Weihnachtsgedichte - Brodsky, Joseph

Joseph Brodsky 

Weihnachtsgedichte

Russ.-Dtsch.

Aus d. Russ. v. Alexander Nitzberg
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Weihnachtsgedichte

Ein kleines großes Buch mit Versen zur Weihnachtszeit: Von 1962 an bis zu seinem Tod 1996 hat der Nobelpreisträger Joseph Brodsky jeweils zu Weihnachten ein Gedicht geschrieben, um an die Geburt Christi zu erinnern. In der atheistischen Sowjetunion eine Provokation. Aber auch im Exil ließ der Dichter nicht von seiner Übung ab. Ein ideales Buch für alle, die sich einen Sinn für das Fest bewahrt haben.


Produktinformation

  • Verlag: Hanser
  • 2004
  • Ausstattung/Bilder: 2004. 93 S.
  • Seitenzahl: 96
  • Best.Nr. des Verlages: 505/20362
  • Deutsch
  • Abmessung: 193mm x 128mm x 14mm
  • Gewicht: 192g
  • ISBN-13: 9783446203624
  • ISBN-10: 3446203621
  • Best.Nr.: 12725444
Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 27.11.2004

Das Auge des Vaters
Ein Salto: Weihnachtsgedichte von Joseph Brodsky

Von sich selbst hat Brodsky einst gesagt, er sei wohl ein "schlechter Russe" und ein "schlechter Jude" dazu, dürfe sich aber zumindest für einen "guten Dichter" halten. Daß er, darüber hinaus, auch "so etwas wie ein Christ" war, ist belegt durch eine lange Reihe von Gedichten, die er zwischen 1962 und 1995 mit einer gewissen Regelmäßigkeit eigens zu Weihnachten geschrieben hat, um seiner "Geburtstagsfreude" Ausdruck zu geben - der Freude nicht nur über Gottes Menschwerdung in der Gestalt Jesu, der Freude auch über den Beginn eines neuen Zeitalters, ja der historischen Zeit überhaupt, die den Kult zur Kunst, den Menschen zum Individuum gemacht habe.

Achtzehn "Weihnachtsgedichte" sind im Lauf der Jahre entstanden, siebzehn davon liegen nun in einer russisch-deutschen Ausgabe vor. Der schmale Band ist freilich weit mehr als nur eine Sammlung von thematisch verwandten Gedichten. Die hier vereinten Texte weisen, ungeachtet ihrer geringen Anzahl, eine solche formale Vielfalt auf und umfassen einen so großen Zeitraum, daß sie insgesamt als eine repräsentative Werkauswahl …

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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Weit mehr als eine Sammlung thematisch verwandter Gedichte ist diese Lyrikedition in den Augen von Rezensent Felix Philipp Ingold. Vielmehr sieht er darin eine repräsentative Werkauswahl, die dem Leser Joseph Brodskys Schaffen "in höchster Verdichtung und dennoch in voller Breite" vor Augen führt. Zwar stehen laut Ingold im Zentrum des Buchs siebzehn Weihnachtsgedichte, die der bekennende 'schlechte Jude', wie Brodsky sich selbst genannt habe, zwischen 1962 und 1995 geschrieben hat. Weihnachten sei jedoch meist nur der Anlass und nicht das Thema der Gedichte, die an formaler Raffinesse und motivischer Komplexität nach Ansicht des Rezensenten ihresgleichen suchen. Auch finden sich in der Sammlung Romanzen und Wiegenlieder, politisch und biografisch grundierte Gedichte, philosophische und mythologische Lyrik in unterschiedlichsten Vers- und Strophenformen, freut er sich. Nur die Übersetzung von Alexander Nitzberg gefällt ihm nicht immer. Zwar finde dieser oft staunenswerte Entsprechungen für Brodskys Originale, doch manchmal auch nur "allzu angestrengte, unnötig manieriert wirkende Nachahmungen". Doch "aller Kritik im Detail: Über weite Strecken ist Nitzberg die Verdeutschung von Brodskys anspruchsvollen Gedichten sehr gelungen", findet Ingold.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 23.12.2004

