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Benutzername: Buchstabenträumerin
Danksagungen: 7 (erhaltene)


Bewertungen

Insgesamt 79 Bewertungen
Bewertung vom 20.04.2018
Schattengesicht
Antje, Wagner

Schattengesicht


ausgezeichnet

Wer auf der Suche nach einem Geheimtipp ist, der sollte unbedingt einen Blick in „Schattengesicht“ von Antje Wagner werfen, denn ich war der Geschichte von der ersten Seite an verfallen. Sowohl sprachlich als auch inhaltlich übte sie eine enorm starke Sogkraft aus. Auf dem Cover steht „Thriller“, doch es steckt so viel mehr darin.

In „Schattengesicht“ geht es um Mila und Polly, zwei enge Freundinnen, die in einer heruntergekommenen Wohnung zusammen leben. Mila arbeitet als Zimmermädchen in einem Hotel, Polly hingegen verlässt die Wohnung fast nie. Sie scheinen auf der Flucht zu sein, sie verstecken sich. Doch wovor? Das erfährt der Leser nicht. Überhaupt bleibt vieles von der Handlung über weite Strecken hinweg unklar.

Nur eine Sache lässt sich früh erahnen. Doch das macht nichts, denn es geht Antje Wagner, so meine Annahme, nicht darum, ihre Leser möglichst lange im Dunkeln tappen zu lassen. Vielmehr geht es darum, Klarheit über das „Warum?“ zu erlangen, denn hinter jedem Tun von Mila und Polly steht diese Frage, der Antje Wagner sprachlich virtuos nachgeht. Sie nimmt die Empfindungen ihrer Protagonistin auseinander und verpackt sie gleichzeitig wieder in beinahe schmerzhaft schöne Bilder. Schmerzhaft ist ein gutes Stichwort, denn würde ich die Geschichte von Mila und Polly in einem Wort zusammenfassen müssen, wäre es das: schmerzhaft.

Anfangs ist es ein nicht wirklich greifbarer Schmerz, der sich durch die Gedanken und Erinnerungen von Mila zieht. Doch er ist vorhanden, er zeigt sich in kurzen Momenten, in Situationen, in denen Mila unsicher und zögerlich ist, in denen sie sich verletzlich fühlt. Später wird der Schmerz sehr real und nimmt dadurch eine neue Dimension ein. Man ahnt, dass man dem Ursprung des Schmerzes auf der Spur ist, dass man ihm mit jeder gelesenen Seite näherkommt und damit auch der Erklärung für all die Ungereimtheiten.

Antje Wagner geht hier brillant subtil vor. Sie streut Andeutungen und reichert ihre Geschichte Stück für Stück weiter an. Dazu trägt in großem Maße bei, dass „Schattengesicht“ rückwärts erzählt wird. So ist es ein logischer Prozess, dass die Hintergründe erst im Verlauf des Lesens aufgedeckt werden, denn sie liegen in der Kindheit von Mila vergraben.

ICH SANK IN DIE ERINNERUNG, IN DAS GEFÜHL EINER FREMDEN EINSAMKEIT, DAS ICH AN JENEM NACHMITTAG IN HALBREICH VERSPÜRT HATTE, UND MEHR ALS ALLES FÜHLTE SICH DIESE ERINNERUNG WIE EIN ZUHAUSE AN. (SEITE 154)

In gleichem Maße, wie Seite für Seite das Verstehen zunimmt, wächst auch das Verständnis für Mila. Zu Beginn wurde ich nämlich nicht recht schlau aus ihr. Sie ist ein eigenwilliger Charakter. Weder Gespräche noch die Handlung trugen dazu bei, sie besser verstehen zu können. Mila ist ein einziges großes Rätsel und es ist ein faszinierender Prozess, sie kennenzulernen. Ebenso Polly. Wer ist sie? Ohne Frage ist sie ein mutiger Dickkopf, der sich für andere einsetzt. Schon früh erlebt man sie in Aktion. Doch was macht sie darüber hinaus aus? Was hat sie alles erlebt? Welche Rolle spielt sie in Milas Kindheit? Fragen über Fragen.

Eines ist klar: „Schattengesicht“ ist eine Geschichte, in der dem Leser Raum geschenkt wird, seinen eigenen Ideen und Vermutungen nachzugehen. Könnte hier nicht ein Zusammenhang bestehen? Was, wenn sich dies oder jenes zugetragen hätte…? Sehr anregend! Noch dazu spielt Antje Wagner teils herrlich bewusst mit den Erwartungen. Nichts ist, wie es auf den ersten Blick scheint.

Fazit

„Schattengesicht“ von Antje Wagner ist ein Thriller, der mich mit seiner Sprache, seiner Bildgewalt, seiner Charakterentwicklung und seinem Aufbau begeisterte, wie lange kein Buch zuvor. Die Stimmung ist düster, geheimnisvoll, drückend und spannungsgeladen und man wird mit einem Verdacht durch die Geschichte getragen, bis dieser sich erhärtet und alles sich

Bewertung vom 14.04.2018
Blaues Funkeln / Mein Date mit den Sternen Bd.1
Belitz, Bettina

Blaues Funkeln / Mein Date mit den Sternen Bd.1


sehr gut

Bettina Belitz ist eine meiner liebsten deutschen Autorinnen. Daher habe ich mich umso mehr gefreut, dass mit „Mein Date mit den Sternen – Blaues Funkeln“ der Auftakt für eine neue Reihe erschienen ist. Es geht um die Sterne, das Weltall, eine geheimnisvolle Botschaft, einen besonderen Auftrag und mysteriöse Männer in Schwarz – und ja, diese Bezeichnung sorgt auch innerhalb der Geschichte für einen herzlichen Lacher.

