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Bewertungen

Insgesamt 214 Bewertungen
Bewertung vom 26.08.2025
June, Joana

Bestie


gut

Kann mensch das eigene Leben hinter sich lassen und woanders unter einem anderen Namen für einen Neustart das Leben auf Reset pressen?

Dieses Experiment spielt die Autorin Joana June in »BESTIE« durch: Delia zieht als neue Mitbewohnerin Lily bei Anouk in die Hamburger WG und will Drehbuchautorin werden. So weit so gut, wenn nicht das ABER käme: Beide Girls haben Hidden Agendas. Das ist grundsätzlich OK, aber wie sehr Inszenierung und Lügen uns und anderen schaden können, das wird in BESTIE schnell deutlich.

»Waren wir schlechte Menschen? Schlampen, Hexen, Bestien, ist es das, was ihr über uns denkt? Oder haben wir nur getan, was wir glaubten, tun zu müssen, um euch zu gefallen? Um der anderen zu gefallen? Um ihm zu gefallen?
Bevor wir gelogen haben:
Wurden wir nicht zuerst belogen?« (S. 292)



BESTIE ist ein Buch über Freundinnen, Solidarität, Selbstfindung, und auch über Obsession, Kontrollzwänge, Content Creator*innen, Neid, Konkurrenz und, was es bedeutet als Frau im Patriarchat aufzuwachsen.

Ich vermute, dass ich nicht mehr zur Zielgruppe von BESTIES passe und das ist OK. Mir persönlich war die Story insgesamt zu oberflächlich, die Message nicht klar genug und die Charaktere blieben bis zum Ende zu unauthentisch. Dennoch war der Schreibstil und auch die Sprache eine Freude zu lesen und das Cover mit dem Titel sind großartig 🔥 Ein Buch, dass sicherlich viele abholen kann, die selbst in den Zwanzigern struggeln und eine kurze Pause von ihrem Leben und Bock auf literarisches Drama haben. Pluspunkte gab’s definitiv für das tolle Setting in Hamburg 🩷



[2.5 / 5 ★ ]

Bewertung vom 21.08.2025
Erdmann, Kaleb

Die Ausweichschule


sehr gut

»Nach einem halben Jahr des Schreibens weiß ich immer noch wenig über meine eigene Motivation, aber ich weiß, dass ich nichts aus dem Amoklauf lernen will, weil er kein Schulbuch, kein Schaubild, kein Merksatz ist, dass ich nichts aus ihm schöpfen will, denn er ist kein Waschbecken und kein Brunnen, sondern ein reales Ereignis, in dessen Folge heute siebzehn Menschen nicht mehr leben.« (120)

Kaleb Erdmann setzt sich in seinem neuen Roman »DIE AUSWEICHSCHULE« intensiv mit dem 2002 passiertem Amoklauf in Erfurt auseinander. Er selbst war damals Schüler des Gutenberg-Gymnasium und hat eigene Erinnerungen an diesen schrecklichen Tag. Doch wie valide sind seine eigenen Erinnerungen? Und wie kann mensch einen Roman über dieses Ereignis schreiben, das diesem gerecht wird? Warum all das aufschreiben und zu einem Roman verdichten? Als Lesende begleiten wir den Autor dabei, wie er genau bei diesen Fragen struggelt, wie er zwischen Nachforschung, Therapie, Schreiben und Leben diesen Roman verfasst. Ein auf vielen Ebenen anspruchsvolles Unternehmen, das er auf sehr reflektierte, emphatische, bewegende Weise.

Sein Debüt »wir sind pioniere« war nicht nur vom Inhalt und Stil so ganz anders als dieser zweite Roman, der BTW für den Deutschen Buchpreis 2025 nominiert ist (Herzlichen Glückwunsch !). Umso beeindruckender ist das Schreiben und Können dieses Autors. Grosse Empfehlung für diesen starken Roman, der kein easy peasy read ist, aber dafür umso aktueller und wichtiger ist!

