ihrem jetzt übersetzten Prosadebüt die Geschichte seitenverkehrt. Ida überrascht "zwei alte Männlein im Bade", wird von der Lust überwältigt und steigt zu ihnen in die Wanne. Die Alten rufen um Hilfe, sie wird verhaftet, aber die Polizei muss sie wieder laufen lassen. Unter ihren Küssen geht den Männlein der Atem aus. "Was muß man auch ab einem gewissen Alter noch Schaumbäder nehmen." Feministischer Zynismus? Kaum. Die alten Männer sind ja schon in der biblischen Geschichte die Geprellten. In puncto sinnlicher Aggressivität immerhin ein Tausch der Geschlechterrollen!
Zu einem Teil leben Webers Geschichten von diesem Überraschungsmoment der Umkehrung, nähern sich dem satirischen Muster der "verkehrten Welt" (nicht Menschen, sondern Tiere beugen sich über Idas Wiege; "schwarze Löcher" nicht im Weltall, sondern in Idas Küche; Ida hält sich keine Putzfrau, sondern eine Doppelgängerin). Viele Abweichungen aber bleiben im Rahmen des Grotesken (die Anatomie Idas unter dem Röntgenblick; Ida wechselt ihre Organe durch Ersatzteile aus; die für den Außenstehenden lächerlichen Trancezustände und Verrenkungen beim Beischlaf). In die kleinen Geschichten hinein werfen die Umbrüche in der sozialen Rollenverteilung oder die Mechanisierung unserer Lebenswelt ihre Schlagschatten.
Ida unterwühlt die "Anstandsgrammatik", die Normen und Tabus. Sie läuft nackt über den Place de la Concorde, um Gott zu "beeindrucken"; sie fragt, woher hundert Jahre nach dem "Tode Gottes" noch "die Kirche ihre Vorräte an Glauben bezieht". Als künstlerisches Mittel demonstriert die Blasphemie einen allgemeinen Glaubensverlust. Ein Tabubruch ist die Parodie des Göttermythos: "Wie Schiva den Fächer ihrer Arme ausbreitet, so entfaltet Ida ihre drei Ursprünge der Welt", nämlich eine dreifache Vagina. Ida ist eine Kunstfigur mit automatenhaften wie archaischen Zügen. Gelegentlich bewegen sich die Prosastücke zwischen Aphorismus und Erzählung, manchmal aber reicht der Einfall nicht aus. Anleihen beim Märchen sind kaum Gewinn bringend. Zum Schluss kalauert sich die Autorin unter das Niveau ihrer Prosa. Die Geschichte vom Testament des Briten, dessen Asche man in eine Eieruhr füllen soll, damit seine Frau endlich weiche Eier kochen lernt, kann man nur dem makabren Humor zurechnen.
Aber obwohl in einigen Geschichten weder der Witz funkelt noch das Groteske Erkenntnis aufblitzen lässt, fehlt es dem Ganzen nicht an Originalität und Phantasie. So erhebt sich Ida einmal im Aufwind der Phantasie zu einer poetischen Reise auf der Seifenblase. Und grotesk-grazil ist der "Tanz der toten Hosen". Langweilig sind die kleinen Prosastücke nie. Und wer Sinn für die verschlungenen Formen der Arabeske hat, wird in die Ida-Geschichten Anne Webers rasch hineingezogen und bleibt in ihrem Bann.
WALTER HINCK.
Anne Weber: "Ida erfindet das Schießpulver". Geschichten. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1999. 95 S., br., 14,80 DM.
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