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Fee04
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Bayern

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Insgesamt 132 Bewertungen
Bewertung vom 21.02.2024
Mein Name ist Estela
Trabucco Zerán, Alia

Mein Name ist Estela


ausgezeichnet

“Mein Name ist Estela” von Alia Trabucco Zerán ist ein Pageturner, man ist im Bann der Erzählerin und gefesselt von der Geschichte. Die Autorin schreibt einen Roman über die Klassengesellschaft in Chile.

Estela, eingesperrt in einer chilenischen Zelle erzählt unbekannten Zuhörern, vielleicht der Polizei oder vielleicht auch niemandem, vom Tod des siebenjährigen Mädchens.

“Der Ausgang ihrer Geschichte bleibt immer gleich:
Das Mädchen stirbt.”

Ein Mädchen, das ihr im Laufe der Jahre ans Herz gewachsen war. Estela kam vor sieben Jahren als Haushälterin zu der Familie. Die Señora war schwanger und Estela, das Hausmädchen, durfte sich von Geburt an um das kleine Mädchen kümmern.
Ist es ihre Schuld, dass das Kind gestorben ist?

Estela erklärt den stillen Zuhörern, dass diese besondere Geschichte viele Anfänge hat und holt weit aus. Sie erzählt von ihrer Mutter und ihrer Jugend, von ihrem Fortgang aus dem kleinen Dorf und den Beginn ihrer Zeit als Hausmädchen bei der Familie. Sie braucht den Lohn zur finanziellen Unterstützung der Mutter und einen geplanten Anbau an ihr Häuschen.

Unbeschönigt erzählt die vierzigjährige Haushälterin den Ablauf im
Haus, ihre Tätigkeiten, ihre Rolle in dem Haus und ihre Zuneigung zu der Familie.
Estela will keine Zeit mit ihren ausschweifenden Erzählungen schinden, sondern erzählt so ausufernd, damit die Zuhörer den Sinn von Ursache und Wirkung /Folgen verstehen können.

Der leere, traurige Blick des Mädchens, die hohen Anforderungen der Eltern an das Kind, die wenigen Freunde und Freuden, die Einsamkeit, alles das lässt Estela in ihre Geschichte einfließen. Ein autoritärer Vater, der nur das Beste für das Kind möchte und eine gefühlskalte, erfolgsorientierte Mutter, die das anstrengende, oft schreiende Kind nicht versteht, spitzen die Tragödie zu. Aber auch die kleinen Glücksmomente werden von der Autorin emotional beschrieben.

Die Autorin zieht den Leser in das Leben der kleinen Familie und in die Gefühlswelt der Hausangestellten. Ein Leben zu Diensten einer fremden Familie, ein Leben mit deren Intimitäten und Gepflogenheiten und doch nicht zugehörig. Niemand aus diesem Haus fragt Estela, wie es ihr geht. Niemand interessiert sich als Mensch für das Hausmädchen.

Und doch hat Estela die Familie gern, das kleine Mädchen und einen zugelaufenen Hund in ihr Herz geschlossen. Ein Weggehen / Zurückgehen ist deshalb nicht geplant und so vergehen die Jahre. Jeden Tag wird gewischt, gewaschen, gebügelt und gekocht. Macht es ihr etwas aus? Dann passiert etwas unvorhergesehenes und Estela redet nicht mehr. Es ist auch in diesem Haushalt nicht notwendig. Oder ist es schlimm für das kleine Mädchen?

Die Autorin lädt mit diesem Roman zum Nachdenken ein.
Die fiktiven Personen werden authentisch dargestellt, das Leben aus Sicht der Angestellten sehr detailliert beschrieben und die Gefühlskälte der Eltern und die große Traurigkeit des kleinen Mädchens sind spürbar. Ein ergreifendes literarisches Werk, sehr zu empfehlen.

