Theodor Plievier war einer der wuchtigsten Chronisten des 20. Jahrhunderts, ein Mann, dessen literarische Stimme nicht in den Studierzimmern der Gelehrten, sondern in den Maschinenräumen der Schiffe und den Schützengräben der Weltgeschichte geformt wurde. Geboren 1892 im Berliner Arbeiterviertel Wedding, war Plievier Zeit seines Lebens ein Getriebener zwischen den Ideologien und Kontinenten. Sein Weg führte ihn früh hinaus in die Welt; als Seemann bereiste er Südamerika und lebte als Vagabund, bevor ihn der Erste Weltkrieg als Matrosen der kaiserlichen Marine verschluckte. Diese Erfahrungen mündeten 1930 in seinem ersten großen Erfolg „Des Kaisers Kulis“, einem radikalen Antikriegsroman, der die Meuterei der Matrosen und das Elend der einfachen Soldaten ungeschönt darstellte.
Nach dem überwältigenden Erfolg von „Stalingrad“ vollendete Theodor Plievier mit „Moskau“ das Mittelstück seiner Trilogie. Während der Vorgänger das statische Grauen des Eingeschlossenseins thematisierte, ist „Moskau“ ein Roman der Bewegung, die zum Stillstand verdammt ist. Plievier nutzt hier erneut seine Methode des dokumentarischen Realismus: Er verwebt historische Fakten, Funkberichte und Befehle mit den fiktiven Schicksalen von Soldaten aller Dienstgrade.
Der Roman ist eine scharfe Abrechnung mit dem Mythos des „unbesiegbaren Blitzkriegs“. Plievier beschreibt meisterhaft, wie die logistische Überheblichkeit und die Unterschätzung des Gegners sowie des Klimas in eine Katastrophe münden, die weit vor den Toren Moskaus ihren Anfang nahm. Für den heutigen Leser ist das Buch eine eindringliche Studie darüber, wie Ideologie die Wahrnehmung der Realität korrumpiert – und welcher Preis dafür an der Front gezahlt wurde.