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Nie zuvor ist die innere Zerrissenheit von Rousseaus Schriften mit solcher Konsequenz philosophisch ernstgenommen worden wie in Ernst Cassirers großer Studie "Das Problem Jean-Jacques Rousseau" von 1932. Cassirer zeigt den epochalen Kritiker der modernen Zivilisation und Entfremdung, de revolutionären Theoretiker des Gesellschaftsvertrags, aber auch den skrupulösen Erforscher der eigenen Existenz, den einflußreichen Pädagogen und den einsamen Melancholiker. Den verborgenen Angelpunkt dieses schillernden Kosmos findet Cassirer in Rousseaus Theorie der Subjektivität und der universelle…mehr

Produktbeschreibung

Nie zuvor ist die innere Zerrissenheit von Rousseaus Schriften mit solcher Konsequenz philosophisch ernstgenommen worden wie in Ernst Cassirers großer Studie "Das Problem Jean-Jacques Rousseau" von 1932. Cassirer zeigt den epochalen Kritiker der modernen Zivilisation und Entfremdung, den revolutionären Theoretiker des Gesellschaftsvertrags, aber auch den skrupulösen Erforscher der eigenen Existenz, den einflußreichen Pädagogen und den einsamen Melancholiker. Den verborgenen Angelpunkt dieses schillernden Kosmos findet Cassirer in Rousseaus Theorie der Subjektivität und der universellen praktischen Vernunft, auf deren Grundlage wenige Jahre später Kant die Grundprinzipien seiner Moral- und Rechtsphilosophie entwickeln konnte; eine Spur, die Cassirer in seiner Studie über Kant und Rousseau von 1939 weiterverfolgt hat. Von ungebrochener Aktualität und Lebendigkeit, bieten sich Cassirers brillante Rousseau-Studien nach wie vor besonders auch zur Einführung in die Gedankenwelt Rousseaus an.
  • Produktdetails
  • Suhrkamp Taschenbücher Wissenschaft Bd.2025
  • Verlag: Suhrkamp
  • Best.Nr. des Verlages: 29625
  • Originalausg.
  • Seitenzahl: 174
  • 2012
  • Ausstattung/Bilder: Originalausg. 2013. 174 S. 178 mm
  • Deutsch
  • Abmessung: 177mm x 108mm x 12mm
  • Gewicht: 108g
  • ISBN-13: 9783518296257
  • ISBN-10: 3518296256
  • Best.Nr.: 34538100

Autorenporträt

Ernst Cassirer (1874-1945) hat neben seinem systematischen Hauptwerk, der Philosophie der symbolischen Formen , auch wichtige philosophie- und ideenhistorische Schriften vorgelegt.

Rezensionen

Besprechung von 28.06.2012
Der entschlossene Zeuge seiner Wahrheit

Philosophische Briefe und eine abgründige Affäre: Bücher zu Jean-Jacques Rousseau, dessen 300. Geburtstag heute begangen wird.

Die Billigkeit verlangt es, die Person sorgfältig von der Meinung und den Autor vom Werk zu unterscheiden." So hielt es Denis Diderot einmal in der "Encylopédie" fest und hatte dabei vor Augen, dass die Trennung von Person und Autor allererst das Terrain öffentlicher Kritik absichert, das der Kreis um die Enzyklopädisten kultivieren wollte. Aber natürlich denkt man bei dieser Stelle gleich an jenen Autor, auf den dieser Kreis zuerst große Hoffnungen gesetzt hatte, bevor er zum großen Abtrünnigen und gleichzeitig erst recht zur europäischen Berühmtheit wurde. Mit Texten, welche die Unterscheidung von Werk und Autor nicht bloß unterliefen, sondern deren unauflösbare Einheit geradezu zelebrierten. Denn wer Rousseau liest, bekommt es mit Jean-Jacques zu tun.