Bewertung vom 21.08.2025
Dröscher, Daniela

Junge Frau mit Katze


sehr gut

»Ich kannte das von meinen Burn-outs. Am Anfang nahmen alle gebannt Anteil. Den mühsamen Weg der Rekonvaleszenz aber wollten die wenigsten begleiten. Schlimmer noch war, wenn jemand partout nicht gesund werden wollte. Wer krank war, störte den Lauf der Dinge. Wer krank war, arbeitete nicht, und wer nicht arbeitete, verweigerte den Takt, den unermüdlichen Rhythmus des Alltags.« (99)

Daniela Dröscher hat eine wunderbare Beobachtungsgabe für Gefühle / Interaktionen / Zwischentöne / Leben und zusätzlich, kann sie dies wahnsinnig gut in Worte fassen 🥵

Bereits in »LÜGEN ÜBER MEINE MUTTER« setzte sich die Autorin Daniela Dröscher intensiv mit ihrer Protagonistin Eva mit Tochter-Mutter-Beziehung auseinander. Jetzt ist ihr neuer Roman »JUNGE FRAU MIT KATZE« 🐈 erschienen, in denen wir die Struggles der Protagonistin Ela mit ihrer Promotion, Leistungsdruck, Burnout und (psychischer) Gesundheit sehr intensiv erleben. Gekonnt schafft Dröscher es, die Gefühle, das Unwohlsein, die Unzufriedenheit mit dem Gesamtzustand zu fassen und zu transportieren. Als Lesende verzweifelt man an Ella und ihren Entscheidungen und kann dennoch mitfühlen 🥵 Diese individuelle Auseinandersetzung mit unserer Leistungsgesellschaft, Entkoppelung von der eigenen Mutter, Burnout, Odyssee im Gesundheitssystem und der Tatsache, wenn der Körper nicht so funktioniert, wie wir es wollen; ist gleichzeitig eine pointierte gesellschaftliche Kritik, die auf Strukturen die über das Individuum hinausgehen aufmerksam macht. Dies macht den Roman so vielschichtig und relevant.

»Viel zu selten, dachte ich, betrachtete man Hilfe als eine Währung, die sich exponentiell auszahlte. Das, was man gab, bekam man tausendfach zurück, wenn auch nicht unbedingt von der Person, die der Hilfe bedurfte. Aber von anderer Seite. Hilfe war ein Wert an sich. Menschen halfen einander bereitwillig, davon war ich überzeugt, solange man sie nicht nötigte oder über Gebühr strapazierte.« (149)

Daniela Dröscher gibt im Interview an, dass sie für ihre Romane aus ihrer Biografie schöpft. Diese Autofiktion (wie viel Fiktion und wie viel Autobiografie bleibt dabei zurecht offen) macht ihr Schreiben aus und so nahbar und mehrdimensional. Und die Message dieses Romans geht direkt ins Herz: Dass das Schreiben Ela rettet. 💜 Ich kann diesen Roman, wie das Schreiben von Daniela Dröscher im Gesamten sehr empfehlen. 🫰🏼

Bewertung vom 19.08.2025
Keskinkiliç, Ozan Zakariya

Hundesohn


ausgezeichnet

»Er wird mich vergessen, so wie er mich jedes Mal vergisst, nachdem er mich erst verschlungen und dann ausgespuckt und wiedergekäut hat, wenn ihm langweilig ist und er jemanden braucht, der ihn braucht. Und er weiß, ich brauche ihn. Niemand ist ihm gleich.« (16)

Wenn Zeko in Berlin Männer kennenlernt, zur Uni / Therapie / Moschee / Kirche geht, seine beste Freundin Pari trifft, Kafka liest oder in seiner Wohnung masturbiert, denkt er jedes Mal an diesen EINEN: Hassan, der über 3.000 km entfernt in Adana (Türkei) lebt, und den sein Dede immer nur »Hundesohn« nannte. Wie ein Mantra sagt sich Zero während des gesamten Sommers, dass er Hassan in wenigen Tagen wiedersehen wird:

»In neun Tagen werde ich Hassan wiedertreffen, diesen Hundesohn. Beim letzten Mal haben wir uns gegenseitig die Leberflecken gezählt, das ist ein Jahr her.« (13)

Dazwischen erinnert er sich an seine Eltern, seine Kindheit, das Aufwachsen in Berlin 🐻🪩 und die Sommer in Adana 🇹🇷 — der Heimat der Eltern — , in denen er die Zeit mit seinem Jugendfreund Hassan verbringt.

