Leseprobe zu "Schwert und Laute / Highland-Saga Bd.1" von Sonia Marmen
Teil 1
Während des siebzehnten Jahrhunderts wurde Schottland von großen Umwälzungen erschüttert, die das Ende des Clansystems einläuteten. Einhundertfünfzig Jahre später sollte es endgültig erlöschen.
Als zu Beginn des Jahrhunderts Königin Elisabeth I. starb, ohne einen Erben zu hinterlassen, musste England sich nach Schottland wenden, um seine Thronfolge zu sichern. So wurde James IV. von Schottland als James I. König von England. Einige Jahre später stürzten Oliver Cromwell und seine "Rundköpfe" die Monarchie, richteten den König hin und bildeten die Regierung. Doch ihre Herrschaft sollte von kurzer Dauer sein. Charles II., ein Sohn James' I. und Erbe der Stuarts, stellte die Monarchie wieder her und bestieg den Thron. Nach seinem Tod folgte ihm sein Bruder James, der Herzog von York, nach. Damit regierte zum ersten Mal seit einhunderteinundzwanzig Jahren ein katholischer Monarch über England. Seine protestantischen Untertanen, die im Königreich die Mehrheit stellten, verdächtigten ihn, ihnen seine Religion aufzwingen zu wollen und enge Beziehungen zum Hof Ludwigs XIV. in Frankreich zu unterhalten, Englands Erzfeind.
Seine Herrschaft währte nur kurz. Der Protestant Wilhelm von Oranien aus dem holländischen Haus Nassau und seine Ehefrau Mary, die Tochter des Königs, landeten, angestiftet von den Rundköpfen, mit der Armee in England, um die Krone an sich zu reißen. James musste sich damit abfinden, zugunsten seiner Tochter abzudanken, und ging ins französische Exil. Doch er ließ treue Untertanen zurück, vor allem in den Highlands.
England brauchte Männer für seinen Krieg gegen Frankreich. Nur zu gern hätte man die Highlander, die tapfere und loyale Krieger waren, in die königlichen Regimenter integriert, doch sie waren untereinander uneins, da sie sich hauptsächlich in Kleinkriegen zwischen ihren Clans aufrieben. Sie mussten befriedet und dazu bewogen werden, nicht länger dem gestürzten König zu dienen, sondern William II., wie Wilhelm von Oranien sich jetzt in Schottland nannte, die Treue zu geloben. Diese Highlander bezeichnete man als Jakobiten, nach der lateinischen Version von König James' Namen, Jacobus.
John Grey Campbell, Graf von Breadalbane, wurde dazu ausersehen, mit den Anführern der Clans zu verhandeln. Campbell und Sir John Dalrymple, ein Lowland-Schotte, Graf von Stair und Staatssekretär in Schottland, der einen grenzenlosen Hass gegenüber diesen aufsässigen Highlandern hegte - er bezeichnete sie als Barbaren und ungebildete Wilde - schmiedeten eine Intrige, welche die rebellischen Clans unter Williams Banner vereinen sollte. Der Plan bestand darin, an einem Clan, der seit mehreren Jahrhunderten mit den Campbells verfeindet war, ein Exempel zu statuieren... an den Macdonalds von Glencoe, die als die schlimmsten Räuber der Highlands verrufen waren.
1
Vorabend des 13. Februar 1692
Im Kamin knisterte das Feuer und tauchte den Raum in sanftes, goldfarbenes Licht. Dem Kind, das sich auf den Schoß seiner Mutter kuschelte, sank immer wieder das Köpfchen herunter, doch der Kleine wollte unbedingt wach bleiben, bis sein Vater kam.
"Mutter, wo bleibt athair nur? Vater soll mir vor dem Schlafengehen noch die Geschichte von Fingal MacCumhail und seinen Fiann-Kriegern erzählen", quengelte das Kind schläfrig.
"Dein Vater ist zu Großvater Duncan gegangen, Coll. Und außerdem hat er dir die Geschichte gewiss schon hundertmal erzählt. Jetzt gehörst du ins Bett."
Die junge Frau erhob sich, trug den kleinen Jungen zu seinem Bettchen und deckte ihn liebevoll zu.
"Wenn du möchtest, singe ich dir ein Wiegenlied", flüsterte sie und strich ihm zärtlich übers Haar.
Aus Augen, die so blau wie das Wasser eines schottischen Loch waren, sah der Kleine zu ihr auf und strahlte sie an, wobei seine kleinen weißen Milchzähnchen hervorblitzten.
