Leseprobe zu "Die Röte der Jungfrau" von Maria Ernestam
"Habe ich dir von den Walen erzählt? Nein? Dann will ich dir jetzt von den Walen im Eismeer erzählen. Wie sie sich lieben.
Wir Menschen gehen aufrecht. Wir strecken unseren Rücken so gut wir können und heben unseren Blick zu dem blauen Himmel, der über uns ist. Dann setzen wir einen Fuß vor den anderen, immer und immer wieder. Das ist unsere Art, uns auf das Ziel zuzubewegen, das wir uns ausgedacht haben, wenn wir uns ein Ziel ausgedacht haben und nicht einfach nur ziellos umherlaufen. Eigentlich spielt das keine Rolle, denn die Bewegung ist die gleiche. Ein Fuß vor den anderen und in aufrechter Haltung. Vergiss das nicht.
Die großen Wale im Eismeer dagegen, die kämpfen mit ihren Flossen in den Wellen und tummeln sich in den großen Wassermassen herum und lassen sich von allen Seiten umspülen. Sie brauchen keinen Fuß vor den anderen zu setzen, sie können mit eleganten Bewegungen die Schwanzflosse den Körper dorthin lenken lassen, wohin sie wollen. Wenn Wale sich bewegen, um vorwärtszukommen, sind es also keine erbärmlichen Füße, die als Erstes kommen, sondern es ist der große Kopf. Die Wale liegen, wenn sie sich vorwärtsbewegen. Auch das darfst du nicht vergessen.
Wenn die Menschen einander lieben, liegen sie auch dabei. Dann können sie ihren Liebsten ansehen, dessen innerste Gedanken erforschen, das Unausgesprochene entdecken und es in Reales verwandeln. Die Menschen berühren sich mit den Händen, wenn sie einander lieben. Wenn alles gut und schön ist, können sich zwei Menschen zu etwas vereinen, das größer ist als sie selbst. Auch das ist wichtig, dass du das nicht vergisst.
Wenn zwei Wale sich in Liebe vereinen, legen sie sich nicht hin. Wir Menschen können das auf viele Kilometer Entfernung sehen. Zwei gewaltige Wesen, die sich aus dem Wasser erheben, die feuchte Atemluft, die in einem prustenden Jubel der Lust herausspritzt, die Körper, die dicht aneinandergepresst sind. Die Wale im Eismeer lieben sich stehend und können sich deshalb während des Liebesakts nicht in die Augen sehen, da die Augen an den Seiten des tropfenden, riesigen Kopfes platziert und nach hinten gerichtet sind. Sie können also nicht hinauf zu den Sternen sehen, die den Himmel betupfen oder die Geheimnisse des anderen mit dem Blick erforschen. Die Wale können einander auch nicht mit ihren Flossen umarmen, doch ihre Leidenschaft ist groß genug, um Hunderte von Tonnen vibrieren zu lassen. Wie sollen wir Menschen, die nicht einmal eine erbärmliche Tonne wiegen, mit unseren begrenzten Möglichkeiten uns vorstellen, wie groß, wie umfassend diese Liebesvereinigung ist?
Und wenn die Wale schließlich voneinander weggleiten, dann sinken sie zurück ins Eismeer, erfüllt und unterworfen, umringt von Wasser. Die Wale erwachen zu einem neuen Leben, indem sie untergehen."
JUNI
13. Juni
Ich war sieben Jahre alt, als ich beschloss, meine Mutter zu töten. Doch ich musste siebzehn werden, bevor der Beschluss in die Tat umgesetzt werden konnte.
Und allein der Gedanke daran lässt mich schon ehrlicher schreiben, als ich es seit langem getan habe, faktisch ehrlicher als jemals zuvor. Es ist eine Weile her, seit ich Ansichtskarten geschrieben habe, und noch länger, seit ich Briefe schrieb, die etwas bedeuteten, und ein Tagebuch habe ich nie geführt. Sie haben mich immer getäuscht, all diese Worte, die mir im Kopf herumschwirren, und die Gedanken, die so groß und originell erschienen, solange ich sie eingesperrt hielt, und die dann herauskullerten und starben, sobald sie auf dem Papier landeten. Als hätten sie schon auf der kurzen Reise von innen nach außen verdorren können.
Wenn ich doch ausnahmsweise einmal versuchte, meine Gedanken in Druckbuchstaben zu fassen, ließ mich der Unterschied zwischen dem Großen und dem Kleinlichen den Stift schließlich wieder fallen lassen wegen all der Dinge, die nichts mit den Tatsachen zu tun hatten. Butter und Eier, Tomaten und Radieschen. Der Zahnarzt, vergiss nicht, ihn anzurufen. Deshalb mag es vielleicht pathetisch sein, im Alter von sechsundfünfzig Jahren anzufangen, ein Tagebuch zu schreiben, aber das Recht nehme ich mir. Es muss doch einen Sinn gehabt haben, dass ich es bekam. Und außerdem war es Anna-Clara, die es mir geschenkt hat. Das verpflichtet, auch wenn es schon lange her ist, dass ich mich zu irgendetwas verpflichtet fühlte. Das hörte lange vor der Zeit auf, als ich das Briefeschreiben aufgab. Aber ich schweife vom Thema ab.
