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Bewertungen

Bewertung vom 19.08.2018
Kriegslicht
Ondaatje, Michael

Kriegslicht


ausgezeichnet

Michael Ondaatje, Kriegslicht, Hanser Verlag 2018

Nathaniel und seine Schwester Rachel werden mitten in der Pubertät 14- bzw. 16-jährig von ihren Eltern in der Obhut des »Falters« in London zurückgelassen. Michael Ondaatje erzählt in »Kriegslicht« die Geschichte der geschwisterlichen Suche nach Orientierung und Geborgenheit. Dabei erzeugt er Spannung durch eine Atmosphäre der Unsicherheit. Nichts ist so wie es im ersten Moment scheint. Mutter Rose ist keine fürsorgliche, beschützende Mutter, der Vater nicht nur – wenn überhaupt – der Asienchef von Unilever, der »Falter« kein Ersatzvater im herkömmlichen Sinn. Erst in den vielfältigen Rückblenden erfährt der Leser peu à peu etwas mehr über die Handelnden, aber nie so viel, dass sie wirklich für ihn fassbar werden. Jeder der Protagonisten birgt noch am Ende dieses zutiefst poetischen Romans seine Geheimnisse. Die Charakterisierungen bleiben gewollt bruchstückhaft, vage. Selbst die Eigennamen der Beteiligten sind uneindeutig: Rose/Viola, Nathaniel/Stitch, Rachel/Wren, der Falter/Walter etc. Die Schilderungen des Ich-Erzählers Nathaniel sind konkret wie fiktiv: So hat/könnte es sich zugetragen haben. Auf der Suche nach »irgendeiner Version der Wahrheit« bleibt Nathaniel bei all seinen akribischen Vergangenheits-Recherchen letztlich geschädigt in einem Hortus conclusus in Suffolk und in einem ebenso abgeschlossenen Arbeitsplatz im Archiv des britischen Geheimdienstes gefangen. An diesen Orten findet er die Sicher- und Geborgenheit, die er als Jugendlicher durch die Abwesenheit der Eltern nicht erfahren hat. In seinem Bemühen, »Licht« in die Aktivitäten seiner Mutter Rose während des Zweiten Weltkriegs und in der Nachkriegszeit zu bringen, geht ein vorstellbares eigenbestimmtes Leben zusammen mit seiner Freundin Agnes/Sophie an ihm vorüber. Er existiert nur im Irrgarten des Lebens seiner Mutter, wie er selbst einräumt.
Genial in seiner Beherrschung der Sprache , die die Übersetzerin Anna Leube gekonnt umsetzt, waren einzelne Episoden so beeindruckend, dass ich, nachdem ich den Roman zu Ende gelesen hatte und die Gespanntheit auf das Ende befriedigt war, am nächsten Abend wieder von vorne zu lesen begonnen habe. Episoden wie die Unterhaltung zwischen Harry Nkoma und Mrs Rafferty oder der gesottene Ziegenkopf, den der »Boxer« und die sympathische autarke Olive Lawrence verzehren, oder die Nachtspaziergänge von Rachel, Nathaniel und Olive Lawrence über die bewaldeten Hügel von Streatham, und nicht zu vergessen die Muschelbootfahrten auf der Themse und den angrenzenden Kanälen – dies alles werde ich lange in Erinnerung behalten.
»Kriegslicht« oder »Warlight«, wie der Titel im Original lautet, meint die nächtliche Verdunklung. Und das schafft Ondaatje. Eher als dass Klarheit in den sich entwickelnden Geschichten der Protagonisten einkehrt, bleibt das Vage, Geheimnisvolle, Unklare vorherrschend.
Fazit: »Kriegslicht« ist ein nachhaltiges Leseerlebnis eines genialen Autors unter dem Motto »Menschen sind nicht die, für die wir sie halten, und sie sind auch nicht dort, wo wir sie vermuten.«