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zu den Top-Rezensenten

Benutzername: * Vivi *
Wohnort: Bayern
Über mich: Vielleserin


Bewertungen

Insgesamt 25 Bewertungen
Bewertung vom 19.12.2018
Ofirs Küche
Graizer, Ofir Raul

Ofirs Küche


ausgezeichnet

Küchenmission in familiärer Atmosphäre

„Ofirs Küche“ ist ein buntes, persönliches Kochbuch. Der Autor veröffentlicht nicht nur Rezepte zum Nachkochen, sondern auch praktische Tipps und interessante Erfahrungsberichte aus seinem Leben. Das alles ist reich illustriert mit großformatigen Bildern; sowohl eine Darstellung von Lebensmitteln als auch von stimmungsvollen Momentaufnahmen aus der israelisch-palästinensisch-türkisch-arabischen Welt, unter anderem gibt es lebhafte Fotos von Märkten, Backstuben, Straßenszenen. Entsprechend konzentriert sich das Buch auf dieses (Küchen-)Gebiet, auf den Nahen Osten.

Ofirs Darstellung ist einladend: Sein Schreibstil ist offen und freundlich, seine Beschreibungen sind schlicht und somit sind die Anweisungen leicht umsetzbar. Die Leidenschaft zum Kochen lässt sich sofort wahrnehmen. Tatsächlich erkennt man den unkomplizierten, sympathischen Künstler und Filmemacher hinter den Zeilen. Dabei ziehen bereits die Namen der Gerichte magisch an, die man möglicherweise schon gekostet, doch nie selbst zubereitet hat – und zwar nach Anleitungen aus erster Hand.

Die Buchgestaltung und der Inhalt unterstützen eine angenehme Küchenstimmung und machen Lust auf die Gerichte. Keine Sorge, alle Zutaten sind hierzulande problemlos aufzutreiben.

Die Kombination aus Rezepten und persönlichen Geschichten ist eine gute Idee. „Israelisch-palästinensisch“ und „Familienrezepte“ sind wohl gewählte Schlüsselworte für eine kleine, persönliche und friedliche Mission in Deutschland: ein „kuscheliges“, internationales Beisammensein in Ofirs Küche mit lieben Grüßen aus Berlin.

Bewertung vom 19.12.2018
Das letzte Schaf, 1 Audio-CD
Hub, Ulrich

Das letzte Schaf, 1 Audio-CD


ausgezeichnet

Die Weihnachtsgeschichte mit den verkehrten Schafen

Die Schafe von Ulrich Hub sorgen für Heiterkeit in der Vorweihnachtszeit. Sie diskutieren untereinander die Geheimnisse der heiligen Nacht. Trotzdem sieht nichts einfach aus, irgendwie wird alles verkehrt dargestellt. Das Verschwinden der Hirten ist geradezu mysteriös, sogar UFOs könnten dabei eine Rolle spielen. Wo sie in Wahrheit sind, wissen wir doch alle und quittieren die Sichtweise der dummen Tiere mit einem Augenzwinkern. Genauso, wie viele andere Feststellungen, die etwas verwirrend klingen.

Hier geht es nicht um eine klassische Weihnachtsgeschichte. 'Das letzte Schaf' ist ein modernes Märchen, das die Einstimmung auf die Feiertage mächtig auflockert und öfters zum Lachen animiert. Dass der Autor seine Geschichte selbst liest (Hörbuch-Version), verleiht den Eindruck einer persönlichen Widmung. Seine angenehme Stimme und die lockere Erzählweise machen das Hörbuch zu einem Unikat.

Bewertung vom 20.11.2018
Die wundersame Mission des Harry Crane
Cohen, Jon

Die wundersame Mission des Harry Crane


ausgezeichnet

Märchenhafte Realität

Ein leicht schimmerndes Buchcover lädt in eine märchenhafte Welt ein. Doch alles in diesem Buch passiert in einer realen Welt, auch wenn die Ereignisse immer wieder unnatürlich und zauberhaft vorkommen.

