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zu den Top-Rezensenten

Benutzername: Klara
Danksagungen: 7 (erhaltene)


Bewertungen

Insgesamt 114 Bewertungen
Bewertung vom 27.11.2021
SCHWEIG!
Merchant, Judith

SCHWEIG!


ausgezeichnet

Eine solche Schwester braucht niemand
Esther und Sue sind Schwestern, die schon seit der Kindheit Probleme miteinander haben. Esther ist mit Martin verheiratet, hat zwei Kinder und einen Job und lebt in einer Wohnung in der Stadt. Sue bewohnt seit ihrer Scheidung von Robert allein ein großes Haus im Wald. Am Tag vor Heiligabend besucht Esther die jüngere Schwester, um nach dem Rechten zu sehen, obwohl sie eigentlich genug mit ihren Weihnachtsvorbereitungen zu tun hat. Sie will die Schwester auch zu sich einladen, obwohl das ein Jahr zuvor völlig danebengegangen ist. Sue ist von Esthers Besuch alles andere als begeistert und reagiert sehr abweisend. Abwechselnd wird aus der Sicht beider Schwestern erzählt, später auch aus der Perspektive Martins und des Mädchens, das für Esther in der Kindheit spricht. Auf diese Weise wird deutlich, dass Esther nicht aus liebevoller Fürsorge handelt, sondern dass alles, was sie tut, der Demonstration ihrer Macht über andere dient. Schon immer war sie aggressiv, manipulativ und geradezu bösartig. Dennoch kommt es an diesem Tag erstmalig zu einem Gespräch, in dem Sue es wagt, ihren Standpunkt zu verdeutlichen und Esther sogar so etwas wie Einsicht zeigt. Diese Phase hält nicht lang an. Dann kommt wieder die alte Esther zum Vorschein, und beim Leser dominiert das Gefühl, dass etwas Schlimmes passieren wird. Die Ankündigung, dass nicht alle diesen Abend überleben werden, bewahrheitet sich.
Der Roman liest sich trotz einiger Längen spannend, ist aber von der Grundstimmung her so düster und bedrohlich, dass man als Leser erst einmal etwas Abstand gewinnen muss. Dennoch ist es eine durchaus empfehlenswerte Lektüre.

Bewertung vom 21.11.2021
Der Kolibri - Premio Strega 2020
Veronesi, Sandro

Der Kolibri - Premio Strega 2020


weniger gut

Eine etwas andere Familiensaga
Sandro Veronesis Roman “Der Kolibri“ erzählt das Leben des Augenarztes Marco Carrera über einen Zeitraum von etwa 70 Jahren, von der Kindheit bis zum Krebs im Endstadium. Die Darstellung ist jedoch nicht chronologisch, sondern enthält unzählige Zeitsprünge und Ortswechsel. Wir erfahren, dass der Junge fast kleinwüchsig war und wegen seiner großen Beweglichkeit Kolibri genannt wurde. Als 15jähriger erreicht er durch eine spezielle Therapie innerhalb von wenigen Monaten eine normale Größe. Marcos Leben ist von Anfang an von Tragödien überschattet. Seine labile ältere Schwester begeht Selbstmord, und er gibt dem jüngeren Bruder Giacomo die Schuld an ihrem Tod, weil er auf sie aufpassen sollte. Giacomo hat sich genauso wie Marco in die hübsche junge Luisa verliebt, und Eifersucht entzweit die Brüder zusätzlich, so dass sie für den größten Teil ihres Lebens keinen Kontakt haben. Beide Eltern sterben kurz nacheinander, und Marcos Ehe scheitert, weil seine Frau ihn betrügt und verlässt. Die gemeinsame Tochter Adele wird überwiegend von Marco aufgezogen. Die Liebe zu Adele wird ihm in schwierigen Zeiten helfen, vor allem Jahre später, als er ihre bildschöne und vielseitig begabte Tochter Miraijin nach Adeles Unfalltod zu einem Menschen der Zukunft erziehen wird. Die wohl traurigste Tatsache seines unglücklichen Lebens ist aber wohl seine unerfüllte Liebe zu Luisa, aus der nie eine Beziehung wird. Sie ist die Liebe seines Lebens, aber er unternimmt nichts, um sie für sich zu gewinnen. Sein lebenslanges Credo ist Unveränderlichkeit. Alles muss so bleiben, wie es ist. Jede Veränderung macht ihm Angst, aber mehrere Veränderungen in seinem Leben kommen von außen, sind unabwendbare Schicksalsschläge.
Veronesis Roman ist keine leichte Kost, nicht nur wegen der wirren Erzählstruktur, sondern auch wegen des vor allem im letzten Teil beträchtlichen Anteils an esoterischem Gedankengut. In einem Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung hat der Autor angekündigt, in künftigen Auflagen die Jahreszahlen zu Beginn der fast fünfzig Kapitel wegzulassen. Diese kleine Anstrengung könne man ja wohl vom Leser erwarten. Ich vermute, dass die meisten Leser angesichts der Schwierigkeit der zeitlichen Zuordnung der Puzzleteile ohne die Jahreszahlen früh das Handtuch werfen würden. Ich bin ein bisschen enttäuscht von diesem angeblichen Meisterwerk, das immerhin mit dem renommierten Premio Strega ausgezeichnet wurde.

