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Benutzername: Buchstabenträumerin
Danksagungen: 7 (erhaltene)


Bewertungen

Insgesamt 85 Bewertungen
Bewertung vom 06.08.2018
Hyde
Wagner, Antje

Hyde


ausgezeichnet

ES WAR EINE EINZIGE GROSSE UNGLAUBLICHKEIT, ABER MANCHMAL, DAS WUSSTE ICH JA, MANCHMAL WAR GERADE DAS UNGLAUBLICHE DAS ÜBERZEUGENDSTE DETAIL AN EINER GESCHICHTE. (SEITE 397)

Wer die Autorin Antje Wagner noch nicht kennt, sollte dies mit ihrem neuen Roman „Hyde“ unbedingt ändern, denn der ist eine Wucht! Er ist komplex und dramatisch, verwunschen und unheimlich, schlicht brillant. Ich geriet von der ersten Zeile an in die Fänge dieser Geschichte, begleitete die Protagonistin Katrina auf ihrem anstrengenden, aufreibenden und bisweilen schockierenden Weg. Dabei rüttelt die Autorin beständig an dem, was man zu glauben meint, bewirft einen mit neuen Erkenntnissen und noch nicht ganz greifbaren Zusammenhängen, die sich verdichten, bis man voller Atemlosigkeit durch die letzten Seiten rast. Ein tolles Erlebnis.

„Hyde“ lässt sich dabei in kein Genre zwängen, zu vielseitig ist die Geschichte. Es geht um Katrina, die auf der Suche nach Arbeit durch das Land zieht. Ein Geheimnis umgibt sie, das weiß man von Beginn an – immerhin versteckt sie einen Teil ihres Gesichtes nicht grundlos unter einem Tuch. Und sie ist voller Wut. Wut, da ihrem Vater und ihrer Schwester irgendetwas zugestoßen ist. Sie muss Geld zusammenbekommen, damit sie Rache üben kann. So weit die Fakten, alles weitere bleibt in der Schwebe.

Ihr Weg führt sie unverhofft zu einem alten, verlassenen Haus, in dem sie als Verwalterin wohnen bleibt, obgleich vieles an diesem Haus seltsam erscheint. Hier nimmt die Geschichte dann ihren faszinierenden Lauf. Besonders reizvoll fand ich, wie man als Leser Schritt für Schritt mehr über Katrinas Vergangenheit erfährt. Sie lebte mit ihrem Vater und ihrer Zwillingsschwester Zoe im Wald – versteckt vor der Welt, im Einklang mit der Natur. „Hyde“, nannten sie ihr Zuhause. Sie lebten dort nach strengen und sonderbar anmutenden Regeln: Sie durften nicht gesehen werden und das Haus nur zu bestimmten Zeiten verlassen, um durch den Wald zu stromern. Zweimal im Jahr verließen sie ihr Versteck, um nach Berlin zu fahren, Vorräte zu kaufen, zum Friseur und ins Kino zu gehen. Dann ziehen sie sich wieder zurück. Man versteht nicht, warum dies so ist, doch das macht nichts. Die drei sind glücklich und dieses Glück fliegt einem aus den Zeilen entgegen und setzt sich im Herzen fest. Verwunschen empfand ich die Rückblicke in Katrinas Zeit im Wald.

In der Gegenwart befindet sich Katrina in dem sonderbaren Haus und hier schlägt einem unmittelbar eine ganz andere Stimmung entgegen. Es ist unheimlich! Und zwar auf eine sehr subtile Art und Weise. Es beginnt mit einem zarten Geflecht von Sonderbarkeiten, unerklärlichen Ereignissen, seltsamen Geräuschen, einem verschlossenen Zimmer, Kälte. Klassische Elemente, die Antje Wagner mit so einem besonnenen Geschick einfließen lässt, dass sie ganz und gar überzeugend sind. Als Leser wird man regelrecht dazu eingeladen, Theorien zu entwickeln, nur um diese kurze Zeit später zu verwerfen.

Das liegt maßgeblich daran, dass der Roman äußerst komplex angelegt ist. Ein verschachtelter Aufbau, in dem Geheimnisse und Erinnerungen nach und nach enthüllt werden. Dadurch gerät man automatisch in diesen Sog, der ein richtig gutes Buch ausmacht. Durch alles trägt der Schreibstil von Antje Wagner. Sie schreibt kunstvoll, ohne künstlich zu wirken. Sie trifft mit ihren Worten nicht nur den Punkt, sondern auch ins Herz. Sie ist präzise und gleichzeitig lässt sie vieles bewusst offen. Ich liebe ihre Art zu schreiben!

Fazit

„Hyde“ von Antje Wagner ist ganz großes Kino. Hier passt einfach alles – Stimmung, Charaktere, Schreibstil und Story. Die Geschichte um Katrina fesselt, berührt und lässt einen mitdenken, da einzelne Erzählstränge äußerst geschickt miteinander verknüpft werden. Sowohl in der Vergangenheit von Katrina als auch in der Gegenwart ist Dramatisches geschehen, dem man als Leser Stück für Stück auf die Spur kommt. Ein aufwühlender und bisweilen unheimlicher Genuss!

Bewertung vom 20.06.2018
Superhero
McCarten, Anthony

Superhero


ausgezeichnet

JA, DER JUNGE AUF DER BRÜCKE VERGLEICHT SICH MIT VERGLÜHENDEN STERNEN, WÄHREND ER DARAUF WARTET, DASS DIE EINZELNEN ELEMENTE SEINES TODESWUNSCHES – EKEL, WUT, SCHMERZ, ÜBELKEIT, SCHWÄCHE, FRUSTRATION, UNGERECHTIGKEIT, NEID, EINSAMKEIT, REUE – SICH ZU EINER KRAFT VERBINDEN, DIE AUSREICHT, IHN IN DIE TIEFE ZU STOSSEN. (SEITE 38)

Der Roman ist in Teilen wie ein Theaterstück, wie ein Comic, wie ein Drehbuch geschrieben – ein Sammelsurium der verschiedenen Möglichkeiten, eine Geschichte zu erzählen. Doch nicht allein das macht „Superhero“ zu dem, was es ist: zu einem besonderen Werk.