»HUNDESOHN« 🐕🐺 von Ozan Zakariya Keskinkılıç ist eine krasse Lovestory, die ihren ganz eigenen Sound und Plottwists hat. Ein hervorragendes Spiel mit Sprache, Erinnerungen und Wiederholungen, das sich so leicht liest, dass es anders hittet ist 🥵 Was da zwischen dem Verzehren nach Hassen, zwischen den Zeilen von Alltagsrassismus, Ausgrenzung, Homophobie, Zugehörigkeit oder Fremdheit, Zerrissenheit, Sehnsucht, Freundschaft, Kultur, Sprache und Sprachverlust erzählt wird.

»Baba sagt immer, bir lisan, bir insan. Iki lisan, iki insan. Eine Sprache, ein Mensch. Zwei Sprachen, zwei Menschen. Das bedeutet, je mehr Sprachen du sprichst, desto größer ist deine Welt, desto mehr bist du.« (24)

»HUNDESOHN« ist eine Liebesgeschichte, die so viel mehr ist: Eine Liebeserklärung an die beste Freundin Pari, eine Suche nach der eigenen Zugehörigkeit & Sprache, eine queere Lovestory mit einer Zerrissenheit, die auf jeder Seite spürbar ist (💔), ein Erinnern und Sehnsucht einer großen Liebe. Herzensempfehlung für diesen Roman, der mich sehr berührt hat und in dem ich mir so viele Sätze angestrichen habe 🔥



P.S.: Fans von Kafka 🪲 werden die Anspielungen und Bezüge lieben 🫰🏼

Bewertung vom 18.08.2025
Schoeters, Gaea

Das Geschenk


gut

»Ihr Europäer wollt uns vorschreiben, wie wir zu leben haben. Vielleicht solltet ihr einfach mal selbst versuchen, mit Megafauna zurechtzukommen. Deshalb habe ich mich dazu entschlossen, Deutschland zwanzigtausend Elefanten zu schenken. Wenn alles geklappt hat, müsste mein Geschenk mittlerweile in Berlin angekommen sein.« (34)

Schon in ihrem ersten Roman »TROPHÄE« 🦏 legt die niederländische Autorin Gaea Schoeters den Finger in gesellschaftliche Wunden und verhandelt moralische Prinzipien. Mit ihrem neuen Roman »DAS GESCHENK« 🐘 macht sie ein etwas dystopischeres Szenario auf, in dem Deutschland 20.000 Elefanten als ›Geschenk‹-Reaktion auf ein Gesetz erhält, dass in Afrika für große Probleme (man könnte sagen: Elefanten-große Probleme) sorgt und wieder einmal unterschiedliche Maßstäbe an die Welt legt. Es geht um globale Auswirkungen, Klima-Krise, unsere Politik, den Umgang mit Krisen und Wildtieren 🐘, Widersprüchlichkeiten und der Unfähigkeit von unserem politischen System langfristige Lösungen unabhängig von Legislaturperioden zu schaffen.

Ich finde toll, wie kritisch Gaea Schoeters Schreiben ist und bin gleichzeitig erschrocken darüber, wie unsere Gesellschaft funktioniert. Dennoch hätte ich mir noch etwas mehr Tiefgang & Fakten gewünscht und hätte stattdessen auf spicy Szenen verzichten können, die mir für die Story einfach gar nichts gegeben haben. Vielleicht hatte ich nach »TROPHÄE« 🦏 zu hohe Erwartungen, ganz begeistern konnte mich dieser neue Roman leider nicht (auch wenn ich es mir sehr gewünscht hätte). Nichtsdestotrotz ein guter Roman!