Die Jugendbücher von Bettina Belitz umgibt immer etwas magisches, die Geschichten wirken auf mich, als seien sie nicht ganz von dieser Welt. Entrückt und fantasievoll sind sie. Weniger entrückt, dafür aber natürlich voller Fantasie und vor allem mit einer geballten Ladung Humor, kommt „Mein Date mit den Sternen“ daher. Es ist für eine jüngere Zielgruppe geschrieben (die Empfehlung lautet ab 12 Jahre, es ist aber meines Erachtens auch schon für 8 bis 11 Jahre alte Kinder geeignet), doch ich fühlte mich auch als Erwachsene gut unterhalten. Als Jugendliche hätte ich dieses Abenteuer geliebt.

Und ein Abenteuer ist es wirklich! Denn Joss und Maks haben nicht nur mit Mobbing in der Schule zu kämpfen, sie erhalten außerdem einen kosmischen Auftrag. Was genau es damit auf sich hat, möchte ich nicht verraten, doch so viel sei gesagt: Sie erfahren Unglaubliches über sich selbst.

Der Reiz der Geschichte liegt besonders darin, dass wir es mit zwei jungen Menschen zu tun haben, die absolute Außenseiter sind. Sie fühlen sich fehl am Platz zwischen ihren Mitschülern, sie finden keinen Anschluss und zu allem Überfluss machen ihnen auch noch zahlreiche Allergien und Unverträglichkeiten zu schaffen. Joss und Maks sind schlicht seltsam. Doch das schweißt sie zusammen und diese besondere Energie hat Bettina Belitz sehr gut eingefangen. Sie sind nicht ganz Freunde, aber auch keine Fremden. Sie vertrauen einander, wissen aber nicht, inwieweit dieses Vertrauen auch die Grenzen ihres bisherigen Zusammenseins überstehen kann. Sie wissen sehr viel über einander, kennen sich aber trotzdem nicht richtig. Eine wirklich spannende Dynamik.

Die Geschichte entwickelt sich durchweg sehr schnell, was mir gut gefallen hat. Nur ab der Mitte wäre es schön gewesen, etwas länger in einer Situation bleiben zu können, um mehr Details zu erfahren. Der Leser sieht sich mit vielen Fragen konfrontiert, für die es erst einmal keine Antworten gibt. Zwar hat man durch einen Prolog ein bisschen mehr Ahnung vom großen Ganzen, doch alle Informationen hat man natürlich längst nicht. „Mein Date mit den Sternen“ liest sich also ziemlich rasch weg, denn als Leser ist man genauso erpicht darauf, hinter das Geheimnis zu kommen, wie Joss und Maks.

Joss ist eine absolut liebenswerte Protagonistin, mit einem herrlich unverkrampften und humorvollen Blick auf die Welt. Sie wird zwar gemobbt, ist aber ziemlich tough und steckt alle Missetaten ihrer Mitschüler erstaunlich gut weg. Außerdem ist sie äußerst klug und eine wahre Astronomie-Expertin. Maks hingegen ist eher der ruhige Skeptiker, der Joss aufs Feinste ergänzt. Ich liebe die beiden zusammen, vor allem, wenn erzählt wird, welche Erste Hilfe Maßnahmen sie beherrschen und ausüben, um einander bei allergischen Reaktionen oder sonstigen Notfällen zu helfen. Und ich liebe die beiden, wenn sie später auch ab und an mal aneinandergeraten. Eine Liebesgeschichte ist dieses Jugendbuch aber nicht. Zumindest nicht in Band 1. Doch wer weiß, was noch alles kommt.

Fazit

„Mein Date mit den Sternen“ von Bettina Belitz ist ein herzerwärmendes, humorvolles, spannendes und süßes Jugendbuch. Ich habe es sehr gerne gelesen, würde es aber eher den jüngeren Lesern ans Herz legen. Erwartungen älterer Leser würden unter Umständen nicht vollkommen erfüllt werden. Doch das Gesamtpaket stimmt, die Geschichte ist wunderbar fantasievoll, mit einer tollen Protagonistin und sprachlich natürlich ganz im für Bettina Belitz typischen, ausdrucksstarken Stil.

Bewertung vom 10.04.2018
Die dunkelsten Sterne des Himmels / Fuchs und Feuer Bd.1
Fawcett, Heather

Die dunkelsten Sterne des Himmels / Fuchs und Feuer Bd.1


ausgezeichnet

„Fuchs und Feuer“ von Heather Fawcett hat vor allem eines geschafft: Es hat mich überrascht! Ich erwartete eine klassische Fantasy-Geschichte für Jugendliche, die eher den ausgetretenen Pfaden dieses Genres folgt. Dennoch reizte mich etwas an diesem Buch. Sicherlich das Cover und ebenso das Thema Bergsteigen. Doch darüber hinaus? Ich kann es nicht benennen. Umso glücklicher bin ich, auf mein Bauchgefühl gehört zu haben, denn auch wenn anfangs noch vieles darauf hindeutete, dass dieses Debüt von Autorin Heather Fawcett nichts bahnbrechend Neues liefern würde, wurde ich eines Besseren belehrt: In dieser fantastischen Geschichte um Bergsteigerin Kamzin stecken Fantasie und viele neue Ideen drin.

Die junge Kamzin wird auserwählt, eine gefährliche Reise auf den Gipfel des Berges Raksha zu machen. Sie soll dem bekannten und sagenumwobenen Entdecker River Shara den Weg weisen. Damit erfüllt sich ihr großer Traum, auf den sie schon ihr ganzes Leben hingearbeitet hat und von dem sie niemals zu hoffen gewagt hatte, dass er jemals Wirklichkeit werden würde. Es begleitet sie unter anderem ihr bester Freund Tem. Er sorgt sich um sie, denn bisher sind alle Expeditionen zum Berg gescheitert. Bis hierhin bietet „Fuchs und Feuer“ kaum Überraschungen. River Shara ist gutaussehend und ziemlich arrogant, dennoch fühlt sich Kamzin zu ihm hingezogen. Tem ist in Kamzin verliebt, sie aber nicht in ihn. Doch Stopp, ehe sich die beinahe schon übliche Dreiecksgeschichte entfalten kann und auch sonst gängige Klischees erfüllt werden, beginnt der Roman neue Seiten zu zeigen.

