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Klara

Bewertungen

Insgesamt 148 Bewertungen
Bewertung vom 21.01.2023
Blutmond / Harry Hole Bd.13
Nesbø, Jo

Blutmond / Harry Hole Bd.13


weniger gut

Harry Holes unendliche Geschichte
In Jo Nesbøs 13. Roman aus der Serie um Harry Hole ist dieser nach dem grausamen Mord an seiner Frau Rakel als obdachloser Alkoholiker in Los Angeles gestrandet. Als in Norwegen zwei junge Frauen ermordet werden und ein schwerreicher Immobilienmakler unter Verdacht gerät, engagiert er Hole für eine knappe Million, um seine Unschuld zu beweisen. Hole braucht diese Summe, um seiner Bekannten Lucille zu helfen. Lucille, eine einst reiche und berühmte Schauspielerin, schuldet der Drogenmafia diesen Betrag und wird umgebracht, wenn sie nicht innerhalb kürzester Zeit zahlt. Hole stellt ein seltsames Ermittlungsteam zusammen, zu dem ein inzwischen zum Koksdealer gewordener ehemaliger Schulfreund, ein korrupter Polizist und ein totkranker Psychologe gehören.
Schnell wird der Leser unerbittlich in eine wendungsreiche Geschichte hineingezogen, aus der es kein Entrinnen gibt und fällt auf falsche Fährten herein, um am Ende festzustellen, dass die Lösung ganz woanders liegt.
Ich habe die Serie um Harry Hole geliebt und mit großer Begeisterung Jahr um Jahr auf einen neuen Roman von Jo Nesbø gewartet. Seine Bücher waren etwas Besonderes für mich. Zum einen, weil der Autor den Leser mit seinen ausgeklügelten Fällen lange Zeit auf die falsche Fährte schickt, zum anderen, weil er routiniert und spannungsgeladen schreibt. Doch jetzt finde ich, dass es der Autor in seinem letzten Roman gewaltig übertrieben hat. Die Täter, egal, aus welchem Grund sie sich rächen wollen, sind immer gestörter, die ausgeklügelten Mordmethoden immer widerlicher. Eine detaillierte Schilderung blutigen Gemetzels bereitet mir kein Lesevergnügen. Nach dem Ende zu urteilen, wird es auch noch einen 14. Band geben. Was der Autor auch mit seinem völlig kaputten Protagonisten weiter plant, ich werde es nicht erfahren. Leb wohl Harry Hole. Für mich ist die Serie zu Ende.

Bewertung vom 19.01.2023
Wild backen
Wild, Eveline

Wild backen


sehr gut

Backen mit Mehl, Zucker, Fett und Liebe
In Eveline Wilds neuem Backbuch gibt es eine Menge Rezepte für bekannte Backwaren, wie Kaiserschmarren, aber auch für ausgefallene, wie Ketzentarte oder Marille-Vanille-Wolke. Ich habe mehrere erfolgreich ausprobiert, und bin mit dem Ergebnis sehr zufrieden. „Wild backen“ ergänzt meine Sammlung, weil ich hier besondere Rezepte für ganz spezielle Anlässe finde. Allerdings setzen diese Grundkenntnisse und eine gewisse Übung voraus. Es gibt hier keine Gelinggarantie. Wenn sie gelingen, sehen sie allerdings wunderschön aus, wie die reichlich vorhandenen opulenten Fotos beweisen. Wer allerdings auch beim Backen zumindest in gewissem Umfang auf gesunde Ernährung und Kalorien achtet, wird enttäuscht. Meiner Ansicht nach enthalten einige Rezepte viel zu viel Fett, Zucker und Eier. Das sollte nach heutigen Erkenntnissen der Ernährungswissenschaft eigentlich nicht sein.
Alles in allem ist „Wild backen“ ein sehr schön gestaltetes Rezeptbuch, das für jede Sammlung sicherlich eine Bereicherung darstellt, aber mit kleinen Einschränkungen zu empfehlen ist.