Bewertung vom 15.11.2021
Say Cheese!

Say Cheese!


ausgezeichnet

Kochen mit flüssigem Gold
Käse gehört zu den wichtigsten aus Milch hergestellten Lebensmitteln. In Deutschland gibt es etwa 600 Käsesorten, weltweit sind es ungefähr 3000. „Say Cheese! Heisshunger-Gerichte mit Käse“ enthält eine Auswahl von 65 internationalen Rezepten. Wer bis jetzt noch nicht verrückt nach Käse ist, wird es, wenn er einmal durch das Buch geblättert und ein paar Rezepte ausprobiert hat. Die Rezepte sind übersichtlich aufgebaut, kurz und knapp beschrieben, toll illustriert und auch wenn es nicht so scheint, sehr einfach in ihrer Herstellung. Die Rezeptauswahl ist sehr ansprechend und umfasst eine sehr große Bandbreite. So gibt es z.B. den Nudelauflauf mit Serranoschinken, geräuchertem Paprikapulver und spanischem Blauschimmelkäse oder mit Mozarella überbackene Rigatoni. Käse steht hier nicht im Vordergrund, ist aber eine unverzichtbare Hauptzutat und rundet alle Gerichte perfekt ab. Käse ist wirklich sehr vielseitig einsetzbar. Jeder kennt Käse auf Brot. Hier gibt es u.a. den Drei-Käse-Toast oder Cheddar-Toast mit Chutney aus roten Zwiebeln. Beides sind sehr einfache, aber ausgesprochen leckere Rezepte. Vor allem aber sind Gemüsegratins aus meinem Repertoire nicht mehr wegzudenken. Da schätze ich besonders das Blumenkohlgratin mit geriebenem Greyerzer. Das flüssige Gold ist ein fester Bestandteil meiner Küche. Umso erfreulicher ist es, dass dem Käse hier ein ganz außergewöhnliches Kochbuch gewidmet ist. Von den vielfältigen Verwendungsmöglichkeiten lasse ich mich gern anregen. Ich bin vollauf begeistert und empfehle es jedem Käsefan und auch denen, die es unbedingt werden wollen.

