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Benutzername: SBS
Danksagungen: 7 (erhaltene)


Bewertungen

Insgesamt 230 Bewertungen
Bewertung vom 31.05.2021
Das Buch des Totengräbers
Pötzsch, Oliver

Das Buch des Totengräbers


sehr gut

Leopold von Herzfeldt, früher Untersuchungsrichter in Graz, kommt nach Wien und platzt mitten in einen Tatort, um sich dort direkt bei den Kollegen unbeliebt zu machen – und nicht nur bei jenen…Mehr oder weniger zur Strafe wird er von dem Fall eines Frauenmörders abgezogen und soll einen Selbstmord untersuchen. Dazu begibt er sich zum Wiener Zentralfriedhof und trifft auf den Totengräber Augustin Rothmayer. Eine Art Zusammenarbeit startet, die so nicht vorhersehbar war und schier Unglaubliches aufdeckt.

Ich habe dieses Buch regelrecht verschlungen! Mittlerweile hat mich der Autor schon so oft überzeugt, daher hätte es mich doch sehr gewundert, wäre es ihm dieses Mal nicht gelungen. Allein schon der flüssige Schreibstil gefällt mir, dazu die tollen Recherchen und oft interessante Charaktere – genau das, was eine gute Geschichte eben alles noch benötigt. Doch all das wäre nichts, würde der Plot nichts taugen. Auch hier gibt es aus meiner Sicht nichts großartig zu meckern. Zwar hätte ich mir mehr Zusammenarbeit von dem etwas zu überheblichen und recht arroganten Herzfeldt und Rothmayer gewünscht, aber ansonsten war es richtig rund und gelungen. Es gab Überraschungen, Tiefschläge und der Wiener Zentralfriedhof ist ein toller Handlungsort. Zwar hatte ich zwischendurch immer wieder eine Vorstellung, wie alles enden könnte und lag in Teilen auch richtig, aber das nahm mir keineswegs den Lesespaß. Dafür waren die Verbrechen einfach zu außergewöhnlich, es gab Rituale, das interessante Totenbuch, und die ersten Schritte in Richtung Kriminalistik.

Ich freue mich auf weitere Fälle, da ich es immer unterhaltsam und oft spannend fand. Derweil empfehle den ersten Teil sehr gerne weiter. 4,5 Sterne.

Bewertung vom 28.05.2021
Der gekaufte Tod
Mack Jones, Stephen

Der gekaufte Tod


sehr gut

August Snow ist ein ehemaliger Detektive, der Detroits früheren Bürgermeister und einigen Polizisten Korruption nachwies. Das hat zur Folge, dass er in Detroit einen schweren Stand hat, auch und weil er in einem Prozess zwölf Millionen zugesprochen bekam. Nach einem Jahr kehrt er in seine Heimatstadt zurück und wird von einer Bekannten um einen Gefallen gebeten. Er lehnt es jedoch ab für die Unternehmerin zu ermitteln und wenig später ist sie tot. Das kann August nicht einfach ignorieren…

Der Protagonist ist mal was anderes. Er hat zwar das Herz am rechten Fleck und ist sicher ein an sich guter Kerl, aber die Schale ist rau, genauso wie seine Sprache. August ist sehr gut ausgebildet, ein Feinschmecker (man liest so einiges von mexikanischen Leckereien, die appetitanregend sind) und zurück in seinem alten Viertel „Mexicantown“. Seine Mutter war Mexikanerin, sein Vater ein dunkelhäutiger Polizist und er will das Viertel, welches immer mehr vor die Hunde zu kommen scheint, in eine gute Nachbarschaft verwandeln. Dazu geht August seine ganz eigenen Wege. Das gilt auch für das menschliche Miteinander und besonders für seine Ermittlungen, die er dann doch noch anstellt, weil er den Ergebnissen der Polizei nicht so über den Weg traut. Dabei sticht er in ein Wespennest - eines der aggressivsten Sorte...

Der Schreibstil ist interessant, vieles wird angedeutet und erst ein paar Seiten weiter aufgeklärt, sodass die Spannung kontinuierlich vorhanden ist und sich sogar immer mehr steigert. Es gibt auch die typischen US-amerikanischen Actionszenen, aber es passt hier einfach perfekt und es gibt nicht nur einen Showdown.
Interessant finde ich alles rund um Detroit. Vorher wusste ich nicht allzu viel, aber hier werden nebenbei die gesellschaftlichen Entwicklungen gut dargestellt - auch und besonders die Schattenseiten kommen zum Tragen.

