen: eindeutig Geschmackssache – oder statt Hafermilch, so wie ich es getan habe, Sojamilch ausprobieren.

In den restlichen, umfangreichen Kapiteln präsentiert Maartje Borst Rezepte fürs Frühstück, Plätzchen, Kuchen, Torten, Festliches, Herzhaftes sowie Blechkuchen, Riegel und süße Stückchen. Eine vielseitige Mischung, bei der jeder seine Lieblingsrezepte finden sollte. Mich haben insbesondere der Holländische Frühstückskuchen, das Cinnamon Swirl Bread, die Gewürzplätzchen, Omas Kuchen, die Spinatquiche und die Tomatengalettes angelacht. Der Frühstückskuchen hat auch bereits viel besser geschmeckt als der Pudding. Herrlich würzig und lecker saftig. Zwar musste ich mich wieder an einen etwas anderen Geschmack gewöhnen, doch das ging schnell und das Fazit lautet: Diesen Kuchen wird es öfters geben. Omas Kuchen ist hingegen klarer Favorit, ohne Einschränkung. Ein schlichter, aber köstlicher Kuchen, der an den klassischen Sandkuchen erinnert.

Was mich neben der Vielseitigkeit der Rezepte außerdem für „Vegane Lieblingskuchen“ eingenommen hat, ist die liebevolle Gestaltung. Zwischen klassische Rezeptseiten sind bunte Zeichnungen eingestreut, die dem ganzen Buch einen spielerischen und heimeligen Anstrich verleihen. Ich fühlte mich mit diesem Kochbuch so wohl wie in einem gemütlichen Wohnzimmer. Zudem hat sich die Autorin große Mühe gegeben, die Zubereitungsschritte verständlich zu erklären und vor allem Hilfestellungen bei der Verwendung pflanzlicher Produkte zu leisten. Das minimiert die Hemmschwelle vegan zu backen enorm: Was mir zuvor eher experimentell erschien, ist jetzt verständlich und machbar. Jetzt weiß ich, was eine pflanzliche Zutat bewirkt und wozu sie verwendet werden kann. Ein Kochbuch, zu dem ich noch oft greifen werde, denn sowohl in der Gestaltung als auch inhaltlich, spürt man d

Bewertung vom 23.08.2021
Freundschaft kommt auf leichten Füßen
Clapham, Katie

Freundschaft kommt auf leichten Füßen


sehr gut

„Freundschaft kommt auf leichten Füßen“ von Katie Clapham ist ein frisches und humorvolles Jugendbuch, das von drei Mädchen handelt, die über das Laufen unerwartet zueinander finden. Sie schlagen sich mit typischen Problemen für dieses Alter herum – sind meine Freundinnen eigentlich noch meine Freundinnen, bin ich gut genug, wer bin ich eigentlich und welche Art Mensch möchte ich sein? Das hat mich direkt auf das Buch neugierig gemacht und auch wenn ich anfangs etwas skeptisch war: das Laufen verleiht den Gefühlen und Erlebnissen der Geschichte perfekt Ausdruck. Eine sehr gelungene Kombination.

Der Roman punktete bei mir besonders mit den authentischen und liebenswerten Figuren. Sie haben glaubwürdige Probleme und Sorgen, zu denen man als Leser:in einen Bezug aufbauen kann. Alice möchte Laufen lernen, doch beobachten soll sie dabei niemand, das wäre ihr unangenehm. Schließlich läuft sie nicht so mühelos wie Minnie oder Lena. Also übt sie heimlich, was sowieso niemandem auffällt, da sich ihre Freundinnen immer öfter zu zweit treffen – ohne sie. Lena hingegen läuft, um ihrem Vater, einem Personal Trainer, zu gefallen. Er ist sportlich, treibt sich und seine Tochter zum Training an und Lena möchte ihn nicht durch schlechte Leistungen enttäuschen. Ihre eigenen Gefühle und Wünsche stellt sie dabei hintenan, stattdessen kämpft sie für Ziele, die am Ende gar nicht ihre eigenen sind? Minnies Leistungen sind hingehen immer gut, sie spielt Netball und läuft mit Leichtigkeit allen den Rang ab. Doch als sie sich die Schulter bricht, gerät ihr gesamtes Leben aus den Fugen. Sie beginnt sich zu fragen, ob der Sport überhaupt das ist, was sie wirklich will oder ob sie nur Netball spielt, weil sie eben zufällig gut darin ist.

Bei allen drei Mädchen steht die Suche nach der eigenen Identität im Mittelpunkt. Wer bin ich? Was will ich? Was mag ich? Erst folgen sie Idealen und/oder Zielen, die eigentlich nicht ihren eigenen Wertvorstellungen und Wünschen entsprechen. Später hinterfragen sie Freundschaften, nehmen Abschied von Menschen und Hobbys, finden dafür neue Freunde und widmen sich neuen Interessen. Dieser Prozess, dieses Aufwachen, ist feinfühlig ausgearbeitet. „Freundschaft kommt auf leichten Füßen“ ist außerdem eine starke Geschichte über Freundschaft. Was es bedeutet, Freunde zu sein, sich gegenseitig aufzufangen und zu trösten, zu stärken und zu motivieren. Am Rande geht es auch um die erste Liebe, das Thema drängt sich jedoch nie in den Vordergrund, die Liebe oder Verliebtheit definieren letztendlich nicht, wie die Mädchen denken oder handeln. Dies ist in anderen Jugendbüchern gelegentlich der Fall, hier war ich sehr positiv überrascht, dass dies nicht ansatzweise der Fall ist.

