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zu den Top-Rezensenten

Benutzername: Hennie
Wohnort: Chemnitz
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Danksagungen: 9 (erhaltene)


Bewertungen

Insgesamt 179 Bewertungen
Bewertung vom 15.06.2021
Donau so rot
Baum, Thomas

Donau so rot


ausgezeichnet

DONAUWELLE(N) GEFÄHRLICH ODER SCHÖN
Ohne Umschweife ist man auch bei „Donau so rot“, wie schon bei „Kalter Kristall", wieder mittendrin. Kommissar Worschädl wollte eigentlich mit seiner Ehefrau Karoline eine beschauliche Donau-Kreuzfahrt anläßlich ihrer Silberhochzeit machen. Die gute Absicht war vorhanden. Doch wo er ist, passieren Todesfälle und er muss unbedingt aktiv und mit vollstem Einsatz ermitteln.
Die verschiedenen Ansatzpunkte, Schauplätze und Personen machen neugierig, wie alles zusammenhängt. Was hat der vergiftete Fußballpräsident und Brotfabrikant Breitwieser auf dem Kreuzfahrtschiff mit der jungen Amina zu tun, die in ihrem Haus überfallen wird?

In Abschnitten, die alle betitelt sind mit Begriffen aus dem Fussball und in 40 Kapiteln mit angenehmer Länge erlebte ich eine Ermittlungsgeschichte voller Dynamik.
Thomas Baum vermochte mich mit seinem humorigen, flotten Schreibstil hervorragend zu unterhalten und mitzunehmen. Auch hier gelangen ihm bis zu den Nebenfiguren individuelle Charaktere, die ich mir lebhaft vorstellen konnte. Da ist erneut Worschädl in seiner widerspenstigen, eigensinnigen, aber trotzdem warmherzigen Art sowie seine Mitarbeiterin Schinagl, die ihre Verantwortlichkeit in der Rolle zwischen zweifacher Mutter und Ermittlerin abwägen musste. In diesem Fall funktioniert die Zusammenarbeit mit Sabine Schinagl auch über Distanz.
Mit witzigen Einfällen und in einem österreichisch gefärbten Deutsch (z. B. "Kitschpepperl" S. 31) wird die Handlung mit überraschenden Wendungen vorangetrieben. Schließlich gelingt die Aufklärung des Verbrechens noch an Bord und der Täter kann gestellt werden, bevor das Schiff seinen Zielort erreichte.
Der Krimi endet versöhnlich mit schönen "Bildern". Das Silberpaar stößt mit Champagner an und im Hintergrund entspannt sich ein Regenbogen. Das war vielleicht ein wenig too much, zu kitschig?

Geradezu fabelhaft fand ich die Gedanken eines Fussballs, die einige Male in kursiver Schrift eingefügt sind! Mit den Betrachtungen, Erkenntnissen der Lederkugel beginnt und endet die Geschichte.

Fazit:
Es ist ein spannender, aktionsreicher Krimi um Spielmanipulationen und Wettbetrug, um verbrecherische Machenschaften in den untersten Spielklassen des österreichischen Fussballs.
Ich fühlte mich wunderbar unterhalten. Ein herrlicher Krimi voller Wortwitz, Pointen und besonderen Charakteren.
Ich freue mich schon auf den nächsten Fall und eine Wiederbegegnung mit Worschädl und seiner Karoline, Schinagl mit ihrer aufsässigen Tochter und dem kleinen Sohn...

Bewertung vom 17.05.2021
Sturmvögel
Golz, Manuela

Sturmvögel


ausgezeichnet

Frauenschicksal im 20. Jahrhundert
„Sturmvögel“ ist ein ganz wunderbares, unterhaltsam geschriebenes Buch. Es handelt von Emmy, die 1907 auf einer kleinen Nordseeinsel als älteste Tochter des Walfängers Andries Peterson geboren wird. Hier führt sie mit ihrer Familie ein recht karges, aber zufriedenes Leben. Die Eltern lieben sie.

„Vergiss nie, dass du von uns sehnsüchtig erwartet und immer geliebt worden bist. Diese Liebe, das tiefe Gefühl, erwünscht gewesen zu sein, trug sie durch schwere Zeiten.“ (S. 242)

Früh in ihrem Leben verliert sie erst die Mutter und danach den Vater. Mit 14 Jahren erfolgt die schmerzhafte Trennung von den Schwestern und von der Insel. Emmy wird nach Berlin als Dienstmädchen verpflichtet und muss sich allein durchs Leben schlagen.

