Benutzername: Buchstabenträumerin
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Bewertungen

Insgesamt 63 Bewertungen
Bewertung vom 16.10.2017
Die Schlange von Essex
Perry, Sarah

Die Schlange von Essex


ausgezeichnet

„Die Schlange von Essex“ von Sarah Perry ist auf die vielfältigste Weise ein faszinierendes Buch, das den britischen Buchpreis 2017 für den besten Roman vollkommen zu Recht gewonnen hat. Die Autorin spielt darin die unterschiedlichsten Themen gegeneinander aus: Medizin und Wissenschaft gegen Religion und den Glauben, Armut gegen Wohlstand, das Leben in der Stadt gegen das Leben auf dem Land, Wahn gegen Realität, Liebe gegen Vernunft. Alles zusammen ergibt ein äußerst eingehendes und nuanciertes Bild von London und Essex im Jahre 1893, mitten im sogenannten Viktorianischen Zeitalter.

Dass solch eine Vielzahl an Themen miteinander in Einklang gebracht werden kann, liegt vor allem an den Charakteren, die jeder einen oder mehrere der Standpunkte, Werte oder Weltanschauungen vertreten. Durch die ständigen Reibungspunkte der Charaktere entfaltet sich so vor dem Leser ein großes Spektrum an Informationen zur damaligen Zeit.

Doch worum geht es eigentlich in „Die Schlange von Essex“? Nun, hauptsächlich verfolgen wir Cora Seaborne auf ihrem Weg von einer wenig selbstbestimmten, verheirateten Londonerin hin zu einer im Denken und Handeln freien Witwe. Sie schließt Freundschaft mit dem Dorfpfarrer William Ransome und seiner Familie und fortan diskutieren sie über Wissenschaft, Darwin, Religion und die Kraft des Glaubens. Sie sind selten einer Meinung, können aber eine gegenseitige Anziehungskraft nicht leugnen. Zusätzlich versetzt die ominöse Schlange von Essex die Bewohner des Ortes in Angst und Schrecken. Unglücksfälle häufen sich, Menschen verschwinden und Tiere sterben. Während Cora an ein lebendes Fossil glaubt, das wissenschaftlich erforscht werden sollte, glaubt Will gar nicht an die Erscheinung, muss sich aber gegen den zunehmenden Aberglauben der Dorfgemeinschaft einsetzen und versuchen, seine Gemeinde wieder auf den rechten Weg zu bringen.

Als wäre das nicht schon genug, kommt die Liebe ins Spiel. Unerwiderte Liebe, hoffnungslose Liebe, verbotene Liebe und geheime Liebe. In dieser Hinsicht steht Sarah Perry Jane Austen in kaum etwas nach, finde ich. Sie schreibt ebenso feinfühlig und dabei treffend von den Irrungen und Wirrungen des Herzens. Es steckt eine Ruhe in den Zeilen und in der gesamten Entwicklung der Geschichte, die einfach nur gut tut. Das bedeutet aber nicht, dass die Geschichte langatmig ist. Im Gegenteil, es gab so vieles „unterwegs“ zu entdecken, während sich die Spannung langsam und unterschwellig aufbaute.

Besonders gelingt es der Autorin die Leser zu fesseln, indem sie an einzelnen Stellen in der Gegenwart statt in der Vergangenheit erzählt. In kurzen Sätzen beschreibt sie darin, was die Charaktere tun. Das sind jedoch meistenteils keine großen Taten, sondern eher die kleinen, unwichtigen Handlungen, die der Alltag mit sich bringt. Durch die veränderte Zeitform nimmt man als Leser jedoch viel schärfer und unmittelbarer wahr, was die Menschen beschäftigt und bewegt. Gleichzeitig wirken der Wechsel ins Präsens und der ungewohnte Schreibstils seltsam distanzierend und befremdlich – eine Mischung, die mir sehr gefiel.

Fazit

„Die Schlange von Essex“ von Sarah Perry ist ein sehr vielseitiges Buch, das einen Blick in das Viktorianische Zeitalter erlaubt und gleichzeitig Themen wie Liebe, Glaube und Wissenschaft anspricht. Wer eine reine Liebesgeschichte erwartet, sollte eventuell lieber zu einem anderen Buch greifen, denn es wird eher weniger offenkundig darüber gesprochen. „Die Schlange von Essex“ erinnert in dieser Hinsicht an Werke von Jane Austen. Doch letztendlich sollte man bei „Die Schlange von Essex“ auch nicht auf einzelne Aspekte Wert legen, man muss sie in ihrer Gesamtheit erleben und sich darauf einlassen. Eine absolute Empfehlung für Leser, die Geduld mitbringen und sich gerne durch eine faszinierende Zeit treiben lassen möchten.

Bewertung vom 11.10.2017
Einmal im Jahr für immer
Ricchizzi, Sarah

Einmal im Jahr für immer


sehr gut

Sarah konnte mich mit ihrer Geschichte sehr überzeugen. Ihr Schreibstil allem voran. Ich stieß immer wieder auf wunderschöne Vergleiche, die unglaublich präzise den Gefühlszustand der Protagonistin beschreiben. Denn darum geht es maßgeblich in „Einmal im Jahr für immer“: Um die Gefühle von Amelie Red, die um ihren verstorbenen Mann Math trauert. Und es geht um die Frage, wie sie damit umgeht, wie und ob sie es überhaupt verkraften kann, ihn verloren zu haben.