Harrys schweres Schicksal, der Verlust seiner geliebten Ehefrau, lässt den sympathischen Titelhelden höllische Qualen erleiden: Er fühlt sich schuldig, den Tod seiner Beth verursacht zu haben. Er flüchtet aus seinem gewohnten Alltag – beinahe führt sein Weg in den Selbstmord – doch er findet eine Möglichkeit, die Trauer zu verarbeiten und damit auch eine kleine Schicksalsgenossin zu unterstützen. Er regeneriert sich rasch, indem er in ein Baumhaus zieht, Wälder und Bäume liebt er von Kindheit an. Fortan wird sein Leben von Zufällen und Fügungen aufgewirbelt.

Eine wundersame Mission ist diese Geschichte auf jeden Fall. Doch nicht nur der sinngemäß perfekt übertragene deutsche Titel, sondern auch der feinfühlige Schreibstil des Autors verspricht eine beeindruckende Lektüre. Dabei spielen Bücher und Bäume eine große Rolle, diese sind der Schlüssel zum Glück. Diesbezüglich gibt es sogar einige herzerwärmende Weisheiten und Wortspiele, wobei „Baumgedanken“ einer der bestgelungenen Ausdrücke ist.

Im Laufe der Geschichte erleben die Romanhelden oft etwas Unwirkliches, Wunder geschehen in den Waldgebieten von Pennsylvania und deren Umgebung. Der Autor hat ein gutes Gefühl für das Fabelhafte in jeder realen Lebenssituation und mit der ironischen Betrachtung ernsthafter Dinge entschärft er häufig dramatische Umstände: Harry Cranes Abenteuer ergeben eine unterhaltsame, spannende Erzählung mit gut geformten Charakteren. Ein Buch zum Loslassen und zum Genießen.


„Weißt du, was noch wunderlicher ist als jedes Märchen? (…) Die Zufälle und Fügungen des Lebens.“

Bewertung vom 24.10.2018
Die Sonnenschwestern
Rees, Tracy

Die Sonnenschwestern


ausgezeichnet

Ein liebevoller Frauenroman

Tracy Rees kann man nur gern haben. Die junge Schriftstellerin trifft grundsätzlich den richtigen Ton, sie fällt sofort mit ihrer stilsicheren, gehobenen Sprache auf und wählt geschickt auch diesmal ein Thema, das einen richtig guten Frauenroman ausmacht: Liebe und wieder gefundenes Glück. Romantisch, entzückend englisch, vor einer atemberaubenden, nostalgischen Kulisse. Auch bei „Die Sonnenschwestern“ ist das der Fall.

Die Geschichte einer liebenden Mutter und einer verzweifelten Tochter ist rührend und spannend zugleich. Auf zwei Zeitebenen verlaufen die Ereignisse zu einem gemeinsamen Faden. Im Grunde genommen handelt es sich um eine eher alltägliche Erzählung, doch Tracy Rees verleiht dem unscheinbaren englischen Alltag eine Menge Spannung und eine besondere Eleganz, somit wirkt das Buch von Anfang an unwiderstehlich.

Zu erwarten sind keine großen emotionalen Ausbrüche, still und zurückgenommen führt die Autorin durch alle Widrigkeiten zweier Frauenschicksale. Mit der stimmungsvollen Vorstellung des walisischen Ortes Tenby und dem betörenden Duft der Welsh Cakes rundet sie die Erzählung liebevoll ab.

Die Übersetzung von Elfriede Peschel ist wieder so treffend und bewundernswert!

Bewertung vom 21.08.2018
Guten Morgen, Genosse Elefant
Wilson, Christopher

Guten Morgen, Genosse Elefant


ausgezeichnet

Die Welt steht auf dem Kopf in Juris Welt

Der 12,5-jährige Hauptstadtzoo-Bewohner, Juri, plappert ununterbrochen. Er berichtet putzig über sein abenteuerliches Leben in der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken. Er ist kindlich, unschuldig, versteht wohl noch nicht ganz, wie Sozialismus und Kommunismus funktionieren und kennt keine Angst. Er verzaubert mit seinen ehrlichen, direkten Worten.

Aus der Geschichte sticht eine seltsame Zuversicht heraus. Alles wird mit althergebrachten Sprüchen abgetan: „Es gibt Schlimmeres im Leben.“ Und nebenbei wird alles, was Juris Papa behauptet, bedingungslos akzeptiert. Schließlich ist Denken nutzlos und gefährlich. Das ist wohl eine bewährte Methode zum Überleben in einer lebensbedrohlichen politischen Situation. Unter gar keinen Umständen wird eine eigene Meinung formuliert oder laut ausgesprochen.

