Leseprobe zu "Rabensturm" von Bernhard Hennen
ERSTER ROMAN
Der Tanz der Rose
Lichtstrahlen stachen wie goldene Speere durch die Löcher in den Sonnensegeln und durchzogen das Zwielicht der engen Gasse mit einem gleißenden Gitterwerk. Die Sonne stand jetzt im Zenit über den weiß gekalkten Häusern der großen Stadt. Und es war ruhig, wie immer zur Mittagszeit. Die Hitze duldete keine Bewegung und keinen Laut. Mensch und Tier hatten sich in die Schatten zurückgezogen und warteten darauf, dass die Sonne weiter zum Horizont wanderte. Die Basare waren fast menschenleer. Nur ein alter Mann irrte durch die engen Gassen, die noch vor einer Stunde vor Leben pulsiert hatten. Müde setzte er einen Fuß vor den anderen und stützte sich dabei schwer auf einen Wanderstab, an dem mit einer Lederschnur die flache Holzschale des Bettlers befestigt war.
Für einen Augenblick verharrte der Alte und wischte sich mit dem Ärmel seines weit geschnittenen Kaftans den Schweiß von der Stirn. Es war offensichtlich, dass dieses prächtige, mit Silberfäden durchwirkte Kleidungsstück nicht schon immer ihm gehört hatte. An den Säumen war es mit verschlungenen aufgestickten Ornamenten verziert. Doch der Kaftan hatte schon bessere Tage erlebt. Der dunkelblaue Stoff war abgewetzt und an den Ärmeln so dünn, dass die Ellenbogen des Alten hindurchschimmerten. Schnaufend hatte sich der Mann wieder in Bewegung gesetzt und bog jetzt in dem unübersichtlichen Gewirr von Gässchen, das jedem Fremden wie ein Labyrinth erscheinen musste, nach links ab, um den Basar der Kupferschmiede zu betreten.
Hier und da funkelte es rötlich aus dem Zwielicht, wo ein Sonnenstrahl auf eine der Metallarbeiten fiel. Große runde Teller, auf denen in reicheren Häusern am Abend Berge von Reis und Gemüse aufgetürmt wurden, lagen auf den Holzbänken der Händler und Schmiede und boten sich jedem Vorübergehenden mit dem Versprechen an, auch in die bescheidenste Lehmhütte einen Hauch von Wohlstand zu bringen. Daneben standen Öllampen, fein ziseliert oder bar jeden Schmucks, hier schlank und länglich, dort üppig und ausladend. Doch auch banalere Dinge stapelten sich in den Auslagen. Türbeschläge und Nägel, Schlüssel und schlichter Schmuck für all jene, die es sich nicht leisten konnten, kostbarere Metalle als Kupfer zu tragen.
Wieder machte der Alte eine Pause und schöpfte Luft. Es war schwer zu schätzen, wie viele Sommer der Mann schon erlebt haben mochte. Sein Gesicht war von der Sonne verbrannt und so dunkel, dass es im Zwielicht fast schon schwarz wirkte. In sonderbarem Kontrast dazu stand der dünne schlohweiße Bart, der ihm vom Kinn bis weit auf die Brust hinabreichte.
Das Alter hatte den Bettler ausgezehrt. Seine Waden, die unter dem Kaftan hervorstachen, waren fast so dürr und sehnig wie die Beine einer Wüstengazelle. So wirkte der Alte, obwohl er um einiges größer war als die meisten anderen Männer aus den Völkern der Tulamiden, keineswegs einschüchternd, sondern zerbrechlich.
Nach kurzer Pause schlurfte er weiter. Vorbei an den Ständen der Kupferschmiede zu den Teppichwebern und Färbern. Plötzlich zerriss eine Kinderstimme die Stille der Mittagshitze.
"Mahmud ist wieder da! Seht nur, er ist wirklich zurückgekommen!"
Für einen Augenblick spielte ein Lächeln um die Mundwinkel des alten Mannes. Er betrachtete mit großer Aufmerksamkeit einen Stapel bunter Teppiche, der sich unmittelbar neben der Eingangstür eines der weiß gekalkten Lehmhäuser türmte.
Mit einem Seufzer der Erleichterung ließ er sich darauf nieder, lehnte sich gegen die warme Hauswand und schloss die Augen. Es war schwer, alt zu werden. Nichts, was einem Rastullah schenkte, hatte Bestand. Etwas wehmütig dachte er an frühere Zeiten. An seine Jugend und seine Kraft, die er damals für so selbstverständlich gehalten hatte.