Bewertung vom 18.01.2023
Zuhause kochen
Chang, David;Krishna, Priya

Zuhause kochen


gut

Schon mal nicht rezeptig gekocht?
David Changs und Priya Krishnas Kochbuch “Zuhause kochen“ ist in jeder Hinsicht ungewöhnlich. Es enthält eine Fülle von Anleitungen zu asiatischen, indischen und amerikanischen Gerichten, verzichtet aber auf genaue Mengenangaben und Zutatenlisten. Das entspricht der zugrundeliegenden Idee der Autoren, den Leser zu mehr Souveränität im Umgang mit Rezepten zu ermutigen, sich dabei bevor allem auf den eigenen Geschmack und die eigene Intuition zu verlassen. Gerichte sollen schmackhaft und trotzdem ohne erheblichen Zeitaufwand zuzubereiten sein. Dagegen ist nichts einzuwenden. Das Kochbuch setzt jedoch beträchtliche Erfahrung voraus, ist also nichts für Anfänger. Genauso wenig ist es für Menschen geeignet, die dem gegenwärtigen, auch aus medizinischer und umweltpolitischer Sicht wichtigen Trend zu weniger Fleischkonsum folgen. Im Übrigen finde ich den geradezu exzessiven Gebrauch der Mikrowelle problematisch.
Das sehr umfangreiche und kostspielige Kochbuch ist zwar optisch ansprechend, hat mich aber trotz einer Reihe von nützlichen Informationen und neuen Ideen u.a. auch wegen seiner Textlastigkeit enttäuscht. Positiv behalte ich die Aufforderung der Autoren in Erinnerung, dass zur guten Küche gehört, sich nicht sklavisch an Rezeptvorgaben zu halten und Mut zur Improvisation zu beweisen.

Bewertung vom 28.12.2022
Die Bücher, der Junge und die Nacht
Meyer, Kai

Die Bücher, der Junge und die Nacht


ausgezeichnet

Eine Welt aus Papier
In Kai Meyers neuem Roman “Die Bücher, der Junge und die Nacht“ sind Bücher das zentrale Thema, zusammen mit dem Zweiten Weltkrieg und dem Nationalsozialismus. Ein Junge namens Robert Steinfeld, der seine Eltern nie kennengelernt hat, wird 10 Jahre lang in einem Zimmer voller Bücher eingesperrt, bis er 1943 von einem Mann namens Mercurio befreit wird, als die Bücherstadt Leipzig von Bomben zerstört wird. Bücherdieb Mercurio erhält immer vorab Informationen, wo die nächsten Bomben fallen, und schickt den Jungen in die zerstörten Häuser, um wertvolle Bücher zu stehlen. Nach einigen Monaten bringt er das Kind zu einer Frau, die ihn adoptiert. 1971 bittet die Bibliothekarin Marie Robert, der eigentlich immer ein Konkurrent für sie war, ihr bei der Auflösung der Bibliothek des bekannten Verlegers Pallandt zu helfen. Hier stößt Robert auf Spuren seiner Vergangenheit und kann endlich klären, wer er ist und was seinen Eltern zugestoßen ist. Sein Vater war der bekannte Buchbinder Jakob Steinfeld, der in der Nacht des Bombenangriffs auf Leipzig ums Leben kam. Er hatte sich 10 Jahre vor seinem Tod in die hübsche junge Juli verliebt, die das Manuskript ihres Buches von ihm binden lassen wollte, bevor sie wenig später spurlos verschwand.
Neben den Geschichten der Familien Steinfeld und Pallandt und der Suche nach zwei verschollenen Büchern spielt auch der zeitgeschichtliche Hintergrund eine bedeutende Rolle. Der Leser bekommt einen Eindruck, was Krieg und Nationalsozialismus mit den Menschen machten. Daneben kommen allerhand seltsame Theorien von Sekten und Geheimbünden zur Sprache, die sich Gedanken über Reinkarnation machten.
Ich habe diesen Roman sehr gern gelesen und empfehle ihn ohne Einschränkung Lesern, die sich für historische Romane interessieren.

Bewertung vom 03.12.2022
Feldpost
Borrmann, Mechtild

Feldpost


ausgezeichnet

Post aus schlimmen Zeiten
Im Kassel der 30er Jahre sind die Familien Kuhn und Martens miteinander befreundet – die Eltern ebenso wie die Kinder. Gerhard Kuhn äußerst sich in der Öffentlichkeit kritisch über die Nazis und muss schließlich mit seiner Frau das Land verlassen. Die Kinder Adele und Albert bleiben in Deutschland zurück. Gerhard Kuhn lebt zunächst in Frankreich und baut sich schließlich in Portugal eine neue Existenz auf. Hermann Martens hat es als Anhänger des Regimes leichter und nutzt seine Verbindungen, um seinen Sohn Richard vor dem Gefängnis zu schützen, als der sich durch seine verbotene Liebe in Schwierigkeiten bringt. Adele liebt Richard, aber ihre Liebe wird nicht erwidert. Dafür stehen sich Albert und Richard umso näher. Später wird Adele die an sie gerichteten Briefe Richards von der Front weiterleiten. 6o Jahre später überlässt eine fremde Frau diese Briefe zusammen mit Dokumenten über den Verkauf der Kuhn-Villa an die Familie Martens der Anwältin Cara Russo in einem Aktenkoffer in einem Kasseler Café. Caras Neugier ist geweckt. Sie geht der Sache nach, trifft Überlebende und rekonstruiert die Ereignisse von damals. Die letzten fehlenden Informationen bekommt der Leser in einem Epilog.
Mechtild Borrmann versetzt uns in eine finstere Epoche der deutschen Geschichte und erzählt von einer verbotenen Liebe, aber auch von Habgier, Verrat und Mord. Der Roman ist auch sprachlich hervorragend gelungen. Ich war schon vorher ein Fan der Autorin, und werde es mit Sicherheit auch bleiben. Eine uneingeschränkte Empfehlung für diese spannende Mischung aus Zeit- und Familiengeschichte.

