Benutzer
zu den Top-Rezensenten

Benutzername: Birkatpet
Wohnort: Wesseling
Über mich:
Danksagungen: 8 (erhaltene)


Bewertungen

Insgesamt 85 Bewertungen
Bewertung vom 12.10.2021
Barbara stirbt nicht
Bronsky, Alina

Barbara stirbt nicht


ausgezeichnet

Walter Schmidt, ein misanthropischer, alter Kauz, genießt sein sorgloses Rentendasein mit seiner Gattin und Schäferhund Helmut....bis eines morgens seine Frau Barbara nicht mehr aufsteht und das gab es in 52 Ehejahren noch nie.

Was Barbara hat und wieso Walter sie morgens auf dem Badezimmerboden statt im Bett findet, weiß er nicht, aber es ist auch nicht der richtige Zeitpunkt sich direkt um die Ursache und möglichen Gründe den Kopf zu zerbrechen, denn die Kaffee-und Frühstücksfrage ist viel dringlicher. Denn egal was Barbara hat, nur mit Essen und Getränken kann sie fit werden, glaubt Walter. Ärgerlich ist allerdings, dass Walter weder weiß wo er in der Küche Kaffee findet, geschweige denn wie man überhaupt welchen kocht.

Barbara geht es auch in den nächsten Tagen nicht besser, sie schläft viel, isst kaum, ist sehr schwach und sogar die mittlerweile erwachsenen Kinder kommen vorbei um nach der Mutter zu sehen, begleiten sie zum Arzt und machen sorgenvolle Gesichter. Walter interessieren Diagnosen nicht, denn er ist sich sicher...Barabara ist robust, Barabara stirbt nicht, solange sie nur isst und entdeckt so aus der Sorge heraus einen bekannten Fernsehkoch, wird auf Facebook aktiv und verfolgt jede Sendung und alle Tricks.

Alina Bronsky nimmt Leser*innen mit auf eine ganz besondere Reise, einer Reise, die vor Augen führt, dass es nie zu spät ist die eigene Komfortzone zu verlassen, es 'nur' den richtigen Anlass/Auslöser braucht und dann alles seinen Lauf nimmt, das Leben ein Fluss ist.

Dieser Roman hat mich sehr berührt, mit einem lachenden und weinenden Auge zurückgelassen. Die Figuren sind zum Greifen nah, lebendig, bunt gezeichnet. Besonders der Held des Romans, Walter, ist, von außen betrachtet der personifizierte Eisblock und Ekel, intolerant, dogmatisch, rassistisch, engstirnig und kein Menschenfreund, aaaaaaber bei ihm verhält es sich wie mit so manch einem Roman, der Schutzumschlag vermag nicht zu offenbaren, was einen zwischen den Buchdeckeln erwartet.

Definitiv ein Highlight und ganz klar nicht mein letzter Roman dieser Autorin. Urkomisch, herzerwärmend, emotional und besonders. Unbedingt lesen.

Bewertung vom 22.05.2021
Die Beichte einer Nacht
Philips, Marianne

Die Beichte einer Nacht


ausgezeichnet

"Ich möchte gern mit einem anderen Menschen reden, selber höre ich ja meine Stimme und meine Worte, aber heute kann ich es nicht ertragen, dass sie ungehört zu mir zurückkommen,..."
Diese Worte richtet Heleen, eine Patientin und die Protagonistin dieses Romans eines Nachts an die Nachtschwester in der Klinik, in welcher sie seit 7 Monaten in dem großen, bewachten Saal liegt und auf Entlassung oder Verlegung in die Nervenheilanstalt wartet. Chronologisch beginnt Heleen in der Kindheit, als älteste Tochter einer sehr kinderreichen und dem protestantischen Glauben verbundenen Familie aus armen Verhältnissen, der Stubenwagen war nie lange leer und die Arbeiten zur Unterstützung der Eltern wurden immer mehr. Der Ausbruch aus diesen engen, bedrückend familiären Verhältnissen gelingt ihr bereits sehr früh, in junger Jugend beginnt sie als Näherin und das mit viel Talent. Durch sehr gute Leistungen, Mut und Glück erzielt sie einen Jobwechsel, auch ihre Schönheit und Anmut wirken dabei hilfreich und es folgt die Begegnung mit ihrem zukünftigen Mann. Sie verlässt die Familie trotz düsterer Prophezeiung durch den Vater und beginnt ein Leben in finanziellem Wohlstand. Wenig später nimmt sie ihre jüngste Schwester, Lientje, bei sich und ihrem Mann auf, da die Eltern sehr krank sind und schließlich versterben. Es ist jedoch nicht alles Gold, was glänzt und eines Tages tritt Hannes in ihr Leben und die Fahrt in ein großes Drama nimmt ihren Lauf.

