Tabakkonsum. Daß gerade der Kranke eine um so heftigere Lust auf die Welt draußen entwickelt, leuchtet ein. Aber gleich in die Südsee? In erster Linie war es nicht Exotismus und Aussteigertum wie bei Gauguin, sondern die Flucht vor dem schottischen Klima, was Stevenson für die letzten fünf Jahre seines Lebens in die pazifische Inselwelt verschlug.
Der ebenfalls sehr weltläufige Alberto Manguel, berühmt durch seine "Geschichte des Lesens", hat mit "Stevenson unter Palmen" eine Literatur-Novelle geschrieben, die nicht nur kanonische Szenen aus Stevensons Leben in den Rahmen einer Kriminalhandlung faßt, sondern auch die Grundmotive seines dichterischen Werks abruft. Ein leicht bekömmlicher Stevenson-Remix also, der auch in dieser Machart an das Schreibverfahren des Autors der "Schatzinsel" erinnert - war die berühmte Schurkengeschichte doch ein ziemlich unbekümmerter Zusammenschnitt seinerzeit geläufiger Vorlagen.
Stevenson auf Samoa - das ist der Patriarch eines Clans, inmitten üppig verwilderter Natur. Reife Früchte fallen von den Bäumen und platzen auf wie Fleischwunden. Beim Europäer platzt die dünne Schicht der Zivilisation. Manguels Stevenson jedoch erscheint als distinguierter, affektkontrollierter und großzügiger Mann. Er berät die Samoaner, tritt als Schlichter ihrer Konflikte auf und wird als "Tusitala", der Geschichtenerzähler, verehrt. Und er beurteilt die so freizügig anmutenden Sitten ohne viktorianische Prüderie. Nebenbei erfährt der Leser etwas über Stevensons schlagkräftige Poetik: Kampf dem Adjektiv! Tod dem Sehnerv in der Literatur! Die Geschichte seiner Ehe mit der zehn Jahre älteren Fanny Vandegrift passiert Revue, und am Ende fehlt nicht die legendäre Sterbeszene. "Was ist das? Sehe ich irgendwie merkwürdig aus?" - mit diesem überlieferten Satz bricht der Schriftsteller tot vor seiner Frau zusammen.
Bevor es jedoch soweit ist, bekommt es der Gute mit einem Bösen zu tun, einem Frömmler der übelsten Art. Mr. Baker, Abgesandter der Missionsgesellschaft von Edinburgh, wird zu Stevensons Widerpart, Religion steht gegen Literatur. Als Lektüre läßt Baker nur die Bibel gelten: "Für Romangewäsch habe ich keine Zeit. Erfundene Geschichten, ich bitte Sie!" In den Kneipen behelligt er die Trinker: "Spürt Ihr nicht das Nahen der Hölle?" Aber während er anderen Abstinenz predigt, genehmigt er sich selbst gern einen guten Schluck: "Nicht ich, die anderen müssen den Trunk fürchten." So lieben wir unsere Moralwächter. Abgerundet wird die Figur durch ein "dünnes, unangenehmes Lächeln".
Die Sympathiewerte in diesem gespenstischen Zweikampf sind also übersichtlich verteilt. Soll man die Schwarzweißeffekte als Schwäche rügen - oder wiederum als Stevenson-Anleihe raffiniert finden? Denn Stevenson, von dem auch die kontraststarken Holzschnittillustrationen des Buches stammen, war ein Erzähler, der es deutlich und überdeutlich liebte. Er war fasziniert von der Doppelnatur des Menschen, aber trotzdem mischen sich Gut und Böse in seinen Werken nicht zu gutbösen Gestalten. Eher teilen sie sich in zwei aparte Seelenhälften, hier der respektable Jekyll, dort der monströse Lüstling Hyde. Die meistverfilmte Novelle aller Zeiten war ein Basistext für die Epoche, die bald den Jedermannshyde in dir und mir feiern sollte, das Freudsche Unbewußte. Und sie ist die strukturelle Grundlage für Manguels Geschichte.
Ein Mädchen wird vergewaltigt und ermordet; man findet Stevensons Hut in der Nähe. Die Schenke geht in Flammen auf, einige Menschen verbrennen; kurz zuvor wurde Stevenson im Lokal gesehen. Der Mensch ist nicht Herr seines Begehrens, das sich abspaltet und allein auf den Weg macht - wird nach dieser Maßgabe nun Stevenson selbst zum Hyde, der nachts mordet und brandstiftet, am Morgen aber nichts mehr davon weiß? Die Auflösung ist absehbar. Es ist der selbstgerechte Heilsbringer, der als Handlanger von Stevensons mörderischem Unbewußten fungiert. Wobei dieses Unbewußte nur die Projektion von Bakers eigenem religiösen Wahn ist.
Stevenson kam von Schottland nicht los. Fern der Heimat hatte er noch immer die feuchte Kälte und den Kohlenrauch in der Nase. Auf Samoa phantasierte er nebelklamme Geschichten wie "Weir of Hermiston", seinen letzten, Fragment gebliebenen Roman, der ein Meisterwerk zu werden versprach. Manguel, dessen Geschichte auf solche Transformation südlicher Erfahrung in nördliche Literatur zuläuft, geht den umgekehrten Weg. Nicht nur aus "Jekyll und Hyde", sondern auch aus "Weir of Hermiston" (von der Übersetzung einmal fälschlich als "Ritterroman" bezeichnet) gewinnt er die Inspiration zu seinem Südseekrimi. Hinter dem fanatischen Missionar ist das Muster von Lord Hermiston, dem grausamen Henkerrichter und leidenschaftlichen Befürworter der Todesstrafe, zu erkennen. Allerdings macht gerade der Vergleich mit dieser faszinierend-verstörenden Gestalt auch die Grenzen von "Stevenson unter Palmen" deutlich. Es ist eine freundlich erzählte Geschichte, in der das Böse nicht in den Bann zieht, sondern Zitat bleibt. Halb Homestory, halb belletristische Hommage, ist das kleine, schön gestaltete Buch jedoch geeignet, dem Klassiker der englischen Literatur auch hierzulande mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen.
WOLFGANG SCHNEIDER
Alberto Manguel: "Stevenson unter Palmen". Eine metaphysische Kriminalgeschichte. Aus dem Englischen übersetzt von Chris Hirte. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2003. 110 S., geb., 12,- [Euro].
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