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Benutzername: Buchstabenträumerin
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Bewertungen

Insgesamt 71 Bewertungen
Bewertung vom 10.01.2018
Nur noch ein einziges Mal
Hoover, Colleen

Nur noch ein einziges Mal


ausgezeichnet

Liebe Colleen Hoover, was machst du bloß mit mir? Du bringst mich zum Weinen, zum Lachen, zum Hoffen und Bangen – und das in „It Ends With Us“ (deutscher Titel: Nur noch ein einziges Mal) so sehr wie nie. Das liegt maßgeblich am Thema, denn dass Frau Hoover schreiben kann und mir ihre Art Geschichten zu erzählen gefällt, ist nichts Neues. Doch das Thema und vor allem die Umsetzung ihrer neuesten Geschichte ist anders und ungewohnt ernst, dafür aber umso aufrüttelnder.

Der Klappentext lässt nicht vermuten, was in dieser Geschichte drinsteckt. Ich habe anfangs mit einer ihrer klassischen Young Adult Geschichten gerechnet, hörte jedoch schnell von anderen Bloggern, dass dieses Buch sie fix und fertig gemacht habe. Das ließ mich aufhorchen.

Colleen Hoover begleitet Lily von ihrer frühen Jugend an bis ins junge Erwachsenenleben. Als Erwachsene Frau liest sie alte Tagebucheinträge, über die der Leser mehr von ihrer innigen Liebe zu Atlas erfährt. Sie beide teilten ein Schicksal, das sie prägte und miteinander verband. Das Leben brachte sie jedoch auseinander und als Erwachsene lernt Lily Ryle kennen, ein Mann vom Typ „Traummann“. Er ist reich und klug und humorvoll – und er will keine Beziehung und schon gar nicht will er an Liebe denken.

I’LL KEEP PRETENDING TO SWIM, WHEN REALLY ALL I’M DOING IS FLOATING. BARELY KEEPING MY HEAD ABOVE WATER. (SEITE 217)

Doch statt die Geschichte im klassischen Young Adult-Stil weiter aufzubauen, entwickelt sich alles in eine völlig unerwartete Richtung. Rollenklischees sucht man hier fast vergeblich, denn zumindest die Protagonisten lassen sich nicht in eine Schublade stecken. Lily, Ryle und Atlas treffen im Verlauf des Buches Entscheidungen, die nicht immer richtig sind, sie alle machen Fehler, Zweifeln oder Zögern. Oder wie Ryle gleich zu Beginn des Buches sagt: „There is no such thing as bad people. We’re all just people who sometimes do bad things.“ Eine schöne Aussage, die im Grunde auch die Essenz von „Nur noch dieses einzige Mal“ zusammenfasst. Denn Colleen Hoover betreibt keine Schwarz-Weiß-Malerei, sondern geht jeder Handlung und jeder Charakterschwäche auf den Grund.

MY HEART FEELS LIKE IT WANTS TO GIVE UP. I DON’T BLAME IT. IT’S SUFFERED THROUGH TWO SEPARATE HEARTACHES IN THE COURSE OF TWO DAYS. (SEITE 310)

Lily, Ryle und auch Atlas sind nicht perfekt. Das macht sie allerdings umso lebendiger und ließ mich als Leser sehr stark nachempfinden, was sie antreibt und was sie bewegt. Einzig die beste Freundin von Lily, Allysa, ist der typisch quirlige, unbeschwerte Typ Frau, der immer optimistisch in die Welt blickt. Sie war auch die einzige, die mich wenig berührte. Alle anderen überzeugten mich mit der Tiefe ihrer Gefühle und der Intensität ihrer Gedanken.

Fazit

„Nur noch ein einziges Mal“ von Colleen Hoover nimmt den Leser mit auf emotionale Hochs und Tiefs. Der Roman hat aufrüttelnde Momente, traurige Momente und glückliche Momente. Dabei schreibt Colleen Hoover so locker wie gewohnt, so dass sich das Buch trotz der Schwere, die bisweilen beinahe überhand nimmt, angenehm lesen. Insgesamt wirkt ihr neues Werk reifer und ernster, was sicherlich daran liegt, dass die Autorin darin eigene Erfahrungen verarbeitet. Für mich eines ihrer berührendsten Bücher.

Bewertung vom 15.12.2017
Annähernd Alex
Bennett, Jenn

Annähernd Alex


weniger gut

Mink und Alex sind Online-Freunde und teilen eine Vorliebe für alte Filme. Doch als Mink unerwartet in die gleiche Stadt zieht, in der Alex lebt, wagt sie es nicht, ihm davon zu erzählen. Zu groß ist ihre Sorge, ein Treffen im realen Leben würde alles zwischen ihnen zerstören. Das passt zu Minks alias Bailey’s Einstellung, allen möglichen Konflikten auszuweichen. Statt Alex also Bescheid zu sagen, nimmt sie einen Job in einem Museum an und beginnt heimlich Nachforschungen über ihn anzustellen. Womit sie nicht gerechnet hat: Porter, ein junger Mann, der als Wachdienst im Museum arbeitet und sie mit seiner Art zur Weißglut treibt. Sie fühlt sich zu ihm hingezogen, möchte gleichzeitig aber auch Alex nicht hintergehen.

Das klingt alles nach einer herrlich munteren Young Adult-Geschichte und ich freute mich sehr darauf. Allerdings waren einige Dinge für mich nicht stimmig. So ruht für mich die ganze Spannung auf dieser besonderen Chemie zwischen Bailey und Alex, die zur Folge hat, dass Bailey nichts mit Porter anfangen darf, da sie Alex sonst womöglich verletzt. Allerdings hält sich der Austausch zwischen ihr und Alex im Verlauf des gesamten Buches so sehr in Grenzen, dass ich nicht mal ansatzweise die Verbindung zwischen ihnen nachvollziehen konnte.

