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Benutzername: Szisza
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Bewertungen

Insgesamt 2 Bewertungen
Bewertung vom 10.07.2019
Gott wohnt im Wedding
Scheer, Regina

Gott wohnt im Wedding


sehr gut

„Gott wohnt im Wedding“ ist ein Roman von Regina Scheer und ist 2019 bei Penguin Verlag erschien.

Das Buch beschäftigt sich mit der Geschichte der Juden, Roma und Sinti. Die Handlung spielt in der heutigen Zeit in Berlin, das Thema ist die Darstellung von verschiedenen Bevölkerungsgruppen, die nicht nur während des Nationalsozialismus verfolgt wurden, sondern auch noch heute mit Stigmatisierung konfrontiert werden.

Die Einleitung mit der Erzählrolle eines Jahrhunderthauses in der Utrechter Straße in Berlin ist vielversprechend. Das Haus – mit seinen vielen Lebensgeschichten -ist ein Ort, der mehrere Menschen auf einer bestimmten Art und Weise miteinander verbindet.
„Alles hängt mit allem zusammen, die Leute wissen es oft nur nicht“ (S:42)
Die Wandel des menschlichen Zusammenlebens und veränderte Lebensstil der Menschen werden in den Erzählungen des Hauses treffend beschrieben und regen zum Nachdenken an:
„Mir scheint, früher gab es eine Stunde zwischen Nacht und Morgendämmerung, in der die Menschen schliefen und die Tiere kamen. Die Tiere kommen noch immer, aber die Menschen schlafen nicht.“ (S: 122)

Die Charaktere des Romans sind authentisch und lebendig.
Die Hauptakteure sind:
Leo: Er ist 90 Jahre alt und kehrt nach 70 Jahren mit ihrer Enkelin, Nira, aus Israel nach Berlin zurückkehrt, um dort das Erbe seiner verstorbenen Frau zu regeln. Mit dem Haus verbindet er das schreckliche Ereignis, als sein Freund, Manfred, dort von den Nazis abtransportiert worden ist und danach starb. Wer ihn verraten hat, weiß er nicht genau, verdächtigt allerdings Gertrud.
Gertrud: Die bereits über 90 Jahre alte Frau wohnt seit ihrer Kindheit im Haus und hat viele Menschen dort ein- und ausziehen gesehen. Sie versteckte damals Leo und Manfred vor den Nazis in ihrer Wohnung. An die schrecklichen Ereignisse aus dieser Zeit will sie nicht mehr denken. Und plötzlich siehts sie von ihrem Balkon aus Leo im Hof. Aber war tatsächlich sie die Verräterin? Durch ihre altersbedingte Krankheit ist sie auf die Hilfe von Laila angewiesen.
Laila: eine junge Sozialarbeiterin, die ihr Leben verändern wollte, in dem sie Abschied von dieser Tätigkeit und der eigenen Vergangenheit nimmt, zog in das Haus ein ohne zu wissen, dass ihre frühere Verwandte dort bereits gewohnt haben. Durch die Nachbarn, denen sie hilft, wird sie allerdings mit allem, womit sie abschließen wollte, konfrontiert.
Durch die ständige Perspektivenwechsel zwischen den Protagonisten wird über deren Vergangenheit berichtet, ihre Gefühlswelt und ihre Gedanken werden veranschaulicht wodurch eine emotionale Bindung zu den Hauptakteuren schnell hergestellt werden kann.

Die Spannung des Romans wird durch von außen aufgezwungenen Konflikten sowie aus dem eigenen Lernprozesse der Protagonisten resultierende Konflikte bis zum Schluss aufrechterhalten.

Die viele geschichtliche Fakten und Ausschweifungen können zwischendurch den Lesefluss mindern, die zahlreiche Nebenakteure tragen dazu bei, dass der Überblick manchmal verloren geht. Deshalb 1 Punkt Abzug. Die „Zwischenmeldungen“ vom Haus halten die Geschichte aber trotzdem zusammen.

Der Roman ist zwar keine „leichte Kost“, es lohnt sich aber trotzdem, diesen zu lesen.
Insgesamt ist das ein tolles Buch, das nicht nur informativ und unterhaltsam ist, sondern auch zum Nachdenken anregt, da die Geschichte auf berührender und authentischer Art und Weise auf relevante gesellschaftsspezifische Themen, wie, Gentrifizierung, Verdrängung, Antipathie, Migration und Heimatlosigkeit aufmerksam macht.