Dieser Roman hat mich eiskalt erwischt und eine intensive Lesezeit geschenkt. Eine Pause und das Buch beiseite legen war fast unmöglich, denn Heleen erzählte mir ihre Geschichte, durch die Ich-Erzählung schlüpfte ich in die Rolle der Nachtschwester und immer wenn diese ihre Handarbeitssachen, die sie für die Schicht mitgebracht hat, beiseite legen wollte, waren es Passagen in denen ich versucht war auch kurz zu unterbrechen, aber ausser einer Nacht um selber zu schlafen war es nicht möglich Heleen's eindringliche Worte zu unterbrechen.
"Nein, bitte legen Sie die Näharbeiten nicht weg. Lassen Sie mich bitte noch ein bisschen bei Ihnen sitzen,...."
Der Stil hat mich begeistert und mitgenommen durch die erzählten Jahre Heleen's, atmosphärisch sehr dicht, alles greifbar, sehr bildstark und Heleen spürbar.
"Können Sie sich vorstellen, dass ich jetzt am liebsten den Kopf auf die Tischplatte legen würde, Schwester, um zu weinen, alle Tränen zu weinen, die ich in meiner Kindheit zurückgehalten habe?..."
Die Sprache sehr klar, flüssig, ergreifend, präzise, bildhaft und teils poetisch.
Die Geschichte erzählt das Leben einer Frau, eines Menschen, der irgendwann falsch abgebogen ist, deren Entscheidungen irgendwann Konsequenzen hatten, die ihre Seele nicht verkraften konnte und sie krank machten und schließlich zu einem großen, unfassbaren Unglück führten.
Der Roman ist in vielen Zügen autobiografisch, beeinflusst vom Leben der Autorin, was im Nachwort erklärt wird. Geschrieben und veröffentlicht wurde er bereits 1930, dann verboten und nun wollte die Enkelin ihrer Großmutter wieder Gehör schenken.
Gelungen und mir eine intensive, alles um mich herum vergessende Lesezeit geschenkt, zwei lange, ruhige, dunkle Abende, eine Erzählerin und ein ganzes Leben.

Bewertung vom 16.01.2021
Der Schrei der Eule
Highsmith, Patricia

Der Schrei der Eule


ausgezeichnet

Robert Forester fährt fast täglich mehrere Kilometer um die junge Jenny Thierwolf durch die Fenster ihres Hauses zu beobachten. Dass er Jenny entdeckte war ein Zufall, bewusst war er nicht auf der Suche nach einer Frau als Beobachtungsobjekt. Vom ersten Augenblick ist er fasziniert und sie ist für ihn der Inbegriff von Häuslichkeit, Ruhe, Harmonie und Lebensfreude, all jene Dinge, die ihm seit seiner Scheidung fehlen. Manchmal glaubt sie im Garten Geräusche zu hören und ihr Verlobter Greg, der an einigen Abenden Jenny besucht, durchforstet das Grundstück, jedoch zunächst ohne Erfolg. Dieses Spiel fliegt dennoch irgendwann auf, Jenny entdeckt Robert an einem Abend, an dem sie alleine ist, doch statt ihn für einen Psychopathen zu halten und die Polizei zu rufen bittet sie ihn in ihr Haus und bietet ihm einen Tee an und dies bleibt nicht ohne Folgen….

Patricia Highsmith nimmt uns mit in die 60’er in die Umgebung von Philadelphia. Als Leser*in wird man direkt in die Geschichte geworfen, ohne große Vorgeschichte oder Vorstellung der Personen. Robert hat Dienstschluss und kann der Versuchung nicht widerstehen zu Jenny’s Haus zu fahren. In großer Sehnsucht und Hoffnung, sie möge zuhause zu sein und Hausarbeiten verrichten um sie dabei beobachten zu können. Jenny liebt ihr Leben, genießt ihre Unabhängigkeit, die regelmäßige Zeit mit Greg, wenn sie auch anders als er keinen Wunsch nach Ehe hat und vor allem liebt sie ihr Haus. Für Robert scheint Jenny ein Ausgleich, seine Scheidung ist dreckig, raubt ihm Zeit und Nerven, Lebenslust und -freude hat er verloren und glaubt durch die heimliche Zeit mit Jenny diese wiederzufinden.