"Oh ja, bitte, màthair", antwortete er.
Er schloss die Augen und glitt zur sanften Stimme seiner Mutter, die ihm ein altes gälisches Wiegenlied vorsummte, wie von selbst ins Land der Träume. Anna küsste ihren Sohn liebevoll auf die Stirn.
"Oidhche mhath leat, a mhic mo chridhe, gute Nacht, mein Herzenssöhnchen", hauchte sie und strich mit einem Finger über die pausbäckige Wange des Kleinen.
Langsam richtete sie sich auf und kehrte zu ihrem Platz an der Feuerstelle zurück, um ihre Flickarbeit an einem Hemd ihres Mannes zu beenden. Sie stieß einen tiefen Seufzer aus. Ihr war bange, weil Liam immer noch nicht zurückgekehrt war. Draußen hatte der Wind aufgefrischt, und im Kamin tobte und jaulte es. Sie sorgte sich nicht ernstlich um ihn, aber seit die Soldaten vom Argyle-Regiment im Tal einquartiert waren, spürte sie ein eigenartiges Unbehagen und blieb nicht gern allzu lang allein.
Das Regiment war vor etwa dreizehn Tagen aufgetaucht und hatte Obdach für seine Soldaten erbeten. "Fort William ist überbelegt", hatte Captain Robert Campbell gegenüber John Macdonald erklärt, dem ältesten Sohn des Clanchefs. Der Anführer selbst, Alasdair MacIain Abrach Macdonald, hatte die Männer überaus gastfreundlich empfangen, wie es sich unter Highlandern gehörte. Fast alle Talbewohner beherbergten jetzt einen oder mehrere Soldaten unter ihrem Dach und teilten Brot, Fleisch und Whisky mit ihnen.
Die Einwohner waren über dieses Eindringen in ihr normales Leben nicht besonders erfreut gewesen und hatten sich bei ihrem Anführer beklagt. Doch MacIain hatte sie beruhigt und daran erinnert, dass die Regeln der Gastfreundschaft in den Highlands unverletzlich waren und Gast und Gastgeber gleichermaßen banden. Schließlich seien zwei Drittel der Soldaten Highlander, die dies gewiss zu respektieren wüssten.
Und so trommelte seit zwei Wochen jeden Tag beim Morgengrauen ein Grenadier zum Morgenappell, dass es nur so durch das ganze Tal hallte. Sein Trommelwirbel wurde von immer neuen abgelöst, die wie eine Woge durch das Tal brachen, von Invercoe bis nach Achtriochtan.
Das Wetter war für einen Februar besonders mild gewesen, und so konnten die Soldaten jeden Vormittag ihre Militärübungen durchführen. Die Kinder hatte diese Parade von Uniformen mit ihren scharlachroten Rockschößen fasziniert. Die Soldaten drehten sich in einem Wirbel aus Rot und Gelb um ihre Achse, knallten die Absätze auf den gefrorenen Boden und schwangen ihre Waffen im Takt zu den gebrüllten Befehlen der Offiziere.
Nachmittags traten die rivalisierenden Clans zum noblen Wettstreit an, maßen sich in Ringkämpfen und warfen um die Wette Baumstämme und Steinbrocken. Sie hatten Shinty gespielt, ein besonders in den Highlands geschätztes Spiel, bei dem es wild zuging, und Wettbewerbe im Bogenschießen abgehalten, bei denen aber höchstens der Stolz des einen oder anderen verletzt wurde und nach Rache verlangte. Schließlich war jeder Tag unter fröhlichen Tänzen ausgeklungen, und die Musik der Dudelsäcke und Geigen hatte die kühle spätnachmittägliche Luft erfüllt.
Am Abend hatten sie an den Torffeuern der Hütten ihre Wunden - jedenfalls die körperlichen Blessuren - geleckt und sich den Whisky geteilt. Die düsteren Tartan-Farben der Campbells vermischten sich dort freundschaftlich mit den helleren Nuancen der Macdonalds. Gelächter, scherzhafte Herausforderungen und das Klappern der Würfel hatten die verqualmten Häuser erfüllt. Auf die alten Legenden aus den Tälern folgten schlüpfrige Balladen. Nur die Lowlander aus dem Tiefland blieben bei dieser erzwungenen Verbrüderung außen vor, wenngleich man ihnen mit Respekt begegnete.
Trotz jahrhundertelangen Blutvergießens, welches zwischen den Campbells und den Macdonalds tiefe Gräben aufgerissen hatte, schien im Augenblick eine kurze Waffenruhe zwischen ihnen eingetreten zu sein.