Denn unabhängig vom Erzählstil hat Anthony McCarten eine äußerst feinfühlige Geschichte über einen todkranken Jungen geschrieben, die gleichzeitig traurig, überraschend witzig und vielschichtig ist. Der Autor nimmt das Schicksal von Donald Delpe ernst, zeichnet es aber nicht nur Grau in Grau. Vielmehr strotzt „Superhero“ förmlich vor Farbe und Leben, nicht zuletzt wegen der Comic-Szenen, die man als Leser auf Anhieb vor Augen hat. Sie bringen Abwechslung ins Lesen, ebenso wie in Donald’s tristen Alltag zwischen Behandlungen und Therapie und die Zeit mit seiner Familie. Die Comic-Geschichten sind wunderbar überspitzt und im Grunde dreht sich alles nur um Superhelden und Schurken und Sex. Vor allem Letzterer ist omnipräsent in Donald’s Gedanken und gleichzeitig ein wichtiges Plotelement.


DANN UM DIE MITTAGSZEIT EIN KLEINER AUSFLUG ZUR RADIOLOGIE, EINE ART MITTAGSPAUSE AUF DEM ATOMWAFFENTESTGELÄNDE; NACH GENAU DER RICHTIGEN DOSIS GAMMA- UND RÖNTGENSTRAHLEN, MIRKO- UND ÜBERHAUPT ALLEM AUSSER DER LA-OLA-WELLE, WIRD ER ZURÜCK ZUM VERGNÜGUNGSDAMPFER GEFAHREN, STATION EINS, STADTKRANKENHAUS WATFORD, UND DA LIEGT ER, MIT GIFT VOLLGEPUMPT, EIN ZUCKENDER ZOMBIE. (SEITE 173)

Doch wer nun meint, dass es in „Superhero“ nur um einen hormongesteuerten Jugendlichen dreht, irrt sich. Klar geht es um Erfahrungen, doch anfangs kaum spürbar, später immer offenkundiger, gewinnt die Story an Tiefe und Emotionalität. Und auch Donald Delpe ist kein eindimensionaler Charakter. Mal fügt er sich desillusioniert in sein Schicksal, mal lehnt er sich geradezu heroisch dagegen auf. Aber ganz gleich, wie er sich gerade fühlt, er flieht regelmäßig in seine Comic-Welt. Sie ist sein Refugium, sein Safe-Space, sein alternatives Universum, in dem alles in Ordnung ist. Dort kann er alles sein und alles erleben, was ihm im echten Leben verwehrt bleibt.

Rund um Donald Delpe gibt es noch weitere Charaktere, deren Schicksal von nicht weniger großer Intensität ist. Da wären die Eltern von Donald sowie sein Bruder und sein Psychologe und dessen Ehefrau. Alle rotieren sie um Donald, mit ihren eigenen Sorgen, Wünschen und Hoffnungen im Gepäck. Dank ihnen rückt das Schicksal von Donald – so schwer zu tragen es auch ist – nicht zu sehr in den Vordergrund. Der Autor drückt dadurch nicht unentwegt und schon gar nicht zwanghaft auf die Tränendrüse, sondern achtet sorgsam darauf, dem Leser einen Ausgleich zu bieten und ein rundes Bild zu zeigen.

Fazit

„Superhero“ von Anthony McCarten ist eine sehr berührende Geschichte über den schwerkranken Donald Delpe, der seinen eigenen Helden erfindet und am Ende ganz anderen und realen Helden begegnet, die ihn auf seinem Weg begleiten. Diese Geschichte ist stilistisch äußerst vielseitig: Comic trifft auf Theater trifft auf Drehbuch. Doch der Mix funktioniert! Als Leser ist man unmittelbar Teil dieser manchmal etwas verrückten, aber immer liebenswerten Welt von Donald Delpe. Man lacht, man weint, aber nie wird man in diese Emotionen gedrückt – was das Thema nahe legen könnte -, sie kommen unaufdringlich und echt. Ein tolles Buch!

Bewertung vom 13.06.2018
Cyril Avery
Boyne, John

Cyril Avery


ausgezeichnet

John Boyne ist vielen sicherlich durch seinen Roman „Der Junge im gestreiften Pyjama“ bekannt. 2009 wurde die Geschichte verfilmt. Darüber hinaus hat Boyne viele weitere Romane geschrieben, „Cyril Avery“ ist nun sein neuestes Werk. Darin geht es um einen Jungen, der im engstirnigen und gottesfürchtigen Irland der Nachkriegszeit mit seiner Homosexualität zu kämpfen hat. Wir begleiten ihn auf seinem gesamten Lebensweg, von seiner Geburt bis hin ins hohe Alter, 70 Jahre lang. Dabei widmet sich John Boyne den wichtigen Themen und gesellschaftlichen Umwälzungen, die diese vergangenen Jahrzehnte besonders prägten.

„Cyril Avery“ – im Original übrigens „The Heart’s Invisible Furies“ – hat mich nachhaltig beeindruckt. Es hat mich tief berührt, es hat mich schrecklich wütend gemacht, ich war sprachlos und fassungslos und doch habe ich regelmäßig herzhaft gelacht. All diese Emotionen stecken in den Zeilen, dicht an dicht nebeneinander. Oft so dicht, dass man bei einem Satz am liebsten vor lauter Ärger schreien möchte, nur um im nächsten in schallendes Gelächter auszubrechen. Was für ein atemberaubender Drahtseilakt für die Nerven und gleichzeitig: Was für ein informativer und hochinteressanter gesellschaftskritischer Roman.