DAS LEBEN IM DORF WAR KLEIN, STILL UND WOHLGEORDNET, ICH WOLLTE LÄRM, ABENTEUER UND WEITE LANDSTRICHE, DIE SICH VOR MIR ERSTRECKTEN WIE WEISSES PERGAMENT, AUF DAS ICH MIT MEINEN EIGENEN GESCHICHTEN SCHREIBEN KONNTE. (SEITE 186)

Die Ideen von Heather Fawcett sind wunderbar einfallsreich. Sie hat eine einzigartige Welt erschaffen, die fantastisch und dennoch realistisch ist. Ein Abenteuerroman für Bergsteiger trifft auf fantastische Gefahren und Geheimnisse. Kamzin’s Welt ist friedlich, sieht sich aber einer großen Bedrohung ausgesetzt. Diese zu verhindern, ist die Aufgabe von River Shara. Magische Kräfte, unheimliche Wesen und Dämonen kommen ins Spiel. Und selbst dem Berg wohnt eine seltsame Kraft inne. Zudem ist die Geschichte reich an Details über das Bergsteigen. Blutende Finger, abgebrochene Nägel, erfrorene Zehen und zahlreiche andere Verletzungen stehen an der Tagesordnung. Dies trägt stark dazu bei, dass man sich mittendrin wähnt. Ich bestieg mit Kamzin und River und Tem diesen Berg und kämpfte mich mit ihnen die Bergmassive hinauf.

Vor allem aber ist es der Verlauf der Geschichte, der mich vor allem ab der Mitte in Atem hielt. Vieles konnte ich erahnen, doch das meiste waren Überraschungen und der Showdown auf den letzten Seiten kann sich wirklich blicken lassen. Ich kann es kaum erwarten zu erfahren, wie diese Geschichte weitergeht.

ES WAR NICHTS EINLADENDES AN DIESEM BERG – GANZ IM GEGENTEIL. JE LÄNGER ICH HINAUSSTARRTE, DESTO MEHR WAR ICH DAVON ÜBERZEUGT, DASS DER RAKSHA UNS DORT NICHT HABEN WOLLTE. (SEITE 234)

Hinzu kommen Charaktere, die rundum glaubwürdig sind und es einem einfach machen, sie auf dem Weg durch ihre Geschichte zu begleiten. Kamzin ist eine starke Protagonistin, die allein schon in Band 1 eine große Entwicklung macht. Treiben sie anfangs noch Ehrgeiz und Eifer an, wird sie bald schon von den Ereignissen überrollt. Es bleiben Verzweiflung und ein eiserner Wille. River Shara ist über weite Teile des Buches hinweg der typische Bad Boy, in den sich die Protagonistin verliebt. Doch am Ende zeigt er sich von einer ganz neuen Seite, die mich richtig berührte und die vor allem der Beziehung zwischen Kamzin und ihm eine ganz neue Dynamik verleiht. Tem nimmt die undankbare Rolle des vor Liebe blinden Freundes ein. Er folgt Ka

Bewertung vom 07.04.2018
Das Buch der seltsamen neuen Dinge
Faber, Michel

Das Buch der seltsamen neuen Dinge


ausgezeichnet

PETER, ICH LIEBE DICH, SCHRIEB SIE. ER LAS IHRE GRÜSSE MEHRMALS, NICHT, UM SIE ZU GENIESSEN, SONDERN UM ZU WARTEN, BIS DIE WORTE MEHR ALS NUR AUF EINEM PLASTIKSCHIRM ANGEORDNETE PIXEL WAREN, BIS ER IHRE STIMME HÖRTE. (SEITE 39)

„Das Buch der seltsamen neuen Dinge“ lässt sich kaum in eine Form pressen, denn Michel Faber behandelt darin eine Vielzahl an Themen: Liebe, Christentum, Missionarisierung, Umwelt, Naturkatastrophen, Weltraumforschung. Auf über 600 Seiten geht Faber den Dingen auf den Grund, nichts streift er flüchtig, jeder Gedanke erhält die Menge an Zeilen, die er benötigt, um vollständig und umfassend zu Ende gedacht zu werden. Dadurch kann ich nur empfehlen: Nehmt euch Zeit für dieses Buch, denn darin gibt es vieles zu entdecken. Achtung, meine Rezension ist nicht frei von Spoilern, da ich auf einige spezielle Aspekte der Geschichte näher eingehen möchte. Es wird jedoch nicht zu viel verraten.

„Das Buch der seltsamen neuen Dinge“ beginnt mit einer Reise. Pastor Peter Leigh erhält das einmalige Angebot, eine Reise zum fernen Planeten Oasis zu machen, um dort die Bewohner das Christentum zu lehren. Das kann er nicht ausschlagen, obwohl es bedeutet, seine Frau Bea lange Zeit nicht sehen zu können. Doch Peter und Bea lieben sich innig und sind sich sicher, diese Zeit ohne den anderen verkraften zu können. So macht sich Peter also auf den Weg. Auf Oasis begegnet er nicht nur den Bewohnern den Oasiern, sondern natürlich auch anderen Forschern der Station. Beide bilden in ihrem Verhalten einen spannenden Kontrast: die Oasier, so fremd und doch menschlich mitfühlend, die Menschen, so vertraut und doch so seltsam distanziert und kühl. Die Charaktere und die feinsinnige Darstellung zeichnet dieses Buch sehr aus.

