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Daniela Rippl
Gebundenes Buch
Vladimir Nabokov
Sein Leben in Bildern und Texten
Mitwirkender: Rippl, Daniela
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Der russische Schriftsteller Vladimir Nabokov (1899-1977) erlebte die Oktoberrevolution und zwei Weltkriege, kam als Emigrant von St. Petersburg nach London, Berlin, Paris und New York. Diese Biographie, ausgestattet mit Dokumenten und vielen teils unbekannten Fotos, stellt sein Leben und sein literarisches Werk vor.
Produktdetails
- Verlag: Fest
- Seitenzahl: 207
- Abmessung: 250mm
- Gewicht: 730g
- ISBN-13: 9783828600713
- ISBN-10: 3828600719
- Artikelnr.: 24222313
Herstellerkennzeichnung
Die Herstellerinformationen sind derzeit nicht verfügbar.
König Rotmund
Daniela Rippl bebildert Nabokov / Von Joachim Kalka
Von allen großen Autoren zeigt Nabokov das größte, verächtlichste Mißtrauen gegen die biographische Annäherung an ein literarisches OEuvre. Das betrifft nicht nur seine Demonstration der ironischen Unmöglichkeit, einen Lebenslauf zu recherchieren ("Das wahre Leben des Sebastian Knight"). Nabokov ist, wenn es um Literatur geht, leidenschaftlich an Einzelheiten interessiert; aber nur an denen des Werkes, nicht an denen der Vita, und sein Verhältnis zur biographischen Forschung dürfte sich exemplarisch in der folgenden kleinen Konversation über "Anna Karenina" (in "Pnin") angedeutet finden. "Und jedesmal entdeckt man etwas Neues - zum Beispiel fällt
Daniela Rippl bebildert Nabokov / Von Joachim Kalka
Von allen großen Autoren zeigt Nabokov das größte, verächtlichste Mißtrauen gegen die biographische Annäherung an ein literarisches OEuvre. Das betrifft nicht nur seine Demonstration der ironischen Unmöglichkeit, einen Lebenslauf zu recherchieren ("Das wahre Leben des Sebastian Knight"). Nabokov ist, wenn es um Literatur geht, leidenschaftlich an Einzelheiten interessiert; aber nur an denen des Werkes, nicht an denen der Vita, und sein Verhältnis zur biographischen Forschung dürfte sich exemplarisch in der folgenden kleinen Konversation über "Anna Karenina" (in "Pnin") angedeutet finden. "Und jedesmal entdeckt man etwas Neues - zum Beispiel fällt
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mir nun auf, daß Lew Nikolajewitsch (Tolstoi; d. Rez.) gar nicht weiß, an welchem Tag sein Roman beginnt: Es scheint Freitag zu sein, weil das der Tag ist, an dem der Uhrmacher die Uhren im Hause Oblonskij aufziehen kommt, aber ebenso ist es Donnerstag, wie bei der Unterhaltung zwischen Lewin und Kittys Mutter an der Eisbahn erwähnt wird. . . . ,Ich kann Ihnen den exakten Tag angeben . . . Die Handlung des Romans beginnt Anfang 1872, nämlich am Freitag, dem dreiundzwanzigsten Februar nach neuem Kalender. In der Morgenzeitung liest Oblonskij, daß Gerüchte gehen, Beust sei nach Wiesbaden gefahren. Hier handelt es sich natürlich um Graf Friedrich Ferdinand von Beust, der soeben zum österreichischen Botschafter in London ernannt worden ist . . . und so weiter.'"
Die Biographie der Figuren (und nicht die Tolstois) ist Gegenstand detailhungrigen Interesses. Solche Meditationen versenken sich mit unendlich liebevoller, unerschöpflich neugieriger Hingabe in alle Facettierungen eines Textes: ein radikaler Alexandrismus, dem nichts an einem bedeutenden Buch zu gering ist. Schöne Belege dieser Radikalität sind die exakten Handskizzen, die sich Nabokov für seine Literaturkurse an der Universität Cornell von der Wohnung der Familie Gregor Samsas gemacht hat, von Kittys Eislaufkostüm und dem Grundriß von Annas Schlafwagen zwischen Moskau und St. Petersburg und von den Irrwegen Blooms und Stephens in der Innenstadt von Dublin.
