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Ein großes Geschichtspanorama am Beispiel einer kleinen Stadt.August 1989: Im österreichischen Städtchen Dunkelblum taucht ein rätselhafter Besucher auf, eine junge Frau verschwindet, ein Skelett wird gefunden. Und hinter der nahen Grenze zu Ungarn warten bereits Hunderte DDR-Flüchtlinge. Da kommen wie von selbst Erinnerungen an ein furchtbares Verbrechen zurück, das die Dunkelblumer gern für immer verdrängt hätten.Mit Witz und Suspense entwirft Eva Menasse ein großes Geschichtspanorama am Beispiel einer kleinen Stadt und erzählt vom Umgang der Bewohner mit einer historischen Schuld...
Ein großes Geschichtspanorama am Beispiel einer kleinen Stadt.
August 1989: Im österreichischen Städtchen Dunkelblum taucht ein rätselhafter Besucher auf, eine junge Frau verschwindet, ein Skelett wird gefunden. Und hinter der nahen Grenze zu Ungarn warten bereits Hunderte DDR-Flüchtlinge. Da kommen wie von selbst Erinnerungen an ein furchtbares Verbrechen zurück, das die Dunkelblumer gern für immer verdrängt hätten.
Mit Witz und Suspense entwirft Eva Menasse ein großes Geschichtspanorama am Beispiel einer kleinen Stadt und erzählt vom Umgang der Bewohner mit einer historischen Schuld.
»Die ganze Wahrheit wird, wie der Name schon sagt, von allen Beteiligten gemeinsam gewusst. Deshalb kriegt man sie nachher nie mehr richtig zusammen. Denn von jenen, die ein Stück von ihr besessen haben, sind dann immer gleich ein paar schon tot. Oder sie lügen, oder sie haben ein schlechtes Gedächtnis.«
August 1989: Im österreichischen Städtchen Dunkelblum taucht ein rätselhafter Besucher auf, eine junge Frau verschwindet, ein Skelett wird gefunden. Und hinter der nahen Grenze zu Ungarn warten bereits Hunderte DDR-Flüchtlinge. Da kommen wie von selbst Erinnerungen an ein furchtbares Verbrechen zurück, das die Dunkelblumer gern für immer verdrängt hätten.
Mit Witz und Suspense entwirft Eva Menasse ein großes Geschichtspanorama am Beispiel einer kleinen Stadt und erzählt vom Umgang der Bewohner mit einer historischen Schuld.
»Die ganze Wahrheit wird, wie der Name schon sagt, von allen Beteiligten gemeinsam gewusst. Deshalb kriegt man sie nachher nie mehr richtig zusammen. Denn von jenen, die ein Stück von ihr besessen haben, sind dann immer gleich ein paar schon tot. Oder sie lügen, oder sie haben ein schlechtes Gedächtnis.«
Eva Menasse, geboren 1970 in Wien, begann als Journalistin und debütierte im Jahr 2005 mit dem Familienroman 'Vienna'. Es folgten Romane und Erzählungen, die vielfach ausgezeichnet und übersetzt wurden. Zu den Preisen zählen u.a.: Heinrich-Böll-Preis, Friedrich-Hölderlin-Preis, Jonathan-Swift-Preis, Österreichischer Buchpreis, Mainzer Stadtschreiber-Preis und das Villa-Massimo-Stipendium in Rom. Eva Menasse betätigt sich zunehmend auch als Essayistin und erhielt dafür 2019 den Ludwig-Börne-Preis. Seit 2022 ist sie Sprecherin des PEN Berlin. Sie lebt in Berlin.

© Ekko von Schwichow
Produktdetails
- Verlag: btb
- Seitenzahl: 525
- Erscheinungstermin: 14. Juni 2023
- Deutsch
- Abmessung: 185mm x 124mm x 31mm
- Gewicht: 394g
- ISBN-13: 9783442772810
- ISBN-10: 3442772818
- Artikelnr.: 66342941
Herstellerkennzeichnung
btb Taschenbuch
Neumarkter Straße 28
81673 München
produktsicherheit@penguinrandomhouse.de
Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension
Das Massaker von Rechnitz im Jahr 1945 war "singulär" - und deshalb kann man auch keine "paradigmatische Menschheitsgeschichte" darüber schreiben, wie Eva Menasse es versucht, wendet Rezensent Paul Jandl nach der Lektüre ein. Die Sprache Menasses, die viele Kritikerkollegen besonders lobten, stellt denn für Jandl auch die eigentliche Problematik des Romans dar: Natürlich erkennt er den "surrealen Witz", die Menge meisterlicher Anekdoten und das Pointenfeuerwerk, das die Autorin zündet. Was dem Roman allerdings fehlt, ist der Wille zur Aufklärung, überhaupt der kritische Blick, den es braucht, damit der Leser hier nicht mit einem "entlastungshumorigen Kuriositätenkabinett" allein gelassen wird, schließt er.
© Perlentaucher Medien GmbH
© Perlentaucher Medien GmbH
Dunkle Geschichte
Eva Menasse liest im Literaturhaus
FRANKFURT Der erste Abend im Frankfurter Literaturhaus nach der Sommerpause: Etwa 70 Gäste dürfen im großen Lesesaal Platz nehmen; ohne Corona wären es 200. Nur die beiden Gäste auf dem Podium und diejenigen, die den Livestream ansehen, brauchen nicht unter der Maske zu hecheln: Eva Menasse stellte ihren Roman "Dunkelblum" (Kiwi) vor, und Literaturwissenschaftler Torsten Hoffmann kitzelte elegant die Brillanz aus der Autorin. Bevor er zum Thema des Abends kam, wollte er aber etwas anderes von ihr wissen: Wie hält sie es mit der Identitätspolitik? Schließlich hat sie ja gerade erst "Gedankenspiele über den Kompromiss" vorgelegt, eine Auftragsarbeit für den Grazer
Eva Menasse liest im Literaturhaus
FRANKFURT Der erste Abend im Frankfurter Literaturhaus nach der Sommerpause: Etwa 70 Gäste dürfen im großen Lesesaal Platz nehmen; ohne Corona wären es 200. Nur die beiden Gäste auf dem Podium und diejenigen, die den Livestream ansehen, brauchen nicht unter der Maske zu hecheln: Eva Menasse stellte ihren Roman "Dunkelblum" (Kiwi) vor, und Literaturwissenschaftler Torsten Hoffmann kitzelte elegant die Brillanz aus der Autorin. Bevor er zum Thema des Abends kam, wollte er aber etwas anderes von ihr wissen: Wie hält sie es mit der Identitätspolitik? Schließlich hat sie ja gerade erst "Gedankenspiele über den Kompromiss" vorgelegt, eine Auftragsarbeit für den Grazer
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Droschl Verlag. "Das ist schmerzhaft", war zu vernehmen. Extremismen existierten halt rechts und links. "AfD - gähn, aber das identitätspolitische Denken ist bedrückend", sagte die Autorin. Es bewege sich "in Richtung Fundamentalismus". Dabei handele es sich nur um kleine, dafür aber laute digitale Gruppen. Menasse bedauerte auch die "Superhysterie" beim Gendern.
