Weltlinguistik anhand ihrer wichtigsten Repräsentanten eröffnet wird. Die Sprachwissenschaftler können nachlesen, auf wessen Schultern sie stehen.
Viel Arbeit steckt in diesem voluminösen Werk. Als Hauptherausgeber hat Harro Stammerjohann zusammen mit zwanzig internationalen Mitherausgebern und mehr als 400 Mitarbeitern ein "Who's who in the History of World Linguistics" angefertigt, das auf 1047 Seiten mehr als 1500 tote Sprachwissenschaftler in alphabetischer Reihenfolge vorstellt, von Aasen, Ivar, einem norwegischen Dialektforscher des 19. Jahrhunderts, bis zu Zwirner, Eberhard, der ein besondere Art quantitativer Lautanaylse entwickelt hat. Nach einer kurzen Feststellung der Geburts- und Todesdaten werden die Arbeitsschwerpunkte und besonderen Leistungen der Sprachwissenschaftler dargestellt. Am Ende wird die wichtigste Primär- und Sekundärliteratur erwähnt. Auch die meisten linguistischen Facharbeiter werden wohl überwältigt sein angesichts der reichhaltigen Geschichte ihres Arbeitsgebietes.
Das Werk ist zum Nachschlagen, nicht zum Durchlesen. Aber ich muß gestehen, daß ich mich besonders beim Buchstaben I festgelesen habe, vor allem auf den Seiten 438 bis 456, von Ibn Abi Ishaq, Ibn Zayd Abdallah Abu Bahr über Ibn Agurrum, Abu Abdallah Muhammad ibn Muhammed as-Sanhagi bis hin zu Ibn Yasus, Ishaq Abu Ibrahim (Abu Ibrahim ibn Qastar). Ich habe zwar auch einmal Linguistik studiert, aber da sieht man doch, wie borniert man gewesen ist.
Dann ging ich anders an die Sache ran und suchte die Namen, an die ich mich erinnern konnte. In den siebziger Jahren waren die Vertreter der "kulturhistorischen" Sprachwissenschaft populär: Wygotska, Leontjew, Luria, Volosinov und andere. Die fand ich aber nicht. Und beschäftigt hatte ich mit auch mit den Theoretikern, die an der logischen Grammatik der Sprache interessiert waren: Frege und Carnap, Ayer und Waismann, Schächter und Quine. Die fand ich auch nicht. Offensichtlich hatte ich gar nicht Linguistik studiert. Das werde ich meinen damaligen Professoren sagen müssen.
Wen kannte ich noch? Chomsky und seine strukturlinguistischen Mitstreiter. Aber die leben ja noch. Schön fand ich wirklich, daß Italo Calvino und Pier Paolo Pasolini in diesem Rückblick verewigt worden sind, die sich über literatische Schreibstile ihre Gedanken gemacht haben. Und interessant fand ich auch, daß zwar Karl Kraus als Sprachkritiker auftaucht, aber der arme Fritz Mauthner nicht, obwohl er sich doch viel Mühe gemacht hatte mit seinen dreibändigen Beiträgen zu einer Kritik der Sprache.
Aber ich will nicht nörgeln. Harro Stammerjohann hat es in seinem Vorwort deutlich genug gesagt: "A work like this can never be final, nor will it ever seem sufficiently balanced to all readers." Statt dessen muß ich an die Arbeit derjenigen denken, die im Hintergrund dieses Unternehmens mitwirkten: an Robert Hammel und Hans-Ingo Radatz, die voller "idealism" alle möglichen Lücken schließen mußten, oder an Rainer Schlösser, den Mitarbeiter aus Chemnitz, der die letzten zwei Runden des Korrekturlesens hinter sich brachte, oder an den Englischlektor James Kerr, der mit einer "unremetting diligence" alle Eintragungen auf ihre sprachliche Korrektheit prüfte, die nicht von einem "native speaker of English" geschrieben worden waren, und das waren die meisten.
Man übersieht ja leider oft die aufreibende und selbstlose Arbeit all derer, ohne die ein solches Werk nicht gelingen kann. Wie leicht hat man es da als Kritiker. Und das Buch bekommt man auch noch geschenkt und hat dadurch fast 600 Mark gespart. MANFRED GEIER
Harro Stammerjohann (Hrsg.): "Lexicon Grammaticorum". Who's who in the History of World Linguistics. Max Niemeyer Verlag, Tübingen 1996. 1047 S., geb., 586,- DM.
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