Auf 336 Seiten und in 27 überschaubaren, kurzen Kapiteln wird die Lebensgeschichte von Emmy erzählt. Mit ihrer munteren, erfrischenden Art erobert sie recht bald als unerfahrene Inselbewohnerin das turbulente Berlin und Hauke Seidlitz, den Sohn aus reichem Hause. Sie saugt das Neue, das Ungewohnte in sich auf und nutzt ihre Möglichkeiten trotz geringer Schulbildung. Doch sie hat was ganz Wesentliches; sie hat Herzensbildung und einen unschlagbaren Humor. Schließlich heiraten die jungen Leute trotz der Standesschranken, weil sich neues Leben ankündigt. Als die dünkelhafte, äußerst hysterische Schwiegermutter Emmys Erstgeborene brutal schlägt, verläßt die junge Frau Knall auf Fall das Haus und kommt bei ihrer Freundin Marianne unter. Emmy ist ihr ganzes Leben auf der Suche nach einem sicheren Hafen für sich und ihre Lieben. Hier stellt sich der Bezug zum Titel her. Eigentlich sind damit die Walfänger, die Seeleute gemeint, die nach stürmischer See wieder heimkommen. Doch auch Emmy ist ein Sturmvogel! Sie sorgt für drei Kinder, zieht sie groß und betreut noch im hohen Alter eine Pflegetochter. Wie ihr das alles mit ihrer herzerfrischenden, schlagfertigen Art gelingt, machte mir eine riesige Lesefreude. Zumal sie mich in ihrer Warmherzigkeit und ihrem tollen Pragmatismus immer wieder an meine ebenfalls 1907 geborene Großmutter erinnerte. Emmy ist eine ganz starke, praktisch veranlagte Frau. Es ist einfach bewundernswert wie sie durch die schweren Zeiten zwischen den beiden Weltkriegen und danach kommt. Das hätte auch sehr gut bei der Vorgeschichte als riesiges Drama enden können. Die Frau ist fast nie um eine Antwort verlegen, geht nicht gibt es nicht bei Emmy. Sie findet im Leben immer eine gute, für alle zufriedenstellende Lösung.

Manuela Golz hat die Geschichte sehr gewitzt angelegt. Sie beginnt mit dem letzten Sommer Emmys im Jahr 1994. Danach wechseln sich Vergangenheit und Gegenwart ab und so erlebt der Leser ganz authentisch den Entwicklungsweg mit. Die Autorin geht sogar zurück ins Jahr 1870, um zu verdeutlichen, wie lange ein schreckliches Ereignis in einer Familie nachwirken und Einfluß nehmen kann auf das Dasein der Nachgeborenen.
Wir erleben am Ende des Buches eine taffe 87 jährige, die mit sich im reinen ist und auch ihr Erbe, ihr Vermächtnis, an die Nachwelt noch sehr verantwortungsbewußt und klug weitergibt.

Ich empfehle dieses beeindruckende Frauenschicksal des 20. Jahrhunderts zu lesen. Von mir 5 Sterne!

Bewertung vom 16.05.2021
Letzte Ehre
Ani, Friedrich

Letzte Ehre


ausgezeichnet

Ich bin's, dein Mörder!
Das Cover zeigt zwei Männer vor einem Kiosk mit den Rücken zum Betrachter. Diese Örtlichkeit, ebenso wie andere Lokalitäten, werden einem in dem Roman des Öfteren begegnen.
Die Handlung empfand ich als düster und beklemmend. Die Männer kommen darin nicht gut weg. Unfassbare Gewalt gegen Frauen, einschließlich sexueller Übergriffe schon in der Kindheit, ist das vorherrschende Element.

Fariza Nasri (Mutter deutsch, Vater arabisch), die Oberkommissarin, fungiert als Ich-Erzählerin. Sie hat sich auf Verhöre spezialisiert und bringt die Menschen geschickt zum Reden.
In einer ruhigen, beinahe beiläufigen Erzählweise kommen Ungeheuerlichkeiten zu Tage.
Der Roman ist in drei Teile gegliedert. Im ersten Teil merkte ich von Beginn an, dass da was nicht stimmen kann. Fariza vernimmt im Fall der verschwundenen siebzehnjährigen Finja Madsen den Freund der Mutter, Stephan Barig. Der unsympathische Unternehmer antwortet auf jede Frage. Doch die Polizistin merkt, dass er lügt.