Die Geschichte beginnt mit der Geburt von Cyril, die bereits unter einem schlechten Stern steht. Eine uneheliche Geburt in Irland im Jahr 1945 ist eine undenkbare Schande – sagt die Kirche. Frauen werden von ihren Familien aus dem Haus geworfen, sollen sie zusehen, wie sie zurechtkommen. So auch Cyril’s Mutter, die ihn gezwungenermaßen zur Adoption freigibt. Cyril hat Glück im Unglück, es mangelt ihn bei seinen Adoptiveltern an nichts materiellem, allerdings sind sie etwas speziell, beachten ihn kaum und wenn, führen sie die absurdesten Gespräche mit ihm. Sein beschauliches, seltsames Leben nimmt eine Wende, als er Julian trifft. Und Cyril? Er verliebt sich.

Fortan begegnet der Leser Cyril in Intervallen von sieben Jahren. Man wird Zeuge, wie er als Teenager gegen die Kirche und ihre Zwänge und Restriktionen rebelliert, wie er seine Homosexualität entdeckt und in Angst lebt, entdeckt zu werden. Wie er sich selbst und seine Wünsche verleugnet, um in Sicherheit leben zu können. Als er endlich flieht, erlebt er Mitte/Ende der 80er Jahre in New York die Aids-Krise mit, die Ausbreitung der „Schwulenkrankheit“. Aber auch Feminismus spielt in dem Roman eine große Rolle, die Geringschätzung weiblicher Intelligenz wird zentral thematisiert sowie der respektlose Umgang mit der weiblichen Sexualität. Am Ende schließt sich der Kreis und Cyril kehrt 2015, nach dem Referendum über die Homo-Ehe, nach Irland zurück.

Fazit

Geradezu monumental ist „Cyril Avery“: 70 Jahre gesellschaftskritische Lektüre, von Irland über Amsterdam bis hin nach New York, von der Nachkriegszeit 1945 bis 2015. John Boyne widmet sich in „Cyril Avery“ seinem Protagonisten und begleitet ihn durch sein herausforderndes Leben. Homosexualität, Homophobie, Emanzipation, Liebe, Freundschaft, Heimat, Familie, Aids und Tod – alle diese Themen finden in diesem großartigen Roman Platz. Und anstatt angesichts dieser Themen in Schwermut zu versinken, verleiht ihnen Boyne’s teils deftiger, aber immer herzlicher Humor eine äußerst angenehme Leichtigkeit. Was für eine Mischung! Wer auch nur ansatzweise interessiert ist: Dieses Buch will gelesen werden.

Bewertung vom 24.05.2018
Wie man die Zeit anhält
Haig, Matt

Wie man die Zeit anhält


gut

„DIE ERSTE REGEL LAUTET, DU DARFST NICHT LIEBEN“, SAGTE ER. „ES GIBT NOCH ANDERE REGELN, ABER DAS IST DIE WICHTIGSTE. DU DARFST DICH NIEMALS VERLIEBEN.“ (SEITE 7)

Die Grundidee gefällt mir sehr gut: Es geht um Tom Hazard, der viel langsamer altert als andere Menschen und bereits 400 Jahre zählt, obwohl er aussieht wie 40. Anhand seiner Erinnerungen wird die Vergangenheit lebendig: Er begegnete Persönlichkeiten wie Shakespeare und Captain Cook – und ist dennoch schrecklich einsam. Wie muss es sein, inmitten einer Vielzahl von Menschen zu sein und dennoch nicht so recht am Leben dieser Menschen teilhaben zu können, da man ständig seine Identität wechseln muss? Matt Haig widmet sich dieser Einsamkeit und diesem Gefühl der Isolation bis ins feinste Detail. Er kostet die Emotionen aus, die Tom Hazard empfindet. Die Erschöpfung, die Antriebslosigkeit, die fehlende Anteilnahme – alles Motive, die durchschimmern lassen, wie sich der Autor gefühlt haben muss, wenn die Depression ihn im Griff hatte. Diese Authentizität zog mich in ihren Bann.

UND SIE STARB UND ICH LEBTE, UND EIN ABGRUND TAT SICH VOR MIR AUF, DUNKEL UND BODENLOS, UND ICH FIEL HINEIN UND FIEL UND FIEL, JAHRHUNDERTELANG. (SEITE 37)

Zu Beginn war auch die Geschichte enorm aufregend und vielseitig. Die Rückblicke entführten in die Kindheit von Tom Hazard, in die Zeit der Hexenverfolgung, die Elisabethanische Ära in England und die 1920er Jahre. Man erlebt die Pest und lernt Shakespeare von einer erfrischend anderen Seite kennen. Doch je länger ich diese Geschichte las und so faszinierend die Rückblicke auch waren, sie nahmen für mich einen zu großen Teil der Erzählung ein. Mir fehlte der Fokus auf die Gegenwart, die so viel Interessantes bietet! Hier wollte ich tiefer eintauchen und mehr erfahren. Natürlich sind die Erinnerungen von Tom Hazard notwendig, um ihn als Charakter vollständig zu verstehen, seine Einsamkeit nachvollziehen zu können, doch dieses ständige Hin und Her überforderte mich und ärgerte mich schlussendlich.

DAS LEBEN, DAS SICH STETS WIEDERHOLTE, WURDE ÖDE. IRGENDWANN KAM KEIN LÄCHELN MEHR, KEINE GESTE, DIE MAN NOCH NICHT GESEHEN HATTE. KEINE VERÄNDERUNG IN DER WELTORDNUNG, DIE NICHT DAS ECHO EINER ANDEREN VERÄNDERUNG WAR. (SEITE 43)

Durch die Zeitsprünge hatte ich nicht das Gefühl, dem Protagonisten wirklich näherzukommen. Er wirkte wie zersplittert auf mich, zu distanziert, einfach nicht rund und vollständig. Natürlich kann dies unterstreichen, dass er durch die vielen Identitäten auch schlicht seine eigene Mitte nicht findet, doch meinen Geschmack traf dies leider nicht. Zusammengehalten wird „Wie man die Zeit anhält“ recht gut durch die Art, wie Matt Haig schreibt. Er findet sehr treffende Worte für Hazards Gedanken und Gefühle. Das machte sein neuestes Werk zumindest gut lesbar, trotz meiner Kritik.