Bewertung vom 14.11.2021
Weihnachten mit Christina
Bauer, Christina

Weihnachten mit Christina


ausgezeichnet

Nie mehr Weihnachten ohne Christina
„Weihnachten mit Christina“ ist im Löwenzahn-Verlag erschienen und umfasst über 70 Rezepte für Kekse, Brote, Stollen und Striezel auf 240 Seiten. Die Autorin geht zu Beginn des Backbuches auf regionale und biologische Zutaten ein. Es ist ihr wichtig, dass nur solche verarbeitet werden. Sehr interessant ist auch, was wir tun sollten, wenn etwas übrigbleibt, und wie mit richtiger Lagerung die Freude an den Köstlichkeiten lange erhalten bleibt. Auch die Grundrezepte und Basics sind hilfreich. Die Rezepte sind klar strukturiert, kommen ohne außergewöhnliche Zutaten aus, sind leicht verständlich und für jeden Hobbybäcker gut umzusetzen. Neben altbekannten Rezepten wie u.a. Vanillekipferl und Zimtsternen gibt es auch viele neue Ideen für die Vorweihnachtszeit, nicht nur Rezepte, sondern auch Bastelvorschläge. Die schönen Fotos regen zusätzlich dazu an, möglichst viel auszuprobieren.

„Weihnachten mit Christina“ ist das ideale Backbuch für alle, die in der Vorweihnachtszeit gerne Plätzchen, Kekse oder Stollen für den eigenen Bedarf oder zum Verschenken backen möchten. Ich bin begeistert.

Bewertung vom 14.11.2021
Goldenes Gift / Xavier Kieffer Bd.7
Hillenbrand, Tom

Goldenes Gift / Xavier Kieffer Bd.7


ausgezeichnet

Das Geschäft mit dem Honig
In Tom Hilllenbrands 7. Roman um den Luxemburger Koch Xavier Kieffer und seine Freundin Valérie Gabin geht es erneut um einen Lebensmittelskandal. Die globale Nachfrage nach Honig macht ihn zu einer attraktiven Handelsware und führt zu allen möglichen kriminellen Machenschaften. Kieffer bezieht Luxemburger Stadthonig von dem Imker Pol Schneider, der einige Bienenstöcke für ihn betreut. Dann kommt Schneider unter ungeklärten Umständen ums Leben. Als Kieffers Bienenstöcke plötzlich verschwunden sind, schöpft er Verdacht und beginnt zu ermitteln. Auch an anderen Stellen sind die Beuten verschwunden. Schneider schuldete allen möglichen Leuten Geld und hat sich wohl zu unsauberen Geschäften überreden lassen. Etwa gleichzeitig beobachtet Kieffers Freundin Valérie Gabin, die beruflich in Kalifornien unterwegs ist, nachts irgendwo auf dem Land den Diebstahl von Beuten, die am nächsten Tag wieder an gewohnter Stelle stehen. Valérie und Xavier nutzen ihre Kontakte und ermitteln immer weiter. Sie finden gepantschten Honig, und verfolgen Spuren in Paris und in Deutschland, die bis zu einem riesigen chinesischen Konzern reichen. Sogar ein Wissenschaftler ist beteiligt. Er erforscht die genetische Veränderung von Bienen, um sie gegen Insektizide und Pestizide resistent zu machen. Alles steuert auf den großen Showdown zu, es gibt Tote und Verletzte, und Gabin und Kieffer geraten in Lebensgefahr.
Hillenbrands neuer Roman ist vielleicht nicht der beste der Serie, aber er liest sich interessant und behandelt wieder ein wichtiges Thema, das der Autor mit umfangreichen Kenntnissen der Materie und der neuesten technologischen Entwicklungen umgesetzt hat. Seine beiden Protagonisten sind wie immer sehr sympathisch und tragen die Geschichte, die ohne reißerische Spannungseffekte und unappetitliche Grausamkeiten auskommt. Hillenbrand schafft wieder durch Einbeziehung von Dialektausdrücken, traditionellen Speisen und die Beschreibung der Örtlichkeiten ein typisch luxemburgisches Ambiente. Ein sehr empfehlenswerter Roman.

