er nicht durch eine Blutspur auf sich aufmerksam machte, sondern durch Fährten für Denksportler. Der Berliner Schildermaler, der unter dem selbstgewählten Pseudonym "Dagobert" sechs Jahre lang deutsche Kaufhäuser - zunächst das Berliner KaDeWe, dann den Karstadt-Konzern - mit Bombendrohungen zu erpressen suchte, hatte die Sympathien des gemeinen Bürgers meist hinter sich. Zum einen, weil er bis auf das Ohrensausen einer Kassiererin stets nur Sachschaden anrichtete, zum anderen, weil die Finten, mit denen er die Polizeimaschinerie ein ums andere Mal auszutricksen wußte, mehr Lausbubenstreichen oder den Einfällen verrückter Professoren als Straftaten glichen. Doch am 20. April 1994 wurde die Jagd erfolgreich beendet, und seitdem sitzt Funke seine neunjährige Haftzeit ab.
Die erste Hälfte seiner Gefangenschaft nutzte er, um seine Autobiographie zu verfassen. Unter dem Titel "Mein Leben als Dagobert" schildert Funke nicht nur das schon in Fernsehfilmen kurzzeitig verewigte Katz-und-Maus-Spiel mit den Ordnungshütern, sondern auch die Umstände, die zu seiner Verbrecherlaufbahn führten, und den Anstaltsalltag.
Das Buch beginnt und endet mit Funkes Festnahme. Durch unterschiedliche Erzählperspektiven trennt er die Zeit seiner Inhaftierung von der Vergangenheit eines Unbescholtenen. Rückblenden berichten davon, wie aus einem depressiven Lackierer Deutschlands meistgesuchter Verbrecher wurde. Mitgefangenen, Psychiatern oder seinem Rechtsanwalt erzählt er in der ersten Person, wie er die Eingebung bekam, durch Erpressung seinem tristen, von Alkoholismus und Selbstmordversuchen geprägten Dasein zu entfliehen. Wie er durch die erste geglückte Erpressung und die dadurch in seinen Besitz gekommenen 500000 Mark erst recht nicht mehr damit leben konnte, in einer schäbigen Autowerkstatt seinen kreativen Geist noch mehr durch starke Lösungsmittel zu vernebeln. Wie er statt dessen Urlaub machte, seine Frau kennenlernte, Vater wurde und trotzdem das erwartete Glücksgefühl vermißte und er, während der Pegelstand seines Geldspeichers sich neigte, weitere Erpressungen inszenierte, die allerdings nie wieder vom gleichen Erfolg gekrönt werden sollten, selbst wenn er durch Planung und manchmal durch pures Glück dem Netz der Polizei bis zuletzt immer wieder knapp entgehen konnte.
Der Fortschritt der Ermittlungen wird durch oftmals unfreiwillig komisch wirkende Berichte des LKA und Abschriften von Telefongesprächen dokumentiert, was in einigen Momenten sogar einen Anflug von Suspense verbreitet. Aber auch wenn Funkes Erlebnisse durchaus unterhaltsam sind, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, daß dieses Buch gar nicht für ganz normale Neugierige geschrieben wurde, sondern für jene, die darüber entscheiden dürfen, ob Dagobert frühzeitig in die Freiheit entlassen werden soll.
Immer wieder beteuert Funke, er sei dem Imperativ gefolgt, niemanden zu verletzen. Er stellt seine neugewonnene kreative Energie aus, seine Reue und sein tiefempfundenes Verständnis für die Regeln der Zivilisation hin. In diesen unerträglich pseudophilosophischen Passagen, die oft Kneipengespräche simulieren oder Diskussionen mit feingeistigen Haftgenossen, fühlte ich mich an den Dialog eines zu entlassenden Wiederholungstäters mit seinen Anteilnahme demonstrierenden Vollzugsbeamten erinnert: "Sie sagen doch nicht etwa nur das, was wir hören wollen?" "Nein, Sir, auf keinen Fall." "Wir wollen nämlich nur die Wahrheit hören." "Also, dann sage ich Ihnen wohl am besten, was Sie hören wollen." "Junge, haben wir Ihnen nicht gerade gesagt, daß Sie das nicht tun sollen?" "Ja, Sir." "Also, dann ist alles klar." THOMAS VORWERK
Arno Funke: "Mein Leben als Dagobert". Ch. Links Verlag, Berlin 1998. 317 S., geb., 39,80 DM.
Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main