S. 20 „Manchmal denke ich, das einzig Wahre in meinem Leben sind Lügen. Meine Lügen und die der Anderen, denen ich gezwungen bin zuzuhören.“

Es ist wie ein Sog. Das Erzählte kommt harmlos daher und steigert sich ständig bis zum Exzess. Wie ein roter Faden verbindet die Handlung die drei Fälle miteinander. Unbegreifliche menschliche Abgründe tun sich dabei auf und lassen mich ein ums andere Mal fassungslos zurück. Da ist von „Verhämmerung" die Rede. Diesen Begriff hatte ich noch nie gehört und doch verdeutlicht er wie kein anderes Wort, was einem Opfer angetan wurde.

Das Geschehen in diesem fesselnden Roman zog mich unwillkürlich in seinen Bann und ließ mich auch zwischen den Zeilen an dem Unfassbaren teilhaben. Mit einfühlsamen, psychologischem Geschick verfasste Friedrich Ani eine Geschichte mit erschütterndem Tiefgang. Die Lektüre beschäftigt mich weiterhin.

Bewertung vom 04.05.2021
Die Reise / Das Internat der bösen Tiere Bd.3
Mayer, Gina

Die Reise / Das Internat der bösen Tiere Bd.3


ausgezeichnet

Noël auf der Suche
Erneut steht Noël, ein Auserwählter, im Mittelpunkt der Geschichte in der Reihe "Internat der bösen Tiere". Im Band 3 „Die Reise“ stellt er sich wieder gefährlichen Situationen. Dieses Mal will er das Geheimnis um seine Mutter Sonya lüften. Sie ist die Begründerin der geheimen Inseln, aber leider nicht auffindbar. Er will die ehemalige Direktorin Mrs Moa wegen seiner Mutter befragen. Doch auch diese ist spurlos verschwunden. Noël begibt sich in ein riskantes Abenteuer.

Die fantastische Geschichte um den Jungen Noël geht spannend und abwechslungsreich weiter. In kindgerechter Sprache und in kurzen Kapiteln werden die Erlebnisse von Noël und seinen sowohl tierischen als auch menschlichen Begleitern ereignisreich dargestellt.
Mir gefiel es weiterhin, wie die Tiere dargestellt werden. Abscheu und Ekel gegen eine Spezies scheint es nicht zu geben. Da gibt es Ratten, Taranteln, Kakerlaken, Spinnen, Schlangen u. v. m., aber der Umgang mit ihnen erfolgt ganz natürlich, total gegensätzlich der sonstigen Empfindungen. Die Darstellung der Kommunikation untereinander ist faszinierend. Jedes der Tiere und der wenigen Menschen auf den sechs Inseln verfügen über besondere Fähig- und Fertigkeiten.

S.64 "Wir lernen zuerst unsere eigenen Stärken kennen und dann teilen wir sie miteinander, das ist das Prinzip der Schule."

Das Leben beruht auf einem wunderbaren, harmonischen Zusammenhalt untereinander. Hilfsbereitschaft ist oberstes Gebot. Fehlverhalten wird geahndet, schlimmstenfalls müssen die Inseln verlassen werden.

Das Positive überwiegt in dieser Reihe und auch deshalb empfehle ich sie als besonders wertvoll und beispielgebend. Ich habe die beiden vorherigen Bände gelesen, was zum umfassenden Verständnis auch notwendig ist. Meine 9 jährige Enkelin wartet schon ungeduldig auf diese Fortsetzung. Ihr gefällt die Reihe sehr.
Das wunderschöne Cover zeigt die gelb/weiße Riesenschlange Mrs Moa, die ehemalige Schuldirektorin.
Im Anschluß gibt es noch einen kleinen, spannenden Einblick in den Band 4 mit dem Titel "Der Verrat" (Erscheinungsdatum: 1.11.2021).

Von mir gibt es die Höchstbewertung für dieses tolle Buch!

