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lustaufbuch

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Insgesamt 233 Bewertungen
Bewertung vom 29.12.2025
Norlin, Annika

Der Haufen


ausgezeichnet

»Wir sind alles Menschen, denen es schwerfällt, es woanders okay zu finden. Hier haben wir uns ein Leben nach unseren eigenen Regeln aufgebaut.«

Emelie ist wegen ihres Jobs komplett fertig und weiß, ihr Leben muss sich komplett ändern. Sie zieht sich zurück, mitten in die Natur, in einen Wald. Dort merkt sie schnell, dass sie nicht alleine ist, sondern stößt bald auf eine Gruppe Menschen, die am Rand des Waldes in einer Kommune zu wohnen scheinen und stets darauf bedacht sind, im Einklang mit der Natur zu leben.
Mehrere Tage beobachtet sie die sieben, bis sie auf Låke, den jüngsten von ihnen trifft.
Was sie nicht weiß – wir Leser*innen dagegen im Laufe des Buchs erzählt bekommen – jede*r von ihnen hat ihre/ seine eigene bewegende Geschichte, weswegen sie so geworden sind und sich für ein Leben abseits jeglichen gesellschaftlichen Lebens entschieden haben.

Der Klappentext verriet nicht allzu viel und ließ Raum für Spekulationen. Umso neugieriger war ich und zudem voller Hoffnung auf eine packende Umsetzung, die mich von Anfang an sogartig mit sich riss.
Die vielen wichtigen Themen – z.B. die Ausbeutung von Tieren, die Zerstörung unserer Natur oder sexualisierte Gewalt – wurden weder gezwungen noch beiläufig erwähnt, sondern von der schwedischen Autorin Annika Norlin hinsichtlich der Handlung stimmig, mal feinfühlig und mal drastisch, verwoben.

Ich liebe dicke Bücher, wenn sie toll geschrieben sind und man regelrecht in der Geschichte versinken kann, weil sie einen mit jeder Seite packt. Genauso ging es mir mit diesem Buch.
Ich habe mich darin oft wiedererkannt, habe mitgelitten, mich gefreut und nach dem Buch fühlt es so an, als wäre ich selbst Teil des „Haufens“ gewesen, der sich eskapistisch gegen jegliche Zivilisation ausgerichtet hat.

Bewertung vom 29.12.2025
Arenz, Ewald;Arenz, Sigrun;Arenz, Helwig

Unser verrücktes Weihnachtsfest


sehr gut

»Es wäre schön, wenn man ab und zu einfach nur sein könnte, einfach nur existieren! Aber das kann man sich als moderner Mensch nicht leisten.«

Zwischen dem ganzen Alltagsstress laufen die Vorbereitungen des Weihnachtsfests nebenher und verursachen dadurch noch mehr Stress. Eins bleibt dabei immer gewiss – es kann jedes Mal mächtig viel schiefgehen. So auch bei den Arenz’ Geschwistern.
Das Besorgen der Weihnachtsgeschenke wird erst am 24. Dezember angegangen und endet oftmals in totalem Chaos. Ganz egal, ob es sich dabei um die beiden Lehrer*innen Heinrich und Katharina oder den oftmals nach Arbeit suchenden Schauspieler Jörg handelt.
Neben irrwitzigen Geschichten, rund um Weihnachtseinkäufe, den üblichen Schwierigkeiten mit der Familie und Neckereien oder Missverständnissen unter den Geschwistern, schimmert immer wieder das Wunder der Weihnachtszeit zwischen den einzelnen Erzählungen hindurch.
Manche der Texte sind einem beim Lesen leicht peinlich und neigen zum Fremdschämen, andere liest man vor sich hin schmunzelnd und in den restlichen erkennt man sich selbst oder Angehörige der Familie wieder. Aber eins haben sie alle gemeinsam – sie sind kurzweilig und pointiert.

Wie schon beim letzten gemeinsamen Erzählband der Arenz‘ Geschwister, las ich auch diesmal die Texte sehr gerne und empfehle sie allen, die entweder noch eine humorvolle weihnachtliche Einstimmung brauchen oder sich damit selbst oder anderen die Festtage versüßen wollen.