Die schrille Weltordnung des aufgeweckten, doch unfallbedingt behinderten Jungen und die radikalen, teils sogar unanständigen Formulierungen des Autors klingen lustig, doch hinter diesen makaberen Aussagen versteckt sich die gnadenlose Realität, die keine der Romanfiguren wahrhaben möchte. Selbst heitere Feierlichkeiten und ein anscheinend unbegrenzter Zugang zu Konsumgütern – was zugegebenermaßen nicht der russischen Alltagssituation der 1950er Jahre entspricht – können die bedrückende Grundstimmung nicht verschleiern.

Teils wird man von dubiosen Ereignissen überrascht und man erklärt sich diese Situationen gern mit gewagten Fantasien eines Autors – sozusagen betrachtet man die von der Ideologie rechtfertigte Brutalität als manipulative Spielchen einer bewusst gestalteten Geschichte. Doch dabei schlüpft man unbemerkt in die Rolle eines naiven Lesers, voller Hoffnung auf ein Happy End.

Der Einblick ins gesteuerte und gelähmte Leben eines Volkes in der Sowjetrepubliken trifft die Leser schonungslos. Dennoch: Juris kindlich ungetrübte Einstellung zum Leben und sein ungewöhnlicher Gedankenstrom ergeben eine seltsame, spannende Erzählung.

Bewertung vom 22.07.2018
Sehnsucht / Dream Maker Bd.1
Carlan, Audrey

Sehnsucht / Dream Maker Bd.1


gut

Eine leichte, sinnliche Freizeitlektüre

Die neue Serie „Dream Maker“ von der amerikanischen Bestseller-Autorin, Audrey Carlan, ist eine Reihe von Episoden um junge Verliebten aus privilegierten Kreisen. Eine traumhafte und zugegebenermaßen unerreichbare Kulisse für Alltagsmenschen; die Welt der (einfluss-)reichen und schönen Promis. Im ersten Buch gibt es drei Geschichten mit dem jungen, unwiderstehlichen Parker Ellis in der Hauptrolle, der als Ich-Erzähler über seine sorgenvollen Partnerinnen und Auftraggeberinnen berichtet. Parker Ellis ist in jeder Hinsicht ein heldenhafter Problemlöser.

Bei Audrey Carlan kann man sich sicher sein, sexuell betörende Details sind inklusive.

Auch diesmal lässt es sich die Autorin nicht nehmen, das Wort gegen Gewalt dem weiblichen Geschlecht gegenüber zu erheben. Sehr lobenswert. Doch mit mehr Propaganda muss man nicht rechnen: Bei „Dream Maker“ handelt es sich um einen einfachen, genussvollen, erotischen Roman.

In der ungekürzten Hörbuchversion verleiht Sven Macht seine Stimme dem Protagonisten, Parker Ellis. Er meistert die Rolle grandios. Die einzige Schwierigkeit entsteht lediglich dadurch, dass er in gewissen Dialogen weibliche Töne der Begeisterung nachahmen muss, das ist jedoch mit einer männlichen Stimme eine Sache der Unmöglichkeit. Einige Parts übernimmt noch Alicia Hofer, doch vorerst tritt die zweite Hauptfigur, Schauspielerin Skyler Paige, noch selten als Ich-Erzählerin in den Vordergrund.

Vermutlich kommt diese Geschichte als Buch authentischer vor, als in Form eines Hörbuchs, dennoch bietet sie in beiden Fällen eine leichte, sinnliche und entspannte Freizeitaktivität.