Weitgehend hat mich dieses Buch unterhalten, der Protagonist und die heimliche Protagonistin Detroit, haben ihren Reiz. Wer Interesse an einem etwas anderen Krimi hat, ist hiermit gut beraten.

Bewertung vom 25.05.2021
Das Leben, ein ewiger Traum / Die goldenen Zwanziger Bd.1
Sommerfeld, Helene

Das Leben, ein ewiger Traum / Die goldenen Zwanziger Bd.1


sehr gut

Berlin in den 20er Jahren. Ein Jahrzehnt voller Licht- und Schattenseiten, wie dieses Buch eindrucksvoll zeigt, wobei die Schattenseiten im Fokus sind und wirklich in sehr dunkle Ecken führt. Polizeiärztin Magda Fuchs kommt nach dem Mord an ihrem Mann nach Berlin und versucht Fuß zu fassen. Das ist in dieser Männerwelt schwierig, nicht nur für Magda, die immer noch darunter leidet, dass der Mörder ihres Mannes nicht gefasst wurde, sondern auch für weitere Frauen, die man in dem Buch kennen und schätzen lernt.

Der Prolog hat es in sich, dann wird die Geschichte etwas langsamer erzählt und es dauert ein bisschen, bis die Geschichte richtig Fahrt aufnimmt. Dennoch ist es sehr interessant die Stadt und ihre Bewohner besser kennenzulernen. Da gibt es unter anderem Celia, die verwöhnte Arzttochter, die unglücklich verheiratet ist, oder auch Doris, die in der Provinz groß wurde und nun in der Stadt ihr Glück versucht. Und dann geht es richtig los, vieles davon war so nicht zu erahnen, aber dennoch schlüssig. Zumindest mich hat das Buch ab einem gewissen Zeitpunkt so gefesselt, dass ich es kaum mehr aus den Händen legen wollte. Natürlich lag das an der Geschichte und dem Setting, aber auch an den schön ausgearbeiteten Charakteren, deren Weiterentwicklung mich interessierte. Der Schreibstil ist kurzweilig und fesselnd.

Die Atmosphäre ist aus meiner Sicht perfekt ausgearbeitet und auch durch den einen oder anderen Berliner samt passendem Dialekt wird es noch authentischer. Das Autorenduo scheut sich auch nicht die hässlichen Seiten zu zeigen und nicht selten musste ich schon mal schlucken – Achtung: hier geht es auch um Kinder, denen so manches angetan wird. Das ist sicher nicht jedermanns Sache, passt aber und war wohl leider traurige Wahrheit. Auch alles was die unteren Schichten im Allgemeinen ertragen mussten, ist nicht ohne. Mehr kann ich an dieser Stelle aber wirklich nicht verraten.

In dem ersten Band werden die wichtigsten Fragen zum Fall am Ende zwar aufgelöst, allerdings gibt es auch einen Cliffhanger, der es in sich hat und man würde am liebsten direkt weiterlesen. Ich werde beim zweiten Band auf jeden Fall wieder mit von der Partie sein…

Bewertung vom 25.05.2021
Wie hat Ihnen das Anthropozän bis jetzt gefallen?
Green, John

Wie hat Ihnen das Anthropozän bis jetzt gefallen?


sehr gut

Was haben „You never walk along“, Dr. Pepper, Pest, Klimaanlagen, die QWERTY-Tastatur, Teddys oder Monopoly gemeinsam? Sie alle haben ihren Ursprung im Anthropozän, dem sich der Autor hier in zahlreichen Essays widmet. Es ist unser Zeitalter, welches wir stark geprägt haben und es brachte so einiges hervor. Manches gut, manches weniger.