Was dann folgt, ist ein klassischer Plot, der mich nicht überraschen konnte. Bis zum Schluss dachte ich, dass da noch eine unerwartete Wendung kommen muss, dass die Autorin noch etwas in der Hinterhand hat – doch Pustekuchen.

Die Charaktere konnten mich ebenfalls leider nicht fesseln. Bailey leidet unter einem Trauma aus ihrer Vergangenheit, möchte dies aber nicht wahrhaben. Da ist es verständlich, dass sie des Öfteren Ausweichmanöver startet und bestimmten Situationen lieber aus dem Weg geht. Allerdings machte das aus ihr einen recht oberflächlichen Charakter und es dauerte nicht lange, bis sie mich stellenweise nervte. Porter ist zwar im Großen und Ganzen sympathischer, doch ich verstehe ihn nicht oder vielmehr, ich verstehe nicht, weshalb Jenn Bennett ihn so anlegte, wie sie es tat. Anfangs verhält er sich Bailey gegenüber extrem abweisend, er macht sie sogar vor allen neuen Mitarbeitern lächerlich. Etwa zwei Tage lang behält er diese Haltung bei, dann ändert sich dies schlagartig. Von jetzt auf gleich hat er großes Interesse an Bailey, umwirbt sie und lädt sie auf Dates ein, die so feinfühlig sind, dass es schon beinahe unglaubwürdig ist. Klar ist das schön, doch warum muss er erst der „Bad Boy“ sein?

Apropos Bad Boy. Den gibt es selbstverständlich auch. Ein alter Freund von Porter sorgt für vielerlei Probleme, die Bailey und Porter zusammenschweißen. Auf besagten Freund von Porter hat bereits eine Polizistin ein Auge geworfen, die wiederum zufällig die neue Freundin von Bailey’s Vater ist. Noch so eine Sache, die ich kritisch sehe. Die Eltern von Bailey leben seit einem Jahr getrennt und beinahe unmittelbar nach ihrer Ankunft bei ihrem Vater wird Bailey nebenbei mit der Freundin ihres Vaters konfrontiert. Ohne vorheriges Gespräch, ohne Vorwarnung. Auch nach dem ersten Treffen wird nicht darüber gesprochen. Und natürlich hat Bailey überhaupt kein Problem damit, dass ihr Vater neu vergeben ist, im Gegenteil, sie freut sich für ihn.

Alles in allem ist „Annähernd Alex“ aber durchaus eine gut lesbare Geschichte. Der Schreibstil von Jenn Bennett verführt zum Weiterlesen, bringt zum Lachen und lässt auch stellenweise die Zeit vergessen.

Fazit

„Annähernd Alex“ von Jenn Bennett ist eine süße, herrlich unkomplizierte und locker lesbare Geschichte, die wunderbar in den Sommer passt. Surfer, Strand, Liebe und ein wenig Abenteuer. Wer diese Kombination mag, wird hiermit durchaus zufrieden sein. Ich persönlich hatte mehr erwartet und störte mich an einigen Dingen zu sehr, als dass es für mich ein Lesehighlight werden konnte, das ich uneingeschränkt weiterempfehlen kann.

Bewertung vom 10.12.2017
Simon vs. the Homo Sapiens Agenda
Albertalli, Becky

Simon vs. the Homo Sapiens Agenda


ausgezeichnet

Albertalli thematisiert sehr lebensnah und gefühlvoll, wie es ist, jung und schwul zu sein. Und sie macht es so wunderschön, dass meine Worte dieser Geschichte im Grunde gar nicht Rechnung tragen können. Simon befindet sich mitten im aufregenden und mitunter auch beängstigenden Prozess zwischen Selbstfindung und seinem Coming-out. Wie das vonstatten gehen soll, kann er sich überhaupt nicht vorstellen. Wann ist der richtige Zeitpunkt? Wie werden es seine Freunde und seine Familie aufnehmen? Ein Lichtblick ist der anonyme Austausch mit einem anderen schwulen Mitschüler. Er nennt sich Blue und wird Simon’s engster Vertrauter. Sie erzählen aus ihrem Leben, schreiben über das Coming-out und die Familie und kommen sich mit jeder E-Mail näher.

Diese E-Mails sind es, die mich am meisten berührt haben. Die Worte darin sind ein vorsichtiges Tasten und Fühlen, Simon und Blue wagen sich einen Schritt vor, warten bang auf die Antwort, und sehnen sich nach den nächsten Worten. Es ist einfach zauberhaft, diese Kommunikation mitzuerleben, in die Köpfe der beiden eintauchen zu können. Man erlebt mit, wie sich beide langsam aber unausweichlich ineinander verlieben, wie sie rätseln, wer der andere wohl sein mag, wie sie überlegen, ob sie einander treffen sollen. Es ist eine erste Liebe, die so intensiv und aufregend und romantisch ist, wie man es sich nur vorstellen kann.

Doch es gibt Komplikationen, die Simon im Verlauf des Buches beschäftigen. Denn ein Mitschüler, der zufällig eben jene E-Mails gelesen hat, setzt Simon unter Druck: Verkuppelt er ihn nicht mit seiner Freundin Abby, wird er der ganzen Schule verraten, dass Simon schwul ist. Nun heißt es für Simon sich zu entscheiden, ob er das Spiel mitspielt oder sein Coming-out jemand anderem in die Hände legt.

Simon gefiel mir als Protagonist sehr gut. Seine Art zu reden! „You sort of talk the way you write“ wird an einer Stelle über Simon gesagt. Und das stimmt. Becky Albertalli schreibt die Geschichte aus seiner Perspektive und hat genau den richtigen Ton gefunden. Humorvoll und ironisch, fluchend und zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt hin und her gerissen. Vor allen aber durch und durch liebenswert. Das liegt vor allem an den kleinen Details, die einem Simon unglaublich nahe bringen. Sein Musikgeschmack zum Beispiel, die kleinen, nebensächlichen Anekdoten, die er in E-Mails erzählt, das mehrfache Gegenlesen der E-Mails ehe er sie absendet, damit sie keine Rechtschreibfehler enthalten – ich könnte immer weitermachen und letztendlich jeden Satz des Buches wiedergeben.