Dann gingen sie zum Roman über. "Dunkelblum" alias Rechnitz ist eine Kleinstadt im Burgenland an der Grenze zu Ungarn. Ihr Roman sei also ein "Europa-Roman", so Menasse. Umso mehr als sich sein einwöchiger Plot im August 1989 zuträgt, als DDR-Bürger über die Grenze flohen. Diese Erzählzeit wird durchbrochen von Rückblenden ins Jahr 1944, als die Nazis diese Grenze zum "Südostwall" ausriefen und jüdische Zwangsarbeiter nebst Alten und Frauen diesen befestigen sollten. Bei einem Fest der SS-Lokalprominenz kam es zu einem Massaker an 200 Juden. Die ortsansässige Gräfin hat die Täter gedeckt und einem SS-Bonzen mit ihrem Geld die Flucht ermöglicht. Bis heute wurde das Massengrab nicht gefunden. Rechnitz muss mit dem Ruf einer Nazi-Stadt leben, aber, so Menasse: "Es gab mehr als 120 solcher Vorfälle an dieser Grenze."
Die "Wende" von 1989 ist im Roman der Auslöser der Erinnerung. Ein Museum soll her, eine Stadtchronik. So hat Menasse "Geschichte geschichtet", wie sie wiederholt formulierte. Sie demonstrierte das mit einer Lesepassage über die Fluchthilfe derer, die 1944 Hitlerjungen und Schlägertrupps waren. Wollen sie 45 Jahre später etwas gutmachen, bevor Genschers Busse anrücken? Wohl eher schnelles Geld wollen die "Haberer" verdienen. "Haberer"? "Kumpel", übersetzte die Wiener Schriftstellerin für ihre deutschen Leser, die allenfalls Erdäpfel und Paradeiser von der Speisekarte her kennen. Ja, ihr Buch sei sehr österreichisch, so Menasse, die ihm sicherheitshalber ein Glossar angehängt hat. Erzählungen will sie übrigens nicht mehr schreiben. Die würden ja doch nicht gelesen, deshalb nur noch Romane. Der anregende und kurzweilige Abend war der Autorenstiftung zu verdanken.
CLAUDIA SCHÜLKE
Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
Dann gingen sie zum Roman über. "Dunkelblum" alias Rechnitz ist eine Kleinstadt im Burgenland an der Grenze zu Ungarn. Ihr Roman sei also ein "Europa-Roman", so Menasse. Umso mehr als sich sein einwöchiger Plot im August 1989 zuträgt, als DDR-Bürger über die Grenze flohen. Diese Erzählzeit wird durchbrochen von Rückblenden ins Jahr 1944, als die Nazis diese Grenze zum "Südostwall" ausriefen und jüdische Zwangsarbeiter nebst Alten und Frauen diesen befestigen sollten. Bei einem Fest der SS-Lokalprominenz kam es zu einem Massaker an 200 Juden. Die ortsansässige Gräfin hat die Täter gedeckt und einem SS-Bonzen mit ihrem Geld die Flucht ermöglicht. Bis heute wurde das Massengrab nicht gefunden. Rechnitz muss mit dem Ruf einer Nazi-Stadt leben, aber, so Menasse: "Es gab mehr als 120 solcher Vorfälle an dieser Grenze."
Die "Wende" von 1989 ist im Roman der Auslöser der Erinnerung. Ein Museum soll her, eine Stadtchronik. So hat Menasse "Geschichte geschichtet", wie sie wiederholt formulierte. Sie demonstrierte das mit einer Lesepassage über die Fluchthilfe derer, die 1944 Hitlerjungen und Schlägertrupps waren. Wollen sie 45 Jahre später etwas gutmachen, bevor Genschers Busse anrücken? Wohl eher schnelles Geld wollen die "Haberer" verdienen. "Haberer"? "Kumpel", übersetzte die Wiener Schriftstellerin für ihre deutschen Leser, die allenfalls Erdäpfel und Paradeiser von der Speisekarte her kennen. Ja, ihr Buch sei sehr österreichisch, so Menasse, die ihm sicherheitshalber ein Glossar angehängt hat. Erzählungen will sie übrigens nicht mehr schreiben. Die würden ja doch nicht gelesen, deshalb nur noch Romane. Der anregende und kurzweilige Abend war der Autorenstiftung zu verdanken.
CLAUDIA SCHÜLKE
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»Eva Menasse hat mit ihrem Buch 'Dunkelblum' ein Meisterwerk geschaffen.« Ijoma Mangold Die Zeit 20210819
Dunkle Geschichte
Eva Menasse liest im Literaturhaus
FRANKFURT Der erste Abend im Frankfurter Literaturhaus nach der Sommerpause: Etwa 70 Gäste dürfen im großen Lesesaal Platz nehmen; ohne Corona wären es 200. Nur die beiden Gäste auf dem Podium und diejenigen, die den Livestream ansehen, brauchen nicht unter der Maske zu hecheln: Eva Menasse stellte ihren Roman "Dunkelblum" (Kiwi) vor, und Literaturwissenschaftler Torsten Hoffmann kitzelte elegant die Brillanz aus der Autorin. Bevor er zum Thema des Abends kam, wollte er aber etwas anderes von ihr wissen: Wie hält sie es mit der Identitätspolitik? Schließlich hat sie ja gerade erst "Gedankenspiele über den Kompromiss" vorgelegt, eine Auftragsarbeit für den Grazer
Eva Menasse liest im Literaturhaus
FRANKFURT Der erste Abend im Frankfurter Literaturhaus nach der Sommerpause: Etwa 70 Gäste dürfen im großen Lesesaal Platz nehmen; ohne Corona wären es 200. Nur die beiden Gäste auf dem Podium und diejenigen, die den Livestream ansehen, brauchen nicht unter der Maske zu hecheln: Eva Menasse stellte ihren Roman "Dunkelblum" (Kiwi) vor, und Literaturwissenschaftler Torsten Hoffmann kitzelte elegant die Brillanz aus der Autorin. Bevor er zum Thema des Abends kam, wollte er aber etwas anderes von ihr wissen: Wie hält sie es mit der Identitätspolitik? Schließlich hat sie ja gerade erst "Gedankenspiele über den Kompromiss" vorgelegt, eine Auftragsarbeit für den Grazer
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Droschl Verlag. "Das ist schmerzhaft", war zu vernehmen. Extremismen existierten halt rechts und links. "AfD - gähn, aber das identitätspolitische Denken ist bedrückend", sagte die Autorin. Es bewege sich "in Richtung Fundamentalismus". Dabei handele es sich nur um kleine, dafür aber laute digitale Gruppen. Menasse bedauerte auch die "Superhysterie" beim Gendern.
Dann gingen sie zum Roman über. "Dunkelblum" alias Rechnitz ist eine Kleinstadt im Burgenland an der Grenze zu Ungarn. Ihr Roman sei also ein "Europa-Roman", so Menasse. Umso mehr als sich sein einwöchiger Plot im August 1989 zuträgt, als DDR-Bürger über die Grenze flohen. Diese Erzählzeit wird durchbrochen von Rückblenden ins Jahr 1944, als die Nazis diese Grenze zum "Südostwall" ausriefen und jüdische Zwangsarbeiter nebst Alten und Frauen diesen befestigen sollten. Bei einem Fest der SS-Lokalprominenz kam es zu einem Massaker an 200 Juden. Die ortsansässige Gräfin hat die Täter gedeckt und einem SS-Bonzen mit ihrem Geld die Flucht ermöglicht. Bis heute wurde das Massengrab nicht gefunden. Rechnitz muss mit dem Ruf einer Nazi-Stadt leben, aber, so Menasse: "Es gab mehr als 120 solcher Vorfälle an dieser Grenze."