Sarah Ricchizzi hat damit ein Thema aufgegriffen, das sie persönlich bereits seit langem sehr nachdenklich macht. Was passiert mit dem eigentlich, wenn ein geliebter Mensch stirbt und man selbst zurückbleibt. Was macht das mit einem? Mit dem Leben, das man führte? Kann man einfach so weitermachen? Kann man vergessen? Darf man überhaupt vergessen? Wird dieses lähmende Gefühl der Trauer jemals nachlassen? Wie kann man den Verlust akzeptieren, ohne selbst völlig daran zu zerbrechen? Sarah macht in ihrem Roman etwas, das ich in der Form noch nicht gelesen habe: Sie konzentriert sich einzig und allein darauf, wie es sich für Amelie anfühlt, ihren Math zu verlieren. Es ist eine äußerst konzentrierte Beobachtung eines Trauerprozesses.

Dabei geht sie aber auch anderen Fragen nach. Schuldgefühlen zum Beispiel. „Einmal im Jahr für immer“ widmet sich dem gesamten Gefühlschaos von Amelie Red und hat mir dabei des Öfteren die Tränen in die Augen getrieben – vor allem auf den letzten Seiten. Im Kontrast dazu steht der Clown, der sie in dieser Phase ihres Lebens herausfordert und sie zurück ins Leben drängt. Doch der Clown ist viel mehr als nur ein Mittel zum Zweck, denn auch er hat seine eigene Geschichte.

Sarah Ricchizzi hat ihre Charaktere sehr vielschichtig angelegt. Ich konnte mich in jeden von ihnen einfühlen, am meisten aber tatsächlich in den Clown. Anfangs weiß man nichts über ihn, doch Stück für Stück kommt mehr über seine eigene Vergangenheit und seine Verbindung zu Math ans Licht. Amelie war mir bisweilen etwas zu passiv. Das ist jedoch nur mein persönliches Empfinden. Sicherlich ist das auch der Tatsache zu schulden, dass Amelie nach dem Tod ihres Mannes nicht arbeiten muss. Sie hatte auch vor seinem Tod nicht mehr gearbeitet, da sie über ein ansehnliches Vermögen verfügen. Dieser Umstand war für mich sehr ungewohnt, da Amelie nicht gezwungen ist, sich mit dem Alltag auseinanderzusetzen. Sie MUSS nicht weitermachen und ihre Trauer verdrängen. Sie kann sich gehen lassen.

Bisweilen war es mir daher etwas zu viel des „sich gehen lassens“. Dies äußert sich auch darin, dass Amelie häufig sehr ähnliche Gedanken durch den Kopf gehen, dass sie immer wieder in dieselbe Gedankenspirale gerät. Ich hätte Amelie manchmal am liebsten kräftig geschüttelt, um sie aus ihrer Lethargie zu reißen. Doch abgesehen davon war ich von „Einmal im Jahr für immer“ vollkommen gefesselt. Und es gab ja immerhin noch den Clown, der diesen Part des „Schüttelns“ des Öfteren übernahm. Der Aufbau der Geschichte ist perfekt, die Entwicklung der Charaktere absolut realistisch und einfühlsam beschrieben. Am meisten beeindruckt hat mich aber das Ende, mit dem sich der Roman noch einmal deutlich von anderen seiner Art abgrenzt.

Fazit

Sarah Ricchizzi hat mit „Einmal im Jahr für immer“ eine sehr emotionale und tiefgründige Geschichte über das Sterben, Verlust, Trauer und Depression geschrieben. Voller Intensität und wundersamen und bisweilen kuriosen Begegnungen, Erlebnissen und Wendungen, doch immer mit starkem Bezug zur Realität. Für mich fehlten lediglich ein wenig die alltäglichen Herausforderungen, wie Beruf und Familie, doch dies hat die Autorin mit voller Absicht so eingerichtet. Die Charaktere sind lebensnah und insbesondere der Clown ganz stark in seiner Entwicklung. Mich hat Sarah Ricchizzi sehr berührt und ich kann dieses Buch nur jedem empfehlen, der gefühlvolle Geschichten mag. Danke, Sarah, dass ich dein Buch lesen durfte!

Bewertung vom 30.09.2017
Die Hexenholzkrone 1 / Der letzte König von Osten Ard Bd.1
Williams, Tad

Die Hexenholzkrone 1 / Der letzte König von Osten Ard Bd.1


ausgezeichnet

Mit seiner Osten Ard-Reihe, in die er seine Leser erstmals bereits vor 30 Jahren entführte, hat Williams ein episches Meisterwerk geschaffen. Die Geschichte vom Reich Osten Ard ist unglaublich facettenreich. Sie ist humorvoll, rau, spannend, magisch und gleichzeitig sehr realistisch – sie ist einfach ein Feuerwerk von allem. Tad Williams hat mit einer unglaublichen Hingabe an dieser Reihe gearbeitet, damals wie auch heute, er lebt seine Welt, ebenso wie seine vielen Freunde und Kollegen, die ihn in seiner Arbeit unterstützen. Es gibt eigene Sprachen für jedes Volk, Landkarten, Brauchtum und Historie sind perfekt konstruiert – einfach alles ist bis in das kleinste Details ausgearbeitet und durchdacht. Daher ist es nicht verwunderlich, dass seine Leser diese Bücher mit einer, wenn überhaupt möglich, noch größeren Hingabe lesen.

Doch nun zum Buch selbst. Wer Osten Ard nicht kennt, kann in diese neue Reihe absolut problemlos einsteigen. Es gibt zwar hier und da Momente, in denen Charaktere in Erinnerungen schwelgen, diese versteht man jedoch auch ohne Hintergrundwissen. Ich selbst hatte die erste Reihe vor 20 Jahren gelesen und konnte mich auch nicht mehr an alles erinnern. Alle, die mit Osten Ard vertraut sind, erwartet ein Wiedersehen mit einigen lieb gewonnenen Charakteren. Allen voran Königin Miriamel und König Simon, die seit 30 Jahren über das Land regieren, außerdem begegnen wir Eolair, Tiamak, Isgrimnur und Binabik.