Die Autorin beschreibt die handelnden Personen, Situationen, Geschehnisse neutral, distanziert, beobachtend, wie durch eine Kamera. Diese Erzählweise gibt sehr viel Spielraum für Spekulationen, eigene Gedanken und vor allem entsteht viel Spannung. In dieser Geschichte überschreitet Patricia Highsmith eine gewisse Hemmschwelle, Gut und Böse sind nicht existent, weder (Vor-) Verurteilung, weder normal noch anormal. Sie arbeitet Schatten und Licht in Seelen und Herzen der einzelnen Personen brillant heraus.
Alles ist zu jedem Zeitpunkt offen, die Kamera, die Feder Highsmith’s, spielt mit Fokus und Belichtung, bis zum Ende. Kein Wort zu viel, keines zu wenig. Wie in einem reißenden Fluß war ich der Strömung des Romans erlegen und ein Entkommen unmöglich. Auch hier, in ihrem 8. Buch wieder hohe literarische Qualität!

Bewertung vom 16.01.2021
Ladies
Highsmith, Patricia

Ladies


ausgezeichnet

Die Kurzgeschichten in diesem Band sind noch vor 1951 und dem Durchbruch der Autorin geschrieben worden. Diese Stories fanden damals wenig Beachtung, sowohl von ihr selber, als auch vom potentiell Publikum, sie wurden in Schulmagazinen und Frauenzeitschriften veröffentlicht.
In “Ladies” hat der Diogenes Verlag nun 16 ihrer frühen Kurzgeschichten, darunter einige bislang unveröffentlichte, zu einer tollen Sammlung zusammengestellt. Erschienen im Oktober 2020, anlässlich des 100. Geburtstages der Autorin am 21. Januar 2021.
Alle zeichnen ein Porträt des Amerika in den 40’er Jahren und umfassen eine große Bandbreite. Kriminalistisch, spannend, psychologisch, brisant, liebenswert, skurril, humorvoll, dramatisch und bildstark, immer kurze Sequenzen im Leben der jeweiligen Menschen.
Die Personen sind bildhaft und detailliert dargestellt, äußerlich und innerlich, zum Greifen nah und zwangsläufig mit Kino im Kopf. Die Gefühle sind spürbar, die Mimik, Gestik nahezu sichtbar, es sind eher die Gefallenen der Gesellschaft, unscheinbare, gescheiterte, besondere Menschen, die in großer Hoffnung leben, dass das Leben sich ändern wird, dass zu ihrem Vorteil neu gewürfelt wird und dafür werden unvorhersehbare Wege gegangen, bei Patricia Highsmith ist immer alles möglich.
Auffällig im Erzählstil ist, schon in diesen frühen Stories, die Beobachtungsgabe der Autorin, die Fähigkeit Vergleiche anzustellen, welche die jeweilige Situation, Person, bestimmte Details noch lebhafter und intensiver gestalten. Ebenso nimmt sie in der Regel die Vogelperspektive ein, lässt uns lesen, wie durch eine Kamera beschrieben, distanziert und doch mittendrin, im Jetzt und alles ist offen, sie spielt raffiniert mit Perspektive und Fokus.
Ich kannte einige wenige Kurzgeschichten bereits aus anderen gemischten Erzählbänden des Verlages, aber mit "Ladies" begann meine Begeisterung, Liebe und Sucht für und zu dieser Autorin.
Absolute Leseempfehlung.

Bewertung vom 26.10.2020
Puls
Francis, Felix

Puls


sehr gut

“In Wahrheit war ich aber schon mehr als interessiert - langsam war ich besessen von dem Namenlosen und den Umständen seines Todes.”