Die "Wende" von 1989 ist im Roman der Auslöser der Erinnerung. Ein Museum soll her, eine Stadtchronik. So hat Menasse "Geschichte geschichtet", wie sie wiederholt formulierte. Sie demonstrierte das mit einer Lesepassage über die Fluchthilfe derer, die 1944 Hitlerjungen und Schlägertrupps waren. Wollen sie 45 Jahre später etwas gutmachen, bevor Genschers Busse anrücken? Wohl eher schnelles Geld wollen die "Haberer" verdienen. "Haberer"? "Kumpel", übersetzte die Wiener Schriftstellerin für ihre deutschen Leser, die allenfalls Erdäpfel und Paradeiser von der Speisekarte her kennen. Ja, ihr Buch sei sehr österreichisch, so Menasse, die ihm sicherheitshalber ein Glossar angehängt hat. Erzählungen will sie übrigens nicht mehr schreiben. Die würden ja doch nicht gelesen, deshalb nur noch Romane. Der anregende und kurzweilige Abend war der Autorenstiftung zu verdanken.
CLAUDIA SCHÜLKE
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Dann gingen sie zum Roman über. "Dunkelblum" alias Rechnitz ist eine Kleinstadt im Burgenland an der Grenze zu Ungarn. Ihr Roman sei also ein "Europa-Roman", so Menasse. Umso mehr als sich sein einwöchiger Plot im August 1989 zuträgt, als DDR-Bürger über die Grenze flohen. Diese Erzählzeit wird durchbrochen von Rückblenden ins Jahr 1944, als die Nazis diese Grenze zum "Südostwall" ausriefen und jüdische Zwangsarbeiter nebst Alten und Frauen diesen befestigen sollten. Bei einem Fest der SS-Lokalprominenz kam es zu einem Massaker an 200 Juden. Die ortsansässige Gräfin hat die Täter gedeckt und einem SS-Bonzen mit ihrem Geld die Flucht ermöglicht. Bis heute wurde das Massengrab nicht gefunden. Rechnitz muss mit dem Ruf einer Nazi-Stadt leben, aber, so Menasse: "Es gab mehr als 120 solcher Vorfälle an dieser Grenze."
Die "Wende" von 1989 ist im Roman der Auslöser der Erinnerung. Ein Museum soll her, eine Stadtchronik. So hat Menasse "Geschichte geschichtet", wie sie wiederholt formulierte. Sie demonstrierte das mit einer Lesepassage über die Fluchthilfe derer, die 1944 Hitlerjungen und Schlägertrupps waren. Wollen sie 45 Jahre später etwas gutmachen, bevor Genschers Busse anrücken? Wohl eher schnelles Geld wollen die "Haberer" verdienen. "Haberer"? "Kumpel", übersetzte die Wiener Schriftstellerin für ihre deutschen Leser, die allenfalls Erdäpfel und Paradeiser von der Speisekarte her kennen. Ja, ihr Buch sei sehr österreichisch, so Menasse, die ihm sicherheitshalber ein Glossar angehängt hat. Erzählungen will sie übrigens nicht mehr schreiben. Die würden ja doch nicht gelesen, deshalb nur noch Romane. Der anregende und kurzweilige Abend war der Autorenstiftung zu verdanken.
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Puppenhäuser der Verbrecher
Eva Menasse erzählt in ihrem Roman „Dunkelblum“ noch einmal vom Massaker in Rechnitz.
Da macht sich die Wirkung ihrer literarischen Ethik deutlich bemerkbar
VON HANNA ENGELMEIER
In einem der Erzählstränge von Eva Menasses Roman „Dunkelblum“ reist eine Gruppe Studierender im Jahr 1989 in das fiktive Dorf Dunkelblum im österreichischen Burgenland, um den örtlichen jüdischen Friedhof zu sanieren. Eines nachts wird der Friedhof geschändet, die Gräber mit antisemitischen Parolen beschmiert. Bürgermeister Koreny ist sich sicher: „Eine Jugendtorheit, eine b’soffene G’schicht, etwas, dessen Konsequenzen sicher nicht bedacht und nicht beabsichtigt gewesen sein können. Ganz sicher nicht! So
Eva Menasse erzählt in ihrem Roman „Dunkelblum“ noch einmal vom Massaker in Rechnitz.
Da macht sich die Wirkung ihrer literarischen Ethik deutlich bemerkbar
VON HANNA ENGELMEIER
In einem der Erzählstränge von Eva Menasses Roman „Dunkelblum“ reist eine Gruppe Studierender im Jahr 1989 in das fiktive Dorf Dunkelblum im österreichischen Burgenland, um den örtlichen jüdischen Friedhof zu sanieren. Eines nachts wird der Friedhof geschändet, die Gräber mit antisemitischen Parolen beschmiert. Bürgermeister Koreny ist sich sicher: „Eine Jugendtorheit, eine b’soffene G’schicht, etwas, dessen Konsequenzen sicher nicht bedacht und nicht beabsichtigt gewesen sein können. Ganz sicher nicht! So
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sind die Leute hier nicht!“
Sind sie doch. Denn bei Dunkelblum handelt es sich um eine Chiffre für den Ort Rechnitz unweit der ungarischen Grenze. Hier stand bis kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs ein Schloss im Besitz der Gräfin Margit Batthyány-Thyssen, Erbin des Vermögens aus dem Thyssen-Konzern. Vor Palmsonntag 1945 feierten örtliche SS-Leute und deren Kollaborateure als Gäste der Gräfin ein Fest. Teil dieser Lustbarkeit war ein Massaker an etwa 200 jüdischen Zwangsarbeitern. Nach dem Massenmord feierten die Täter weiter.
Eine umfassende Aufklärung dieses Verbrechens scheiterte grausam: Zwei Zeugen wurden ermordet, andere schwiegen für immer. Die beiden Hauptverantwortlichen setzten sich ins Ausland ab, mithilfe der Gräfin, die selbst in der Schweiz lebte, wo sie 1989 starb. Von der Abwehr dieser Vergangenheit, der fortgesetzten Mittäterschaft durch das „tosende Dunkelblumer Schweigen“ und die Vergiftung der Gegenwart erzählt Menasse. Ihr Fokus ist das soziale Netz, dessen Maschen verdecken, was in der Nacht vom 24. März 1945 geschah. Was das Ereignis selbst betrifft, versagt sie sich jede Beschreibung.
In einem Interview hat Menasse erklärt, es sei ihr nicht allein um den Ort Rechnitz gegangen, sondern auch um all die anderen Orte der Gegend, in der zur gleichen Zeit Massaker geschehen seien. Die Verdichtung an einem einzigen Ort diene der monumentalen Aufgabe, „eine paradigmatische Menschheitsgeschichte, wie sie eben immer wieder passiert“, zu schreiben.
Paradigmatische Menschheitsgeschichten bieten im besten Fall Lehren fürs Jetzt an. Eine erste könnte sich hinter der Frage verbergen, ob „paradigmatische Menschheitsgeschichte“ eine treffende Beschreibung für einen Massenmord ist, der in einer bestimmten historischen Konstellation begangen wurde. Offenbar will Menasse aber zeigen, dass auch das Jetzt, zumindest das österreichische Jetzt, nach wie vor durch einen Umgang mit der Vergangenheit bestimmt ist, der Verbrechen zum Ergebnis einer „b’soffenen G’schicht“ werden lässt. So hatte schließlich auch der rechtsextreme FPÖ-Politiker Heinz-Christian Strache gesprochen, als 2019 das Ibiza-Video seine Bereitschaft zur Korruption dokumentierte.