Die Tür wurde mit einem lauten Ruck geöffnet. Ein Mann von stattlicher Statur stürzte herein, begleitet von einem Schwall eiskalter Luft. Das schlechte Wetter verfluchend, schloss er eilig die Tür hinter sich.
"Schon lange hatten wir keine Kälte mehr, die dermaßen bis in die Knochen dringt", brummte er und rieb sich die Hände, um sie zu wärmen. "Ich fürchte, ein Sturm zieht auf."
Der Mann lächelte seine Frau an und ging dann zu ihr, nachdem er seine Stiefel aus gekochtem und geöltem Leder ausgezogen hatte. Ein Schmunzeln umspielte seine Mundwinkel.
"Ich bin zurückgekommen, um nicht am Ende noch mein Hemd zu verlieren. Mein Vater hat beim Kartenspiel jede einzelne Partie gewonnen. Der alte Halunke war drauf und dran, seinen beiden Söhnen ihre gesamte Habe abzunehmen. Ich bin mir sicher, dass er schummelt."
"Liam, wann wirst du endlich den Tatsachen ins Gesicht sehen?", entgegnete Anna kichernd. "Colin und du, ihr seid miserable Kartenspieler, und euer Vater macht sich das einfach nur zunutze."
Die junge Frau erhob sich und schlang die Arme um den Hals ihres Mannes.
"Und ein schlechter Lügner bist du noch dazu", flüsterte sie ihm ins Ohr. "Bist du ganz sicher, dass du zurückgekommen bist, weil du Angst hattest, beim Kartenspiel dein Hemd zu verlieren?"
"Vielleicht auch nicht", antwortete er leise und strich ihr mit seinen eiskalten Fingern über die Wange, so dass sie erschauerte. "Schläft Coll schon?"
"Mhhh", gab die junge Frau zurück, "und der junge MacIvor ist ausgegangen. Er wollte den alten Archibald zu einer Revanche am Schachbrett herausfordern. Du führst nicht zufällig etwas im Schilde?"
"Kann schon sein, dass ich den unwiderstehlichen Drang fühle, mich meiner Rechte an meiner süßen Gattin zu versichern. Wir sind schon viel zu lange nicht mehr allein gewesen... Ihr würde ich mein letztes Hemd gern überlassen."
Er hob seine Frau hoch und trug sie auf seinen Armen zu ihrem Lager, das von einem Wandschirm verdeckt wurde. Dann löste er den breiten Ledergürtel, der sein Plaid hielt. Das Kleidungsstück glitt raschelnd zu Boden. Anschließend zog er sein Hemd aus, das er in eine Ecke des Zimmers schleuderte.
Mit besitzergreifendem Blick nahm Anna die körperlichen Vorzüge ihres Mannes in Augenschein. Seine Muskeln traten bei jeder Bewegung unter der Haut hervor, und sein Körper wirkte wie aus Granit gemeißelt.
Liam kam zu seiner Frau aufs Bett. Vor Ungeduld nestelten seine Finger ungeschickt an den Schnüren ihres Mieders. Dann folgten der Rock und die Unterröcke. Als sie endlich ihres Unterkleids entledigt war, gab sie sich den Händen des hünenhaften Highlanders hin, die es verstanden, bei ihr ebenso sanft und zärtlich zu sein, wie sie hart und gnadenlos mit dem Feind umspringen konnten.
"Anna, grian 'nam speur, tha thu mar teine dohm, Sonne meines Himmels, du bist mein Feuer", stöhnte Liam und nahm sie mit einem Stoß seiner Lenden in Besitz.
"Tha gaol agam ort, ich liebe dich...", flüsterte die Frau und krallte die Fingernägel in seine eisenharten Schultern.
Sie schlang die Beine um Liams Hüften und biss sich auf die Lippen, um ein lustvolles Seufzen zu unterdrücken.
Einige Minuten später sank Liam schwer atmend und schweißbedeckt neben Anna nieder. Schweigend blieben sie so liegen und warteten darauf, dass ihre Körper sich wieder beruhigten und zu ihrem normalen Rhythmus zurückkehrten.
Zärtlich strich Liam seiner Frau über die Rundung ihrer Brüste. Seine Hand fuhr leicht über ihr Gesicht. Er betrachtete sie im Schein der Flammen, die das Zimmer schwach erhellten. Anna schmiegte sich an ihn und zog die Decke über ihre nackten Körper. Liam vergrub die Nase in ihrem goldblonden Haar und sog ihren Duft genießerisch ein. Er liebte ihren süßlichen Geruch, der nach der Liebe immer etwas herber wirkte.