Am Beispiel des "Ulysses" blinkt übrigens in Nabokovs Vorlesungen auch kurz einmal die Verachtung für eine biographistische Annäherung an ein solches Werk auf: Richard Kain habe herausgefunden, daß der "Bloomsday" (der Tag des "Ulysses", der 16. Juni 1904) der Tag gewesen sei, an dem Joyce seine spätere Frau Nora Barnacle kennenlernte. Dieses isolierte biographische Detail wirft Nabokov den Studenten, die sonst von ihm nichts über Joyce' Leben erfahren, beiläufig hin und schließt mit dem süffisanten Satz: "So much for human interest."
Auch wenn uns also der Meister abkanzelt, sofern wir Neugier auf das Leben des Autors anstatt nur auf jenes in den von ihm geschaffenen Welten zeigen - wir haben, gestehen wir es nur, trotzdem ein großes Interesse an der idiosynkratischen Existenz des Produzenten. Nun liegt ein neues Buch über Nabokovs "Leben in Bildern und Texten" (ein schöner frei- und unfreiwilliger Doppelsinn) vor, das Nutzen und Problematik eines solchen Unternehmens demonstriert.
Das Buch ist, alles in allem, sorgfältig gearbeitet. Es gibt Petitessen, bei denen der mahnende Zeigefinger des Kritikers vorschnellen möchte. Woher soll das merkwürdige Lewis-Carroll-Zitat auf Seite 76 stammen? (Und übrigens kann man kaum sagen, Nabokov habe die Werke Carrolls "für Rußland . . . entdeckt": Es gab schon vor ihm zwei "Alice"-Übersetzungen.) Manchmal ist es eine Frage des Tonfalls. Die Eltern Nabokovs waren in Rußland gewiß sehr reiche Leute, aber sie von "Heerscharen" von Bediensteten umgeben sein zu lassen ist wohl doch übertrieben. Und wenn Morris Bishop die möbliert zu vermietenden Häuser im akademischen Milieu von Cornell erwähnt, so spricht er bei der Beschreibung dieser wechselnden Domizile mit ihrem "Ineinander von Attitüde und Behelfsmäßigkeit", welche die Nabokovs, Nomaden ohne eigenen Hausstand, immer mit freundlich soziologischem Interesse bewohnten und untersuchten, bestimmt nicht von den "Robotern", die es da angeblich zu sehen gab, sondern von der "mechanical robotry", also etwa dem "Haushaltsmaschinenpark". In dieser Art könnte man, als Rezensent durch den Gegenstand (einen Autor, der es genau nahm wie kaum einer) in ganz besonderem Maße zu schrankenloser Pedanterie ermächtigt, noch ein wenig fortfahren, doch ergäbe sich damit ein falsches Bild, und es mag genug sein.
Daniela Rippl führt den Leser und Betrachter ihres Buches, in dem meist Nabokov-Zitate den Fotos gegenübergestellt sind, die Linie des äußeren Lebens entlang, von der (später halluzinatorisch intensiv nachhallenden) Kindheit in Rußland über die Episode des Studiums in Cambridge nach Berlin und Paris ins Exil, und dann nach Amerika, wo die irritierende Tätigkeit an der Universität durch die finanzielle Autonomie beendet wird, welche der Skandalerfolg von "Lolita" bringt; schließlich für die langen ruhigen letzten Jahre nach Montreux. Die geistige Existenz Nabokovs wird in den Illustrationen und Faksimiles eher von ferne vage umrissen, obwohl gelegentlich die glückliche Konjunktion eines Bildes und eines Zitats einen kleinen Schock der Erkenntnis auslösen kann.
