Irmgard Keun
Keun, IrmgardIrmgard Keun, 1905 in Berlin geboren, feierte mit ihren beiden ersten Romanen, »Gilgi - eine von uns« und »Das kunstseidene Mädchen« sensationelle Erfolge. 1935 ging sie ins Exil und kehrte fünf Jahre später mit falschen Papieren nach Deutschland zurück, wo sie unerkannt lebte. Im biederen Literaturbetrieb der Nachkriegszeit konnte sie zunächst nicht an die Erfolge ihrer ersten Bücher anknüpfen, bis ihre Romane Ende der Siebzigerjahre von einem breiten Publikum wiederentdeckt wurden. Irmgard Keun starb 1982 und zählt heute zu den wichtigsten deutschsprachigen Autorinnen des 20. Jahrhunderts.
Kundenbewertungen
24.09.2025
Bewertung von unbekanntem Benutzer am 24.09.2025
Herzenswärme und Melancholie zwischen Trümmern
Ferdinand ist ein junger Mann, der mit seiner Sanftmut so gar nicht in die harte Nachkriegszeit passt. Genau das hat ihn mir sofort sympathisch gemacht. Als er Luise am Fluss begegnet und die beiden sich schon bald überraschend verloben, musste ich lächeln, hatte abe...
Herzenswärme und Melancholie zwischen Trümmern
Ferdinand ist ein junger Mann, der mit seiner Sanftmut so gar nicht in die harte Nachkriegszeit passt. Genau das hat ihn mir sofort sympathisch gemacht. Als er Luise am Fluss begegnet und die beiden sich schon bald überraschend verloben, musste ich lächeln, hatte aber gleich das Gefühl, dass diese Verantwortung für ihn zu groß sein könnte.
Was mich besonders angesprochen hat, war die Mischung aus Leichtigkeit und Nachdenklichkeit. Ferdinand möchte eigentlich nur frei sein, wirkt dabei aber nie kalt. Im Gegenteil – gerade seine etwas unbeholfene Art hat mir gezeigt, wie menschlich er ist.
Immer wieder gab es beim Lesen kleine Momente, die mich berührt haben, und andere, die mich durch den feinen Humor zum Schmunzeln brachten. Gerade diese stillen Beobachtungen, die Begegnungen und Ferdinands eigenwillige Ideen machen die Geschichte lebendig. Trotz der Unsicherheit und der Trümmer ringsum bewahrt er sich ein Stück Wärme, das man beim Lesen richtig spürt.
Für mich ist das eine gelungene Mischung aus Nachkriegssatire, leiser Melancholie und viel Herzenswärme. Am Ende hatte ich fast das Gefühl, Ferdinand wie einen guten Bekannten zu kennen. Eine klare Empfehlung und 5 Sterne.
Frankfurt im Jahre 1936. Auf dem Odeonsplatz strömen Menschenmassen herbei, um einen Blick auf den Führer werfen zu können. Die 19-jährige Susanne, Sanna genannt, gerät mit ihrer Freundin Gerti unfreiwillig in dieses Treiben. Zuvor lebte Sanna bei ihrer Tante Adelheid in Köln, diese ist den Nationalsozialisten se...
Frankfurt im Jahre 1936. Auf dem Odeonsplatz strömen Menschenmassen herbei, um einen Blick auf den Führer werfen zu können. Die 19-jährige Susanne, Sanna genannt, gerät mit ihrer Freundin Gerti unfreiwillig in dieses Treiben. Zuvor lebte Sanna bei ihrer Tante Adelheid in Köln, diese ist den Nationalsozialisten sehr zugetan ist. Franz ihr Sohn, fühlt sich zu Sanna hingezogen, was auf Gegenseitigkeit beruht.
>Pütz, sagte die Tante Adelheid streng, Sie haben das neue Deutschland nicht begriffen, Sie haben den Aufbauwillen des Führers nicht begriffen. Alte Leute wie Sie muß man zu ihrem Heil zwingen oder über sie hinwegschreiten. < – Seite 14
In >Nach Mitternacht < geht es hauptsächlich um zwei Tage in Sannas Leben, die turbulenter nicht sein könnten. Jede unbedachte Bemerkung kann bestraft werden. Wer ist Freund und wer nun der Feind? Sanna ist eine hervorragende Beobachterin und schildert die vergehenden Stunden sehr genau. Doch immer wieder mit einem Rückblick auf ihre Kindheit und Jugend als Wirtstochter in einem Dorf an der Mosel. Ihre heile Welt zerbrach als der Vater starb und Sanna diesen Ort verlassen musste.
Irmgard Keun schreibt aus der Sicht der jungen Frau, was sich im sprachlichen Stil absolut bemerkbar macht. Sie hat in diesen Roman eine besondere Momentaufnahme festgehalten, die die damalige Situation authentisch und beklemmend widerspiegelt. Die Nationalsozialisten gewinnen immer mehr an Macht. Es ist die Zeit der Denunziationen und dem ständigen Misstrauen, der Diskriminierung der Juden, dem Schreibverbot für Schriftsteller* und die Zeit der vielen Abschiede. Doch vor allem stellt sich für die junge Sanna die Frage: Spiele ich hier diesen Wahnsinn mit oder verlasse ich mein Land?
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