Schnee in den Ardennen - Becker, Jürgen

Schnee in den Ardennen

Journalroman. Ausgezeichnet mit dem Hermann-Lenz-Preis 2006

Jürgen Becker 

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Schnee in den Ardennen

Eine Dachkammer in einem abgelegenen Gehöft ist der Raum von Imaginationen und Erinnerungen. Hier beginnt der Erzähler sein "Journal", und was er aufzeichnet, sind Vorgänge in nächster Umgebung und in ferner Vergangenheit, im Traum und in der Wirklichkeit. Beckers Beobachtungen streifen die Hügellandschaft seiner rheinischen Heimat, wandern nach Berlin und in den deutschen Osten, richten sich auf Bilder der ersten Jahre nach dem Krieg, erinnern sich an einen Karmann Ghia und an lange Fernsehabende, daran, wie man vor dem Radio saß, um Welt zu empfangen, an Möbel und Bilder. Indem sich der Autor seiner Wahrnehmungen vergewissert, geht er ihren Spuren nach, reflektiert sie, variiert ihre Motive, schreibt sie - und damit sein wie das Leben anderer - fort. In Schnee in den Ardennen vermischt Jürgen Becker die Formen von Tagebuch, Reiseerzählung und Roman. Täuschende Wahrnehmungen, ironische Berichte, lakonische Mitteilungen, poetische Notate - im Wechsel der Schreibweisen hält er seinen Lesern einen Spiegel vor, in dem jeder sich selbst, seine Erfahrungen und Geschichten erkennen wird.


Produktinformation

  • Verlag: Suhrkamp
  • 2009
  • 2. Aufl.
  • Ausstattung/Bilder: 185 S. 179 mm
  • Seitenzahl: 185
  • Suhrkamp Taschenbücher Bd.4130
  • Best.Nr. des Verlages: 46130
  • Deutsch
  • Abmessung: 218mm x 136mm x 36mm
  • Gewicht: 123g
  • ISBN-13: 9783518461303
  • ISBN-10: 3518461303
  • Best.Nr.: 26473545

Perlentaucher-Notiz zur FR-Rezension

Martin Krumbholz zeigt sich fasziniert von Jürgen Beckers "Journalroman", den man "notfalls auch als Roman ohne Plot definieren" könnte, da Fiktionales außen vor bleibe. Nicht die Erzählstoffe zählen für Becker, erklärt Krumbholz weiter, sondern allein die "Arbeit mit der Sprache" und die "Erfahrungsvermittlung". Was da letztlich vermittelt wird, sind alltägliche "Miniaturen" und "Beobachtungen", die der Autor in seinem "klugen Buch" "so genau, aber auch so erhellend wie möglich" in Sprache verwandelt. Manch Rätselhaftes liege in den "Katakomben und Labyrinthen dieses dicht gewobenen, verwobenen Erzählwerks" verborgen, schließt der Rezensent seine Besprechung, versteckt in gewöhnlichen Erfahrungen.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 07.10.2003

Rabe und Elster im Streit um Lufthoheit
Magie des Kamerablicks: Jürgen Becker gibt den poetischen Naturburschen / Von Walter Hinck

Das Gedächtnis ist ein stummes Archiv, in das nur die Erinnerung Leben hineinbringt, oder anders, aus dem sie ihre Bilder hervorholt." So heißt es im neuen Buch von Jürgen Becker. Der Satz hätte auch in einem seiner früheren Texte stehen können. Schon im Debüt "Felder" von 1964 tauchen im experimentellen Spiel mit der Grammatik die Umrisse erinnerter Orte auf, und im Roman "Aus der Geschichte der Trennungen" (1999) ruft die Erinnerung des Erzählers Bilder von Lebensepisoden ab, die zu Facetten einer Geschichte des "Dritten Reichs" werden. In der Folge seiner Lyrik- und Prosabände verfestigen sich zunehmend Spurenelemente des Epischen und Situationen einer eindringlichen Wiederbegegnung mit deutscher Geschichte. Am Titel des langen "Gedichts von der wiedervereinigten Landschaft" (1988) und an den Gattungsbezeichnungen Erzählung ("Der fehlende Rest", 1997) und Roman läßt sich diese Entwicklung ablesen.