Umrahmt wird die Geschichte um Simon und Blue von einer Gruppe enger Freunde, die ihren eigenen Packen an Problemen mit sich herumtragen. Sie sind hoffnungslos oder hoffnungsvoll verliebt, streiten und versöhnen sich – die jugendlichen Dramen eben, ohne diese abwerten zu wollen. Denn was wäre Jugend ohne diese Dramen? Ohne diese Spannung und Unsicherheit? Becky Albertalli hat quasi die Essenz des Jungseins eingefangen und gibt es ungefiltert an ihre Leser weiter. Ich fühlte mich schlagartig, als sei ich wieder sechszehn Jahre als und würde erneut diese Intensität des Lebens und Erlebens spüren. Wie schade, dass dies manchmal mit zunehmendem Alter verloren geht und wie gut, dass es Bücher gibt, die einem ein kurzes Verweilen in dieser Zeit ermöglichen.

bFazit/b

„Simon vs. the Homo Sapiens Agenda“ von Becky Albertalli ist eine Geschichte, die im Herzen ankommt. In jedem Wort schwingen Humor und echte Emotionen mit, die einem Simon, Blue und alle anderen Charaktere sehr nahe bringen. Albertalli verbindet eine klassische Coming-of-Age Geschichte mit den Themen Sexuelle Orientierung, Freundschaft und Familie, Toleranz und Liebe. Und das ist ihr wirklich sehr gut gelungen. Ich habe lange kein Buch mehr in der Hand gehalten, das mich so sehr berührt hat, das mich gefangen genommen hat, das mich lachen ließ und schlichtweg bezauberte.

Bewertung vom 06.12.2017
Das Leben meines besten Freundes
Gridl, Judith

Das Leben meines besten Freundes


ausgezeichnet

ÜBERRASCHEND SPANNENDE COMING-OF-AGE GESCHICHTE. EINE FREUNDSCHAFT, DIE SICH ÜBER ALLE GRENZEN HINWEGSETZT.

„Das Leben meines besten Freundes“ von Judith Gridl fordert seine jungen (und älteren) Leser, denn neben der Geschichte einer tiefen Freundschaft, geht es um Armut und Reichtum, Macht und Ohnmacht, Unterdrückung und Kriminalität, Identität und Lebensziele. All dies fließt dabei so gekonnt in die Haupthandlung mit ein, dass ich am Ende sehr beeindruckt war. In meiner Rezension erfahrt ihr mehr.

Der Plot ist für mein Empfinden sehr klassisch aufgebaut. Doch das tut der Spannung und dem Reiz der Geschichte keinen Abbruch, denn die Charaktere sind lebensnah und interessant und auch der Spannungsbogen hat es in sich. Judith Gridl belässt es nicht bei einer schlichten Coming-of-Age Geschichte. Wir landen mitten in Berlin, wo Stadtteile und somit Welten aufeinander prallen. Samir wohnt mit seiner Familie im Wedding, wo Arafat und seine Leute die Straßen im Griff haben. Sie holen Schutzgelder von Geschäften ein und sind in illegale Machenschaften verwickelt. Samir hatte davon nicht allzu viel mitbekommen, doch als sein Vater eines Tages verschwindet, beginnt er nachzuforschen.

Immer an seiner Seite steht Jacob, sein bester Freund aus dem Stadtteil Zehlendorf, dessen Vater mit Geld und Angeberei nur so um sich wirft. Die beiden sehen sich zum verwechseln ähnlich, was ihnen gut zupass kommt, als Arafat auf Samir aufmerksam wird und dieser schnell verschwinden muss. Er geht anstelle von Jacob auf ein piekfeines Internat, während Jacob bei Samir’s Familie bleibt und dort im Alltag hilft, so gut er kann.

Durch diesen Rollentausch erleben Jacob und Samir einen wahren Culture Clash, an dem sie wachsen und sich selbst neu entdecken. Sie tauchen in das Leben des jeweils anderen ein, übernehmen Verantwortung, scheitern, stehen wieder auf. Diesen Aspekt hat die Autorin ganz wunderbar herausgearbeitet, keine Entwicklung wirkt gekünstelt oder zu weit hergeholt. Es war schön zu sehen, was ungeahnte Herausforderungen aus den beiden Jungen machen.

Über allem hängt die drohende Gefahr, entdeckt zu werden. Und was geschah bloß mit Samir’s Vater? Lebt er noch oder wurde er von Arafat ermordet? Hier legt „Das Leben meines besten Freundes“ richtige Jugendkrimi-Quälitäten an den Tag, denn Arafat würde auch nicht zögern, einem Jugendlichen etwas anzutun.

Neben all der Spannung kommt aber auch die Beziehung zu den Eltern nicht zu kurz. Jacob und seine Eltern verbindet nicht mehr viel, vor allem sein Vater übt zu viel Leistungsdruck auf ihn aus. Es soll etwas aus ihm werden, die schulischen Leistungen müssen besser werden und das Mädchen Fine, mit dem er sich trifft, sei als Tochter eines Gastronomen doch weit unter seinem Niveau. Jacob distanziert sich immer mehr von seinem Vater, bis der Konflikt sie einander wieder annähern lässt.

Samir hingegen liebt seine Familie, seinen Vater und seine Mutter sowie seine zwei jüngeren Geschwister. Er kümmert sich hingebungsvoll um sie, vernachlässigt dabei jedoch die Schule, bis er selbst fest daran glaubt, er könne ja sowieso nicht richtig lernen und es sei hoffnungslos. Was beiden Jungen nicht wissen: sie stecken viel zu sehr in ihrer eigenen Welt fest, um wirklich erkennen zu können, was sie leisten können. Es steckt so viel Potenzial zur Entwicklung in diesen Charakteren und Judith Gridl hat das voll ausgenutzt.