All diese Themen werden durch das Laufen miteinander verbunden. Es steht als Sinnbild für verschiedene Gefühle, ein „Weiter“, ein „Davonlaufen“ aber auch ein „sich eine stille Auszeit nehmen“. Mich hat dieses Bild so sehr überzeugt. Neben dem Inhalt ist auch die Gestaltung toll. Die Geschichte wird im Wechsel aus der Sicht der drei Protagonistinnen erzählt. Jedes Kapitel trägt den Namen der jeweiligen Figur und darunter folgt eine Statusmeldung analog derer in Sozialen Netzwerken oder Chats. Ebenso unterhaltsam sind die Namen der insgesamt sechs Akte, in die „Freundschaft kommt auf leichten Füßen“ unterteilt ist, zum Beispiel „Teil 1: Warm-up“, „Teil 2: Verfolgung“ oder „Teil 5: Höhenflug“. Sie bieten Orientierung und einen Vorgeschmack auf das, was Leser:innen erwartet.

Überhaupt lässt sich der Roman schnell und angenehm lesen, er hat für die Zielgruppe und die Art der Geschichte eine ideale Länge. Auch sprachlich passt hier alles, die Dialoge sind glaubwürdig jugendlich und wenn ab und an ein Wort oder Satz in Versalien geschrieben ist, ist das herrlich stimmig. „ICH. LAUFE!!! […] WIR. LAUFEN!!!“

Bewertung vom 13.07.2021
Mit dir leuchtet der Ozean
Coplin, Lea

Mit dir leuchtet der Ozean


ausgezeichnet

„Mit dir leuchtet der Ozean“ von Lea Coplin war für mich genau der richtige Roman für den Start in den Sommer. Die Geschichte entführt Leser:innen nach Fuerteventura, schenkt einem ein Kribbeln im Bauch, zaubert ein Lächeln ins Gesicht und hat nebenbei auch einen angenehmen Tiefgang. Es geht um Penny und Milo, die einander während der Schulzeit nicht viel zu sagen hatten. Auch ein Partyspiel und ein wahnsinnig toller Kuss in einem Schrank ändern daran nichts, zu sehr belasten beide familiäre Sorgen – bis sie sich drei Jahre und sieben Monate später zufällig als Mitarbeiter im Solana Sunshine Club auf Fuerteventura wiedersehen. Sie suchen Abstand zu ihrem alten Leben, doch kann das gelingen, wenn einen die Vergangenheit und die Erinnerung an einen Kuss einholen?

Penny und Milo haben sich beide verändert, seit sie sich damals im Schrank begegneten. Penny hat ihr Aussehen verändert, Milo sein Wesen. Die Gründe dafür sind durchweg nachvollziehbar. Ich konnte mich sehr gut in die Protagonisten einfühlen und auch der jeweilige Charakter war mir auf Anhieb sympathisch. Penny, so ruhig und zurückhaltend und damit mehr als fehl am Platz in einem Clubhotel, und Milo, augenscheinlich fröhlich und entspannt, doch im Grunde ist das alles nur Show. Denn Penny kennt die Gerüchte, die sich damals um seine Person rankten. Kriminalität, Drogen. Die Erinnerungen wiegen schwer und drohen Milo erneut mit sich zu reißen. Und auch Penny wühlt die Anwesenheit von Milo auf, denn trotz allem fühlt sie sich zu ihm hingezogen. Doch das ist keine gute Idee, denn was, wenn an den Gerüchten etwas wahr ist? Und überhaupt ist da noch Helena, Milos Freundin und Pennys Zimmergenossin…

So entspinnt sich zwischen Milo und Penny vorerst eine zarte Freundschaft. Hier ist es der Autorin wunderbar gelungen, die Gefühle der beiden Protagonisten einzufangen. Die Unsicherheit, die Verbundenheit und auch die aufkeimenden tieferen Gefühle. Wer nun eine Dreiecksgeschichte und verletzendes Verhalten fürchtet, den kann ich zumindest etwas beruhigen. Zwar lässt es sich nicht vermeiden, dass eine Figur verletzt wird, aber die Autorin legte ein Augenmerk auf die Kommunikation zwischen Helena, Penny und Milo. Auch handeln Penny und Milo meist bedacht und rücksichtsvoll. Mir gefiel die Umsetzung sehr gut.

Vielmehr befürchtete ich, dass zu viele Klischees in „Mit dir leuchtet der Ozean“ stecken würden. Ist Penny das unscheinbare Mädchen, dass durch die Liebe über sich hinauswächst? Ist Milo der typische geheimnisvolle und unnahbare Junge mit faszinierenden Augen? Absolut nicht. Das Cover führte mich hier wirklich auf eine falsche Fährte, denn diese Liebesgeschichte ist frei von allzu strapazierten Klischees in diesem Genre und das tat unendlich gut. Die Figuren sind sehr gut ausgearbeitet, wie sie reden, handeln und denken ist herrlich normal und natürlich. Dazu trägt maßgeblich der großartige Schreibstil von Lea Coplin bei. Sie schreibt Dialoge, die echt wirken, und der Roman liest sich lockerleicht weg. Ideal für einen Tag, den man entspannt genießen möchte.

„Mit dir leuchtet der Ozean“ von Lea Coplin ist eine bauchkribbelige und sommergefühlige Liebesgeschichte mit angenehmem Tiefgang. Sympathische Figuren und ein lockerer Schreibstil haben mich absolut überzeugt. Ein Roman wie ein Sommerurlaub, entspannt und einfach schön.

