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Benutzername: Paul Vogel
Wohnort: Euskirchen
Über mich: Durch Studium und Beruf bin ich seit 30 Jahren ein vielleser. Dadurch kann ich mich bei meiner persönlichen Bücherauswahl schnell über die gewünschte Qualität eines Buches orientieren.


Bewertungen

Insgesamt 2 Bewertungen
Bewertung vom 18.03.2019
Der Weise hängt an keiner Idee
Jullien, François

Der Weise hängt an keiner Idee


sehr gut

Ein sehr gelungener Vorschlag die Weisheit gegen die Philosophie -und umgekehrt zu stellen. Der Weisheit in allen Facetten auf den Grund zu gehen, der man doch nach Meinung der Daoisten "nie" beikommen will oder kann, die sich beim gehen des Weges ergibt, sie ist eine "des Himmels". Nicht im religiösen Sinne, sondern im Sinne des übergeordneten, nicht ergründbaren Zu-falls. Weisheit als ein offen-lassen der Meinungen. Weder Zustimmung noch Ablehnung. Alles ist Gleich-Gültig ab nichts vor-rangig. Der chinesische (konfuzianische) Weg ist der Weg des Prüfens aller Ansichten, an denen man aber nicht hängt. Es ist eine situative Umsetzung dessen was "passt": mal so und mal so. Francois Jullien zieht zurecht den Vergleich mit Montaigne. Dessen Ansatz ist zum Teil ähnlich, allerdings ordnet Montaigne die Weisheit einem Gott zu. Aber ansonsten empfiehlt sich nach diesem Buch durchaus nochmals ein Blick in die Arbeiten von Montaigne.
Mein Fazit: Das Buch bietet ein sehr gutes Verständnis der Weisheitssuche des Dao, des ZEN etc., im Gegensatz zur Wahrheitssuche der Philosophie. F.J. schafft es hervorragend, die nicht leicht verständlich zu machenden Begriffe "Weisheit" sowie den Begriff des "Weges", nachvollziehbar zu beschreiben. Nach der Lektüre bedeutet für mich der gerne kolportierte Spruch "Der Weg ist das Ziel", das die Weisheit versucht, die Verschiedenheiten und Seiten des Weges so lange abzuwägen, offen zu halten, bis er sich aus der Fülle(der Meinungen) "von selbst ergibt". Der Weise folgt dabei keine fixierten, übergeordneten Idee, sonder eher differenziert der Angemessheit einer Situation.
Keine Idee zu haben ist die Methode zur Weisheitsfindung, die eher eine Entdeckung, Entfaltung auf dem Weg ist. Weisheit ist nicht fest, sondern pragmatisch. Allerdings fordert das Buch Geduld für die langen Passagen die gut Erklärtes oftmals erneut vertiefen. Wie geht es aus: erst auf den letzten Seiten offenbart Jullien seine doch "überwiegende" Liebe zur Philosophie. Dies allerdings nur über einen Aspekt: dem idealen Dialog, indem die strittigen Parteien miteinander um das Dritte: "die Wahrheit" ringen. Ansonsten kann ich das Buch -insbesondere jedem ZEN "Anhänger"- nur empfehlen.

Bewertung vom 18.08.2017
Zur Welt kommen. Zur Sprache kommen
Sloterdijk, Peter

Zur Welt kommen. Zur Sprache kommen


ausgezeichnet

Vor zweieinhalbtausend Jahren hat die Philosophie angefangen, die Geburtlichkeit des Menschen „zu vergessen“. Sie schaut nach einer schönen Idee. Sie schaut nicht zum Anfang vor dem Anfang. Peter Sloterdijk nimmt den Leser – in diesem Falle eher den Lauscher an der Wand- in 5 Vorlesungen mit auf eine Reise in diesen Anfang, in dem es ein Angefangensein vor dem Anfang gegeben haben muss. Er zeichnet die Unmöglichkeit der Erinnerung an die Anstrengung der Geburt, des Zurwelt- und damit zur Sprache kommen mit Hilfe der Poesie nach.