Und nun wünsche ich euch weiterhin eine schöne (Vor-)Weihnachtszeit, ganz egal, ob ihr gläubig seid oder nicht, schließlich heißt es in der letzten Erzählung treffend:
»Die Hälfte der Deutschen hier sind doch auch keine richtigen Christen, und trotzdem feiern sie alle Weihnachten.«

Bewertung vom 03.11.2025
Boyle, T. C.

No Way Home (deutschsprachige Ausgabe)


ausgezeichnet

»Wenn ein Mensch einem unter den Händen starb, fühlte es sich an, als hätte man bei einer entscheidenden Prüfung versagt«

Als Terry mitten auf der Arbeit einen Anruf unbekannter Nummer bekommt, ahnt er Böses, denn ihm wird angezeigt, dass der Anruf aus dem Bundesstaat seiner Mutter kommt. Seine Befürchtungen erweisen sich als bestätigt und er fährt sofort zu ihr, immerhin hat sie ihm ihr Haus vermacht. In einem Café auf dem Weg dorthin trifft er das erste Mal auf Bethany und abends in einer Bar zum zweiten Mal. Es kommt, wie es kommen muss – sie verbringen die Nacht zusammen. Bevor Terry zurückfahren muss, fragt sie ihn, ob sie auf sein Haus und den Hund seiner Mutter aufpassen kann, da sie nach der Trennung von ihrem Ex-Freund noch keine richtige neue Bleibe hat. Er verneint. Und doch widersetzt sie sich seiner Entscheidung, was er durch einen erneuten Anruf der Nachbarin erfährt.
Wäre da nicht noch ihr Ex Jesse, der von der sich anbahnenden neuen Beziehung Wind bekommt…

Auch wenn sich die Handlung zu Beginn, trotz des direkten Einstiegs ins Geschehen, eher langsam anzubahnen scheint, nimmt dieser schnell Fahrt auf und führt uns Leser*innen tief in dieses komplizierte Beziehungsgeflecht der Protagonist*innen Terry, Bethany und Jesse. Die zwischen ihnen wechselnden Perspektiven sorgen erschreckenderweise sogar dafür, dass Jesse, der seine Ex-Freundin nicht nur manipuliert, stalkt und belästigt, teilweise sympathisch daherkommt, bevor man als Leser*in wieder zum Hass auf ihn tendiert.

Nachdem mich Boyles letzter Band mit Stories nicht so begeistern konnte, bewies dieser Roman schon nach wenigen Sätzen wieder einmal, was für ein ausgezeichneter und ins Detail verliebter Autor er ist! Die dabei behandelten Themen sind keine leichten, doch ist er durchaus spannend geschrieben, dass man gar nicht anders kann, als einfach immer weiter zu lesen.
Wer ihn liest, durchlebt eine Achterbahnfahrt der Gefühle, die einen mehr mitreißt als ich es erwartet hätte und dazu geführt hat, dass er mein bisheriger Favorit von T.C. Boyle ist!

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 03.11.2025
Minoui, Delphine

Badjens. Roman


ausgezeichnet

»Manchmal kriege ich Angst vor mir selbst: Wenn ich ständig Masken trage, wird sich dann die echte »Ich« nicht irgendwann in Luft auflösen?«

Schon als bekannt wurde, dass es ein Mädchen wird, wollte ihr Großvater sie abgetrieben wissen. Diese schon vor ihrer Geburt begonnene Abneigung zieht sich durch Zahras – von ihrer Mutter Badjens genannt – ganzes Leben. Alles was zählt sind Regeln und Gesetze des Staates und der Religion und selbstverständlich ihr jüngerer, lang ersehnter Bruder Mehdi. Ihr eigenes Leben besteht aus Anpassung und aus einer gezwungenen Unterwerfung aufgrund dieses patriarchalen Systems der Unterdrückung von Frauen. Doch sie weiß, dass das nicht alles sein kann und spätestens nachdem sie ihr Kopftuch tragen muss und von ihrem einst so liebevollen Cousin missbraucht wird, kehrt sie ihre innere Rebellion nach außen. Sie teilt Eindrücke auf Social Media, schließt dort Bekanntschaften und redet mit anderen jungen Frauen, denen es ähnlich geht. Ihre größte Stütze ist ihre Mutter, die ihr die benötigte Zuneigung schenkt, wertschätzt und sie unterstützt.