In Osten Ard herrscht Frieden seit einem letzten, erbitterten Kampf gegen die Nornen (hierüber wird in „Das Herz der verlorenen Dinge„, einer Art Zwischenband, erzählt). Allerdings brodelt es im Untergrund, denn die Nornen, die sich in einem Berg vor den Menschen verschanzt haben, sinnen auf Rache. Viyeki und seine Tochter Nezeru sind zwei von ihnen, die, verwickelt in persönliche Schwierigkeiten, den Willen der Nornenkönigin ausführen. Im Gegensatz zur ersten Reihe, spielen die Nornen in dieser Fortsetzung eine größere Rolle, was ich persönlich sehr spannend finde, da man so auch die Gegenseite kennen- und in Teilen verstehen lernt. So bewegen sich zwei Pole aufeinander und der Konflikt spitzt sich unaufhaltsam zu. Für Spannung ist also mehr als genug gesorgt.

Frischen Wind in die Geschichte bringt Morgan, der Enkelsohn von Simon und Miriamel, dessen Vater Johan Josua bei einem Fieber verstarb. Er ist aufmüpfig und gelangweilt von den steifen Veranstaltungen, langen Reden und ganz allgemein von sämtlicher Politik. Lieber verbringt er seine Zeit mit seinen Freunden in Schenken und trinkt bis zum Umfallen. Doch in ihm steckt mehr, als man auf den ersten Blick vermutet, denn der Tod seines Vaters hat ihn verletzt. In welche Richtung er sich entwickelt, bleibt abzuwarten, doch ich bin mir sicher, dass ihn einige Abenteuer erwarten.

Abseits der inhaltlichen Dramatik zeigt Tad Williams in „Die Hexenholzkrone 1“ wieder seine ganz große Stärke, nämlich die, plastische und sehr lebensnahe Charaktere zu erschaffen. Jeder steht für sich, trägt seine eigene Last aus vergangener Zeit mit sich, die ihn prägt, hart oder wahlweise auch empfindsam macht. Eolair, Tiamak, Morgan und alle anderen sind nicht nur einfach DA, für mich fühlt es sich beim Lesen fast so an, als würden sie mir gegenüber sitzen. Das schaffen nur wenige Autoren in diesem Ausmaß.

Fazit

Tad Williams hat mit „Die Hexenholzkrone 1“ eine fulminante, großartige, überragende High Fantasy Geschichte geschrieben, die an seine erste Osten Ard-Reihe anknüpft. Es ist aber auch für Leser ohne Vorkenntnisse geeignet. Ich bin begeistert und verliebt in diesen neuen Reihen-Auftakt, der alles hat, was richtig gute High Fantasy braucht – und mehr. Tad Williams ist und bleibt hiermit für mich ein absoluter Ausnahmeautor, der es bewerkstelligt, über mehr als 700 Seiten und mehrere Bände hinweg an seine Geschichte zu fesseln. Ich kann es nicht erwarten, „Die Hexenholzkrone 2“ zu lesen, die am 11. November 2017 erscheint.

Bewertung vom 17.09.2017
Palast der Finsternis
Bachmann, Stefan

Palast der Finsternis


sehr gut

Auf „Palast der Finsternis“ von Stefan Bachmann wurde ich schon beim Anblick der Leseprobe neugierig. Das Cover sieht so herrlich düster-unheimlich aus und sowohl Titel als auch Klappentext klangen mindestens ebenso verheißungsvoll. Ich liebe gute Gruselgeschichten – auch wenn ich sie nicht abends vor dem Einschlafen lesen kann. Doch tagsüber sorgen sie für genau die richtige Dosis Gruselfaktor. Am liebsten sind mir klassische und gradlinige Storys, mit Spukhäusern und seltsamen Erscheinungen. Barbara Erskine ist eine Autorin, deren Romane teils diese Richtung einschlagen. In „Palast der Finsternis“ schreibt Bachmann nun über einen unterirdischen Palast und Räume, in denen sich Abgründe auftun – ich fühlte mich extrem angesprochen.

Tatsächlich nimmt die Geschichte auch einen entsprechend von mir erwarteten Verlauf. Fünf Jugendliche gelangen in besagtes Schloss und erleben so einige finstere Dinge, die ich mir nicht zu sehr im Detail vorstellen mochte. Der Autor beschränkt sich jedoch nicht nur auf sonderbare Begegnungen und unerklärliche Vorkommnisse, sondern baut zusätzlich noch eine Art Abenteuer-Parcours mit ein, so dass für ausreichend Action gesorgt ist. Schlussendlich ist „Palast der Finsternis“ meinem Empfinden nach eine Mischung aus „Indiana Jones“ und „Die Fünf Freunde“ oder wahlweise „TKKG“. Einige Elemente erinnerten mich auch sehr stark an den Film „Cube“ aus dem Jahr 1997, in dem eine Gruppe Menschen in einem aus Würfeln bestehenden Gebäude erwachen und einen Weg nach draußen suchen. Dabei begegnen sie in jedem Raum neuen tödlichen Fallen und Gefahren.

WIR SIND IRGENDWIE LÄCHERLICH. WIE EINE GRUPPE ÜBEREIFRIGER SÖLDNER IN EINEM BILLIGEN SCIENCE-FICTION-FILM, DIE SICH MIT HAUSHALTSGEGENSTÄNDEN BEWAFFNEN. (SEITE 131)

Diese Assoziationen entzogen dem Roman leider ein wenig seine Wirkkraft. Nichtsdestotrotz gibt es vieles, was diese Geschichte einzigartig macht. Zum einen wären das die Rückblenden in die Vergangenheit, durch die der Leser mehr über den Ursprung des Palastes erfährt. Hier erzählt Aurélie, die Tochter des Adligen, der den Bau des Palastes beauftragt. Sie ist ein sehr sympathischer Charakter, ein liebenswerter und mutiger Sturkopf. Zudem ist diese zweite Zeitebene unerlässlich, um die gesamte Tragweite des Geschehens zu verstehen.