Fazit

„Wie man die Zeit anhält“ von Matt Haig ist mehr als ein Roman – es sind mehrere Romane in einem, denn der Leser wandelt auf den Spuren von Protagonist Tom Hazard. Und die sind beachtlich! Über 400 Jahre Menschheitsgeschichte wurden in diesen Roman gepresst und in einzelnen Szenen genauer betrachtet. Äußerst spannend. Leider wurden mir die Zeitsprünge zu anstrengend, ich wäre lieber mehr beim Tom Hazard der Gegenwart geblieben. Stattdessen stolperte ich von einer Zeit in die andere und verlor so schlicht zu oft den Faden zur Geschichte und den Draht zum Charakter. Der Schreibstil ist allerdings entwaffnend und macht den Roman dennoch zu einem schönen Erlebnis.

Bewertung vom 09.05.2018
Zwischen zwei Fenstern
Touchell, Dianne

Zwischen zwei Fenstern


sehr gut

DIESE HEIMLICHKEIT IST SPANNEND. UND SIE IST NOTWENDIG. DAS IST SCHLIESSLICH NICHT UNSER ORT. WIR HABEN UNSEREN EIGENEN ORT, DEN RAUM ZWISCHEN ZWEI FENSTERN (SEITE 57)

Bedrückend, erschreckend, abstoßend, seltsam, wunderschön, still, tiefgründig, verstörend, hoffnungsvoll. Das sind Stimmungen und Empfindungen, die mir in den Sinn kommen, wenn ich an „Zwischen zwei Fenstern“ denke. Es gibt noch mehr davon, denn Dianne Touchell kann mit Worten umgehen. Sie braucht nur wenige Seiten, 256 um genau zu sein, um in mir die komplexesten Emotionen hervorzurufen. Teils gingen mir die Worte so nah, dass ich eine Pause brauchte von Maud und Creepy. So heißen die Protagonisten, die sich in benachbarten Häusern befinden und einen ungewöhnlichen, zarten Kontakt zueinander zwischen ihren beiden Fenstern aufnehmen. Sie sprechen nicht miteinander, auch wenn sie sich in der Schule begegnen, sie kommunizieren lediglich über auf Zettel geschriebene Notizen, die sie an die Scheibe halten.

Was nach einem harmonisch-romantischem Jugendbuch klingt, in dem sich zwei junge Außenseiter kennenlernen und ineinander verlieben, täuscht. Dieser Roman ist ganz anders. Denn Maud ist psychisch krank, sie reißt sich ihre Haare aus, teilweise bis ihre Kopfhaut blutet. Sie erfährt keine wundersame Heilung durch Liebe, wie es oft in Jugendbüchern dargestellt wird. Und Creepy, so nennen ihn alle an der Schule, ist … nun ja, unheimlich. Er beobachtet Maud durch ein Fernglas, liest unendlich viele Bücher und hat eine wahnsinnig seltsame Vorstellung von Liebe. Beide sind also tatsächlich etwas schräg.

Mit Schuld daran sind sicherlich die Elternhäuser, denn die Mütter und Väter der beiden haben ziemlich handfeste Probleme. Creepy’s Eltern streiten unentwegt miteinander, so sehr, dass der Vater den Hund auf die Mutter hetzt. Maud wird von ihrem Vater geschlagen. Zu allem Überfluss liegen beide Elternpaare auch noch miteinander im Clinch. Angesichts dieses unangenehmen Alltags, versuchen Maud und Creepy irgendwie zurechtzukommen. Sie bauen sich ihre eigene kleine (Gedanken-)welt, was Touchell sprachlich außerordentlich gut aufbereitet. Ich könnte versinken in ihren Worten, die mal eine abstoßende, dann wieder eine extrem faszinierende Wirkung auf mich haben.

Besonders beleuchtet die Autorin die psychologische Verfassung von Maud und Creepy. Sie ließ mich so tief in die Köpfe von den beiden eintauchen, dass ich meinte, mich in ihnen zu verlieren. Zusätzlich reichert sie ihre Kapitelanfänge mit Gedanken von Maud sowie mit Buchzitaten von Creepy an, die sehr aufschlussreich und immer enorm passend sind. Sie zeigen, wie sehr Maud sich in ihre eigene Gedankenwelt zurückzieht, während Creepy versucht, in der Literatur eine Antwort zu finden.

Inwiefern ist dieses Buch nun positiv? Ich weiß es nicht. Kleiner Spoiler: Allerdings erlaube ich mir, aus der letzten Seite so etwas wie eine neue, hoffnungsvolle Ausrichtung herauslesen zu können. Doch letztendlich erwartet den Leser ein offenes Ende, das er zu interpretieren frei ist.

Fazit

„Zwischen zwei Fenstern“ von Dianne Touchell ist ein sehr faszinierendes Buch, das mich vor allem sprachlich begeistert hat. Es liest sich jedoch nicht leicht und es ist für empfindliche Leser sicherlich des Öfteren schwer verdaulich – ich musste oft schlucken. Die psychologische Tiefe, die sich darin jedoch auftut, entschädigte mich dafür mehr als genug. Es ist mit 256 Seiten nicht lang und dennoch wurden so viele Empfindungen in mir wachgerüttelt, dass ich noch immer einzeln

Bewertung vom 29.04.2018
Die fünf Gaben / Valenias Töchter Bd.1
Ross, Rebecca

Die fünf Gaben / Valenias Töchter Bd.1


gut

„Die fünf Gaben (Valenias Töchter 1)“ von Rebecca Ross ist ein Fantasyroman für Jugendliche ab 14 Jahren und erfüllt sämtliche Erwartungen an dieses Genre. Leider, muss ich ergänzen, denn ich hätte mir gewünscht, dass die Autorin hier und da mit den Erwartungen bricht, überrascht und mich auf eine unbekannte Reise mitnimmt. So ist die Geschichte solide und durchaus spannend und schön zu lesen, bietet mir aber nichts Neues. Darüber hinaus gibt es weitere Aspekte, die mich etwas störten, auf die ich in meiner Rezension zu sprechen kommen werde.

