glichen. Neben Karl Barth zählt der Pfarrer nicht nur zu den Begründern des politischen Protestantismus, sondern er war auch der Vater des Klerikalismus, jener im evangelisch geprägten Milieu verbreiteten Denkweise, die schwarz oder weiß, gut oder schlecht klar scheidet, also nur eine politische Entscheidung als christlich anerkennen will.
Niemöller kannte zeitlebens nur die Extreme. Stets focht er für das, was er Wahrheit nannte, wie man in der vorzüglichen Biographie von Matthias Schreiber nachlesen kann, die allerdings einen Makel besitzt: Sie ist mit grenzenlosem Wohlwollen verfaßt. Schreiber, selbst Pastor, betrachtet seinen Helden ehrfurchtsvoll, jedenfalls fehlt ihm zuweilen der kritische Blick. Dennoch gelingt es ihm, die Wesenszüge Niemöllers deutlich zu machen. Preußentum, Protestantismus und Patriotismus erklären nicht nur die meisten innen- wie außenpolitischen Ansichten Niemöllers, sondern sie bilden auch die Grundlagen seiner Entscheidungen. Der Preuße Niemöller setzte Kaiser und Reich über alles, verherrlichte die Sekundärtugenden, zog als Freiwilliger in den Ersten Weltkrieg, wurde U-Boot-Kommandant und blieb bis Anfang der dreißiger Jahre glühender Monarchist. Der Protestant Niemöller drängte nach dem verlorenen Krieg ins Pfarramt, um dem entwurzelten, königlosen Volk "kirchlich-nationalistische" Werte zu vermitteln, und stellte sich dann gegen Hitler, weil es keine anderen Götter neben dem einen, wahren geben konnte. Der Patriot Niemöller konnte sich schließlich nicht mit dem geteilten Deutschland abfinden und verfocht neutralistische Pläne. Demokrat war Niemöller nie. "Ich kann nur sagen, ich habe keine demokratischere Verwirklichung gesehen als meine U-Boot-Besatzung", schwärmte er noch kurz vor seinem Tod.
Seine Jünger aus Kirche und Friedensbewegung störten solch autoritäre Ansichten nicht. Sie sahen in ihm allein den Mann, der Hitler widerstanden und als "persönlicher Gefangener des Führers" in Dachau gelitten hatte. Viele Zeitgenossen bewunderten seine Opposition gegen Adenauer und die Bundesrepublik, weil auch ihnen dieser Staat suspekt erschien und sein Protest in ihren vom Wiedergutmachungseifer durchdrungenen, quasi nachgeholten Widerstand paßte. Für Niemöller blieb die Bundesrepublik zeitlebens ein "in Rom gezeugter und in Washington geborener" Bastard, um Ostdeutschland amputiert und daher zu befehden. Mehrmals kündigte der Pastor eigenmächtig an, den Kirchenkampf weiterzuführen. Er bemerkte nicht, daß er sich - wie in der Weimarer Republik - abermals gegen die Demokratie wandte und die Bundesrepublik letztlich mit dem Dritten Reich auf eine Stufe stellte.
Maßgebliche Kreise der evangelischen Kirche taten es ihm gleich. Ihnen galt ihr früherer Kampf gegen Hitler als einziger Maßstab für ein christliches Verhalten in der Demokratie. Daß nicht die kirchliche Rolle im Dritten Reich, sondern in Weimar Gradmesser für Bonn sein mußte, ja, daß ihr Widerstand gegen die Republik größer als gegen die Nationalsozialisten war, verdrängten sie. Für die Christengemeinde war nur eines bedeutsam: Nie wieder wollte sie sich mit der Verkündung des himmlischen Reiches begnügen. Die Kirche hatte fortan Wächter, sogar Stoßtrupp im Staat zu sein, davon waren mit Niemöller viele Theologen überzeugt. Heftig stritten er und die Seinen gegen die Wiederbewaffnung, führten den "Kampf gegen den Atomtod" und hielten den Nato-Doppelbeschluß für eine "unmittelbare Lästerung des lebendigen Gottes", wie es der Pastor formulierte.
Niemöller begrüßte sogar, als die Synode des Reformierten Bundes innerhalb der evangelischen Kirche 1982 den Status confessionis gegen die Nachrüstung ausrief, jenen Alarmzustand, der wegen akuter Bedrohung des Glaubens eine kirchliche Stellungnahme verlangt und oft als Legitimation für den zivilen Ungehorsam diente. Gegen begrenzte Regelverletzungen und passiven Widerstand hatte der Pastor bis zu seinem Tode nichts einzuwenden. Seine Auffassung von Kirche im Staat hat in diesem Land tiefe Spuren hinterlassen. JACQUES SCHUSTER
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