Das Buch ist für mich keines gewesen, welches man einfach mal so durchliest. Dafür sind die Themen zu unterschiedlich, die Zusammenstellung nicht thematisch oder locker, und es wären auch zu viele Gedanken, die plötzlich kollidieren würden – so zumindest mein Gefühl. Ich habe immer wieder mal ein Essay gelesen, manchmal habe ich mich an die Reihenfolge gehalten, öfter jedoch habe ich einfach je nach Laune ein Thema ausgesucht, gelesen habe ich sie dann aber alle, auch wenn mir z.B. Greens Lieblingsband so gar nichts sagte und mich dieses Essay auch nicht wirklich erreichen konnte. Manche typische US Sache hatte es auch nicht so ganz geschafft mich zu erreichen, aber das liegt nun einmal in der Natur der Sache. Die Mehrheit der 44 Essays konnte mich aber in der einen oder anderen Weise erreichen und ich fand es interessant, wie er Verbindungen zu anderen Themen entwickelt hat, die man als Leser so nicht unbedingt auf dem Schirm hatte. Persönliche Anekdoten inklusive, was vor allem Fans interessieren dürfte. Wo mich das Thema interessierte, kam keine Langeweile auf, bei anderen Themen schon, sodass ich froh war, wenn es dann endlich beendet war.

Insgesamt wurde das Buch zwar einerseits eine persönliche Geschichte, denn Greens psychische Probleme werden hier schon häufiger angerissen, andererseits ist es aber auch ein universelles Buch. Es bietet Gedankenanstöße, ist informativ und vieles war auch wirklich interessant. Vor allem gefällt mir aber auch seine Herangehensweise Dinge, die unser Leben (oder zumindest seines) direkt betreffen zu analysieren, in einen Kontext zu setzen und letztlich auch auf einer Sterneskala zu bewerten. Die Recherchen scheinen mir sehr gut gewesen zu sein, dazu bekommt man als Leser neues Alltagswissen oder eine Bestätigung, wenn man sich nicht so ganz sicher war.

Der Schreibstil ist sehr flüssig, gut zu lesen und schlicht angenehm. Die Informationen sind leicht zugänglich präsentiert, mal historisch, mal philosophisch angehaucht und so nimmt man aus der Lektüre sicher einiges mit. Manchmal hat man das Gefühl, dass der Autor direkt zu einem spricht und die Offenheit mit der er Persönliches einbindet, finde ich sehr schön.
Für die gelungene Mischung dieses persönlichen Sachbuches vergebe ich an „Wie hat Ihnen das Anthropozän bis jetzt gefallen?“ vier Sterne.

Bewertung vom 17.05.2021
Dancing with Bees
Strawbridge Howard, Brigit

Dancing with Bees


ausgezeichnet

Brigit Strawbridge Howard liebt Bienen und Hummeln. Da sie ihr am Herzen liegen, hat sie ein Sachbuch geschrieben, um Lesern für die Situation der Bienen und Insekten allgemein zu sensibilisieren. Dabei schärft sie allgemein den Blick für die Natur. Sie schreibt leidenschaftlich, jedoch nie belehrend.
Mein Verhältnis zu Bienen war in meiner Kindheit noch sehr durchwachsen. Ich hatte gewisse Sorgen gestochen zu werden und wie genau Bienen kommunizieren/tänzeln, hatte meinen Lehrer brennend interessiert, mich leider so gar nicht. Aber seitdem hat sich einiges geändert. Insektenhotels und Wildblumen gibt es auf unserem Grundstück zuhauf und ich bin nun wirklich interessiert. Daher musste ich das Buch lesen und ich habe es auch nicht bereut. Die Autorin beschreibt sehr leidenschaftlich alles was sie entdeckt hat, wie sie sich entwickelt und weitergebildet hat und vermittelt immer wieder Dinge, die man auch selbst nachmachen und umsetzen kann. Das erfolgt ohne erhobenen Zeigefinger, sondern vielmehr als Anregung was möglich ist. Oft weckt die Autorin beim Leser einfach nur Interesse und will man ebenfalls gewisse Bienen und Hummeln versuchen zu beobachten, so muss man vielleicht dieses oder jenes noch nachholen. Mit ihren Erzählungen, die sich allgemein mit der Natur beschäftigen hat mich die Autorin erreicht und gleichzeitig noch Wissen vermittelt – nur eben nicht so trocken, wie ich das teils aus der Schule kannte.
Zwischendurch gab es die eine oder andere Länge, gerade die Landschaftsbeschreibungen wurden mit irgendwann einfach ein bisschen zu viel, auch wenn sie an sich gelungen waren. Auch so hatte ich gegen Ende das Gefühl das sich das eine oder andere wiederholt hat. Die Autorin, die auch Einblicke in ihre Persönlichkeit gibt, erstellt Zusammenhänge und macht diese verständlich.
Auch schön: Selbst wenn man, wie die Autorin, irgendwann einmal den Bezug der Natur etwas verloren hat, so kann man sich jederzeit wieder dafür interessieren und etwas bewirken. Die Autorin selbst ist das beste Beispiel.
Die enthaltenen Zeichnungen sind sehr schön und auf jeden Fall ein Pluspunkt, jedoch hätte ich es besser gefunden, wenn es auch das eine oder andere Foto gegeben hätte. Nicht nur von den verschiedenen Bienenarten, sondern auch von den beschriebenen Landschaften.
Besonders passend bei diesem Buch ist, dass es klimapositiv hergestellt und ohne Plastik ausgeliefert wird. Wer ein gewisses Interesse für das Thema mitbringt, ist mit diesem Buch sehr gut beraten.