AUF SEINEN BEFEHL SUCHTE EIN NETZ AUS RAFFINIERTER TECHNIK DEN KOSMOS NACH IHREN GEDANKEN AB UND FAND NICHTS. NUR DEN EINEN VERZWEIFLUNGSSCHREI, DER NOCH AUF DEM SCHIRM LEUCHTETE, DIE VIER SCHRECKLICHEN WORTE IN KONTEXTLOSER GRAUER LEERE. (SEITE 535)

Der Roman lebt von weiteren Kontrasten und spielt mit den Erwartungen. So erwartet man vom Leben auf Oasis Abenteuer, Spannung und Gefahren, stattdessen stellt sich Oasis als friedlicher Ort heraus. Beinahe schon idyllisch, wäre es nicht so eine karge Landschaft. Auf der Erde hingegen ereignet sich eine Naturkatastrophe nach der anderen. Es wird zwar nie eindeutig gesagt, doch es liegt nahe, dass sie durch die Klimaerwärmung ausgelöst oder zumindest verstärkt werden. Bea durchleidet also Dramen, die für Peter in immer weitere Ferne rücken. Wie kann der jeweils andere nachvollziehen und nachempfinden, was dem Partner widerfährt? Der Leser spürt in der Kommunikation von Peter und Bea, wie sie voneinander wegdriften und die Lebensrealität des jeweils anderen nicht nachvollziehen können. Ein faszinierender Prozess von Distanzierung und Annäherung, die Michel Faber sehr treffend in Worte fasst.

Natürlich spielt die christliche Religion auch eine wichtige Rolle in dem Roman. Dies aber niemals aufdringlich, wertend oder belehrend, sondern das Christentum stellt schlicht eine Möglichkeit dar, die Welt und das Leben wahrzunehmen. Allerdings haben sowohl Peter als auch Bea den absoluten Willen, andere Menschen zu bekehren. Faber geht jedoch vielmehr der Frage nach, was mit dem Glauben passiert, wenn die Welt sich von ihrer unbarmherzigsten und brutalsten Seite zeigt. Hat man dann noch die Kraft, an Gott zu glauben?

Fazit

Michel Faber zeigt in „Das Buch der seltsamen neuen Dinge“, was Menschen und Lebewesen unterschiedlichster Herkunft dazu bewegt religiös zu sein oder religiös werden zu wollen, aber auch, was sie dazu bringen kann, sich vom Glauben abzuwenden. Dieses Grundthema ergänzt um eine Reise zu einem fremden Planeten sowie eine aufwühlend düstere Zukunftsvision der Erde, machen diesen Roman ungeheuer

Bewertung vom 12.03.2018
Wir sind dann wohl die Angehörigen
Scheerer, Johann

Wir sind dann wohl die Angehörigen


ausgezeichnet

WIR WAREN AUS UNSEREM UNIVERSUM HINAUSKATAPULTIERT WORDEN. DIE ZEIT, WIE WIR SIE KANNTEN, EXISTIERTE NICHT MEHR. (SEITE 19)

„Und ich schau wieder auf die Uhr: du bist immer noch nicht da
Keine Ahnung wo du bleibst, es ist wahr:
Mir ist langweilig […]“*

Nachdem ich „Wir sind dann wohl die Angehörigen“ von Johann Scheerer in der vergangenen Woche gelesen hatte, hat sich der Sinngehalt des Liedes *“Langweilig“ von den Ärzten für mich grundlegend geändert. In dem autobiografischen Bericht des Hamburger Musikproduzenten ist Langeweile ein zentrales Motiv, denn vor 22 Jahren konnte Johann Scheerer 33 Tage lang nichts anderes tun, als im Nichtstun zu verharren und zu warten: Am 25. März 1996 wurde sein Vater, Literatur- und Sozialwissenschaftler Jan Philipp Reemtsma, entführt und erst 33 Tage später wieder freigelassen.

Was tut man, wenn der normale Alltag, bestehend aus Schule, Tests und Treffen mit Freunden in den Hintergrund rückt und wochenlang von Sorgen, Unsicherheit und eben Langeweile ersetzt wird? Wenn die Welt, wie man sie kennt, auf ein einziges, erschreckendes und unbegreifliches Ereignis zusammenschrumpft? Johann Scheerer findet sich plötzlich in einer anderen Welt, in einer anderen Galaxie, wieder. Alles verschiebt sich, alles von dem er glaubte, es sei normal, bleibt ihm plötzlich verschlossen. Stattdessen öffnet sich ein großes schwarzes Loch, das alles Normale verschluckt und seine Welt aus den Angeln hebt. Er glaubt nicht, dass er seinen Vater lebend wiedersehen wird.

In einem Lebensabschnitt, in dem Johann Scheerer damit beginnt, sich von seinen Eltern zu distanzieren, durchdringen und beengen auf einmal Verwandte, Freunde, Polizei und Helfer sein Zuhause und sein Leben. Sie arbeiten und wohnen auf engstem Raum zusammen, und dennoch steht jeder für sich, mit seinen individuellen Sorgen und Nöten. Denn teilen lässt sich die Wahrnehmung dieser Entführung nicht, jeder empfindet sie anders, geht anders damit um.

Johann Scheerer empfindet vor allem Langeweile. Er schaut Fernsehen, Videos, hört Musik. Geht ins Kino, kauft sich eine Gitarre. Einzig die Neuigkeiten der Entführer durchbrechen diese neuen Abläufe. Nicht alles erfährt Johann Scheerer unmittelbar, er hält sich heraus und wird herausgehalten, erfährt viele, teils erschreckende Details erst später. Seiner Mutter möchte er keine zusätzliche Last sein, er zieht sich zurück. Das Gefühl von Machtlosigkeit und eine zunehmende Isolation machen ihm zu schaffen, doch mit wem kann er reden? Wem kann er sich anvertrauen? Zu mächtig und unwirklich erscheint die Situation, als dass er sie (mit-)teilen könnte, und so schlagen einzelne Versuche, in den gewohnten Alltag zurückzufinden, fehl.

Sensibel und persönlich, aber stets mit einer gewissen Nüchternheit erzählt Johann Scheerer von diesen 33 Tagen, in denen er sich des Todes seines Vaters gewiss wähnte. Dabei überlässt er seinem jüngeren Ich das Wort, blickt nicht mit heutigem Wissen und Erfahrungsschatz auf diese Zeit zurück, sondert erinnert sich an kleine Details, an Ausflüge, Gespräche der Erwachsenen, Momentaufnahmen und seine Gedanken und Empfindungen als Dreizehnjähriger. Umso zerbrechlicher und verletzlicher wirkt der Bericht insgesamt. Man spürt, wie wenig Johann Scheerer teils vielleicht auch heute noch die Zeit der Entführung mit seinem „normalen“ Leben in Einklang oder gar in Verbindung bringen kann. Sie steht für sich, kann beschrieben, aber nicht emotional erfasst werden. Ein schwarzes Loch eben.