Aufgelöst werden die Zusammenhänge erst ganz am Ende der Geschichte. Bis dahin wird der Leser getrieben von Ahnungen, doch letztendlich war ich doch sehr überrascht. Stefan Bachmann hat sich etwas einfallen lassen! Einziger kleiner Wermutstropfen: Gegen Ende wurde mir alles doch ein wenig zu verrückt und wirr und blutig. Die Geschichte beginnt wunderbar subtil mysteriös, das verliert sich etwas im weiteren Verlauf.

Gut gefiel mir wiederum, dass zwischen Mystery und Horror noch Raum für Emotionen bleibt. Diese gefühlvollen Momente hat Stefan Bachmann sehr harmonisch in das große Ganze eingebunden. So hat mich beispielsweise Aurélie’s Schicksal sehr berührt und beinahe zu Tränen gerührt. Angenehm entwickelte sich auch Anouk, die mir anfangs durch die Bank weg unsympathisch war. Sie zeigt sich im Palast von einer anderen Seite, so dass ich Verständnis für sie entwickeln konnte. Am besten war aber die Dynamik der Jugendlichen untereinander, die sich in dieser Extremsituation wiederfinden und irgendwie damit zurechtkommen müssen.

Fazit

Stefan Bachmann bietet dem Leser in „Palast der Finsternis“ eine spannende Geschichte voller Mystery und Horror. Die Charaktere sind anfangs etwas sperrig, bringen letztendlich jedoch sehr viel Emotionalität mit rein. Leider waren mir einige Ideen nicht ganz neu, dennoch funktioniert der Roman gut, unterhält und bietet eine kurzweilige Zerstreuung. Eine lange nachwirkende Geschichte ist es für mich nicht – doch muss es das immer sein?

Bewertung vom 12.09.2017
Alle Farben der Nacht
Zauels, Jonas

Alle Farben der Nacht


ausgezeichnet

Für manche Rezensionen fühle ich mich zu klein. Ich fühle mich ihnen nicht gewachsen, vor allem, wenn mich der Roman sprachlich und inhaltlich so sehr gefangennimmt und beeindruckt, wie dieses Debüt: „Alle Farben der Nacht“ von Jonas Zauels. Der Autor, gerade einmal Mitte zwanzig, schreibt so gut. Metaphorisch, philosophisch, nüchtern, poetisch, gleichzeitig jugendlich und reif – seine Worte fühlen sich schlicht energiegeladen an. Herrje, manchmal kann man einfach nur dankbar sein, auf ein Buch aufmerksam gemacht worden zu sein.

Voller Energie sein – das passt zum Mitte zwanzig sein. Ein Alter, in dem übrigens auch die Protagonistin Emilia ist. Das ist die Zeit der intensiven Gefühle: Die ungestüme und nicht immer glückliche Liebe, Nachdenklichkeit und Schwermut, die einen ab und an befällt, die Verrücktheit und Freiheit der durchwachten Nächte, die Schmerzhaftigkeit des Erwachsenenlebens und die Grenzenlosigkeit der Möglichkeiten. In „Alle Farben der Nacht“ geht es um all das, das Erwachsenwerden, mit seinen Hürden und Schwierigkeiten – und um so vieles mehr.

Emilia ist eine verlorene junge Frau. Sie irrt ohne Familie und Freunde durch Tage und Nächte, betäubt sich mit Drogen und Alkohol. Schwierigkeiten, Sorgen und traumatische Erlebnisse lassen sich so verdrängen. Sie muss sie verdrängen, da sie sonst zerbricht. Der Leser erfährt nach und nach die ganze Bandbreite des Unglücks. In unscheinbaren Nebensätzen, unterkühlt und dabei kristallklar, spielen sich die Tragödien der Protagonistin ab. Die Tragweite wird einem dadurch nur umso bewusster.

Ich tauchte in den Kopf von Emilia ein und kam nicht mehr raus. Das war faszinierend und schmerzhaft und jetzt, wo ich am Ende angelangt bin, möchte ich von vorne beginnen. Denn ich bin mir ganz sicher, ich kratze gerade nur an der Oberfläche all dessen, was in diesem Roman drin steckt. Ich möchte den Text markieren, Gedanken und Zusammenhänge notieren, analysieren und jede Zeile sezieren – und das macht nur ein richtig gutes Buch mit mir. Davon gibt es nicht viele, eines wäre zum Beispiel „Der Fänger im Roggen“ von J.D. Salinger.

AN DIESEM ABEND WAR ES EMILIA, ALS BREITE SICH IN IHR EINE KLIRRENDE KÄLTE AUS, DIE SIE IN TAUSENDE UND ABERTAUSENDE TEILE ZERBERSTEN LIESSE. SPLITTER FÜR SPLITTER SPRANG VON IHR AB, VERLIESS SIE, BRACHTE SICH IN SICHERHEIT, BIS NUR NOCH EIN SCHANDFLECK AUS KNOCHEN UND HAUT ÜBRIG WAR, IN EINER SALZIGEN PFÜTZE AUF DEM BODEN. (SEITE 15)

Doch zurück zu „Alle Farben der Nacht“. Das obere Zitat ist nur ein Beispiel von zig Metaphern, die mich nicht mehr loslassen. Sie machen es dem Leser teilweise schwer, dem Geschehen zu folgen. Überhaupt ist es nicht immer leicht, zu unterscheiden, was nun Wirklichkeit und was Einbildung ist. Was findet nur in Emilia’s Kopf statt, was geschieht tatsächlich? Doch das entfachte bei mir nur den Wunsch, noch tiefer einzusteigen und mich noch mehr auf die Geschichte einzulassen.