Allem voran: Brauchen wir wirklich noch eine Geschichte, in der sich Frauen in fünf sogenannten Passionen ausbilden lassen, um anschließend einen Gönner zu finden? Gut, die Gönner können sowohl männlich als auch weiblich sein, doch die Passionen entsprechen sehr einem überholten Rollenbild von Frauen. So werden die jungen Mädchen je nach Gabe in diesen Passionen unterrichtet: Kunst, Musik, Schauspiel, Esprit oder Wissen. Wissen wäre noch die emanzipierteste Passion, da es hier darum geht, sich in verschiedensten Fachrichtungen weiterzubilden, wie zum Beispiel Medizin oder Geschichte. Das Gesamtbild ist mir aber zu einseitig. Brienna wird im Wissen unterrichtet und lernt viel über die Geschichte ihres Landes, Valenia. Dabei stößt sie auf ein großes Unrecht, dass dem Nachbarkönigreich Maveana widerfahren ist.

An dieser Stelle gibt es in „Die fünf Gaben“ einen positiveren Twist, denn in Maevana waren es ursprünglich stets die Frauen, die als Königinnen auf dem Thron saßen und das Land regierten. Bis es zu einem Krieg kam, in dessen Folge ein Mann zum König ernannt und mögliche Thronfolgerinnen getötet wurden. Dieses Unrecht gilt es wieder ungeschehen zu machen und Brienna findet sich mittendrin, da sie eine wichtige Schlüsselfunktion innehat. Diese Entwicklung hat mir gut gefallen, da der Fokus von der Ausbildung weg, hin zu einer starken Protagonistin geht. Brienna steht im Rest des Buches mutig für das ein, woran sie glaubt und fürchtet keine der vielen Gefahren.

Allerdings konnte mich diese Entwicklung nicht immer vollständig überzeugen, da sie teils zu oberflächlich dargestellt wurde. Das möchte ich an einem Beispiel kurz erläutern: Brienna muss nicht nur in kürzester Zeit sehr viel Neues über Maevana und die Geschichte des Landes lernen, sie befindet sich zudem in völlig neuer Gesellschaft – und zwar in der ihres Gönners und seiner Familie. Diese Familie spielt eine zentrale Rolle und Brienna nimmt die Zielen der Familie sehr schnell und bedingungslos als ihre eigenen an. Sie vertraut ihrem Gönner, der sie als Tochter adoptiert, in kürzester Zeit, ohne ihn wirklich zu kennen und sie fühlt sich ihrem „Vater“ verbunden, als wäre er ihr leiblicher Vater. Für mich nicht nachvollziehbar.

Dieser Eindruck von Oberflächlichkeit zieht sich bis zum Ende des Buches weiter. Brienna war mir als Protagonistin zu farblos, ihre Ängste berührten mich kaum, gleiches gilt für ihre übrigen Gedanken. Teils kann ich das auf den Schreibstil zurückführen, der wenig auffällig ist und selten durch besondere Ausdrücke oder Bilder hervorsticht. Dadurch fehlt es der Gedanken- und Gefühlswelt von Brienna leider oft an Schärfe und Individualität. Der Vorteil des Schreibstils: Das Buch liest sich wahnsinnig schnell und flüssig.

Abseits der Kritikpunkte, die selbstverständlich sehr persönlicher Natur sind, gibt es natürlich auch einige positive Aspekte. Was mir extrem gut gefiel war, dass in „Die fünf Gaben“ keine Liebesgeschichte im Mittelpunkt steht. Sie wird in vielen Momenten angedeutet, doch sie nimmt niemals so viel Raum ein, als dass alle anderen Handlungen daneben verblassen. Auch war die Liebesgeschichte realistisch und nachvollziehbar. Das Abenteuer ist für sich genommen ebenfalls gut. Magie, Königreiche, Könige und Königinnen, Legenden, Kriege und Aufstände. Eine tolle Mischung, aus der Rebecca Ross meiner Meinung nach schlicht noch mehr hätte herausholen können.

Bewertung vom 20.04.2018
Schattengesicht
Antje, Wagner

Schattengesicht


ausgezeichnet

Wer auf der Suche nach einem Geheimtipp ist, der sollte unbedingt einen Blick in „Schattengesicht“ von Antje Wagner werfen, denn ich war der Geschichte von der ersten Seite an verfallen. Sowohl sprachlich als auch inhaltlich übte sie eine enorm starke Sogkraft aus. Auf dem Cover steht „Thriller“, doch es steckt so viel mehr darin.

In „Schattengesicht“ geht es um Mila und Polly, zwei enge Freundinnen, die in einer heruntergekommenen Wohnung zusammen leben. Mila arbeitet als Zimmermädchen in einem Hotel, Polly hingegen verlässt die Wohnung fast nie. Sie scheinen auf der Flucht zu sein, sie verstecken sich. Doch wovor? Das erfährt der Leser nicht. Überhaupt bleibt vieles von der Handlung über weite Strecken hinweg unklar.

Nur eine Sache lässt sich früh erahnen. Doch das macht nichts, denn es geht Antje Wagner, so meine Annahme, nicht darum, ihre Leser möglichst lange im Dunkeln tappen zu lassen. Vielmehr geht es darum, Klarheit über das „Warum?“ zu erlangen, denn hinter jedem Tun von Mila und Polly steht diese Frage, der Antje Wagner sprachlich virtuos nachgeht. Sie nimmt die Empfindungen ihrer Protagonistin auseinander und verpackt sie gleichzeitig wieder in beinahe schmerzhaft schöne Bilder. Schmerzhaft ist ein gutes Stichwort, denn würde ich die Geschichte von Mila und Polly in einem Wort zusammenfassen müssen, wäre es das: schmerzhaft.