Doch heute wurde sein Glück durch einen Schatten getrübt. Er war besorgt. Etwas stimmte nicht. Captain Campbell hatte ihnen mitgeteilt, er werde am nächsten Tag mit seinen Truppen abrücken. Das Regiment sollte sich zum Glengarry-Tal begeben, um gegen diejenigen Macdonalds anzutreten, die ihren Treueid gegenüber König William II. anscheinend immer noch nicht geleistet hatten. Doch nachdem Captain Drummond ihm heute Abend eine eilige Nachricht aus Fort William überbracht hatte, war Campbell außerordentlich nervös geworden. Liam hatte den Captain aufmerksam beobachtet, während er die Nachricht gelesen hatte. Campbells Miene war regungslos geblieben, aber auf seiner Stirn hatten sich Schweißperlen gebildet. Sorgsam hatte er das Papier zusammengefaltet und es dann mit zittriger Hand in die Tasche seiner scharlachroten Weste gesteckt. Die Szene hatte sich am frühen Abend bei Macdonald von Inverrigan abgespielt, kurz bevor Liam zu seinem Vater gegangen war, um dort seinen Abend zu beschließen. Campbell war ein Fuchs von der übelsten Sorte; man konnte ihm kein Vertrauen schenken. Instinktiv stellte sich bei Liam Argwohn ein...
Er hatte Campbells Blick bemerkt, den dieser unauffällig den beiden Söhnen von MacIain, John und Alasdair, zugeworfen hatte, nachdem er den Befehl gelesen hatte. Im Nachhinein fand er jetzt, dass er besser mit seinen Cousins über seine Besorgnis gesprochen hätte, aber andererseits hatte er Anna das Versprechen gegeben, nicht zu lange fortzubleiben. Alasdairs Frau war Campbells Nichte, deswegen würde der Captain ihr schon kein Leid antun. Aber das war nur Vermutung, keine Gewissheit. Bei dem Gedanken wurde Liam flau im Magen.
Anna regte sich leise, und Liam zog sie enger an sich.
"Der junge MacIvor wird bald zurückkehren", meinte Anna. "Beim Abendessen kam er mir ein bisschen wunderlich vor. Er hat mit dem Hund gesprochen."
"Mit dem Hund?"
"Er hat ihm geraten, heute Nacht in den Hügeln zu schlafen", erklärte sie mit bedrückter Miene. "Er sagte: 'Wenn ich du wäre, Hund, würde ich mir heute Nacht einen Schlafplatz auf der Heide suchen.' Man hätte fast meinen können, er wolle mir etwas mitteilen; aber ich habe nicht gewagt, ihn zu bitten, er möge sich deutlicher ausdrücken. Außerdem haben die Leute von Laroch angeblich am Ufer des Loch Leven einen An Duine Mor gesehen, du weißt schon, diesen Riesen, der Unglück bringt. Das ist ein schlechtes Omen."
Liam schaute nachdenklich drein.
"Als ich heute Abend von meinem Vater zurückkehrte, habe ich gehört, wie Hugh Mackenzie auf seinem Dudelsack die Melodie anstimmte, die bei den Campbells gewöhnlich gespielt wird, wenn Gefahr im Verzug ist. Ich konnte mir das nicht erklären, aber du hast Recht, wir sollten wohl die Augen offen halten..."
Jemand klopfte an die Eingangstür und kam dann leise in die Hütte. Liam stand auf, wickelte sein Plaid um sich und trat vor den Wandschirm.
"Guten Abend, MacIvor", sagte er und lehnte sich mit vor der Brust verschränkten Armen an die Wand. "Hast du es geschafft, unseren guten alten Archibald zu schlagen?"
"Nein, Sir", stotterte der junge Soldat. "Er hat mich dreimal hintereinander schachmatt gesetzt."
"Vielleicht hast du ja morgen mehr Erfolg", fuhr Liam fort und beobachtete den anderen dabei genau.
Der junge Mann ließ sich auf sein provisorisches Lager sinken, das er in einer Ecke des Hauptraums, in der Nähe des Kamins, aufgeschlagen hatte.
"Das bezweifle ich."