Bewertung vom 09.05.2021
Der Junge, der das Universum verschlang
Dalton, Trent

Der Junge, der das Universum verschlang


weniger gut

Australien in den 1980er: Eli Bell und sein Bruder Gus, der seit Jahren nicht mehr spricht, leben bei ihrer drogensüchtigen Mutter und dem dealenden Stiefvater. Babysitter ist ein Mann, der Jahre im Gefängnis verbrachte und seine Weisheiten an die Jungs weitergibt. Die Jungen wachsen mitten in dem Milieu auf und das bleibt nicht ohne Folgen…

Das Buch hat es mir nicht leicht gemacht. Zu Beginn war ich total gespannt, was denn noch so alles kommen wird, dann gab es eine lange Phase, in der ich einfach so gar keine Lust hatte weiterzulesen und mich regelrecht zwingen musste. Das lag an den ganzen „Besonderheiten“ und Absonderlichkeiten. Es war mir manchmal dadurch einfach zu sehr konstruiert (okay, sogar ziemlich oft) und ich mochte zwar Eli irgendwie, aber greifen konnte ich ihn dennoch nicht. Dennoch habe ich weitergelesen, einfach in der Hoffnung, dass sich noch etwas tut. Es wurde dann auch wieder besser, je älter Eli wurde – richtig überzeugt und begeistert war ich jedoch nie. Er erzählt die Geschichte, wird älter, verliert das Kind in sich aber nie. Einerseits ganz nett, aber andererseits hätte ich einfach ein bisschen mehr Entwicklung erwartet, auch und trotz gewisser Traumata. Der Schreibstil als solcher ist an sich in Ordnung, die Zeichnung der Charaktere weitgehend gelungen, aber die Aktionen, die teilweise auf den Leser warten waren mir einfach zu übertrieben. Ich will gar nicht behaupten, dass all das absolut unmöglich ist, aber hier war es einfach drüber. Durch Streichungen und Kürzungen wäre hier sicher manches für mich ansprechender geworden. So werden manchmal Sachen aufgebauscht, die auf mich wirkten, als solle ein möglichst dickes Buch am Ende rauskommen. Hätte das Buch sich auf die wesentlichen Bestandteile bezogen, dann hätte ich wahrscheinlich deutlich besser bewertet, aber der Autor schreibt mir einfach zu bunt…und dass, obwohl die Stimmung im Buch fast nur düster und deprimierend ist. Dieser Kontrast könnte ja was für sich haben, bei mir hat das aber nicht funktioniert. Zartbesaitete Leser sollten vielleicht eher Abstand nehmen, denn so manches ist einfach nur
sehr brutal und dass Kinder mit im Spiel sind, macht es noch schwieriger.

Leider hat mich das Buch auch kaum zum Nachdenken angeregt, obwohl ich im Vorfeld erwartet hatte, dass die Frage: „Wird aus Bösem Gutes entstehen können?“ und ähnliches mich beschäftigen würden. Ich hingegen bin einfach nur froh, dass ich dieses Buch ohne Querlesen, Überspringen oder sonstige Tricks „geschafft“ habe. Man merkt – es war einfach nicht mein Buch.