Bewertung vom 03.08.2025
Kuhn, Yuko

Onigiri


ausgezeichnet

»Wenn ich jammere, unsere Familie sei so verkorkst, sagt meine Mutter entscheiden, alle Familien hätten Probleme.« (85)

In »ONIGIRI« 🍙 reist die ich-Erzählerin Aki ein letztes Mal mit ihrer Demenz-erkrankten Mutter Keiko in deren Heimatland Japan 🇯🇵. In der Hoffnung, dass ihre Mutter sich an ihr Leben vor der Emigration nach Deutschland erinnert und die gemeinsame Reise die Mutter-Tochter-Beziehung neue Erinnerungen schafft. Die Erzählung wechselt zwischen Szenen und Sequenzen aus dem Aufwachsen von Aki mit ihrer japanischen Mutter in Deutschland und der Jetzt-Erzählung. Aus diesen Rückblicken und Erinnerungen wird deutlich, wie sehr die Heimatlosigkeit der eigenen Mutter auch die Tochter beschäftigt und wie sehr sie sich zwischen den Kulturen gefühlt hat. Da sind so viele Differenzen im Leben von Aki und ihrem Bruder Kenta: Zwischen ihren Eltern, zwischen dem Aufwachsen bei ihrer Mutter und den langen Ferien bei ihren deutschen, wohlhabenden Großeltern …

»ONIGIRI« 🍙 von Yuko Kuhn ist ein berührender, feinfühliger und reflektierender Roman über Mutter-Tochter-Beziehung, den Umgang mit Demenz der eigenen Mutter, aber auch die Differenzen mit der eigenen Mutter. Es ist ein ruhiger Roman, dessen Erzählweise gerade durch diese tiefe Ruhe umso mehr trifft, wenn Sätze fallen, die den Schmerz zwischen den Zeilen erkennen lassen. 💔 Es ist dabei auch ein versöhnlicher Roman, der viel Verständnis hat und bringt und zeigt, dass es auf die Perspektive ankommt.

Ich bin sehr gespannt, was wir von dieser Autorin noch lesen werden und kann gar nicht glauben, dass dieser Roman ein Debüt ist. Große Leseempfehlung ❤️

[4.5/5 ☆]

Bewertung vom 29.07.2025
Rubik, Kat Eryn

Furye


ausgezeichnet

»Wir lachten weg, was grabesschwer in uns lag. Lachten sie alle aus. All jene, die uns verletzt hatten. Mit ihrem Dasein oder ihrem Fehlen. Aber am meisten wohl uns selbst.« (305f) 💔

Der Sommer der Furien — an diesen erinnert sich die Ich-Erzählerin, die wir als Alec kennenlernen und im Heute als erfolgreiche Musikmanagerin Karriere macht. In abwechselnden Kapiteln (BTW: in unterschiedlichen Fonts geschrieben — sehr nice 🤌🏼) erfahren wir mehr über Alec’s jetziges Leben & Struggels und D I E S E N einen Sommer, der flirrend heiß ist. Dieser Sommer, der 20 Jahre her ist und für drei Freundinnen alles verändern wird — das erahnen wir als Lesende schnell. In Anlehnung an die drei Furien — aka Rachegöttinnen — hat Meg die drei Besties in Alec, Meg & Tess benannt und will Gerechtigkeit in a men’s world. Und dann ist da noch Romain, ein gutaussehender, smarter, richer Einzelgänger, der eine wandelnde Red-Flag ist 🚩, und der für Alec weit mehr als ein Crush wird … Was hat dieser Sommer mit der heutigen Alec zu tun, die nicht weinen kann und ihre Mutter auf Abstand hält? Check it out 🔥

»Der Deal ›Ich bringe Karriere und Geld, Du kriegst das Kind‹ funktioniert eben nur in eine Richtung.« (232)

Ich sag’s , wie es ist: Ich habe diesen Roman aufgeschlagen, begonnen und erst wieder zur Seite gelegt, als ich die letzte Seite beendet habe. 🥵 Dieser Roman hat mich sehr berührt, die Vibes habe ich sehr mitfühlen können und auch, wenn ich einige Entscheidungen überhaupt nicht antizipieren konnte, habe ich jede Seite geliebt. ❤️‍🔥