Bewertung vom 03.05.2021
Dein ist das Reich
Döbler, Katharina

Dein ist das Reich


ausgezeichnet

DIE NEUENDETTELSAUER MISSION
Was es bedeutet über ein unrühmliches Kapitel deutscher Geschichte wie „Kolonialismus und Mission“ zu schreiben, macht dieser Roman deutlich. Das allein ist eine sehr komplexe, umfassende Geschichte voller Widersprüche und von Unvereinbarkeiten. Im Roman treffen die Schicksale von vier Menschen aufeinander, die aus dem fränkischen, biederen und gottgefälligen Umfeld von Neuendettelsau in die exotische Welt von Neuguinea aufbrechen.
Für mich bedeutete es anfangs eine schwierige Annäherung an das Thema, da ich mir in meinem bisherigen Leben um deutsche Kolonien keinerlei Gedanken gemacht hatte. Ich machte mich schlau und tauchte so nach und nach besser in dieses Universum ein.

Die Ich-Erzählerin beginnt mit der Großmutter Linette, genannt Nette. Als Kind hörte sie von ihr oft Dinge, die sie als Märchen abtat, auch weil ihre Sprachwelt so explizit anders war. Doch was die alte Frau berichtete, beruhte auf Tatsachen. Es sollte noch lange dauern bis die Enkelin die Familiengeheimnisse zu erforschen begann und wissen wollte, was die Oma mit der Weltgeschichte, mit den Papua, mit dem Urwald verband.

Eine Erkenntnis von Linette:
S. 7 „Die Weltgeschichte wird nicht von den Frauen gemacht, aber sie müssen darin leben.“

Auf der Suche nach der Wahrheit recherchiert die Erzählerin die dicht verflochtene Familiengeschichte und füllt die Lücken mit viel Einfallsreichtum und mit ausdrucksstarker, lebendiger Sprache. Vor über 100 Jahren beginnt die abenteuerliche Reise in einen fernen Kosmos. In vier Teilen ( Teil I Aufbruch, Teil II Ankunft, Teil III Träume, Teil IV Abschiede) und von 1913 bis 1946 begleitet der/die Lesende Heiner Mohr, Johann Hensolt, Marie Reinhardt und Lisette Marchand durch ihr ereignis- und entbehrungsreiches Leben im Namen Gottes. Sie leben, arbeiten und missionieren im Kaiser-Wilhelmsland - Johann, der Missionar mit Nette und Heiner, der Plantagenbesitzer (Anbau von Kopra) mit Marie.

Über Heiner:
S. 95 „Wie die meisten Missionare hatte er kaum einen Begriff von den Sitten, gegen die sie dauernd verstießen. Sie hielten sich an die göttlichen Gebote, da konnte nichts falsch sein.“

Der Schreibstil ist nicht ganz einfach, da es viele Zeitsprünge und keine Zeichen für die wörtliche Rede gibt. Ich fand es trotzdem ausdrucksstark erzählt, voller schöner Bilder („Explosion in Grün" S. 101) und nicht ohne Humor (z. B. vergleicht Marie des öfteren die Menschen mit Tieren).
„Dein ist das Reich“ trägt autobiografische Züge. Katharina Döbler ist Kind einer Missionars- und Pfarrersfamilie und verarbeitet aus familiärer Wahrnehmung die kolonialistische Vergangenheit und deren Auswirkungen bis in die Gegenwart.
Noch eine Anmerkung: Im Stammbaum hat sich beim Sterbejahr von Heiner Mohr ein Fehler eingeschlichen. Er ist nicht 2005 gestorben. Da wäre er 115 Jahre alt geworden!

Fazit:
Ich habe dieses Buch gern gelesen. Es füllte eine historische Lücke in meinem Geschichtswissen. Es war sehr spannend, mich mit diesem charakteristischen Teil der Kolonialismusgeschichte und einer mir bis dahin weitgehend unbekannten Welt auseinanderzusetzen.
Sehr nützlich und unterstützend beim Lesen sind der Familienstammbaum und die Inselkarte. Das Cover in seiner zurückgenommen Farbigkeit und der Titel passen gut.

Ich kann diesen Roman mit gutem Gewissen, vor allem geschichtsinteressierten Lesern, empfehlen und vergebe meine Höchstbewertung!