Das meiste vorgeführte Bildmaterial ist bekannt, doch hat sich die Autorin verdienstvollerweise die Mühe gemacht, selbst einige der Großstadt- und Provinzadressen des Autors in Amerika aufzusuchen und aufzunehmen, so daß wir in ihren Amateurfotos den Beleg für die unüberbietbare Alltagsbanalität dieser Aufenthaltsorte haben. Es gibt im Bilderreigen eine Reihe von Fotos, die einen leicht grotesken oder surrealen Charakter haben, etwa eine Hochzeitsgesellschaft im Adlon 1920 oder ein Bild von Véra Nabokov im Kleiderschrankspiegel einer Berliner Wohnung der dreißiger Jahre. Hier scheinen sich die Konturen von Fiktion und Realität, Erinnerung und Konstruktion schon im Dokument so unentscheidbar zu verwischen wie in der im Text zitierten seltsamen Behauptung Nabokovs, er sei in Berlin mehrfach - ohne den jungen Mann mit den "glühenden Augen" zu erkennen - in der Straßenbahn Kafka begegnet. Das theatralische Flair einer solchen Phantombegegnung ist aber nicht charakteristisch für die Zeugnisse in Daniela Rippls Bildbiographie - sie ist eher mit, wie man sagen könnte, hingebungsvoller Zurückhaltung gearbeitet. Der Duktus ist dabei so frei von aller Manieriertheit, daß man der Herausgeberin zu der Nüchternheit gratulieren kann, mit der sie ihre Leidenschaft für den Gegenstand betätigt.
Einen grundsätzlichen Einwand muß man allerdings andeuten. Er betrifft die jeweilige Bedeutung der Haupt- und Staatsaktionen in einem Leben und der winzigen, kaum erkennbaren Einzelheiten. So weitgehend ist Nabokovs Werk eine strenge Metaphysik ebendieser Einzelheiten, ihr Kultus, ihre Feier, ihre bannende und sehnsüchtige Beschwörung, daß man bei dem Bilderzug durch sein Leben in besonderem Maße die Kleinigkeiten à l'écart hätte berücksichtigen sollen; hier wäre der Autorin ein schärferer und schweifenderer Blick zu wünschen gewesen. Dieser Blick hätte vielleicht bis zu einem gewissen Grad das ganze Unternehmen, diese Assemblage meist konventioneller Fotos, zersetzt, und es ist selbstverständlich auch ein höchst vertracktes Unterfangen, sich dem nähern zu wollen, was sich als Detail per definitionem im Privaten und scheinbar Banalen versteckt. Doch scheint die Autorin gar nicht erst auf den Gedanken gekommen (oder zu schüchtern gewesen) zu sein, sich das als Motto zu wählen, was Nabokov seinen Studenten in Cornell immer wieder als oberstes Prinzip bei der Lektüre von Texten einzuprägen versucht hat: Die Einzelheiten streicheln, die Details liebkosen, "caress the details".
Hier hätte man mit der Aufnahme einiger anderer verfügbarer Bilddokumente wie auch durch eine präzisere Kommentierung mancher Einzelheiten des Aufgenommenen ein wenig (das heißt: entscheidend) mehr tun können. Wir sehen zum Beispiel das geliebte Haus der Kindheitssommer auf dem Lande in Wyra, das nach der Revolution von den Bauern niedergebrannt wurde. Es ist aus einigen Abbildungen bekannt: In dem von Quennell 1980 herausgegebenen Band "Vladimir Nabokov: A Tribute" findet sich ein fast identisches Foto, aber dort schreibt der Herausgeber dazu: "Die letzten Fenster rechts im Erdgeschoß gehören zu dem Zimmer, wo Nabokov seine Schmetterlingssammlung aufbewahrte." Und wo ist auf den St. Petersburger Fotos übrigens die "Nadel der Admiralität"? Auf einem anderen Bild sitzt Nabokov (1941?) im Wellesley College in einem Sessel vor einem pompösen Fresko, das mit einem Schriftband umsäumt ist, von dem wir ein Fragment lesen können: YOUR PURPLE MOU. Das ist nicht die abbrechende Evokation von "deinem purpurnen Mund", wie der Betrachter zunächst unwillkürlich-kitschig träumt - es ist ein Zitat aus dem entsetzlichen patriotischen Gedicht "America the Beautiful" (1893) von Katherine Lee Bates, einer einstigen Wellesley-Dozentin: "your purple mountains", und dies ist dann auch ein Hinweis auf die Campus-Atmosphäre, in der Nabokov so lange lebte.