Bewertung vom 11.07.2018
Der englische Liebhaber
de Cesco, Federica

Der englische Liebhaber


ausgezeichnet

Liebe und Zerstörung nach dem Zweiten Weltkrieg

Federica de Cescos Roman fängt etwas betrübt an, mit traumatisierenden Bildern aus dem Zweiten Weltkrieg, die sich in die Erinnerung einer alten Frau fest eingebrannt haben. Bald schildert die Ich-Erzählerin, Anna, ihre persönlichen, schrecklichen Erlebnisse: Zwei Zeitebenen verlaufen parallel; ältere Ereignisse ab 1944 werden aus Annas Perspektive dargestellt, Ereignisse ab 1988 dagegen aus Charlottes Perspektive, sie ist Annas Tochter. Was jedoch Anna tatsächlich erlebte, kann ihre Tochter erst aus den alten Tagebüchern und Tonbändern ihrer Mutter – nach deren Tod – endlich erfahren.

Die Geschichte stellt nicht nur eine komplizierte Liebesgeschichte dar, sondern sie reflektiert auch die zerstörerische Kraft des Krieges.

Die Szenen sind gefühlvoll und vermitteln eine stets zunehmende Antikriegsstimmung.

Annas Schicksal ist reich an wechselnden Emotionen: Es gibt bittersüße Momente, Glück, Hoffnung, Verständnis, aber auch reichlich Angst, Verzweiflung und letztendlich eine entschlossene Abrechnung mit den Widrigkeiten eines einzelnen Lebens.

Unter allen Umständen stellt die Erzählerin die Kraft einer wahrhaft leidenschaftlichen und über lange Jahre anhaltenden, hingebungsvollen Liebe in den Vordergrund, die stets Lebenskraft spendete, obwohl sie von äußeren Kräften in Grenzen gehalten wurde.

Die präzisen Beschreibungen bringen die Szenen nah. Die Grundstimmung ist melancholisch und in die allgegenwärtige Traurigkeit mischt sich nur gelegentlich ein Lichtblick. Die Spannung lässt dennoch nicht nach: Alte Geheimnisse, verdrängte Emotionen, politische Intrigen, Identitätssuche und der Umgang einer neuen Generation mit einer konfliktreichen, problematischen Erbschaft – das alles bietet „Der englische Liebhaber“.

Die Autorin überzeugt mit einer klaren, objektiven Sprache, wohldurchdachten analytischen Ableitungen zur angespannten Situation nach dem Zweiten Weltkrieg mithilfe ihrer authentischen Romanfiguren.

Bewertung vom 11.07.2018
Ans Meer
Freund, René

Ans Meer


ausgezeichnet

Fuchsteufelswildes Märchen für Erwachsene

„Ans Meer“ von René Freund ist die ultimative Sommer- und Urlaubslektüre. Der Roman ist zwar recht locker und leicht, doch gut pointiert und des Lesens unbedingt würdig. Aus einer Reihe von unmöglichen Ereignissen entwickelt sich eine herzliche Geschichte um einen entführten Linienbus und dessen Insassen.

Die Art und Weise, wie der Autor mit der etwas unseriösen Ausgangssituation umgeht, macht das Buch interessant. Man wird schnell merken, dass hinter den scherzhaften Aussagen aktuelle Themen verborgen sind. Zeitnah (ein beliebter Ausdruck aus dem Buch) ergibt sich eine nette Liebesgeschichte, ein letzter Wunsch wird erfüllt, eine strenge Mutter wird besänftigt und nicht zuletzt: Es wird mit den energydrinktrinkenden Kapuzenjackenträgern ohne Migrationshintergrund bitter abgerechnet.

Nicht nur die sympathischen Romanhelden tragen zum Lesevergnügen bei. Im Laufe der Erzählung werden Sehnsüchte erweckt. Bei duftendem Cappuccino, Paninis, italienischem Eis, Pinienwäldern und Meeresrauschen fühlt man sich schnell bestens unterhalten.

Bewertung vom 30.05.2018
Die Schönheit der Nacht
George, Nina

Die Schönheit der Nacht


ausgezeichnet

Eine sinnliche Reise in die Bretagne

Die wahre Schönheit der Nacht zu erkennen ist nur eine Episode im Leben der Protagonistin, Claire. Die Schönheit der Worte zu entdecken ist dafür allgegenwärtig für die Leser. Die besondere Anziehungskraft üben in diesem Roman nicht etwa die stürmischen Ereignisse aus, sondern die atemberaubende Ausdrucksweise, die verzaubert und süchtig macht: Man möchte immer mehr von der natürlich wirkenden, ausdrucksvollen Geschichte erfahren. Die Leser sinnlich und emotional zu fesseln, schafft die Autorin bereits in den ersten Sätzen mit Leichtigkeit.