Ich schwärme zu sehr? Ach, ich habe nicht mal richtig angefangen! Doch jedes weitere Wort würde zu viel vom Inhalt vorwegnehmen. Jonas Zauels – Hut ab. Ich benutze dieses Wort nicht gerne, aber ich bin ein Fan geworden. Schreibe bitte noch ganz, ganz viele Bücher, ich möchte sie alle lesen.

Fazit

„Alle Farben der Nacht“ von Jonas Zauels ist ein absolut bemerkenswertes und anspruchsvolles Debüt, das mich nachhaltig beeindruckt hat. Ich war sprachlos und bin es – um ehrlich zu sein – auch jetzt noch. Diese Coming-of-Age Geschichte ist hart, ungewöhnlich und geht an die Substanz. Doch sie ist gleichzeitig so reich an intensiven Gefühlen, dass man sie nicht hoffnungslos verlässt. Von mir eine ganz klare und dringende Empfehlung.

Bewertung vom 09.09.2017
Coldworth City
Kasten, Mona

Coldworth City


weniger gut

SOLIDE GESCHICHTE MIT GEWOHNTEN ERZÄHLMUSTERN. ICH FÜHLTE MICH NUR MÄSSIG UNTERHALTEN.

Mona Kasten ist seit Erscheinen ihres New Adult Romans „Begin Again“ im vergangenen Jahr in aller Munde. Im Mai 2017 erschien die Fortsetzung „Feel Again“, die ebenfalls die Leser begeisterte. Ich habe mich diesem „Hype“ bewusst entzogen, war aber umso neugieriger, als ich auf diesen neuen Roman von ihr aufmerksam wurde. Mit „Coldworth City“ wendet sie sich dem Genre Fantasy zu und erzählt von Mutanten sowie einer unbarmherzigen Organisation, die Menschen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten für ihre Forschungszwecke missbraucht. Das Thema ist sicherlich nicht die Neuerfindung des Rades, doch angesichts der recht großen Begeisterung für ihre Werke, erwartete ich eine Überraschung.

Die Geschichte ist sehr klassisch aufgebaut und bietet neben Action und Spannung auch hinreichend andere Motive wie Liebe und Freundschaft. In dieser Hinsicht kann ich wirklich nichts gegen den Roman sagen. Er ist grundsolide und hat alles, was eine gute Geschichte braucht. Aber wo sind die Überraschungen? Die unerwarteten Wendungen? Die facettenreichen und nicht stereotypen Charaktere? Wo ein unverwechselbarer Schreibstil? Für mich fühlte sich das Lesen von „Coldworth City“ an wie ein ständiges Déjà-vu. Stets begleitete mich die Ahnung, Ähnliches woanders schon einmal gelesen zu haben.

DAS HATTE SIE NUN DAVON, DASS SIE HIER WAR. GENAU DAS, WAS SIE STETS ERWARTET HATTE, SOBALD DIE LEUTE ÜBER IHRE WAHRE GABE IM BILDE WAREN: DASS SIE SIE WIE EINE AUSSÄTZIGE BEHANDELTEN. ODER SCHLIMMER NOCH – WIE EIN MONSTER. (SEITE 134)

Der Roman wird auf der Webseite des Verlags mit Serien wie Jessica Jones, Agents of S.H.I.E.L.D. oder X-Men verglichen – und damit trifft es auch schon den Punkt. Kennt man die Serien, kennt man die Geschichte von Raven. Jede Entwicklung der Handlung konnte ich daher meist im Voraus erahnen. Alles in allem fehlte es mir an Originalität. Es gibt Autoren, denen dies besser gelingt: Mika M. Krüger in „Totenläufer“ zum Beispiel. Inhaltlich gibt es einige Überschneidungen, doch in ihrem Roman habe ich all das gefunden, was mir in „Coldworth City“ fehlte.

Raven als Charakter ist in ihrer Persönlichkeit gut angelegt, auch ihre Entwicklung ist plausibel. Sie hat Schlimmes erlebt, verdrängt, schlägt sich durch und kümmert sich um ihren kleinen Bruder Knox. Allerdings blieb sie vollkommen unnahbar für mich. Ich konnte mich nicht in sie hineinfühlen. Wade gefiel mir da schon etwas besser, er ist verschlossen, etwas eigen, aber leidenschaftlich. Aber: Mit diesen Charakterzügen reiht er sich in eine ganze Reihe von männlichen Protagonisten ein. Mir persönlich waren beide zu schablonenhaft, mir fehlte das Neue und Unbekannte.

Gleiches gilt für den Konflikt. Hier möchte ich jedoch keine Details verraten, um Spoiler zu vermeiden. Doch warum nicht einmal etwas Neues erschaffen? Oder dies zumindest um neue Aspekte anreichern? Hach, ich wurde einfach nicht warm mit diesem Buch – leider.

Fazit

Mona Kasten hat sich in ihrem Fantasy-Roman an einen bewährten Plan gehalten und so eine gut durchdachte und im Grunde interessante Geschichte zu Papier gebracht. Allerdings fehlte mir deutlich die Abgrenzung zu ähnlichen Büchern dieses Genres, die Autorin spult lediglich ein Standard-Repertoire an Szenen ab. So sorgten stereotype Charaktere und eine wenig überraschende Geschichte dafür, dass ich mich leider nur mäßig unterhalten fühlte. Mona Kasten hat nichts falsch gemacht in ihrer Geschichte und ich bin mir sicher, dass es viele begeisterte Leser geben wird – für meinen Geschmack war sie aber nicht mutig genug, über den Tellerrand des Standards zu schauen.