Bewertung vom 17.02.2024
Wir werden jung sein
Leo, Maxim

Wir werden jung sein


ausgezeichnet

“Wir werden jung sein” von Maxim Leo handelt von einer Medikamentenstudie an der Berliner Charité, welche plötzlich bei den teilnehmenden Personen einen Verjüngungsprozess in Gang setzt.
Vier externe Probanden mit schlechten gesundheitlichen Prognosen erleben durch das neue Medikament einer Studie nicht nur positive, sondern auch negative Erlebnisse.
Jakob ist siebzehn, frisch verliebt und entsetzt, dass seine DNA bereits die eines Kindes aufweist. Jegliche sexuelle Handlungen mit seiner Freundin Marie scheitern und auch seine Lust hat sich verflüchtigt. Liegt es an dem neuen Medikament? Seine Verzweiflung ist groß, auch wenn Marie sagt, es wäre nicht schlimm.
Verena, Schwimmerin und ehemalige Olympiasiegerin nimmt am “Rentnerrennen” in Athen teil. Ihre Zeit für die 100 Meter Freistil ist jedoch so gut, dass ihr der internationale Schwimmverband Doping vorwirft. Liegt es an dem neuen Medikament, was ihr verordnet wurde?
Wenger, ein schwerkranker Immobilienhändler gesundet auf wundersame Weise und seine Erben sind nicht nur erfreut. Auch seine geliebte Frau Mathilde weiß nicht mit der Situation umzugehen und Wenger überlegt zum ersten Mal, was er mit seiner geschenkten Zeit anfangen möchte.
Jenny, eine Frau, die nach vielen klinischen Versuchen ihren Kinderwunsch begraben hatte, wird plötzlich schwanger.
Der Wissenschaftler und sein alternder Hund nehmen auch das Medikament und stellen eine Verjüngung fest.
Die Öffentlichkeit erfährt von dieser Neuigkeit und nicht nur moralische und ethnische Fragen werden gestellt. Wer darf dieses Medikament erhalten und spielt Geld und Macht eine Rolle?
Der Forscher wird durch Aktivisten auf die Ungerechtigkeit in der Gesellschaft aufmerksam gemacht und doch stellt sich ihm immer wieder sein Ehrgeiz und sein Erfolg in den Weg, die Dinge im Außen objektiv zu betrachten. Seine Welt befindet sich im Labor und sein größter Erfolg liegt vor ihm …
Der Autor beschreibt humorvoll und zugleich sehr ernst die Problematik der eigenen und gesellschaftlichen Sichtweise auf den Verjüngungsprozess.
Was bedeutet dies für den einzelnen Probanden und für die Gesellschaft? Große Fragen werden gestellt und von verschiedenen Seiten beleuchtet; nicht alle Antworten werden gegeben und doch bleibt dieser Roman sehr lange in Erinnerung.
Kann der Mensch diese Verjüngung uneingeschränkt genießen, wie stark beeinflusst es sein derzeitiges Leben und ist es wirklich von Vorteil eine junge DNA und einen reifen Geist zu besitzen?
Nicht jeder der Probanden kommt mit dieser geschenkten Zeit und körperlichen Veränderung klar, die Endlichkeit ist uns vorgegeben und ist es nicht ethisch unverantwortlich in dies einzugreifen?
Die Gedankenmuster, was es für Auswirkungen auf die jetzige und künftige Generation haben würde , auf die gesamte Menschheit, ihre Fortpflanzung und Lebensqualität auf Erden, sind unglaublich gut ausgearbeitet.
Maxim Leo zieht uns in ein Gedankenexperiment, welches uns sehr nachdenklich zurücklässt. Er zeichnet liebevoll die Charaktere und deren Problematik mit ihrer gewonnenen Lebenszeit. Mitfühlend und verständnisvoll geht man als Leser mit den ethnischen Fragen um.
Der Autor zeigt uns die vier Teilnehmer mit ihren Erlebnissen innerhalb eines Jahres auf und ihre ungewisse Reise wird authentisch dargestellt.
Positive und negative Ereignisse gehen Hand in Hand und der Autor beschreibt in einzelnen Kapiteln das Leben und die Empfindung der Probanden.
Mit einer Prise Humor begleitet er die Charaktere durch die turbulente Zeit und zeigt auf, dass Veränderung nicht für jeden geeignet ist.
Der flüssige und geradlinige Schreibstil geben dem Roman seine ganz eigene Note.

Bewertung vom 15.02.2024
Maunzi
Rechl, Christine

Maunzi


ausgezeichnet

“Maunzi” Eine Katze erklärt die Welt von Christine Rechl ist ein kleines Büchlein für alle Katzenliebhaber und Katzenfreunde. Das Hardcover-Büchlein mit seinen bezaubernden
Illustrationen auf 80 Seiten ist im Pattloch Geschenkbuch-Verlag erschienen.