Dr. Chris Rankin, 41 Jahre alt, ist Oberärztin der Notaufnahme, sie liebt ihren Job und auch ihr Privatleben lässt wenig Wünsche übrig. Sie hat einen sehr fürsorglichen und liebevollen Ehemann und zwei intelligente, muntere und pubertierende Söhne, die sie lieben. Erkrankungen sind nicht immer sichtbar und seelische Krankheiten können jeden treffen, so auch Chris. Sie ist depressiv, kämpft mit Panikattacken und wird immer weniger, denn die Magersucht hat sie fest im Griff. Nach der Einlieferung und dem Tod des Unbekannten bleiben diese Dinge niemandem mehr verborgen, die Trauer um den Toten nimmt besondere Ausmaße an, es gibt nichts anderes mehr in ihrem Leben, sie versteckt sich in der Abstellkammer der Notaufnahme um Panikattacken zu vertuschen und von Tag zu Tag besteht sie zunehmend nur noch aus Haut und Knochen. Es bleibt kein anderer Weg mehr, als sie stationär behandeln zu lassen, gegen ihren eigenen Willen, und von ihrer Arbeit wird sie ebenfalls freigestellt bis die Todesumstände des Unbekannten geklärt sind, die Untersuchungen abgeschlossen sind, denn schließlich starb er in ihrer Obhut. Doch kaum hat Chris sich behandeln lassen und ist nach vielen Wochen wieder zuhause, meldet sie sich als Notärztin während der Pferderennen um den Jockeys auf den Zahn zu fühlen, stellt Ermittlung zu dem Fall auf eigene Faus an und begibt sich damit selber in Lebensgefahr.

“Sich der Stimme zu widersetzen war ein täglicher Kampf, und wenn ich meinen zweiundvierzigsten Geburtstag erleben wollte, musste ich ihn gewinnen.”

Der Stil ist gut und die Sprache empfand ich als sehr bildhaft. Viele Informationen rund um den Pferderennsport und interessante, unterschiedliche Charaktere. Mir ist eines negativ aufgefallen, ich möchte fast sagen, ich spürte förmlich, dass dieser Krimi aus der Hand eines Mannes ist, denn Chris wird so klischeehaft und teilweise oberflächlich dargestellt, dass ich sogar darüber schmunzeln musste, nicht mal aufgebracht war. Insbesondere die seelischen Probleme und Themen wie Menopause sind doch sehr überzeichnet und abgedroschen. Aufgrund der Tatsache, dass es sich hier um einen Krimi handelt und es wohl schlicht eine Protagonistin mit vielen eigenen Päckchen sein sollte ist dies jedoch verzeihlich, wenn auch unrund und etwas weniger davon hätte ich angenehmer gefunden. Der Aufbau ist anfangs etwas zäh und schleppend, nimmt ab Mitte und vor allem im letzten Viertel sehr an Fahrt auf und erreicht viel Spannung.

Felix Francis nimmt Leser*innen im Galopp mit durch eine spannende und interessante Kriminalgeschichte und zeigt seine Protagonisten mit vielen Ecken und Kanten. Sattelt die Pferde und schaut wer sich hinter dem unbekannten Toten der Rennbahn verbirgt.

Bewertung vom 03.09.2020
Muldental
Krien, Daniela

Muldental


ausgezeichnet

"Wir lesen gerne vom Scheitern - wenn am Ende ein Sieg steht."

Daniela Krien nimmt Leser*innen mit auf die Reise nach Muldental, in die ehemalige DDR um die Zeit der Wende. In zehn Kurzgeschichten erzählt sie uns von "Wendeverlierern", Menschen, welche durch die neuen Strukturen, die neue Gesellschaftsordnung entkräftet und demoralisiert wurden, die scheiterten und für die es eher ein Ende, statt ein Anfang war, die strauchelten und ins Wanken gerieten.

Mir gefällt Daniela Krien's Sprache sehr. Ich habe mit Begeisterung ihren Debütroman gelesen und auch ihr Erzählband "Liebe im Ernstfall", ebenfalls bei Diogenes erschienen, hat mir gefallen. Das Leben ist nicht immer bunt und schön, und genau dies thematisiert die Autorin, sie gibt denen eine Stimme, die trotz stärkstem Gegenwind versuchen nicht aufzugeben, kämpfen um dem Wind zu trotzen, teils durch das Raster der Gesellschaft fallen. Authentische Personen, authentische Geschichten, die man sonst lieber nur am Rand wahrnimmt, weil sie unangenehm sind, schmerzhaft und aufwühlend.

Auch in "Muldental" bleibt Daniela Krien distanziert, aber stechend präzise, lässt die Personen lebendig werden und verleiht ihnen Platz und Raum.

Ein tolles Buch, tolle Geschichten einer talentierten und sprachlich großartigen Autorin über das Scheitern, das Kämpfen ums eigenes Leben, über Mut, Lebenswillen und Kraft zur Zeit der Wende.