Bewertung vom 30.06.2021
Wie hat Ihnen das Anthropozän bis jetzt gefallen?
Green, John

Wie hat Ihnen das Anthropozän bis jetzt gefallen?


sehr gut

John Green hat mit „Wie hat Ihnen das Anthropozän bis jetzt gefallen?“ sein erstes Sachbuch geschrieben. Darin bewertet er die unterschiedlichsten Dinge auf einer Skala von eins bis fünf, von Kanadawildgänsen bis hin zu Monopoly. Klingt kurios? Das dachte ich zu Beginn auch, doch genau das reizte mich. Und was ich am Ende mit diesem Buch in Händen hielt, war ein Schatz an berückend klugen, nachdenklich stimmenden und vor allem persönlichen Gedanken zu Spielen, Geschäften, Krankheiten, etc, die nur auf den ersten Blick banal sind. Wer also tief genug bohrt, sich genug mit einem Thema beschäftigt, der wird unter Umständen faszinierende Zusammenhänge aufdecken.

Wer John Green kennt, den wird nicht überraschen, dass das Buch als Podcast seinen Anfang nahm. Darin wollte er „einige Widersprüche der menschlichen Existenz, so wie ich sie erlebe“ aufzeigen. Vor allem wollte er „die Widersprüchlichkeit menschlicher Macht verstehen“. Dabei bewegt er sich immer nah an den Themen, die uns heutzutage unter anderem stark beschäftigen. Er beschreibt den Menschen als mächtiges Wesen, das auf so vieles auf der Erde Einfluss nimmt, das aber nicht mächtiger ist als die Natur. Zu spüren bekam John Green dies, als er mit dem Schreiben begann und parallel die Corona-Pandemie ihren Lauf nahm, die unser aller Leben so massiv veränderte. Er analysiert den Einfluss des Menschen auf das Ökosystem („die ökologische Katastrophe“) und er schreibt kritisch über den Klimawandel, äußert eigene Ängste und Sorgen. Dabei deckt er oft geradezu absurde Missstände auf, was ich persönlich sehr faszinierend und gleichzeitig erschreckend fand.

Besonders beeindruckend fand ich darüber hinaus, dass oft die großen existentiellen Gedanken bei der Betrachtung augenscheinlich banaler Dingen zutage kamen. Was haben Klimaanlagen mit Sexismus zu tun? Wie hat das Lebensmittelgeschäft „Piggly Wiggly“ den heutigen Konsum beeinflusst? Warum sind amerikanische Bürger:innen dank CNN stets über alles informiert, aber sie verstehen nie den Kontext? John Green hat eine Art, die Dinge von allen Seiten zu betrachten, dass jede Seite ein Genuss ist. Man fliegt von einem Gedankengang zum nächsten, man folgt dem Autor in die Vergangenheit und lernt unglaublich viel über grünen Rasen, ein Autorennen, das Flüstern und Hotdogs und vieles mehr.

Mit jedem Kapitel zog mich der Autor mehr in seinen Bann. Besonders gefallen hat mir das Gedankenkarussell in „Monopoly“, worin John Green auf den allgegenwärtigen Kapitalismus eingeht. Aber auch „Pest“ und die Zusammenhänge mit sozialer Ungleichheit haben mich betroffen gemacht, ebenso wie die Geschichte hinter dem Foto in „Drei Bauern auf dem Weg zum Tanz“.

„Wie hat Ihnen das Anthropozän bis jetzt gefallen?“ liest sich dabei sehr angenehm. Als Leser:in wird man weder über- noch unterfordert, man merkt, dass John Green geübt darin ist, komplexe Themen auf den Punkt zu bringen und eben auch darin, Dinge zu bewerten. Ein Gedanke, den ich für mich persönlich mitnehme ist dieser: „Wir sehen die Dinge nicht, wie sie sind, wir sehen sie, wie wir sind.“ Dabei handelt es sich um ein Zitat von der amerikanischen Schriftstellerin Anaïs Nin und ich finde ihn ganz wunderbar. Etwas, das wir betrachten, verharrt demnach nicht in einem statischen Zustand, sondern es verändert sich in seinem Wesen parallel zu unserer eigenen Entwicklung.

„Wie hat Ihnen das Anthropozän bis jetzt gefallen?“ von John Green ist ein sehr persönliches Werk und zugleich ein faszinierendes Sachbuch. In einzelnen Kapiteln werden die unterschiedlichsten Dinge bewertet und in Relation mit dem „großen Ganzen“ gesetzt. Die (Ohn-)Macht des Menschen in Hinblick auf ökologische Veränderungen und der Klimawandel als aktuelle Themen kamen unter anderem zur Sprache. Dieses spannende, unterhaltsame, bisweilen kurios-humorvolle Sachbuch hat mir unheimlich gut gefallen, ich gebe „Wie hat Ihnen das Anthropozän bis jetzt gefallen?“ von John Green 4,5 Sterne.