»FURYE« erzählt nicht nur eine Coming-of-Age & Love-Story, die es in sich haben, sondern die Autorin Kat Eryn Rubik hat viele weitere Themen aufgegriffen: Friendship, Selbstfindung, Mutterschaft, Kinderwunsch, Familie, soziale Ungleichheit, Klassismus, Patriarchat, 90ties/2000er Teenie-Zeit mit all den Red Flags und Dingen, die wir damals hingenommen haben, obwohl sie natürlich krass waren. 😮‍💨 Rubik versteht es, die Erzählstränge nach und nach zusammenzuführen. Ich habe mir so viele Stellen markiert, weil der Schreibstil und die Sätze einfach krass gut sind. 💎

Große Herzensempfehlung ❤️‍🔥 und ganz große Liebe für dieses großartige Cover von Ana Cardoso. 🩵💚

Bewertung vom 22.07.2025
Szántó, Henrik

Treppe aus Papier


weniger gut

»In dem Augenblick, den du Gegenwart nennst, leben in uns sechzehn Personen, aufgeteilt auf acht Parteien.« (S. 24)

Ich glaube, ich habe noch nie einen Roman aus Sicht eines Mehrfamilienhauses gelesen. 👀 DAS ist eine wirklich coole Erzählperspektive und großartige Idee! Und jetzt kommt leider das ABER: Aber es waren mir leider zu viele Themen gewollt, die der Roman für mich nicht umsetzen konnte. Die Grundthematik — die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und dem Verdrängen der eigenen Rolle bzw. der eigenen Familie in diesem System — ist wichtiger denn je, aber dieses Thema hätte noch viel stärker in den Fokus gestellt werden können, wenn da nicht 1-12 Nebenschauplätze aufgemacht worden wären (z.B. Queer-Awakening, CoA-Story, Familiendrama, etc.). Side Note: Zumal ich es wirklich leid bin, weibliche Protagonistinnen von Männern geschrieben zu lesen. Warum hätte mensch nicht aus der Perspektive schreiben können, mit der sich selbst identifiziert wird? Das wäre für mich viel authentischer und glaubwürdiger. So war die Lovestory zwischen Nele und Laura für mich vor allem eins: konstruiert und abstrakt. Der Austausch zwischen Irma und Nele fand ich gut ausgearbeitet und passend zur Storyline.

»TREPPE AUS PAPIER« von Henrik Szántó ist ein Roman, der wichtig & richtig den Nationalsozialismus und die Rolle der Bevölkerung sowie unsere Erinnerungskultur kritisiert. Für mich hat der Roman aber zu viele Nebenstränge, die nicht genutzt werden und sich dadurch kein stimmiges Gesamt-Konstrukt ergibt.

»Man muss für die richtige Sache einstehen, unabhängig vom Ergebnis. Mutlosigkeit ist Verrat an der eigenen Menschlichkeit.« (S. 149)

Bewertung vom 13.07.2025
Sauer, Anne

Im Leben nebenan


sehr gut

»Während Toni sich durch die Tristesse ihres Tages wühlt, wird nebenan gelebt. Gearbeitet, geschafft, gepflegt, gegessen, geliebt und gevögelt, gestritten und gelacht.« (187)

»IM LEBEN NEBENAN« hat Anne Sauer (aka @fuxbooks) das Game: ›Wie sähe mein Leben aus, wenn ich mich damals an der entscheidenden Lebensstelle für X entschieden hätte?‹ perfektioniert. X ist hier: Die Heimat und die erste große Liebe nicht für ein Studium und Leben in einer Metropole verlassen zu haben (= Toni’s Leben), sondern genau dieses andere Leben weitergelebt und jetzt ein Baby zu haben (= Antonia’s Leben). Wir lesen parallel zwischen Toni’s Leben, wie es als Achterbahn der Gefühle weiterverläuft, und Antonia’s Leben, DEM ›falschen‹ also dem Leben nebenan mit Baby 👶 und Ehering 💍, in dem Toni überraschend aufwacht.