Humorvoll und mit wunderschönen Illustrationen hinterlegt, erklärt uns die Katze die Welt.
Oder besser gesagt: Ihre Welt!

Sehr liebenswert und witzig wird das Leben mit den Menschen und deren Eigenarten beschrieben. Unhöflich, nicht gerade klug, aber doch nicht gänzlich untauglich wird der Mensch beschrieben. Die Beziehung zwischen Katze und Mensch zeigt auf, wie originell die Sichtweise der Katze ist. Auch ihre Geduld mit dem geliebten Menschen wird hervorgehoben.

Das einzigartige Wesen der Samtpfoten, wird in diesem kleinen Buch charmant und lustig offenbart. Die Farbgestaltung und die Weisheiten zu den unglaublich schönen Illustrationen begeistern mich als Leser.

Ein entzückendes Büchlein, welches sich wundervoll als Geschenk eignet.
Eine klare Leseempfehlung.

Bewertung vom 14.02.2024
Kleine Dinge wie diese
Keegan, Claire

Kleine Dinge wie diese


ausgezeichnet

“KLEINE DINGE WIE DIESE” von Claire Keegan, gesprochen von Stefan Wilkening handelt von einem Kloster in Irland in welchem Mädchen gelitten haben und einem Familienvater, der vor der Wahl steht zu schweigen oder mit seinem schlechten Gewissen weiterleben zu müssen.


Das Kloster beinhaltet eine Wäscherei und wird von einflussreichen Nonnen geführt . Man munkelt in der Stadt, dass sich hinter den verschlossenen Toren und dicken Mauern viele Mädchen aufhalten, die in Ungnade gefallen sind.
Diese sollen von früh bis spät arbeiten, nur wenig zu essen erhalten und einige sind unter diesen grausamen Umständen wohl zugrunde gegangen.
Man nimmt ihnen ihre Babys weg und gibt diese zur Adoption frei. Niemand kennt die genauen Umstände und niemand möchte sich mit der einflussreichen Kirche auseinandersetzen.

Claire Keegan erzählt in ihrem Buch über das Schicksal der jungen Frauen der Magdalenen-Wäschereien in Irland. Ohne auf das Grauen hinter den Mauern im Detail einzugehen, erzählt sie die Geschichte von dem bescheidenen Kohlenhändler und seinem Gewissen.
Die Autorin beschreibt sehr intensiv die Umstände zur damaligen Zeit. Die Charaktere wurden sehr gut ausgearbeitet und man wird mit auf eine Reise genommen, die mit gutem Gewissen und Nächstenliebe nichts gemein hat.

Mitschuld trägt auch der Ignorant.


Im Jahr 1985 beliefert der Kohlenhändler Billy Furlong u.a. auch das Kloster in der nahen Umgebung. Sein Geschäft geht in dieser schweren Zeit gut und er kann seine Frau und fünf Mädchen gut versorgen. Kurz vor Weihnachten ist er sehr früh mit seiner Lieferung beim Kloster und macht eine erschütternde Entdeckung.

Verstört fährt er nach Hause.

Die Nonnen bezahlen ihn immer gut und auch Weihnachten geben diese etwas mehr Geld.
Billy wird von einigen Bewohnern “gewarnt”, die Nonnen sind sehr einflussreich und er müsse an seine Familie denken. Was auch immer er gesehen hat, gilt es zu vergessen.

Jedoch ist Weihnachten, ein Fest der Nächstenliebe und Billy denkt an seine Jugend zurück.
Eine Witwe hat seiner ledigen Mutter und ihm geholfen, als die kleine Familie in Not war.
Was wäre aus ihnen geworden, wenn sich die Dame nicht ihrer angenommen hätte?
Kann er einfach wegsehen? Was wird es für Konsequenzen haben, sollte er sich als einzelner und unbedeutender Mann in die Geschehnisse im Kloster einmischen?

Claire Keegan zieht uns mit ihrem besonderen Schreibstil in den Bann. Auf wenigen Seiten holt sie uns in eine andere Welt und zeigt uns viele kleine Dinge wie diese auf.
Mitreißend und mitfühlend erzählt sie uns eine Geschichte, mit einfühlsamen und schlichten Worten bringt uns die Autorin ein Drama nahe, welches uns noch lange beschäftigt.
Der Sprecher konnte dieses Kleinod sehr feinfühlig und berührend umsetzen.