Schon vor dem Lesen dieses Romans war ich sehr gespannt und hatte hohe Erwartungen, die sogar übertroffen wurden. Delphine Minoui erzählt keine fiktive Geschichte, sondern eine, in denen sich das Schicksal unzähliger iranischer Frauen widerspiegelt und gibt ihnen eine Stimme, die sonst so oft stumm bleibt.
Frauen, die unerwünscht sind und ausschließlich für die Männer da sind und sich herabwürdigenden Gesetzen, die ebenfalls ausschließlich von Männern verabschiedet wurden, unterwerfen müssen.
Und doch zeigt sich Widerstand gegen eben dieses scheinbar unerschütterliche System, was spätestens die Bewegung „Frauen, Leben, Freiheit“, nach dem Mord an Jina Mahsa Amini, gezeigt und internationale Wellen geschlagen hat. Eben davon handelt auch dieser Roman auf eindrückliche Weise.

Aufgrund seiner bedeutsamen Aktualität sowie der tollen Sprache ist „Badjens“ einer der besten Romane, die ich dieses Jahr gelesen habe und ein Buch, das man gelesen haben MUSS!

Bewertung vom 03.11.2025
Pellmann, Lukas

Zwei Tage im Sommer


ausgezeichnet

»Menschen lernen aus der Geschichte, die Menschheit tut das nicht.«

Nachdem amtliche Warnungen an ihm abgeprallt sind, konnte Simone ihren Mann Thorsten doch endlich noch überreden, zusammen mit ihrer siebenjährigen Tochter Nicola ihren Urlaub am Neusiedler See abzubrechen. Schließlich spitzt sich die Lage zwischen Ungarn und Österreich dramatisch zu und eine Eskalation scheint bevorzustehen. Doch als sie nach Deutschland zurückfahren wollen, werden sie von dem nun aufgebauten Grenzposten abgewiesen – es ist zu spät.
Der junge ungarische Soldat Balázs Varga, Bruder des gefeierten Nationalhelden László, will nicht in dessen Fußstapfen treten und muss dennoch an die Front, wo er auf die deutsche Familie stößt und sie zu retten versucht.
Zuletzt begegnen wir Svenja, die unverhofft eben jene Nicola – das junge Mädchen –, 25 Jahre später interviewen soll und das doch eine ganz andere Wendung nimmt.

Wenn man am Anfang hinsichtlich der drei Perspektiven noch etwas verwirrt ist, legt sich das mit dem Verlauf des Buches und es wird klar, dass es zwar unterschiedliche Sichtweisen sind, aber schlussendlich eine zusammenhängende, wirklich großartig konstruierte dystopische Geschichte, die – leider – beklemmend nah an der Realität angesetzt, deswegen aber umso wichtiger zum Lesen ist.
Schon von Beginn an wird man bei der Lektüre von einer bedrückenden Atmosphäre überschattet, die vom Autor bildlich hervorgerufen wird und seine Wirkung erzielt. Trotz allem blickt in diesen dunklen Zeiten immer wieder die ach so ersehnte Menschlichkeit hervor und es wird deutlich, dass es ein großes Anliegen des Autors war, diesen Roman zu schreiben.
Während des Lesens bin ich sehr oft über Zitate gestolpert, die ich mir merken musste, weil sie unsere heutige Gesellschaft und das Miteinander treffend beschreiben.
Zudem war ich wirklich überrascht, was für ein guter Autor Lukas Pellmann ist und wie er es schafft schwierige Themen einerseits feinfühlig, andererseits aber auch mit einem gewissen Weckruf zu bearbeiten und diese den Leser*innen detailgetreu nahezubringen.