Bewertung vom 06.06.2021
So wie du mich kennst
Landsteiner, Anika

So wie du mich kennst


gut

„So wie du mich kennst“ von Anika Landsteiner erzählt von der engen Beziehung zwischen zwei Schwestern und von der Schwierigkeit, plötzlich alleine zurückzubleiben. Es geht um Karla und Marie, die einander so nahestehen und sich im Wesen doch sehr unterscheiden. Marie sehnt sich fort aus dem kleinen Dorf Seekirch in Unterfranken, in dem sie aufgewachsen sind und in dem jeder jeden kennt und jeder alles vom anderen weiß. Sie möchte als Fotografin Karriere machen und Neues erleben. Karla hingegen fühlt sich wohl in ihrer Heimat, mit ihrem Job bei der Lokalzeitung und ihrem vorhersehbaren, ruhigen Leben. Worauf sie nicht vorbereitet ist, ist die gähnende Leere, die nach dem Tod von Marie in ihr herrscht. Und auch nicht auf die Fragen, die ihr Tod aufwirft. Was hat ihre Schwester vor ihr verheimlicht? Wie soll Karla ohne Marie weiterleben, wie diese Lücke in der Familie füllen? Und sollte ihr eigenes Leben nicht eigentlich „größer“ sein oder ist es okay, mit weniger glücklich zu sein?

Diese Fragen ziehen sich wie ein roter Faden durch den Roman und ich fand es sehr interessant, hierzu den Gedanken von Karla zu folgen. Erzählt wird weitestgehend aus ihrer Perspektive, aus der Gegenwart, in der Trauer, Schmerz, Zweifel und eine gewisse Orientierungslosigkeit vorherrschen. Parallel dazu werden Rückblicke in die Vergangenheit eingeflochten, die aus der Perspektive von Marie erzählt werden. Sie erinnert sich an ihre Ehe, an die schönen Momente, aber viel mehr an die schlimmen Zeiten. Ängste und eine große Scham prägen den Alltag von Marie, so sehr, dass sie sich nicht einmal Karla anvertrauen kann.

Beide Erzählstränge sind äußerst emotional und sie streifen wichtige gesellschaftliche Themen. Sie zeigen vor allem auf, wie wichtig es ist, sich Freunden und/oder der Familie anzuvertrauen und sich zu öffnen. Dass es Erlebnisse gibt, die man nicht alleine und für sich aufarbeiten und verarbeiten kann. Dass eine Flucht in Aktionismus nicht hilft, dass manchmal auch professionelle Hilfe notwendig und das völlig okay ist. Diese Botschaft finde ich ungeheuer richtig und wichtig.

Dies trifft ebenso auf die Familie von Karla und Marie zu, insbesondere auf die Mutter der beiden Schwestern. Auch sie hat sich in der Kindheit der beiden Mädchen nach einem Kuraufenthalt verändert. Doch die Veränderung wird totgeschwiegen und so legt sich jede/r seine eigene Wahrheit zurecht. Hinzu kommen die nagenden Zweifel von Karla an ihrem eigenen Leben. War die Trennung von ihrem langjährigen Freund die richtige Entscheidung? Ist es in Ordnung, den sicheren Dorfalltag dem aufregendem Leben der Großstadt vorzuziehen? Sollte sie sich nicht weiterentwickeln, nach mehr streben, sich ins Abenteuer stürzen?

Trotz all dieser positiven Aspekte, stellte ich jedoch im Verlauf der Lektüre fest, dass mich die Geschichte nicht so recht berühren wollte. Objektiv betrachtet hätte sie es tun sollen, dieser Roman ist großartig konstruiert und geschrieben, doch leider bewegte er wenig in mir. Das gilt sowohl für die Erfahrungen von Marie, die schmerzhaft und belastend sind, als auch für die Trauer von Karla. Warum ließ mich Anika Landsteiners Roman eher kalt? Meine starke Vermutung ist, dass mir die Geschichte zu ordentlich, zu durchdacht, zu perfekt inszeniert war. Überall schließt sich ein Kreis, ein Zahnrad greift ins andere. Das bewundere ich durchaus, doch auf mich wirken Geschichten stärker, die überlegt sind, weniger ausgefeilt.

„So wie du mich kennst“ von Anika Landsteiner blickt tief in die Seelen der Figuren, ein hervorragend aufgebauter Roman, der wichtige Fragen aufwirft und damit sicherlich zu Recht viele LeserInnen begeistert. Ich habe die Geschichte gerne gelesen, allerdings war sie für meinen Geschmack etwas zu perfekt konstruiert, so dass ich nicht so recht Zugang fand und emotional leider nicht abgeholt wurde.

Bewertung vom 24.05.2021
Das Lied der Wölfe
Fischer, Rena

Das Lied der Wölfe


ausgezeichnet

„Das Lied der Wölfe“ ist der erste Erwachsenenroman von Rena Fischer. In ihrem neuen Buch geht es um die Liebe, Wölfe, Schottland, PTBS, eine toxische Beziehung und familiäre Konflikte – und ich war mehr als gespannt darauf. Würde es der Autorin gelingen, mich auch mit diesen Themen zu fesseln? Ja und nochmals ja! „Das Lied der Wölfe“ hat mich von Anfang bis Ende restlos begeistert, überrascht und berührt. Dieser Roman fesselte mich und er ist so viel mehr als „nur“ eine Liebesgeschichte. Leser:innen erwartet eine vielschichtige, hervorragend recherchierte, wundervoll geschriebene Geschichte mit großartigen Figuren.

Gleich zu Beginn lernt man die Wolfsforscherin Kaya als sehr nahbare und sympathische Figur kennen. Sie weiß, was sie kann, aber dennoch zweifelt sie an ihren Fähigkeiten angesichts des neuen Projekts, das ihr anvertraut wurde. Dadurch schloss ich sie unmittelbar ins Herz und ich war bereit, sie auf ihrer Reise von Deutschland nach Schottland zu begleiten, wo sie auf den Ländereien des schottischen Milliardärs Alistair MacKinley wilde Wölfe ansiedeln soll. Ein Unterfangen, das nicht nur rechtlich schwierig umzusetzen ist, sondern dem sich auch noch die schottischen Einwohner der Region entgegenstellen. Gleichzeitig gerät Kaya unwissentlich zwischen die Fronten eines seit vielen Jahren schwelenden Streits zwischen Alistair und seinem Sohn Nevis.