Absolute Empfehlung für diese Kurzgeschichte.

Bewertung vom 28.01.2024
Seven Days / Eddie Flynn Bd.6
Cavanagh, Steve

Seven Days / Eddie Flynn Bd.6


ausgezeichnet

„Seven Days“ von Steve Cavanagh ist ein herausragender Justizthriller über Rassismus und das Rechtssystem in Amerika.

Es handelt sich um ein in sich abgeschlossenes Buch der Eddie-Flynn-Reihe.

Steve Cavanagh zieht uns gnadenlos in die bösartige Psyche der Menschen. Hüter des Gesetzes sollten fair und ohne Vorurteile handeln; ganz anders im Sunville County in Alabama. Bezirksstaatsanwalt Randal Korn genießt es die Menschen hinzurichten. Der elektrische Stuhl-auch Yellow Mama genannt- ist sein Lieblingswerkzeug.
Er manipuliert das System und genießt die Verbindung zum Gouverneur und dem Sheriffs Department.

Andy Dubois ein ruhiger, netter Afroamerikaner ist das nächste Opfer. Er wurde verurteilt, seine junge Kollegin Skylar nach der gemeinsamen Schicht im Pub grausam ermordet zu haben. Sein Geständnis und seine DNA liegen vor und der Bezirksstaatsanwalt plädiert auf Todesstrafe.

Eddie Flynn, früher Trickbetrüger, nun Anwalt in New York wird mit dem Fall beauftragt und hat nicht nur Randal Korn als Gegner, sondern eine ganze Stadt und in den Südstaaten ticken die Uhren noch anders. Hass kann schnell geschürt werden; Gewalt und Vergeltung sind keine Seltenheit. Im Hintergrund ein korruptes System - ein gefährlicher Ort für einen Verteidiger eines Afroamerikaners.

In dem County gibt es mächtige Vertreter, die sich für die weiße Rasse einsetzen. Diese nutzen skrupellos alle Mittel aus, um ihr Ziel zu erreichen und schrecken auch vor Mord und Gewalt nicht zurück.

Der Autor fesselt mit seinen Machtspielen, den Intrigen und dem juristischen Schlagabtausch, sowie den anschaulichen Erklärungen zum Rechtssystem in den Südstaaten. Die Strategien des Staatsanwalts und Verteidigers werden sehr detailliert eingebaut und atemlos verfolgt man als Leser die Wendungen in dem Fall. Es geht um Leben oder Tod und nur der bessere, geschicktere Jurist wird gewinnen. Die Zivilcourage der Geschworenen wird eingewoben und als Leser spürt man deren Vorurteile und auch deren Verantwortung.

Der Spannungsbogen wurde perfekt ausgearbeitet, man fliegt durch die Seiten. Die Protagonisten werden sehr bildlich beschrieben, der Bezirksstaatsanwalt riecht nach Fäulnis und als Leser hat man diesen ekelhaften Geruch direkt in der Nase. Eddie Flynn überzeugt durch seine hervorragende Kombination und Verteidigungsstrategie, vor allem jedoch zwecks seinem Gerechtigkeitsgefühl und seiner warmherzigen Art.

Ein meisterhafter Justiz-Thriller, der den Leser nicht mehr loslässt.