Fazit

„Das Leben meines besten Freundes“ von Judith Gridl ist für junge Leser ein hervorragendes Buch über Freundschaft. Denn Samir und Jacob gehen füreinander durch dick und dünn und sie erleben spannende Abenteuer. Mich hat das Buch mit seinem Facettenreichtum sehr positiv überrascht, denn die Autorin mischt geschickt Themen wie Verantwortung, Lebensziele, Religion, Kriminalität und Lebensumstände in einen Coming-of-Age Roman. Für ältere Leser vielleicht nicht mehr geeignet, für Leser ab 12 aber eine absolute Empfehlung.

Bewertung vom 03.12.2017
Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken
Green, John

Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken


sehr gut

JUGENDBUCH VOLLER SCHMERZ, ZWEIFEL, VERZWEIFLUNG, LIEBE UND FREUNDSCHAFT.

Bisher hatte sich jedes Buch von John Green einen Weg in mein Herz gebahnt. Allen voran „Eine wie Alaska“ und „Will & Will“, das in Zusammenarbeit mit David Levithan entstand. Ich mag Greens frischen und authentischen Schreibstil, voller Sensibilität, Feingefühl und Humor. „Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken“ ist sein neuestes Werk und wurde von mir sehnlichst erwartet.

Auf dem Cover ist eine Gedankenspirale zu sehen. Denn darum geht es in „Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken“ – um die 16-jährige Aza, die ihren eigenen Gedanken nicht entfliehen kann, die unter einer Angst- und Zwangsstörung leidet und davon immer wieder übermannt wird. John Green, der ebenfalls mit einer Angststörung lebt, hat mit seinem neuen Buch ein Werk geschrieben, das für mich geradezu schmerzhaft zu lesen war.

Denn der Autor schildert präzise das Leiden von Aza und ihren Zwang, sich selbst zu verletzten. Sie muss spüren, dass sie wirklich da ist. Ich war als Leser permanent in ihrem Kopf, war mit ihr gefangen, ich konnte ihre Zweifel, ihre Ängste und ihren Ekel sehr gut nachempfinden. Das liegt maßgeblich an den präzisen Beschreibungen, die nichts umschiffen, sondern knallhart auf das Wesentliche zusteuern. Trotzdem ist „Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken“ nicht pures Leiden, sondern gleichermaßen eine Geschichte voller Humor, über das Leben, die Freundschaft und die Liebe.

UND SO FIEL ICH IMMER TIEFER IN DIE SICH UM SICH SELBST DREHENDE GEDANKENSPIRALE, BIS ICH GANZ AUS DER CAFETERIA DER WHITE RIVER HIGH VERSCHWAND UND AN EINEM ABSTRAKTEN ORT LANDETE, DEN NUR RICHTIG VERRÜCKTE LEUTE BESUCHEN DÜRFEN. (SEITE 11)

Es ist auch eine Detektivgeschichte, denn der Vater von Aza’s Freund Davis verschwindet spurlos. Doch was laut Klappentext eine wichtige Rahmenhandlung zu sein scheint, zerfällt zu wenig mehr als einer Randnotiz. Natürlich erklärt das Verschwinden vieles im Verhalten seines Sohnes Davis. Allerdings wird mir diese Nebenhandlung nicht stringent genug verfolgt. Stellenweise wird die Suche erwähnt, doch es geschieht kaum etwas, um Davis‘ Vater tatsächlich zu finden. Warum sie also überhaupt einbauen? Gestört hat es mich jedoch nicht wirklich, denn der Fokus liegt auf Aza und ihren Schwierigkeiten.

Ihr Charakter macht es dem Leser nicht einfach sie zu mögen. Sie ist sehr auf sich fokussiert, launisch und deprimierend. Allerdings passt das zu ihrer Störung, es ist ein Ausdruck ihres Unvermögens, in gewissen Momenten rational zu denken. Sehr gelungen fand ich ihre Entwicklung, denn hier folgt John Green nicht gängigen Klischees. In vielerlei anderer Hinsicht bietet „Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken“ wenige Überraschungen – was es aber nicht unbedingt schlechter macht. In Daisy findet der Leser den aufgekratzten und frechen Sidekick der Protagonistin, die ihr zur Seite steht. In Davis findet man den Jungen, in den sich die Protagonistin verliebt, der aber auch seine eigenen Probleme hat.

Was das neue Buch von John Green für mich nichtsdestotrotz lesenswert macht, ist das Thema. Haben wir nicht alle manchmal irrationale Ängste? Wie ist es, wenn wir diese Gedanken nicht mehr abschalten können? Es war eine Herausforderung, die ganze Zeit in Aza’s Gedankenspirale gefangen zu sein, doch ihre tief verwurzelten Ängste zu verstehen war gleichermaßen faszinierend und das hat mich emotional mitgerissen.

Fazit

„Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken“ von John Green ist ein tiefsinniges Jugendbuch, das sich mit dem Thema Angststörung auseinandersetzt. Es beinhaltet viele klassische Elemente, die Lesern von Jugendbüchern vertraut sind, schafft es aber auch zu überraschen. Das Schicksal von Aza ist berührend, die Themen Freundschaft und Liebe werden wunderbar lebensnah geschildert. Von mir eine Leseempfehlung für alle, die Jugendbücher gerne lesen.

Bewertung vom 24.11.2017
Die wundersamen Koffer des Monsieur Perle
Fombelle, Timothée de

Die wundersamen Koffer des Monsieur Perle


ausgezeichnet

EINE MAGISCH-FASZINIERENDE REISE. UNGEWÖHNLICH, POETISCH UND VIELSCHICHTIG.