Dieser Umstand ist bekannt, und auch dass die Aufklärung vieler Details der Ermordung der europäischen Juden systematisch verhindert worden ist. Der Fall Rechnitz ist seit den 1990er-Jahren Gegenstand unter anderem verschiedener Dokumentationen, eines Theaterstücks von Elfriede Jelinek und eines Sachbuchs von Sacha Batthyany, des Großneffen von Margit Batthyány-Thyssen gewesen. Nicht weniger geläufig sind, besonders in der österreichischen Literatur, Romane, die sich der Idiotie des Landlebens mit einem Schwerpunkt auf die Sprachlosigkeit hinsichtlich der eigenen Verstrickungen in den Nationalsozialismus widmen. Sie sind ein Lebensthema des Büchnerpreisträgers Josef Winkler, neuere Exemplare stammen von Raphaela Edelbauer („Das flüssige Land“, 2019) oder Helena Adler („Die Infantin trägt den Scheitel links“, 2020). Warum also noch mal das Ganze, und warum in Form eines Romans, der in süffigen Austriazismen und Abschweifungen in das Leben größtenteils bigotter Dörflerinnen und Dörfler schwelgt?
Auf formaler Ebene interessiert Menasse vor allem ein dezentrales Erzählen, wie es durch die großen amerikanischen Fernsehserien der letzten beiden Jahrzehnte erprobt ist. Die kurzen Kapitel des Romans stellen in der Regel eine Figur in den Mittelpunkt, deren Verstrickung in die Geschichte des Ortes durch ihre Beziehungen zu ihren Nachbarn plastisch wird. Wir begegnen dem Sohn von Eszter Lowetz, der nach dem Tod seiner Mutter aus der Großstadt nach Dunkelblum zurückkehrt, mit dem Blick des urbanen Ignoranten auf das Dorf schaut, aber durch die Mithilfe einer aufgeweckten jungen Einheimischen zu sehen lernt. Gespiegelt wird Lowetz’ eher glückliches Exil in dem des jüdischen Heimkehrers Alexander Gellért, der sich, noch unter dem Namen Goldblum, während der letzten Kriegstage bei Lowetz’ Mutter versteckt hatte. Weitere Auftritte haben unter anderem der Hobbyhistoriker Rehberg (eigentlich Reisebürobesitzer), der grausame Schlächter Horka (am Massaker beteiligt und dann verschwunden), sein öliger Gönner Dr. Alois Ferbenz, die Biobauern Malnitz, ein jüdischer Krämer namens Antal Grün und das ehemalige Mobbingopfer „geflickter Schurl“, der einst das Schweigen des Ortes brechen wollte und von seinen Nachbarn bestraft wurde.
Für das historische Argument, das der Roman vorträgt, ist von Bedeutung, dass die Geschichte 1989 spielt, also in dem Jahr, in dem das vielbesungene „Ende der Geschichte“ dann zwar doch nicht einsetzte, sich aber zumindest die spezifisch österreichische Perspektive auf die Verquickung von geografischer und kollektivpsychologischer Lage änderte. Viele Grenzen zum Ostblock öffneten sich, und für Menasse endet eigentlich erst so der Zweite Weltkrieg. Tragen muss die historische Last aber ein einsamer Sachse namens Reinhold, der über Ungarn aus der DDR geflohen ist und nun unverschuldet in die nationalsozialistische Wiederaufbereitungsanlage Dunkelblum gerät.
Im Ort steht, so zeigt ein von Nikolaus Heidelbach gezeichneter Plan auf dem Vorsatzblatt des Buches, in der Mitte eine Pestsäule. Wie alle Straßen im Ort auf diese Säule zulaufen, laufen auch die Leben der Figuren immer wieder auf die beschwiegene Gewalt des Ortes im Zweiten Weltkrieg zu. Teilweise verliert sich der Roman dabei in Detailfreude, manche Motive der Erzählung werden bis ins Letzte aufgelöst: Wenn auf Seite 106 ein Stahlhelm ungeklärter Herkunft auftaucht, muss er 107 Seiten später noch einmal einen Auftritt haben – und überdeutlich darauf verweisen, was alles der Aufklärung harrt. Ein Roman kann aber die Geschichte nicht reparieren, und je stärker ein Plot alle fransigen Enden der Wirklichkeit zu verweben sucht, desto weniger erscheint er als das, wonach Menasse strebt: eine repräsentative Schau komplexer Verhältnisse.
Gleich auf der ersten Seite wird die Erzählerstimme profiliert: Von ganz oben nimmt sie Einblick in die „Puppenhäuser“ eines „Modellstädtchens“. Die Dunkelblumer dürfen froh sein, dass Menasse hier die Perspektive des lieben Gottes einnimmt, dessen Verhältnis zu Mittätern und -wissern des antisemitischen Kriegsverbrechens ungefähr so wirkt wie das eines Puppenspielers im Marionettentheater. Der Zeitschrift Profil sagte Menasse, sie habe etwas dagegen, Romanfiguren „aus dem Wissen historischer Seminare heraus hochmütig vorzuschreiben, dass sie damals keine Nazis hätten sein dürfen“. Sie versuche vielmehr, mit diesen Figuren „kollaborativ“ umzugehen.
Tatsächlich ist es unangenehm, beim Lesen Zeugin der Denunziation von Romanfiguren durch Autorinnen oder Autoren zu werden. Nicht weniger unangenehm ist es aber, an Menasses Kollaboration Anteil zu nehmen. So sehr man es begrüßen kann, dass sie sich gegen historische Selbstgerechtigkeit richtet und versucht, komplexe Lebensläufe zu entwerfen, werden daraus doch nicht unbedingt komplexe Figuren. Denn deren Vergehen ist in jedem einzelnen Fall von Anfang an mehr oder weniger klar, die Figuren erfahren immer mehr über die Ereignisse von 1945, erleben aber keinen transformativen Erkenntnisgewinn. Mit jeder Umdrehung des Erzählbetriebs wird die Geschichte weiter ausgewalzt. So entsteht Fläche, aber keine psychologische oder historische Tiefe.
Besonders der Wille, durch Dialekt oder dialektal gefärbte Grammatik eine verführerische sprachliche Oberfläche herzustellen, bräuchte dringend ein Gegengewicht in den Gedanken der Figuren, die in mehr bestehen müssten, als nichts mit Kriegsverbrechen aus Opportunismus zu tun haben zu wollen. Sonst bleibt von dem kollaborativen Zugriff, den Menasse für sich reklamiert, vor allem das Bedürfnis nach einem gemütlichen Beisammensein mit jenen, die, wie sie sagt, „nicht alle verstockt, gemein und in ihren Herzen Nazis“ waren. Und wenn doch, gehen sie in der idyllischen Welt der Romanhandlung schnell hops.
Der Roman ist bereits kurz nach seinem Erscheinen als „Geniestreich“ begrüßt worden. Er kann allerdings schwerlich jenseits der literarischen Ethik betrachtet werden, die Menasse seit einigen Jahren ausdrücklich verfolgt. Deren Programm richtet sich vor allem gegen das, was sie 2018 in ihrer Rede zur Eröffnung des Internationalen Literaturfestivals in Berlin als „pseudokorrekte Inquisition“ bezeichnete. „Ich werde niemals gender-,gerecht‘ schreiben“, führte sie an anderer Stelle aus, „ich werde immer ungerecht, subjektiv, stur und nach meiner eigenen Façon schreiben. Sexisten und Rassisten dürfen weiterhin in meinen Texten auftreten, sonst wäre das literarische Abbild der Welt ja geschönt.“ In ihrer Rede erklärte sie weiter, vor dreißig Jahren habe man insbesondere in Österreich noch unbekümmert Formulierungen wie „durch den Rost gefallen“ verwendet, „ohne dass man die infame Nähe zu Gaskammern und Verbrennungsöfen bedacht hätte. Das war jedenfalls in Österreich noch bis in die 80er-Jahre problemlos möglich.“ So geht Menasse nun auch in ihrem Roman vor, der damit allerdings weniger gepflegtes Archiv politisch unbekümmerten Sprachgebrauchs, sondern immer wieder Anlass zu dessen Aktualisierung wird.