Bewertung vom 27.10.2025
Zola, Émile

Die Früchte des Meeres


ausgezeichnet

»Ganz besonders entzückte es sie, sich jederzeit inmitten der Felsen umdrehen und das Meer in seiner stillen Größe betrachten zu können, das sich überall dort auffächerte, wo seine blaue Linie zwischen den Felsblöcken auftauchte.«

Die erste der beiden Novelle „Die Muscheln des Monsieur Chabre“ erzählt von eben jenem älteren Mann namens Monsieur Chabre, einem ehemaligen Getreidehändler, der sehr unter der Kinderlosigkeit mit seiner jungen Frau Estelle leidet. Als ihm von einem Arzt empfohlen wird, viele Muscheln zu essen und ans Meer zu fahren, machen sie sich auf den Weg. Dort begegnen sie dem jungen Hector, von dem beide – jedoch auf unterschiedliche Weise – sehr angetan sind. Estelle und Hector verbringen viel Zeit miteinander und Monsieur Chabre ist dankbar dafür, wenn auch etwas eifersüchtig. Doch neun Monate später scheint die Muschel-Kur geglückt zu sein, zumindest für den Monsieur.

„Das Fest in Coqueville“, die zweite Novelle, spielt sich an dem nicht mal zweihundert Einwohner*innen umfassenden titelgebenden Ort Coqueville ab, der sich – ähnlich wie bei Shakespeares „Romeo und Julia“ – in zwei verfeindeten Familien und deren Anhänger gespalten hat. Nebenbei finden sich trotz der Kürze des Texts Liebesdramen sowie eine erfüllende Liebesgeschichte und atmosphärische Beschreibungen des Meeres. Als plötzlich ein englischer Frachter direkt vor der Küste untergeht und die Bewohner*innen in den Genuss unzähliger Fässer verschiedenen Alkohols gelangen, löst sich dieser uralte Zwist langsam auf.

Die beiden Novellen waren meine ersten Texte von Émile Zola und beide, ergänzt durch das Nachwort von Kristina Maidt-Zinke, haben mir sehr gefallen, wobei mich die erste persönlich etwas mehr begeistern konnte. Eine gewisse Leichtigkeit, voller Humor, aber auch Raffinesse und der richtigen Sinn für Details, machen diese Erzählungen zu einer besonderen Lektüre und sorgen – neben der grandiosen Übersetzung von Anne-Kathrin Häfner sowie der schönen Gestaltung des Buchs – dafür, dass sie zeitlos bleiben und auch in unserer heutigen Zeit zu unterhalten wissen.

Bewertung vom 27.10.2025
Benidze, Salome

Maro


ausgezeichnet

»Eine am Abend neben ihr explodierte Handgranate hat ihr keine Möglichkeit mehr gegeben, sich vor ihrer Heimat und ihren Eltern zu verabschieden.«

Maro Makaschwili kennt in Georgien jeder, aber ich hatte noch nie von ihr gehört, weswegen ich mich sehr auf dieses Buch gefreut habe, um etwas über sie und ihren Kampf für ein unabhängiges, demokratisches Georgien zu erfahren.
Eingebettet in eine Rahmenhandlung, die 2022 spielt und in der sich die Protagonistin Nina, zusammen mit zwei Freundinnen, während einer Geburtstagsfeier mit dem Tagebuch der jungen Maro beschäftigt, bekommen wir einen Einblick in deren Leben. Ein Leben, das in seinen von ihr festgehaltenen Facetten z.B. über Alltäglichkeiten und Schwärmereien der Liebe, so menschlich wirkt, dass es scheinbar nicht zu einer Nationalheldin gehören könnte. Aber der Schein trügt, denn Maros Leben ist dem Ziel der georgischen Unabhängigkeit gegenüber dem Aggressor der Roten Armee ausgerichtet, sodass sie sogar ihr junges Leben gab, um in den Krieg zu ziehen. Mit nur 19 Jahren starb sie an der Explosion einer Handgranate, doch das Andenken an sie bleibt für immer in Erinnerung.

