Gefühle bei der Arbeit" erst antrainieren musste, das Ruhebewahren in gefährlichen Situationen, das Draufhalten mit der Kamera.
Als Anfänger in diesem Geschäft hat er im Südsudan noch seine Habseligkeiten an die Hungernden verschenkt. Nun hat der Profi nur Verachtung übrig für die "Mitfühler und Mitfühlerinnen", die ihn "mit ihrem aufgesetzten Leidensblick" auf seine Bilder ansprechen und ihm vorwerfen, "ich würde daran auch noch verdienen". Daldossis Berufsehre gründet auf einer Ethik der "Klarheit und Präzision", der Respekt des Berichterstatters zeigt sich für ihn in der Akribie der Recherche. Und doch weiß er nur zu genau, was der Selbstgerechtigkeit der Kritiker nicht zugänglich scheint: dass die obszöne Schönheit mancher dieser Fotos sich allein der Empathie verdankt.
Deshalb ist der müde Veteran zum Trinker geworden, deshalb wird er bis in seine Albträume von den Bildern verfolgt, die er vermeintlich festgehalten hat. "Das Leben des Augenblicks" erweist sich als zäher, denn ihm lieb sein kann. Daldossi, deutlich jenseits seiner besten Jahre, war überall, in Tschetschenien, Bosnien, Afghanistan und im Irak, und langsam hat er genug vom Dienst an der vordersten Front. Konzentrationsschwierigkeiten plagen ihn, er reagiert zu langsam, verspürt vor allem immer weniger Lust zu fotografieren.
Die Geschichte setzt ein, als der Fotograf seinen Rückzug beschlossen hat und nun in der Wiener Wohnung vor den Trümmern seines Privatlebens steht. Seine Lebensgefährtin Marlis, die wie er (und die Autorin) aus Südtirol stammt, hat ihn verlassen und ist ihrem Liebhaber nach Venedig gefolgt. Seit langem schon hat Daldossis Arbeit, so faszinierend, ja erregend sie Marlis einmal erschienen war, die Beziehung untergraben, hat die ständige Sorge um den Söldner der Reportage ihre Liebe zersetzt. Auch die Ehe von Daldossis Kollegen Schultheiß ist zwischen Alltag und Extremsituation erodiert: Dessen Frau hat sich von ihm getrennt, nachdem er ihr im Urlaub beim Versuch, sie zu schützen, das Bein gebrochen hatte. Ein Feuerwerk war schuld gewesen am Reflex.
Sabine Gruber erzählt mit stupender Einfühlung aus der Perspektive ihres Helden, eines routinierten Herzensbrechers, für den es lange selbstverständlich war, seinen erschütterten Seelenfrieden mit Hilfe von vagabundierendem Sex zu reparieren, und dem das mit fortschreitendem Alter immer schlechter gelingt, ein Abgehalfterter in mancher Hinsicht. Daldossis bis zuletzt vergebliche Versuche, die geliebte Frau zurückzugewinnen, bilden den roten Faden dieser Geschichte, jedoch nicht ihr eigentliches Thema: Das ist die Frage nach Schuld des Beobachters und der Schuld all jener, die das Beobachtete konsumieren und sich in einem lauen Unbehagen häuslich eingerichtet haben. Die Autorin lässt ihre Figuren diese Fragen differenziert verhandeln und gleichsam durchexerzieren. Anschaulich auch im buchstäblichen Sinn, zwingt "Daldossi oder Das Leben des Augenblicks" den Leser zum Hinschauen: In sechzehn Karteikarten gleich in die Erzählung montierten Texten werden Daldossis Bilder schmerzhaft genau und sachlich beschrieben, mit Titel, Ort, Datum der Aufnahme und Angaben zur Publikation.
Sabine Gruber hat den Roman als realitätsgesättigte Erfindung mit der ihr eigenen Gründlichkeit komponiert und recherchiert, ja sie hat sogar, wie sie in einer Nachbemerkung verrät, an einem Überlebenstraining teilgenommen, das die Bundeswehr seit dem Tod zweier "Stern"-Journalisten im Kosovo 1999 für Kriegsberichterstatter anbietet. Einer der beiden war Grubers Freund gewesen. "Daldossi oder Das Leben des Augenblicks" lässt sich auch als Pendant zu Norbert Gstreins um diese Figur kreisenden Roman "Das Handwerk des Tötens" (2003) lesen.
Davon, dass das nach wie vor als männliches Handwerk gilt, hat die Autorin sich zu Recht nicht abschrecken lassen. Das Milieu der rauhen Gesellen, der Maulhelden und Herrenwitzbolde schildert sie selbstverständlich authentisch, ohne Anbiederung, aber auch ohne Naserümpfen. Als weiblicher Widerpart fungiert nicht nur Marlis, die leidenschaftliche Bärenforscherin, sondern auch die Journalistin Johanna, Daldossis Bekannte von früher, der er nach seinem persönlichen Schiffbruch vor den Toren Venedigs nach Lampedusa nachfährt, wo sie für eine Reportage über den Menschenhandel mit Afrikanerinnen recherchiert und ihn tatkräftig davon überzeugt, dass er keineswegs zur "Frauenscheuche" geworden ist.
Kunstvoll inszenierten Momenten magischer Intensität zum Trotz bleibt die Erzählstimme auf merkwürdige Art distanziert. Sie vermag Bruno Daldossis Seelennöte zwischen Resignation und Sich-Aufraffen glaubwürdig zu machen, doch wirklich nahezugehen scheinen sie ihr nicht. Der Rucksack, den Sabine Gruber ihrem Helden und damit dem Roman umgehängt hat, erweist sich denn auch zu schwer für Menschenkraft: Vom Totenschiff vor Lampedusa bis zum Tahrir-Platz, von den Phosphorbomben der amerikanischen Marines in Falludscha bis zur Zwangsprostitution nigerianischer Flüchtlingsfrauen hat sie alles hineingepackt.
"Graurauschen" hat Daldossis Kollege Schultheiß ein Gefühl des Ennui, des einsickernden Weltekels genannt. Für Daldossi war das schon "zu viel Poesie". Was er, der Augenmensch, am meisten fürchtet, ist die undurchdringliche Schwärze der Nacht. Am Ende bleibt offen, ob sich für ihn im Herzen der Finsternis noch ein erleuchtetes Fenster auftut.
Sabine Gruber: "Daldossi oder Das Leben des Augenblicks".
C. H. Beck Verlag, München 2016. 315 S., geb., 21,95 [Euro].
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