David MacIvor konnte nicht mehr als achtzehn Jahre zählen. Er war ziemlich kräftig, aber seine noch weichen Züge und der spärliche Flaum, der sein Kinn zierte, verrieten sein jugendliches Alter. Als er bei ihnen Quartier nahm, hatte er gleich Freundschaft mit dem kleinen Coll geschlossen und verhielt sich ihm gegenüber wie ein großer Bruder. Er hatte ihm sogar ein prächtiges Holzpferd geschnitzt, das der Kleine über alles liebte.
Heute Abend jedoch wirkte MacIvor verstört, und sein Blick war düster.
"In dieser Nacht wird der Wind uns nicht schlafen lassen", sagte er und sah Liam fest an.
"Hmmm... der Wind. Wenn dir kalt ist, kannst du noch einen Brocken Torf ins Feuer legen. Gute Nacht, MacIvor."
"Danke, Sir, und gute Nacht."
Liam kehrte hinter den Wandschirm zurück, blieb dort einen Moment lang schweigend stehen und wandte das Gesicht den Stellwänden aus Weidengeflecht zu. Er fuhr mit einer Hand durch seinen dichten, rotblonden Lockenschopf und trat dann an das Bettchen, in dem sein Sohn schlief.
"Ist er auch warm angezogen?", fragte er im Flüsterton und streichelte die goldenen Löckchen des Kindes.
"Ja, er trägt sein dickstes Wollhemd und zwei Paar Strümpfe."
"Gut. Du solltest dir ebenfalls etwas überziehen, Anna. Heute Nacht wird es kalt. Die Wolken hängen sehr tief, und der Sturm wird wohl noch eine Weile anhalten."
Wie um seine Worte zu bestätigen, begann der Wind zu heulen. Anna streifte ihr Winterhemd und ihre Strümpfe wieder über und schlüpfte dann in die herrlich warmen Laken. Liam folgte ihr, nachdem auch er sein Hemd wieder angezogen hatte.
Eng umschlungen lagen sie da. Keiner von ihnen sprach, jeder war in seine eigenen beunruhigenden Gedanken versunken. Lange Minuten vergingen, bis der Schlaf die beiden endlich überwältigte.
Ein Geräusch aus dem Nebenzimmer weckte Liam, es klang, als schleife ein Gegenstand über den Boden. MacIvor veranstaltet heute Morgen aber einen ziemlichen Radau, dachte er, und außerdem ist er sehr früh auf den Beinen. Draußen pfiff der Wind immer noch, und es herrschte noch tiefe Dunkelheit. Er erhob sich vorsichtig, um Anna, die weiter schlief, nicht zu wecken, und spähte um die dünne Trennwand herum.
Der junge MacIvor, der seine Uniform trug, ging auf und ab und zog dabei einen Stuhl über den Boden. Im Schein des heruntergebrannten Feuers konnte Liam das Gesicht des Soldaten erkennen. Er räusperte sich laut, damit der junge Mann ihn hörte. MacIvor erstarrte und drehte sich um. Eine unendliche Trauer lag auf seinen Zügen. Kurz trafen sich die Blicke der beiden. Der Soldat öffnete den Mund zum Sprechen und schloss ihn wieder. Er schlug die Augen nieder und schüttelte langsam den Kopf. Dann ergriff er seine Muskete, drehte sich auf dem Absatz um und ging in die Dunkelheit hinaus.
Liam spürte, wie sich ein ungutes Gefühl in seiner Magengrube ausbreitete. Der junge Mann hatte ihn in voller Absicht geweckt. Da war etwas im Gange. Er trat ans Fenster. Was er sah, zog ihm die Brust noch weiter zusammen. Soldaten rückten in langen Kolonnen voran. Im Licht der Kiefernfackeln, die sie trugen, blitzten die Beschläge und Bajonette ihrer Musketen. Ganz offensichtlich bereiteten sie sich auf einen Einsatz vor, und bei diesem Sturm konnte es sich gewiss nicht um eine einfache Übung handeln.
Er kehrte ins Schlafzimmer zurück und hüllte sich in sein Plaid, das er mit einer edelsteinbesetzten Silberbrosche befestigte. In ihrer Mitte war ein Heidezweig eingraviert, das Wahrzeichen der Macdonalds. Er zog die Stiefel an und weckte dann behutsam seine Frau.
"Was machst du da?", fragte sie mit heiserer Stimme. "Es ist noch dunkel."
"MacIvor ist fort. Da geht etwas vor, Anna. Zieh dich ganz dick an, und vergiss die Schuhe nicht. Kleide auch den Kleinen an. Ich muss meinen Vater warnen. MacIvor hat mich mit Absicht aufgeweckt, und in seinem Blick stand etwas... Brecht auf, sobald ihr fertig seid. Lass dir nicht zu lange Zeit. Hast du alles verstanden?"