Dabei ist das Buch kein Roman, sondern ursprünglich ein Libretto, welches nun in deutscher Übersetzung von Iunona Guruli erschienen ist. Ergänzt wird der Text durch passende Illustrationen von Tatia Nadareischwili.
Insgesamt liest man das knapp sechzig Seiten umfassende Buch in einer guten halben Stunde und begibt sich währenddessen auf eine Zeitreise einerseits ins Georgien der Jetztzeit sowie andererseits ins historische Georgien, auf dessen Weg hin zu seiner Unabhängigkeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Auch für das heutige Land ist diese Geschichte noch immer von großer Bedeutung und leider auch aktueller relevant, ebenfalls für die von Russland unterjochte Ukraine.
Die Autorin Salome Benidze bringt dies alles im Nachwort präzise auf den Punkt: „Sie vereint in sich alles, woran wir glauben, wofür wir leben und sterben.“

Bewertung vom 27.10.2025
Kafka, Franz

Erzählungen


ausgezeichnet

»Der Grundsatz, nach dem ich entscheide, ist: Die Schuld ist immer zweifellos.«

Wenn man Kafka liest, begibt man sich immer in eine andere Welt. Eine Welt, in der nichts sicher scheint und niemanden zu trauen ist, denn auch auf die eigene Wahrnehmung sei kein Verlass!
So auch in diesem ersten Band, der von Kafka-Biograf und Experte Reiner Stach kommentierten Ausgabe, der Erzählungen.
Die Erzählungen, beginnend mit seiner ersten Buchpublikation „Betrachtung“, sind geprägt von kranken, vom Schicksal geplagten, einsamen, aber auch wissbegierigen Figuren an teils abgelegenen Orten. Einige davon werden von der patriarchalen Macht von Kafkas Vater überschattet, die er literarisch verarbeitete und dadurch Einblicke in seine Familie gab.

Auch wenn ich erst vor etwa drei Jahren alle Erzählungen Kafkas gelesen habe, kam es mir bei fast allen – mit Ausnahme „Der Verwandlung“ und „In der Strafkolonie“ – so vor, als läse ich sie zum ersten Mal. Bei den kurzen Texten ist das nicht wirklich verwunderlich, da deren Inhalt oftmals nicht so bedeutungsvoll ist und die mich persönlich auch nicht so begeistern können. Bei den längeren hat es mich jedoch mehr verwundert.

Mein Highlight dieses Bands bleibt ganz klar „Die Verwandlung“, welche einfach zu dem Besten gehört, was Kafka geschrieben hat und ein unbedingtes Must-Read für alle ist, die sie bisher noch nicht gelesen haben. Aber auch die Erzählungen „Das Urteil“, „Erinnerungen an die Kaldabahn“ und besonders „Blumfeld, ein älterer Junggeselle“ haben mir gut gefallen und konnten mich überzeugen.

Ohne Zweifel muss man Kafkas Texte mehrmals gelesen haben, um sie ansatzweise zu verstehen.
Deshalb empfand ich, wie schon beim ersten Band dieser kommentierten Ausgabe zu dem Roman „Der Process“, die Kommentare von Reiner Stach hilfreich, um den thematischen und biografischen Kontext der Erzählungen zu erfassen.

Bewertung vom 22.10.2025
Illies, Florian

Wenn die Sonne untergeht


ausgezeichnet

»Wir sind eine erlauchte Versammlung - aber einen Knacks hat jeder«, diagnostiziert Thomas Mann im Tagebuch ganz nüchtern.

Es ist der 11. Februar des Jahres 1933, mit dem dieses Buch beginnt. Der 28. Hochzeitstag von Katia und Thomas Mann und zugleich der letzte Tag, den sie im vertrauten München auf deutschem Boden verbringen, bevor sie auf eine Vortragsreise zum 50. Todestag – des vom Nobelpreisträgers so geschätzten – Komponisten Richard Wagners quer durch Europa aufbrechen und sich ausgehend davon direkt – ohne es geplant, erwartet oder hat gehofft zu haben – ins Exil begeben. Aber auch an Frankreichs exilantenträchtiger Küste in Sanary gestrandet und den Jetzt-Zustand akzeptierend, möchten die Manns nicht auf ihren gewohnten Anspruch verzichten, von dem andere jedoch nur träumen konnten.
In diesen Wochen wird versucht, nicht die Nerven zu verlieren und zugleich immer wieder so gelebt, als wäre ihr Zustand eine freiwillige, zum Spaße ausgelegte Sache.