Bewertung vom 05.09.2017
Vintage
Hervier, Grégoire

Vintage


ausgezeichnet

Ich höre weder Blues, noch spiele ich Gitarre. Auch für Musikgeschichte interessiere ich mich nicht sonderlich. Doch es gibt Bücher, die das Interesse für Themen wecken, die einen im Alltag nicht berühren. Bücher, die nicht nur das Interesse wecken, sondern eine wahre Leidenschaft während des Lesens entfachen! Bisher ist mir das passiert bei „Die Spuren meiner Mutter“ von Jodi Picoult(Elefantenliebe), „Nordnordwest“ von Sylvain Coher (Segelleidenschaft und Meerliebe) und bei „Die Launenhaftigkeit der Liebe“ von Hannah Rothschild (Kunstleidenschaft). Alles großartige Bücher, die man gelesen haben sollte, finde ich. In diese Riege reiht sich nun „Vintage“ von Grégoire Hervier ein. Ein Roman, der mich die Liebe zum Blues lehrte und die Leidenschaft für Gitarren weckte.

Die Geschichte nimmt ihren Lauf mit Thomas, der im Auftrag eines reichen Lords eine Gitarre ausfindig machen soll, über deren Existenz keine Beweise existieren. Da ihm eine großzügige Belohnung winkt, stürzt er sich in Recherchen zu dieser legendären Gibson Moderne, die vielleicht gebaut wurde – vielleicht aber auch nicht. Er taucht tief in die Musikgeschichte ein und lässt den Leser daran teilhaben. Und das ist alles andere als trocken und langweilig! Das geballte Wissen ist faszinierend, der Blues facettenreich und nicht nur in musikalischer Hinsicht von Bedeutung. Die Musik ist ein Sinnbild für die damalige Zeit in den USA. Es geht um Sklaverei und Unterdrückung, Freiheit und den Ausdruck von Emotionen. Und mit allem steht die Gibson Moderne in Verbindung.

Thomas geht auf Reisen, immer auf den Spuren dieser Gitarre, begegnet Menschen, Sammlern, Musikern und Gleichgesinnten. „Vintage“ ist ein Roadtrip der Extraklasse. Dabei ist Hervier’s Werk vor allem im letzten Drittel etwas roher und brachialer als erwartet. Es ist tatsächlich in vielerlei Hinsicht ein musikalischer Krimi, in dem es durchaus blutig wird. Also nicht unbedingt etwas für zarte Gemüter.

Doch es steckt noch viel mehr darin. Humor, spannende Nebencharaktere und ein liebenswerter Protagonist, der sich in einer recht klassischen Phase der Selbstfindung befindet. Seine kurzfristigen Ziele, das Finden der Gitarre, formen sich nachvollziehbar zu langfristigen Zielen und Wünschen. Die Entwicklung von Thomas ist dabei sehr angenehm und plausibel in das Grundgerüst der Geschichte eingebunden.

Hinsichtlich der Story habe ich lediglich einen kleinen Kritikpunkt. Besonders ab der Hälfte häufen sich die Zufälle. Praktischerweise reist er zum Beispiel genau dorthin, wo sich die nächste Spur befindet. Oder er begegnet zufällig dem einen Menschen, der noch etwas zu der Gitarre sagen kann. Dies wurde mit der Zeit etwas überstrapaziert, so dass ich die Spurensuche nicht mehr zu hundert Prozent ernst nehmen konnte. Auf das große Ganzen wirkte sich das aber nicht allzu negativ aus.

Ich könnte noch auf so viele Aspekte des Romans eingehen, doch das würde den Rahmen dieser Rezension sprengen. Ich möchte aber noch erzählen, was das Buch mit mir gemacht hat. Nämlich das: Noch während des Lesens klebte ich Post-its auf jede Seite mit musikalischem Bezug. Und „Vintage“ ist vollgepackt damit! Lieder werden erwähnt, Musiker, die mit Gitarre A oder Gitarre B zur Legende wurden, Song A erinnert an Song B, die Produktion von Lied C war wegweisend für Bands X und Y – musikalische Referenzen ohne Ende. Nach Beenden des Buches wünschte ich mir nichts sehnlicher, als mich für Tage in ein Tonstudio zu verkrümeln und Musik zu hören. Eine Seite des Buches nach der anderen unter die Lupe nehmend.

Fazit

„Vintage“ von Grégoire Hervier ist so vielseitig, dass ich die Essenz nur schwer in Worte fassen kann. Dieser Roman hat mich begeistert für Musikgeschichte, den Blues, die USA in den 50er Jahren, Musiker dieser Generation, Musikproduktion, Gitarren und Gitarrenbau. „Vintage“ ist ein Roadtrip und ein Krimi in einem, noch dazu mit starken Charakteren, Spannung und Humor. Was will man mehr? Ich sage nur: Lesen!

Bewertung vom 02.08.2017
Flammende Zeichen / Die Fabelmacht-Chroniken Bd.1
Lange, Kathrin

Flammende Zeichen / Die Fabelmacht-Chroniken Bd.1


gut

Eine Erzählung über ein Mädchen, das mit ihren Geschichten die Wirklichkeit schreibt und diese mit ihren Worten verändern kann - ich war begeistert von der Grundidee, allerdings konnte Kathrin Lange dieses Mal nicht ganz meine Erwartungen erfüllen. Einerseits liegt es sicherlich daran, dass sich „Flammende Zeichen“ hauptsächlich an ein jüngeres Publikum richtet. Es ist alles da, was eine gute Geschichte braucht, doch mir war es zu wenig. Ich möchte interessante Charaktere kennenlernen und die Welt, in der sie Leben, erfahren können. In dieser Hinsicht hat die Autorin für meinen Geschmack nicht tief genug gegraben.

Mila lernen wir im Zug nach Paris kennen, wo sie nach einem Streit mit ihrer Mutter eine Freundin besuchen möchte. Sie gibt wenig von sich preis und so bleibt ihre Vergangenheit, ihr Alltag und das, was sie letztendlich ausmacht, etwas im Schatten. Stattdessen wird die Handlung vorangetrieben und Mila stolpert von einer seltsamen Situation in die nächste.