Bewertung vom 30.04.2021
Die Mitternachtsbibliothek
Haig, Matt

Die Mitternachtsbibliothek


ausgezeichnet

REALITÄTEN DES MULTIVERSUMS
Nora Seed verzweifelt am Leben. Immer wieder versinkt sie in Depressionen. Ihr scheint nichts zu gelingen. Sie verliert ihre Arbeit und ihre heißgeliebte Katze. Die einzige Freundin lebt weit weg in Australien. Der Bruder ist mit ihr zerstritten. Die Eltern sind tot. Das ist nun genug und sie beschließt sich umzubringen, aber es gelingt ihr nicht zu sterben. Nora erwacht in der Mitternachtsbibliothek und die ihr gut bekannte, freundliche Bibliothekarin Mrs Elms heißt sie willkommen. Die Zeiger der Uhr stehen auf 0.00 Uhr und ab da stehen ihr alle Bücher ihrer möglichen Leben zur Verfügung.

Matt Haig hat auch mit dieser Geschichte wieder ein zauberhaftes Buch erschaffen. Mit einer einfühlsamen Sprache schildert er Noras Seelenlage und ihre tiefe Qual, nicht das richtige Leben zu führen. Das wird besonders deutlich im „Buch des Bereuens“, denn die junge Frau hat viel zu bereuen.
Faszinierend fand ich, wie der Autor seine Hauptfigur in immer neue Lebensläufe eintauchen läßt. Das war für mich sehr ansprechend zu lesen. Er erzählt in einem bildhaften Sprachstil und nutzt dabei Noras Talente für Lebensentwürfe in mehreren Paralleluniversen. Dabei werden tiefgreifende philosophische Fragen aufgeworfen. Wie wäre es, wenn man eintauchen könnte in eigene andere Leben? Hätte man es besser machen können? Macht es Sinn Vergangenes zu bereuen?...
Viele Fragen, auf die es keine Antworten zu geben scheint, die neue Fragen provozieren. Ich sehe eine Anleitung zur Selbsthilfe in der Geschichte. Ob es allerdings depressiven Menschen wirklich hilfreich sein kann, vermag ich nicht zu beurteilen.

Fazit:
Noch lange nach der Lektüre wirkte die Mitternachtsbibliothek in mir nach. Für mich ein wahres Lesehighlight! Es ist ein fantastisches Buch, dass mit viel Einfühlungsvermögen erzählt wird. Es macht Mut und Hoffnung. Wechsel zum Guten sind zu jeder Zeit möglich. Eine eingeschlagene Richtung kann man ändern, wenn der Weg nicht der Richtige ist.

Bewertung vom 30.04.2021
So wie du mich kennst
Landsteiner, Anika

So wie du mich kennst


sehr gut

Schwestern, so nah und doch so fern
Wie gut kennen wir unsere Nächsten? Das ist die vorrangigste Frage, die ich mir nach der Lektüre stellte.

Karla und Marie sind Schwestern, die trotz der großen Entfernung eine innige Beziehung zueinander behalten hatten. Während Maries Lebensweg nach New Yok führte, blieb Karla im beschaulichen Unterfranken in der Nähe der Eltern. Es war scheinbar alles in Ordnung bis zu dem furchtbaren Unfall, der dazu führte, dass die ältere Schwester (Karla) die jüngere Schwester (Marie) in einer Urne nach Hause brachte. Nach der Trauerfeier flog Karla erneut nach New York, um die Wohnung ihrer Schwester aufzulösen. Dabei stieß sie auf ein Geheimnis, dass ihren Blick auf die erfolgreiche, selbstbewußte Marie weitete. Sie beginnt ihre beiden Leben, ihr Verhältnis zueinander zu hinterfragen.

Mich machten Klappentext, Leseprobe und Cover gleichermaßen neugierig auf die Geschichte der beiden ungleichen Geschwister. Die Leseprobe endete mit einem massiven Cliffhanger und hinterließ bei mir große Neugier und eigentlich eine gänzlich andere Erwartung, die mehr in Richtung Krimi ging. Häppchenweise wird erzählt, worauf Karli im New Yorker Appartment der verstorbenen Schwester Marie gestoßen war. Es wirft sie ganz schön aus der Bahn, dass die geliebte Person, ihre Seelenverwandte ihr doch nicht alles anvertraut hatte. Sie möchte Erklärungen finden, in dem sie New York mit den Lebensspuren der Schwester zu füllen beginnt. Dabei waren ihre Handlungen für mich nicht immer nachvollziehbar.

S. 188 „Ich weiß, dass ich Erklärungen suche, die die Komplikationen des Lebens einfach herunterbrechen...Und dann suche ich einen grünen Knopf, den ich drücken kann. Neustart.“

Erst die Sicht Maries aus der Vergangenheit brachte Licht ins Dunkel.

