ersten persönlichen Begegnung, unverhoffte Identitätsfindungen solcher Art gäbe es öfter, als man annehme - er selbst sei ein nahe liegendes Beispiel - und bietet sich gegen geringes Entgelt als Tutor auf dem Weg ins praktische jüdisch-orthodoxe Leben an. Dazu gehört nun einmal das Bekenntnis vor den Mitmenschen.
Bei Sue landet Charles mit seinem Versuch wie erwartet an der Mauer. Auf seinen schlichten Satz: "Ich bin Jude", schnippt sie zurück: "Gibt's eine Pointe, oder soll ich die liefern?" Eine altersgemäße Kauzigkeit aus dem Formenkreis Midlife-Crisis, Charles ist fünfundfünfzig, würde sie ihm schon zugestehen, aber orthodoxer Jude? Das hält sie für übertrieben. "Warum konntest du nicht Veganer werden? Oder liberaler Demokrat? Oder mit deiner Sekretärin schlafen?" Charles könnte darauf verweisen, dass er seine neue Identität nicht aus dem Versandhauskatalog gewählt, sondern dass sie ihn getroffen hat, aber die Basis für Verständigung mit seiner Frau ist spürbar geschwunden. Ein von ihr organisierter Krisengipfel, mit Dr. Birnbaum, Charles' ehemaligem Psychoanalytiker als ihrem Sekundanten, und Rabbi Salman an der Seite ihres Gatten, bei koscherem Essen auf Wegwerfgeschirr, löst sich schnell und ergebnislos auf, markiert durch den resigniert-kommentarlosen Rückzug der beiden Spezialisten für säkulares und religiöses Leben. Was aus Charles und Sue werden wird, bleibt offen.
In dieser Geschichte befindet man sich deutlich auf der eher heiteren Seite von Nathan Englanders "Neun Erzählungen über die komischen Seiten der menschlichen Tragödie". Daraus könnte sich Woody Allen bedienen wie auch aus der Geschichte von Rabbi Izhak Kringle aus Royal Hills. Brooklyn, der von seiner Frau alljährlich zum Jagen getragen wird, nämlich zur Aufbesserung der Haushaltskasse wochenlang in einem großen Kaufhaus in Manhattan den Weihnachtsmann geben muss. Physiognomisch ist Reb Izhak eine Idealbesetzung, denn Rauschebart und Bauch muss er sich nicht erst aus der Maske besorgen, psychisch ist er aber in dieser Saison dem Amalgam aus Discount-Christentum, Habgier, Kommerz und Heuchelei, von David Sedaris in seinen "Santa-Land Diaries" schon sensibel beschrieben, nicht mehr gewachsen und donnert eines Tages, durchaus nicht nur unter seinen von Kinderaufregung befeuchteten Oberschenkeln leidend: "Dies ist kein Job für einen Juden."
Zwei von Englanders Geschichten führen in die tödlichsten Milieus dieses Jahrhunderts, in Stalinismus und Hitlerismus. In "Der siebenundzwanzigste Mann" findet sich "eine bedeutende Auswahl der überlebenden jiddischen Schriftsteller Europas" 1952 in den Fängen von Stalin und seinem sich selbst verdauenden Terrorapparat, an verschiedenen Orten und aus unterschiedlichsten Lebenszusammenhängen eingesammelt und in ein einziges Gefängnis gebracht. Da die sowjetische Rechtsstaatlichkeit die Schuld für das feststehende Kollektivurteil, Tod durch Erschießen, erst durch Folter und das Geständnis fiktiver Verbrechen begründen muss, haben die Gefangenen einen für sie nicht absehbaren Zeitraum miteinander zu verbringen. Die Monströsität des Geschehens würde als realisierte wohl umgehend zu galoppierender Paralyse führen; die Gefangenen agieren deshalb untereinander eher wie Zufallsbekanntschaften auf einem Ausflugsdampfer, der mit unbekanntem Ziel den Fluss des Lebens befährt.
In "Die Akrobaten" lässt Englander zwanzig Todgeweihte den falschen Zug besteigen, nicht den, der sie wie alle Bewohner des Gettos von Chelm ins Vernichtungslager bringen wird, sondern den, der dahinter wartet. Sie gehören zur Minderheit der strenggläubigen Mahmirim und setzen sich nur deshalb von den zahlreichen Mekyl ab, um nicht durch den Kontakt mit dieser eher sinnenfrohen Lebensrichtung ihre eigene Reinheit zu gefährden. Nun befinden sie sich unverhofft in einem Zug, der eine durchmischte Fronttheatertruppe zum nächsten Auftrittsort transportiert. Bis er ankommt, ist aus den Mahmirim eine Akrobatengruppe geworden, die versucht, die dunkel erinnerte Artistik eines Wanderzirkus mit den sehr beschränkten eigenen Mitteln nachzustellen. Zumindest bis zur ersten Vorführung gereicht die Charade zur Rettung, die Darbietung wird mit irritierter Heiterkeit aufgenommen.
Eine Geschichte fällt stilistisch aus dem Rahmen und qualitativ ab. Sie ist offenbar autobiografisch gefärbt, der Versuch, einen in Israel in unmittelbarer Umgebung erlebten terroristischen Anschlag literarisch zu verarbeiten, und das wohl in kurzem zeitlichen Abstand, denn hier ist der Ton teilweise so grell wie der der von Englander gehörten und gefühlten drei Detonationen. Sonst aber meistert Englander seine sehr unterschiedlichen Stoffe mit großer Virtuosität und Ökonomie. Das gilt auch für die vier weiteren Geschichten, die in unseren Tagen im jüdischen Milieu von Brooklyn oder in Jerusalem spielen, wo etwa Ruchama, die sonst Perücken für die Frauen herstellt, die sich aus religiösen Gründen das Haupthaar gänzlich scheren lassen, einem Blumenboten für 4000 Dollar seine Locke abkauft, um sich selbst einen Kopfschmuck zu knüpfen, der so wirken soll wie das Haar des Modells aus der Shampooreklame, nämlich Aufsehen erregend bis zum Verkehrsstau. Oder die Geschichte von Rabbi Dow Benjamin, der "zur Linderung unerträglichen Verlangens" den Besuch bei einer Prostituierten erlaubt, um die durch monatelange Verweigerung seiner Frau gefährdete Ehe zu stabilisieren. Der aber weiß nach erreichter Linderung mit den endlich wieder beginnenden erotischen Avancen seiner Gattin nichts anzufangen, weil ihn seither eine venerische Krankheit plagt.
Über Nathan Englander ist zu erfahren, dass er - erstaunlicherweise erst - neunundzwanzig Jahre alt ist, in New York eine streng jüdische Erziehung genoss und inzwischen in Israel lebt, offensichtlich in Distanz zu seinem ehemaligen Umfeld, gleichzeitig aber mit nicht-denunziatorischer Empathie für diese eher hermetische Welt. Mit ihm betritt ein Autor die literarische Bühne, von dem man wünscht, dass er lange darauf bleiben wird.
Nathan Englander: "Zur Linderung unerträglichen Verlangens". Neun Erzählungen über die komische Seite der menschlichen Tragödie. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Martin Richter. Europa Verlag, Hamburg/Wien 1999. 255 S., geb., 36,- DM.
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