Ernst Cassirer hat das in seinem immer noch mitreißenden Essay über "Das Problem Jean Jacques Rousseau", der nun in einer neuen Ausgabe vorliegt, bündig dargestellt: dass sich dieses Werk und der in ihm immer wieder geltend gemachte Lebenshintergrund "nur ineinander und miteinander, nur in wiederholter Spiegelung und in wechselseitiger Erhellung des einen durch das andere ergreifen" ließen. Das Werk eines Autors, der im späten Rückblick schreiben konnte: "Wäre der Autor nicht ebenso einzigartig wie seine Bücher gewesen, so hätt er diese Bücher niemals geschrieben." Nicht ohne den gleich folgenden Hinweis, dass diese Einzigartigkeit hier keine bloßen Idiosynkrasien meint, sondern eine beispielhafte und stellvertretende ist, die von Rousseau ja auch beständig mit religiösen Resonanzen versehen wurde.

Diejenige eines Autors und triumphierenden Leidensmanns also, dem es tatsächlich gelungen sei, den gesellschaftlichen Schein zu durchstoßen, um ganz seinen eigenen Neigungen und seiner Vernunft zu folgen. Gejagt von den Intrigen all jener, die das Spiel der Gesellschaft spielen; in eine einsame Existenz abseits aller Zirkel gedrängt, die sich unnatürlich ausnehmen muss - war Jean-Jacques nicht von Natur aus der geselligste Zeitgenosse! - und die doch zuletzt nur das Zeichen eben seiner Einzigartigkeit ist: den Kontakt mit der wahren Natur gefunden und davon Zeugnis abgelegt zu haben.

Mehr brauchte der Kreis der "philosophes" nicht, um Spott und Bonmots über den "Bären" auszugießen. Ein solcher Tugendheld strahlender Miserabilität war im Aufklärungsprogramm nicht vorgesehen - und seine durchschlagende Wirkung noch weniger. Bei Voltaire, d'Holbach, d'Alembert und den anderen regierte Unverständnis für das Phänomen Rousseau. Selbst Diderot, immerhin auch zu Experimenten aufgelegt, fehlte der Reim auf die Karriere eines Autors, den er doch selbst auf den Weg gebracht hatte.

Schließlich war er es, der nach Rousseaus eigenem Zeugnis dem gerade erst auf der Straße nach Vincennes vom Gedankenblitz seiner Grundidee unter einer Eiche Niedergestreckten dazu riet, diesen Gedanken für die Veröffentlichung zuzuschleifen und auszubauen. Aber wo Diderot an den Reiz des Paradoxen gedacht haben dürfte, wenn Wissenschaften und Künste keineswegs als Schrittmacher der Sittlichkeit auftreten, sondern als unausweichliche Verdunkelungen einer unverstellten Natur, da machte Rousseau Ernst - um später der opaken Welt seine transparent gemachte eigene Natur als Korrekturinstanz anzubieten.

Die Beschreibung der Initiation ins zukünftige Werk auf dem Weg nach Vincennes gab Rousseau in einem seiner vier Briefe an Guillaume Lamoignon de Malesherbes. Man findet sie in der Briefauswahl, die Henning Ritter übersetzt und zusammengestellt hat. Sie zeigt den unermüdlichen Epistolariker, der an Adlige genauso wie an Genfer Kaufleute, an Pastoren wie an unbekannte Verehrerinnen, an große Namen wie an gerade noch von ihm umworbene Damen der Gesellschaft schrieb: Briefe, die bereits mit der Veröffentlichung im Blick geschrieben wurden und zur Abhandlung tendieren, und solche, bei denen er lediglich als berühmter Autor damit rechnen musste, dass sie abgeschrieben und weitergereicht wurden.