Bewertung vom 25.01.2024
Wo ich wohne, ist der Mond ganz nah
Cho, Nam-joo

Wo ich wohne, ist der Mond ganz nah


sehr gut

„Wo ich wohne ist der Mond ganz nah“ von Cho Nam-Joo spielt im Viertel S-dong, einem der ärmsten Stadtteile in einem typischen Seouler Mondviertel. Mit den vielen kleinen Häuschen auf steilen Hügeln ist man „dem Mond ganz nahe“.
Mani Go ist Mitte dreißig, unverheiratet und lebt immer noch bei ihrer Familie. Die ICH-Erzählerin träumte als kleines Mädchen davon, Turnerin zu werden. Leider hat das Mädchen im Vergleich zu anderen wenig Talent und erlebt ihre erste große Enttäuschung. Aus Scham verbreitet sie eine Lüge und verstrickt sich darin.
Die Geschichte wechselt zwischen Gegenwart und Vergangenheit.
Mani Go wurde von ihrem Arbeitgeber gekündigt, jahrelang war sie Manager Go und hat einfache Arbeiten verrichtet. Nun lebt sie mit der Scham, ihre Eltern nicht mehr unterstützen zu können, ihren Job verloren zu haben und unverheiratet zu sein.
Im Mondscheinviertel kennt und redet man übereinander.
Ihre Geburt war spektakulär : Die Mutter spürte nach 24 Stunden endlich etwas herauspurzeln und wollte wissen, was es nun sei. Ein Junge oder ein Mädchen? Der betagte Arzt resümierte: Es ist ein Kotklumpen.
Ihre Mutter hatte Angst während der Schwangerschaft auf die Toilette zu gehen. Das Baby könnte herausfallen. Somit war die Verstopfung vorprogrammiert und sie hatte erstmal einen Haufen Kacke auf die Welt gebracht und dann erst Mani.
Vielleicht hatte das Mädchen deshalb so Probleme mit der Hocktoilette und den Exkrementen. Und den Wunsch einen Mann mit Spültoilette zu heiraten.
Der soziale Aufstieg blieb ihr verwehrt; geprägt von Armut und Trostlosigkeit schreibt die Autorin über das Frauenleben in Seoul. Die Hoffnungslosigkeit trotz Arbeit nicht aus diesem Slum zu entkommen.
Entmutigt vertrödelt Mani den Tag vor dem Fernseher. Plötzlich erscheint ein Funken Hoffnung am Horizont; das Viertel soll saniert werden und ihr Vater hat einen Käufer für das Häuschen. Der Käufer hat noch nicht gehört, dass das Sanierungsprojekt abgeblasen werden soll. Sollen sie dem Käufer dieses Gerücht mitteilen? Kann die Familie ihr neues Leben auf einer Lüge beginnen? Ihre Ehrlichkeit für einen Neubeginn außerhalb Seoul aufgeben?
Durch den sachlichen Erzählstil kann man trotz derber Schicksalsschläge der Protagonistin keine Bindung aufbauen.
Als Leser ist man voller Mitgefühl und doch Unverständnis. Warum versucht die junge Frau nicht alles erdenkliche um ihr Leben zu verändern. Lustlos lebt Mani in den Tag, kein Anzeichen von Energie und Tatendrang. Ihr Leben verläuft trostlos, außer einigen Disputen mit ihrer Mutter ereignet sich kaum etwas.
Die Autorin beschreibt das primitive, trostlose Leben der armen Menschen in Seoul, die Hoffnungslosigkeit und das Zerplatzen von Träumen. Mit einfachen, schlichten Worten schreibt Cho Nam-Joo über ein Leben ohne großartige Bildung, erdrückt in Scham und Misserfolgen. Und doch geht das Leben weiter - immer weiter und wir können es nicht überspringen.
Gomani wird auch ein Hügel genannt; der Hügel dessen Überquerung >das Ende_< bedeutet. Wieso hatten Manis Eltern ihr so einen traurigen Namen gegeben?
Ein außergewöhnlicher Entwicklungsroman über den freudlosen Frauenalltag in Südkorea.

Bewertung vom 22.01.2024
Nachbarn
Oliver, Diane

Nachbarn


ausgezeichnet

„Nachbarn“ von Diane Oliver (1943-1966) ist eine Sammlung unterschiedlicher Geschichten aus den 50er und 60er Jahren über die Bürgerrechtsbewegung in Amerika und deren unterschiedliche Formen von Diskriminierung und Rassismus.

Nachbarn erzählt von dem kleinen Tommy, der als einziges farbiges Kind eine Schule der Weißen besuchen soll. Ellie, seine Schwester trifft auf dem Nachhauseweg den alten Mr. Paul und dieser murmelt: Ich glaube nicht, dass sie ihm was tun“.
Auch ein unbekanntes Paar aus einem Auto spricht Ellie an: Hör mal Mädchen, du kennst mich nicht, aber dein Vater kennt mich. Sag ihm, wenn seinem Jungen morgen was passiert, bringen wir die Sache in Ordnung“.
Die Weißen bedrohten die Familie seit Wochen, Drohbriefe wurden an den kleinen Tommy geschickt. Polizeifahrzeuge vor dem Haus sollen der Familie ein Gefühl der Sicherheit geben.
Der Junge ist still und verängstigt. Bis eine Bombe am Vorabend des Schulstart alles auf den Kopf stellt und die Angst allgegenwärtig ist. Das Leben ihres Kindes liegt in der Verantwortung der Eltern und doch hadern diese mit sich: Wie sollen sie ihren Kindern klarmachen, dass sie Angst vor den Weißen haben?