Einmal sehen wir ein schönes Foto, das Nabokov neben Sylvia Beach in einem Villengarten im Kreis des Herausgebergremiums der französischen Zeitschrift "Mesures" zeigt (1937). Es ist ein hübsches, von Nabokov mehrmals genießerisch festgehaltenes und literaturgeschichtlich ja auch signifikantes Detail, daß bei der ersten Veröffentlichung dieses Bildes 1965 in "James Joyce in Paris: His Final Years" (von Gisèle Freund und V. B. Carleton) der mit gesenktem Kopf leicht vor sich hinlächelnde Nabokov kurzerhand als "Audiberti" bezeichnet wurde. Wäre es nicht schön gewesen, wenn der Leser von Daniela Rippls Band bei diesem Foto erfahren hätte, wie verschollen der Ruhm Sirins war, ehe der Autor von "Lolita" ihn dann wiederbelebte?
Mehr Einzelheiten her, mehr Absurditäten! Wo ist das von Nabokov 1931 für die exilrussische Zeitung "Rul" verfaßte Kreuzworträtsel, das der "Playboy" einmal nachgedruckt hat? Und war der Kiosk vor dem Hotel in Montreux mit dem in "Durchsichtige Dinge" zitierten mehrdeutigen Schild "3 P-hotos/oses" nicht mehr abzulichten? Irgend etwas in dieser Art, ein abseitiges und magisches Detail, hätte man sich auch als letztes Bild des Bandes gewünscht - anstatt des erhabenen Ausblicks vom Balkon der Hotelwohnung auf das Gebirge, der das Werk nobel und langweilig beschließt.
Das von Daniela Rippl herausgegebene Buch bietet (um nun endgültig dem detailpedantischen Kobold im Rezensenten den Mund zu verbieten) schönen, reichen Bilderstoff, und die Herausgeberin hat, wie erwähnt, auch an einigen Punkten das vorhandene Material selbst vermehrt. Zu kritisieren, daß dieser Reichtum zu wenig sei, kommt einem nur im Hinblick auf weitere, verschmähte Schätze in den Sinn. Doch liegt hier ein Buch vor, das dem biographischen Interesse des deutschsprachigen Nabokov-Lesers bis zu der (bei Rowohlt schon sehr lange angekündigten) Veröffentlichung der Übersetzung von Boyds großer Lebensbeschreibung viel Nahrung bietet. Man darf die Schwierigkeiten eines solchen Unternehmens nicht unterschätzen. Und die hier als Ideal geforderte Nabokov-Biographie aus lauter leuchtkräftigen Details ist natürlich ohnehin ein Ding der Unmöglichkeit.
Trotzdem möchte man der so sichtlich von Verehrung bewegten Herausgeberin Mut zu weiteren Recherchen, Mut zu einem Blick aufs Abseitige machen und ihr mit Beckett zurufen: "Wieder scheitern! Besser scheitern!"
"Vladimir Nabokov. Sein Leben in Bildern und Texten". Hrsg. von Daniela Rippl. Alexander Fest Verlag, Berlin 1998, 208 S., geb., 58,- DM.
Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
Die Biographie der Figuren (und nicht die Tolstois) ist Gegenstand detailhungrigen Interesses. Solche Meditationen versenken sich mit unendlich liebevoller, unerschöpflich neugieriger Hingabe in alle Facettierungen eines Textes: ein radikaler Alexandrismus, dem nichts an einem bedeutenden Buch zu gering ist. Schöne Belege dieser Radikalität sind die exakten Handskizzen, die sich Nabokov für seine Literaturkurse an der Universität Cornell von der Wohnung der Familie Gregor Samsas gemacht hat, von Kittys Eislaufkostüm und dem Grundriß von Annas Schlafwagen zwischen Moskau und St. Petersburg und von den Irrwegen Blooms und Stephens in der Innenstadt von Dublin.
Am Beispiel des "Ulysses" blinkt übrigens in Nabokovs Vorlesungen auch kurz einmal die Verachtung für eine biographistische Annäherung an ein solches Werk auf: Richard Kain habe herausgefunden, daß der "Bloomsday" (der Tag des "Ulysses", der 16. Juni 1904) der Tag gewesen sei, an dem Joyce seine spätere Frau Nora Barnacle kennenlernte. Dieses isolierte biographische Detail wirft Nabokov den Studenten, die sonst von ihm nichts über Joyce' Leben erfahren, beiläufig hin und schließt mit dem süffisanten Satz: "So much for human interest."
Auch wenn uns also der Meister abkanzelt, sofern wir Neugier auf das Leben des Autors anstatt nur auf jenes in den von ihm geschaffenen Welten zeigen - wir haben, gestehen wir es nur, trotzdem ein großes Interesse an der idiosynkratischen Existenz des Produzenten. Nun liegt ein neues Buch über Nabokovs "Leben in Bildern und Texten" (ein schöner frei- und unfreiwilliger Doppelsinn) vor, das Nutzen und Problematik eines solchen Unternehmens demonstriert.
Das Buch ist, alles in allem, sorgfältig gearbeitet. Es gibt Petitessen, bei denen der mahnende Zeigefinger des Kritikers vorschnellen möchte. Woher soll das merkwürdige Lewis-Carroll-Zitat auf Seite 76 stammen? (Und übrigens kann man kaum sagen, Nabokov habe die Werke Carrolls "für Rußland . . . entdeckt": Es gab schon vor ihm zwei "Alice"-Übersetzungen.) Manchmal ist es eine Frage des Tonfalls. Die Eltern Nabokovs waren in Rußland gewiß sehr reiche Leute, aber sie von "Heerscharen" von Bediensteten umgeben sein zu lassen ist wohl doch übertrieben. Und wenn Morris Bishop die möbliert zu vermietenden Häuser im akademischen Milieu von Cornell erwähnt, so spricht er bei der Beschreibung dieser wechselnden Domizile mit ihrem "Ineinander von Attitüde und Behelfsmäßigkeit", welche die Nabokovs, Nomaden ohne eigenen Hausstand, immer mit freundlich soziologischem Interesse bewohnten und untersuchten, bestimmt nicht von den "Robotern", die es da angeblich zu sehen gab, sondern von der "mechanical robotry", also etwa dem "Haushaltsmaschinenpark". In dieser Art könnte man, als Rezensent durch den Gegenstand (einen Autor, der es genau nahm wie kaum einer) in ganz besonderem Maße zu schrankenloser Pedanterie ermächtigt, noch ein wenig fortfahren, doch ergäbe sich damit ein falsches Bild, und es mag genug sein.
Daniela Rippl führt den Leser und Betrachter ihres Buches, in dem meist Nabokov-Zitate den Fotos gegenübergestellt sind, die Linie des äußeren Lebens entlang, von der (später halluzinatorisch intensiv nachhallenden) Kindheit in Rußland über die Episode des Studiums in Cambridge nach Berlin und Paris ins Exil, und dann nach Amerika, wo die irritierende Tätigkeit an der Universität durch die finanzielle Autonomie beendet wird, welche der Skandalerfolg von "Lolita" bringt; schließlich für die langen ruhigen letzten Jahre nach Montreux. Die geistige Existenz Nabokovs wird in den Illustrationen und Faksimiles eher von ferne vage umrissen, obwohl gelegentlich die glückliche Konjunktion eines Bildes und eines Zitats einen kleinen Schock der Erkenntnis auslösen kann.