Bewertung vom 22.11.2022
Als die Welt zerbrach
Boyne, John

Als die Welt zerbrach


sehr gut

Wie lebt es sich mit lebenslangen Schuldgefühlen?
“Als die Welt zerbrach“ ist die Fortsetzung von John Boynes berühmtem Roman “Der Junge mit dem gesteiften Pyjama“ aus dem Jahr 2006, den man kennen sollte, denn der Autor bezieht sich hier immer wieder auf Personen und Episoden aus dem Vorgänger. Im neuen Roman steht nicht der Bruder, sondern seine Schwester Gretel im Mittelpunkt. Sie ist inzwischen knapp 92 Jahre alt und lebt seit Jahrzehnten in ihrer Wohnung im vornehmen Londoner Viertel Mayfair. Nach dem Krieg floh sie mit ihrer Mutter von Polen nach Frankreich, wo sie schnell enttarnt wurden und in eine gefährliche Situation gerieten. Gretel lebte danach kurze Zeit in Australien, später dann dauerhaft in London, wo sie den Historiker Edgar Fernby heiratete und einen Sohn bekam. Inzwischen ist sie seit vielen Jahren Witwe. Ihr Leben gerät aus den Fugen, als ein Ehepaar mit Kind einzieht. Der 9jährige Henry erinnert sie an ihren Bruder Bruno, und ihre Vergangenheit droht ans Licht zu kommen. Ihr geliebter Vater war Kommandant von Auschwitz, und die Frage der Schuld hat sie ihr ganzes Leben lang gequält, auch ihre eventuelle Mitschuld am Tod des jüngeren Bruders. Jetzt bekommt sie schnell mit, dass der neue Mieter, der bekannte Filmproduzent Alex Darcy-Witt, Frau und Sohn schlägt und dabei erheblich verletzt. Wenn sie nicht handelt, macht sie sich wieder schuldig, aber kann sie den Jungen retten, ohne ihre eigene Sicherheit zu kompromittieren? Kann sie ihr Eingreifen als Buße für ihr Verhalten in der Vergangenheit rechtfertigen? Das Ende ist spektakulär und etwas unglaubwürdig und passt eigentlich nicht wirklich zum Charakter der Figur.
Mir hat der Roman dennoch gut gefallen, obwohl er nicht ganz an den Vorgänger heranreicht. Der Autor setzt sich gekonnt mit den dunkelsten Aspekten der menschlichen Natur auseinander und macht deutlich, dass das Vergangene nie vorbei ist und man sich ihm stellen muss. Ein empfehlenswertes, wichtiges Buch über ein finsteres Kapitel der deutschen Geschichte.