Sehr schön fand ich die Erkenntnis:
„Warum reden wir den ganzen Tag und erzählen uns doch so wenig?“ S. 333

Fazit:
Anika Landsteiner erzählt empathisch, authentisch, nah am Leben! Aber: Durch die vielen Nebenschauplätze kamen die ernsthaften, bewegenden Probleme nicht genug zum Tragen. Der den ganzen Roman durchziehende Konflikt, - Gewalt gegen Frauen - , ist mir zu diffus herausgearbeitet.
Das Cover finde ich ungewöhnlich, wie aus der Zeit gefallen (50er Jahre?). Es hat für mich den Anschein eines gemalten Bildes. Es paßt nur nicht für die beiden Schwestern, die doch moderne, gegenwärtige Frauen sind. Außerdem ist Karla blond und sieht der Schauspielerin Claire Danes ähnlich.

Ich gebe meine Lese- und Kaufempfehlung und bewerte mit vier von fünf Sternen.

Bewertung vom 06.04.2021
Als wir uns die Welt versprachen
Casagrande, Romina

Als wir uns die Welt versprachen


ausgezeichnet

EDNAS GANZ PERSÖNLICHER JAKOBSWEG
Edna Weiss führt ein zurückgezogenes, unauffälliges, unspektakuläres Leben in ihrem Häuschen mit Garten in dem Südtiroler Ort Castelbello im Vinschgau. Sie lebt äußerst bescheiden und einfach. Ihr schweres Kindheitsschicksal kommt nur durch einen Zufall ans Licht. Sie liest im von ihr geliebten „Stern" von dem Unglück durch eine Schlammlawine und erkennt auf einem Foto Jacob, der durch eine auffällige Narbe am Augenlid ihr auch nach langer Zeit vertraut ist. Die 90jährige Frau fasst kurzerhand den Entschluß, sie muss unbedingt zu ihm und eine alte, vermeintliche Schuld wiedergutmachen. Sie packt den ebenfalls betagten Emil, einen Papagei, in die Transportkiste, und für sich einen Rucksack mit wenigen Utensilien und macht sich auf den beschwerlichen Weg von Italien über Österreich nach Deutschland...
Es ist eine gleichwohl berührende, emotionale (in der Vergangenheit) als auch abenteuerliche Geschichte (in der Gegenwart), die Romina Casagrande erzählt, wobei sie für sich einiges an schriftstellerischer Freiheit, was die Figur der alten Dame betrifft, in Anspruch nimmt. Die alte Edna und ihr Papagei Emil begeben sich zurück auf die kräftezehrenden Spuren von Ednas schwerer Kindheit. Sie folgt mit einer selbstgezeichneten Karte dem anstrengenden Weg, den sie als Schwabenkind vor 80 Jahren von Italien nach Deutschland machen musste. Nun auch wieder den größten Teil zu Fuß. Besonders schwierig die Strecke über den Arlberg. Ich bezeichne diese ganze Aktion als Ednas ganz persönlichen Jakobsweg. „Der Junge mit den traurigen Augen“ hatte sie nie losgelassen. Er war stets Teil ihres Lebens.
„Eins wusste sie tief in ihrem Innern: Nichts konnte sie je auseinanderbringen. Niemand würde sie je trennen.“
Jacob erinnerte sie zudem an ihren verstorbenen Bruder Martin. Von anderen Erinnerungen erfährt man nur sehr wenig. Edna schien ihr Schicksal angenommen zu haben, ohne Jacob jemals zu vergessen. Er war für sie immer gegenwärtig, jedoch vor anderen tief in ihrem Inneren verborgen. Es wird im Roman ganz wenig von Ednas Leben preisgegeben, was nach der Schwabenkindzeit geschah. Dort hatte sie nur Schlimmes erlebt, alles, was einem weiblichen Wesen passieren kann! Nur Jacob ist ihr Halt von Beginn an. Jacob war ihr auf den Hof gefolgt, der kein guter Ort war.