Wie gesagt, ich bekam das Tagebuch als Geburtstagsgeschenk von Anna-Clara. Mein jüngstes Enkelkind, und das schwierigste außerdem. Deshalb schätze ich sie so. Weil sie als schwierig angesehen wird. Während ihr älterer Bruder und ihre ältere Schwester, Per und Mari, offene, fröhliche Kinder mit unschuldigen Seelen und voller Güte im Blick sind, ist Anna-Clara introvertiert, dunkel und hat schwankende Stimmungen. Es ist selten, dass sie den Mund öffnet, und wenn sie es doch tut, dann, weil sie um etwas bittet. Kann ich Brot haben? Gibst du mir den Saft? Kann ich ins Zimmer gehen und lesen?
Solange ich mich erinnern kann, hat Anna-Clara mich immer gefragt, ob sie ins Zimmer gehen und lesen kann. Und wenn ich zustimmend nicke, wie ich es immer getan habe, dann geht sie in mein Schlafzimmer, wo auf dem Nachttisch Bücher und alte Zeitschriften liegen. Während wir anderen mit Tee und Schnittchen oder dem Mittagessen und Wein fortfahren, sitzt sie da drinnen und liest mit einer Konsequenz und einer Intensität, die ich bewundere. Ich sage ihr nicht, dass ich ihr Lesen bewundere, weil ich finde, das klingt herablassend. Aber sie weiß, dass mein Ja im Grunde genommen auch eine Zustimmung beinhaltet. Und deshalb mag ich Anna-Clara so gern. Sie hat nie Worte gebraucht, um die zu sein, die sie ist.
Auch während der letzten Feier saß sie die ganze Zeit im Schlafzimmer und las. Sie kletterte in mein Bett, schob sich ein Kissen als Stütze hinter den Rücken, schlug sich meine gelbe Decke um die Beine und stellte Tortenstück und Saft auf den Nachttisch, während sie methodisch eine Zeitung nach der anderen durchsah, sowohl die aufgeblasenen Kriegsrunen der Boulevardpresse studierte wie auch die Mordermittlungen und Prominachrichten der Abendblätter. Wie alt ist sie jetzt? Acht, fast neun?
Sicher ist ihr vieles Lesen ein Lob wert, und es wird auch jedes Mal betont, wenn es nichts anderes zu sagen gibt. "Per hat beim Fußballspiel am Freitag drei Tore geschossen, Mari hat beim Schulabschluss Flöte gespielt, draußen wird es langsam grün, und Anna-Clara ... es ist einfach phantastisch, wie viel sie liest. Es dauert nicht mehr lange, dann hat sie alle Bücher zu Hause durch und fängt an, die Bibliothek zu erforschen, Regal für Regal. So macht sie es bestimmt. Ein Regal nach dem anderen, ein Buch nach dem anderen, eine Welt nach der anderen, Wort für Wort. Ja, sie liest ja so viel, Anna-Clara." Und danach - Schweigen.Mein sechsundfünfzigster Geburtstag wurde ohne Überraschungen gefeiert. Gegen zwei Uhr trudelten sie alle ein, Verwandte, Nachbarn und entfernte Bekannte. Sie sangen "Hoch soll sie leben", während sie sich schnell hereindrängten, um dem herabprasselnden Regen zu entgehen, der sie zu uns hetzen ließ und bereits ihre Schuhe und Frisuren ruiniert hatte. Sven empfing sie mit polternder Herzlichkeit und hatte schon bald die Arme voll mit Regenmänteln und Regenschirmen, und ich fürchte, dass er sie einfach in einem unsortierten Haufen in einen Schrank geworfen hat, als niemand hinschaute. Mit seiner professionellen und wohldosierten Gastfreundschaft hatte er bald alle ins Wohnzimmer gebracht, wo er zusammengetragen hatte, was das Haus an Tischen und Stühlen barg, so dass einzelne Sitzgruppen kleine Inseln bildeten, an denen die Gäste stranden konnten. Susanne, meine Älteste, begann emsig damit, die Gäste zu platzieren, die sofort die Plätze tauschten, sobald sie ihnen den Rücken zuwandte, da es gefährlich ist, sich locker mit Leuten zu unterhalten, die nicht die gleichen Interessen oder Ansichten haben wie man selbst.