Bewertung vom 16.10.2022
Tohrus Japan
Nakamura, Tohru

Tohrus Japan


sehr gut

Japanisches Ambiente in (m)einer deutschen Küche
Ich besitze eine reichhaltige Kochbuchbibliothek und habe noch kein Kochbuch, das so ist wie "Tohrus Japan - Alles außer Sushi" des Sternekochs Tohru Nakamura. Das ausgesprochen ansprechende, mit attraktiven Fotos der verschiedenen Gerichte bebilderte Kochbuch aus dem Gräfe und Unzer Verlag ist von der Gestaltung her hervorragend gelungen. Der Leser erfährt sehr viel aus dem Leben des Sternekochs, und dieser nimmt dem Hobbykoch gleich in seinem Vorwort die Angst, dass man ein Profikoch sein muss, um mit unbekannten Gewürzen unbekannte Gerichte zu kochen. „Mut dagegen ist beim Kochen ganz essenziell.“ (S. 9) Da bin ich dabei. Das Rezeptregister ist bei diesem Kochbuch anders gegliedert, als man es sonst gewohnt ist. Die Unterteilung erfolgt nach den Zutaten, so z.B. Sesam, Ei, Koji, Reis, Katsuobushi und jeder Rezeptteil beginnt mit der Warenkunde. Dies ist ausgesprochen hilfreich, da in meiner Küche sehr wenig z.B. mit Koji - eine Art Schimmelpilzkultur - gearbeitet wird. Die 60 Rezepte sind beeindruckend, die Erklärungen zur Zubereitung sind gut verständlich, jedoch wie ich finde, nicht in Windeseile auf den Teller gezaubert. Hier sind erst umfangreiche Vorarbeiten notwendig, da einige Zutaten wie u.a. Hijiki-Algen oder Bonitoflocken bei mir nicht auf Vorrat liegen. Wenn man sich als Hobbykoch etwas Zeit nimmt, die Einkäufe gut plant und sich dann an das Nachkochen heranwagt, bin ich mir sicher, wird sehr schmackhaftes und ausgefallenes Essen auch zu Hause gut gelingen. Dieses etwas andere Kochbuch gefällt mir ausgesprochen gut.

Bewertung vom 01.10.2022
Die rätselhaften Honjin-Morde (eBook, ePUB)
Yokomizo, Seishi

Die rätselhaften Honjin-Morde (eBook, ePUB)


ausgezeichnet

Die Aufklärung der rätselhaften Honjin-Morde
Seishi Yokomizos im Original schon vor Jahrzehnten erschienener Roman “Die rätselhaften Honjin-Morde“ liegt nun erstmalig in deutscher Übersetzung vor. Die Geschichte spielt im Jahr 1937 in einem japanischen Dorf. Kenzo Ishiyanagi, der älteste Sohn der Witwe Itoko, heiratet die deutlich jüngere Lehrerin Katsuko. Die Hochzeit findet auf dem Anwesen der reichen Familie nach traditionellen Riten und untermalt von den Klängen der Koto statt. Dann passiert das Unvorstellbare: Mitten in der Hochzeitsnacht hört man aus dem Schlafzimmer der Brautleute im Nebengebäude nicht nur die Klänge der Koto, sondern auch furchtbare Schreie. Die Angehörigen verschaffen sich Zugang zu dem von innen verschlossenen Zimmer und finden das Paar in einer Blutlache tot auf seinem Bett. Es ist nicht erkennbar, wie sich jemand Zugang zu dem Zimmer verschaffen konnte, und im frischen Schnee vor dem Haus sind ebenfalls keine Spuren zu sehen. Der Onkel der Braut ruft seinen Freund Kosuke Kindaichi, einen begnadeten Detektiv, zu Hilfe. Dieser braucht keinerlei Hilfsmittel, sondern lediglich seinen Verstand, um den Hergang der Ereignisse zu rekonstruieren. Aufgeschrieben wird die ungewöhnliche Geschichte von einem Autor, der als Ich-Erzähler auftritt und Zugang zu allen Materialien hat. Er ist fasziniert sowohl von dem traditionellen Instrument der Koto als auch von dem Rätsel der Morde hinter von innen verschlossener Tür. Diese stellen ein eigenes Genre innerhalb der englischen und französischen Kriminalliteratur dar.
Ich habe die Lösung des Rätsels nicht erraten können. Der Roman hat mir sehr gut gefallen, vor allem, wie der Autor dem Leser trotz des geringen Umfangs die Figuren nahebringt und viele Details zur japanischen Lebensart und Kultur vermittelt. Die Darstellung ist knapp und präzise und vermeidet die weitschweifige Art des Erzählens, die mich in vielen europäischen und amerikanischen Krimis stört. Dieser Roman gehört zu den besten Büchern, die ich in diesem Jahr gelesen habe. Ich hoffe, es wird weitere Übersetzungen ins Deutsche geben.