Als ich die letzten Seiten las, befand ich mich in einem Taumel der Gefühle. Ich wollte weinen, ich musste lächeln, ich träumte und dachte nach. Mit „Die wundersamen Koffer des Monsieur Perle“ hat Timothée de Fombelle eine Geschichte geschrieben, die viel mehr ist, als der Klappentext vermuten lässt. Es ist Märchen, Jugendbuch, Fantasy und historischer Roman in einem. Voller Zauber und Wunder, Drama und Abenteuer. Zusätzlich spielt der Autor mit verschiedenen Zeit- und Realitätsebenen sowie Perspektivwechseln. Eine Herausforderung! Weshalb dieses wunderschöne Buch meiner Meinung nach dennoch in jedes gut sortierte Bücherregal gehört, erfahrt ihr in meiner Rezension.

Im Grunde ist die Geschichte von Timothée de Fombelle eine Liebesgeschichte. Über eine Liebe, die so groß und stark ist, dass sie Welten und Jahrzehnte überwindet. Die bestehen bleibt, selbst wenn die Erinnerung an den geliebten Menschen getrübt ist. Selbst wenn einer sich dem anderen nicht zeigen darf. Als Leser wandelt man zwischen der Realität und der Welt der Märchen. In dieser lernen sich ein verstoßener Prinz und eine Fee kennen und lieben, doch der eifersüchtige Bruder des Prinzen, der König, zerstört diese Liebe und verbannt beide in die Welt der Menschen.

Der Prinz lebt dort fortan unter falschem Namen bei dem Schaumzucker-Hersteller Monsieur Perle und versucht zu verstehen, was ihm widerfahren ist. In Märchenbüchern begegnet er ihm bekannten Erzählungen, sie rütteln sanft Erinnerungen wach, doch einen Zugang zu seiner Welt kann er nicht finden. Was er nicht ahnt: Die Fee wacht über ihn, beeinflusst im Kleinen den Verlauf seines Lebens, immer in der Hoffnung, er möge sie beide von ihrer Verbannung befreien.

UND DOCH SIND GEWISSE MÄCHTE STÄRKER ALS ALLE ZAUBERKRAFT. EIN ANDERER GOLDENER FADEN BLIEB IN DER MITTE SEINER BRUST HAFTEN. EIN FADEN, VON DEM ER SICH NIE MEHR WÜRDE LÖSEN KÖNNEN. (SEITE 110)

Der Zauber von „Die wundersamen Koffer des Monsieur Perle“ liegt aber nicht in der Grundgeschichte allein. Er verbirgt sich in der poetischen Sprache, zwischen den vielen Erzählebenen und in dem plötzlichen Erkennen von Zusammenhängen, die einem zuvor nicht klar gewesen waren. Der Einstieg ist nicht leicht, der Leser stolpert in die Geschichte hinein, wie auch der Prinz in sein neues Leben. Auch wenn anfangs vieles nicht verständlich war, tröstete mich eine ganz spezielle Stimmung, die dem Buch innewohnt, darüber hinweg. Timothée de Fombelle verliert nicht viele Worte, doch die, die er verwendet, sind so schön und vollkommen, dass ich es nur ungern beiseite legte. Zudem war es äußerst spannend, Stück für Stück zu entlarven, wer, wann, wo und wie lebt.

DIE GESCHICHTEN MACHEN TOTE NICHT WIEDER LEBENDIG, ABER SIE LASSEN IHRE LIEBE UNSTERBLICH WERDEN. (SEITE 307)

Vollends überzeugt war ich, als neben der märchenhaften Liebesgeschichte die historische Ebene an Bedeutung gewann. Wir streifen den zweiten Weltkrieg, die Judenverfolgung, den Widerstand – und dies alles auf vergleichsweise wenigen Seiten, ohne an Zauber einzubüßen. Die Kombination aus historischen Fakten und Märchengeschichte ist äußerst gelungen und ziemlich einzigartig.

Fazit

„Die wundersamen Koffer des Monsieur Perle“ von Timothée de Fombelle hat eine Märchengeschichte geschrieben, die mich überraschte und faszinierte. Denn die Fäden der Geschichte laufen nach und nach zusammen und so offenbart sich die gesamte Tragweite der Geschichte im Grunde erst auf den letzten Seiten. Bis dahin trägt einen die wunderschöne, poetische Sprache durch das Geschehen. In meinen Augen eines der bemerkenswertesten Bücher des Jahres und absolut empfehlenswert!

Bewertung vom 17.11.2017
Die Prüfung / Nevernight Bd.1
Kristoff, Jay

Die Prüfung / Nevernight Bd.1


ausgezeichnet

Die Geschichte ist klassisch aufgebaut. Mia erlebt Schreckliches in ihrer Kindheit, sie verliert Mutter und Vater und findet beim Antiquitätenhändler Mercurio ein neues Zuhause. Dieser bildet sie für eine Zukunft im Assassinenorden die „Rote Kirche“ aus, damit sie sich ihren sehnlichsten Wunsch erfüllen kann, nämlich ihre Familie zu rächen und die Schuldigen am Tod ihres Vaters zu töten. Sie begibt sich auf die Reise, begegnet Herausforderungen und Gefahren, knüpft Freundschaften und muss am Ende eine Aufnahmeprüfung ablegen. Ich liebe Heldengeschichten dieser Art, ich fiebere mit, ich leide mit und freue mich am Ende mit den Protagonisten über errungene Siege.

Erzählt wird „Nevernight“ von einem Erzähler, der nicht nur Situationen, Gespräche und Emotionen schildert, sondern der sich selbst häufig mit seiner Meinung einschaltet. Dies geschieht in Form von Fußnoten, was ich an sich sehr spannend finde, allerdings brachte mich dies hier immer wieder extrem aus dem Lesefluss. Nach einigen Seiten überflog ich sie nur noch, nach dem ersten Drittel las ich sie gar nicht mehr. Das ist ganz sicher Geschmackssache, mich störte es. Ebenfalls Geschmackssache sind der Schreibstil und der Humor. Letzterer gefiel mir grundsätzlich gut (der Wortwitz, der Sarkasmus!), doch er stellte sich mir zu sehr in den Vordergrund. Dadurch bekam ich das Gefühl, der Erzähler wolle sich und seine Charaktere darstellen und allzu oft lag mir ein genervtes „Ich habe es verstanden, ihr seid alle unglaublich witzig“ auf der Zunge.