Von Anfang an fordert die außergewöhnliche, moderne Sprache von Nina George alle Sinne: Sie schafft eine stimmungsvolle Kulisse mit Geräuschen, visuellen Eindrücken, Gerüchen und Geschmack.

„Er hatte nach Milch und Zucker, nach Kaffee und Lust geschmeckt.“ Ein Seitensprung, betörend, unverbindlich, oberflächlich und er ist voller Sehnsucht. Eine kleine Flucht, doch kein Entkommen für die Hauptfigur: Der gewohnte Alltag erwartet Claire wieder. Man fühlt ihre lähmende Verzweiflung zwischen Lüge und Realität, und dennoch verliert man sich in der wundervollen Lyrik mitten im Gedankenstrom. Das Thema und die gut gewählten Stilmittel ergeben eine harmonische Einheit.

Der Grundton des Romans ist ruhig und ausgeglichen, doch die Charaktere haben etwas Beunruhigendes. Die Realität der Figuren kommt dem Leser erschreckend nah und lässt die Einsamkeit und das Unglück der Hauptperson, Claire, nachempfinden. Die Einsamkeit und das Unglück in einer scheinbar glücklichen Ehe.

Die Autorin geht analytisch und wissenschaftlich vor, sie schildert Theorien zum menschlichen Verhalten und stellt schmerzhafte Erkenntnisse in den Vordergrund, über Kindheitsträume, Selbstverwirklichung, das Streben nach Glück, und natürlich auch über die Unglücksfallen, in die man häufiger hineintappt, als man erwarten würde. Offen bleibt nur bis zu den letzten Seiten, ob ihre Figuren einen Ausweg finden. Die Erzählung erlaubt dabei einen ehrlichen Einblick in die Gefühlswelt der heutigen Frauengeneration zwischen Alltag, Karriere und sehnsüchtigen Träumen. Eine authentische Darstellung moderner Weiblichkeit.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 16.05.2018
Wie man die Zeit anhält
Haig, Matt

Wie man die Zeit anhält


ausgezeichnet

Lieben lernen und Eintagsfliegen anständig behandeln

Das Leben aus der Perspektive eines 439-Jährigen zu betrachten ist außergewöhnlich, doch genau auf dieser Basis führt Matt Haig seine Leser durch die Geschichte im Roman „Wie man die Zeit anhält“. Logischerweise folgt man ihm auf mehreren Zeitebenen bis in die Gegenwart. Im Laufe seines ungewöhnlich langen Lebens macht seine Hauptfigur, Tom Hazard, überwiegend schmerzhafte Erfahrungen, daher wird man von Anfang an mit einer herzzerreißenden Melancholie konfrontiert. Glücklicherweise gibt es großartige Lichtblicke.

Da Tom Hazard bereits Ende des 16. Jahrhunderts zur Welt kommt, erlebt er unter anderem Shakespeares Zeit und – ein wundervoller Zufall – er unterstützt ihn sogar bei einem Bühnenstück im Globe Theater. Diese und ähnliche, gut pointierte Zwischensequenzen bieten ein besonderes Leseerlebnis und eine gewisse Heiterkeit.

Andererseits kommt dieses Buch gelegentlich so vor, als hielte man eine kleine Sammlung von unschätzbaren Weisheiten in den Händen. Die philosophisch angehauchten Abschnitte begeistern mit schlüssigen Gedankenansätzen um das Thema „Zeit“ herum. Die Entwicklung geht eindeutig in Richtung einer besseren Welt, in der Liebe und Lebenswille die Phasen der Angst, der Enttäuschung und des daraus folgenden Rückzugs besiegen können.

Ob die abwertend als „Eintagsfliegen“ bezeichneten, kurzlebigen Durchschnittsmenschen daraus lernen können? Hoffnung gibt es allemal. Doch vorerst gibt es diese äußerst seltsame Lektüre von Matt Haig und eine gute Gelegenheit, es Tom Hazard gleich zu tun und eine Liste der Dinge – zumindest im Kopf – zu erstellen, was das Leben und die aktuelle Epoche so liebens- und lebenswert macht.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.