der Innenpolitik Österreich-Ungarns hinab, um weitverbreitete Zerrbilder der Geschichte seines Landes im Ersten Weltkrieg zu korrigieren.
Zum einen ist damit die Vorstellung gemeint, das Habsburgerreich sei mit Beginn des Krieges unaufhaltsam seinem Untergang entgegengewankt. Daran aber wecke schon die Tatsache Zweifel, dass die Entente-Mächte sich noch im letzten Kriegsjahr keineswegs darüber einig waren, wie mit einem besiegten Österreich-Ungarn zukünftig verfahren werden solle. Zum anderen wirkt auf Höbelt die Annahme problematisch, die Wiener Politik habe im Ersten Weltkrieg nur als ein willenloser Vasall des wilhelminischen Deutschlands agiert. Gewiss, das Deutsche Reich bot im Ersten Weltkrieg dreimal so viele Divisionen wie Österreich-Ungarn auf und produzierte auch sechsmal mehr Stahl als die verbündete Mittelmacht. Dennoch sei das auf einer kuriosen Allianz aus "konservativen Austriaken und progressiven borussischen Junkerfressern" gegründete Bild von Österreichs Leidensrolle als Werkzeug des deutschen Militarismus schief.
Der vermeintlich schwächere Partner habe trotz seiner finanziellen Abhängigkeit vom Deutschen Reich geschickt seine Rolle als unentbehrlicher Bündnisgenosse gespielt. Man müsse die Hilfe Deutschlands ausnützen, ohne unter seine finanzielle Vormundschaft zu kommen, meinte dazu aufschlussreich noch im August 1918 der ungarische Prinz Lajos Windischgraetz. Er umschrieb damit eine Leitlinie der Wiener Regierungen, die vom Anfang bis zum Ende des Weltkriegs eine "Politik der zwei Eisen im Feuer" verfolgt hatten.
Höbelt erzählt seine Geschichte der österreichischen Innenpolitik bewusst nicht vom Ende her, sondern rückt stattdessen in chronologischer Ordnung Jahr für Jahr entscheidende Stufen und Wendungen der beiden Reichshälften Österreich und Ungarn in den Vordergrund. Zu den Vorzügen einer solchen Darstellungsweise gehört, dass darüber zum einen das beträchtliche Durchhaltevermögen der Wiener Regierungen zum Vorschein tritt, die mit zahlreichen Plänen für einen Ausgleich vor allem mit Polen, Tschechen oder auch Kroaten die Abgeordneten der verschiedenen ethnischen Lager beschäftigten, ohne jedoch tatsächlich energische Reformschritte einzuleiten. Zum anderen macht sie ersichtlich, wie sehr österreichische Erfolge auf dem Schlachtfeld wiederholt Pläne für eine austro-polnische Lösung und verschiedene Mitteleuropa-Projekte beflügelten, denen auch Abgeordnete der politisch selbstbewussten Polen und Tschechen etwas abzugewinnen wussten. Bemerkenswert erscheint außerdem, dass die slawische Mehrheit im Wiener Abgeordnetenhaus sich nur in einer einzigen Entscheidung materialisierte: auch die Reden zu protokollieren, die nicht auf Deutsch gehalten wurden!
Der Nachteil der chronologischen und gelegentlich etwas detailverliebt daherkommenden Erzählung besteht jedoch darin, dass der Autor kaum systematisch Überlegungen zum Verhältnis der österreichischen Innen- und Außenpolitik im Ersten Weltkrieg anstellt. Überdies bleiben sowohl das militärische Geschehen als auch die Lage an den Heimatfronten viel zu sehr im Hintergrund und entrücken somit das innenpolitische Geschehen ein gutes Stück von den besonderen Herausforderungen des Krieges. Im Grunde spiegeln sich darin - absichtsvoll oder auch ungewollt - einige der Illusionen wider, die zahlreiche innenpolitische Manöver der Wiener Politik zwischen 1914 und 1918 anleiteten. Denn während auf militärischem Terrain der multinationale Charakter der Armee mit zunehmender Dauer des Krieges eine kaum mehr zu bewältigende Herausforderung konstituierte, erwies sich die Suche nach einer innenpolitischen Lösung, die alle Völker des Reiches zufriedenstellen könnte, schlichtweg als "politische Alchemie". Aus dieser Gemengelage heraus, in der den verantwortlichen Lenkern die Innenpolitik immer stärker entglitt, erklärt sich letztlich die Wende zu einem autoritären Kurs der Wiener Innenpolitik.
An all diesen Punkten kann man Höbelt gut folgen, wenngleich seine Einordnung des Vertrages von Brest-Litowsk als einer Blaupause für die territoriale Nachkriegsordnung in Europa seit 1989/90 eher provozierend wirkt. Gleichzeitig zeigt sein Buch, dass die österreichische Militärführung bereits in einem frühen Stadium in eine wachsende Abhängigkeit vom deutschen Bundesgenossen geriet. Charakteristisch hierfür war der Vorwurf des Wiener Generalstabschefs Franz Conrad von Hötzendorf vom April 1915, wonach man sich für Deutschland verblutet habe, das aber jetzt die Rolle des großmütigen Helfers spiele. Und er ergänzte, solch eine "Gesellschaft hätte es verdient, dass die Kosaken nach Berlin gekommen wären".
Lothar Höbelt zeichnet viele dieser Stimmen und die ihnen zugrundeliegenden Konstellationen sorgfältig nach und vermittelt darüber eindrucksvoll den Prozess einer schleichenden Entfremdung zwischen den beiden Mittelmächten. Gleichzeitig gibt er einen Einblick in ein wesentliches Paradoxon am Ende des Ersten Weltkriegs. Zwar hatten die Westmächte den Krieg nicht verloren, aber sie hatten ihn eben auch nicht wirklich gewonnen.
CHRISTOPH CORNELISSEN
Lothar Höbelt: "Stehen oder Fallen?" Österreichische Politik im Ersten Weltkrieg. Böhlau Verlag, Wien 2015. 323 S., 39,- [Euro].
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