Texte aber vor allem, in denen für Rousseau zentrale Motive berührt, abgehandelt oder auch variiert werden. So geschickt sind sie aus dem riesigen Korpus der Briefe ausgewählt, dass der Herausgeber fast ganz zurücktreten und es bei einigen Winken belassen kann. Kein ausgreifender Kommentar muss Anlässe und Konstellationen erläutern. Man kann unabgelenkt die Wirksamkeit jener Beredsamkeit und Gedankenschärfe, die selbst noch seine Verächter Rousseau zustanden, an sich erproben und erhält ein lebendigeres, vor allem facettenreicheres Bild, als es jedes Resümee seiner "Positionen" geben könnte. Nicht auf die fertige und feste Doktrin ist schließlich bei diesem Autor zu achten, so hielt es auch Cassirer fest, sondern auf die Bewegung des Gedankens.

Die höchsten rhetorischen Aufschwünge sind dabei, geht es um die Rechtfertigung Jean-Jacques', nicht gefeit gegen die Gefahr unfreiwilliger Komik. Der große Scheidebrief an David Hume, den man auch in der Sammlung findet, ist dafür ein hervorstechendes Beispiel. Mit ihm vollzieht Rousseau im Juli 1766 den endgültigen Bruch mit dem Philosophen, der ihn nach England eingeladen, sich dort um ein Domizil nach seinem Geschmack bemüht und auch bei Hofe eine Pension für ihn herausgeschlagen hatte.

Jetzt aber ist, einmal mehr auf Rousseaus Weg, der Freund zum Verräter geworden, der den Spöttern und Verfolgern in die Hände gespielt haben soll. "Würde man vor Schmerzen sterben", so endet dieser Brief, "dann wäre ich bei jeder Zeile gestorben. Ein Verhalten wie das Ihre findet sich nicht in der Natur, es ist widersprüchlich und zugleich wird es mir bewiesen. Abgrund auf beiden Seiten! Ich gehe in dem einen oder andern zugrunde. Ich bin der Unglücklichste unter den Menschen, wenn Sie schuldig sind, und ich bin der Niederträchtigste, wenn Sie unschuldig sind. Sie lassen mich wünschen, dieses verächtliche Ding zu sein. Ja, der Zustand, in dem ich mich sehen würde, hingestreckt, von Ihren Füßen niedergetreten, nach Erbarmen schreiend und alles zu tun bereit, nur damit es mir gelingt, dass ich mit lauter Stimme meine Unwürdigkeit publik mache und Ihren Tugenden die glänzendste Würdigung widerfahren lasse, ja, dieser Zustand wäre für mein Herz ein solcher des Glanzes und der Freude nach dem Zustand des Erstickens und des Todes, in den Sie es versetzt haben."

Mehr Pedal ist in dieser Schlusskadenz einer langen Anklagerede kaum möglich. Das Komische oder auch Unheimliche an ihr resultiert aus dem Abgleich mit den konkreten Verdachtsmomenten, die Rousseau zuvor geltend gemacht hat. Alles muss da herhalten, ein starrer Blick, eine im Schlaf oder Halbschlaf gemurmelte Bemerkung, eine ohne Wissen Rousseaus für ihn bezahlte Kutsche, jede bissige Notiz über den prominenten Flüchtling vom Kontinent in den englischen Blättern und die Sticheleien, die sich Voltaire und die Pariser Aufklärer erlauben - alles soll gegen Hume sprechen, Beleg für dessen Hinterlist sein.

Man muss um die Hintergründe gar nicht genau wissen, um hier Rousseaus Hang zu erkennen, sich als Opfer von Verschwörungen hinzustellen. Nichts war überdies für einen Freund gefährlicher, als in ihm das Gefühl zu wecken, er stehe in dessen Schuld. Die Attacke folgte dann umso härter, je überschwänglicher zuvor die Freundschaft beschworen worden war. Rousseaus Ex-Freunde hatten Hume durchaus nicht ohne Grund gewarnt. Aber selbst, wenn man diese Logik und Rousseaus Verlangen nach Stigmatisierung unmittelbar aus dem Brief entnehmen kann: es schadet durchaus nicht, sich die ganze Affäre zwischen Hume und Rousseau genauer anzusehen, über die ja auch schon viel geschrieben wurde. Nun aber ist noch viel Besseres erschienen als eine weitere Nacherzählung, nämlich eine vorzügliche Edition, die eine Fülle von Briefen und anderen Belegstücken ausbreitet, in denen sich diese Affäre niederschlug.