Anfangs ist es ein nicht wirklich greifbarer Schmerz, der sich durch die Gedanken und Erinnerungen von Mila zieht. Doch er ist vorhanden, er zeigt sich in kurzen Momenten, in Situationen, in denen Mila unsicher und zögerlich ist, in denen sie sich verletzlich fühlt. Später wird der Schmerz sehr real und nimmt dadurch eine neue Dimension ein. Man ahnt, dass man dem Ursprung des Schmerzes auf der Spur ist, dass man ihm mit jeder gelesenen Seite näherkommt und damit auch der Erklärung für all die Ungereimtheiten.

Antje Wagner geht hier brillant subtil vor. Sie streut Andeutungen und reichert ihre Geschichte Stück für Stück weiter an. Dazu trägt in großem Maße bei, dass „Schattengesicht“ rückwärts erzählt wird. So ist es ein logischer Prozess, dass die Hintergründe erst im Verlauf des Lesens aufgedeckt werden, denn sie liegen in der Kindheit von Mila vergraben.

ICH SANK IN DIE ERINNERUNG, IN DAS GEFÜHL EINER FREMDEN EINSAMKEIT, DAS ICH AN JENEM NACHMITTAG IN HALBREICH VERSPÜRT HATTE, UND MEHR ALS ALLES FÜHLTE SICH DIESE ERINNERUNG WIE EIN ZUHAUSE AN. (SEITE 154)

In gleichem Maße, wie Seite für Seite das Verstehen zunimmt, wächst auch das Verständnis für Mila. Zu Beginn wurde ich nämlich nicht recht schlau aus ihr. Sie ist ein eigenwilliger Charakter. Weder Gespräche noch die Handlung trugen dazu bei, sie besser verstehen zu können. Mila ist ein einziges großes Rätsel und es ist ein faszinierender Prozess, sie kennenzulernen. Ebenso Polly. Wer ist sie? Ohne Frage ist sie ein mutiger Dickkopf, der sich für andere einsetzt. Schon früh erlebt man sie in Aktion. Doch was macht sie darüber hinaus aus? Was hat sie alles erlebt? Welche Rolle spielt sie in Milas Kindheit? Fragen über Fragen.

Eines ist klar: „Schattengesicht“ ist eine Geschichte, in der dem Leser Raum geschenkt wird, seinen eigenen Ideen und Vermutungen nachzugehen. Könnte hier nicht ein Zusammenhang bestehen? Was, wenn sich dies oder jenes zugetragen hätte…? Sehr anregend! Noch dazu spielt Antje Wagner teils herrlich bewusst mit den Erwartungen. Nichts ist, wie es auf den ersten Blick scheint.

Fazit

„Schattengesicht“ von Antje Wagner ist ein Thriller, der mich mit seiner Sprache, seiner Bildgewalt, seiner Charakterentwicklung und seinem Aufbau begeisterte, wie lange kein Buch zuvor. Die Stimmung ist düster, geheimnisvoll, drückend und spannungsgeladen und man wird mit einem Verdacht durch die Geschichte getragen, bis dieser sich erhärtet und alles sich

Bewertung vom 14.04.2018
Blaues Funkeln / Mein Date mit den Sternen Bd.1
Belitz, Bettina

Blaues Funkeln / Mein Date mit den Sternen Bd.1


sehr gut

Bettina Belitz ist eine meiner liebsten deutschen Autorinnen. Daher habe ich mich umso mehr gefreut, dass mit „Mein Date mit den Sternen – Blaues Funkeln“ der Auftakt für eine neue Reihe erschienen ist. Es geht um die Sterne, das Weltall, eine geheimnisvolle Botschaft, einen besonderen Auftrag und mysteriöse Männer in Schwarz – und ja, diese Bezeichnung sorgt auch innerhalb der Geschichte für einen herzlichen Lacher.

Die Jugendbücher von Bettina Belitz umgibt immer etwas magisches, die Geschichten wirken auf mich, als seien sie nicht ganz von dieser Welt. Entrückt und fantasievoll sind sie. Weniger entrückt, dafür aber natürlich voller Fantasie und vor allem mit einer geballten Ladung Humor, kommt „Mein Date mit den Sternen“ daher. Es ist für eine jüngere Zielgruppe geschrieben (die Empfehlung lautet ab 12 Jahre, es ist aber meines Erachtens auch schon für 8 bis 11 Jahre alte Kinder geeignet), doch ich fühlte mich auch als Erwachsene gut unterhalten. Als Jugendliche hätte ich dieses Abenteuer geliebt.

Und ein Abenteuer ist es wirklich! Denn Joss und Maks haben nicht nur mit Mobbing in der Schule zu kämpfen, sie erhalten außerdem einen kosmischen Auftrag. Was genau es damit auf sich hat, möchte ich nicht verraten, doch so viel sei gesagt: Sie erfahren Unglaubliches über sich selbst.

Der Reiz der Geschichte liegt besonders darin, dass wir es mit zwei jungen Menschen zu tun haben, die absolute Außenseiter sind. Sie fühlen sich fehl am Platz zwischen ihren Mitschülern, sie finden keinen Anschluss und zu allem Überfluss machen ihnen auch noch zahlreiche Allergien und Unverträglichkeiten zu schaffen. Joss und Maks sind schlicht seltsam. Doch das schweißt sie zusammen und diese besondere Energie hat Bettina Belitz sehr gut eingefangen. Sie sind nicht ganz Freunde, aber auch keine Fremden. Sie vertrauen einander, wissen aber nicht, inwieweit dieses Vertrauen auch die Grenzen ihres bisherigen Zusammenseins überstehen kann. Sie wissen sehr viel über einander, kennen sich aber trotzdem nicht richtig. Eine wirklich spannende Dynamik.

Die Geschichte entwickelt sich durchweg sehr schnell, was mir gut gefallen hat. Nur ab der Mitte wäre es schön gewesen, etwas länger in einer Situation bleiben zu können, um mehr Details zu erfahren. Der Leser sieht sich mit vielen Fragen konfrontiert, für die es erst einmal keine Antworten gibt. Zwar hat man durch einen Prolog ein bisschen mehr Ahnung vom großen Ganzen, doch alle Informationen hat man natürlich längst nicht. „Mein Date mit den Sternen“ liest sich also ziemlich rasch weg, denn als Leser ist man genauso erpicht darauf, hinter das Geheimnis zu kommen, wie Joss und Maks.

