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MB
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Rösrath

Bewertungen

Insgesamt 477 Bewertungen
Bewertung vom 05.01.2026
Lalami, Laila

Das Dream Hotel


sehr gut

Beängstigend. Die Vision einer nahen Zukunft, deren erste Anzeichen in der Gegenwart bereits erkennbar sind. "Das Dream Hotel" von Laila Lalami reicht mit seiner Story nicht ganz an das Gefühl heran, was mich in ferner Vergangenheit befallen hatte, als ich Ken Kesey's 'Einer flog übers Kuckucksnest' gelesen habe - eine ängstliche Beklemmung. In Laila Lalamis Roman wird die Hauptfigur Sara bei ihrer Rückkehr von einer Geschäftsreise auf dem Flughafen einer Personenkontrolle durch das 'Amt für Risikobewertung' unterzogen und wegen ihres angeblich zu hohen Risikowertes in Gewahrsam genommen. Der Risikowert speist sich aus einer Vielzahl von Datenquellen, u.a. einer Analyse der nächtlichen Träume und der Verhaltensweisen in sozialen Kontexten, und dient dazu, eine Vorhersage für kriminelle Handlungen zu treffen. Sara ist verwundert, weil sie ihren angeblich erhöhten Risikowert nicht nachvollziehen kann und nie und nimmer auf die Idee käme, ihrem Ehemann Elias oder ihren beiden dreijährigen Zwillingen in irgendeiner Weise zu schaden; Sara bleibt keine Wahl, als sich ihrem Schicksal zu fügen und findet sich bald mit anderen Frauen wieder in einer 'Anstalt für Einbehaltene' - einer 'totalen Institution' mit differenzierter bis willkürlicher Verhaltenskontrolle. Die Autorin beschreibt recht gut, wie die Institution Sara im Laufe der Monate verändert - hin und her gerissen zwischen Anpassung und Rebellion, fast schon im Glauben an eine tatsächliche eigene Schuld. Dieser Prozess ist der eigentliche Kern der Geschichte; das Ende hingegen kommt ein wenig kurz und hätte es verdient gehabt, tiefer ausgeleuchtet zu werden. Gleichwohl: Ein absolut lesenswertes Buch.

Bewertung vom 03.01.2026
Schäfer, Stephan

Jetzt gerade ist alles gut


gut

Augenöffnend nett. Ein nettes kleines Büchlein mit vielen kleinen Geschichten, Augenblicken und Geschehnissen - gerahmt von der einen großen Geschichte, weil Leben vom Überleben abhängt. Der eine oder andere wird bereits eine existenziell bedrohliche Erfahrung gemacht haben und anschließend - zumindest eine Zeit lang - bemüht gewesen sein, die gegebene Zeit, also die verbleibende Lebenszeit nicht mit der Planung für eine noch nicht greifbare Zukunft zuzubringen, sondern vielmehr das Gegenwärtige zu schätzen, den Augenblick bewusst wahrzunehmen, insgesamt achtsamer zu sein. Und genau darum geht es dem Autor Stephan Schäfer in "Jetzt gerade ist alles gut": Es ereilt ihn die dritthäufigste Todesursache - eine Sepsis - und er überlebt; ein neues Nachdenken setzt ein. Der Autor ermuntert uns mit seinen Geschichten dazu hinzuschauen, hinzuspüren und das kostbarste was wir haben nicht auf irgendwann zu vertagen - das Leben. Eigentlich ein Psycho-Ratgeber in Form erzählter Geschichten - aber Geschichten wirken schließlich nachhaltiger als ein noch so gut gemeinter Rat!