»Frausein ist immer zu viel von allem, was weißt du schon davon, wie viel ich in mir rumtrage und ertrage.« (129)

Toni’s und Antonia’s Leben prägen beide auf ihre jeweilige Weise Erfahrungen, die vom Patriarchat, Mutterschaft, Kinderwunsch, Alltag, Frau-Sein & Partnerschaft geprägt werden. Es geht um, gesellschaftliche Normen und Erwartungen, Verlust, Selbstermächtigung, (widersprüchliche) Gefühle, (Lebens-)Entscheidungen, Liebe, Feminismus und das Ankommen — im eigenen Leben.

»Niemand sieht ihr Lächeln.
Sie ist nicht alleine, sie ist nur für sich.« (233)

Anne schreibt einfühlsam, ruhig, mit Humor & Sarkasmus an den passenden Stellen und viel Gefühl darüber, dass das Leben eine Aneinanderreihung von Entscheidungen & Entwicklungen ist. Manche davon können wir selbst treffen, mit manchen werden wir konfrontiert und müssen das ›Beste‹ daraus machen. Egal wie das aussieht — es bleibt unser Leben ❤️ und vielleicht hilft uns, dass WAS-WÄRE-GEWESEN-WENN-Game manchmal aus der Realität zu entfliehen oder, sie so zu verändern, wie wir sie uns wünschen. Ein moderner Roman, der viele aktuelle Themen aufgreift. Mir persönlich bleibt er an einigen Stellen ein wenig zu oberflächlich, ich hatte manchmal das Gefühl: Da steckt noch mehr drin, aber vielleicht wollte das hier einfach nicht erzählt werden. Und das ist OK. Als Anne-Sauer-Fangirl gibt’s eine Herzensempfehlung von mir für dieses einfühlsames Romandebüt.

BTW: Was für ein Wahnsinns-Cover ❤️‍🔥

Bewertung vom 07.06.2025
Hughes, Siân

Perlen


weniger gut

»Ich weiß, auch dafür gibt es ein Wort. Bagatellisierung. Viel einfacher als völlige Verleugnung. Verleugnung erfordert die Fähigkeit, die selbst wahrgenommenen Primärdaten einfach wegzuschieben. Beim Bagatellisieren kann man sie sehen und hören und muss sie dann nur in eine weniger dramatische Kategorie einordnen.« (S. 78)



Als die Protagonistin Marianne ein 8-jähriges Mädchen ist, verschwindet ihre Mutter während ihrer kurzen Ruhepause vom Alltag und lässt die Tochter, das kleine Baby Joe und den Vater zurück. ›Wie konnte ich sie verlieren und nicht wiederfinden?‹ — diese Frage begleitet Marianne durch ihre Kindheit, Jugend, als Erwachsene und schließlich als sie selbst Mutter ist noch immer. In Fragmenten blickt sie auf ihr Leben zurück und mäandert in ihren bruchstückhaften Erinnerungen, die ihr langsam bei der Lösung des Rätsels helfen.

»PERLEN« von Siân Hughes (übersetzt von Tanja Handels) erzählt in der Rückblende vom frühen und rätselhaften Verlust der eigenen Mutter; der Aufarbeitung dessen und Trauerarbeit, die ein Leben lang andauert.

Obwohl dies ein sehr emotionales Thema ist, die düsteren Kinderreime und -Lieder zu Beginn der Kapitel die Stimmung des Romans untermauern, die Natur authentisch beschrieben wird, bleibt mir die Protagonistin fremd und ich finde keinen Zugang zu diesem Roman. Ja, es gibt poetische Passagen und lebenskluge Sätze, die zum Nachdenken anregen können. Aber dennoch lässt mich »PERLEN« unberührt und mit unbefriedigenden Fragezeichen zurück, die vielleicht auch gewollt sind. Mich konnte der Roman leider nicht begeistern, aber die vielen anderen Stimmen sprechen für den Roman. Ein CN zu Beginn wäre angemessen. Wer sich mit Trauma- & Trauerarbeit sowie psychischer Erkrankung auseinandersetzen möchte, findet hier sicherlich einen möglichen Weg dafür.

[2.5/5 ☆]