Das meiste vorgeführte Bildmaterial ist bekannt, doch hat sich die Autorin verdienstvollerweise die Mühe gemacht, selbst einige der Großstadt- und Provinzadressen des Autors in Amerika aufzusuchen und aufzunehmen, so daß wir in ihren Amateurfotos den Beleg für die unüberbietbare Alltagsbanalität dieser Aufenthaltsorte haben. Es gibt im Bilderreigen eine Reihe von Fotos, die einen leicht grotesken oder surrealen Charakter haben, etwa eine Hochzeitsgesellschaft im Adlon 1920 oder ein Bild von Véra Nabokov im Kleiderschrankspiegel einer Berliner Wohnung der dreißiger Jahre. Hier scheinen sich die Konturen von Fiktion und Realität, Erinnerung und Konstruktion schon im Dokument so unentscheidbar zu verwischen wie in der im Text zitierten seltsamen Behauptung Nabokovs, er sei in Berlin mehrfach - ohne den jungen Mann mit den "glühenden Augen" zu erkennen - in der Straßenbahn Kafka begegnet. Das theatralische Flair einer solchen Phantombegegnung ist aber nicht charakteristisch für die Zeugnisse in Daniela Rippls Bildbiographie - sie ist eher mit, wie man sagen könnte, hingebungsvoller Zurückhaltung gearbeitet. Der Duktus ist dabei so frei von aller Manieriertheit, daß man der Herausgeberin zu der Nüchternheit gratulieren kann, mit der sie ihre Leidenschaft für den Gegenstand betätigt.
Einen grundsätzlichen Einwand muß man allerdings andeuten. Er betrifft die jeweilige Bedeutung der Haupt- und Staatsaktionen in einem Leben und der winzigen, kaum erkennbaren Einzelheiten. So weitgehend ist Nabokovs Werk eine strenge Metaphysik ebendieser Einzelheiten, ihr Kultus, ihre Feier, ihre bannende und sehnsüchtige Beschwörung, daß man bei dem Bilderzug durch sein Leben in besonderem Maße die Kleinigkeiten à l'écart hätte berücksichtigen sollen; hier wäre der Autorin ein schärferer und schweifenderer Blick zu wünschen gewesen. Dieser Blick hätte vielleicht bis zu einem gewissen Grad das ganze Unternehmen, diese Assemblage meist konventioneller Fotos, zersetzt, und es ist selbstverständlich auch ein höchst vertracktes Unterfangen, sich dem nähern zu wollen, was sich als Detail per definitionem im Privaten und scheinbar Banalen versteckt. Doch scheint die Autorin gar nicht erst auf den Gedanken gekommen (oder zu schüchtern gewesen) zu sein, sich das als Motto zu wählen, was Nabokov seinen Studenten in Cornell immer wieder als oberstes Prinzip bei der Lektüre von Texten einzuprägen versucht hat: Die Einzelheiten streicheln, die Details liebkosen, "caress the details".