Sanft schüttelte er den Kopf und sah auf. Eine Schar Kinder mit schwarzen Haaren und großen Augen hatte ihn umringt.
"Erzählst du uns wieder eine Geschichte?"
Der Junge, der ihn gefragt hatte, mochte höchstens vier Jahre alt sein. Die anderen hatten ihn ein wenig vorgeschoben, so als sei von vornherein ausgemacht gewesen, dass er und kein anderer die Frage stellen sollte.
Der Alte lächelte und strich sich in gespielt würdevoller Geste, als sei er der Großwesir des Kalifen, über den Bart.
"Gern werde ich Euch Eure Wünsche erfüllen, mein Prinz. Doch zuerst fragt Euren Mundschenk, ob er nicht einen Tropfen Wein und eine Schale voll Obst erübrigen kann, denn ich bin weit gereist, und meine Kehle ist fast so trocken wie der Salzsee vor Unau."
Die Kinder lachten laut auf, nur der kleine Junge blickte hilflos zu Boden, als überlege er fieberhaft, wo er zusammenstehlen könnte, worum der Bettler ihn gebeten hatte.
"Nimm's dir nicht zu Herzen, mein Kleiner." Der Fremde streckte die dürre Hand aus und strich dem Jungen über die schwarzen Locken. "Das war doch nur ein Spaß. Wenn du mir einen Schluck Wasser und ein Stück Melone oder eine andere Kleinigkeit besorgen könntest, dann hättest du mich damit schon mehr als zufriedengestellt."
Mahmud blickte in die Runde. "Ihr anderen solltet auch nicht untätig herumstehen. Wenn ihr eine gute Geschichte hören wollt, dann schaut nach, was ihr aus den Vorratskammern eurer Mütter mausen könnt, denn ein halb verhungerter Märchenerzähler ist so schwach bei Stimme, dass es wahrlich keine Freude sein wird, ihm zuzuhören."
Eilig verschwanden die Kinder in Hinterhöfe und schattige Hauseingänge. Ihre Stimmen und ihr ausgelassenes Lachen verklangen. Nur das Geschrei eines Esels irgendwo im Labyrinth des Basars durchbrach die Stille. Müde ließ der alte Mann den Kopf gegen die Hauswand sinken und schloss erneut die Lider.
Irgendetwas stieß gegen seinen Arm. Zuerst war es nur ein undeutliches Gefühl, und Mahmud wusste nicht recht, ob der leichte Knuff nicht zu seinem Traum gehört hatte. Doch dann wurde das Traumbild des Gartens unscharf. Das Plätschern des Brunnens verklang ...
Mahmud öffnete die Augen. Gerade hatte ihn sein kleiner Freund wieder leicht gegen den Arm gestoßen, und irgendwo sagte jemand: "Seht ihr, er hat doch nur geschlafen."
Blinzelnd schaute sich der Bettler um. Ein Krug voll frischen Brunnenwassers und ein kleiner Becher aus Ton standen vor ihm auf dem Teppich. Außerdem hatte man ihm eine flache hölzerne Schale mit einem Apfel, einem halben Brotfladen und ein paar getrocknete Feigen gebracht. Genug, um über zwei Tage zu kommen, wenn man genügsam war.
Jetzt waren nicht mehr nur Kinder unter seinen erwartungsvollen Zuhörern. Auch einige Frauen standen im Hintergrund und gaben sich alle Mühe, sehr beschäftigt zu wirken. Doch Mahmud wusste genau, wenn er erst einmal mit seiner Geschichte begonnen hätte, würden auch sie sich bald zu ihm setzen und seinen Worten lauschen.
"Ich hab dir auch etwas besorgt." Der kleine Junge, der ihn geweckt hatte, trat vor Aufregung von einem Bein auf das andere. Mit der Rechten versteckte er etwas hinter
dem Rücken.
"Und, darf ich sehen, was du da vor mir verbirgst?"
Der Kleine zögerte kurz, dann zog er stolz eine halbe Honigmelone hervor.
"Beim Barte meines Oheims! Wo hast du denn dieses Prachtstück aufgetrieben?"
Der alte Mann griff nach der gelben Melone, schnupperte daran und verdrehte lustvoll die Augen, so als hätte gerade die berühmteste aller Sharisad nur für ihn getanzt.
Die Kinder kicherten.