Bewertung vom 26.04.2019
Stella
Würger, Takis

Stella


ausgezeichnet

Takis Würger gelingt mit seinem Buch uns auf „große Themen“ des Lebens erneut aufmerksam zu machen und über einige Bereiche des „Mensch seins“ nachzudenken: Liebe, Vertrauen und vor allem die Fehlbarkeit der menschlichen Natur. All das eingebettet in einem der abgründigste Zeitabschnitt der Menschheitsgeschichte.
Die Spannung der Geschichte ist gut aufgebaut, das Interesse bleibt bis zum Schluss aufrechterhalten und auch der Schreibstil trägt dazu bei, dass man das Buch in einer Nacht „verschlingen“ kann.
Der Roman hat verschiedene Ebenen: Die am Anfang jedes Kapitels chronologisch aufgelistete Ereignisse helfen dem Leser sich historisch einzuordnen. Dieser Art der Fakten ohne epische Breite darzustellen, versetzt den Leser in einem „Ohnmacht-ähnliches“ Gefühl: „so sind diese Dinge passiert, das war die Realität und man kann nichts dagegen tun“. Anschließend folgen Ausschnitte von Zeugenaussagen aus realen Prozessakten. Diese, als interne Prolepse, halten das ungute Gefühl aufrecht.
Durch den narrativen Erzählform fühlt man sich mit in die Geschichte hineingezogen, als würde man mit Friedrich – dem Erzähler - in seinem Zimmer des Grand Hotels zusammensitzen und ihm dort bei seinen Erzählungen zuhören.
Die Charaktere des Romans sind unterschiedlich: Friedrich, ein junger Schweizer, der auf der Suche nach der „Wahrheit“ nach Berlin fährt. Seine Eltern trennen sich: sein Vater, ein gutmütiger Geschäftsmann zieht um die Welt und seine labile, alkoholkranke und gewalttätige Mutter lebt nun vollständig von antisemitischen Ansichten durchdrungen, in München. Friedrich ist ein humaner, stiller, teilweise naiver, farbblinder Maler, der kurz nach seiner Ankunft in Berlin sich in einem Aktmodell einer Kunstschule, Namens Kristin, verliebt. Er ist ihr treu und will sie retten, auch, nach dem sie ihm gesteht, dass sie ihn angelogen hat und sie in der Wahrheit Stella heißt und eine Jüdin ist. Auch nach dem er erfährt, dass Stella eine Greiferin ist, die andere Juden in Berlin aufspürt und sie an die Gestapo verrät. „Jeden Morgen wirst Du in meinen Armen erwacht, ich hätte Dich nie losgelassen. Ich hätte Dir die Wahrheit gesagt“ (S:209)
Stellas Charakter ist ambivalent und schwer greifbar. Sie ist eine hübsche Sängerin und Modell. Ob sie Friedrich wirklich liebt oder mit ihm nur wegen all die Annehmlichkeiten zusammen ist, die sie durch Friedrichs Status als reicher Schweizer genießen kann, bleibt offen. Die Entscheidungen, die sie trifft, sind fraglich. Sie ist aber bereit, Friedrich immerhin als „Mann“ wahrzunehmen.
Für den Willkür, der in der damaligen Zeit so unfassbar gefährlich war, in der Menschen nach Lust und Laune über Leben und Tod entscheiden konnten, steht der Figur Tristan. Friedrich lernt ihm in einem Bar- wo verbotene Jazzmusik gespielt wird- kennen. Er denkt, Tristan sei sein Freund. Wie sich im Laufe der Geschichte herausstellt, ist Tristan aber ein äußerst egoistischer Mann ohne jegliches moralische Verständnis; Ein Nazi „par excellence“.
Stella empfinde ich als Protagonist einer Art „epicfail“, die für das monumentale moralische Versagen steht. Oder doch nicht? Kann jemand, der noch nie in so eine Situation war, mit absoluter Sicherheit sagen, wie er unter Druck gesetzt um das Leben seinen Eltern bangend, reagieren würde? Aber da ist dann noch der Nachtrag im Buch, in dem klar wird, dass Stella auch nach dem Abtransportieren ihrer Eltern in Berlin bleibt und mit dem Verrat der Juden weitermacht. Kann man das verstehen, kann man so eine Person lieben?
Es ist nun paar Wochen her, als ich das Buch las, aber es wirkt immer noch nach. Mein Lieblingszitat, der auch als eine Art „Appel“ an die Akzeptanz aller Menschen sein könnte ist auf Seite 174 zu finden: Friedrich und sein Vater unterhalten sich:
„Warum bist Du solang bei Mutter geblieben“ – fragte ich.
„Weil ich mich entschieden habe“
„Aber Ihr habt Euch nicht geliebt“
„Ich liebe sie heute noch“
„Aber ihre Schwächen“
„Für jede Einzelne“