Bewertung vom 29.12.2025
Häffner, Hannah

Die Riesinnen


sehr gut

Ein wahrer Sog. Es zieht einen förmlich hinein in die Geschichte - von der ersten bis zur letzten Seite. Hannah Häffner ist mit ihrem aktuellen Roman "Die Riesinnen" weit mehr gelungen, als nur eine Generationenporträt im ländlichen Raum. Mit ihren drei Protagonistinnen Liese, der Tochter Cora und Enkelin Eva stellt sie Fragen, sucht nach Antworten, beschreibt sie kontextbezogene (Zeit, ländlicher Raum / Heimat versus große, weite Welt) innere und äußere Konflikte, erzählt über die Herausforderungen des Lebens der unterschiedlichen Generationen und im Allgemeinen und schließlich die ganz besonderen Anforderungen an weibliche Identitäten. Liese verliert recht früh durch einen Unfall ihren (lieblosen) Mann und ist gezwungen, sich aus ihrer abhängigen Rolle zu befreien, die Chefin in der Metzgerei des Mannes zu werden, sich gegen das Gerede im Dorf durchzusetzen und sich den notwendigen Respekt in einer männlich dominierten Arbeitswelt zu verschaffen; und ganz nebenbei trägt sie noch Verantwortung für Tochter Cora. Die wiederum leidet zunächst unter der Enge des Dörflichen, verschafft sich über ihr Anderssein einen gewissen Respekt, ist zwar eine gute Schülerin, der wegen ihrer sehr guten Noten die (berufliche) Welt offen stünde, zieht es aber vor, zunächst einmal per Interrail eine Tour durch Europa zu machen und wird schwanger, was sie zur Rückkehr in die Heimat veranlasst, um dort dann Tochter Eva zur Welt zu bringen. Der Autorin gelingt es äußerst gut, nahezu übergangslos drei Lebensgeschichten zu einem großen Ganzen zu vereinen, drei Lebensperspektiven hervorzuheben und über gemeinsame Themen miteinander zu verbinden - Partnerschaft, Suche, Heimat, Familie, Identität, Angst und Zuversicht. Ein bewegendes Leseerlebnis.

Bewertung vom 29.12.2025
Illies, Florian

Wenn die Sonne untergeht


ausgezeichnet

Ausgezeichnet und dabei äußerst unterhaltsam. Mit seinem neuen Buch "Wenn die Sonne untergeht - Familie Mann in Sanary" hat Florian Illies nicht einfach nur eine weitere Abhandlung über die (wohl meistbeschriebene deutsche) Familie hinzugefügt; vielmehr hat er sich drei ganz besondere Monate herausgepickt - nämlich die drei Monate nach der Machtübernahme des Hitler-Regimes im Jahre 1933; diese Zeit verbringen die Manns stellenweise als komplette Familie, sich mehr oder weniger bereits jetzt als Exilanten begreifend, in dem kleinen südfranzösischen Küstenort Sanary. Und es ist herausragend, wie es Illies unter Hinzunahme vieler Details gelingt, dem Leser nicht nur die Stimmung und Anspannung dieser Zeit, sondern auch die 'innerfamiliäre Atmosphäre' der Manns nahezubringen; dabei ist Illies' immer wieder auch von Humor durchzogene Erzählfreude spürbar.

Bewertung vom 17.12.2025
Maiwald, Stefan

Alle weg


gut

Sehr nett. Und an keiner Stelle langweilig; vielmehr recht inspirierend kommt das neue Büchlein "Alle weg. Mein Winter an der Adria" von Stefan Maiwald daher. Der Autor berichtet von seinem Aufenthalt auf der Halbinsel Grado, im Norden Italiens, in den Monaten September bis April, also genau von den Monaten, in denen die Region von Touristenschwemmen verschont ist. Und Maiwald hat eine gute Beobachtungsgabe und kann Geschichtchen erzählen; und das kann er nicht nur deshalb so gut, weil er seit Jahren mit seiner Familie in Grado wohnt und schon von daher vertieften Kontakt zu den Einheimischen und Kenntnisse über die Historie und das Brauchtum dieser Region hat... woran er uns mittels seines leichtgängigen Schreibstils teilhaben lässt. Da ist zum Beispiel die Bar von Pino, eine Art Kommunikationszentrale, da ist der Fussball in Norditalien, da ist die Legende vom Krokodil in der Bucht, da ist das einfache Leben, welches aber stets von Genussmomenten begleitet wird, da sind die Grado - typischen Winde, da ist das Weihnachtsbrauchtum und schlussendlich das anstehernde Tennismatch des Autors mit seiner Frau, einer ehemaligen Profispielerin. Man spürt in jeder Zeile: Maiwald hat zum Schreiben in Pinos Bar gesessen, inspiriert durch einen oder mehr kühle Gläser Weissen. Das Buch macht große Lust, Grado einmal einen Besuch außerhalb der Saison abzustatten.