Als Leser:in erfährt man viel über Wölfe und die Vorteile einer Ansiedlung für die Wälder. Man merkt sofort, dass diesem Roman eine umfassende Recherche zugrunde liegt. Nicht nur die Orte und die Natur sind absolut greifbar beschrieben, auch die komplexen Zusammenhänge zwischen Wölfen und anderen Tieren werden nachvollziehbar erläutert. Doch damit nicht genug. „Das Lied der Wölfe“ hat eine ungemein komplexe und emotionale Handlung. Angefangen bei Nevis, einem Ex-Elitesoldat, der sich von schweren Kriegsverletzungen erholt und an PTBS leidet, widmet sich Rena Fischer einer Vielzahl an sensiblen Themen. Da ist der Freundeskreis von Nevis, bestehend aus zwei Ex-Soldaten, die ihre eigenen traumatischen Erfahrungen gemacht haben und diese zu verarbeiten versuchen. Und da wären der Ex-Freund von Kaya, der sie nicht gut behandelt hat, sowie der immer mehr eskalierende Streit der Familie MacKinley, dessen Ursprung in der Kindheit von Nevis zu suchen ist. Ernsthaft und unaufgeregt werden die fiktiven Einsätze der Soldaten beschrieben, einfühlsam und differenziert die Folgen jeglicher negativer Erfahrungen der Figuren.

Zugleich verliert Rena Fischer aber auch nicht die Leichtigkeit aus dem Blick. So wiegen die Themen zwar schwer, doch als Leserin fühlte ich mich nie von ihnen erdrückt. Es bleibt immer auch Raum für das Lachen und natürlich die Liebe. Denn die Liebe in ihren vielen Facetten spielt eine elementare Rolle in „Das Lied der Wölfe“. Da wäre die Liebe zu den Eltern, zwischen Geschwistern, zwischen Freunden. Alles ist durchzogen von diesem starken Gefühl und alles wird dadurch trotz aller Herausforderungen zusammengehalten.

Dennoch ist die Liebe, wie in vielen anderen Geschichten, in „Das Lied der Wölfe“ nicht die Lösung. Liebe hilft und schenkt Kraft, doch sie löst keine Probleme. Das schaffen die Figuren nur aus eigener Kraft, durch Vertrauen und durch Kommunikation. Dieser Roman erzählt also da weiter, wo andere Geschichten enden. Denn ein „Happy End“ der Liebe ist noch lange kein glückliches Ende der einzelnen Figuren, hier bleibt immer noch ein Stück Weg zu gehen. Es gefiel mir außerordentlich gut, dass dieser Weg hier gegangen wird.

„Das Lied der Wölfe“ von Rena Fischer hat mich vollkommen gefangen genommen. Sie hat nicht nur die atemberaubende schottische Landschaft vor meinem inneren Auge zum Leben erweckt, sondern zugleich eine intensive und anspruchsvolle Liebesgeschichte voller spannender Hintergrundinformationen zu schottischem Recht und Wölfen erzählt. Gleichzeitig gibt sie ernsten Themen, wie PTBS und toxischen Beziehungen Raum, ohne Leser:innen zu

Bewertung vom 11.05.2021
Adults
Unsworth, Emma Jane

Adults


gut

Jenny, die Protagonistin in „Adults“ von Emma Jane Unsworth, ist Kolumnistin, Mitte 30 und hat ihre Social-Media-Präsenz und überhaupt ihr ganzes Leben im Griff. Meistens zumindest. Wenn sie nicht gerade kurz davor steht, ihren Job zu verlieren. Und wenn sie sich nicht mit derart vielen Fragen, Unsicherheiten, Ängsten und Zweifeln hinsichtlich Instagram & Co. herumplagen müsste! Bei Jenny nimmt die Abhängigkeit vom Handy ganz andere Ausmaße an. Emma Jane Unsworth beleuchtet in „Adults“, was Jenny antreibt, wie Social Media ihr Leben und vor allem ihre Selbstwahrnehmung beeinflusst und welche Rolle Erfahrungen in ihrer Kindheit und das Verhältnis zu ihrer Mutter bei all dem spielen.

Manche Gedanken von Jenny waren mir nicht fremd oder ich konnte sie zumindest nachvollziehen. Allem voran ihre Unsicherheit, ihre Zweifel, ihren Ärger über die eigene Mutter, ihre Neigung, sich in einer Beziehung selbst zu verleugnen, sich Menschen gegenüber anders zu geben, als sie tatsächlich ist. Jenny spielt eine Rolle, sie lächelt, weil ein Lächeln von ihr erwartet wird, gleichzeitig dreht sich alles nur um sie und wie sie auf Instagram rüberkommt. Diese Aspekte hat Emma Jane Unsworth meiner Meinung nach auch sehr feinfühlig herausgearbeitet. Außerdem gefiel mir der bissige Humor von Jenny enorm gut.