IT’S QUITE A THING, TO WATCH A PERSON SLIP FROM THE POTENTIAL OF LIFE INTO THE FINALITY OF DEATH. IT’S ANOTHER THING ENTIRELY TO BE THE ONE WHO PUSHED. (SEITE 21)

Einen Kontrast zu Wortspiel und Co. bilden die Kampfszenen, die es in „Nevernight“ zur Genüge gibt. Blutig, brutal, erbarmungslos, direkt und dreckig. Ich bin nicht die härteste im Nehmen und mir wurde es zu unangenehm. Ich bin folglich nicht bad ass genug, um Kämpfe dieser Art gut oder spannend zu finden. Vielleicht liegt es auch daran, dass der Ausgleich fehlte. Zwar knüpft Mia Kontakte, Freundschaften entstehen, sogar an Liebe wird flüchtig gedacht, doch diese Entwicklungen werden wenig emotional beschrieben. Ähnlich dem Mangel an Emotionen bleiben die weiteren Charaktere eher Statisten, als Menschen mit einer Vergangenheit, mit Gefühlen und Gedanken. Insgesamt ist die Welt im Assassinenorden keine Welt, in der Freundschaft und Liebe unbeeinträchtigt existieren können. Logisch. Aber nichts für mich.

IRON OR GLASS? THEY’D ASKED. MIA CLENCHED HER JAW. SHOOK HER HEAD. SHE WAS NEITHER. SHE WAS STEEL. (SEITE 207)

Positiv ist aber die Welt, die sich Jay Kristoff erdacht hat. Angelehnt an das alte Rom, erlebt der Leser eine Gesellschaft, die beachtliche politische Probleme hat. Die Entstehung der Stadt Godsgrave, die Götter, die Sonnen und magische Kräfte machten „Nevernight“ trotz aller Kritik noch zu einer angenehmen und auch spannenden Lektüre. Es war faszinierend herauszufinden, woran die Menschen glauben, was sie erlebten, was ihre Ziele sind, und ich bin mir sicher, dass in den kommenden Bänden noch ganz viel ans Licht gebracht wird. Band 2 ist auf Englisch bereits erschienen, ich werde jedoch nicht weiterlesen.

Fazit

„Nevernight“ von Jay Kristoff trifft sicherlich den Nerv vieler Leser, vor allem der Leser, die Werke von Sarah J. Maas sowie „Illuminae“ mochten. Meinen Nerv hat Kristoff leider nicht getroffen, dazu fehlten mir unter anderem die Tiefe bei den Charakteren und ein Ausgleich zu den oft sehr brutalen Kampfszenen. Zwar sind Gefühle im Spiel, diese werden jedoch nur am Rande gestrichen. Der Weltentwurf gefiel mir nichtsdestotrotz sehr gut und ich fand es aufregend, in diese Welt einzutauschen. Für ein Weiterlesen reicht dies jedoch nicht.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 03.11.2017
Lügnerin
Gundar-Goshen, Ayelet

Lügnerin


ausgezeichnet

Auf „Lügnerin“ von Ayelet Gundar-Goshen aus dem Kein & Aber Verlag wurde ich beim durchforsten der Verlagsvorschauen aufmerksam. Die mit dem Sapir-Preis für das beste Debüt Israels ausgezeichnete Autorin studierte Psychologie und so ist es schon fast natürlich, dass sie ihre Charaktere bis in ihr Innerstes durchleuchtet. Was geschieht, wenn ein Missverständnis zu einer Lüge heranwächst, die das Leben einer jungen Frau von Grund auf verändert? Was geht in den Menschen vor, die von der Lüge wissen? Was geschieht mit den Menschen, die unter der Lüge zu leiden haben? Ayelet Gundar-Goshen geht diesen Fragen auf den Grund.

Nuphar ist eine junge Frau, die völlig unerwartet aus ihrem bisherigen Leben herausgerissen wird. War sie eben noch unscheinbar und zurückhaltend, entdeckt sie nach einem Ereignis eine ihr bis dato unbekannte Macht. Die Macht der Lüge. Sie wird auf einmal wahrgenommen, Menschen bewundern sie, beschenken sie, lieben sie. Vor allem einer liebt sie. Doch was sehen sie in ihr? Nuphar selbst, oder nur das Lügengespinst? Und welche langfristigen Folgen hat ihre unbedachte Lüge? Angesichts dieser Fragen wird das, was anfangs noch seinen spielerischen Reiz hatte, eine immer schwerere Last für das Mädchen und alle, die mit in die Geschichte verstrickt sind.

Was so brisant klingt, wird von Ayelet Gundar-Goshen aus einer allwissenden und distanzierten Erzählperspektive beschrieben. „Lügnerin“ liest sich daher trotz aller Emotionalität, die ein Thema wie dieses mit sich bringt, eher wie eine sachliche Beobachtung – es ist eine feine Studie menschlichen Handelns und Denkens. Die Autorin geht den grundlegenden Fragen nach: Wer hat Recht, wer hat Unrecht? Wessen Handeln ist vertretbar, welches nicht? Was rechtfertigt eine Lüge? Letztendlich bleibt alles relativ und der Leser ist gefordert, sein Urteil zu fällen.