Bewertung vom 12.12.2025
Stiefvater, Maggie

Grand Hotel Avalon


schlecht

Belanglos. Und nichtssagend. Mit seinen rund 430 Buchseiten ist der neue Roman "Grand Hotel Avalon" der eigentlich im Genre Fantasy schreibenden Autorin Maggie Stiefvater - ich möchte es so deutlich sagen - verschwendete Lebenszeit. Das heißt nicht, dass Stiefvater es nicht verstünde, wohlformulierte Sätze aneinanderzureihen, im Gegenteil! Aber der eigentliche Mangel ist eine Geschichte, die nicht trägt, den Leser von den ersten Seiten an durch die Story zieht. Dabei ist das Grundkonstrukt durchaus voller Potenzial: June Porter Hudson leitet das Luxushotel Avalon, einsam gelegen mitten in den Appalachen. Wir schreiben das Jahr 1942, der Angriff der Japaner auf Pearl Harbour ist bereits geschehen; da erreicht das Kriegsgeschehen auch das Hotel - feindliche Diplomaten der Achsenmächte werden untergebracht und von Männern des FBI bewacht; June hat eine halbgeheime Liebesbeziehung zum Sohn des Hotelbesitzers und ist trotz der neuen Umstände bemüht, das Hotelgeschehen mit all seinem Luxusanspruch auch weiterhin perfekt am Laufen zu halten; und so ganz nebenher gibt es auch noch soetwas wie ein 'magisches Wasser' - hätte man durchaus was draus machen können... statt dessen schleppt sich die Handlung schwerfällig durch das Buch und es tauchen immer wieder Charaktere auf, die keinen Bezug zur Story haben und auch schon bald wieder entschwinden... Keine Leseempfehlung.

Bewertung vom 09.12.2025
Hacke, Axel

Wie fühlst du dich?


ausgezeichnet

Ein kluges Buch. Ein kluges Buch zur rechten Zeit! Axel Hacke, dem wunderbaren Kolumnisten, ist mit "Wie fühlst du dich? Über unser Innenleben in Zeiten wie diesen" eine Sammlung von präzisen und zusammenhängenden Überlegungen zu unserer Zeit gelungen - eine wahre treffgenaue Zeitanalyse, die das Innen mit dem Außen verbindet, gleichsam einen roten Faden legt. Ausgehend von des Autors eigenem 'Gefühl, es wäre langsam an der Zeit mit dem Buch zu beginnen', startet er hinein in die ersten Seiten; verdeutlicht, dass Verstand und Gefühl keine Gegenspieler sondern gute Partner sind; knöpft sich einzelne Gefühle wie Angst, Zorn, Wut, Scham vor und analysiert deren Stellenwert und Wirkung für unsere Innenwelt und für unser Verhalten; stellt dann aber sehr schlüssig den Zusammenhang zwischen unserer inneren Befindlichkeit und dem Erfolg rechter Parteien und des Populismus her - Faschismus hat kein Programm und setzt gerade deshalb am Opfererleben der Menschen an - die Rechten als Rattenfänger, die sich der Emotionen der Menschen bedienen um sie für ihre menschenverachtende Politik, zur Verfolgung eigener Zwecke und nicht zum Wohl der Menschen zu nutzen. Hacke beschreibt Trumps Kommunikationsstil, den die AfD aufgreift, leider mit Erfolg. Hacke spricht aber auch von Wut und Hoffnung und wie sie sich ummünzen lässt in ein Handeln für eine bessere Welt. Hacke hat sich richtig reingeschrieben in dieses Buch, welches man - je weiter es fortschreitet - immer weniger aus der Hand legen mag; ein fundierte Zeitanalyse, die Auswege beschreibt.