Fazit

„Wir sind dann wohl die Angehörigen“ von Johann Scheerer ist eine berührend persönliche und präzise Beschreibung der Entführung Jan Philipp Reemtsma’s aus Sicht des damals dreizehnjährigen Sohnes. Es geht nicht um bahnbrechende Erkenntnisse und nicht darum, am Erlebten zu wachsen, sondern um 33 Tage voller Langeweile und Warten, Unsicherheit und Ängste und darum, wie es ist, wenn ein Ausnahmezustand zum Normalzustand wird.

Bewertung vom 09.03.2018
Crooked Kingdom
Bardugo, Leigh

Crooked Kingdom


sehr gut

Leigh Bardugo liefert in „Crooked Kingdom“ reichlich Action und Kampfsituationen, aber auch eine gute Charakterentwicklung. Hinzu kommen abenteuerliche Verstrickungen, die es mir zwar stellenweise schwer machten, dem Plot zu folgen, die aber auch den Reiz der Geschichte ausmachen. Inej und Kaz, Jesper und Wylan, Matthias und Nina stehen vor einer schier unlösbaren Aufgabe. Nicht nur muss Inej befreit werden, auch Jan van Eck muss erledigt werden, denn er schuldet den Sechs weiterhin ihr Geld. Zudem müssen sie eine Lösung für das lebensgefährliche „Jurda Parem“ finden. In wessen Hände soll die Droge gelangen? Wo ist sie sicher vor Missbrauch? Aber Kaz wäre nicht Kaz, wenn er nicht für jede noch so verzwickte Lage eine Lösung parat hätte.

Das lässt „Crooked Kingdom“ wie eine James Bond-Verfilmung im High Fantasy-Stil anmuten. Irgendwie cool. Ein Problem gibt der nächsten Herausforderung die Klinke in die Hand und Kaz, Inej, Matthias, Nina, Jesper und Wylan begegnen ihnen allen mit Bravour und der ihnen eigenen Portion Humor. Es herrscht niemals Ruhe und niemals Zeit, um innezuhalten und zu reflektieren. Hier folgt Schlag auf Schlag, Hau-drauf-Kraftpaket von Buch. Mich hat es teilweise ein wenig zu sehr gefordert, ich musste es aus der Hand legen – eindeutig kein Buch, das ich Stunden am Stück hätte lesen können.

„ISN’T THAT HOW THINGS ARE DONE AROUND HERE?“ ASKED WYLAN. „WE ALL TELL KAZ WE’RE FINE AND THEN DO SOMETHING STUPID?“
„ARE WE THAT PREDICTABLE?“ SAID INEJ.
WYLAN AND MATTHIAS SAID IN UNISON, „YES.“ (SEITE 164)

Das Setting von Ketterdam ist dabei wie auch schon in Band 1 sehr zuträglich zur Geschichte. Atmosphärisch dicht, vollerer düsterer Gassen und anderer stimmungsvoller Unterschlupfe. Man wähnt sich mittendrin, riecht diese Stadt, hört ihre Geräusche und sieht die Gestalten durch die Straßen schreiten und in Spielhäusern ihr Glück versuchen. Die Stimmung ist rau und hart, und man spürt förmlich, wie sich der Druck innerhalb der Stadt zusehends aufbaut. Keine Frage also, die Autorin hat ein Händchen dafür, Handlungsorte plastisch und ausdrucksvoll zu beschreiben.

THE SILENCE BETWEEN THEM WAS DARK WATER. HE COULD NOT CROSS IT. HE COULDN’T WALK THE LINE BETWEEN THE DECENCY SHE DESERVED AND THE VIOLENCE THIS PATH DEMANDED. IF HE TRIED, IT MIGHT GET THEM BOTH KILLED. (SEITE 184)

Abseits der Spannung widmet Leigh Bardugo trotz allem den zwischenmenschlichen Gefühlen ihre Aufmerksamkeit. So erfährt man nicht nur einiges mehr über Jesper, Wylan, Kaz und Co., auch die Verbindungen von Jesper und Wylan, Nina und Matthias sowie Kaz und Inej entwickeln sich weiter. In welche Richtung sie dies tun, verrate ich natürlich nicht. Nur so viel sei gesagt, das Ende berührte mich auf vielfache Weise.

Hierbei störte mich lediglich, dass die eingestreuten Gedanken und Erinnerungen sehr vom aktuellen Geschehen ablenkten. Ich war gedanklich einfach nicht bereit, mich mit der Vergangenheit von Jesper oder Wylan oder Kaz zu befassen, wenn es doch gerade viel dringlichere Probleme gibt. Vielleicht hätten der Geschichte einige ruhigere Momente gutgetan. In diesem Umfeld hätte ich mich lieber und dann auch intensiv mit den Gefühlen und Gedanken der Charaktere auseinandergesetzt.

Fazit

„Crooked Kingdom“ von Leigh Bardugo ist ein durchweg spannender Abschluss der neuen Grischa-Dilogie. Ein vielschichtiger Plot und interessante Charakterentwicklungen tun ihr Übriges, um diese Geschichte sehr lesenswert zu machen. Ich liebe den Humor und ich liebe den Handlungsort Ketterdam mit all sein

Bewertung vom 11.02.2018
Autoboyography
Lauren, Christina

Autoboyography


ausgezeichnet

EINE LIEBESGESCHICHTE VOLLER KRIBBELIGER MOMENTE, BERÜHREND LEIDENSCHAFTLICH, KOMPROMISSLOS UND ECHT.