Bewertung vom 29.10.2021
Der Geheimbund / Gabriel Allon Bd.20
Silva, Daniel

Der Geheimbund / Gabriel Allon Bd.20


ausgezeichnet

Warum starb der Papst?
“Der Geheimbund“ ist Daniel Silvas 20. Roman in der Serie um den Spion Gabriel Allon. Allon will sich ein paar Tage im Urlaub entspannen, als er erfährt, dass sein Freund gestorben ist. Es handelt sich um den fiktiven Papst Paul VII., der zuvor schon in drei Romanen der Serie auftauchte. Erzbischof Luigi Donati bittet Allon, in den Vatikan zu kommen, weil er nicht glaubt, dass Paul VII. eines natürlichen Todes gestorben ist. Allon beginnt mit den Nachforschungen, ermittelt in Florenz und später in einem Haus in der Nähe von Freiburg, wo ein aus einem Bilderrahmen gefallener angefangener Brief auf ein Buch verweist, das der Papst im Vatikanischen Geheimarchiv entdeckt hatte.
In diesem Roman geht es also nicht um islamischen Terror oder russische Oligarchen, sondern um die Wurzeln von Xenophobie, wie wir sie gegenwärtig sehen, wenn Flüchtlinge aus Afrika, Arabien oder Asien nach Europa drängen, um frühe Zeugnisse von Antisemitismus, wie sie auch im Neuen Testament zu finden sind, um einen fiktiven Bibeltext, den die katholische Kirche angeblich unterdrückt hat. In diesem Zusammenhang ist es ganz nützlich zu wissen, dass der Autor zum jüdischen Glauben konvertiert ist und einmal geäußert hat, dass die Beziehung zwischen der Römisch-katholischen Kirche und den Juden eine andere gewesen wäre, wenn 1939 ein Mann wie Franziskus Papst gewesen wäre. Ein weiteres Thema ist die schwindende Bedeutung der USA als Weltmacht – auch nicht zum ersten Mal in dieser Serie.
Obwohl Intrigen im Vatikan nicht typisch sind für den Autor und seine Reihe um Gabriel Allon, ist der Roman so unterhaltsam und spannend, wie ich es von Silva kenne. Mir hat das Buch gut gefallen.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 29.10.2021
Das Archiv der Gefühle
Stamm, Peter

Das Archiv der Gefühle


ausgezeichnet

Sammeln und ordnen als Lebensaufgabe
In Peter Stamms neuem Roman geht es um einen sehr skurrilen Charakter. Der namenlose Protagonist war früher Archivar, wurde aber arbeitslos, als man Dokumente nicht mehr in Papierform speicherte. Er lebt allein in dem von der Mutter geerbten Haus, wo er das von seinem Arbeitgeber übernommene Archiv täglich viele Stunden lang ergänzt. Er beachtet strenge Regeln, ohne die geringsten Veränderungen zuzulassen, weil er in einer ewigen Gegenwart leben möchte. Das Chaos der Welt macht ihm Angst. Er sieht seine Aufgabe darin, es zu ordnen und nicht darin, etwas Neues, Eigenes zu schaffen. So hat er auch fast 40 Jahre lang an der Liebe seines Lebens festgehalten, ohne dass daraus jemals eine Beziehung wurde. Es ist die Mitschülerin Franziska, die unter dem Namen Fabienne als Sängerin Karriere machte. Er nahm aus der Ferne an ihrem Leben Anteil und las die Artikel über ihre Beziehungen in der Boulevardpresse. In all den Jahren hatte er Kontakt zu zwei Frauen, einer ehemaligen Arbeitskollegin und einer Mitschülerin 25 Jahre nach dem Schulabschluss, als er eigentlich hoffte, Franziska zu treffen. Er liebte diese Frauen nicht, ließ die Dinge einfach geschehen, ohne jemals die Initiative zu ergreifen. Seine einzige Liebe war und ist Franziska, die ihm immer wieder in den Fantasien seiner Parallelwelt erscheint, die für ihn realer ist als die Wirklichkeit. Mit Mitte 50 wird ihm jedoch bewusst, dass das wirkliche Leben mehr zu bieten hat als das passive Abwarten, das er praktiziert, und er nimmt Kontakt zu Franziska auf. Nach mehreren Anläufen steht er ihr endlich gegenüber und erfährt, dass es in der Vergangenheit zwei Situationen gab, wo er auf sie hätte zugehen müssen, und ihr Leben wäre anders verlaufen. Er beschließt, sich von seinem Archiv zu trennen, weil es ihn unwiderruflich an die Vergangenheit bindet und jegliche Neuorientierung unmöglich macht. Am Ende wagt er tatsächlich einen Neuanfang. Er kann zwar die verflossene Zeit nicht zurückholen, aber für die ihm verbleibende Lebensspanne ein anderer werden.