Sie trifft auf Nicholas, den sie als den Jungen aus ihren Geschichten wiedererkennt. In ihn hat sie sich schon tausendfach verliebt – allerdings nur Schwarz auf Weiß auf einem Blatt Papier. Nicholas bleibt ähnlich blass als Charakter, obwohl sich schon früh andeutet, dass er etwas getan hat, wodurch sein ganzes Umfeld in Aufruhr geriet und seine Familie leiden muss. Im Laufe des Buches erfährt man immer mehr darüber, allerdings nicht genug, finde ich, um wirkliche Nähe entstehen lassen zu können.

Überhaupt werden entscheidende Details nicht verraten. Eine Tatsache, die mich über weite Strecken der Handlung ziemlich gereizt hat. Mila stellt Fragen, doch die Antworten sind entweder ausweichend oder bleiben ganz aus. Setzt doch jemand an, einen Umstand zu erklären, kommt es zu einer Unterbrechung. Ab einem gewissen Punkt wirkte das auf mich zu künstlich. Der Spannungsbogen kann nicht allein dadurch aufrecht gehalten werden, dass ein Detail nicht verraten wird, obwohl es gefühlte 1.000 Gelegenheiten dazu gab.

Mila gibt sich viel zu leicht mit unvollständigen Informationen zufrieden, obwohl sie in ein Abenteuer stürzt, das sie sich nicht auch nur ansatzweise erklären kann. Ich würde Antworten einfordern! Insgesamt macht das Mila zu einem sehr passiven Charakter, zu einem Spielball dieser geheimnisvollen Fabelmacht, zu jemandem, der niemals nachhakt und kaum die Initiative ergreift.

Ein weitaus interessanterer Charakter als Nicholas und Mila ist Eric, ein Dieb, auf den sie am Bahnhof trifft. Er fühlt sich von ihr angezogen und hilft ihr in einer Notlage. Fortan weicht er ihr nicht mehr von der Seite und setzt sogar sein Leben für sie aufs Spiel. Das fand ich zwar absolut nicht plausibel, schließlich kennt er Mila kaum länger als einen Tag, dennoch mochte ich ihn. Er hält sich zwar ebenfalls bedeckt, was seine Vergangenheit betrifft, doch er wirkt insgesamt als Charakter runder, vollständiger. Auf seine Entwicklung im zweiten Band bin ich unendlich gespannt. Wer hier eine Dreiecksgeschichte vermutet, den kann ich übrigens beruhigen. Mila ist sich von Anfang an im Klaren über ihre Gefühle.

Die Idee der Fabelmacht hat Kathrin Lange allerdings hervorragend umgesetzt. Sowohl an Ideenreichtum, Komplexität und Spannung ist in Band 1 alles drin, was man von einem Fantasy-Jugendbuch erwarten kann. Und auch die Entwicklung des Plots am Ende hat mich sehr überzeugt, denn „Die Fabelmacht Chroniken“ entwickelt sich ganz anders als erwartet. Das lässt mich über die genannten Schwächen hinwegblicken und Band 2 ist ein Muss.

Fazit

„Die Fabelmacht Chroniken. Flammende Zeichen“ ist ein Reihenauftakt, der mich nicht vollständig überzeugen konnte. Die Charaktere waren mir bis auf wenige Ausnahmen zu blass und unnahbar, die Spannung wurde bisweilen zu künstlich aufrechterhalten. DOCH im letzten Drittel gewinnt der erste Band an Fahrt und eine unerwartete Entwicklung lässt auf einen weit, weit besseren zweiten Band hoffen.

Bewertung vom 08.07.2017
Das Erwachen / Chosen Bd.2
Fischer, Rena

Das Erwachen / Chosen Bd.2


ausgezeichnet

Komplexität. Tempo. Undurchschaubare Charaktere. Liebe. Gewalt. Außergewöhnliche Fähigkeiten. Das ist der Stoff, aus dem Chosen gestrickt ist. Band 1, „Chosen – Die Bestimmte“, schlug anfangs noch die lockere und humorvolle Jugendbuch-Schiene ein, entwickelte sich dann jedoch immer mehr zu einem rasanten Fantasy-Thriller. Band 2, „Chosen – Das Erwachen“, knüpft unmittelbar dort an und statt Romantik erwarteten mich Action und Spannung. Denn die Beziehung von Aidan und Emma ist zerstört, seitdem Calahan und Farran ihre Erinnerungen manipuliert haben. Getrennt voneinander versuchen sie sich von den Ereignissen zu erholen und sie zu verarbeiten.

Emma befindet sich wieder bei den Raben und glaubt, Aidan habe ihren Vater Jakob getötet. Sie vertraut Farran blind und lässt sich wie zu Beginn von Band 1 von ihm ausbilden. Aidan jedoch verschwindet und entzieht sich so den Fängen der Raben und der Falken. Doch der Versuch, ein ganz neues Leben zu beginnen scheitert, denn die Erinnerung an einen Kuss im Regen lässt ihn nicht los. Werden sich die beiden wiedersehen? Wird Emma die Manipulationen durchschauen? Werden sie Farran das Handwerk legen? Diese Fragen treiben die Geschichte voran.

Stille kann einen mit Ehrfurcht erfüllen oder einen beruhigen, auffangen in einem Netz von Glück, Sehnsucht oder Hoffnung. Aber das sind nicht die Fäden, aus denen mein Leben in den letzten Monaten gesponnen wurde. (Seite 294)

Dabei bedient sich Rena Fischer wieder der gleichen Komplexität wie in Band 1, ach was, sie übertrifft sich! Ich habe absolute Hochachtung vor der Autorin, die während des Schreibens einen Überblick über alle zeitlichen Verläufe und alle Zusammenhänge behalten hat. Dieser Plot hat es wirklich in sich und hat mich bisweilen auch etwas hilflos zurückgelassen, so schnell überschlugen sich die Ereignisse. Das spiegelt sich auch im Schreibstil wieder, der Sequenzen eines Actionfilmes sehr ähnlich ist: harte Schnitte, kurze Szenen, spannungsgeladene Cliffhanger am Ende jeder Szene.