WAREN DIE UNENTDECKTEN LÜGEN NICHT ZAHLREICHER ALS DIE ENTDECKTEN? KLEINE, HARMLOSE GESCHICHTEN, DIE SICH IN DEN ALLTAG WEBTEN, BIS NIEMAND MEHR ZWISCHEN WAHR UND ERFUNDEN UNTERSCHEIDEN KONNTE. DIE ZEIT KNETETE ALLES ZU EINEM EINZIGEN TEIG ZUSAMMEN. GEWESEN ODER NICHT GEWESEN – WAS ÄNDERTE DAS SCHON GROSS? (SEITE 145)

Was mich sehr positiv überrascht hat ist, dass sich Gundar-Goshen nicht nur auf den einen Erzählstrang und diese eine Lüge beschränkt, sondern weitere Charaktere und Lügen ins Spiel bringt. So werden alle Facetten des Lügens betrachtet. Es wird herausgearbeitet, was Menschen zum lügen bringt und was sie sich davon erhoffen. Vor allem aber wird erzählt, warum es so schwer ist, eine Lüge zuzugeben. Das können wir alle nachvollziehen, oder? Sei es auch nur eine Notlüge, es ist schwer, mit der Wahrheit herauszurücken. Hinzu kommen kleine Aha-Momente, wenn sich die Lebenswege dieser Charaktere miteinander kreuzen und sich auch wieder verlieren. Wunderbar vielschichtig.

NACH EINEM FEINEN DESSERT MÖCHTE MAN NICHTS WEITERES KOSTEN, DAMIT DIE BESONDERE SÜSSE ERHALTEN BLEIBT. UND NACH KÜSSEN GIBT MAN EINSILBIGE ANTWORTEN, DAMIT SICH AUF DEN LIPPEN NICHT VERLIERT, WAS DER MUND NOCH GENIESSEN MÖCHTE. (SEITE 101)

Was mich am allermeisten beeindruckte, war die Sprache. Ayelet Gundar-Goshen verwendet enorm ausdrucksstarke Metaphern, die bemerkenswert gut zum sachlichen Ton passen. So werden Gedanken und Gefühle treffend ausgedrückt und werden für den Leser nachvollziehbar und erlebbar. Hier ist das Einfühlungsvermögen der Psychologin zu erkennen, die zielstrebig alles ans Licht bringt, was Menschen zum Lügen und auch generell im Leben bewegt. Das Lesen wird dadurch zu einem wahren Vergnügen.

Fazit

Ayelet Gundar-Goshen schreibt mit „Lügnerin“ eine präzise Beobachtung menschlichen Handelns. Was bewegt eine unscheinbare junge Frau dazu, eine ungeheure Lüge zu verbreiten? Die Autorin geht dieser Frage nach und beleuchtet die innersten und geheimsten Gefühle und Gedanken ihrer Charaktere und fasst sie in äußerst ausdrucksstarke Worte. Ich bin fasziniert von diesem Buch.

Bewertung vom 16.10.2017
Die Schlange von Essex
Perry, Sarah

Die Schlange von Essex


ausgezeichnet

„Die Schlange von Essex“ von Sarah Perry ist auf die vielfältigste Weise ein faszinierendes Buch, das den britischen Buchpreis 2017 für den besten Roman vollkommen zu Recht gewonnen hat. Die Autorin spielt darin die unterschiedlichsten Themen gegeneinander aus: Medizin und Wissenschaft gegen Religion und den Glauben, Armut gegen Wohlstand, das Leben in der Stadt gegen das Leben auf dem Land, Wahn gegen Realität, Liebe gegen Vernunft. Alles zusammen ergibt ein äußerst eingehendes und nuanciertes Bild von London und Essex im Jahre 1893, mitten im sogenannten Viktorianischen Zeitalter.

Dass solch eine Vielzahl an Themen miteinander in Einklang gebracht werden kann, liegt vor allem an den Charakteren, die jeder einen oder mehrere der Standpunkte, Werte oder Weltanschauungen vertreten. Durch die ständigen Reibungspunkte der Charaktere entfaltet sich so vor dem Leser ein großes Spektrum an Informationen zur damaligen Zeit.

Doch worum geht es eigentlich in „Die Schlange von Essex“? Nun, hauptsächlich verfolgen wir Cora Seaborne auf ihrem Weg von einer wenig selbstbestimmten, verheirateten Londonerin hin zu einer im Denken und Handeln freien Witwe. Sie schließt Freundschaft mit dem Dorfpfarrer William Ransome und seiner Familie und fortan diskutieren sie über Wissenschaft, Darwin, Religion und die Kraft des Glaubens. Sie sind selten einer Meinung, können aber eine gegenseitige Anziehungskraft nicht leugnen. Zusätzlich versetzt die ominöse Schlange von Essex die Bewohner des Ortes in Angst und Schrecken. Unglücksfälle häufen sich, Menschen verschwinden und Tiere sterben. Während Cora an ein lebendes Fossil glaubt, das wissenschaftlich erforscht werden sollte, glaubt Will gar nicht an die Erscheinung, muss sich aber gegen den zunehmenden Aberglauben der Dorfgemeinschaft einsetzen und versuchen, seine Gemeinde wieder auf den rechten Weg zu bringen.

Als wäre das nicht schon genug, kommt die Liebe ins Spiel. Unerwiderte Liebe, hoffnungslose Liebe, verbotene Liebe und geheime Liebe. In dieser Hinsicht steht Sarah Perry Jane Austen in kaum etwas nach, finde ich. Sie schreibt ebenso feinfühlig und dabei treffend von den Irrungen und Wirrungen des Herzens. Es steckt eine Ruhe in den Zeilen und in der gesamten Entwicklung der Geschichte, die einfach nur gut tut. Das bedeutet aber nicht, dass die Geschichte langatmig ist. Im Gegenteil, es gab so vieles „unterwegs“ zu entdecken, während sich die Spannung langsam und unterschwellig aufbaute.

Besonders gelingt es der Autorin die Leser zu fesseln, indem sie an einzelnen Stellen in der Gegenwart statt in der Vergangenheit erzählt. In kurzen Sätzen beschreibt sie darin, was die Charaktere tun. Das sind jedoch meistenteils keine großen Taten, sondern eher die kleinen, unwichtigen Handlungen, die der Alltag mit sich bringt. Durch die veränderte Zeitform nimmt man als Leser jedoch viel schärfer und unmittelbarer wahr, was die Menschen beschäftigt und bewegt. Gleichzeitig wirken der Wechsel ins Präsens und der ungewohnte Schreibstils seltsam distanzierend und befremdlich – eine Mischung, die mir sehr gefiel.