Es wäre kein Text von Peter Sloterdijk, wenn diese Reise "gerade" verliefe.
Sein „Redeversuch gehört zur philosophischen Konversationsprosa oder zur Unterhaltungsmystik“. Auf dem Weg zur letzten Seite kommt man in Versuchung das Buch als Fehlkauf wegzugeben – wäre da nicht der Spannungsbogen der bis zu den letzten Seiten Kopf und Augen im Text belässt. Diesen schafft er, weil er den Zuhörern immer wieder deutlich macht, dass die Antwort so gut durch dacht werden muss, dass sie ein fast Nichts gebiert, warten muss auf das frei Wort das wichtiger ist als das große, weil das Thema nicht ohne ist.

Es geht schließlich um die Geburt. Vor und bei der wir selber nicht wissend anwesend waren, aber gedrängt wurden, anzufangen. Und damit gewinnt man im Text nach und nach das Gefühl: es geht auch um mich. Das schafft die Spannung bis zur letzten Seite im Kreissaal der Poetikvorlesung auszuharren bis er Konturen annimmt.

Wer ein esoterisches Buch vermutet, wird, wie immer bei Sloterdijk, herbe enttäuscht.
Aber warum zum Teufel dieser Parforceritt wenn es doch „nichts“ zu erinnern gibt?

Die Seele, so Sloterdijk, muss sich immer wieder an die Geburt erinnern, um vor das Leben in erworbenen Meinungen zurückzugehen in seine anfängliche gedankenreiche Gedankenlosigkeit bis alle Iden über belangreiche Lebensfragen durchgearbeitet und annulliert sind –selbst die wahrscheinlichsten und nobelsten-. Sie müssen in einen Zustand versetzt werden, wo sie zwischen Gelten und Nichtgelten schweben, so dass sie jede bestimmende Gewalt verlieren“. Jedem „ismus“ die Zündschnüre abnehmen.

Damit hinterlässt er nach 176 Seiten einen Leser mit einem survival kit für das frivole Abenteuer der „Mensch“-werdung, das begleitet ist von „Panik, die aus der Ahnung steigt, dass Welt etwas ist was nicht gegeben sein kann, das nur an den dünne Fäden des Versprechens hängt“, das immer wieder angefangen werden will anzufangen.

Das Risiko diese dünnen Fäden durch starke Seile oder Ketten zu ersetzen, der Flucht in „ismen“ wird verständlich. Auch das Risiko der Depression oder der Verdammung dieser todesgefährlichen Reise und sie nicht-geschehen- machen wollen nachvollziehbarer.

Um der Geburtsvergessenheit der Philosophie nicht weiter zu sekundieren, sekundiert er dem Zurweltkommen mit der Spannkraft einer kleinen Weltpoetik aus Grundgesten.
Die Utensilien dazu sind: Entbindungsgesten, Initiativgesten, bühnenschaffende Gesten, Dringlichkeitsgesten, Erleichterungsgesten, dem Sprech- und Redeapriori, dem Weitergabeapriori sowie dem Freispruch und dem Versprechensapriori.

Daraus ergeben sich eröffnende, vorstoßende, destabilisierende und erschließende, einrichtende, stabilisierende Gesten. Eben so wie das Leben nun mal ist: Gesten aus positiven und negativen Zügen in der Anstrengung des Zur-welt-kommens.

Dieses kleine Bändchen empfehle ich in fünf Abschnitten und in ebenso vielen Tagen zu lesen. Es sind "nur" 176 Seiten, aber diese haben es in sich: inhaltlich anspruchsvoll dafür aber Erkenntnistheoretisch ein wertvoller Blick auf den blinden Fleck. Es geht um die Verhinderung der Geburtsvergessenheit –nicht nur- der Philosophie und der Erinnerung an ein Denken, in dem freie Worte wichtiger werden als große.