Bewertung vom 08.12.2025
Lewis, Caryl

Wilder Honig


weniger gut

Bienen und Garten. Wie organisieren Bienen ihr Zusammenleben? Wie verständigen sie sich? Wie kreuzt man zwei Apfelsorten und welcher Art von Pflege bedarf ein Garten? Wie funktionieren zwischenmenschliche Beziehungen? Und was passiert mit der zurückgebliebenen Ehefrau nach dem Tod ihres Mannes, wenn sie in elf Nachlassbriefen zwar ganz viel über die Bienenzucht, einiges übers Schreiben, aber schlussendlich auch das Geheimnis seines Lebens erfährt? Und gibt es eine Parallele zwischen dem Wachstum, der Pflanzenpflege im Garten, der Beziehungsstruktur im Bienenstock und den menschlichen Beziehungen? Caryl Lewis erzählt in ihrem Roman "Wilder Honig" mehr über die Natur - Garten und Bienen -, als dass sich eine Handlung entspinnt. Und die Naturschilderungen hätten ja im besten Sinne die 'eigentliche' Geschichte emotionalisieren und untermalen können... sie verlaufen aber recht unabhängig nebenher. Hannah und Sadie wohnen in einem kleinen Walisischen Dorf; John, Hannahs Mann, Bienenkümmerer und Schriftsteller verstirbt und hinterlässt Hannah 11 Briefe; Hannahs Schwester Sadie, inzwischen geschieden, gesteht ihre Liebe zu Frauen... und es taucht Megan auf, eine uneheliche Tochter, die John mit einer wesentlich jüngeren Frau gezeugt hat... Und was wird aus dieser durchaus spannungsgeladenen Grundkonstellation? Ein wenig Trauer, ein wenig Verzweiflung und Tragik, eine Prise Verzeihen... und weiter geht's... wie der ewig gleichbleibende Wechsel der Jahrerszeiten. Die drei Frauen richten sich halbromantisch ein in Haus und Garten... Ach ja - Megan verliebt sich in Jack, die jahrelange rechte Hand von John. Ein wenig Sonntagabend - im Zweiten - Kitsch...

Bewertung vom 08.12.2025
Bähr, Julia

Hustle


gut

Gute Unterhaltung. Julia Bähr ist mit "Hustle" ein netter Wochenendschmöker mit allerdings weitgehend offenem Ende gelungen. Ein Stückweit ist ihre Geschichte eine Anleitung, wie ein Überleben in einer uberteuerten Welt gelingen kann, eine Aufforderung, sich zusammenzuschließen für einen gegenseitigen, emotionalen Support und sich neben dem 'offiziellen Leben' zusätzlich ein geheimes Leben in den Grauzonen der Illegalität zuzulegen. Mit einer guten Prise Humor beschreibt die Autorin, wie sich ihre Hauptfigur Leonie, von Beruf Biologin, wegen einer Racheaktion aufgrund einer Wertedifferenz mit ihrem Chef die Kündigung bei ihrem auf Genmanipulation ausgerichteten Unternehmen einhandelt. Leonie entschwindet nach München, findet dort einen eher schlecht bezahlten Job, ihre neue Wohnstätte verdient die Bezeichnung nicht, ist aber das einzige, was sie sich leisten kann... dafür lernt sie drei andere Frauen kennen, denen es finanziell besser zu gehen scheint... die sich mittels zum Teil illegaler 'Nebenbeschäftigungen' ein recht gutes Leben in München leisten können. Und Leonie beginnt nun selbst, aus Racheaktionen für andere ein Geschäftsmodell zu entwickeln... Wie gesagt - gute Unterhaltung

Bewertung vom 08.12.2025
Louis, Édouard

Der Absturz


gut

Mmmhhh... Ich habe mich beim Lesen von Édouard Louis' neuem Buch "Der Absturz" ein wenig gefühlt wie ein Voyeur... durfte ich doch als Leser Zeuge eines erschütternden Absturzes werden. Der Autor berichtet vom Niedergang und Tod seines größeren Bruders, der mit nur 38 Jahren seiner schweren Alkoholsucht erliegt. Louis beschreibt die aufeinanderfolgenden Akte des Absturzes, zitiert Personen, die mit seinem Bruder in Beziehung waren, berichtet vom ebenso alkoholkranken, entwertenden Vater und einer leidenden Mutter. Er berichtet von seinen eigenen inneren Zwiespalten - zwar gelingt ihm eine bessere Abgrenzung als der Mutter, die bis zum Schluss mit der Begründung "Aber er ist doch mein Sohn!" an der Liebesverpflichtung dem Bruder gegenüber festhält; aber Louis sieht nicht nur die selbstzerstörerische Seite seines Bruders, sondern auch die gewalttätige, gesteht sich ein, dass er ihn nicht mag. Louis stellt viele Fragen, Fragen nach dem Grund, die aber letztendlich nie eine Auflösung finden weren. Ein schonungsloser Text, in dem der Autor weder seinen Bruder, seine Familie noch sich selbst schont. Und was ich mich am Ende frage: Gehört eine derartige Auseinandersetzung nicht eher in einen geschützten Rahmen anstatt als gedrucktes Werk der Öffentlichkeit präsentiert zu werden?