"Wo hast du denn diese vollkommenste aller Melonen hergenommen, die jemals unter Rastullahs Augen gedieh?"
Der Kleine blickte verlegen zu Boden und musterte seine nackten Zehen.
"Nun, mir kannst du es doch sagen. Flüstere es mir ruhig ins Ohr, dann bleibt es ein Geheimnis zwischen uns beiden, und keiner deiner Freunde hier kann dich verraten."
Noch einen Herzschlag lang zögerte der Junge. Doch dann beugte er sich vor und flüsterte leise: "Mein Vater sollte sie zum Abendessen bekommen ... Aber er ist ohnehin schon so dick wie ein Eunuch im Harem des Sultans ... Ich glaube, er wird es nicht merken, wenn sie fehlt."
"So, so ..." Mahmud hatte sich wieder zurückgelehnt und strich sich über den Bart. "Aus dem Garten der ungläubigen Sonnenanbeter hast du sie gestohlen, jener närrischen Priester, die nicht an den Einen glauben, sondern in ihren verdrehten Reden behaupten, gleich zwölf Götter würden über unser Schicksal wachen."
Ein Raunen ging durch die Reihen der Kinder. Mit großen Augen und offenen Mündern bestaunten sie ihren Spielkameraden.
"Das war eine edle Tat! Ich finde, diese Götzenanbeter haben eine so vollendete Frucht nicht verdient. Weil du aber so viel Mut gezeigt hast, sollst du hier neben mir sitzen, wenn ich das Märchen erzähle, mein Freund."
Mahmud stutzte.
"Sag, wie heißt du eigentlich?"
"Omar", antwortete der Kleine schüchtern.
"Gut, Omar, dann nimm jetzt den Ehrenplatz zu meiner Rechten ein. Und nun geduldet euch bitte noch einen Augenblick und lasst mich von den köstlichen Leckereien probieren, die ihr mir so großzügig überlassen habt."
Mahmud zog ein schartiges altes Messer aus den Falten seines Kaftans hervor und schnitt die Melone in vier Stücke. Wer mochte schon wissen, ob nicht jeden Augenblick Omars Vater erschien, um zurückzufordern, was ihm gehörte? Allein, was er einmal gegessen hatte, könnte ihm niemand mehr nehmen.
Geduldig sahen die Kinder ihm zu, bis Mahmud sein Mahl vollendet hatte. Der alte Mann wischte sich zufrieden mit dem Ärmel des Kaftans über den Mund.
"... und nun sagt mir, was für eine Geschichte ihr hören möchtet."
"Es soll ein mutiger Krieger vorkommen. Erzähl uns von den stolzen Wüstenreitern, die die Al'Anfaner vertrieben haben."
"Nein, es soll ein Märchen sein ... mit einer Prinzessin ... und einem Prinzen, der sie auf seinem prächtigen Hengst, einem weißen Shadif, holen kommt ..." Ein kleines Mädchen mit geflicktem Kittel schaute erwartungsvoll zu Mahmud auf.
"Nein, keine langweilige Liebesgeschichte", grölten einige Jungen. "Wir wollen ein Abenteuer und kein erfundenes Märchen."
"Erzähl von einem Zauberer und einem Schatz ..."
Mahmud breitete die Arme aus. "Gut, gut, meine kleinen Freunde. Ich fürchte, es wird schwierig, alle eure Wünsche auf einmal zu erfüllen."
Nachdenklich kratzte er sich am Kopf.
"... und du Omar, was möchtest du hören?"
"Eine Geschichte von einem Dschinn, einem mächtigen Geist, der seinem Freund alle Wünsche erfüllt."
Mahmud lächelte nachdenklich. "Ihr seid wirklich kein genügsames Publikum. Ihr wollt eine wahre Geschichte mit einem Dschinn und einem Prinzen, einem Krieger und einer Prinzessin. Fast wünschte ich, ich hätte selber einen Dschinn, der mir nun riete, wie ich alle eure Wünsche erfüllen kann. Doch ich glaube, ich kenne eine wahre Geschichte, von der heute viele behaupten, sie sei nur ein Märchen. Eine Geschichte von Liebe und Krieg, in der der Held einen Freund haben wird, der mindestens so unheimlich und geheimnisvoll wie ein Flaschengeist ist. Es ist die Geschichte von Omar und Melikae."