Bewertung vom 03.05.2021
Laudatio auf eine kaukasische Kuh
Jodl, Angelika

Laudatio auf eine kaukasische Kuh


gut

Olga ist eine ehrgeizige junge Frau, die als Ärztin durchstarten möchte. Sie stammt von griechisch-georgischen Einwanderern ab und versteckt das mittlerweile mehr oder weniger. Es gibt zwei Olgas, die eine in Bonn als Ärztin, die andere in München als Tochter von sehr traditionsbewussten Eltern. Sie versucht ihre Welten strikt zu trennen, doch mit dem Auftauchen eines gewissen Mannes beginnen ihre Welten zu verschmelzen – sehr zu Olgas Leidwesen.
Ich bin echt sehr zwiegespalten. Es gab einige Momente in dem Buch, die ich einfach langatmig fand, andere die total übertrieben waren und jene, die einfach nicht meinen Humor trafen. Chaos pur ist nicht gerade selten und manchmal habe ich mich gefragt, was das alles soll. Gerade in der Mitte hatte ich echt mit mir kämpfen müssen, um das Buch nicht einfach zur Seite zu legen. Immer wieder haben mich auch Verhaltensweisen der Protagonisten einfach geärgert, abgestoßen oder sind mir sonst wie bitter aufgestoßen – allen voran Jack, der sich wie ein Stalker aufführt. Aber es gab auch die Dinge, die mich extrem ansprachen. Der Identitätskonflikt von Migranten der zweiten, dritten Generation. Sie sprechen, denken und handeln „deutsch“, werden jedoch als Migranten angesehen und in ihrem Heimatland ist es auch nicht einfach, denn dort wirken sie typisch deutsch – ein Dilemma dieses zwischen zwei Stühlen, dem die Autorin auch einiges an Raum bietet und das zum Nachdenken anregt. Ich denke, dass es auch ein gewisses Verständnis für die Betroffenen wecken kann, wenn man es denn noch nicht hatte. Leider fehlte es aber dann doch am Tiefgang, den ich hier erwartet hätte. Aber immerhin gibt es einen Denkanstoß.
Die Charaktere sind besonders, interessant ist die Reise nach Georgien. Dieses Land ist mir sehr fremd gewesen, auf der Landkarte hätte ich es gerade noch gefunden, aber sonst? Nun habe ich das Gefühl es besser zu kennen, wenn ich auch da mehr Infos erhofft hätte, dennoch hat Georgien wohl auch einen gewissen Charme – nur aus eigener Anschauung werde ich das wohl nie beurteilen können, denn es gibt Aspekte, die eher abschreckend auf mich gewirkt haben. Da bleibe ich dann doch lieber bei meinen Standardzielen in und rund um Deutschland.
Insgesamt fühle ich mich nach dem Buch ein bisschen wie Olga zwischen den Stühlen. Es gab Seiten, die nur so dahinflogen und andere, die sich für mich wie Kaugummi zogen. Vielleicht wäre ich begeistert, hätte mich der Humor immer erreicht?! Immerhin war die Identitätskrise gut dargestellt und ab und an musste ich auch wirklich mal lachen – in Summe bleibt mir da nur die Wahl für drei Sterne.