Joss ist eine absolut liebenswerte Protagonistin, mit einem herrlich unverkrampften und humorvollen Blick auf die Welt. Sie wird zwar gemobbt, ist aber ziemlich tough und steckt alle Missetaten ihrer Mitschüler erstaunlich gut weg. Außerdem ist sie äußerst klug und eine wahre Astronomie-Expertin. Maks hingegen ist eher der ruhige Skeptiker, der Joss aufs Feinste ergänzt. Ich liebe die beiden zusammen, vor allem, wenn erzählt wird, welche Erste Hilfe Maßnahmen sie beherrschen und ausüben, um einander bei allergischen Reaktionen oder sonstigen Notfällen zu helfen. Und ich liebe die beiden, wenn sie später auch ab und an mal aneinandergeraten. Eine Liebesgeschichte ist dieses Jugendbuch aber nicht. Zumindest nicht in Band 1. Doch wer weiß, was noch alles kommt.

Fazit

„Mein Date mit den Sternen“ von Bettina Belitz ist ein herzerwärmendes, humorvolles, spannendes und süßes Jugendbuch. Ich habe es sehr gerne gelesen, würde es aber eher den jüngeren Lesern ans Herz legen. Erwartungen älterer Leser würden unter Umständen nicht vollkommen erfüllt werden. Doch das Gesamtpaket stimmt, die Geschichte ist wunderbar fantasievoll, mit einer tollen Protagonistin und sprachlich natürlich ganz im für Bettina Belitz typischen, ausdrucksstarken Stil.

Bewertung vom 10.04.2018
Die dunkelsten Sterne des Himmels / Fuchs und Feuer Bd.1
Fawcett, Heather

Die dunkelsten Sterne des Himmels / Fuchs und Feuer Bd.1


ausgezeichnet

„Fuchs und Feuer“ von Heather Fawcett hat vor allem eines geschafft: Es hat mich überrascht! Ich erwartete eine klassische Fantasy-Geschichte für Jugendliche, die eher den ausgetretenen Pfaden dieses Genres folgt. Dennoch reizte mich etwas an diesem Buch. Sicherlich das Cover und ebenso das Thema Bergsteigen. Doch darüber hinaus? Ich kann es nicht benennen. Umso glücklicher bin ich, auf mein Bauchgefühl gehört zu haben, denn auch wenn anfangs noch vieles darauf hindeutete, dass dieses Debüt von Autorin Heather Fawcett nichts bahnbrechend Neues liefern würde, wurde ich eines Besseren belehrt: In dieser fantastischen Geschichte um Bergsteigerin Kamzin stecken Fantasie und viele neue Ideen drin.

Die junge Kamzin wird auserwählt, eine gefährliche Reise auf den Gipfel des Berges Raksha zu machen. Sie soll dem bekannten und sagenumwobenen Entdecker River Shara den Weg weisen. Damit erfüllt sich ihr großer Traum, auf den sie schon ihr ganzes Leben hingearbeitet hat und von dem sie niemals zu hoffen gewagt hatte, dass er jemals Wirklichkeit werden würde. Es begleitet sie unter anderem ihr bester Freund Tem. Er sorgt sich um sie, denn bisher sind alle Expeditionen zum Berg gescheitert. Bis hierhin bietet „Fuchs und Feuer“ kaum Überraschungen. River Shara ist gutaussehend und ziemlich arrogant, dennoch fühlt sich Kamzin zu ihm hingezogen. Tem ist in Kamzin verliebt, sie aber nicht in ihn. Doch Stopp, ehe sich die beinahe schon übliche Dreiecksgeschichte entfalten kann und auch sonst gängige Klischees erfüllt werden, beginnt der Roman neue Seiten zu zeigen.

DAS LEBEN IM DORF WAR KLEIN, STILL UND WOHLGEORDNET, ICH WOLLTE LÄRM, ABENTEUER UND WEITE LANDSTRICHE, DIE SICH VOR MIR ERSTRECKTEN WIE WEISSES PERGAMENT, AUF DAS ICH MIT MEINEN EIGENEN GESCHICHTEN SCHREIBEN KONNTE. (SEITE 186)

Die Ideen von Heather Fawcett sind wunderbar einfallsreich. Sie hat eine einzigartige Welt erschaffen, die fantastisch und dennoch realistisch ist. Ein Abenteuerroman für Bergsteiger trifft auf fantastische Gefahren und Geheimnisse. Kamzin’s Welt ist friedlich, sieht sich aber einer großen Bedrohung ausgesetzt. Diese zu verhindern, ist die Aufgabe von River Shara. Magische Kräfte, unheimliche Wesen und Dämonen kommen ins Spiel. Und selbst dem Berg wohnt eine seltsame Kraft inne. Zudem ist die Geschichte reich an Details über das Bergsteigen. Blutende Finger, abgebrochene Nägel, erfrorene Zehen und zahlreiche andere Verletzungen stehen an der Tagesordnung. Dies trägt stark dazu bei, dass man sich mittendrin wähnt. Ich bestieg mit Kamzin und River und Tem diesen Berg und kämpfte mich mit ihnen die Bergmassive hinauf.

Vor allem aber ist es der Verlauf der Geschichte, der mich vor allem ab der Mitte in Atem hielt. Vieles konnte ich erahnen, doch das meiste waren Überraschungen und der Showdown auf den letzten Seiten kann sich wirklich blicken lassen. Ich kann es kaum erwarten zu erfahren, wie diese Geschichte weitergeht.