"Vor vielen Jahren, als noch der glücklose Abu Dhelrumun ibn Chamallah Kalif der Rechtgläubigen war, gab es in Unau einen reichen Händler, der Abu Feisal ben Hussein geheißen ward. Und weil er mehr Kamele sein Eigen nannte, als Hengste in den Ställen des Kaisers der Ungläubigen stehen, gab man ihm den Namen Feisal der Prächtige.
Nun begab es sich aber, dass im siebenundzwanzigsten Jahr der Herrschaft Abu Dhelrumuns ein Löwe, groß und mächtig, mit einer Mähne so schwarz wie Jettstein, die Karawanenstraße im Norden Unaus heimsuchte. Er versetzte Mensch und Tier in Schrecken, und es schien, als töte er allein aus Mordlust. Später sahen viele im Erscheinen dieses Löwen ein Omen, das uns Gläubige vor schwerem Unheil warnen sollte. Doch in jenen Tagen waren die Menschen reich und glücklich, und sie waren blind für die Warnungen Rastullahs.
Immer größer wurde der Schaden, den die schreckliche Bestie anrichtete, und Feisal sandte Boten in alle Städte und Dörfer, einen Kühnen zu finden, der ihm das Fell des Löwen brächte. Doch kein Mann, den eine Sterbliche geboren hatte, schien dem schrecklichen Dämon Einhalt gebieten zu können. So, als sei der Löwe im Bunde mit den bösen Geistern der Wüste, vermochte er immer wieder seinen Jägern zu entkommen und neues Unheil über die Menschen zu bringen.
Schließlich setzte Abu Feisal eine Belohnung von fünfhundert Zechinen auf das Fell der Bestie aus. Er versammelte alle Jäger und Krieger um sich und schwor feierlich, nicht in seinen Palast zurückzukehren, bevor der Löwe getötet sei. An seiner Seite ritten Männer und Frauen, deren Namen mit Ehrfurcht an den Lagerfeuern der Beni Novad genannt wurden und deren Ruhm bis in jene Länder des Nordens reicht, wo die Kraft der Sonne so gering ist, dass die Erde wie tot liegt und kein Grün das Auge des Reisenden zu erfreuen vermag.
Zehn Tage und zehn Nächte zog Feisal mit der Pracht eines Fürsten durch die Wüste. Seine Sklaven führten Zelte aus Seide für die Jagdgesellschaft mit, in denen bei Nacht goldene Ampeln brannten, und nicht weniger als zwölf Köche waren damit beschäftigt, für das Wohl der Jagdgesellschaft zu sorgen. Doch Rastullah war die Pracht des Feisal ein Dorn im Auge, und so fügte es das Schicksal, dass all diese erfahrenen Jäger nicht einmal eine Spur des Löwen zu finden vermochten.
So besann sich Feisal am Morgen des elften Tages auf sein eigentliches Vorhaben und beendete das Fest, das er eine Jagd genannt hatte. Um endlich eine Spur des Löwen zu finden, sandte er nach Sonnenaufgang seine Jäger und Krieger in alle Himmelsrichtungen.
Der Tag war noch jung, als den Kaufmann der Zorn Rastullahs traf. Von einem Atemzug zum anderen verfinsterte sich der Himmel über der Wüste, und ein schrecklicher Sturm zog herauf. Kamele und Esel rannten aufgebracht durcheinander und suchten Schutz vor der schrecklichen Gewalt des Sandsturms, und als sich nach Stunden der Zorn des Himmels wieder legte, war die Jagdgesellschaft endgültig in alle Winde zerstreut. Auch Feisal hatte sich während des Sturms verirrt, und allein sein Sklave Omar war noch an seiner Seite. Zweifelnd blickte er zum Himmel und versuchte, den Weg zum Lager zu finden, doch ..."
Immer schmerzhafter schnitt der Lederriemen des schweren Wasserschlauchs in Omars Schulter. Wieder einmal wechselte er den Speer in die andere Hand und verlagerte so das Gewicht seiner Last. Wahrscheinlich würde er sich schon bald wünschen, dass der Lederschlauch noch voller sei. Allein Rastullah mochte wissen, wann oder ob überhaupt sie jemals wiedergefunden werden würden. Der Sandsturm hatte die Landschaft völlig verändert, Dünen eingeebnet und an anderer Stelle wieder neu aufgetürmt.