Bewertung vom 01.10.2022
Der Sturm
Harper, Jane

Der Sturm


gut

Was geschah wirklich während des Sturms?
In Jane Harpers neuem Roman geht es um einen verheerenden Sturm und um ein Verbrechen in der Erzählgegenwart. Zwölf Jahre zuvor waren die Freunde Toby und Finn ertrunken, als sie versuchten, Finns Bruder Kieran zu retten. Gleichzeitig verschwand die 14jährige Gabby, Schwester von Olivia Birch. Die Menschen aus dem Ort gaben Kieran die Schuld an dem Tod der Männer genauso wie seine Eltern. Kieran verließ damals die Gegend und kehrt erst jetzt mit seiner Freundin Mia und ihrer kleinen Tochter vorübergehend zurück, um seine Eltern zu unterstützen. Man begegnet ihm noch immer mit Misstrauen und Ablehnung. Dann wird Bronte, eine junge Künstlerin, erwürgt am Strand gefunden. Bei den Ermittlungen hilft auch Detective Inspector Sue Pendlebury aus Hobart, die bald auf Ungereimtheiten bei der damaligen Untersuchung der Todesfälle und des Vermisstenfalls stößt. Ihr und allen Betroffenen ist klar, dass die Wahrheit nie ans Licht gekommen ist, ja sogar bewusst zurückgehalten wurde. Das soll sich jetzt ändern.
Kritiker bescheinigen diesem Roman atmosphärische Dichte und Vielschichtigkeit. Das kann ich nicht nachvollziehen. Dem Thriller fehlt es an Komplexität und durchweg an Spannung. Die Auflösung ist eher dürftig. Von dem Roman einer Erfolgsautorin erwarte ich nicht eine dermaßen weitschweifige, handlungsarme Darstellung, sondern überraschende Wendungen und einen überzeugenden Schluss. Die ersten drei Romane der Autorin haben mir wesentlich besser gefallen, vor allem “The Dry“. Schade.

Bewertung vom 24.09.2022
Die versteckte Apotheke
Penner, Sarah

Die versteckte Apotheke


ausgezeichnet

Plädoyer für ein selbstbestimmtes Leben

Sarah Penner erzählt in ihrem Roman “Die versteckte Apotheke“ auf zwei Zeitebenen die Geschichte von drei Frauen. Das verbindende Element ist die in Vergessenheit geratene Apotheke, die Nella Clavinger im 18. Jahrhundert von ihrer Mutter übernommen hat. Da der Mann, den sie liebte, ihr großes Leid zugefügt hat, beschließt sie, sich an ihm und an anderen Männern zu rächen, die ihren Frauen Gewalt in jeder Form antun. Damals konnte eine Frau ihren Mann nicht einfach verlassen oder sich scheiden lassen. Nella verkaufte nicht nur Medizin, sondern auch alle Arten von Giften, was sich schnell herumsprach. Lange blieb sie unentdeckt. Als jedoch die 12jährige Magd Eliza für ihre Herrin das bestellte Gift abholt, das die Geliebte ihres Mannes bei einem Fest töten soll, laufen die Dinge aus dem Ruder. Nella und Eliza müssen vor der Polizei fliehen.

Über 200 Jahre später fliegt Caroline Parcewell allein nach London, wo sie eigentlich mit ihrem Mann James den 10. Hochzeitstag begehen wollte. Kurz vorher hat sie entdeckt, dass ihr Mann eine Affaire mit einer Kollegin hat. Sie will nun allein herausfinden, wie sie mit der Situation umgehen soll. Dann schließt sie sich einer mudlarking-Gruppe an, die in der Themse nach alten oder wertvollen Dingen sucht, und findet im Uferschlamm ein altes Gefäß, das offensichtlich aus einer Apotheke stammt. Sie recherchiert in einer Bibliothek und mit Hilfe der Bibliothekarin findet sie immer mehr Details, die sie schließlich zu der verborgenen Apotheke führen. Bevor sie im versteckten Hinterzimmer das Zubehör und die Notizen der Apothekerin findet, hat sie mehrere Straftaten begangen, aber sie ist in ihrem Forschungsdrang nicht mehr zu bremsen. Immerhin ist sie studierte Historikerin. Durch ihre Recherchen wird ihr bewusst, in welchem Maße sie wichtige Seiten ihrer Persönlichkeit verdrängt und vergessen hat, welche Möglichkeiten sie unter dem Einfluss ihres Mannes ungenutzt ließ und wie sehr sie die Büroarbeit auf der Farm ihrer Eltern all die Jahre gelangweilt hat. Als ihr Mann um Versöhnung bemüht in London auftaucht, steht ihr Entschluss fest: Nie wieder wird sie ein fremdbestimmtes, angepasstes Leben führen. Nie wieder wird sie tun, was sie tun sollte, nur noch, was sie selbst tun will.

Der gut lesbare Roman enthält im letzten Teil unrealistische Elemente, die an Märchen erinnern, aber gut zum historischen Teil der Geschichte passen. Positiv bleiben mir die drei Frauenporträts – Nella, Eliza, Caroline – als Beispiel für Solidarität und Empathie unter Frauen im Gedächtnis. Mir hat der Roman gut gefallen, und ich empfehle ihn ohne Einschränkung.