In vielen anderen Momenten wirkt die Figur von Jenny jedoch vollkommen überzogen. Bei all ihrer Inszenierung und Social-Media-Besessenheit vergisst sie die wirklich wesentlichen Dinge in ihrem Leben, wie auf den Sohn ihrer Freundin aufzupassen oder auch mal zu fragen, weshalb eine andere Freundin traurig ist. Dies machte Jenny für mich vor allem im Mittelteil der Geschichte zu einer sehr anstrengenden, teilweise unsympathischen Figur. Diese Wahrnehmung besserte sich, als mir im Verlauf des Lesens bewusst wurde, dass all diese Verhaltensweisen nur Ausdruck von negativen Erfahrungen sind, die sie in ihrer Kindheit machte und die sie seit Jahren verfolgen. Diese weitere Ebene des Romans ließ mich über einige Verhaltensweisen hinwegschauen, die mich zuvor irritiert hatten.

Mehr erfährt man als Leser:in in zahlreichen Rückblicken. Wir blicken auf die Beziehung zu Art, Jenny’s Kindheit und die Beziehung zu ihrer Mutter, auf ihre Freundschaft mit Kelly. „Womit hatte es wirklich zu tun? Mit so viel, mit so vielem, im Laufe der Jahre. Eine bröselige Verbitterung, die sich wie Plaque um mein Herz gelegt hatte.“ Mit diesen und vielen ähnlichen Feststellungen entwickelte ich schleichend mehr Verständnis für Jenny, ich konnte ihre Versagensängste, ihre Traurigkeit, ihr zwiespältiges Verhältnis zu ihrer Mutter, ihren Drang, für die Außenwelt vermeintlich perfekt erscheinen zu wollen, verstehen. „Ich war eine Lüge“, sagt Jenny an einer Stelle über sich selbst. Das trifft ins Herz.

Dennoch ergibt sich für mich kein ganz rundes Gesamtbild. Emma Jane Unsworth greift für meinen Geschmack viel zu viele Themen auf, das inhaltliche Rad, das sie schlägt, ist mir zu groß. Es geht um eine dysfunktionale Mutter-Tochter-Beziehung, das Muttersein, eine Fehlgeburt, die Selbstdarstellung in Social Media, Jobprobleme, Beziehungsprobleme, Eifersucht, Selbstfindung und Freundschaft. Dies alles mit gebührender Tiefe in einer Geschichte zu verbinden, ist in meinen Augen eine Herausforderung. In die Tiefe geht die Autorin zwar durchaus, doch ab und an wirkte „Adults“ auf mich dadurch zu sprunghaft.

Gut gefiel mir hingegen der Schreibstil, der frisch und unverkrampft ist, wodurch sich die Geschichte sehr angenehm lesen lässt. E-Mails und Chatverläufe sorgen ebenso wie der Humor der Figuren für Leichtigkeit, die Dialoge beschreiten eine gelungene Gratwanderung zwischen Ernst, Tragik und Witz. Hiermit konnte mich Emma Jane Unsworth absolut erreichen.

Bewertung vom 30.04.2021
Wie man eine Raumkapsel verlässt
McGhee, Alison

Wie man eine Raumkapsel verlässt


gut

„Will ist einer, der geht“, lautet der erste Satz vom Klappentext. „Manchmal muss man sich den Tag rauslaufen“, sagt er. Er geht an vielen Orten und Menschen vorbei, doch viel interessanter sind die Orte, an denen er nicht vorbeigeht. Eine Brücke, einen Laden und das Haus seiner besten Freundin. Warum das so ist, erschließt sich dem/r Leser/in erst im Verlauf des Buches. In kurzen Episoden wird Will’s Alltag eingefangen, kleine Momentaufnahmen, mehr nicht, manchmal bestehen die Episoden gar nur aus Gedanken. Ich hatte anfangs mehr erwartet, ich war enttäuscht, dass dieser Roman nicht mehr Text hat, nicht ausführlicher beschreibt, nicht mehr in die Tiefe geht. Denn das Thema an sich ist wahnsinnig gut und interessant! Warum nur so wenige Zeilen darauf verwenden? Doch nun, im Nachhinein, merke ich, dass zumindest auch so etwas nachwirkt.

Beim Aufschlagen des Buches war ich sehr überrascht über die Gestaltung. Jeweils auf der linken Seite befindet sich eine Kalligrafie, rechts wird die halbe Seite von Text eingenommen. „Wie man eine Raumkapsel verlässt“ ist dadurch ein äußerst komprimierter Roman. Also rechnete ich mit tiefgründigen Aussagen, Beobachtungen mit Tragweite und geballter Emotionalität. Doch wieder wurde ich überrascht. Die geschilderten Situationen sind teils sogar ziemlich banal, vor allem, wenn Will von seinem Job und seinem Chef „Major Tom“ erzählt. Oder von dem Nachbarskind, das Schmetterlinge beobachtet. Was soll ich als Leserin aus diesen Zeilen mitnehmen? Was sollen sie in mir auslösen? Alison McGhee ließ mich ratlos stehen.

Doch ab der Mitte des Romans verlagert sich der inhaltliche Schwerpunkt. Will beginnt, über sein Gehen zu reflektieren, er lässt Erinnerungen zu an Erlebnisse, die sich in sein Herz gekrallt haben und wegen denen er bestimmten Orten aus dem Weg geht. Hier wird man als Leser:in langsam abgeholt, man erfährt, was Will widerfahren ist und was ihn belastet. Warum er das Maisbrot unbedingt perfekt hinkriegen muss. Warum er den Kontakt zu seiner Freundin Playa meidet. Langsam zeigt sich das vollständige Bild eines jungen Lebens, das erschüttert wurde.