2 von 2 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 17.07.2020
Im Bauch der Königin
Taha, Karosh

Im Bauch der Königin


sehr gut

Formal ist dieser Roman schon außergewöhnlich, denn es ist ein Wendebuch. Ich kannte Wendedecken, Wendejacken und so einiges anderes, was man wenden kann, aber ein Buch in der Erwachsenenliteratur zum Wenden war mir noch nicht in die Hände gefallen. Es war ein Cover- und Titelkauf, ich zog mal wieder durch eine Buchhandlung und dieses Buch rief nach mir. Da es verschweißt war, wusste ich auch nicht was mich erwartet. Zuhause also Folie weg, Buch aufgeschlagen und ich dachte es sei kaputt oder vielmehr ein Fehldruck, aber dem war natürlich nicht so. Am Lesesbändchen orientiert habe ich also mit Amal angefangen. Amal erzählt als Ich-Erzählerin die Geschichte über ihr Familienleben, ihren schulischen Werdegang, von den Diskrepanzen der Kulturen, ihrer Kindheit und Jugend als Tochter irakischer Migranten, der Rolle als Frau zwischen den Kulturen und ihrer Suche nach sich und ihren Zielen. Amal ist stark, laut und voller Willen, ich habe ihren Teil als sehr ausdrucksvoll empfunden, nachvollziehbar ihre Gedanken, Überlegungen, ihr Hinterfragen, ihre Einsamkeit, Sinnsuche und die Beweggründe ihres Handelns. Die andere Hälfte gehört Raffiq und seiner Ich-Erzählung, die Themen sind ganz ähnlich, wenn auch er weniger sich selber hinterfragt, sein Leben, seine Ziele. Raffiq war für mich weniger greifbar und die ganze Erzählung reichte für mich nicht an Amal’s Hälfte heran. Die Geschichten sind unabhängig voneinander, können nacheinander oder parallel gelesen werden, die Personen und Zeiten decken sich in beiden Geschichten, sind jedoch in anderen Rollen und Funktionen, ausser Younes, von dem beide erzählen in ihrer jeweiligen Geschichte. Younes und sein Leben mit seiner Mutter, der Vater nicht präsent. Shahira, die die Regeln ihrer Kultur bricht, die Regeln der Frauen der kurdischen Kommune, die unabhängig und frei lebt, sich nichts und niemandem unterwirft, die alle zu verschlingen und in ihrem Bauch zu sammeln scheint, für die einen eine Göttin, für die anderen die personifizierte Schande.

Dieser Roman hat mir sehr gefallen, die Autorin gibt den Jugendlichen eine authentische und realistische Stimme, so oder so ähnlich wird es vielerorts sein. Die Charaktere sind mit ausreichend Tiefe versehen und ihre Gefühlswelt wird klar und laut sehr deutlich. Der Stil ist gut, ihre Art gefällt mir, einfach und flüssig zu lesen, immer wieder sind aber Sätze dabei über die man stolpert, Passagen, die sehr nachdenklich stimmen, mit viel Gefühl und teilweise Poesie. Ein guter Roman über Heimat, Freiheit, Autonomie, das Leben zwischen den Kulturen sowohl als Frau als auch als Mann, über Migration- und Fluchterfahrung, darüber wie weit die Kreise in die nächsten Generationen ziehen und wie schwierig und darum nachvollziehbar manch ein Verhalten ist.

