der Politik und der Geschichte seiner Heimat.
David Goldblatt, 1930 in Randfontein zur Welt gekommen, ist der bekannteste Fotograf Südafrikas. Sein Band "Some Afrikaners photographed" aus dem Jahr 1975 war die Auseinandersetzung mit dem weißen Selbstverständnis in Südafrika, das Brutalität gegen die schwarze Mehrheit als Normalität verstand. Längst ist das Buch ein Klassiker. Es folgte ein halbes Dutzend weiterer Bildbände, in denen Goldblatt mal die menschenunwürdigen Lebensbedingungen der Schwarzen unter der Apartheid-Politik dokumentierte, mal in der Zeichensprache architektonischer Formen und Strukturen Metaphern für die weiße Gesellschaft und ihr zynisches Repressionssystem fand. Es waren politisch motivierte Bildserien, denen er sich parallel zu kommerziellen Auftragsarbeiten für Zeitschriften und Illustrierten in seiner Freizeit widmete. Manche waren von solcher Heftigkeit, daß Goldblatt von "Sprengstoff" sprach. Kein Wunder, daß immer wieder die Geheimpolizei eingriff, wenn er fotografieren wollte.
Daß seinen Schwarzweißaufnahmen auf der vorigen "documenta" viel Platz eingeräumt wurde, machte Goldblatt international bekannt. Wohl fühlte er sich dort nicht. Ihm sei es nicht um Kunst zu tun. Nicht einmal den Begriff Reportage hält er für passend. Er nennt sich einen "selbsternannten Beobachter und Kritiker der Gesellschaft, in der er lebt". Wochenlang ist er bisweilen mit seinem allradgetriebenen Campmobil unterwegs, bis in die abgelegensten Winkel des Lands - stets auf der Suche nach dem, was Südafrika in seinem Wesen ausmacht.
Prägen harte Kontraste das frühe Werk, möchte man die neuen Farbfotos der Serie "Intersections", diese leisen Bilder, als "lyrischen Dokumentarismus" bezeichnen. Sie sind eher vorsichtige Untersuchungen als scharfe Analysen, stellen eher Fragen, als daß sie Antworten geben. Denn diesmal geht es um Momente der Umwälzung, eine Neuorientierung am Kreuzweg von Vergangenheit und Zukunft. Aber egal, welchen Verlauf die Geschichte wählen wird, kann man jetzt schon sagen, daß künftige Generationen diesen Aufnahmen entnehmen können, wie alles begonnen hat. Noch liegt hier der todbringende Abraum von Asbestminen über Hunderte von Kilometern verstreut im Land; noch stehen die neuen Beamten der neuen Stadtregierungen mit fragenden Blicken vor der Kamera; noch teilen sich so viele Familien die Wohnungen in den Innenstädten, daß jeweils drei, vier Menschen ein Zimmer belegen; noch müssen die Denkmäler der Weißen mit Käfigen vor Diebstahl geschützt werden - und hundertfünfzig Kreuze in einem Feld erinnern an hundertfünfzig getötete weiße Farmer.
Dennoch schimmern Anflüge von Zuversicht durch die Motive. Obwohl auch fünfzehn Jahre nach dem Ende der Apartheid-Politik die Folgen von Armut und Arbeitslosigkeit nicht zu übersehen sind, entdeckte Goldblatt etliche Belege dafür, wie sich die Menschen in die neue Gesellschaft buchstäblich hineinarbeiten. Auf dem Land besitzen Schwarze jetzt eigene Grundstücke. In der Stadt eröffnen sie Ein-Mann-Unternehmen mit nicht mehr als ein wenig Malerwerkzeug und einem Handy - und werben auf selbstgeschriebenen Plakaten für ihre Dienste. Sie richten mit einfachem Gerät Garküchen ein, um in den Innenstädten Büroangestellte mit Snacks und Erfrischungen zu versorgen. Oder sie stehen mit Nähmaschinen am Straßenrand. Früher wären diese Menschen von der Polizei augenblicklich vertrieben worden.
Bisweilen herrscht schon fast zuviel Normalität in den Straßen. Auch das zeigt David Goldblatt. Aids-Zeichen, die ein Bewußtsein für die Krankheit schaffen sollen, unter der das Land zugrunde gehen könnte, tauchen in manchen Motiven wie vergessene Ornamente auf. Es sind schöne Bilder. Aber sie beschönigen nichts.
"Intersections" von David Goldblatt. Prestel Verlag, München 2005. 124 Seiten, zahlreiche Abbildungen. Gebunden, 49,95 Euro. ISBN 3-7913-3247-3. Eine Ausstellung mit Fotografien von David Goldblatt zeigt das Museum Kunstpalast, Ehrenhof 4-5, 40479 Düsseldorf bis zum 21. August.
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