Doch wer ist dieser Will eigentlich? Zwar kommen einige Hintergründe zu seinem Leben ans Licht, doch die Figur von Will blieb für mich wenig greifbar. Er geht zur Schule, er hat einen Job, er hat Freunde, er kommt gut mit Menschen zurecht, verstellt sich ihnen gegenüber aber auch gerne absichtlich. Seine Mutter liebt ihn. Doch darüber hinaus ist er wie eine weiße Wand, man kann ihm nach eigenem Gutdünken Eigenschaften zu- oder absprechen und ihn nach den eigenen Vorstellungen formen. Das störte mich nicht allzu sehr, doch ich hätte ihn gerne mehr in ehrlicher und offener Konversation bzw. Interaktion mit Freunden oder der Mutter erlebt, um ein besseres Verständnis von ihm zu bekommen.

Was ich hingegen sehr an der Geschichte mochte, war die Ruhe, die sie beim Lesen ausstrahlt. Sie wirkt beinahe träumerisch und kommt ganz ohne Dramatik aus. Dennoch sind die Gefühle da, sie liegen nur zwischen den Zeilen versteckt. Sicherlich bietet „Wie man eine Raumkapsel verlässt“ viel Potenzial zur Analyse für alle, die sich dafür begeistern. Die Autorin lässt hier genügend Freiraum zur Interpretation. Für alle, die lieber einen klassischen Roman lesen, könnte „Wie man eine Raumkapsel verlässt“ hingegen vielleicht ein Fehlgriff sein.

„Wie man eine Raumkapsel verlässt“ von Alison McGhee ist ein ungewöhnlicher Roman, der in kurzen Episoden das Leben des jungen Will beleuchtet. Es ist keine Erzählung im gewöhnlichen Sinn, sondern vielmehr eine teils zusammenhanglose Ansammlung von Gedanken, Gefühlen und Erinnerungen. Anfangs war ich enttäuscht, eine derart bruchstückhafte Geschichte in Händen zu halten, nichtsdestotrotz wirkt sie nach und rückblickend habe ich sie gerne gelesen. Eine Empfehlung für alle, die sich gerne auf assoziative und experimentelle Geschichten einlassen.

Bewertung vom 11.04.2021
Die Liebesbriefe von Abelard und Lily
Creedle, Laura

Die Liebesbriefe von Abelard und Lily


sehr gut

„Die Liebesbriefe von Abelard und Lily“ ist das Jugendbuch-Debüt von Laura Creedle. Darin geht es um ADHS, Legasthenie, Asperger, Liebe, Familie, Schule und Freundschaft. Eine ungeheure Bandbreite und doch hängen all diese Themen ganz eng miteinander zusammen. Lily hat ADHS und Legasthenie. Abelard leidet an Asperger. Für beide sind der Schul- und Familienalltag eine Herausforderung, Lily belastet zusätzlich die Trennung ihrer Eltern. Trotz allem bemüht sie sich, die erforderlichen Leistungen für die Schule zu erbringen und scheitert doch immer wieder. Die Medikamente helfen, doch sie lassen die Welt stumpf erscheinen, sie hat keinen Appetit mehr, weder auf Essen, noch auf das Leben an sich. So kämpft sie Tag für Tag – mit sich, ihren fliegenden Gedanken, ihrer Impulsivität, ihrem Drang, wegzulaufen vor allem, was sie belastet. Bis sie sich dazu entschließt, die Medikamente abzusetzen und sich ausgerechnet in Abelard verliebt, der in fast jeglicher Hinsicht ganz anders ist als sie.

Erzählt wird aus der Perspektive von Lily, als Leser:in ist man also nah dran an ihren Empfindungen und Gedanken. Man erlebt ihre Konflikte mit Lehrern, die oft wenig Verständnis für ihr Aufmerksamkeitsdefizit oder ihre Impulsivität haben, hautnah mit. Auch der Druck, den die Mutter auf Lily ausübt, indem sie geeignete Therapien sucht und das Leben für ihre Tochter leichter gestalten möchte, spürt man stark. Zudem vermisst sie ihren Vater, der den Kontakt abgebrochen hat, und von dem sie sich verspricht, dass bei ihm alles besser sein würde. Gleichzeitig teilt man die Angst, dass Medikamente und Therapien Lily so sehr verändern, dass sie nicht mehr sie selbst ist. Eine wahre Zerreißprobe. Dass nun auch noch die Liebe hinzukommt, bringt das Fass letztendlich zum Überlaufen. Ich fand es bemerkenswert, wie es der Autorin gelingt, all diese Themen mit der nötigen Aufmerksamkeit zu betrachten, ohne sich in zu vielen Details zu verlieren. Ich konnte der Geschichte extrem gut folgen und mich hervorragend in die Protagonisten einfühlen.

Neben Lily und Abelard sind auch die Nebenfiguren sehr gelungen. Die Mutter von Lily, die das Beste für Lily möchte und als Alleinerziehende ihre eigenen Baustellen hat. Ihre fleißige kleine Schwester, die möglichst wenig „Umstände“ bereiten möchte. Der abwesende Vater, der ein nicht greifbarer Hoffnungsschimmer ist. Die beste Freundin, die Lily scheinbar akzeptiert, wie sie ist, aber doch ihre eigene Sicht auf die Dinge hat. Die Eltern von Abelard, die ihn in allem unterstützen und gleichzeitig hilflos sind. Sie alle bereichern die Geschichte ungemein.

Geschrieben ist „Die Liebesbriefe von Abelard und Lily“ trotz all der schweren Themen mit großer Leichtigkeit. Auch ein wundervoller Humor blitzt immer wieder durch. Das machte den Roman zu einer sehr angenehmen Lektüre. Hinzu kommen die literarischen Bezüge zu „Liebesbriefe“ von Abaelard und Heloïse, die für auflockernde Abwechslung sorgen.