Bewertung vom 01.05.2021
Zwischen zwei Herzschlägen
Carter, Eva

Zwischen zwei Herzschlägen


sehr gut

Durch einen Moment ist das Leben von Kerry, Tim und Joel plötzlich miteinander verbunden. Für alle drei eine schwierige Situation, die Höhen und Tiefen mit sich bringt. Wie genau die aussehen erzählt die Geschichte. Liebesgeschichten sind nicht mein favorisiertes Genre, aber „Zwischen zwei Herzschlägen“ hat mich direkt angesprochen. Wie ergeht es Menschen nach dem Erleben einer Extremsituation? Wie fühlt es sich an, tot gewesen zu sein und seinen Lebensentwurf komplett ändern zu müssen?
Die Geschichte wird aus den Perspektiven der drei Protagonisten erzählt und das über einen Zeitraum von immerhin 18 Jahren. So bekommt man einen extrem tiefen Einblick in die Leben, die teils sehr turbulent ablaufen. Vor allem Joel, der mit seinem Schicksal hadert stürzt in ein tiefes Loch, aber auch Tim und Kerry haben ihre Schwierigkeiten, die vielleicht weniger auffällig sind, ihre Leben dennoch extrem beeinflussen. Ausgehend vom Herzstillstand Joels und seiner Rettung, werden die drei Protagonisten über 18 Jahre begleitet. Sie kommen mir sehr authentisch vor und selbst Nebencharaktere sind richtig gehend greifbar geworden. Es gibt Liebschaften, Abstürze und Freundschaft, Träume und Versuche, zu sich zu finden und vieles mehr, was auch im „echten“ Leben alltäglich ist. Toll auch, dass der Leser informiert wird, was bei einem Herzkreislaufstillstand zu tun ist. Das ist nachvollziehbar, gibt Sicherheit und öffnet die Augen, denn mit dem Hollywood Bild von der Herzdruckmassage hat die Realität wenig zu tun. Der Schreibstil ist ansprechend und flüssig, sodass ich schnell vorankam und oft einfach extrem gefesselt war und das bei rund 570 Seiten. Das Buch ist stark, sowohl bezüglich seiner Seitenzahl, als auch bezüglich des Inhalts, der bei mir sicher in Teilen noch eine Weile nachwirken wird – insbesondere die Intension der Autorin für dieses Buch hat mich überzeugt. Ganz ohne Kritik geht es dann aber auch nicht. Kerrys Hin und Her zwischen den Männern hat mich irgendwann fast schon genervt, aber nun gut, das soll es ja geben…
Schlimmer sind da im hinteren Abschnitt die vielen Tipp- und Rechtschreibfehler. Während das objektiv eine Art Mangel ist, so hat mich persönlich gestört, dass ein bisschen arg viel Drama enthalten ist. In Teilen war das überzeugend, aber so im Nachhinein war es ein bisschen drüber. Dennoch empfehle ich das Buch gerne weiter – wenn auch in erster Linie Lesern von Liebesgeschichten.

Bewertung vom 25.04.2021
Fritz und Emma
Leciejewski, Barbara

Fritz und Emma


sehr gut

Emma und Fritz sind beide 1927 am 8. Januar geboren und schon mal Kinder hängen die beiden immer zusammen. Sie werden ein fast unzertrennliches Paar – einzig der Krieg schafft es die beiden zu trennen. Fritz ist gegen das Regime, wird jedoch eingezogen und muss in den Krieg. Nach Kriegsende kommt Fritz nicht zurück, doch Emma gibt die Hoffnung nicht auf. Tatsächlich ist es dann 1947 soweit, Fritz kommt wieder nach Hause, doch er ist nicht mehr der Gleiche und ein Schicksalsschlag tut sein Übriges... Marie und ihr Mann, der neue Pfarrer von Oberkirchbach, kommen 2019 in dem verschlafenen Dorf an. Während er direkt einen Draht zu den Menschen bekommt, ist Marie mit der Situation nicht ganz so glücklich. Sie braucht dringend eine Aufgabe und dann stolpert sie über das nunmehr 70jährige Schweigen zwischen Fritz und Emma. Marie geht der Sache auf den Grund….

Diese Geschichte war eigentlich nicht wirklich nach meinem Beuteschema, zumindest nicht auf den ersten Blick. Mir waren Cover und Klappentext ein bisschen zu beliebig und in mitten der zahlreichen Neuerscheinungen die es so gibt, ist mir das Buch einfach nicht genug aufgefallen. Ich hatte jedoch Glück, denn die Geschichte spielt zwar im fiktiven Oberkirchbach, hat jedoch eine reale Vorlage, die nicht weit von meinem Wohnort entfernt ist, wie ich aus der Zeitung erfahren habe. Danach habe ich mir das Buch mal genauer angesehen und fast sofort bestellt. Und das war eine sehr gute Idee.

Die Geschichte spielt auf zwei zeitlichen Ebenen, einmal in der Nachkriegszeit bis zur Gegenwart, einmal in 2019. Das Setting ist das kleine pfälzische Örtchen Oberkirchbach. Eine schöne Kulisse für schwierige Geschichten, wie man sie nicht nur in Dörfern kennt und solche, die die kleinen Dörfer besonders betreffen. Der Dorfkern wird immer leerer, die Bevölkerung immer älter und all das, was eben zum demografischen Wandel gehört, nimmt seinen Lauf. Pfarrersfrau Marie hat genau damit ein Problem, aber auch Ideen. Ihr Charakter ist gut gezeichnet wie auch die der anderen Protagonisten und mancher Nebenfigur. Man hatte das Gefühl die Personen richtig zu kennen, was mir richtig gut gefallen hat. Trotzdem hatte ich mit Marie auch zwischendurch immer wieder zu hadern, da sie so unzufrieden ist und in Teilen war mir das einfach zu viel.