Rousseau war Anfang 1766 Humes Einladung gefolgt und gemeinsam mit ihm nach England gereist. Die Haftbefehle wegen des "Contrat social" und des "Émile", die Flucht aus Montmorency in die Schweiz, dann wegen der auch dort indizierten Bücher nach Môtiers in der preußischen Enklave Neufchâtel liegen da zwar schon etwas zurück. Aber Rousseaus öffentliche Gegenangriffe waren nicht ohne Wirkung geblieben. Schließlich waren in Môtiers Steine gegen Rousseaus Haus geflogen. Sie hatten den Anstoß gegeben, es mit England zu versuchen, wozu die Comtesse de Boufflers, mit Rousseau wie mit Hume seit dessen Zeit als Botschaftssekretär in Paris befreundet, geraten hatte.

"Le bon David" im Gespann mit dem berühmten und von Skandalen umwitterten Jean-Jacques, der zum Abschied in Paris, Haftbefehl hin oder her, bis in die höchsten Gesellschaftskreise hofiert wird - viele Federn waren da in Paris wie London schon erwartungsvoll gezückt. Und die beiden Hauptfiguren enttäuschten dann auch nicht die Erwartungen, dass Verwicklungen bald folgen würden. Was zwar vor allem an Rousseau lag, aber mit Humes gekränkter und empörter Reaktion auf dessen Anwürfe so richtig in Fahrt kam. Er hörte nun zu sehr auf die bösen Zungen, die Rousseau - insbesondere wegen der zuerst gewollten, dann abgelehnten königlichen Pension - schiere Eitelkeit und Maximierung öffentlicher Aufmerksamkeit vorwarfen.

Vernünftig reagierte eigentlich nur die Comtesse de Boufflers, die beiden formvollendet den Kopf wusch. Aber das nützte nichts mehr, da hatte die Affäre schon ihre Kreise gezogen, und Hume, der einen öffentlichen Angriff Rousseaus oder eine Schmähung in den bereits entstehenden "Confessions" fürchtete, publizierte im Oktober 1766 obendrein seine Dokumentation des Zerwürfnisses.

Rings um den direkten Austausch der beiden Hauptfiguren, den der in seinen Verdacht verbohrte Rousseau ohnehin schnell abbrach, summte es dabei von weiteren Briefen und deren Abschriften, klugen und vorschnellen, ausladenden und witzigen, wohlgesetzten und giftigen; wozu dann noch die gedruckten Notizen, Diatriben und Libellen kamen. Zusammengenommen, um es mit Friedrich-Melchior Grimm zu sagen, der in seiner "Correspondance littéraire" die Affäre natürlich verfolgte, ein ganz "exzellenter Fraß für alle Müßiggänger". Die Edition von Sabine Schulz richtet ihn mit bündigen Kommentaren, Faksimiles, Bildern und Register nicht nur appetitlich, sondern auch mit philologischer Sorgfalt an. Eine Einladung, die man schlichtweg nicht ausschlagen kann.

HELMUT MAYER

Jean-Jacques Rousseau: "Ich sah eine andere Welt". Philosophische Briefe.

Ausgewählt und übersetzt von Henning Ritter. Hanser Verlag, München 2012. 397 S., geb., 27,90 [Euro].

Ernst Cassirer: "Über Rousseau".

Hrsg. und mit einem Nachwort von Guido Kreis. Suhrkamp Verlag, Berlin 2012. 174 S., br., 10,00 [Euro].

"Leben Sie wohl für immer". Die Affäre Hume-Rousseau in Briefen und Zeitdokumenten.

Hrsg. von Sabine Schulz. Aus dem Französischen von Isolde Linhard, Franziska Humphreys und Sabine Schulz. diaphanes Verlag, Zürich 2012. 544 S., Abb., geb., 34,90 [Euro].

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