"Aber warum? Und wohin sollen wir gehen?", rief Anna verwirrt.
"Die Soldaten scheinen sich zum Angriff zu rüsten, Anna", erklärte er mit tonloser Stimme. "Du musst mit Coll in die Hügel flüchten. Steigt an der Ostflanke des Meall Mor auf und sucht euch eine Zuflucht. In ungefähr einer Stunde wird es hell. Du kannst nicht hier bleiben, Liebste. Nimm deinen Dolch mit. Die Dunkelheit ist jetzt unser einziger Verbündeter."
"Oh, Liam! Das schaffe ich niemals... Nicht ohne dich", schluchzte die junge Frau furchtsam.
Liam nahm sie in die Arme und hielt sie lange umschlungen. Zärtlich umschloss er dann ihr Kinn mit der Hand, so dass sie zu ihm aufsehen musste.
"Anna, mo ghrian, du bist stärker, als du glaubst. Vertrau mir. Ich werde keine Zeit haben, noch einmal zurückzukommen und dich zu holen, deswegen musst du mit Coll vorangehen. Ich stoße dann mit Vater, Colin und meinen Schwestern zu euch."
"Ich habe Angst...", flüsterte sie und klammerte sich an ihren Gatten.
"Anna, ich muss fort, die Zeit drängt... Möglich, dass es um unser Leben geht", versetzte er mit fester Stimme. "Zieh dich an und vergiss nicht, was ich dir gesagt habe."
"Die Ostseite des Meall Mor", schluchzte Anna. "Ich werde es nicht vergessen. Beannachd Dhé ort, Liam. Gott schütze dich."
"Beannachd Dhé ort, Anna, ich liebe dich", murmelte Liam und wischte eine Träne fort, die über die Wange seiner Frau rann.
Er richtete sich auf, hüllte sich in seinen mit Schaffell gefütterten Umhang und steckte das lange Messer in den Gürtel, die einzige Waffe, die er zu seiner Verteidigung besaß. Die Dorfbewohner hatten all ihre Waffen versteckt, damit die Soldaten sie nicht konfiszierten. Nach dem Aufstand von 1689 und ihrem widerwillig geleisteten Treueid gegenüber dem protestantischen König war es ihnen untersagt, andere als Jagdwaffen zu tragen. Er küsste seinen Sohn, der zu quengeln begonnen hatte, sah sich ein letztes Mal um und ging hinaus.
Die Kälte war schneidend, und der Wind peitschte ihm ins Gesicht. Kaum vermochte er den Umriss des Hauses, in dem er aufgewachsen war, zu erkennen, obwohl es weniger als eine halbe Meile von seiner Hütte entfernt lag. Ein Stück weiter östlich marschierten die Kolonnen der Soldaten in Richtung Invercoe und Carnoch, wo der Chief lebte. Seine düsteren Vorahnungen schienen mit jedem Moment deutlichere Gestalt anzunehmen.
"Sie werden angreifen", stieß er entsetzt hervor.
Er verdoppelte seine Anstrengungen und rannte durch den Schnee, der rasch höher wurde. Er musste rechtzeitig dort sein. Seine Lungen brannten, und im Schneegestöber sah er nur verschwommen. Schüsse erschollen, gefolgt von Schreien. Liam verhielt den Schritt, hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, zurückzukehren und Anna und Coll zu helfen, und dem Bedürfnis, seine Familie zu warnen. Doch es war zu spät, er musste weiter. Anna musste längst unterwegs in die Berge sein, zumindest hoffte er das aus tiefstem Herzen.
Im Haus schlummerte noch alles. Liam stürmte nach drinnen und rüttelte Colin, der in der Nähe des Kamins auf dem Boden nächtigte, aus dem Schlaf. Er durfte keine Zeit verlieren, die Fackeln der Soldaten hatten sich der Kate schon bis auf wenige Schritte genähert.
"Colin, Vater, rasch!", brüllte Liam. "Wir müssen fort, die Campbells greifen uns an."Sein Bruder fuhr verwirrt in die Höhe, immer noch schlaftrunken. Doch ein weiterer Schuss sorgte rasch dafür, dass er vollständig erwachte. Er stürzte zu den Betten, in denen ihr Vater und ihre beiden Schwestern schliefen, um sie zu wecken. Ginny, die guter Hoffnung war, konnte sich nicht ganz so schnell aufrappeln.