In der Arbeit mit Quellen in historischen Untersuchungen ist es unvermeidlich, mit solcher Sprache umzugehen. Dabei macht der Rahmen und die Einordnung der Autorin ihre Distanz deutlich. In literarischen Texten kann eine Erzählerin durch Figurenrede, indirekte Rede und Ironie ihr Verhältnis zum Dargestellten markieren. Das tut auch Eva Menasse. Die Frage wäre nur, ob nicht andere Formen als die der sprachlich-psychologischen Kollaboration mit den Figuren geeigneter wären, ein ungeschöntes Bild der Welt zu schaffen. Warum sollte Verfremdung dazu weniger in der Lage sein, was ist mit den Mitteln der Groteske, des Suspense?
Wer wie Menasse mit Gusto die unterkomplexen Argumentationsweisen sowohl einer als bloß tumb verstandenen Rechten als auch einer als moralinsauer beschriebenen Linken kritisiert, dürfte sich in seiner Poetik mehr zutrauen, als die sogenannte Wirklichkeit zu einer originalgetreuen Modelleisenbahnlandschaft zu verarbeiten.
Auch im Jetzt, soll sich zeigen,
werden Verbrechen schnell mal
zur „b’soffenen G’schicht“
Alle Leben der Figuren laufen
auf die beschwiegene Gewalt
im Zweiten Weltkrieg zu
Auch in dieser Geschichte
markiert die Erzählstimme
ihre Distanz zu den Figuren
Eva Menasse:
Dunkelblum. Roman.
Kiepenheuer & Witsch,
Köln 2021.
528 Seiten, 25 Euro.
Die Gräber der in Rechnitz ermordeten Juden wurden nie gefunden. Heute dient der „Kreuzstadl“, Schauplatz des Massakers, als Gedenkstätte. Foto: wikipedia/Lucky18
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Sind sie doch. Denn bei Dunkelblum handelt es sich um eine Chiffre für den Ort Rechnitz unweit der ungarischen Grenze. Hier stand bis kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs ein Schloss im Besitz der Gräfin Margit Batthyány-Thyssen, Erbin des Vermögens aus dem Thyssen-Konzern. Vor Palmsonntag 1945 feierten örtliche SS-Leute und deren Kollaborateure als Gäste der Gräfin ein Fest. Teil dieser Lustbarkeit war ein Massaker an etwa 200 jüdischen Zwangsarbeitern. Nach dem Massenmord feierten die Täter weiter.
Eine umfassende Aufklärung dieses Verbrechens scheiterte grausam: Zwei Zeugen wurden ermordet, andere schwiegen für immer. Die beiden Hauptverantwortlichen setzten sich ins Ausland ab, mithilfe der Gräfin, die selbst in der Schweiz lebte, wo sie 1989 starb. Von der Abwehr dieser Vergangenheit, der fortgesetzten Mittäterschaft durch das „tosende Dunkelblumer Schweigen“ und die Vergiftung der Gegenwart erzählt Menasse. Ihr Fokus ist das soziale Netz, dessen Maschen verdecken, was in der Nacht vom 24. März 1945 geschah. Was das Ereignis selbst betrifft, versagt sie sich jede Beschreibung.
In einem Interview hat Menasse erklärt, es sei ihr nicht allein um den Ort Rechnitz gegangen, sondern auch um all die anderen Orte der Gegend, in der zur gleichen Zeit Massaker geschehen seien. Die Verdichtung an einem einzigen Ort diene der monumentalen Aufgabe, „eine paradigmatische Menschheitsgeschichte, wie sie eben immer wieder passiert“, zu schreiben.
Paradigmatische Menschheitsgeschichten bieten im besten Fall Lehren fürs Jetzt an. Eine erste könnte sich hinter der Frage verbergen, ob „paradigmatische Menschheitsgeschichte“ eine treffende Beschreibung für einen Massenmord ist, der in einer bestimmten historischen Konstellation begangen wurde. Offenbar will Menasse aber zeigen, dass auch das Jetzt, zumindest das österreichische Jetzt, nach wie vor durch einen Umgang mit der Vergangenheit bestimmt ist, der Verbrechen zum Ergebnis einer „b’soffenen G’schicht“ werden lässt. So hatte schließlich auch der rechtsextreme FPÖ-Politiker Heinz-Christian Strache gesprochen, als 2019 das Ibiza-Video seine Bereitschaft zur Korruption dokumentierte.
Dieser Umstand ist bekannt, und auch dass die Aufklärung vieler Details der Ermordung der europäischen Juden systematisch verhindert worden ist. Der Fall Rechnitz ist seit den 1990er-Jahren Gegenstand unter anderem verschiedener Dokumentationen, eines Theaterstücks von Elfriede Jelinek und eines Sachbuchs von Sacha Batthyany, des Großneffen von Margit Batthyány-Thyssen gewesen. Nicht weniger geläufig sind, besonders in der österreichischen Literatur, Romane, die sich der Idiotie des Landlebens mit einem Schwerpunkt auf die Sprachlosigkeit hinsichtlich der eigenen Verstrickungen in den Nationalsozialismus widmen. Sie sind ein Lebensthema des Büchnerpreisträgers Josef Winkler, neuere Exemplare stammen von Raphaela Edelbauer („Das flüssige Land“, 2019) oder Helena Adler („Die Infantin trägt den Scheitel links“, 2020). Warum also noch mal das Ganze, und warum in Form eines Romans, der in süffigen Austriazismen und Abschweifungen in das Leben größtenteils bigotter Dörflerinnen und Dörfler schwelgt?
Auf formaler Ebene interessiert Menasse vor allem ein dezentrales Erzählen, wie es durch die großen amerikanischen Fernsehserien der letzten beiden Jahrzehnte erprobt ist. Die kurzen Kapitel des Romans stellen in der Regel eine Figur in den Mittelpunkt, deren Verstrickung in die Geschichte des Ortes durch ihre Beziehungen zu ihren Nachbarn plastisch wird. Wir begegnen dem Sohn von Eszter Lowetz, der nach dem Tod seiner Mutter aus der Großstadt nach Dunkelblum zurückkehrt, mit dem Blick des urbanen Ignoranten auf das Dorf schaut, aber durch die Mithilfe einer aufgeweckten jungen Einheimischen zu sehen lernt. Gespiegelt wird Lowetz’ eher glückliches Exil in dem des jüdischen Heimkehrers Alexander Gellért, der sich, noch unter dem Namen Goldblum, während der letzten Kriegstage bei Lowetz’ Mutter versteckt hatte. Weitere Auftritte haben unter anderem der Hobbyhistoriker Rehberg (eigentlich Reisebürobesitzer), der grausame Schlächter Horka (am Massaker beteiligt und dann verschwunden), sein öliger Gönner Dr. Alois Ferbenz, die Biobauern Malnitz, ein jüdischer Krämer namens Antal Grün und das ehemalige Mobbingopfer „geflickter Schurl“, der einst das Schweigen des Ortes brechen wollte und von seinen Nachbarn bestraft wurde.