Ein bisschen vorhersehbar war die Geschichte, okay, vielleicht sogar so einiges, aber es hat mich unter dem Strich dennoch gut unterhalten. Ein großes Plus für mich ganz persönlich ist, dass die Geschichte nur wenige Kilometer entfernt von meinem Wohnort spielt und ich daher natürlich einen ganz anderen Bezug zur Geschichte habe. Zudem finde ich die dörflichen Eigenarten und pfälzischen Besonderheiten („alla hopp, kumm geh fort“ und Co) sehr gut getroffen – man merkt, dass die Autorin die Gegend gut kennt. Auch gut, dass sie die Region so darstellt wie sie ist – wunderschön, aber wirtschaftlich nicht gerade der Renner. Auf das Sterben kleiner Orte macht die Autorin auf feine Art aufmerksam und sie hat zudem auch noch Vorschläge zur Wiederbelebung in petto.

Für mich war es das erste Buch der Autorin, aber sicher nicht das Letzte, denn der Schreibstil ist sehr angenehm, lebendig und rund. Zudem habe ich die Hoffnung, dass sie mal wieder einen Ausflug in ihre alte Heimat wagt.

Bewertung vom 22.04.2021
GIRL A
Dean, Abigail

GIRL A


sehr gut

Girl A lebt in einer ganz außergewöhnlichen Familie, um es mal nett zu formulieren. Ihre Eltern, vor allem der Vater vertreten ein Weltbild, dass automatisch Schwierigkeiten mit sich bringt. Der Leser erlebt, wie sich die Abwärtsspirale weiterdreht. Es droht zum Äußersten zu kommen, als Girl A beschließt handeln zu müssen. Ihr gelingt die Flucht – doch damit ist die Familientragödie nicht auserzählt…Jahre später muss Girl A entscheiden was mit dem „Horrorhaus“ geschehen soll.
Das Buch ist definitiv anders als erwartet, aber dennoch unterhaltsam und irgendwie fesselnd. Es ist dermaßen düster und bedrückend, dass man einerseits am liebsten gar nicht mehr daran denken würde, andererseits muss man einfach wissen, was geschehen wird. Richtig spannend wird es aber aus meiner Sicht nie. Es ist jedoch eine gelungene Darstellung einer Familientragödie, die sich nach und nach zuspitzt und eben nicht mit der Befreiung aus dem Horrorhaus endet, sondern auch Jahre später noch nachwirkt. Zu viel möchte ich an der Stelle nicht verraten. Erzählt wird die Geschichte komplett aus der Sicht von Girl A – und das recht nüchtern, was oft im krassen Gegensatz zum Inhalt stand.
Unfassbar, wie es so weit kommen konnte, wie „krank“ Menschen sein können und wie wenig das Umfeld offenbar mitbekommt, wenn man es nur geschickt anstellt.
Kritisieren muss ich in jedem Fall ein bisschen was am Schreibstil, denn die zeitlichen Sprünge zwischen Vergangenheit und Gegenwart sind nicht immer auf Anhieb erkennbar, was mich vor allem auf den ersten Seiten nicht selten irritiert hat und dazu führte, dass ich den Abschnitt noch einmal startete. Überhaupt entstand recht selten ein richtig guter Lesefluss. Genau erklären kann ich es nicht, aber vielleicht lag es neben den zeitlichen Sprüngen auch daran, dass manche Dinge nicht komplett erzählt wurden. Manchmal erschien mir das Leid der Geschwister auch zu distanziert erzählt.
Und trotzdem ließ ich das Buch insgesamt gut lesen und hat mich nie kalt gelassen. Die Charaktere sind extrem gut gezeichnet und es zeigt sich wie die Geschwister mit dem Erlebten umgehen. Eine solche Erfahrung schüttelt man nicht mal eben ab…
Unter dem Strich zwar nicht ganz was ich erwartet hatte, aber dennoch ein sehr lesenswertes Debüt – nur nicht für Zartbesaitete, denn was die Kinder da aushalten müssen….3,5 Sterne