Es gibt Bücher, die liest man nicht einfach nur, man spürt sie in sich vibrieren. So geschehen bei „Autoboyography“ von Christina Lauren, dem Pseudonym des Autoren-Duos Christina Hobbs und Lauren Billings. Sie schreiben mit so viel Herz und Humor, dass ich mich selbst ganz verliebt fühlte. „Autoboyography“ ist eine sehr klassische Liebesgeschichte: Ein Junge trifft einen anderen Jungen, er verliebt sich und die Frage steht im Raum, ob sich der andere Junge auch in ihn verliebt. Die Handlung an sich bietet wenig Überraschungen, dennoch fließen Aspekte hinein, die sie besonders machen.

Tanner ist bisexuell und lebt mit seiner Familie in Utah, dem Bundesstaat der USA, der als Zentrum des Mormonismus bekannt ist. Für alle, die es nicht wissen (ich wusste es nicht), Mormonen leben nach strengen Verhaltensregeln, so ist die Keuschheit bis zur Ehe ein wichtiger Grundsatz. Auch den Konsum von Alkohol, Kaffee, Tee und Zigaretten lehnen sie kategorisch ab. Man kann sich also gut zusammenreimen, dass Atheisten und bisexuelle Teenager in dieser Gemeinschaft eher die Außenseiter sind. Ungünstig also, dass sich Tanner ausgerechnet in seinen Mentor Sebastian, den Sohn des Mormonischen Bischofs, verliebt.

Der besondere Reiz der Geschichte lag für mich darin, alle Gedanken und Gefühle aus erster Hand von Tanner zu erfahren. Denn er soll für einen Kurs an seiner Schule ein Buch schreiben – innerhalb von vier Monaten. Doch über was soll man schreiben, wenn man an nichts anderes denken kann, als diesen einen Menschen? Natürlich, man schreibt über eben diese Gefühle und Gedanken und einfach über alles, was in diesen vier Monaten geschieht. „Autoboyography“ liest sich daher wie ein Tagebuch, ungefiltert und berührend und mitreißend. Als Leser ist man mit Kopf und Herz vollkommen dabei, ich litt mit Tanner, hoffte mit Tanner und spürte seine Aufregung, Nervosität und Kraft.

Denn über die verfügt er, nicht zuletzt, weil er aus einem Elternhaus kommt, in dem er zu jeder Zeit unterstützt wird. Sie akzeptieren ihn wie er ist und bestärken ihn mit angenehmer Selbstverständlichkeit in seiner Bisexualität.

Tanner ist in seiner Hals-über-Kopf Verliebtheit ein unglaublich sympathischer und liebenswerter Charakter. Er ist niemand, der seinen Platz in der Welt noch finden muss, sondern jemand, der ihn schon gefunden hat. Sebastian hingegen hat seine Wünsche immer hinter den Anforderungen der Kirche zurückgestellt. Über ihn erhält der Leser einen Einblick in den religiösen Alltag von Mormonen, der kontrastreicher zu Tanner’s Alltag nicht sein könnte. Die Bewegung beider Charaktere aufeinander zu war dadurch äußerst spannend. Wirklich schön war es auch, eine intakte Familie in einem Jugendbuch vorzufinden. Eine Familie, die Auseinandersetzungen nicht scheut, in der die Familienmitglieder aber ebenso intensiv miteinander in den Dialog gehen.

Das Ende des Buches hielt eine Überraschung bereit, die zur Folge hatte, dass ich noch immer darüber nachdenke, was nun wirklich passiert ist und was vielleicht nur Fiktion in Tanner’s Geschichte ist. Falls ihr „Autoboyography“ auch gelesen habt, würde es mich sehr interessieren, wie ihr die letzten Seiten interpretiert!

Fazit

„Autoboyography“ von Christina Lauren ist eine berührende Liebesgeschichte, die mich vollkommen überzeugte. Sensibel erlebt man als Leser das flatternde Herzklopfen mit, die Aufregung, Nervosität, das hoffnungsvolle Bangen und das überwältigende Gefühl, einen Menschen in all seinen Facetten zu sehen und zu lieben. Hinzu kommt die Selbstverständlichkeit, mit der Bisexualität thematisiert wird. Denn der Protagonist ist sich seiner Sexualität absolut sicher und steht dazu, ohne sich selbst zu hinterfragen oder von anderen hinterfragt zu werden. Das sollte es viel häufiger geben.

Bewertung vom 29.01.2018
Das Lied der Krähen / Glory or Grave Bd.1
Bardugo, Leigh

Das Lied der Krähen / Glory or Grave Bd.1


ausgezeichnet

SPRITZIGES ABENTEUER VOLLER SPANNUNG UND COOLER ACTION.

Mit „Six of Crows“ (deutscher Titel „Das Lied der Krähen“), kehrt Leigh Bardugo in die Welt der Grischa zurück, die sie 2012 mit ihrer Grischa-Trilogie ins Leben rief. Band 1 dieser Trilogie, „Grischa – Goldene Flammen“„Grischa – Goldene Flammen“, hatte ich kürzlich gelesen. „Das Lied der Krähen“ ist der Auftakt einer neuen Dilogie, in der die Leser nach Ketterdam zurückkehren, und nach vielen begeisterten Stimmen kam ich nicht drumherum, mir diese Fortsetzung ebenfalls zu kaufen.

Die Begeisterung zu „Das Lied der Krähen“ war geradezu überschwänglich. Kaum ein Blogger, der die Geschichte um Kaz und Inej nicht über alle Maße lobte. Mir hat sie ebenfalls gut gefallen, allerdings bin ich vielleicht nicht ganz so euphorisch wie manch andere. Der Anfang zieht sich dazu etwas zu schleppend dahin – eine Tatsache, die mir bereits bei „Grischa – Goldene Flammen“ auffiel. Leigh Bardugo braucht einige Zeit, bis ihre Geschichte an Tempo und Spannung gewinnt. Viel Zeit wird zuvor darauf verwendet, in die Vergangenheit der Charaktere einzutauchen und deren derzeitiges Leben in Ketterdam zu schildern.