Für das historische Argument, das der Roman vorträgt, ist von Bedeutung, dass die Geschichte 1989 spielt, also in dem Jahr, in dem das vielbesungene „Ende der Geschichte“ dann zwar doch nicht einsetzte, sich aber zumindest die spezifisch österreichische Perspektive auf die Verquickung von geografischer und kollektivpsychologischer Lage änderte. Viele Grenzen zum Ostblock öffneten sich, und für Menasse endet eigentlich erst so der Zweite Weltkrieg. Tragen muss die historische Last aber ein einsamer Sachse namens Reinhold, der über Ungarn aus der DDR geflohen ist und nun unverschuldet in die nationalsozialistische Wiederaufbereitungsanlage Dunkelblum gerät.
Im Ort steht, so zeigt ein von Nikolaus Heidelbach gezeichneter Plan auf dem Vorsatzblatt des Buches, in der Mitte eine Pestsäule. Wie alle Straßen im Ort auf diese Säule zulaufen, laufen auch die Leben der Figuren immer wieder auf die beschwiegene Gewalt des Ortes im Zweiten Weltkrieg zu. Teilweise verliert sich der Roman dabei in Detailfreude, manche Motive der Erzählung werden bis ins Letzte aufgelöst: Wenn auf Seite 106 ein Stahlhelm ungeklärter Herkunft auftaucht, muss er 107 Seiten später noch einmal einen Auftritt haben – und überdeutlich darauf verweisen, was alles der Aufklärung harrt. Ein Roman kann aber die Geschichte nicht reparieren, und je stärker ein Plot alle fransigen Enden der Wirklichkeit zu verweben sucht, desto weniger erscheint er als das, wonach Menasse strebt: eine repräsentative Schau komplexer Verhältnisse.
Gleich auf der ersten Seite wird die Erzählerstimme profiliert: Von ganz oben nimmt sie Einblick in die „Puppenhäuser“ eines „Modellstädtchens“. Die Dunkelblumer dürfen froh sein, dass Menasse hier die Perspektive des lieben Gottes einnimmt, dessen Verhältnis zu Mittätern und -wissern des antisemitischen Kriegsverbrechens ungefähr so wirkt wie das eines Puppenspielers im Marionettentheater. Der Zeitschrift Profil sagte Menasse, sie habe etwas dagegen, Romanfiguren „aus dem Wissen historischer Seminare heraus hochmütig vorzuschreiben, dass sie damals keine Nazis hätten sein dürfen“. Sie versuche vielmehr, mit diesen Figuren „kollaborativ“ umzugehen.
Tatsächlich ist es unangenehm, beim Lesen Zeugin der Denunziation von Romanfiguren durch Autorinnen oder Autoren zu werden. Nicht weniger unangenehm ist es aber, an Menasses Kollaboration Anteil zu nehmen. So sehr man es begrüßen kann, dass sie sich gegen historische Selbstgerechtigkeit richtet und versucht, komplexe Lebensläufe zu entwerfen, werden daraus doch nicht unbedingt komplexe Figuren. Denn deren Vergehen ist in jedem einzelnen Fall von Anfang an mehr oder weniger klar, die Figuren erfahren immer mehr über die Ereignisse von 1945, erleben aber keinen transformativen Erkenntnisgewinn. Mit jeder Umdrehung des Erzählbetriebs wird die Geschichte weiter ausgewalzt. So entsteht Fläche, aber keine psychologische oder historische Tiefe.
Besonders der Wille, durch Dialekt oder dialektal gefärbte Grammatik eine verführerische sprachliche Oberfläche herzustellen, bräuchte dringend ein Gegengewicht in den Gedanken der Figuren, die in mehr bestehen müssten, als nichts mit Kriegsverbrechen aus Opportunismus zu tun haben zu wollen. Sonst bleibt von dem kollaborativen Zugriff, den Menasse für sich reklamiert, vor allem das Bedürfnis nach einem gemütlichen Beisammensein mit jenen, die, wie sie sagt, „nicht alle verstockt, gemein und in ihren Herzen Nazis“ waren. Und wenn doch, gehen sie in der idyllischen Welt der Romanhandlung schnell hops.
Der Roman ist bereits kurz nach seinem Erscheinen als „Geniestreich“ begrüßt worden. Er kann allerdings schwerlich jenseits der literarischen Ethik betrachtet werden, die Menasse seit einigen Jahren ausdrücklich verfolgt. Deren Programm richtet sich vor allem gegen das, was sie 2018 in ihrer Rede zur Eröffnung des Internationalen Literaturfestivals in Berlin als „pseudokorrekte Inquisition“ bezeichnete. „Ich werde niemals gender-,gerecht‘ schreiben“, führte sie an anderer Stelle aus, „ich werde immer ungerecht, subjektiv, stur und nach meiner eigenen Façon schreiben. Sexisten und Rassisten dürfen weiterhin in meinen Texten auftreten, sonst wäre das literarische Abbild der Welt ja geschönt.“ In ihrer Rede erklärte sie weiter, vor dreißig Jahren habe man insbesondere in Österreich noch unbekümmert Formulierungen wie „durch den Rost gefallen“ verwendet, „ohne dass man die infame Nähe zu Gaskammern und Verbrennungsöfen bedacht hätte. Das war jedenfalls in Österreich noch bis in die 80er-Jahre problemlos möglich.“ So geht Menasse nun auch in ihrem Roman vor, der damit allerdings weniger gepflegtes Archiv politisch unbekümmerten Sprachgebrauchs, sondern immer wieder Anlass zu dessen Aktualisierung wird.
In der Arbeit mit Quellen in historischen Untersuchungen ist es unvermeidlich, mit solcher Sprache umzugehen. Dabei macht der Rahmen und die Einordnung der Autorin ihre Distanz deutlich. In literarischen Texten kann eine Erzählerin durch Figurenrede, indirekte Rede und Ironie ihr Verhältnis zum Dargestellten markieren. Das tut auch Eva Menasse. Die Frage wäre nur, ob nicht andere Formen als die der sprachlich-psychologischen Kollaboration mit den Figuren geeigneter wären, ein ungeschöntes Bild der Welt zu schaffen. Warum sollte Verfremdung dazu weniger in der Lage sein, was ist mit den Mitteln der Groteske, des Suspense?
Wer wie Menasse mit Gusto die unterkomplexen Argumentationsweisen sowohl einer als bloß tumb verstandenen Rechten als auch einer als moralinsauer beschriebenen Linken kritisiert, dürfte sich in seiner Poetik mehr zutrauen, als die sogenannte Wirklichkeit zu einer originalgetreuen Modelleisenbahnlandschaft zu verarbeiten.
Auch im Jetzt, soll sich zeigen,
werden Verbrechen schnell mal
zur „b’soffenen G’schicht“
Alle Leben der Figuren laufen
auf die beschwiegene Gewalt
im Zweiten Weltkrieg zu
Auch in dieser Geschichte
markiert die Erzählstimme
ihre Distanz zu den Figuren
Eva Menasse:
Dunkelblum. Roman.
Kiepenheuer & Witsch,
Köln 2021.
528 Seiten, 25 Euro.
Die Gräber der in Rechnitz ermordeten Juden wurden nie gefunden. Heute dient der „Kreuzstadl“, Schauplatz des Massakers, als Gedenkstätte. Foto: wikipedia/Lucky18
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Dieses Buch klang im Klappentext sehr vielversprechend, aber leider konnte es meine Erwartungen nicht erfüllen.