Unglaublich intensiv zeichnet die Autorin ein Bild der Angst, des Unbehagen und die Bösartigkeit der Weißen. Die Hautfarbe zeigt die Unterschiede auf und trotz der Bürgerrechtsbewegung ist der Hass deutlich spürbar.

Ein Mädchen wird von ihren Eltern auf die Green-Hill-Universität geschickt in der Hoffnung, dass sie die erste farbige Absolventin wird. Ihr Vater hat alles dafür getan, Bittbriefe geschrieben und mit einer Klage gedroht. Alle Mädchen außer Winifred waren in einer Studentinnenverbindung. Ihre Mitbewohnerin redete über sie, ihre Eigenarten, Gewohnheiten und ihre Kleidung. Das Mädchen wird zur Außenseiterin, bis sie nicht mehr am Unterricht teilnimmt, alleine ein Zimmer bewohnt und nur noch eine fensterlose Kammer zum lernen nutzt. Die Hausmutter macht sich Gedanken und ein Arzt fragt, ob es ihr etwas ausmacht, die einzige Schwarze am College zu sein.
Winifred verlässt das College und ihr Vater meint: Sie haben sich aufgeführt, als wärst du nicht gut genug für ihr College.“
Wer oder was macht das Mädchen krank?

Junge Farbige gehen in den Tea Room und wollen viermal das Tagesgericht bestellen; alle Weißen verlassen fluchtartig das Restaurant und die Polizei nimmt die jungen Menschen mit auf das Revier. Aus der schaulustigen Menge hörten die jungen Menschen wie jemand laut >Ni****< rief. Die beiden Männer und Frauen wurden stundenlang verhört, eingesperrt und zuletzt die Männer nochmal befragt und dabei misshandelt.

In den weiteren Kurzgeschichten geht es um Rassenintegration und die Storys werden tiefgründig, emotional und intensiv beschrieben.
Geht es um die Integration oder um das eigene Schicksal? Welcher Weg ist richtig, der private oder politische?
Nicht nur Schwarze, auch Weiße sind Leidtragende der Minderheitenrechte auch wenn die Gesetze bereits in den 60er Jahren aufgehoben wurden.

Die junge Autorin zeigt unglaublich gut mit ihren Kurzgeschichten die verschiedenen Lebensweisen von Schwarz und Weiß, die unterschiedlichen Wahrnehmungen und was eine Hautfarbe für Auswirkungen auf das Leben und das Umfeld haben kann.
Hoch emotional und zugleich schlicht und ergreifend zieht uns Diane Oliver in ihre Storys.
Fesselnd und ergreifend öffnen wir nach jeder Geschichte mehr und mehr unser Herz. Als Leser fasziniert der Schreibstil und eröffnet uns andere Sichtweisen.

Ein Kampf für die gleichen Rechte, Hoffnung verbunden mit Angst.
Ein Spagat zwischen Liebe und Hass, Freundschaft und Angst, Schwarz und Weiß ….

Diane Oliver hat ein großartiges literarisches Werk erschaffen.

Bewertung vom 21.01.2024
In den Stunden einer Nacht
Axat, Federico

In den Stunden einer Nacht


sehr gut

„In den Stunden einer Nacht“ von Federico Axat ist ein Leckerbissen unter den Psychothrillern.

SPOILER!

Unglaublich gut inszeniert zieht uns der Autor mit seinem fesselnden Schreibstil in diesen Thriller. Ein Netz aus Lügen, Täuschung und Tarnung wartet auf den Leser. Frederick Axat hat mit diesem Werk einen hochspannenden Psychothriller voller Rätsel geschrieben.

John Brenner, trockener Alkoholiker, erwacht in seinem Haus im Wald und sieht neben sich eine tote Frau. Die leere Wodkaflasche spricht Bände und Johns Kopf ist leer. Keine Erinnerung….
Was hat er getan?