Bewertung vom 13.07.2020
SoKo Heidefieber
Henschel, Gerhard

SoKo Heidefieber


gut

Die Idee fand ich sehr interessant, was der Grund war diesen Roman zu kaufen. Erhofft hatte ich mir gute Unterhaltung mit viel Ironie und gewisser Spannung, sodass es schon dem Genre Krimi gerecht wird, jedoch satirisch speziell die Regionalkrimis aufgreift. Anfangs empfand ich das Buch als wirklich gut, der Stil hat mir gefallen, die Ironie kam durch die Einfältigkeit in der Erzählweise und der Charaktere sehr gut zur Geltung. Die Klischees von Regionlakrimis wurden gänzlich bedient und auch der unkomplizierte Schreibstil denen angepasst. Ich habe gelacht und sehr oft die Augen verdreht, denn mit Anlauf geht es von einem Klischee zum nächsten und mit vollem Einsatz werden alle Merkmale aufs Korn genommen. Es geht durch ganz Deutschland, sämtliche Dialekte und Regionen. Als die SoKo nur noch im Dunkeln tappt wird der Verband der Krimiautoren tätig und baut Druck auf, ziehen die Polizeiarbeit durch den Kakao, Talkshows werden besucht und Unterstützung aus den USA geholt.
Ab einem gewissen Punkt war ich jedoch sehr genervt und zunehmend gelangweilt, was anfangs noch lustig war, wirklich eine gelungene Persiflage darstellte und mich gut unterhalten hat, wandelte sich in eine Überwindung dieses Buch zuende zu lesen. Es wurde zu viel, zu viel von allem, sich wiederholende Formulierungen, Antiwitze, zu viele Dialekte, zu wenig roter Faden, zu viele und überladene Klischees.
Gerold und Fischer waren zunächst die perfekte Satire eines Polizistenduos, Mann und Frau, gemeinsamer Einsatz, zunächst genervt vom neuen Partner, dann gemeinsame Nächte, aber auch das ließ mich irgendwann nur gähnen.

Eine tolle Idee, ein interessantes Konstrukt und es hatte wirklich Potential mich vom Hocker zu hauen. Leider wurde es einfach irgendwann viel zu viel und keine geniale Unterhaltung, sondern langatmig. Die Hoffnung, dass sich das Blatt wendet starb zwar langsam, aber auch sie war irgendwann mausetot, wie die zahlreichen Opfer auf den 283 Seiten.

Bewertung vom 09.05.2020
Narziss und Narzisse (eBook, ePUB)
Drumbl, Andrea

Narziss und Narzisse (eBook, ePUB)


sehr gut

Es war die große Liebe, Gisela und Jakob, und mit der Geburt ihrer zweiten Tochter, Nutrit, scheint ihr Familienglück komplett. Das Elternpaar ist glücklich und ihre fünfjährige Tochter Judith stolze große Schwester. Jakob ist ein bemühter Ehemann und Vater, Judith genießt die Abende, wenn Jakob aus Tausendundeiner Nacht vorliest. Mit einem Mal ziehen dunklen Wolken auf, Gisela wird kurz nach der Geburt förmlich von Depressionen überfallen und zwei Monate später findet sie Nutrit tot in ihrem rosenroten Babybett. Gisela distanziert sich immer mehr von Judith und Jakob und scheint nach der Beerdigung ihren Verstand zu verlieren. Es kommt schließlich zur Trennung des Ehepaares. Gisela benötigt professionelle Hilfe, Jakob zieht aus und Judith wird zu einem Ehepaar, entfernt verwandt mit Jakob, von ihm in Obhut gegeben, denn er fühlt sich gänzlich überfordert und ohnmächtig. Doch es folgen weitere Schicksalsschläge. Wie viel kann ein Mensch, ein Herz, eine Seele ertragen?
Schwere Themen auf 144 Seiten. Plötzlicher Kindstod, Leben und Sterben, Trauma, Depressionen,...und mittendrin ein fünfjähriges Mädchen. Mich hat der Roman magisch angezogen, zunächst wegen dem Titel, denn ‘Narziss’ ist eine Figur aus der griechischen Mythologie, ein schöner junger Mann, der sich nach seinem Tod in eine Narzisse verwandelt haben soll. Auf dem Buchrücken steht “Bezaubernd und grausam wie im Märchen” und das war für mich kaum vorstellbar in Anbetracht der Thematik. Der Roman ist vier Kapitel unterteilt, in die vier Jahreszeiten, beginnend mit dem Tag der Sommersonnenwende, Nutrit’s Geburt, und es folgen Herbst, Winter und Frühling. Ein Buch, ein Jahr. Die Autorin hat mich schnell mit ihrer Sprache eingehüllt, eine Kunst mit Worten zu jonglieren. Sanft und zugleich gewaltig, weich und doch stark, poetisch und kristallklar, tragend und bezaubernd, ganze Sätze in Kopf und Herz verankert. Die Geschichte und die Geschehnisse erzählt A. Drumbl sehr wertfrei, sowohl das Handeln als auch die Gefühle werden nicht seziert, die unfassbaren Tragödien nicht auseinandergepflückt. Der Fokus liegt auf den Personen, unnötig füllende Beschreibungen gibt es nicht, sondern gezielt beschreibt und artikuliert sie die Gefühlswelt aus der jeweiligen Sicht, denn hier ist jede*r mit ihrer/seiner Trauer alleine, jede*r muss für sich mit den Schicksalsschlägen umgehen. Die Hilflosigkeit, Ängste und Schuldgefühle sind spürbar, aber auch die Hoffnung und Wärme, sowie die Anpassungsfähigkeit und vermeintliche Leichtigkeit eines Vorschulkindes.
Albträume und die Märchen aus “1001 Nacht” sind wiederkehrende Themen. Alle Geschehnisse sind wie ein einziger Albtraum und als Leser*in erlebt man sie wie im Zeitraffer. Albträume und Märchen einen jedoch zwei Dinge, zum einen sind sie schrecklich grausam, aber sie enden hoffnungsvoll und gut, entweder weil man daraus aufwacht oder die letzten Sätze liest.
Die Themen sind schwer, jedoch alltäglich, Leben und Tod begleiten uns alle. Die Sprache bezaubernd und besonders, wunderschön. Eine klare Leseempfehlung für dieses außergewöhnliche Buch.