Aber wie bisher kein neues Buch Beckers den Zusammenhang mit dem vorhergehenden preisgab, so kopierte …

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Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 28.10.2003

Gen Westen, gen Osten
Der Landvermesser: Jürgen Beckers „Schnee in den Ardennen”
Mit den Prosabüchern „Felder” (1964), „Ränder” (1968) und „Umgebungen” (1970) ist Jürgen Becker früh als Topograph des „rheinischen Kapitalismus” in Erscheinung getreten. „Erstaunlich” fand seinerzeit Heinrich Böll Beckers Debüt, weil „in diesem Buch einer der jüngsten Autoren einen Boden betritt, Land vermisst und etwas zu suchen unternimmt, das zu finden er sich nicht ziert noch sträubt: einen Ort.” Der Ort, den Becker fand, war Köln, das Land das Bergische, eine Gegend, von der aus der Blick des Betrachters gern westwärts ging, über die diesige Kölner Bucht hinweg nach Belgien und bis an die Nordsee.
„Erzählen bis Ostende” heißt ein späteres Buch von Becker, und in dieselbe Himmelsrichtung schaut der Protokollant der Wetter und Winde auch in seinem jüngsten Buch: „Schnee in den Ardennen”. So eindeutig ist Beckers literarische Westbindung jedoch schon lange nicht mehr. „Beispielsweise am Wannsee” (1992) und „Foxtrott im Erfurter Stadion” (1993) hießen die Gedichtbände, die das Interesse des Autors an östlicheren Orten …

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Jürgen Becker wurde 1932 in Köln geboren und verbrachte dort seine Kindheit. Während der Kriegs- und Nachkriegsjahre, zwischen 1939 und 1947, lebte er in Erfurt. Nach Aufenthalten in Osterwieck/Harz und Waldbröl kam er 1950 nach Köln zurück. 1953 Abitur. nach kurzem, abgebrochenem Studium begann er seine Existenz als freier Schriftsteller; seinen Lebensunterhalt bestritt er jahrelang mit wechselnden Tätigkeiten, als Arbeiter und Angestellter, als Werbeassistent und Journalist. Er arbeitete für den WDR und in den Verlagen Rowohlt und Suhrkamp. Zwanzig Jahre lang, bis 1993, leitete er die Hörspielredaktion des Deutschlandfunks.

Große Aufmerksamkeit fand Jürgen Becker mit seinem ersten Prosabuch Felder (1964); die beiden folgenden Bücher Ränder (1968) und Umgebungen (1970) festigten seinen Ruf als Verfasser experimenteller Literatur. Zugleich wirkte er mit seinen ersten Hörspielen (Bilder, Häuser, Hausfreunde) am Entstehen des "Neuen Hörspiels" mit. In seinem 1971 veröffentlichten Fotobuch Eine Zeit ohne Wörter verschmolz er seine literarische Arbeit mit dem visuellen Medium. Die künstlerischen Grenzüberschreitungen der Avantgarde hatte er 1965 bereits mit dem Band Happenings dokumentiert, einer Gemeinschaftspublikation mit dem Happening-Künstler Wolf Vostell. In den Siebziger und achtziger Jahren konzentrierte sich Jürgen Becker auf die Lyrik. Die in dieser Zeit entstandenen Gedichtbücher - darunter Das Ende der Landschaftsmalerei (1974), Odenthals Küste (1986), Das Gedicht der wiedervereinigten Landschaft (1988) - plazierte die Kritik in die obersten Ränge der zeitgenössischen Poesie. Gleichzeitig schrieb Jürgen Becker weiterhin Hörspiele und die beiden Prosabücher Erzählen bis Ostende (1980) und Die Türe zum Meer (1983). Dazu korrespondierte er weiterhin mit dem visuellen Medium: Fenster und Stimmen (1982), Frauen mit dem Rücken zum Betrachter (1989), Korrespondenzen mit Landschaft (1996) entstanden nach Collagen seiner Frau, der Malerin Rango Bohne, Geräumtes Gelände (1995) nach Bildern seines Sohnes, des Fotografen Boris Becker. Wende und Wiedervereinigung wirkten entscheidend auf das Schreiben Jürgen Beckers ein. Die Wiederentdeckung der Orte und Landschaften zwischen Elbe und Oder, rügen und Thüringer Wald motivierten seine Gedichtbände Foxtrott im Erfurter Stadion (1993) und Journal der Wiederholungen (1999), die Erzählung Der fehlende Rest (1997) und vor allem den im Sommer 1999 erscheinenden Roman Aus der Geschichte der Trennungen. Mit den Vorbereitungen dazu begann er während eines Stipendiums im Künstlerhaus Schloß Wiepersdorf. Es ist Jürgen Beckers erster Roman; eine bewegende, persönliche Geschichte, die zugleich von den Widersprüchen der deutschen Erfahrungen erzählt.

Jürgen Beckers Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. erhielt er den Preis der Gruppe 47, den Literaturpreis der Bayerischen Akademie der schönen Künste, das Villa Massimo Stipendium, den Bremer Literaturpreis, den Heinrich Böll Preis. Jürgen Becker ist Mitglied der Akademie der Künste in Berlin-Brandenburg, der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, der Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur, sowie des PEN-Clubs. 2001 erhält er für seinen Roman Aus der Geschichte der Trennungen den Uwe-Johnson-Preis, der von der Mecklenburgischen Literaturgesellschaft vergeben wird. 2006 wird er für sein Prosa-Werk, insbesondere den Journalroman Schnee in den Ardennen, mit dem Hermann-Lenz-Preis ausgezeichnet.

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