Hier hätte man mit der Aufnahme einiger anderer verfügbarer Bilddokumente wie auch durch eine präzisere Kommentierung mancher Einzelheiten des Aufgenommenen ein wenig (das heißt: entscheidend) mehr tun können. Wir sehen zum Beispiel das geliebte Haus der Kindheitssommer auf dem Lande in Wyra, das nach der Revolution von den Bauern niedergebrannt wurde. Es ist aus einigen Abbildungen bekannt: In dem von Quennell 1980 herausgegebenen Band "Vladimir Nabokov: A Tribute" findet sich ein fast identisches Foto, aber dort schreibt der Herausgeber dazu: "Die letzten Fenster rechts im Erdgeschoß gehören zu dem Zimmer, wo Nabokov seine Schmetterlingssammlung aufbewahrte." Und wo ist auf den St. Petersburger Fotos übrigens die "Nadel der Admiralität"? Auf einem anderen Bild sitzt Nabokov (1941?) im Wellesley College in einem Sessel vor einem pompösen Fresko, das mit einem Schriftband umsäumt ist, von dem wir ein Fragment lesen können: YOUR PURPLE MOU. Das ist nicht die abbrechende Evokation von "deinem purpurnen Mund", wie der Betrachter zunächst unwillkürlich-kitschig träumt - es ist ein Zitat aus dem entsetzlichen patriotischen Gedicht "America the Beautiful" (1893) von Katherine Lee Bates, einer einstigen Wellesley-Dozentin: "your purple mountains", und dies ist dann auch ein Hinweis auf die Campus-Atmosphäre, in der Nabokov so lange lebte.
Einmal sehen wir ein schönes Foto, das Nabokov neben Sylvia Beach in einem Villengarten im Kreis des Herausgebergremiums der französischen Zeitschrift "Mesures" zeigt (1937). Es ist ein hübsches, von Nabokov mehrmals genießerisch festgehaltenes und literaturgeschichtlich ja auch signifikantes Detail, daß bei der ersten Veröffentlichung dieses Bildes 1965 in "James Joyce in Paris: His Final Years" (von Gisèle Freund und V. B. Carleton) der mit gesenktem Kopf leicht vor sich hinlächelnde Nabokov kurzerhand als "Audiberti" bezeichnet wurde. Wäre es nicht schön gewesen, wenn der Leser von Daniela Rippls Band bei diesem Foto erfahren hätte, wie verschollen der Ruhm Sirins war, ehe der Autor von "Lolita" ihn dann wiederbelebte?
Mehr Einzelheiten her, mehr Absurditäten! Wo ist das von Nabokov 1931 für die exilrussische Zeitung "Rul" verfaßte Kreuzworträtsel, das der "Playboy" einmal nachgedruckt hat? Und war der Kiosk vor dem Hotel in Montreux mit dem in "Durchsichtige Dinge" zitierten mehrdeutigen Schild "3 P-hotos/oses" nicht mehr abzulichten? Irgend etwas in dieser Art, ein abseitiges und magisches Detail, hätte man sich auch als letztes Bild des Bandes gewünscht - anstatt des erhabenen Ausblicks vom Balkon der Hotelwohnung auf das Gebirge, der das Werk nobel und langweilig beschließt.
Das von Daniela Rippl herausgegebene Buch bietet (um nun endgültig dem detailpedantischen Kobold im Rezensenten den Mund zu verbieten) schönen, reichen Bilderstoff, und die Herausgeberin hat, wie erwähnt, auch an einigen Punkten das vorhandene Material selbst vermehrt. Zu kritisieren, daß dieser Reichtum zu wenig sei, kommt einem nur im Hinblick auf weitere, verschmähte Schätze in den Sinn. Doch liegt hier ein Buch vor, das dem biographischen Interesse des deutschsprachigen Nabokov-Lesers bis zu der (bei Rowohlt schon sehr lange angekündigten) Veröffentlichung der Übersetzung von Boyds großer Lebensbeschreibung viel Nahrung bietet. Man darf die Schwierigkeiten eines solchen Unternehmens nicht unterschätzen. Und die hier als Ideal geforderte Nabokov-Biographie aus lauter leuchtkräftigen Details ist natürlich ohnehin ein Ding der Unmöglichkeit.
Trotzdem möchte man der so sichtlich von Verehrung bewegten Herausgeberin Mut zu weiteren Recherchen, Mut zu einem Blick aufs Abseitige machen und ihr mit Beckett zurufen: "Wieder scheitern! Besser scheitern!"
"Vladimir Nabokov. Sein Leben in Bildern und Texten". Hrsg. von Daniela Rippl. Alexander Fest Verlag, Berlin 1998, 208 S., geb., 58,- DM.
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