„WHAT’S THE JOB?“
„AN IMPOSSIBLE JOB, NEAR CERTAIN DEATH, TERRIBLE ODDS, BUT SHOULD BE SCRAPE IT…“ HE PAUSED, FINGERS ON THE BUTTONS OF HIS WAISTCOAT, HIS LOOK DISTANT, ALMOST DREAMY. (SEITE 66)

Ab der Hälfte jedoch wird „Das Lied der Krähen“ spannend und temporeich. Hinzu kommen ein sprühender Witz und eine Ahnung von Liebe. Die Charaktere üben sich in Schlagfertigkeit, dass ich oftmals laut auflachen musste. Das ist einfach cool. Beinahe schon zu cool, denn schließlich begeben sich die sechs jungen Erwachsenen in extrem brenzlige Situationen und riskieren in jeder Sekunde ihr Leben. Allerdings funktioniert die Coolness, denn die Krähen sind eine hartgesottene, knallharte, abgehärtete und äußerst realistische und risikofreudige Bande, die das Leben in der Gosse gewöhnt ist. Sie machen das Beste aus ihrer Situation, haben dennoch Hoffnungen und wagen es trotz allem, für ihre Freiheit und sogar für die Liebe zu kämpfen.

Diese Tatsache bereichert die Geschichte in meinen Augen sehr, denn ohne Hoffnung und Liebe wäre die Befreiungsaktion zwar unterhaltsam, aber auch nicht viel mehr als das. Reine Action ist mir nicht genug, das Zwischenmenschliche muss ebenfalls herausgearbeitet sein. Das hat Leigh Bardugo gut geschafft, denn die zarten Gefühle einiger Gefährten füreinander sind herzerwärmend und wunderschön.

SIX PEOPLE, BUT A THOUSAND WAYS THIS INSANE PLAN COULD GO WRONG. (SEITE 355)

Die Welt ist reich an fantasievollen Details, aber auch immer realistisch genug, als dass man sich sofort in sie hineinversetzt fühlen kann. Der Leser lernt die dunklen Gassen von Ketterdam kennen, die See, den eisigen Norden und natürlich das dort befindliche, bestgesicherte Gefängnis. Eine interessante Welt mit ihren eigenen Konflikten und ihrer eigenen Historie. Apropos Historie: Es ist nicht notwendig, die Grischa-Trilogie zuvor zu lesen, da zwar Bezug auf vergangene Ereignisse genommen wird, diese aber für das Verständnis nicht relevant sind beziehungsweise ausreichend erläutert werden.

Fazit

„Das Lied der Krähen“ von Leigh Bardugo hat mich zwar nicht von Anfang an mitgerissen, insgesamt jedoch ziemlich überzeugt. Die ersten Seiten ziehen sich etwas zäh, danach nimmt die Geschichte aber Fahrt auf und das Abenteuer beginnt. Ich mochte insbesondere den Witz und Charme von Kaz, Inej, Matthias, Nina, Jesper und Wylan, der trotz Risiken und Lebensgefahr nicht abnimmt. So wird aus „Das Lied der Krähen“ eine turbulente Angelegenheit, die nicht an Herz und Freundschaft vermissen lässt.

Bewertung vom 10.01.2018
Nur noch ein einziges Mal
Hoover, Colleen

Nur noch ein einziges Mal


ausgezeichnet

Liebe Colleen Hoover, was machst du bloß mit mir? Du bringst mich zum Weinen, zum Lachen, zum Hoffen und Bangen – und das in „It Ends With Us“ (deutscher Titel: Nur noch ein einziges Mal) so sehr wie nie. Das liegt maßgeblich am Thema, denn dass Frau Hoover schreiben kann und mir ihre Art Geschichten zu erzählen gefällt, ist nichts Neues. Doch das Thema und vor allem die Umsetzung ihrer neuesten Geschichte ist anders und ungewohnt ernst, dafür aber umso aufrüttelnder.

Der Klappentext lässt nicht vermuten, was in dieser Geschichte drinsteckt. Ich habe anfangs mit einer ihrer klassischen Young Adult Geschichten gerechnet, hörte jedoch schnell von anderen Bloggern, dass dieses Buch sie fix und fertig gemacht habe. Das ließ mich aufhorchen.

Colleen Hoover begleitet Lily von ihrer frühen Jugend an bis ins junge Erwachsenenleben. Als Erwachsene Frau liest sie alte Tagebucheinträge, über die der Leser mehr von ihrer innigen Liebe zu Atlas erfährt. Sie beide teilten ein Schicksal, das sie prägte und miteinander verband. Das Leben brachte sie jedoch auseinander und als Erwachsene lernt Lily Ryle kennen, ein Mann vom Typ „Traummann“. Er ist reich und klug und humorvoll – und er will keine Beziehung und schon gar nicht will er an Liebe denken.

I’LL KEEP PRETENDING TO SWIM, WHEN REALLY ALL I’M DOING IS FLOATING. BARELY KEEPING MY HEAD ABOVE WATER. (SEITE 217)

Doch statt die Geschichte im klassischen Young Adult-Stil weiter aufzubauen, entwickelt sich alles in eine völlig unerwartete Richtung. Rollenklischees sucht man hier fast vergeblich, denn zumindest die Protagonisten lassen sich nicht in eine Schublade stecken. Lily, Ryle und Atlas treffen im Verlauf des Buches Entscheidungen, die nicht immer richtig sind, sie alle machen Fehler, Zweifeln oder Zögern. Oder wie Ryle gleich zu Beginn des Buches sagt: „There is no such thing as bad people. We’re all just people who sometimes do bad things.“ Eine schöne Aussage, die im Grunde auch die Essenz von „Nur noch dieses einzige Mal“ zusammenfasst. Denn Colleen Hoover betreibt keine Schwarz-Weiß-Malerei, sondern geht jeder Handlung und jeder Charakterschwäche auf den Grund.