Aber in diesem Buch sollen nicht nur die Geschehnisse Thomas Manns oder des Ehepaars erzählt werden, sondern auch die Geschichten der sechs Kinder sowie der Großeltern von Katia – ein Familienpanorama mit vielen Tragödien.
Schließlich eint sie alle das gleiche Schicksal, wenn auch auf unterschiedliche Art und Weise. Aus unzähligen Briefen, Tagebucheinträgen und Werken der erwähnten Personen, schöpft Illies seine Informationen für dieses Buch und setzt sie gekonnt in einen Zusammenhang, der einen sonst, in dieser fast bildlichen Weise, nicht zugänglich wäre.

Wie von Florian Illies schon von seinen bisherigen Büchern gewohnt, ist auch dieses, über ein eigentlich schweres und bedrückendes Thema – den Beginn des Exils der Familie Mann –, nicht nur wahnsinnig toll erzählt, sondern auch mit viel pointiertem Humor und Ironie versehen.
Ich bin mir sicher, das hätte Thomas Mann gefallen – was sicher das größte Kompliment für dieses Buch sein kann –, auch wenn er manchmal nicht eben in gutem Licht oder beschönigt da steht, sondern einfach realistisch wie er war.

Bewertung vom 04.10.2025
Arenz, Ewald

Katzentage


ausgezeichnet

»Wir sind beide befangen, dachte er, und vielleicht sprechen wir über andere Dinge, weil wir über die eigentlichen nicht so richtig reden können.«

Nach einer Fortbildung, die so ganz anders endete, als Paula und Peter es erwartet hätten, befinden sie sich nun auf ihrem Heimweg. Doch der Zugstreik macht ihnen einen Strich durch ihre Rechnung und sie – es bleibt ihnen auch gar nichts anderes übrig – stranden im herbstlichen Würzburg. Die Ärztin und der Jurist versuchen das Beste aus der Situation zu machen und verbringen die folgenden Tage, bis die Weiterfahrt wieder möglich ist, mit dem gemeinsamen Erkunden der Stadt. Schließlich verstehen sie sich gut, sehr gut sogar. Und zudem müssen sie sich noch über ihre aktuelle Gefühlslage klar werden, um sich die gestrige gemeinsame Nacht erklären zu können. Peter möchte gerne wissen, woran er bei ihr ist, doch sie den Moment dadurch nicht zerstören lassen. Dementsprechend kommen die ihnen nun geschenkten Tage gelegen.

Ewald Arenz erzählt von diesen Tagen, indem er die Figuren selbst durch wechselnde Perspektiven zu Wort kommen lässt. So bekommen die Leser*innen detaillierte Einblicke in die Gefühlswelt und das obwohl die Erzählungen manchmal kleine Sprünge beinhaltet.
Dabei schafft er es, diese Liebesgeschichte eindrücklich und doch mit einer Leichtigkeit zu erzählen und zugleich beim Lesen eine herbstliche Stimmung zu erzeugen, als wäre man es selbst gewesen, der sich verliebt durch das herbstliche Würzburg treiben lässt.
Zwischen verliebten, frechen Neckereien und immer wieder ernsteren, tiefergehenden Themen jonglieren diese in der fränkischen Stadt erlebten Katzentage. Einfach nur zu leben – im Hier und Jetzt. Zeit, darüber nachzudenken, was morgen sein wird, bleibt auch später noch.
Auch wenn man die Erzählung schnell gelesen hat, ist sie auf so eindrückliche und bildhafte Weise erzählt, dass sie lange in Erinnerung und im Herzen bleiben wird.

Wenn es ein Must-Read für den Herbst gibt, dann ist es diese, mit gelungenen Illustrationen von Florian Bayer, verschönerte Erzählung.