In Panik versucht er die Frau zu reanimieren, doch es gibt keinen Zweifel, sie ist tot. Ermordet! Es sieht alles danach aus, als wäre er der Täter. John versucht sich zu erinnern und scheitert kläglich. Er rennt in den Wald, trifft auf einen Van mit Überwachungssystem und sieht in diesem sein Wohnzimmer. Was geht hier vor? Wer beobachtet ihn?
Bevor er die Polizei anrufen kann, meldet sich zufällig sein älterer Bruder Mark. In Panik erklärt er Mark alles und läuft zurück in sein Haus. Dort trifft er auf Mark und auf ein Haus ohne Leiche.
War es ein halluzinatorischer Anfall? Im Wachzustand?

Sein Bruder war kein Experte für Halluzinationen, jedoch unglaublich intelligent und leitete
ein Labor. Seine Firma Meditek will er nun verkaufen, was für John absolut nicht glaubhaft war. War sein Bruder unheilbar krank? Alles drehte sich und war zuviel für John. Was passiert hier?
Warum hat Mark angerufen, wer war die Frau und wer wollte ihm einen Mord anhängen? Wohin ist alles verschwunden?

Der Autor beschreibt die Protagonisten und Orte bildlich. Die Charaktere werden bis in die Vergangenheit gezeichnet. Die Spannungskurve wird gehalten, man fliegt durch die Seiten und fiebert mit John und seinen engsten Freunden. Er hat die Sympathie des Lesers auf seiner Seite und doch ist alles unglaublich fein ausgeklügelt und Frederico Axat spielt mit der Wahrnehmung des Lesers. Wie eine Spinne ihr Opfer einwickelt, so wickelt der Autor den Leser in ein Meer von Irrungen und Täuschungen.
Es kann doch unmöglich ein Anfall oder Traum gewesen sein?!

Ein empfehlenswerter Psychothriller.

Bewertung vom 18.01.2024
Das vergessene Glück (MP3-Download)
Ritterhoff, Insa

Das vergessene Glück (MP3-Download)


ausgezeichnet

„Das vergessene Glück“ von Insa Ritterhoff, gesprochen von Kaja Sesterhenn ist ein einfühlsamer, berührender Roman über die verschiedenen Facetten zweier Leben, unsere Wahrnehmungen und Wahrheiten, Verlust, Ängste, Hoffnung und Liebe.

„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne …“

Ella, Journalistin lebt allein mit ihrem Hund Balou in einem gemütlichen Haus am Waldrand. Ihre Tochter Leonie ist verschwunden, um ihren Erzeuger kennenzulernen und mit ihm um Welt zu reisen. Ihre Affäre Carl bekennt sich nicht zu ihr und doch versucht er Ella fest-/warmzuhalten.
Hinzu kommt, dass ihr Vater, der sich nicht um Frau und Tochter gekümmert hat, nun mit der Krankheit „Demenz“ in einem Heim untergebracht ist. Er erinnert sich nicht an Ella und diese ist voller Groll auf ihren Vater, der für das elende Leben ihrer Mutter verantwortlich war. So ist zumindest Ellas Sichtweise …
Im Heim zitiert Ella ein Gedicht von Rilke und die schweigende, alte Dame in ihrem Stuhl am Fenster erwacht kurzzeitig aus ihrem tranceartigen Zustand, fokussiert die Stimme und blickt direkt in Ellas Augen. Karla war eine selbstbewusste Frau und wurde im Alter vergesslich; Ella fühlt sich zu der ruhigen, würdevollen und demenzkranken Dame hingezogen.
Das Vergessen hat mit einer gewaltigen Wucht plötzlich von Karla Besitz ergriffen. Sie hatte mit dieser heftigen Form nicht gerechnet. Karla hat zu Beginn ihrer Vergesslichkeit Zettel geschrieben, dann Tagebücher und zuletzt das Sprechen aufgehört. Sie wollte in Würde altern und sterben und nicht mit ihrem vernebelten Verstand über ihre Worte den Mitmenschen zur Last fallen.
Karla starb mit 89 Jahren einsam und allein nach 18 schweigenden Monaten im Heim.
Ihr Nachlass wurde geregelt, übrig blieb ein Koffer mit Fotos, Dokumenten, Briefen und Tagebucheinträgen. Eine Schwester aus dem Heim bat Ella in ihrer Funktion als Journalistin diesen Koffer mitzunehmen. Sie hatte die stille Verbundenheit der beiden Frauen bemerkt.
Auf den Spuren von Karla, lernt Ella einige Werte zu überdenken und vor allem, sich ihrer Vergangenheit zu stellen. Erkenntnisse über Wahrheiten werden in Frage gestellt und Mut geschenkt, ihr Leben zu verändern.
Die Sprecherin erzählt einfühlsam und doch mit einer gewissen Leichtigkeit über das schwere Thema Demenz und die schwierige Familiensituation von Ella. Die Stimmlage war perfekt für diese berührende Geschichte geeignet; Kaja Sesterhenn hat die Wichtigkeit der Thematik mit ihrer ruhigen unaufgeregten Tonlage unglaublich gut umgesetzt.
Insa Rittenhoff hat mit ihrem Debütroman eine sehr intensive, nachdenkliche und eindringliche Geschichte über das Thema Familie, Freundschaft, Demenz, Liebe und Veränderung geschrieben. Die beiden Hauptprotagonisten Ella und Karla durchleben in ihrer Erinnerung nochmals ihre Kindheit. Bewegend, sehr intensiv und bildlich absolut greifbar beschrieben werden die Emotionen, die Orte und Nebenprotagonisten.
Ein absolutes Hör-Highlight.