Meist spricht man von der Ruhe vor dem Sturm. Doch den habe ich bereits hinter mir gelassen. Jetzt wandere ich über das gespenstisch stumme Schlachtfeld meiner Vergangenheit, eine einsame Gestalt auf der Suche nach dem, was von ihrem Leben übrig blieb. (Seite 294)

Hinzu kommt eine konsequent düstere Stimmung. Jegliche Leichtigkeit, die ich in Band 1 noch erlebt hatte, suchte ich hier vergebens. Die Situation eskaliert zusehends und die Gegner werden immer rücksichtsloser. Da kann das Cover noch so verträumt und hübsch daherkommen – Band 2 ist eher nichts für schwache Nerven. Und das ist gut so, denn dadurch hebt sich „Chosen“ von anderen Büchern dieses Genres ab. Es wirkt erwachsener, reifer und ist in vielerlei Hinsicht überraschend.

Das Einzige, was mir ein wenig fehlte, war die Chemie zwischen Aidan und Emma, die mich im ersten Teil begeisterte. Natürlich verbringen sie kaum Zeit miteinander und wenn, dann machen ihnen die Erinnerungslücken zu schaffen oder sie sind in Gefahr. Doch ich hatte dennoch auf ein bisschen mehr Zweisamkeit gehofft. Dafür tritt eine andere Beziehung stärker in der Vordergrund: die von Farran und Emma. Farran vertraut sich Emma an, erzählt ihr von seiner Vergangenheit und von seinen Träumen für die Zukunft, in der Emma eine signifikante Rolle spielen soll. Diese neue Dynamik gefiel mir sehr gut.

Fazit

„Chosen – Das Erwachen“ bietet action-geladenes und spannendes Popcorn-Kino zwischen Buchseiten. Mit seiner düsteren Atmosphäre und den komplexen Handlungssträngen übertrifft dieser Abschluss der Dilogie sogar Band 1. Hinzu kommen eine wundervolle, lebendige Sprache, die das Lesen zum Vergnügen macht.

Bewertung vom 28.06.2017
Linas Reise ins Land Glück
Widmark, Martin

Linas Reise ins Land Glück


ausgezeichnet

„Linas Reise ins Land Glück“ ist eine überraschend emotionale Geschichte und anfangs auch traurig, da Linas Bruder verschwindet. Sie versteht nicht, wie das geschehen konnte und vermisst ihn sehr. Autor Martin Widmark spricht also Verlust und Trauer an, aber auch Mut, Hoffnung und Glück. Das hatte ich in einem Bilderbuch für fünfjährige nicht unbedingt erwartet und es hat mich positiv überrascht.

Die Erzählung wirkt stets etwas entrückt von der Realität, es wirkt alles sehr verträumt und verwunschen, ganz ähnlich des Klassikers „Alice im Wunderland“. So gelangt auch Lina in ein geheimnisvolles Land, in dem sie winzig klein ist und sie sprechenden Insekten begegnet. Ein Käfer nimmt sich ihrer an, allerdings nur, um sie einer gierigen Krabbe auszuliefern.

Nun erhält „Linas Reise ins Land Glück“ eine recht bedrohliche Note, denn die Krabbe hält Kinder gefangen, damit sie für ihn Perlen aus einem Wasserbecken tauchen. Doch was wäre es für eine Kindergeschichte, wenn die Kinder nicht zusammenhalten würden! Gemeinsam sind sie stark – stark genug, um alle, die ihnen Unrecht tun wollen, zu überlisten. Hier spürt man ein wenig die Tradition von Astrid Lindgren und anderen tollen Kinderbuchautoren/innen: Kinder sind klug und ganz schön furchtlos.

Mir persönlich war lediglich die Auflösung etwas zu einfach. Ich hätte mir mehr Einfallsreichtum erhofft, vor allem angesichts der starken Entwicklung bis dahin. Allerdings ist das für mich absolut zu verschmerzen, da der Rest des Kinderbuches mich sehr anspricht.

„Das ist eines dieser Projekte, für die ich brenne. Ich liebe es, wenn Texte und Illustrationen unterschiedlicher Kulturen und Traditionen sich zu einer Geschichte vereinen.“ Martin Widmark, schwedischer Bestsellerautor

Die Bilder sind meiner Meinung nach die besondere Stärke dieses Buches. Illustrationen dieser Qualität sind selten in Kinderbüchern zu finden. Sie entführen nicht nur die Kinder in eine andere Welt, auch ich war hingerissen und nehme „Linas Reise ins Land Glück“ immer wieder gerne zur Hand, einfach um mir die Bilder anzuschauen. Sie reichen meist über die gesamte Seite und bieten dem Auge viele Details, um daran hängen zu bleiben und sich wahrhaftig in der Geschichte zu verlieren. Dabei greifen die Bilder die Stimmungen hervorragend auf und wirken geradezu märchenhaft.

Fazit

„Linas Reise ins Land Glück“ ist eine emotionale und poetische Geschichte über ein Mädchen, das einen Verlust erlebt und während einer seltsamen Reise nicht nur den Mut aufbringt, gegen Unrecht anzukämpfen, sondern am Ende auch das wiederfindet, was sie verloren hat. Die wunderbaren Illustrationen unterstreichen die Stimmungen der Geschichte perfekt. Für mich eine kleine Kinderbuch-Entdeckung.