S. 92 „Er war auf den Hof gekommen, weil er das Mädchen wiedersehen wollte, das ihm zugelächelt hatte, während ein Karren sie unter einem düsteren Himmel fortbrachte.“

Das Ende der Geschichte verläuft traurig, aber klingt wiederum auch optimistisch aus. „Guten Morgen, Zimperliese!“ spricht Papagei Emil und die Enkelin Jacobs erkennt den Vogel, was beweist, dass Jacob Edna nie vergessen, immer im Herzen getragen hatte. Es geht immer weiter!
Den versöhnlichen, positiven Schluss ermöglichte weitgehend Ednas unkomplizierter Charakter, ihr unbefangenes Wesen. Trotz ihres Alters stellte sie sich Neuem aufgeschlossen gegenüber. Ihr Motto schien zu sein: Niemals aufgeben, so schwer, so aussichtslos es sein mag! Und die Zahl der Jahre ist für das Ziel unwichtig!

Fazit:
„Bewegend schreibt Romina Casagrande über die Geschichte der ›kleinen Sklaven‹ und auch über das Reisen als Bild für das Leben an sich." Corriere della Sera
Dem Zitat möchte ich eigentlich nichts mehr hinzufügen. Für mich war das Buch unterhaltsam, informativ, trotz des ernsten Themas auch mit Humor und philosophischen Erkenntnissen durchsetzt. Menschen jeden Alters sollten sich stets mit Respekt, Hilfsbereitschaft, Rücksicht und Freundschaft begegnen.

Ich gebe dafür meine Höchstbewertung und die unbedingte Lese-/Kaufempfehlung!

Bewertung vom 28.03.2021
Der Countdown-Killer - Nur du kannst ihn finden
Suiter Clarke, Amy

Der Countdown-Killer - Nur du kannst ihn finden


gut

Entweder/Oder - Podcast brauche ich nicht in einem Thriller
Elle Castillo betreibt einen Real-Crime-Podcast, in dem sie sich intensiv mit alten Kriminalfällen befasst. Sie wagt sich an den Fall des Countdown-Killers, der sich vor Jahren in ihrer Heimatstadt Minneapolis im Bundesstaat Minnesota zutrug. Das Muster seiner damaligen Taten: er entführte immer drei junge Frauen, jede ein Jahr jünger als die andere. Jede kommt nach sieben Tagen zu Tode. Sein letztes Opfer konnte ihm entkommen. Die Morde aber wurden nie aufgeklärt. Plötzlich ergeben sich neue Hinweise, der Killer scheint wieder zurück zu sein und kommt ihr bedrohlich nah.
Die Podcasterin Elle ist die Hauptfigur des Thrillers, eine junge verheiratete Frau, die sich als unabhängige Ermittlerin in den Fall des Countdown-Killers regelrecht „reinkniet".

Die Story beginnt mit dem Podcast, was für mich erst einmal ungewöhnlich war. Dazwischen wird in Kapiteln auktorial erzählt, wobei die Berichterstattung zwischen den beiden Ebenen zeitlich selten identisch ist. Das kann verwirren, aber die Datumsangaben bei den jeweiligen Kapiteln/Podcast sind hilfreich. Der Thriller besteht aus drei Teilen – I. Der Countdown – II. Der Neustart – III. Die Opferung -. Die Idee der Verbindung des Podcastes mit dem Lesen ist freilich interessant. Mal was anderes!
Die Möglichkeit zum Reinhören bietet der QR-Code im Umschlag des Buches. Doch das habe ich erst getan, nachdem ich mit dem Buch durch war.

Elle, die Hauptperson, finde ich sympathisch als Frau und im Umgang mit ihrem Mann Martín, ihrer Freundin Sash und deren Tochter Natalie. Recht bald stellte ich mir die Frage, was die junge Frau so mächtig antreibt, sich gerade mit diesem Fall dermaßen intensiv zu beschäftigen. Ich fand es als geübte Thrillerleserin recht schnell heraus. Dazu trug der Podcast nicht unwesentlich bei.
Leider konnte die Story meine Erwartungen nicht erfüllen. Zu offensichtlich sind für mich die zahlreichen Hinweise, Andeutungen, die mir die ohnehin nicht üppig vorhandene Spannung dann gänzlich nehmen. Auf der anderen Seite werden von Elle offensichtliche Dinge nicht wahrgenommen, Spuren nicht konsequent verfolgt, keine Vorkehrungen für Gefahren getroffen. Sie handelt widersprüchlich. Es geschehen zu viele Ungereimtheiten. An manchen Stellen war ich regelrecht perplex, wie sorglos die Podcasterin vorgeht. Der Name für den der Mörder steht, Countdown-Killer, kam bei seinen beiden letzten Opfern unvollständig zum Tragen. Außerdem kommen für mich bestimmte logische Aspekte, z. B. die scheinbar große Bedeutung der Zahlen (3 – 7 – 21) für den Killer nicht deutlich genug heraus. Wer das Buch aufmerksam liest, wird bald wissen, was ich meine. Letztendlich blieb ich mit vielen ungeklärten Fragen zurück.
Schön die Botschaft am Schluß, dass den Verbrechern keinerlei Podium gegeben werden sollte.
Das Cover finde ich gut gewählt. Es zeigt die Pflanze, die eine wesentliche Rolle im Ablauf der Taten des Killers spielt.
Am Schreibstil der Autorin Amy Suiter Clarke kann ich nichts aussetzen. Sie hat Potential und wird sich weiterentwickeln.