Fazit

„Die Schlange von Essex“ von Sarah Perry ist ein sehr vielseitiges Buch, das einen Blick in das Viktorianische Zeitalter erlaubt und gleichzeitig Themen wie Liebe, Glaube und Wissenschaft anspricht. Wer eine reine Liebesgeschichte erwartet, sollte eventuell lieber zu einem anderen Buch greifen, denn es wird eher weniger offenkundig darüber gesprochen. „Die Schlange von Essex“ erinnert in dieser Hinsicht an Werke von Jane Austen. Doch letztendlich sollte man bei „Die Schlange von Essex“ auch nicht auf einzelne Aspekte Wert legen, man muss sie in ihrer Gesamtheit erleben und sich darauf einlassen. Eine absolute Empfehlung für Leser, die Geduld mitbringen und sich gerne durch eine faszinierende Zeit treiben lassen möchten.

Bewertung vom 11.10.2017
Einmal im Jahr für immer
Ricchizzi, Sarah

Einmal im Jahr für immer


sehr gut

Sarah konnte mich mit ihrer Geschichte sehr überzeugen. Ihr Schreibstil allem voran. Ich stieß immer wieder auf wunderschöne Vergleiche, die unglaublich präzise den Gefühlszustand der Protagonistin beschreiben. Denn darum geht es maßgeblich in „Einmal im Jahr für immer“: Um die Gefühle von Amelie Red, die um ihren verstorbenen Mann Math trauert. Und es geht um die Frage, wie sie damit umgeht, wie und ob sie es überhaupt verkraften kann, ihn verloren zu haben.

Sarah Ricchizzi hat damit ein Thema aufgegriffen, das sie persönlich bereits seit langem sehr nachdenklich macht. Was passiert mit dem eigentlich, wenn ein geliebter Mensch stirbt und man selbst zurückbleibt. Was macht das mit einem? Mit dem Leben, das man führte? Kann man einfach so weitermachen? Kann man vergessen? Darf man überhaupt vergessen? Wird dieses lähmende Gefühl der Trauer jemals nachlassen? Wie kann man den Verlust akzeptieren, ohne selbst völlig daran zu zerbrechen? Sarah macht in ihrem Roman etwas, das ich in der Form noch nicht gelesen habe: Sie konzentriert sich einzig und allein darauf, wie es sich für Amelie anfühlt, ihren Math zu verlieren. Es ist eine äußerst konzentrierte Beobachtung eines Trauerprozesses.

Dabei geht sie aber auch anderen Fragen nach. Schuldgefühlen zum Beispiel. „Einmal im Jahr für immer“ widmet sich dem gesamten Gefühlschaos von Amelie Red und hat mir dabei des Öfteren die Tränen in die Augen getrieben – vor allem auf den letzten Seiten. Im Kontrast dazu steht der Clown, der sie in dieser Phase ihres Lebens herausfordert und sie zurück ins Leben drängt. Doch der Clown ist viel mehr als nur ein Mittel zum Zweck, denn auch er hat seine eigene Geschichte.

Sarah Ricchizzi hat ihre Charaktere sehr vielschichtig angelegt. Ich konnte mich in jeden von ihnen einfühlen, am meisten aber tatsächlich in den Clown. Anfangs weiß man nichts über ihn, doch Stück für Stück kommt mehr über seine eigene Vergangenheit und seine Verbindung zu Math ans Licht. Amelie war mir bisweilen etwas zu passiv. Das ist jedoch nur mein persönliches Empfinden. Sicherlich ist das auch der Tatsache zu schulden, dass Amelie nach dem Tod ihres Mannes nicht arbeiten muss. Sie hatte auch vor seinem Tod nicht mehr gearbeitet, da sie über ein ansehnliches Vermögen verfügen. Dieser Umstand war für mich sehr ungewohnt, da Amelie nicht gezwungen ist, sich mit dem Alltag auseinanderzusetzen. Sie MUSS nicht weitermachen und ihre Trauer verdrängen. Sie kann sich gehen lassen.

Bisweilen war es mir daher etwas zu viel des „sich gehen lassens“. Dies äußert sich auch darin, dass Amelie häufig sehr ähnliche Gedanken durch den Kopf gehen, dass sie immer wieder in dieselbe Gedankenspirale gerät. Ich hätte Amelie manchmal am liebsten kräftig geschüttelt, um sie aus ihrer Lethargie zu reißen. Doch abgesehen davon war ich von „Einmal im Jahr für immer“ vollkommen gefesselt. Und es gab ja immerhin noch den Clown, der diesen Part des „Schüttelns“ des Öfteren übernahm. Der Aufbau der Geschichte ist perfekt, die Entwicklung der Charaktere absolut realistisch und einfühlsam beschrieben. Am meisten beeindruckt hat mich aber das Ende, mit dem sich der Roman noch einmal deutlich von anderen seiner Art abgrenzt.

Fazit

Sarah Ricchizzi hat mit „Einmal im Jahr für immer“ eine sehr emotionale und tiefgründige Geschichte über das Sterben, Verlust, Trauer und Depression geschrieben. Voller Intensität und wundersamen und bisweilen kuriosen Begegnungen, Erlebnissen und Wendungen, doch immer mit starkem Bezug zur Realität. Für mich fehlten lediglich ein wenig die alltäglichen Herausforderungen, wie Beruf und Familie, doch dies hat die Autorin mit voller Absicht so eingerichtet. Die Charaktere sind lebensnah und insbesondere der Clown ganz stark in seiner Entwicklung. Mich hat Sarah Ricchizzi sehr berührt und ich kann dieses Buch nur jedem empfehlen, der gefühlvolle Geschichten mag. Danke, Sarah, dass ich dein Buch lesen durfte!