Insgesamt ist dies ein feinfühliger Own-Voice Roman über das Leben mit ADHS und eine ungewöhnliche Liebe. Wie kann eine Beziehung unter diesen Voraussetzungen gelingen? Welche Bedürfnisse hat mein Gegenüber? Wie verliert man die eigenen Bedürfnisse und Wünsche nicht aus dem Blick? All diese Themen behandelt die Autorin mit einer angenehmen Leichtigkeit, mit einer gesunden Prise Humor und voller Herzlichkeit. Ein gelungenes Jugendbuch, das ich gerne empfehle.

Bewertung vom 03.04.2021
Checker Tobi - Der große Gefühle-Check: Freude, Wut, Traurigkeit - Das check ich für euch!
Eisenbeiß, Gregor

Checker Tobi - Der große Gefühle-Check: Freude, Wut, Traurigkeit - Das check ich für euch!


ausgezeichnet

In „Checker Tobi – Der große Gefühle-Check: Freude, Wut, Traurigkeit – Das check ich für euch!“ geht es um, klar, Gefühle. Wieso sind Gefühle wichtig? Woher kommt die Wut? Wieso gruseln wir uns manchmal gern? Diese und viele Fragen mehr werden in diesem Sachbuch für Kinder beantwortet. Wer die Sendung „Checker Tobi“ kennt, wird sich in diesem Buch direkt wie zu Hause fühlen. Schon die Einleitung, das „Hey Leute“, liest sich, als würde Tobi zu einem sprechen. Auf Augenhöhe, jugendlich, humorvoll und super sympathisch. Alle Erklärungen sind lebensnah und für Kinder absolut nachvollziehbar, oft anhand praktischer Beispiele, erklärt. Ergänzt wird dies stellenweise um wissenschaftliche oder gesellschaftliche Erklärungen, die beispielsweise für ältere Kinder interessant sind. Hier kommt der mega-moderne Ultra-hyper-super-Roboter namens Roberta ins Spiel. Sie erklärt, was Cortisol und Noradrenalin sind, was kognitiv bedeutet und was Diskriminierung ist.

Das Sachbuch widmet sich den Gefühlen Wut, Ekel, Freude, Traurigkeit, Angst, Überraschung und Liebe. Der Aufbau ist dabei analog dem der Sendung: Das Thema wird vorgestellt, es folgen Fragen und diese werden abschließend als „gecheckt“ abgehakt. Von Frage zu Frage wurden super Überleitungen gefunden, so das man beim Lesen im Fluss bleibt. Und immer geht es mit dem bekannten „Das check ich für euch!“-Ausruf weiter zur nächsten Frage.

Leser:innen erwarten sehr umfassende Erklärungen, ein Gefühl wird aus vielen verschiedenen Blickwinkeln betrachtet. Es wird die ganze Bandbreite von Gefühlen betrachtet, von lustig bis ernst. Wann fühlt man sich traurig? Warum ist Trauer wichtig? Wie läuft eine Beerdigung ab? Was ist eine Depression? Der Autor schreckt folglich nicht vor schwereren Themen zurück, auch Cybermobbing und Diskriminierung werden angesprochen – inklusive hilfreichen Informationen, wo und bei wem Kinder und Jugendliche Hilfe finden können. Zudem vermittelt das Sachbuch wichtige Werte, Diskriminierung und Mobbing sind absolut nicht okay und Familien müssen nicht aus Mutter, Vater, Kind bestehen, auch zwei Mamas, eine Mama, zwei Papas, usw. sind vollkommen normal. Bei all der Offenheit hätten Autor und Herausgeber nur noch auf geschlechtergerechte Sprache denken können – dann wäre wirklich alles optimal.

Eine schöne Überraschung waren die vielen Rätsel und Spiele zwischendrin, die perfekt auf die jeweils erklärten Gefühle abgestimmt sind. So gibt es ein Labyrinth, ein „Tobi ärgere dich nicht“-Spiel, einen Mitmach-Check, ein Mutmachlied, Witze und sogar ein Rezept für Glückskekse. All dies rundet das Sachbuch ab und animiert Leser:innen dazu, sich mit dem Thema zu befassen.

Bei der Gestaltung von „Checker Tobi – Der große Gefühle-Check: Freude, Wut, Traurigkeit – Das check ich für euch!“ hat sich die Illustratorin ebenfalls viel Mühe gegeben. Zentrale Aussagen sind farblich hervorgehoben und komplexere Infos werden durch süße Illustrationen nähergebracht. Sogar das Papier sieht exakt so aus, wie das leicht zerknitterte Papier vom Checker-Logo. Ein tolles Detail. Hinzu kommen zahlreiche Fotos aus passenden Sendungen, die auch mal zum Schmunzeln bringen. Die Mimik zu einzelnen Gefühlen werden anhand von Porträtaufnahmen von Tobi erklärt.

„Checker Tobi – Der große Gefühle-Check: Freude, Wut, Traurigkeit – Das check ich für euch!“ von Gregor Eisenbeiß, Tobias Krell und Carolin Flammang ist ein rundum informatives und unterhaltsames Sachbuch für Kinder. Die Gefühle werden anschaulich und gut verständlich erklärt, dabei wird auch um ernste Themen kein Bogen gemacht. Ergänzt werden die Erklärungen um zahlreiche Rätsel und Mitmach-Aktionen, die das Sachbuch wunderbar auflockern.