Im Nachtzug
Joseph Brodskys coole Weihnachtslieder
Dichtung lebt von Gelegenheiten; was eine Weisheit ist, die erst in der Nachmoderne wieder so recht zur Geltung kommt. Doch muss der Dichter sich die Gelegenheiten auch schaffen oder setzen. Joseph Brodsky, der erst russische, dann amerikanische Poeta Laureatus, einer der Größten im späten 20. Jahrhundert, hat seit dem Ende der sechziger Jahre alljährlich ein Weihnachtsgedicht geschrieben, bis 1995, ein Jahr vor seinem Tod - und damit den schwierigsten Anlass fürs leichteste Spiel gewählt. Denn Weihnachten, theologisch die Geburt des Herrn Jesus, bürgerlich das Bratapfelfest mit Kinderkitsch und Keksexzess, wo Familiengemeinschaft so nervt wie Einsamkeit weh tut - das ist, als Gelegenheit, wohl so ziemlich die hinderlichste Bedingung für Poesie, die man sich aussuchen kann.
„Drei strickende Omas im Foyer, so/ vertieft in die Leidensgeschichte Jesu./ Der Fernseher dröhnt. Es treibt die Pension/ Accademia NAME KURSIV!]Heiligabend entgegen./ Der Kosmos auch. Mit Jahresbelegen/ steht am Steuer der Mann von der Rezeption.” So beginnt ein Venedig-Canto in vierzehn Stanzen, die das Thema der Heilsgeschichte …

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Joseph Brodsky, geb. 1940 in St. Petersburg. Anfang der sechziger Jahre erschienen seine ersten Gedichte in sowjetischen Almanachen, hauptsächlich aber in der Untergrund-Publikation Sintakis. Im Juni 1972 wurde er aus der Sowjetunion ausgebürgert und lebte seither in den USA. Für ein literarisches Schaffen von umfassender Breite, geprägt von gedanklicher Schärfe und dichterischer Intensität wurde Joseph Brodsky 1987 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Er starb 1996 in New York.

Leseprobe zu "Weihnachtsgedichte" von Joseph Brodsky

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Leseprobe zu "Weihnachtsgedichte" von Joseph Brodsky

Aus dem Ameriknischen von Alexander Nitzberg

EINE WEIHNACHTSROMANZE

für jewgeni rejn in liebe
Es treibt in unbekannter Trauer,
vom Alexander-Park gekommen,
entlang der alten Ziegelmauer
ein nächtges Schifflein, schwach erglommen,
ein nächtges Lichtlein treibt verstohlen,
ein gelber Rosenkelch – er schmückte
der Liebsten Haar, bis fremde Sohlen
ihn stumpf zerdrückten.
Es treibt in unbekannter Trauer
ein Schwarm der somnambulen Trinker.
Und lauter kranke Menschen kauern
in einem Taxi von Ordynka.
Und ein Tourist schießt dann ein Photo
von dieser Stadt so grambeladen.
Und es umarmen sich die Toten
mit den Fassaden.
Es treibt in unbekannter Trauer
ein Sänger durch die Metropole.
Es wacht ein rundgesichtger Bauer
beim Schild »Petroleum und Kohle«.
Ein Casanova über achtzig
ist unermüdlich auf der Lauer.
Es treibt ein frischvermählter Nachtzug
dahin in unbekannter Trauer.
Es treibt ein unglückselger Schwimmer
entlang der trüben Moskwa-Ufer.
Es huscht das jüdische Gewimmer
über die düstren gelben Stufen.
Es treibt noch vor den Feiertagen,
von Liebe hin zum Unbehagen,
ein Frauenzimmer, das charmant ist
und dessen Trauer unbekannt ist.
Entlang der Wagen treiben Flocken,
es kommt die Winternacht geflogen.
Die Winde haben, kalt und trocken,
die roten Hände überzogen.
Man sieht – wie Honig aus den Waben –
die kleinen Lichter langsam tröpfeln.
Es treiben Torten Heiligabend
über den Köpfen.
Es treibt dein Neues Jahr auf blauer
und dunkler Woge durch die Meere
dahin in unbekannter Trauer,
als ob jetzt alles anders wäre,
als würde neues Leben winken,
das Freude, Brot und Ruhm bescherte
als ob sich jeder Dreh zur Linken
zum Rechten kehrte.

1962

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