Fazit:
So restlos begeistern konnte mich der Thriller leider nicht. Mir fehlte etwas und es waren nicht nur die Spannungsmomente. Podcastabschnitte brauche ich nicht in einem Thriller. Ich bin für entweder oder, d. h. ich möchte ein Buch lesen oder ein Hörbuch genießen.

Meine Bewertung: 3, 5 Sterne von 5 Sternen und die Empfehlung für Podcastfans!

Bewertung vom 17.03.2021
Lockvogel
Prammer, Theresa

Lockvogel


gut

Ein Fall von #metoo? - Wohl eher nein!
Das war meine zweite Begegnung mit der Autorin Theresa Prammer. Nach den „Mörderischen Wahrheiten“ (2. Band einer Trilogie) las ich nun den „Lockvogel".

Antonia Lorenz, genannt Toni, eine Schauspielelevin kommt unerwartet und vollkommen unverschuldet in eine trostlose Lage. Ihr Freund verschwindet spurlos und mit ihm die Ersparnisse und der wertvolle Schmuck von Tonis Großmutter. Wie soll sie nun für deren Seniorenresidenz aufkommen? Außerdem steht Tonis Verbleib an der Schauspielschule auf tönernen Füßen. Dicker kann es für sie nicht kommen. Das Chaos ist vorprogrammiert. Sie faßt den Entschluß Edgar Bluhms Detektei für die Suche nach Felix zu beauftragen. Doch ohne Geld? Da kommt Toni der Zufall zu Hilfe.

Geschickt verbindet die Autorin mehrere Ereignisse miteinander, die Notlage von Toni, die ebenfalls prekäre Situation, in der sich Detektei und Detektiv befinden und die plötzlich auftretende Klientin mit der gut gefüllten Geldbörse. Das ist im wesentlichen das Grundkonstrukt der Geschichte.
Die beiden Protagonisten kommen sympathisch daher und sind ein ungewöhnliches, liebenswertes Ermittlerpaar. Edgar Bluhm wird als ein etwas depressiver Detektiv mit einer Menge von Problemen dargestellt. Seine beständige Geldnot durch eine schlechte Auftragslage, sein miserabler Gesundheitszustand summieren sich zu einer Reihe von Schwierigkeiten, die er nicht mehr unter Kontrolle bekommt, seit er ohne seinen Kompagnon arbeiten muss. Warum das so ist, erfährt man erst gegen Ende des Romans. Als nun Frau Steiner, die besagte Klientin, in die Detektei kommt, beschließt Brehm, dass ihm Schauspielschülerin Toni als Lockvogel in der Filmbranche behilflich ist. Es ist teilweise recht vergnüglich zu lesen, wie sich die Geschichte entwickelt. Mehr ist Kommissar Zufall verantwortlich bei der Aufklärung der möglichen Affären des Filmmoguls und eines Todesfalls, als die wie ein blindes Huhn durch die Gegend laufende Toni. Sie hat mehr Glück als Verstand, obwohl sie bei den Recherchen im Internet talentiert ist.
Das optimistische Ende läßt für die Zukunft Tonis, ihrer Großmutter und für Edgar Brehm hoffen.

Der unterhaltsame Krimi spielt in Wien. Es ist ein Krimi der eher ruhigen Sorte. Ich finde die Erzählung stimmig und vielseitig wegen der angesprochenen Themen, aber die Spannung fehlt doch weitgehendst. Ein Fall von #metoo? – das ist für mich eher eine Fehlanzeige.

Meine Bewertung: Weder sehr gut noch ganz schlecht, daher 3 Sterne.