Ich fand es wahnsinnig anstrengend, dieses Buch zu lesen! So viele Personen, dass man kaum den Überblick behalten kann - und trotzdem kommen noch immer mehr dazu! Aber keine …
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Dieses Buch klang im Klappentext sehr vielversprechend, aber leider konnte es meine Erwartungen nicht erfüllen.
Ich fand es wahnsinnig anstrengend, dieses Buch zu lesen! So viele Personen, dass man kaum den Überblick behalten kann - und trotzdem kommen noch immer mehr dazu! Aber keine dieser Personen bleibt wirklich im Gedächtnis, alle kamen mir zu oberflächlich vor.
Ständig gibt es Cliffhanger, die dann aber entweder nicht aufgeklärt werden oder einfach im Nichts verlaufen. Irgendwie fehlt der ganzen Geschichte das Fundament. Die letzten 200 Seiten habe ich nur noch quergelesen, in der Hoffnung, dass es zu einem spannenden Finale kommt. Aber auch das war nicht der Fall.
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Es passiert einiges 1989, was die Bewohner von Dunkelblum beunruhigt. Sie hatten schon immer ihre Probleme mit den Drüberen und nun sammeln sich erneut hinter der Grenze Flüchtlinge. Außerdem taucht ein Fremder auf, der überall Fragen stellt, und dann gibt es noch die …
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Es passiert einiges 1989, was die Bewohner von Dunkelblum beunruhigt. Sie hatten schon immer ihre Probleme mit den Drüberen und nun sammeln sich erneut hinter der Grenze Flüchtlinge. Außerdem taucht ein Fremder auf, der überall Fragen stellt, und dann gibt es noch die Differenzen zum Thema Wasserversorgung. Zu allem Übel kommen dann noch junge Menschen, die den verschlossenen und verwahrlosten „dritten Friedhof“ in Ordnung bringen wollen. Die Bewohner von Dunkelblum waren in stiller Übereinkunft davon ausgegangen, dass niemand an der Vergangenheit rührt, doch nun kommen die Erinnerungen hoch.
Dunkelblum ist ein fiktiver Ort mit fiktiven Bewohnern, der in der Nähe zur ungarischen Grenze angesiedelt ist, genau in dem Teil des Burgenlandes, wo sich in den letzten Kriegstagen das Massaker von Rechnitz zugetragen hat.
Eva Menasse hat es mir am Anfang nicht leicht gemacht mit ihrem Roman, denn es gibt reichlich Personen und sie springt zwischen den Personen und den Zeiten hin und her. Es taten sich unzählige Fragen auf und sobald sich eine beantwortet hatte, gab es weitere Fragen. Doch je länger ich gelesen habe, umso mehr konnte sie und die Dunkelblumer mich packen. Die Autorin fabuliert mit Lust und legt so viele Fäden aus, dass man sich wundert, wie daraus am Ende etwas Ganzes entstehen kann. Doch diese Zweifel sind nicht angebracht, denn der Autorin gelingt es vorzüglich diese losen Fäden zu verknüpfen.
Die Figuren sind sehr gut und facettenreich gezeichnet. Auch wenn die Dunkelblumer nicht unbedingt sympathisch sind, so sind sie doch menschlich, denn jeder hat wohl seine hellen und seine dunklen Seiten. Die, welche die Vergangenheit miterlebt haben, sind wahre Meister im Verdrängen, Vergessen und Vertuschen. Dabei wissen nicht alle, was da wirklich geschehen ist, das wissen laut Eva Menasse nur „alle Beteiligten gemeinsam“. Doch ihnen allen ist gemein, dass sie an der Vergangenheit nicht rühren wollen. Gleichwohl erfahren wir Leser, was geschehen ist, wie man sich schuldig gemacht oder weggesehen hat, wie man eingesteckt und ausgeteilt hat, wie dies so zurechtgerückt wurde, dass das Leben weitergehen konnte, als sei nichts geschehen.
Die Atmosphäre in Dunkelblum ist ziemlich düster und die Geheimnisse sind es auch.
Ich bin froh, dass mich meine Anfangsschwierigkeiten mit „Dunkelblum“ nicht abgeschreckt haben, denn dieser Roman ist wirklich ein Highlight und er schreit förmlich danach, nochmal gelesen zu werden, weil es in dieser komplexen Geschichte sicherlich noch einiges zu entdecken gibt.
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Dorfromane fluten bereits seit einiger Zeit den Büchermarkt, und spätestens seit Juli Zeehs „Unterleuten“ zeigen sie auch jenseits der Heimeligkeit die Untiefen, die in diesem geschlossenen Mikrokosmos lauern. Seit Generationen schwelende Streitigkeiten, aber auch gravierende …
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Dorfromane fluten bereits seit einiger Zeit den Büchermarkt, und spätestens seit Juli Zeehs „Unterleuten“ zeigen sie auch jenseits der Heimeligkeit die Untiefen, die in diesem geschlossenen Mikrokosmos lauern. Seit Generationen schwelende Streitigkeiten, aber auch gravierende Ereignisse, deren Einfluss auf das Miteinander im Endeffekt für das Zusammengehörigkeitsgefühl gegenüber allem Fremden verantwortlich ist.
Eva Menasses neuer Roman hat einen realen Hintergrund, auch wenn Dunkelblum ein fiktiver Ort ist (steht stellvertretend für Rechnitz). Aber die Ereignisse in dieser Gemeinde im Burgenland, unweit der ungarischen Grenze, fungieren als Beispiel für eine geografischen Region, die sich als das letzte westliche Bollwerk versteht und in der in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs unzählige Massaker an Zwangsarbeitern verübt wurden. Verscharrt in eilig ausgehobenen Massengräbern. Totgeschwiegen. Aus der kollektiven Erinnerung gestrichen. Verleugnet, verschwiegen und vergessen. Und dennoch eingegraben in die Biografie jedes Einzelnen.
Aber die Zeiten ändern sich, 1989 fällt der eiserne Vorhang fällt, die Grenzen nach Osten sind offen, die Vergangenheit hält Einzug in das Leben der Dörfler. Flüchtlinge aus der ehemaligen DDR drängen in die Freiheit, werden mit Tritten und nicht mit offenen Armen empfangen. Eine Studentengruppe aus Wien kümmert sich um den verwahrlosten jüdischen Friedhof, stellt unangenehme Fragen, wie der Besucher aus Übersee. Und plötzlich ist die Vergangenheit wieder präsent.
Eine Unzahl von Personen, Stimmen und Meinungen sowie wechselnde Erzählperspektiven stellen hohe Anforderungen an die Leser*in, machen die Lektüre zu Beginn sperrig und verwirrend. Aber je tiefer man in diesen dörflichen Kosmos eintaucht, desto klarer wird die Dynamik innerhalb der Gruppe, der Umgang jedes Einzelnen mit der Schuld, die dieses Dorf in dunklen Zeiten auf sich geladen hat und die bis in die heutige Zeit hineinreicht. Vergangenheitsbewältigung? Fehlanzeige.
Dunkelblum ist überall, nicht nur im österreichischen Burgenland.