Einige Schritt vor ihm ging sein Herr, Abu Feisal. Die Hitze machte ihm schwer zu schaffen. Auf dem Rücken seines Kaftans malten sich dunkle Schweißflecken ab. Seinen prächtigen Umhang hatte er während des Sturms verloren. Der Handelsherr war es nicht gewohnt, zu Fuß in der Wüste unterwegs zu sein, doch für sein Alter und den beträchtlichen Leibesumfang hielt er sich noch ganz gut. Noch!
Gleich nach dem Sturm hatte Feisal Omar verboten, auch nur einen Tropfen zu trinken. Sie wollten das Wasser, das zum Maß der ihnen noch verbleibenden Lebensfrist geworden war, so lange wie möglich aufsparen. Auch Feisal hatte sich bisher an das Verbot gehalten. Doch langsam schien ihn seine Kraft zu verlassen. Immer häufiger setzte er die Füße unsicher auf, rutschte aus und fing sich taumelnd wieder, wenn sie den Abhang einer Düne hinabwanderten. Trotzdem dachte Feisal offensichtlich nicht daran, seine schwere Waffe wegzuwerfen, die ihm mehr und mehr zur Last wurde. Vor zwei Wochen erst hatte er sie als Geschenk von einem Händler aus dem Norden erhalten, und er hatte offensichtlich beschlossen, die Waffe mit dem Blut des Löwen zu weihen. Armbrust nannte man das merkwürdige Ding, das er mit sich herumschleppte.
Omar hielt nicht allzu viel davon. Ein Reiterbogen wäre nicht so schwer gewesen. Diese Bogen hatten sich in Jahrhunderten bewährt. Einer Armbrust, von einem Ungläubigen gebaut, würde er niemals sein Leben anvertrauen. Doch er war ja nur ein Sklave, und er wäre der Letzte, auf dessen Ratschlag Abu Feisal hören würde.
Die Mittagsstunde war vorbei, doch noch immer stand die Sonne wie ein böses weißes Auge hoch am Himmel.
Omars Lippen waren aufgesprungen. Die Jahre, die er im Dienst Abu Feisals verbracht hatte, hatten ihn weich gemacht. Er gehörte zwar zum Stamm der Beni Novad, doch schon als Kind war er bei einem Überfall geraubt und als Sklave nach Unau verkauft worden. Obwohl er gerade erst zwanzig Sommer gesehen hatte, war es sein Schicksal gewesen, die meisten Jahre in Feisals Palast zu verbringen. So hatte er all jene Fertigkeiten verloren, die man den Söhnen vom Volk der Beni Novad zuschreibt. Er litt wahrscheinlich kaum weniger unter der mörderischen Hitze als sein Herr, auch wenn man den Männern der Wüstenstämme nachsagte, sie könnten einen ganzen Tag ohne einen Schluck Wasser auskommen.
Mit zusammengekniffenen Augen blieb Omar auf dem Kamm einer Düne stehen und musterte den Horizont. Der Himmel erstrahlte jetzt wieder in klarem Blau, so als hätte es niemals einen Sturm gegeben. Die Hitze verwischte den Horizont zu einer unsteten, zitternden Linie und zauberte das Trugbild spiegelnder Seen zwischen die Dünen.
Mit fahriger Hand wischte er sich über das Gesicht. Überall klebte noch Sand, und er würde mindestens einen Schlauch voll Wasser und einen Krug verdünnten Wein brauchen, um den schrecklichen Sturm vergessen zu können. So, als wolle die Wüste ihn ersticken, war der glühende Staub selbst durch sein Kopftuch hindurch in Mund und Nase gedrungen, bis er sich nur noch gewünscht hatte, schnell zu sterben, weil jeder Atemzug zur unerträglichen Qual wurde. Doch er hatte widerstanden.
Sein Herr war plötzlich stehen geblieben. Wie versteinert starrte er auf etwas im Sand. Hastig kniete Abu Feisal nieder und winkte Omar heran. Und dann konnte auch Omar erkennen, was den Handelsherrn so sehr erschreckt hatte. Eine Spur kreuzte ihren Weg. Tatzenabdrücke, fast so groß wie eine Männerhand, waren in den Sand eingeprägt. An den Rändern waren die Abdrücke ein wenig unscharf. Feiner Sand rieselte in die Spuren."Die Fährte ist ganz frisch." Abu Feisals Stimme klang heiser. "Weißt du, was das bedeutet?" Er drehte sich zu Omar um. Seine Augen waren vor Angst geweitet, und jegliche Farbe war aus seinem Gesicht gewichen.