Mir hat dieser ruhig erzählte, sprachlich anspruchsvolle und zum Nachdenken über die eigene Lebensplanung anregende Roman gut gefallen. Er vermittelt die Botschaft, dass es nie zu spät ist, sein Leben zu ändern. Besonders beeindruckt hat mich, wie gekonnt der Autor reales Geschehen und Fantasien ineinander übergehen lässt. Ein empfehlenswertes Buch.

Bewertung vom 24.10.2021
Sonntagsessen
ZEIT ONLINE

Sonntagsessen


sehr gut

So wird der Sonntag zum Höhepunkt der Woche
Sonntags kann man mal richtig schlemmen, denn deftig geht ja immer. „Sonntagsessen: Für den schönsten Tag der Woche“ von Zeit online enthält die 85 besten internationalen Foodblog-Rezepte aus der ZEIT-ONLINE-Kolumne "Sonntagsessen" und ist aufgeteilt in Frühstück, Brunch, Mittagessen, Nachmittagskaffee, Dinner, Dessert. Außerdem enthält es zum Abschluss ein Blog- und Rezeptregister.
Das Buch enthält sehr viele Rezepte, die einfach und schnell zu backen bzw. zu kochen sind, so z.B. das Dinkel-Franzbrötchen von Lutz Geißler, Deutschlands bestem und erfolgreichstem Autor von Brotbackbüchern oder Fleisch- und Fischgerichte anderer nationaler und internationaler Foodblogger. Ich habe die Shakshuka auf S. 38 und die Südtiroler Speckknödel mit Rindsgulasch auf S. 68 nachgekocht. Beide Gerichte sind geschmacklich sehr gut. Das Vorwort ist sehr informativ, der Schwierigkeitsgrad der Rezepte liegt im Durchschnitt, so dass sie auch in jeder Küche funktionieren und Hobbyköche daran nicht scheitern. Die Optik des Buches bekommt sehr gute Noten. Mit dem angenehm großen Format kann man in der Küche gut arbeiten. Die Zutatenlisten sind größtenteils nicht exotisch, da die meisten Zutaten in einer gut sortierten Hobbyküche vorhanden sind. Viele Gerichte sind alltagstauglich, andere, wie z.B. die Exzeptionelle Pasta aus Sardinien: Fregula sarda mit Frutti di mare auf S. 98 oder die Malloreddus mit geschmorter Lammschulter auf S. 76 etwas aufwendiger und anspruchsvoller. Ich finde, dass das Kochbuch gut gelungen ist. Es erhält in meiner Kochbuchbibliothek einen Platz in der vorderen Reihe. Ich werde es auf jeden Fall noch öfters zur Hand nehmen und auch die verschiedenen Blogs besuchen.