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Klappentext:
„Auf den ersten Blick ist Dunkelblum eine Kleinstadt wie jede andere. Doch hinter der Fassade der österreichischen Gemeinde verbirgt sich die Geschichte eines furchtbaren Verbrechens. Ihr Wissen um das Ereignis verbindet die älteren Dunkelblumer seit Jahrzehnten …
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Klappentext:
„Auf den ersten Blick ist Dunkelblum eine Kleinstadt wie jede andere. Doch hinter der Fassade der österreichischen Gemeinde verbirgt sich die Geschichte eines furchtbaren Verbrechens. Ihr Wissen um das Ereignis verbindet die älteren Dunkelblumer seit Jahrzehnten – genauso wie ihr Schweigen über Tat und Täter. In den Spätsommertagen des Jahres 1989, während hinter der nahegelegenen Grenze zu Ungarn bereits Hunderte DDR-Flüchtlinge warten, trifft ein rätselhafter Besucher in der Stadt ein. Da geraten die Dinge plötzlich in Bewegung: Auf einer Wiese am Stadtrand wird ein Skelett ausgegraben und eine junge Frau verschwindet. Wie in einem Spuk tauchen Spuren des alten Verbrechens auf – und konfrontieren die Dunkelblumer mit einer Vergangenheit, die sie längst für erledigt hielten.“
Autorin Eva Menasse nimmt den Leser hier mit nach Dunkelblum - ein Ort, in dem ein dunkles Geheimnis von allen gehütet wird…Das dieses Geheimnis irgendwann bricht und an die Oberfläche will, ahnt man und man verfolgt diese Geschichte sehr genau. Menasse hat einen speziellen Sprachstil und Ausdruck. Ich persönlich mag dies sehr und find dies zu ihrer Geschichte mehr als passend, aber ich denke, es wird Leser geben, die sich damit schwer tun. Eva Menasse beleuchtet hier wieder ein Stück Weltpolitik und hält mit vielen Fakten auch einfach nicht hinter‘m Berg. Die Art und Weise wie sie die Bewohner zeichnet und wie sie dieses Geheimnis eingewoben hat, ist großartig. Hier geht es um Schuld und Sühne, um Schweigen und die Frage, ob dies so richtig war und gerechtfertigt. Dieses Geheimnis sitzt auf den Seelen der Dorfbewohner wie ein Fluch und die langsame Auflösung, nicht nur beim Leser, bringt ein gewisses Bild, ein gewisses Licht ins Dunkel. Der Spannungsbogen ist hier enorm und hat mich echt begeistert. Hier steht: nichts hören, nichts sehen, nichts sagen - was ich nicht sage, kann niemand kennen und wissen, was ich nicht weiß, können andere auch nicht wissen. Dunkelblum nimmt einen ein und man muss gewaltig aufpassen, nicht in die Fänge der Dorfbewohner zu gelangen…Denn hier stellt sich die Frage, was passiert wohl wenn das Geheimnis gelüftet wird?? Ach ja! Welches Geheimnis? Haben Sie etwas von einem Geheimnis gelesen? Doch nicht in Dunkelblum!
Ich vergebe 5 von 5 Sterne.
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Gebundenes Buch
Fehlende Spannung
Lange habe ich überlegt, ob ich dieses Buch überhaupt lesen soll. Aber da ich Eva Menasse als gute Autorin kenne und wegen der Vielzahl guter Kritiken, habe ich mich dazu entschlossen.
Dennoch war es recht mühsam. In diesem Dorfroman kommen unzählige …
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Fehlende Spannung
Lange habe ich überlegt, ob ich dieses Buch überhaupt lesen soll. Aber da ich Eva Menasse als gute Autorin kenne und wegen der Vielzahl guter Kritiken, habe ich mich dazu entschlossen.
Dennoch war es recht mühsam. In diesem Dorfroman kommen unzählige Figuren vor. Mitgefiebert habe ich nur mit zweien: Horka, das Nazi-Ungeheuer, das Ende des Krieges noch zwei Russen platt machte, dann erst Polizeichef wurde, um sich dann ins Ausland abzusetzen.
Und Flocke, die die Kriegsverbrechen an jüdischen Zwangsarbeitern aufklären will, aber auf Widerstand stößt und dann vermisst wird.
Einerseits ist es nicht nötig, sich alle Figuren zu merken, andererseits geht durch diese umfassende Erzählweise die Spannung verloren, so dass 512 Seiten zu harter Arbeit werden. 3 Sterne
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Gebundenes Buch
Und schon wieder ein Buch über die Nazivergangenheit - hat man doch bereits -zigmal gelesen, mag so Manche/r denken.
Aber dieses Buch ist etwas Besonderes und unbedingt lesenswert, auch wenn der Inhalt vielleicht nicht ganz so überraschend sein mag.
Dunkelblum ist eine fiktive …
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Und schon wieder ein Buch über die Nazivergangenheit - hat man doch bereits -zigmal gelesen, mag so Manche/r denken.
Aber dieses Buch ist etwas Besonderes und unbedingt lesenswert, auch wenn der Inhalt vielleicht nicht ganz so überraschend sein mag.
Dunkelblum ist eine fiktive Kleinstadt in unmittelbarer Nähe der Grenze zu Ungarn, dort "wissen die Einheimischen alles voneinander, und die paar Winzigkeiten, die sie nicht wissen, die sie nicht hinzuerfinden können und auch nicht einfach weglassen, die sind nicht egal, sondern spielen die allergrößte Rolle: Das was nicht allseits bekannt ist, regiert wie ein Fluch."
Meist sind es Dinge aus der Vergangenheit, damals als der Horka der Schrecken des Ortes war. Während der Naziherrschaft konnte dieser ohne Folgen seinen sadistischen Neigungen nachgehen und als die Russen das Sagen hatten, brachte er es sogar zum Polizeichef. Doch nun, es ist 1989, beginnt die junge Generation sich für längst Vergangenes zu interessieren: Die jüngste Tochter des Biobauern plant mit dem Dorfchronisten ein Heimatmuseum und beginnt, unangenehme Fragen zu stellen. Und aus der Hauptstadt reisen Studierende an, um den örtlichen jüdischen Friedhof zu restaurieren. Als auf einer Wiese ein Skelett gefunden wird und die Presse davon Wind bekommt, wird das Interesse an Dunkelblums Vergangenheit immer größer, die wider Willen der BewohnerInnen deutlich bis in die Gegenwart reicht.
Eva Menasse präsentiert uns hier eine Vielzahl von Menschen eines Ortes, die aufgrund ihrer Herkunft alle miteinander verbunden sind, im Guten wie im Schlechten. Einen solchen Mikrokosmos zu entwerfen haben bereits Andere vor ihr gemacht (beispielsweise Juli Zeh in Unterleuten oder Raphaela Edelbauer in Das flüssige Land), doch nicht mit derart feinen Verflechtungen innerhalb eines sozialen Netzes und ebenso wenig mit diesem wundervoll schwarzhumorig-ironischen Tonfall.
"Unserer Frau Balaskó hat sie gesagt, sie sucht nach Dunkelblumer Kriegsverbrechern, stell dir das vor, Kriegsverbrecher, bei uns! Das Mädel ist Anfang zwanzig, früher haben sich die jungen Leute für was anderes interessiert, für Tanzen und Flirten . . .".
Auch wenn die Geschichte auf der des realen Ortes Rechnitz beruht, ist es keine Aufarbeitung der dortigen Geschehnisse. Es geht um den Umgang mit der Vergangenheit Jahrzehnte danach: Verdrängung, Rechtfertigung, Verleugnung ... Und was mit den Menschen geschehen ist und geschieht, wenn sich die Wahrheit ans Licht drängt. Ein grandioses Buch!
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