ES WAR NICHTS EINLADENDES AN DIESEM BERG – GANZ IM GEGENTEIL. JE LÄNGER ICH HINAUSSTARRTE, DESTO MEHR WAR ICH DAVON ÜBERZEUGT, DASS DER RAKSHA UNS DORT NICHT HABEN WOLLTE. (SEITE 234)

Hinzu kommen Charaktere, die rundum glaubwürdig sind und es einem einfach machen, sie auf dem Weg durch ihre Geschichte zu begleiten. Kamzin ist eine starke Protagonistin, die allein schon in Band 1 eine große Entwicklung macht. Treiben sie anfangs noch Ehrgeiz und Eifer an, wird sie bald schon von den Ereignissen überrollt. Es bleiben Verzweiflung und ein eiserner Wille. River Shara ist über weite Teile des Buches hinweg der typische Bad Boy, in den sich die Protagonistin verliebt. Doch am Ende zeigt er sich von einer ganz neuen Seite, die mich richtig berührte und die vor allem der Beziehung zwischen Kamzin und ihm eine ganz neue Dynamik verleiht. Tem nimmt die undankbare Rolle des vor Liebe blinden Freundes ein. Er folgt Ka

Bewertung vom 07.04.2018
Das Buch der seltsamen neuen Dinge
Faber, Michel

Das Buch der seltsamen neuen Dinge


ausgezeichnet

PETER, ICH LIEBE DICH, SCHRIEB SIE. ER LAS IHRE GRÜSSE MEHRMALS, NICHT, UM SIE ZU GENIESSEN, SONDERN UM ZU WARTEN, BIS DIE WORTE MEHR ALS NUR AUF EINEM PLASTIKSCHIRM ANGEORDNETE PIXEL WAREN, BIS ER IHRE STIMME HÖRTE. (SEITE 39)

„Das Buch der seltsamen neuen Dinge“ lässt sich kaum in eine Form pressen, denn Michel Faber behandelt darin eine Vielzahl an Themen: Liebe, Christentum, Missionarisierung, Umwelt, Naturkatastrophen, Weltraumforschung. Auf über 600 Seiten geht Faber den Dingen auf den Grund, nichts streift er flüchtig, jeder Gedanke erhält die Menge an Zeilen, die er benötigt, um vollständig und umfassend zu Ende gedacht zu werden. Dadurch kann ich nur empfehlen: Nehmt euch Zeit für dieses Buch, denn darin gibt es vieles zu entdecken. Achtung, meine Rezension ist nicht frei von Spoilern, da ich auf einige spezielle Aspekte der Geschichte näher eingehen möchte. Es wird jedoch nicht zu viel verraten.

„Das Buch der seltsamen neuen Dinge“ beginnt mit einer Reise. Pastor Peter Leigh erhält das einmalige Angebot, eine Reise zum fernen Planeten Oasis zu machen, um dort die Bewohner das Christentum zu lehren. Das kann er nicht ausschlagen, obwohl es bedeutet, seine Frau Bea lange Zeit nicht sehen zu können. Doch Peter und Bea lieben sich innig und sind sich sicher, diese Zeit ohne den anderen verkraften zu können. So macht sich Peter also auf den Weg. Auf Oasis begegnet er nicht nur den Bewohnern den Oasiern, sondern natürlich auch anderen Forschern der Station. Beide bilden in ihrem Verhalten einen spannenden Kontrast: die Oasier, so fremd und doch menschlich mitfühlend, die Menschen, so vertraut und doch so seltsam distanziert und kühl. Die Charaktere und die feinsinnige Darstellung zeichnet dieses Buch sehr aus.

AUF SEINEN BEFEHL SUCHTE EIN NETZ AUS RAFFINIERTER TECHNIK DEN KOSMOS NACH IHREN GEDANKEN AB UND FAND NICHTS. NUR DEN EINEN VERZWEIFLUNGSSCHREI, DER NOCH AUF DEM SCHIRM LEUCHTETE, DIE VIER SCHRECKLICHEN WORTE IN KONTEXTLOSER GRAUER LEERE. (SEITE 535)

Der Roman lebt von weiteren Kontrasten und spielt mit den Erwartungen. So erwartet man vom Leben auf Oasis Abenteuer, Spannung und Gefahren, stattdessen stellt sich Oasis als friedlicher Ort heraus. Beinahe schon idyllisch, wäre es nicht so eine karge Landschaft. Auf der Erde hingegen ereignet sich eine Naturkatastrophe nach der anderen. Es wird zwar nie eindeutig gesagt, doch es liegt nahe, dass sie durch die Klimaerwärmung ausgelöst oder zumindest verstärkt werden. Bea durchleidet also Dramen, die für Peter in immer weitere Ferne rücken. Wie kann der jeweils andere nachvollziehen und nachempfinden, was dem Partner widerfährt? Der Leser spürt in der Kommunikation von Peter und Bea, wie sie voneinander wegdriften und die Lebensrealität des jeweils anderen nicht nachvollziehen können. Ein faszinierender Prozess von Distanzierung und Annäherung, die Michel Faber sehr treffend in Worte fasst.

Natürlich spielt die christliche Religion auch eine wichtige Rolle in dem Roman. Dies aber niemals aufdringlich, wertend oder belehrend, sondern das Christentum stellt schlicht eine Möglichkeit dar, die Welt und das Leben wahrzunehmen. Allerdings haben sowohl Peter als auch Bea den absoluten Willen, andere Menschen zu bekehren. Faber geht jedoch vielmehr der Frage nach, was mit dem Glauben passiert, wenn die Welt sich von ihrer unbarmherzigsten und brutalsten Seite zeigt. Hat man dann noch die Kraft, an Gott zu glauben?

Fazit

Michel Faber zeigt in „Das Buch der seltsamen neuen Dinge“, was Menschen und Lebewesen unterschiedlichster Herkunft dazu bewegt religiös zu sein oder religiös werden zu wollen, aber auch, was sie dazu bringen kann, sich vom Glauben abzuwenden. Dieses Grundthema ergänzt um eine Reise zu einem fremden Planeten sowie eine aufwühlend düstere Zukunftsvision der Erde, machen diesen Roman ungeheuer