Leseprobe zu "Pleasure" von Maggie Tapert
Das ORGASMOBILE (S. 110-111)
Der Orgasmus ist nicht mehr länger eine rein biologische Funktion, noch ist er der Nebeneffekt von zwanglosem Vergnügen [...]. Er ist das Zentrum der menschlichen Erfahrung und entscheidet letztendlich über das Glück der menschlichen Rasse.
Wilhelm Reich
Ref. 5 Wie kann es zum öffentlichen Dialog über die Themen Orgasmus und Pleasure kommen? Eines Morgens saß ich mit einer Tasse heißem Kaffee in meinem roten Ledersessel und beobachtete die Vögel, die sich Futter aus dem Vogelhäuschen auf meiner Terrasse holten. An diesem kalten Morgen Mitte Februar war der Himmel so klar und blau, dass er schon den baldigen Frühling verhieß. Ich spürte, wie in mir ein kreativer Prozess in Gang kam, ein Abbild des versteckten Potenzials, das die kommende Jahreszeit in sich trug. Welche frische neue Idee könnte ich in diesem Jahr zum Blühen bringen? Wie ein größeres Publikum erreichen? Wie eine Diskussion über Pleasure mit dem Mann / der Frau auf der Straße beginnen?
Seit Jahren hatte ich Workshops geleitet und Hunderten von Frauen über die Schwelle der Scham zu einer kraftvollen weiblichen Sexualität geholfen. Zudem waren viele Menschen von meiner provokativen Sichtweise fasziniert – insbesondere Journalisten auf der Suche nach einer guten Story. Ich war in Dokumentationen und Livetalkshows aufgetreten. Ich war gefilmt und fotografiert, befragt und interviewt worden. Meine Artikel waren in allen möglichen Zeitungen und Zeitschriften erschienen.
Die Medien liebten mich. Dennoch hatte ich das Gefühl, dass es da draußen ein Publikum gab, das meine Botschaft der weiblichen Lust und sexuellen Befreiung noch nicht empfangen hatte. Ich suchte nach einem Weg, dieses Publikum zu erreichen. Aber auf eine leichte und amüsante Art. Es sollte Spaß machen – sowohl mir als auch dem Publikum. Und es sollte um köstliche, ekstatische, atemberaubende Lust gehen. Vor einigen Jahren hatte ich im Rahmen des berühmten Kunstfestivals Burning Man in den USA einen kleinen Frauentempel auf Rädern gebaut; mithilfe dieses öffentlichen Forums wollte ich auf den weiblichen Orgasmus aufmerksam machen.
Die Konstruktion war ganz einfach: eine kleine runde Basis mit einem Zelt aus roter Seide obendrauf. Im Inneren war das Zelt mit vielen weichen Kissen und einer Auswahl an Hochleistungsvibratoren ausgestattet. Die Frauen auf dem Festival konnten hineinklettern, zum Schutz der Privatsphäre den Eingang des Zelts schließen und einen wunderbaren Orgasmus genießen. Jeden Tag zog ich den kleinen Wagen in die Mitte des Festivalplatzes, damit jede Frau, die wollte, verstehen konnte, was es bedeutet, sich der orgasmischen Lust, sich Pleasure hinzugeben.
Ich hatte auch einen Namen für meinen kleinen Tempel auf Rädern: das ORGASMOBILE. Eine tolle Erfahrung. Ich hatte vermutet, dass die Frauen zu schüchtern und / oder zu verklemmt seien, um einzusteigen und tatsächlich einen Orgasmus zu haben. Doch weit gefehlt! Die Frauen liebten das ORGASMOBILE! Und da wurde mir klar, dass es mit Humor und Kreativität sehr einfach ist, Frauen meine Botschaft der Freiheit durch sexuelle Ekstase zu vermitteln. An diesem frühen Februarmorgen, als ich den Vögeln dabei zusah, wie sie sich hungrig ihr Futter holten, fasste ich einen Entschluss: In den kommenden Monaten würde ich ein weiteres ORGASMOBILE bauen, hier in Zürich.
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