Bewertung vom 30.12.2023
Zero Days
Ware, Ruth

Zero Days


ausgezeichnet

“ZERO DAYS” von Ruth Ware ist ein fesselnder Thriller, welchen man nicht mehr aus der Hand legen kann.
Jacintha (Jack) Cross und ihr Ehemann Gabe arbeiten für große Unternehmen und führen als Penetrationstester simulierte Cyberangriffe auf deren Netzwerke und Computersysteme durch. Den physischen Test führt Jack und den digitalen Penetrationstest ihr Mann Gabe durch.
Nach einem Auftrag geht etwas schief und Jack wird auf das Polizeirevier mitgenommen. Erst als ihr Ex-Freund und Polizist Jeff bestätigt, dass sie eine Pentesterin ist, darf Jack nach Hause fahren. Dort findet sie Unmengen an Blut und ihren ermordeten Mann an seinem Schreibtisch vor. Kein Einbruch, kein Kampf war zu sehen und Jack, unter Schock, verständigt nicht sofort die Polizei.
Wieder auf dem Polizeirevier wird Jack immer und immer wieder zu dem zeitlichen Ablauf befragt. Wann war sie zu Hause, um wieviel Uhr hat sie Gabe gefunden, wann hat sie die Polizei gerufen?
Jack ist gebrochen, steht unter Schock und weiß nicht mehr genau wann sie wo war und versucht zu erklären, warum sie nicht sofort die Polizei verständigt hatte.
Kommt es ihr nur so vor oder wird sie wirklich verdächtig?
Und warum fehlt etwas an seinem Computer? Was hatte Gabe für einen Auftrag?
Die Polizei versteift sich auf Jack, diese flüchtet aus dem Verhörraum und versucht den Mörder zu finden. Dies ist sie ihrem geliebten Mann schuldig.
Eine Jagd beginnt - Jack weiß jedoch noch nicht, mit was für Feinden sie es zu tun hat. Skrupellos und organisiert verstehen diese ihr Handwerk, aber auch Jack ist gut. Extrem gut in dem, was sie seit Jahren macht: Lücken zu finden…
Doch auch die Polizei ist ihr dicht auf den Fersen und ihr Bild ist in allen Medien. Zu allem Übel ist Jack durch die Flucht verletzt, ihr Körper dadurch geschwächt und ihr Geist nicht klar.
Die Autorin versteht es meisterhaft den Leser:in zu fesseln, der Schreibstil ist sehr lebendig und die Spannung wird kontinuierlich aufgebaut. Als Leser:in rätselt man mit, fieberhaft sucht man mit Jack nach Auswegen, Alternativen und Wegen. Fassungslos und mit vielen Fragen lassen uns manche Kapitel zurück. Alles miteinander trägt jedoch immer mehr zur Aufklärung bei, doch Jack wird immer schwächer, ihre Energie schwindet. Ihre Verletzung setzt ihr unglaublich zu und nur der Gedanke an Gabe lässt sie immer wieder aufrecht gehen.
Ruth Ware nimmt uns mit auf eine unglaublich spannende Verfolgungsjagd.
Der Thriller ist kaum aus der Hand zu legen, ich habe das Buch in zwei Tagen gelesen.
Eine klare Leseempfehlung für alle Thrillerfans.