Bewertung vom 07.08.2021
Tiefer Fjord
Lillegraven, Ruth

Tiefer Fjord


ausgezeichnet

Selbstjustiz
Im Mittelpunkt von Ruth Lillegravens Debütroman „Tiefer Fjord“ stehen Clara und Haavard. Clara ist Juristin und arbeitet in einem Ministerium, Haavard ist Arzt in einer Kinderklinik in Oslo. Eines Tages wird ein kleiner Junge eingeliefert, der wenig später an den Folgen von Misshandlungen stirbt. Noch ehe die Polizei den Vater befragen kann, wird dieser im Gebetsraum des Krankenhauses mit einer Glock erschossen. Dann passieren kurz nacheinander zwei weitere Morde. Jedes Mal werden die Opfer mit derselben Waffe erschossen, und jedes Mal stehen sie im Zusammenhang mit Kindesmisshandlung, über die Haavard in der Klinik heimlich Daten gesammelt hat und die Clara durch einen von ihr erarbeiteten Gesetzesentwurf bekämpfen will. Trotz dieses gemeinsamen Anliegens funktioniert die Ehe nicht mehr. Die Partner sind einander entfremdet und haben Geheimnisse vor einander. Haavard betrügt seine Frau mit der Kollegin Sabiya, Clara hat ihrem Mann nie von den schrecklichen Ereignissen in ihrer Kindheit erzählt. Nach den Verbrechen wird Haavard für mehrere Tage verhaftet, so dass er für den dritten Mord ein Alibi hat. Da die ersten beiden Opfer einen Migrationshintergrund haben, ist die Polizei lange Zeit auf der falschen Fährte.

Erzählt wird in zahlreichen kurzen Kapiteln aus wechselnder Perspektive, vor allem der von Clara und Haavard, aber auch aus der Sicht der Kollegin Sabiya, des Pflegers Roger und von Leif, Claras Vater. Im Verlauf des Romans werden auch die wesentlichen Ereignisse aus der Vergangenheit erzählerisch nachgeholt, sodass wir nach der Hälfte des Romans wissen, wer diese Morde begangen hat und aus welchem Grund. Das macht die Geschichte für mich nicht weniger spannend. Mir gefällt die sorgfältige Charakterisierung der Figuren genauso wie die Auseinandersetzung der Autorin mit diesem wichtigen Thema. Ich habe den Roman gern gelesen und empfehle ihn ohne Einschränkung weiter.

Bewertung vom 07.08.2021
Im Reich der Schuhe
Wise, Spencer

Im Reich der Schuhe


gut

Mr. Younger Cohen wird erwachsen
In Spencer Wises Roman „Im Reich der Schuhe“ geht es um den Bostoner Juden Fedor Cohen und seinen 26jährigen Sohn Alex. Der Vater hat in der Vergangenheit schon überall in der Welt Geschäfte gemacht und betreibt aktuell eine Schuhfabrik im südchinesischen Foshan. Sein Sohn hält sich seit einem Jahr bei ihm auf und wird in die Geschäftsabläufe eingeführt, weil er irgendwann den Betrieb übernehmen soll. Der Senior macht ihn zum Partner, ohne ihm irgendwelche Entscheidungsbefugnisse zu übertragen. Der Vater ist sehr dominant und profitorientiert. Alex bekommt immer mehr Einblick in die Situation der Arbeiter, seit er eine Liebesbeziehung mit der Arbeiterin Ivy angefangen hat. Alex begreift schnell, dass er so nicht weitermachen wird, denn die Wanderarbeiter sind völlig rechtlos und werden gnadenlos ausgebeutet, wobei den Aufsehern jeder Vorwand recht ist, den geringen Lohn noch weiter zu kürzen. Es formiert sich erster Widerstand, und es ist von der Gründung einer Gewerkschaft die Rede. Fedor Cohen duldet Veränderungen genauso wenig wie die Staatsmacht, die jedes Anzeichen von Rebellion blutig niederschlägt. Ausländer können ohnehin in China nur Geschäfte machen, wenn sie die Obrigkeit mit Schmiergeldzahlungen bei Laune halten.
Sowohl das Porträt von China als Wirtschaftsmacht und als Staat, in dem Menschenrechte nicht gerade Priorität haben als auch der sich entwickelnde Konflikt zwischen Vater und Sohn sind ein interessantes Thema, aber insgesamt etwas langatmig dargestellt. Wird Alex sich dem Vater wie bisher unterordnen, oder gelingt es ihm, seinen eigenen Weg zu gehen? Hat seine Liebe zu Ivy unter diesen Bedingungen eine Chance? Wie gesagt, eine interessante Geschichte, aber nicht besonders spannend zu lesen.