Bewertung vom 03.05.2020
Picknick im Dunkeln
Orths, Markus

Picknick im Dunkeln


ausgezeichnet

Arthur Stanley Jefferson, bekannt als Stan Laurel, der dünne Teil von ‘Dick und Doof’, befindet sich einem ihm unbekannten Tunnel und ist dort von absoluter Finsternis umgeben. Gespenstisch und makellos ist dieser mysteriöse, fremde Ort, denn weder sind Steinchen, noch Flusen zu ertasten und Wände, Boden und Decke bilden eine absolut glatte Oberfläche. Kein Licht, keine Geräusche bis er plötzlich leise Atemgeräusche wahrnimmt und denen folgt.
Stan trifft dort in der Schwärze auf Thomas von Aquin. Siebenhundert Jahre trennen sie in der weltlichen Geschichte und noch viel mehr Unterschiede gibt es...Anarchist trifft auf Dominikanermönch, Mittelalter auf das mittlere 20. Jahrhundert, Kirche auf Showbühne, tiefer Glaube auf Zweifel und Misstrauen, Ernsthaftigkeit auf Albernheit…
Die beiden beginnen, teils Arm in Arm, ihren gemeinsamen Weg, einen Spaziergang offenbar in der Station zwischen Paradies und Hölle. War es das jetzt? Beginnt so die Ewigkeit? Hat die Ewigkeit überhaupt einen Anfang?
Für ihr Miteinander stehen ihnen zunächst nur Tast- und Hörsinn zur Verfügung, denn sie riechen, schmecken und sehen nichts. Der gemeinsame Gang durch die Finsternis ist sehr unterhaltsam, interessant durch die vielen philosophischen Aspekte und Unterhaltungen der beiden. Die jeweiligen Biografien, die sie sich gegenseitig erzählen, und somit auch den Leser*innen, sind nebenbei toller Geschichtsunterricht und bringt einem diese beiden Persönlichkeiten sehr nah, denn die Erzählungen bestehen hauptsächlich aus den wichtigsten Stationen der beiden in ihrem Leben. Nach und nach kristallisiert sich dadurch heraus, warum sich gerade Stan und Thomas treffen.

Der Autor, studierte übrigens u.a. Philosophie, verwebt hier Geschichte und Fakten mit Fiktion und Philosophie, Weisheit und Tiefsinn mit Komik und Humor. Dies alles in den Gesprächen der Protagonisten über Gott, Glaube, Nichtglaube, Sein und Nichtsein, Sinn und Unsinn, Leben und Tod. Picknick im Dunkeln ist ein sehr unterhaltsames, kurzweiliges, interessantes, außergewöhnliches und tiefsinniges Buch. Spannend und zugleich entschleunigend, leicht zu lesen. Stellenweise sehr komisch und lustig, nämlich dann, wenn Stan in seiner Plauderlaune vom Film erzählt, von Impfungen, Amerika oder dass die Erde sich um die eigene Achse dreht und Thomas wie vor den Kopf geschlagen wirkt und sich von Stanley grob die 700 Jahre fehlende Weltgeschichte erklären lässt. Ebenso stimmt es traurig und nachdenklich, denn oft trügt der Schein und im Inneren eines Menschen sieht es ganz anders aus, als der äußere Eindruck wirkt.
Das Ende hat mir sehr gefallen und es schließt sich ein großartiger Kreis.
Ein besonders außergewöhnliches Buch, welches ich noch lange in Erinnerung haben werde. Klare Leseempfehlung!