MY HEART FEELS LIKE IT WANTS TO GIVE UP. I DON’T BLAME IT. IT’S SUFFERED THROUGH TWO SEPARATE HEARTACHES IN THE COURSE OF TWO DAYS. (SEITE 310)

Lily, Ryle und auch Atlas sind nicht perfekt. Das macht sie allerdings umso lebendiger und ließ mich als Leser sehr stark nachempfinden, was sie antreibt und was sie bewegt. Einzig die beste Freundin von Lily, Allysa, ist der typisch quirlige, unbeschwerte Typ Frau, der immer optimistisch in die Welt blickt. Sie war auch die einzige, die mich wenig berührte. Alle anderen überzeugten mich mit der Tiefe ihrer Gefühle und der Intensität ihrer Gedanken.

Fazit

„Nur noch ein einziges Mal“ von Colleen Hoover nimmt den Leser mit auf emotionale Hochs und Tiefs. Der Roman hat aufrüttelnde Momente, traurige Momente und glückliche Momente. Dabei schreibt Colleen Hoover so locker wie gewohnt, so dass sich das Buch trotz der Schwere, die bisweilen beinahe überhand nimmt, angenehm lesen. Insgesamt wirkt ihr neues Werk reifer und ernster, was sicherlich daran liegt, dass die Autorin darin eigene Erfahrungen verarbeitet. Für mich eines ihrer berührendsten Bücher.

Bewertung vom 15.12.2017
Annähernd Alex
Bennett, Jenn

Annähernd Alex


weniger gut

Mink und Alex sind Online-Freunde und teilen eine Vorliebe für alte Filme. Doch als Mink unerwartet in die gleiche Stadt zieht, in der Alex lebt, wagt sie es nicht, ihm davon zu erzählen. Zu groß ist ihre Sorge, ein Treffen im realen Leben würde alles zwischen ihnen zerstören. Das passt zu Minks alias Bailey’s Einstellung, allen möglichen Konflikten auszuweichen. Statt Alex also Bescheid zu sagen, nimmt sie einen Job in einem Museum an und beginnt heimlich Nachforschungen über ihn anzustellen. Womit sie nicht gerechnet hat: Porter, ein junger Mann, der als Wachdienst im Museum arbeitet und sie mit seiner Art zur Weißglut treibt. Sie fühlt sich zu ihm hingezogen, möchte gleichzeitig aber auch Alex nicht hintergehen.

Das klingt alles nach einer herrlich munteren Young Adult-Geschichte und ich freute mich sehr darauf. Allerdings waren einige Dinge für mich nicht stimmig. So ruht für mich die ganze Spannung auf dieser besonderen Chemie zwischen Bailey und Alex, die zur Folge hat, dass Bailey nichts mit Porter anfangen darf, da sie Alex sonst womöglich verletzt. Allerdings hält sich der Austausch zwischen ihr und Alex im Verlauf des gesamten Buches so sehr in Grenzen, dass ich nicht mal ansatzweise die Verbindung zwischen ihnen nachvollziehen konnte.

Was dann folgt, ist ein klassischer Plot, der mich nicht überraschen konnte. Bis zum Schluss dachte ich, dass da noch eine unerwartete Wendung kommen muss, dass die Autorin noch etwas in der Hinterhand hat – doch Pustekuchen.

Die Charaktere konnten mich ebenfalls leider nicht fesseln. Bailey leidet unter einem Trauma aus ihrer Vergangenheit, möchte dies aber nicht wahrhaben. Da ist es verständlich, dass sie des Öfteren Ausweichmanöver startet und bestimmten Situationen lieber aus dem Weg geht. Allerdings machte das aus ihr einen recht oberflächlichen Charakter und es dauerte nicht lange, bis sie mich stellenweise nervte. Porter ist zwar im Großen und Ganzen sympathischer, doch ich verstehe ihn nicht oder vielmehr, ich verstehe nicht, weshalb Jenn Bennett ihn so anlegte, wie sie es tat. Anfangs verhält er sich Bailey gegenüber extrem abweisend, er macht sie sogar vor allen neuen Mitarbeitern lächerlich. Etwa zwei Tage lang behält er diese Haltung bei, dann ändert sich dies schlagartig. Von jetzt auf gleich hat er großes Interesse an Bailey, umwirbt sie und lädt sie auf Dates ein, die so feinfühlig sind, dass es schon beinahe unglaubwürdig ist. Klar ist das schön, doch warum muss er erst der „Bad Boy“ sein?

Apropos Bad Boy. Den gibt es selbstverständlich auch. Ein alter Freund von Porter sorgt für vielerlei Probleme, die Bailey und Porter zusammenschweißen. Auf besagten Freund von Porter hat bereits eine Polizistin ein Auge geworfen, die wiederum zufällig die neue Freundin von Bailey’s Vater ist. Noch so eine Sache, die ich kritisch sehe. Die Eltern von Bailey leben seit einem Jahr getrennt und beinahe unmittelbar nach ihrer Ankunft bei ihrem Vater wird Bailey nebenbei mit der Freundin ihres Vaters konfrontiert. Ohne vorheriges Gespräch, ohne Vorwarnung. Auch nach dem ersten Treffen wird nicht darüber gesprochen. Und natürlich hat Bailey überhaupt kein Problem damit, dass ihr Vater neu vergeben ist, im Gegenteil, sie freut sich für ihn.

Alles in allem ist „Annähernd Alex“ aber durchaus eine gut lesbare Geschichte. Der Schreibstil von Jenn Bennett verführt zum Weiterlesen, bringt zum Lachen und lässt auch stellenweise die Zeit vergessen.

Fazit

„Annähernd Alex“ von Jenn Bennett ist eine süße, herrlich unkomplizierte und locker lesbare Geschichte, die wunderbar in den Sommer passt. Surfer, Strand, Liebe und ein wenig Abenteuer. Wer diese Kombination mag, wird hiermit durchaus zufrieden sein. Ich persönlich hatte mehr erwartet und störte mich an einigen Dingen zu sehr, als dass es für mich ein Lesehighlight werden konnte, das ich uneingeschränkt weiterempfehlen kann.